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Nicola Beer (FDP): „Fake News“ zu Extremwetter

Montag, den 4. September 2017

Mit dem gestrigen „Fernseh-Duell“ von Angela Merkel und Martin Schulz ist der Wahlkampf nun wirklich in seiner heißen Phase (wenn man das – Achtung, Wetter-Kalauer – bei den gegenwärtigen Außentemperaturen so sagen darf). Im Medien-Echo hat die Kanzlerin merklich besser abgeschnitten als der Herausforderer; aber in (mindestens) einem Punkt haben beide komplett versagt: Klima und Klimawandel kamen während der gesamten 97 Minuten nicht ein einziges Mal zur Sprache.

FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner hat diese Lücke (neben anderen) per Twitter kritisiert:

Da hat er recht! Und ist doch ein Heuchler. Denn an Klimapolitik haben Lindner und seine FDP selbst nichts Konstruktives zu bieten – im Gegenteil, wie der Spiegel just in dieser Woche in einem Artikel zusammenfasst: Landauf, landab umwerbe die Partei Anti-Windkraft-Initiativen, in denen sich oft Klima-Leugnisten tummeln. Da werde gegen erneuerbare Energien polemisiert und der Mangel an Stromleitungen beklagt (den die Politik von einstigen FDP-Ministern mitverursacht habe), der Rückgang der Braunkohleverstromung bejammert und der Windkraftausbau (in NRW) beschränkt. Und so weiter. „Lindner kopiert mit seiner Taktik die Methoden der rechten Populisten“ von der AfD, so das Fazit des Spiegel.

Ein Beispiel für die Anti-Klimaschutz-Polemik der FDP lieferte erst vergangene Woche Generalsekretärin Nicola Beer – ebenfalls auf Twitter:

Mit dieser Nachricht reagierte Beer auf ein kleines Kampagnen-Filmchen der Bündnisgrünen. Darin sind Fernsehbilder von Extremwetter-Ereignissen zusammengeschnitten, von Waldbränden, Überflutungen, Hagel, Wirbelstürmen usw. Und dieses “immer extremere Wetter“ wird dann auf den Klimawandel zurückgeführt.

Klar, man muss den Stil des Grünen-Clips nicht mögen – aber der Vorwurf des Angstwahlkampfes ist nur die eine Hälfte von Beers Tweet. Die andere ist die Behauptung, das „angebliche Auftreten von mehr Extremwetterereignissen“ sei „Fake News“. Hier jedoch liegt Beer erstens inhaltlich falsch. Und wirft zweitens den Grünen mit dem Begriff „Fake News“ auch noch eine bewusste Tatsachenverdrehung vor.

In der Twitter-Debatte, die sich auf Beers Botschaft hin entspinnt, legt Beer sogar nochmal nach (adressiert an die grüne Abgeordnete Renate Künast):

Ach, Frau Beer! Sie sollten sich nicht darauf verlassen, was Sie in rechten Medien lesen oder was Ihnen marktradikale Thinktanks einflüstern. Fakt ist: Es ist wissenschaftlich gut gesichert, dass Extremwetter-Ereignisse mehr werden und dass dies mit dem Klimawandel zu tun hat. Und dass sich dieser Trend bei fortschreitender Erderhitzung noch verschärfen dürfte.

Wer wirklich wissen will, was der Stand der Forschung ist, sollte in den regelmäßigen Sachstandsberichten des Weltklimarates IPCC nachblättern – sie sind die verlässlichste Quelle zum Thema. In deren fünfter Ausgabe (erschienen 2013/14) finden sich in mehreren Kapiteln der drei dicken Bände und auf zahlreichen Seiten die Erkenntnisse zur Häufigkeit (und Stärke) von Extremwettern zusammengefasst. Aber weil Politiker_innen ja wenig Zeit haben, zitieren wir hier der Einfachheit halber nur die Zusammenfassung im Synthesebericht (der dankenswerterweise auch auf Deutsch vorliegt):

Und speziell zu Starkregen heißt es:

Weiterlesen können Sie auf Seite 53 der deutschen Fassung des Syntheseberichts

Es ist also weniger der grüne Video-Clip, sondern der Tweet von FDP-Generalsekretärin Nicola Beer, der „Fake News“ zu Extremwetterereignissen verbreitet.

P.S.: Falls Sie es ganz genau wissen wollen: Der IPCC gibt am Ende jedes Absatzes seiner Zusammenfassungen präzise an, wo im mehrtausendseitigen Report sich die Detailpassagen zum Thema finden. Im obenstehenden Ausriss bedeutet die kursive Klammerbemerkung am Ende („WGI SPM B-1″) beispielsweise „Working Group 1 Summary for Policymakers B-1″ (also Abschnitt B-1 der sogenannten Zusammenfassung für Entscheidungsträger im Band 1 des Reports, der von der Working Group I verantwortet wird). Und „2.5.1″ bedeutet dann Abschnitt 5.1 in Kapitel 2 jenes Bandes 1 und so weiter.


Katastrophenschutz: Unwetter ohne Ursachen?

Mittwoch, den 22. Februar 2012

Aufklärung kann vor unschönen Überraschungen schützen – das gilt für moderne technische Gerätschaften ebenso wie für körperliche Liebe oder Naturkatastrophen. Deshalb hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine Aufklärungsschrift herausgebracht. Titel:


Detailliert wird darin erklärt, wie es zu Starkregen kommt, wie sich Gewitter bilden, wie Hagelkörner oder Wirbelstürme entstehen. Und genauso detailliert ist ausgeführt, was zu tun und besser zu lassen sei: „Halten Sie zu Überlandleitungen einen Mindestabstand von 50 Metern“, steht da beispielsweise für den Fall eines Gewitters. Oder, bei Wirbelstürmen: „Meiden Sie Räume mit großen Deckenspannweite, wie z.B. Hallen.“ Und was sollte man nach einem Unwetter tun? „Ist das Gebäude beschädigt, so verlassen Sie es sicherheitshalber und betreten es erst wieder, wenn es von Fachleuten freigegeben wurde.“

Das achtseitige Faltblatt gibt auch

Doch keine einzige Silbe verliert die Aufklärungsschrift über den Zusammenhang zwischen Unwettern und Erderwärmung. Dabei ist der physikalisch schnell erklärt: Je wärmer die Luft, desto höher der maximal mögliche Dampfdruck. Deshalb kann wärmere Luft mehr Wasser aufnehmen. Oder, in den Worten von Prof. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: „Je wärmer die Luft, desto größer der Schwamm.“ Wasser ist wiederum ein Speichermedium für Energie. Das bedeutet: Je stärker sich die Luft erwärmt, um so energiegeladener – vulgo heftiger – die Unwetter. Klimaschutz könnte demnach auch die Zahl und Heftigkeit von Unwettern verringern.

„In der Wissenschaft gibt es darüber geteilte Meinung“, sagt Elena Weber, die Sprecherin des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Echt? Der Weltklimarat IPCC warnte schon in seinem letzten Sachstandsbericht 2007, „dass sich die Art, Häufigkeit und Intensität von Extremereignissen ändert, wenn sich das Klima der Erde verändert und diese Veränderungen könnten sogar bei relativ geringen durchschnittlichen Klimaänderungen auftreten“. Insbesondere Starkregen hätten bereits merklich zugenommen. Im vergangenen November veröffentlichte der IPCC einen Sonderbericht über Extremwetterereignisse (zu Starkregen siehe darin S. 11).

Die Broschüre ist in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) erstellt, der seit Jahren für Deutschland eine statistisch signifikante Zunahme der Durchschnittstemperatur wie auch extremer Wetterereignisse registriert. Entsprechend unglücklich ist der DWD über das Gemeinschaftsprodukt. Sprecher Gerhard Lux: „Klimaschutz in der Öffentlichkeit zu verankern, das ist eine wichtige Aufklärungsarbeit, die bei jeder Gelegenheit erfolgen sollte.“

Genau.