Archiv des Schlagwortes ‘Deutscher Wetterdienst’

Frühling und Klimawandel: Keine Glaubensfragen

Donnerstag, den 28. März 2013

Nun ist es amtlich, der Glaube an den doch wirklich bald beginnenden Frühling ist eine „Religion“! Das Bundesverwaltungsgericht hat heute „eindeutige Parallelen zu dem Glauben an die irrationalen Heilsversprechen anderer Religionsgemeinschaften“ festgestellt und den Frühlingsglauben unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt, berichtet das Online-Portal Der Postillon:

frühling

Es zitiert einen Sprecher des Bundesverwaltungsgerichtes mit den Worten: „Obwohl sie jeden Tag eines besseren belehrt werden, behaupten Anhänger des Frühlingskults mit verträumtem Blick, dass schon bald überall Blumen blühen werden und die Menschen ohne dicke Kleidung auf die Straße gehen können. Ähnlich wie andere Buchreligionen berufen sie sich dabei auf alte Überlieferungen aus längst vergangenen Tagen.“

Um das zu Anfang dieses Textes klarzustellen: Natürlich achten auch wir die Glaubensfreiheit!

Der Postillon ist ein empfehlenswertes Satire-Magazin, das sich die US-Zeitschrift The Onion zum Vorbild genommen hat. Weitere Schlagzeilen des Postillons: „Hohe Benzinpreise hindern Millionen daran, ihre Schwiegereltern über Ostern zu besuchen“. Oder: „BER, Stuttgart 21 und Elbphilharmonie werden zu einem riesigen ‚Bad Bau‘ zusammengelegt“. Die typische Postillon-Story hat also einen sehr realen Hintergrund, im aktuellen Fall eine Frühlingssehnsucht, die wohl auch zum Osterfest nicht erfüllt werden wird. Der März 2013 war – wie der DWD bilanziert – deutschlandweit rund 3,4 Grad kälter als das langjährige Mittel der Jahre 1961 bis 1990. Aber, so die Experten vom Deutschen Wetterdienst: „Dass wir jetzt im März eine Frostperiode haben, gehört zu den Schwankungen in der Witterung“, betont der Meteorologe Andreas Friedrich. „Klimaerwärmung und Schnee im März schließen sich nicht aus.“

Doch zugegeben, bei den gegenwärtigen Temperaturen kann einem schon mal das Hirn einfrieren. Reihum haben sich Kollegen in der vergangenen Woche mit dem Wetter beschäftigt. So dichtete Bild-Cheflyriker Franz-Josef Wagner über „heimtückische Flocken“ und „Blut im Schnee“. Und der schon öfter durch klimaskeptische Artikel aufgefallene Welt-Kollege Ulli Kulke lieferte einen sehr langen Artikel mit dieser Überschrift ab:

kulke_winter2013

Er rührt darin die Frühlingssehnsucht zusammen mit den typischen Thesen von Leuten, die den Klimawandel für eine Erfindung der Wissenschaftsmafia halten: Eine Schwächephase der Sonne sorge für eine Pause der angeblichen Erderwärmung, jedenfalls sei das Treibhausgas Kohlendioxid völlig überschätzt. Zwei russische Wissenschaftler werde mit dieser Aussage zitiert („russische Wissenschaftler“ sind unter Klimaforschern inzwischen ein running gag, auch der Focus präsentierte vor drei Jahren einen solchen) – der Haken: die beiden waren zuvor durch keinerlei Klimaforschung auffällig geworden, einer arbeitet für Gazprom, und der Aufsatz, auf den sich Kulke bezieht, erschien nicht in irgendeinem angesehenen Forschungsjournal, sondern im vergangenen September im fossilen Branchenblatt Oil & Gas Eurasia. Die einzige seriöse Studie aus dem Fachmagain PNAS, die Kulke zitiert, handelt zwar tatsächlich von natürlichen Klimaschwankungen und deren Abgrenzung zum menschengemachten Erwärmungstrend, konstatiert aber unter anderem: „Der Beitrag der Sonne ist, wie wir fanden, minimal für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und liegt bei weniger als zehn Prozent für die erste Hälfte.“ Irgendwie unwahrscheinlich, dass eine Schwächephase der Sonne trotzdem einen durchschlagenden Effekt auf den Klimawandel haben soll!? Aber, wie gesagt, wir respektieren die Glaubensfreiheit.

Völlig unter den Tisch fällt bei Wagner, Kulke und Co. natürlich auch, dass wir zwar in Deutschland grad arg frieren, bei einer großräumigen Betrachtung aber (auf die es in Klimafragen bekanntlich ankommt) der März alles andere als ungewöhnlich ist. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat auf seinem Blog Klimalounge dankenswerterweise diese eindrückliche Grafik der Temperaturverteilung auf der Nordhalbkugel veröffentlicht:

rahmstorf_winter2013

Während es in Nordrussland – wozu in diesen Tagen gefühlt auch Berlin gehört – tatsächlich außergewöhnlich kalt ist, liegen die Temperaturen anderswo deutlich über dem Durchschnitt. Unterm Strich sei der März in der Nordhemisphäre sogar „ein wenig wärmer als der März letzten Jahres“. Kollegen von Rahmstorf hatten schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass Klimawandel sehr wohl zu Winterkälte in Deutschland passt: Je geringer die arktische Meereis-Bedeckung, desto wahrscheinlicher frostige Wetter in Europa.

Okay, okay, das alles hilft wenig gegen den Winterfrust. Deshalb danken wir am Schluss noch zwölf Abgeordneten von SPD und Bündnisgrünen im Landtag von Wiesbaden. Sie haben in Antrag 19/7173 die Landesregierung aufgefordert, „endlich ihre Untätigkeit aufzugeben und alles Erforderliche zu unternehmen, um für Frühling in Hessen zu sorgen“. Schauen wir mal, was Schwarz-Gelb in Hessen hinbekommt …


Katastrophenschutz: Unwetter ohne Ursachen?

Mittwoch, den 22. Februar 2012

Aufklärung kann vor unschönen Überraschungen schützen – das gilt für moderne technische Gerätschaften ebenso wie für körperliche Liebe oder Naturkatastrophen. Deshalb hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine Aufklärungsschrift herausgebracht. Titel:


Detailliert wird darin erklärt, wie es zu Starkregen kommt, wie sich Gewitter bilden, wie Hagelkörner oder Wirbelstürme entstehen. Und genauso detailliert ist ausgeführt, was zu tun und besser zu lassen sei: „Halten Sie zu Überlandleitungen einen Mindestabstand von 50 Metern“, steht da beispielsweise für den Fall eines Gewitters. Oder, bei Wirbelstürmen: „Meiden Sie Räume mit großen Deckenspannweite, wie z.B. Hallen.“ Und was sollte man nach einem Unwetter tun? „Ist das Gebäude beschädigt, so verlassen Sie es sicherheitshalber und betreten es erst wieder, wenn es von Fachleuten freigegeben wurde.“

Das achtseitige Faltblatt gibt auch

Doch keine einzige Silbe verliert die Aufklärungsschrift über den Zusammenhang zwischen Unwettern und Erderwärmung. Dabei ist der physikalisch schnell erklärt: Je wärmer die Luft, desto höher der maximal mögliche Dampfdruck. Deshalb kann wärmere Luft mehr Wasser aufnehmen. Oder, in den Worten von Prof. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: „Je wärmer die Luft, desto größer der Schwamm.“ Wasser ist wiederum ein Speichermedium für Energie. Das bedeutet: Je stärker sich die Luft erwärmt, um so energiegeladener – vulgo heftiger – die Unwetter. Klimaschutz könnte demnach auch die Zahl und Heftigkeit von Unwettern verringern.

„In der Wissenschaft gibt es darüber geteilte Meinung“, sagt Elena Weber, die Sprecherin des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Echt? Der Weltklimarat IPCC warnte schon in seinem letzten Sachstandsbericht 2007, „dass sich die Art, Häufigkeit und Intensität von Extremereignissen ändert, wenn sich das Klima der Erde verändert und diese Veränderungen könnten sogar bei relativ geringen durchschnittlichen Klimaänderungen auftreten“. Insbesondere Starkregen hätten bereits merklich zugenommen. Im vergangenen November veröffentlichte der IPCC einen Sonderbericht über Extremwetterereignisse (zu Starkregen siehe darin S. 11).

Die Broschüre ist in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) erstellt, der seit Jahren für Deutschland eine statistisch signifikante Zunahme der Durchschnittstemperatur wie auch extremer Wetterereignisse registriert. Entsprechend unglücklich ist der DWD über das Gemeinschaftsprodukt. Sprecher Gerhard Lux: „Klimaschutz in der Öffentlichkeit zu verankern, das ist eine wichtige Aufklärungsarbeit, die bei jeder Gelegenheit erfolgen sollte.“

Genau.


Markus Pieper (CDU): Toller Temperaturrückgang

Freitag, den 4. November 2011

Sie sorgen sich um die Klimawandel? Wirklich? Wie blöd sind Sie denn? Lesen Sie doch mal die tolle Nachricht, die der Münsterländische CDU-Europaparlamentarier Markus Pieper auf seiner Facebook-Seite gepostet hat:

Wie, was, Erderwärmung? Gibts vielleicht auf der ganzen Erde, aber nicht bei uns! Ungefähr dies, vermuten wir, wollte Pieper durch seine lapidare Aufreihung der letzten zwölf Temperatur- Jahresmittelwerte für Deutschland sagen.

Markus Pieper scheint ein echter Klima-Experte der CDU zu sein. So vertrat er seine Fraktion im „Nichtständigen Ausschuss Klimawandel“ des Europaparlaments. Nach eigenen Angaben setzte er sich dort unter anderem dafür ein, „unterschiedliche wissenschaftliche Befunde“ zur Erderwärmung zu berücksichtigen. (Gleichlautend meldete er sich im Plenum zu Wort, als es um Empfehlungen für die EU-Klimapolitik ging -  siehe Video, ab 10:42.) Herr Pieper meint also, „große Teile“ der Wissenschaft würden „ausgegrenzt“, vor allem jene, die sich dem Klimawandel „positiv“ nähern. Aha.

Gern hätten wir Markus Pieper gefragt, wen genau er denn da im Auge hat. Und was sein Facebook-Posting wirklich bedeuten soll. Doch auf mehrfache Anfrage teilte sein Büro leider mit: „Wir wollen dazu kein Interview geben.“ So müssen wir mutmaßen, dass der Klimaskeptikerpolitiker Pieper ein Problem mit der Logik hat. Er kann ja einerseits nicht ernsthaft irgendjemanden zu einem Thema anhören wollen, das es andererseits eigentlich gar nicht gibt. Beide Spielarten des Klimaleugnens – „Klimawandel gibts nicht“ und „Klimawandel ist ne gute Sache“ – gehen logisch schlecht zusammen.

Ganz abgesehen davon, dass beide Positionen Quatsch sind:

Erstens gibt es keine „großen Teile“ der Forschung, die sich dem Klimwandel „positiv“ nähern und deshalb „ausgegrenzt“ werden – es ist wissenschaftlicher Konsens, dass der Klimawandel existiert und er menschengemacht ist und die negativen Folgen deutlich überwiegen.

Zweitens ist eine Temperturreihe über zwölf Jahre schlicht zu kurz, um verlässlich etwas über Klimatrends auszusagen. Üblicherweise betrachtet die Klimaforschung Zeiträume von mindestens 30 Jahren. Und wenn man langfristig auf die deutschen Temperatur-Durchschnittswerte schaut (sagen wir mal, auf die Dekadenmittel von 1880 bis 2010), ergibt sich diese Zahlenreihe:

7,3/7,7/7,7/8,0/7,9/8,1/8,3/8,1/7,9/8,2/8,5/8,9/9,2

Temperaturrückgang in Deutschland??

Für Markus Pieper und alle anderen selbsternannten Klimaexperten deshalb hier eine Erläuterung des (ja auch von Pieper zitierten) Deutschen Wetterdienstes: