Deutschlandfunk: Journalismus ohne Recherche

Oha!
Es gibt eine Sensation zu vermelden!!
EXKLUSIV!!!
Laut Deutschlandfunk:

Echt jetzt??

Wie passt diese Meldung zu diesen Fakten: Südkorea, Asiens viertgrößte Volkswirtschaft, hat gerade eine Energiewende beschlossen, bei der die Atomkraft zurückgefahren wird. Die Schweiz stimmte jüngst per Volksentscheid für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Das Wiederanfahren des AKW Brokdorf, letztes seiner Art in Schleswig-Holstein, wurde im März dieses Jahres wegen technischer Mängel untersagt.

Die EU-Kommission legte vergangene Woche einen Bericht vor, dem zufolge die Mitgliedsstaaten zwischen 660 und 770 Milliarden Euro in die Atomenergie investieren müssten, um wenigstens das Niveau von heute zu halten – was aber wegen des Alters vieler Reaktoren zunächst erst einmal definitiv sinken wird.

Westinghouse, einer der weltgrößten Hersteller von Atomreaktoren, musste Ende März Insolvenz anmelden. Oder der 1.600-Megawatt-Neubau im finnischen Olkiluoto – ursprüngliche Planung: drei Milliarden Euro teuer, Inbetriebnahme 2009. Die Kosten haben sich inzwischen verdoppelt, aber der Reaktor wird und wird einfach nicht fertig, auch zehn Jahre nach der geplanten Inbetriebnahme nicht.

Also, verehrte Kollegen vom Deutschlandfunk: Wo bitte ist der „weltweite Vormarsch der Atomkraft“?

Dies war die Überschrift der Meldung, die es bis in die Hauptnachrichten brachte:

„Immer mehr?“ Vorsicht! Journalisten, die einen Satz mit „Immer mehr“ beginnen, wissen meist nichts Genaues. Deshalb wird auf Journalistenschulen vor dieser Wischiwaschi-Formulierung gewarnt.

Worauf basiert denn nun diese trompetenhafte Vormarsch-Meldung des Deutschlandfunks? Hören wir weiter zu:

Ah, die Quelle ist der Direktor der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA)! Also der Chef jener Einrichtung, deren Ziel – siehe Artikel 2 des IAEA-Statuts – ausdrücklich die Förderung der Atomenergie ist. Wirklich eine unbestechliche Quelle für eine Nachricht …

Wir haben kurz mal im Archiv geblättert. Unter der Überschrift „Kernenergie auf dem Vormarsch“ vermeldete die Atomlobby 1997: „Die Stromproduktion aus Kernenergie wird bis zum Jahr 2010 voraussichtlich um rund 13 Prozent steigen“. Tatsächlich lag der Leistungszuwachs bis 2010 unter drei Prozent.

2008 schwadronierte das Deutsche Atomforum von der „Renaissance der Atomkraft“. Damals waren weltweit 439 Reaktoren am Netz. 2012 vermeldete das Wall Street Journal „Atomkraft hat weltweit eine Zukunft“. Jetzt gab es weltweit nur noch 437 Reaktoren, von denen aber allein in Japan nach der Atomkatastrophe von Fukushima 48 vom Netz genommen wurden. Und seitdem auch blieben.

Beim Deutschlandfunk aber heißt es:

Ui, ui, ui. Der Satz ist im Indikativ formuliert, nicht im Konjunktiv, wie bei der Wiedergabe eines Zitats üblich. Und die Kollegen sind damit der IAEA-Propaganda auf den Leim gegangen: Im englischen Original der Pressemitteilung heißt es, 449 Reaktoren seien „in operation“. Das übersetzte der Deutschlandfunk mit „produzierten Strom“. Blöderweise aber zählt die IAEA auch AKWs unter „in operation“, die derzeit abgeschaltet sind – wie beispielsweise jene in Japan.

Und schließlich vermeldet der Deutschlandfunk zwar, wie viele Reaktoren in den letzten zwei Jahren neu ans Netz gingen. Von jenen, die im gleichen Zeitraum für immer vom Netz genommen und verschrottet wurden, erfahren wir aber nichts: etwa vom schwedischen AKW Oskarshamn 2, von Fort Calhoun in den USA oder vom japanischen AKW Fukui. Von den Reaktoren in Ikata oder dem deutschen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld. Dem Reaktor Takahama 2. Und so weiter …

Zum Stand der weltweiten Atomkraft empfehlen wir eine unabhängige Quelle, nämlich den World Nuclear Energy Status Report (WNESR), der seit Jahrzehnten vom renommierten Branchenbeobachter Mycle Schneider herausgegeben wird. Hier werden als „operating reactors“ nur jene gezählt, die tatsächlich laufen. Und was sagt der WNESR zum aktuellen Stand der weltweiten Atomwirtschaft? Schauen wir in den 2017er Report: Auch dort ist von 20 neu angefahrenen Reaktoren in den Jahren 2015 und 2016 die Rede (darunter das US-AKW Watts Bar 2, das mit 43 Jahren die längste je verzeichnete Bauzeit aufweise). Wegen diverser Stilllegungen, lesen wir hier, sei die Zahl der weltweit laufenden Reaktoren aber nur um zehn gestiegen – und liege damit immer  noch „weit unter dem historischen Maximum von 438 im Jahr 2002″:

So sieht der „weltweite Vormarsch“ der Atomkraft aus …

Leider lieferte uns also der Deutschlandfunk diesmal Journalismus ohne Recherche.


 

Ph. Lengsfeld & CDU-Rechte: Zigarette gefällig?

Na, das war doch ein schöner PR-Erfolg für den rechten „Berliner Kreis“ in der CDU/CSU! Am nachrichtenarmen Pfingstsamstag und auf der Aufmerksamkeitswelle, die Donald Trump mit seinem Paris-Austritt ausgelöst hat, sorgte ein (nicht mal ganz neues) Positionspapier zur Klima- und Energiepolitik für gehöriges Aufsehen. Reihenweise berichteten die Medien, bei Spiegel Online war es zeitweise sogar Aufmacherthema.

Enthielte das Papier nur „klima- und energiepolitische Forderungen“, wie es die Überschrift ankündigt, würden es uns hier nicht beschäftigten. Die Debatte um politische Instrumente ist gut und richtig und ja genau die Aufgabe von Parteien. Natürlich kann man, wie der „Berliner Kreis“ in seinem Papier, für die Abschaffung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sein oder für eine Fortsetzung der Atomforschung. Manche Forderung ist auch ziemlich fortschrittlich, etwa die Idee eines globalen Preises (oder einer Steuer) auf Kohlendioxid-Emissionen. Geo-Engineering (also manipulierende Eingriffe ins Klimasystem der Erde) lehnen die Unions-Rechten wegen der unkalkulierbaren Risiken ab – eine für Konservative sehr nachvollziehbare Forderung.

Doch (leider) beginnt das Positionspapier mit einem langen Abschnitt zur „Klimaforschung“. Und da werden Behauptungen zur Klimawissenschaft aufgestellt, die – nun ja – teilweise kruder Blödsinn sind. Ein Großteil davon sind „Argumente“, wie sie schon lange in der Szene der Leugner des Klimawandels kursieren und einem prüfenden, skeptischen Blick nicht standhalten. Dass besonnene Leute wie Wolfgang Bosbach oder Hans-Peter Uhl (beide Mitglied im „Berliner Kreis“) so etwas mittragen, ist schon verwunderlich.

Aber der Hauptautor des Papier war offenbar der Abgeordnete Philipp Lengsfeld, der über die Berliner Landesliste in den Bundestag gewählt wurde. Lengsfeld ist schon öfter durchs Verbreiten Klimawandel-leugnerischer Thesen aufgefallen. Im vergangenen November zum Beispiel beehrte er den Leugner-Verein EIKE mit einem Grußwort. Wir wollen jetzt hier nicht jede der uralten Leugner-Thesen des Papiers an den Lügendetektor anschließen: Dass das Klima sich schon immer gewandelt habe, dass die Sonne eine wesentliche Ursache des gegenwärtigen Klimawandels sei, dass die Erderwärmung doch ganz viele positive Folgen habe und so weiter – all das ist schon dutzendfach anderswo widerlegt und eingeordnet worden.

Wir machen uns stattdessen nur mal schnell den Spaß und modifizieren zentrale Passagen leicht. Wie bizarr dieser Abschnitt des Papiers ist, würde nämlich ganz schnell deutlich, spräche es im selben Duktus und mit denselben logischen Fehlschlüssen beispielsweise über Krebsforschung und Gesundheitspolitik. Also los:


Ohne Ideologie: Die Öffentlichkeit hat eine objektiver geführte Debatte über die Krebs- und Gesundheitspolitik verdient. Wissenschaft darf nicht von der Politik instrumentalisiert werden. Die Freiheit der Forschung und Lehre ist zu respektieren. Krebsforschung darf nicht zu einer Glaubensfrage werden und auch nicht zu einer Arena ideologischer Auseinandersetzungen.

Mehr Einordnung: Das Zellwachstum und der Kreislauf aus Teilung und Absterben von Zellen im menschlichen Körper sind unerlässliche Bestandteile des Lebens. Der menschliche Körper hat sich immer gewandelt. … Im Leben eines Menschen gibt es Phasen sowohl mit mehr als auch mit weniger starkem Wachstum. Die genauen Treiber des Zellwachstums sind noch nicht vollständig erforscht und verstanden, aber eine solitäre Rolle des Rauchens beim Krebs scheint unwahrscheinlich. Es gibt signifikante Einflüsse auf die Gesundheit außerhalb der momentan eng geführten Krebsdiskussion, die sich sehr stark auf sogenannte Tabakgase konzentriert: UV-Strahlen der Sonne, Ernährung, Sport oder Stress sind nur einige Stichworte.

Mehr Sachlichkeit: In den letzten Jahrzehnten wurden Gesundheits- oder Krankheitsereignisse zunehmend systematisch in eine vorgegebene Geschichte (mediales Narrativ) einsortiert. Genannt sei nur die unbestrittene Zunahme des Zigarettenkonsums unter Frauen. Diese Zunahme hat praktisch keinen Einfluss auf ihr Hörvermögen, weil die Hörkraft der Ohren nicht durch Tabakkonsum beeinträchtigt wird. Somit sind die mit der Zunahme des Rauchens verbundenen Chancen (Gewichtsabnahme, Jobs für die Zigarettenwirtschaft, neue Flirtmöglichkeiten durch die vermehrte Anwesenheit rauchender Frauen vor den Türen von Restaurants oder Bürogebäuden) vermutlich sogar größer als mögliche negative gesundheitliche Effekte. Trotzdem wird das Phänomen medial momentan zur Lungenkrebs-Angstmache benutzt. Und das, obwohl das Rauchen von Frauen in den aktuellen Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes nicht gut abgebildet wird. Die Datenlage über die Reaktion von Frauenkörpern auf Tabak … ist momentan noch sehr unübersichtlich.

Keine moralische Erpressung: Viele angekündigte/erwartete dramatische Folgen des Rauchens basieren auf Modellen und Simulationen, deren Richtigkeit und Belastbarkeit keineswegs so eindeutig ist, wie oft postuliert wird. Trotzdem werden schon seit Jahren zunehmend aggressivere politische Zielsetzungen, insbesondere die Rauch- und Werbeverbote, auf politischen und wissenschaftlichen Annahmen in diesen Modellen aufgebaut. Es ist nicht schlüssig bewiesen, ob die postulierten Rauchverbote etwa für Kinder oder in Gaststätten tatsächlich die sinnvolle und universale Steuerungsmethode sind, als die sie dargestellt werden. Während die modellierten Folgen des Rauchens alles andere als bewiesen sind, sind dagegen die realen Folgen bestimmter Gesundheitspolitik für die Menschen sofort spürbar: Sei es durch Arbeitsplatzverluste in Zigarettenfabriken, den Verlust gewachsener Kneipenkultur oder die Verteuerung von Zeitschriften, weil diese wegfallende Einnahmen aus der Tabakwerbung anderswo kompensieren müssen.

Krebsforschungszentrum (DFKZ) reformieren: Das Deutsche Krebsforschungszentrum (IPCC, äh, nein, DFKZ) hat sich zu einer einflussreichen polit-medial-wissenschaftlichen Supermaschinerie entwickelt: regelmäßige mediale Events und alle paar Jahre sehr umfangreiche Berichte. Das DKFZ ist der Taktgeber der öffentlichen Krebsdebatte. Dabei ist dessen Arbeit beileibe nicht so wissenschaftlich, wie es für ein Beratungsgremium notwendig wäre: Berichte enthielten Fehler und Überhöhungen und unterliegen schon in der Entstehung politischen und medialen Einflüssen. Wissenschaft darf aber nicht zu einer Art ‚Weltrettungszirkus‘ werden. Aus Gründen der Qualitätssicherung und der Entpolitisierung sollte die Arbeit des DKFZ reformiert werden. Sinnvoll wäre es sicherlich, die Frequenz der DKFZ-Aktivitäten zu senken und ihren Charakter wieder auf den Kernauftrag einer wissenschaftlichen Politikberatung zurückzuführen. Dazu scheinen eine primär wissenschaftliche Fach- und Arbeitskonferenz alle 5 Jahre und wissenschaftliche DKFZ-Berichte alle 10 Jahre ausreichend. Die Dominanz einzelner Fachdisziplinen innerhalb des DKFZ sollte verringert werden. Wissenschaftler müssen mögliche Doppelrollen als Forscher und Aktivisten klar trennen.“


Hübsch, oder?

In allen Punkten funktioniert die Analogie von Krebs durch Rauchen und Klimawandel durch menschengemachten Treibhausgas-Ausstoß natürlich nicht – aber in vielen. Nicht zuletzt bei der Gegenpropaganda von Industrie- und Lobbygruppen, wie beispielsweise Naomi Oreskes und Erik Conway in ihrem Klassiker Merchants of Doubt (deutsche Ausgabe: Die Machiavellis der Wissenschaft) zeigten.

Das Traurigste an diesem Positionspapier ist, wie schon erwähnt, dass es so wenig originell ist. Seine „Argumente“ werden seit Jahren und Jahrzehnten von Klimawandel-Leugnern hoch- und runtergebetet, vor allem in den USA. Dort ist die Klimafrage inzwischen hoch ideologisiert (befeuert durch eine professionelle Industriekampagne, wie die New York Times just gestern in einem großen Bericht nachzeichnete). Das Abstreiten selbst grundlegender wissenschaftlicher Fakten gehört dort für Konservative inzwischen fast zur politischen Identität.

In Deutschland war das bisher anders. Hierzulande sind konservative oder liberale Gegner der Energiewende bislang nicht so tief gesunken, für ihre Kritik die Erkenntnisse der Klimaforschung zu verbiegen. (Die AfD lassen wir hier mal beiseite, weil sie weder konservativ noch liberal ist.) Aber dank Philipp Lengsfeld und dem rechten „Berliner Kreis“ scheint sich das gerade zu ändern und die Klimaleugnerei nach Art von Donald Trump und der US-Republikaner nun auch in Deutschland anzukommen


 

Die Welt: Den Redakteursjob vergessen??

Bei der Tageszeitung Die Welt arbeitet eine Reihe exzellenter Journalistinnen und Journalisten, nicht zuletzt unser Ex-taz-Kollege Deniz Yücel, der seit inzwischen mehr als hundert Tagen in einem türkischen Gefängnis sitzt, weil er einfach nur seinen Job gemacht hat.

Bei der Welt arbeiten aber offensichtlich auch … tja, was? Sicherlich verstehen sich die Kollegen, deren Arbeit (oder Nicht-Arbeit) uns am Wochenende aufgefallen ist, auch als Journalisten. Aber irgendwie tun sie einfach nicht ihren Job. Es geht um folgenden Text, der im Ressort „Meinung“ erschienen ist – und ein Versagen der Redaktion dokumentiert:

Autor ist Josef Reichholf, ein Biologe, mittlerweile 72 Jahre alt, Honorarprofessor der TU München, Autor zahlreicher Sachbücher, Ex-Präsidiumsmitglied der Umweltstiftung WWF. Die Zeitschrift Bild der Wissenschaft hat ihn mal liebevoll-kritisch einen „Tausendsassa“ genannt, dem man „nicht alles auf Anhieb glauben“ sollte. In der Tat …

Sein kurzer Welt-Text ist randvoll mit Provokationen – was an sich ja noch nicht schlecht wäre. Er enthält aber auch Falschaussagen, die den Klima-Lügendetektor heftig ausschlagen lassen. Und das ist dann schon ein Problem, sowohl für den Akademiker Reichholf als auch für die Welt und ihren Anspruch als Qualitätszeitung.

Lassen wir mal die Überschrift beiseite, in der ja häufig zugespitzt wird und die schon mal danebengehen kann. Aber die Unterzeile, nun, die besteht aus drei Sätzen – von denen alle drei falsch sind. Denn Tatsache ist: Die globale Temperatur steigt sehr wohl. Die Daten passen auch gut zu den Szenarienberechnungen der Klimaforschung. Und in der Wissenschaft wird man nicht verunglimpft, wenn man hierüber reden will – jedenfalls nicht, wenn man (den Berufsstandards seriöser Forscher folgend) seine Thesen nachvollziehbar und mit Quellen und Daten unterlegt in Fachaufsätzen vorträgt.

Aber der Reihe nach, gucken wir uns den Text im Detail an. Der erste Absatz lautet:

Hä? Die „globale Temperatur“ (Fachbegriff: „Erdmitteltemperatur“) stieg seit fünfzehn Jahren nicht mehr an? Liest Herr Reichholf keine Zeitung? Die vergangenen drei Jahre 2014, 2015 und 2016 markierten allesamt neue Rekordwerte bei der globalen Temperatur.

Zugegeben, dies allein ist kein Beleg für irgendetwas, denn das Klima ist das über mindestens 30 Jahre gemittelte Wetter. Man muss sich also (zumindest wenn man seriöser Wissenschaftler sein will) wenigstens drei Jahrzehnte anschauen und nicht anderthalb. Und in den vergangenen drei Jahrzehnten ist die Erdmitteltemperatur deutlich gestiegen, wie beispielsweise der Weltklimarat IPCC in einer eindrucksvollen Grafik in seinem letzten Sachstandsbericht 2013 zeigte. Nimmt man die Mittel der einzelnen Jahrzehnte, ergibt sich eine mustergültige Treppe:

Diese langfristige Entwicklung darf man nicht vermischen mit einem Blick auf die Werte kürzerer Zeitspannen oder gar einzelner Jahre. Im Rahmen natürlicher Schwankungen des Klimasystems schießen nämlich die Temperaturen im einen Jahr mal steil nach oben, im anderen geht es wieder nach unten – so weit, so normal und in der Klimaforschung unumstritten.

Wenn nun Herr Reichholf (wie es viele Leugner des menschengemachten Klimawandel in den vergangenen Jahren getan haben), sich eine relativ kurze Zeitspanne herauspickt (zum Beispiel anderthalb Jahrzehnte), und wenn er dann über diese Zeitspanne Ausssagen zum Klima tätigt, dann belegt das entweder Unwissen oder Lügenabsicht.

Das wäre etwa so, als würde Reichholf schreiben: „Gestern gab es in München keinen Regen“ – dabei aber nur auf die Wetterdaten des Nachmittags und Abends schauen und einen morgendlichen Wolkenbruch unter den Tisch fallen lassen. Wer etwas über „gestern“ sagen will, muss schon auf volle 24 Stunden schauen – denn es herrscht ja allgemeiner Konsens darüber, dass ein Tag 24 Stunden hat. Genauso muss, wer etwas übers Klima sagen will, mindestens 30 Jahre betrachten.

Aber selbst wenn man dies außer Acht lässt, ist Reichholfs Aussage schlicht falsch. Für „die letzten anderthalb Jahrzehnte“, also den Zeitraum von 2002 bis 2017, zeigen alle einschlägigen Datensätze einen deutlichen Anstieg (wer es überprüfen will, gehe auf dieses hübsche Online-Tool der University of York und stelle die gewünschten Zeiträume ein).

Nun kann man sich natürlich 5- oder 10- oder auch 15-Jahres-Zeiträume herauspicken, in denen es keine oder nur wenig Erwärmung gab. (Viel Spaß beim Rumprobieren im genannten Online-Tool!) Nur sind solche Kurzzeittrends erstens fürs Klima irrelevant. Erst vor wenigen Wochen hat ein deutsch-amerikanisches Forscherteam um den Potsdamer Stefan Rahmstorf in den Environmental Research Letters vorgerechnet, dass alle Kurzfristschwankungen (ob nach oben oder nach unten) vollkommen im Rahmen der natürlichen Variabilität des steigenden Langfristtrends bei der Erderwärmung liegen.

Und zweitens spricht Reichholf aber nicht von irgendwelchen anderthalb Jahrzehnten, sondern von den „letzten“, in denen „die globale Temperatur nicht mehr“ zugenommen habe. Keine Ahnung, ob der Text schon ein paar Jahre irgendwo unveröffentlicht herumlag – aber im Jahr 2017 gedruckt, ist die Aussage schlicht und ergreifend Bullshit.

Seinen zweiten Satz beginnt Reichholf mit den Worten:

Wie gesagt, eine Pause bei der Erderwärmung hat es nicht gegeben. Was es jedoch unbestritten gab, ist eine Phase von 1998 bis etwa 2013 (also rund 15 Jahre), in denen einige Datensätze zur Lufttemperatur an der Erdoberfläche eine geringere Erwärmung zeigten als in den Jahren davor und danach. (Gut sichtbar, wenn Sie im o.g. Online-Tool den Datensatz „HadCRUT4″ anklicken und den genannten Zeitraum einstellen – dann liegt der Trend bei nur noch 0,052 °C pro Dekade.) Das ist immer noch weit entfernt von einer „Pause der Erwärmung“ oder einem Null-Anstieg. Aber doch eine vorübergehende Verlangsamung der Erwärmung – und über dieses Phänomen ist unter dem Begriff „Hiatus“ (lateinisch „Kluft“, englisch „Lücke“, „Auszeit“) in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden.

Aber erstens sind – man kann es gar nicht oft genug betonen – 15 Jahre zu kurz, um etwas über das Klima zu sagen. Und seit 2014 ging es dann auch wieder rasant nach oben. (Schon wenn Sie im Online-Tool den Zeitraum nur um ein einziges Jahr verschieben, also HadCRUT4 von 1999 bis 2014 abfragen, liegt der Trend mit 0,087 °C pro Dekade gut 50 Prozent höher).

Zweitens ist die oberflächennahe Lufttemperatur nur ein Indikator für die Erderwärmung – andere wie die Temperatur der Ozeane (die viel mehr Wärme aufnehmen als die Erdatmosphäre) zeigten im gleichen Zeitraum eine ungebrochene Erwärmung.

Und drittens hat sich bei genauer Betrachtung der Datensätze und -zeiträume mit „Hiatus“ herausgestellt, dass sie Ungenauigkeiten enthielten – zum Beispiel hatte HadCRUT4 nur wenige Daten zur Arktis; rings um den Nordpol jedoch verläuft die Erwärmung besonders rasant, HadCRUT4 unterschätzt also die Erderwärmung. Berücksichtigt man nun auch die Arktis-Daten, verschwindet der „Hiatus“ weitgehend. Vor wenigen Wochen haben Schweizer Forscher in einer Übersichtsstudie im Fachmagazin Nature den Forschungsstand zu der ganzen Debatte zusammengefasst.

Skurrilerweise verweist der Reichholf-Text auf genau diesen Nature-Aufsatz, nämlich im zweiten Absatz (der Link unter dem Wort „Klimamodellen“ führt zu einer entsprechenden Meldung im Wissenschaftsteil der Welt):

Auch nach mehrmaligem Lesen dieses und des vorherigen Absatzes verstehen wir nicht ganz, was Herr Reihholf da argumentiert. Anscheinend will er suggerieren, irgendwelche Klimaforscher hätten an ihren Daten oder Modellen gedreht, um beides passend zu machen. Allerdings beschreibt der hier erwähnte Nature-Aufsatz das glatte Gegenteil: Dass Daten und Modelle halt auf den ersten Blick nicht passten (was zu einer aufgeregten Debatte um den „Hiatus“ führte), aber dieses Nicht-Passen eben bei genauer Betrachtung plausibel erklärbar ist – und es (wir schreiben es nochmal) keine signifikante Pause bei der Erderwärmung gab.

Seufz.

Wenn die ersten beiden Absätze eines Textes dermaßen falsch sind – was soll danach noch kommen? Na ja, Josef Reichholf nölt noch ein bisschen über „die Politik“. Er verteidigt den Ex-Welt-Autor Michael Miersch (der uns hier auch schon beschäftigt hat). Er teilt gegen das Umweltbundesamt aus (dass die Behörde vor Jahren mal in einer Broschüre einige umstrittene Autoren namentlich nannte, wird in einem Atemzug mit Inhaftierungen wie der von Deniz Yücel genannt). Und ganz am Ende lobt Reichholf die wissenschaftliche Tugend der Skepsis (kommt immer gut).

Doch was hat das alles mit der Redaktion der Welt zu tun? Beziehungsweise mit ihrem – wie wir eingangs schrieben - Versagen? Nun ja, der Pressekodex (in dem die von Journalisten allgemein akzeptieren Standards ihres Berufsstands formuliert sind) besagt in Ziffer 2 eindeutig: „Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen … sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben.“

Natürlich ist in Kommentaren oder Debattenbeiträgen die Meinung frei. Josef Reichholf darf selbstverständlich gern denken und glauben und meinen, was er will. Jedoch sollten die Faktenaussagen, die er dabei tätigt, korrekt sein – für einen Wissenschaftler ist eine solche Forderung eigentlich banal. Aber okay, in einem Vortrag oder auf seinem Privatblog könnte Reichholf vielleicht auch unzutreffende Sachaussagen treffen. In einem journalistischen Text aber (zumindest wenn er allgemein anerkannten Qualitätsmaßstäben entsprechen soll) geht dies nicht.

Doch verantworlich hierfür ist nicht mehr allein der Autor, sondern auch die Redaktion, in unserem Fall die ehrwürdige Welt. Wie der Deutsche Presserat (der Hüter über den Pressekodex) zu Jahresbeginn dem Wissenschaftsportal klimafakten.de bestätigte, gilt die journalistische Sorgfaltspflicht auch für Meinungsbeiträge. Die Hürde hänge hier sicherlich niedriger als in einer klassischen Meldung. Doch was für einen Nachrichtenredakteur Pflicht ist (Fakten prüfen), gelte prinzipiell auch für einen Meinungsredakteur. Auch er habe die Pflicht, so der Experte des Presserats, Beiträge etwa von Gastautoren auf Korrektheit der Sachaussagen zu überprüfen.

Uns ist schleierhaft, wie die Kollegen der Welt ihren Redakteursjob so sehr vergessen und dermaßen falsche Tatsachenbehauptungen durchgehen lassen konnten. Lag’s daran, dass der eine oder die andere noch unter einem Herrentags-Kater litt? In ausgenüchtertem Zustand, so unsere Hoffnung, erledigen die Meinungsredakteure der Welt ihre Arbeit künftig sorgfältiger.


 

Öl: Aus den Überlegungen streichen

Folgende Anzeige, gefunden im Vorwärts, der SPD-Parteizeitung, wurde uns von Marion A. zugesandt:

„Öl weiter denken?“

Ist doch schon geschehen: Das Klimaabkommen von Paris verpflichtet seine Vertragsstaaten, binnen der nächsten 32 Jahre treibhausgasneutral zu werden. Das bedeutet: Die Verbrennung fossiler Rohstoffe muss schrittweise zurückgefahren werden, sodass immer mehr Lebensbereiche unabhängig von Öl, Kohle oder Erdgas werden.

Zum Beispiel durch Elektromobilität (die aber nur dann besser ist, wenn der eingesetzte Strom aus regenerativen Quellen stammt). Zum Beispiel aber auch in der Wärmeversorgung unserer Gebäude – wie viel Kohlendioxid die traditionellen Träger von Wärmeenergie verursachen, zeigt diese Grafik:

Dummerweise fördert die Bundesregierung aber immer noch den Einbau von Ölheizungen. Eine Kleine Anfrage der energiepolitischen Sprecherin der Linken im Bundestag, Eva Bulling-Schröter, förderte im vergangenen Jahr zutage: Insgesamt 14.100 Öl-Brennwertkessel wurden 2015 gefördert, die staatliche Bank KfW gab dafür 52 Millionen Euro Subventionen aus. 2015 war der Absatz von Ölheizungen um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, der von erneuerbar betriebenen Heizungen hingegen gesunken.

Weil es „gute Gründe für eine Energiewende mit Heizöl“ gibt?

Verantwortlich für diesen Schwachsinn diese Argumentation ist das Institut für Wärme und Öltechnik (IWO):

Das Institut für Wärme und Öltechnik ist aber kein Institut. Mit einem Forschungsinstitut hat das IWO in etwa so viel zu tun wie ein Vegetarier mit Blutwurst. Das Institut für Wärme und Öltechnik ist vielmehr ein Lobbyverband der deutschen Mineralöl-Industrie, zu dessen Mitgliedern die Heizölproduzenten BP, Esso oder auch Shell zählen.

Das IWO wirbt für Ölheizungen. In der SPD-Parteizeitung. Just zu einem Zeitpunkt, zu dem das SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium seine Förderrichtlinien für Ölheizungen überarbeitet. Wegen Klimaschutz und so. Und hat damit anscheinend Erfolg. Nach dem Ministeriums-Entwurf soll die Förderung von Heizkesseln, die ausschließlich mit fossilen Energieträgern betrieben werden, nun erst 2019 auslaufen.

Danke an Marion A. aus Berlin für den Hinweis


 

SPD: Im Wahlkampf Fehler korrigieren

Heiße Phase im Wahlkampf in Deutschlands größtem Bundesland! Folgende Werbung flatterte dem Klima-Lügendetektor aus Nordrhein-Westfalen ins Haus:

Sorry, Genossen, da kann irgendetwas nicht stimmen! In eurem „Regierungsprogramm für NRW“ heißt es doch auf Seite 32: „Wir wollen erreichen, dass wir Zug um Zug weniger fossile Brennstoffe zur Stromerzeugung einsetzen müssen.“

Okay: „Zug um Zug“ ist dehnbar. Geht es nicht ein bisschen konkreter?

Doch, es geht. Ebenfalls auf Seite 32 heißt es im „Plan für NRW“:

Wie passt denn das mit „Wir brauchen die Braunkohle noch lange“ – siehe oben – zusammen?

Also Anruf in der SPD-Wahlkampfzentrale mit der Bitte, den Widerspruch aufzuklären.

Das ist den Genossen sichtlich peinlich. Denn erstens stammt die abgebildete Aussage von Rainer Thiel, der zwar für die SPD Sprecher im Unterauschuss Klimaschutzplan in NRW ist. Den aber „der erzieherische und oft moralisierende Unterton“ stört, wie er auf der Website der Splittergruppe Deutscher Arbeitgeberverband (nicht zu verwechseln mit dem großen Bundesverband der Arbeitgeberverbände BDA) erklärt, „mit dem ambitionierter Klimaschutz mit immer ehrgeizigeren Zielen vorangetrieben werden soll, verbunden mit Drohkulissen und Angstszenarien“. Thiel hat im Landtag gerade dagegen gestimmt, ein „Gutachten zu den Folgekosten des Braunkohleabbaus“ in Auftrag zu geben – wohl, weil er will, dass es immer so weitergeht mit den Tagebauen.

Zweitens haben sich in die Aussage der NRW-SPD tatsächlich drei kleine Fehlerchen eingeschlichen. Korrekterweise muss es nämlich heißen:

Vielen Dank an Dirk J. aus Düsseldorf
und Michael A. aus Bonn für den Hinweis.


 

„Schweizer Bürger“: Spiel mir das Lied vom Vogeltod

Besorgte Bürger gibt es auch in der Schweiz. Zum Beispiel Kurt Zollinger, der sich selbst als „besorgten Bürger“ bezeichnet und sich gerade sehr, sehr besorgt an die Mitbürger der Schweiz gewandt hat. Und zwar mit dieser Postwurfsendung:

Es geht um eine Volksabstimmung am 21. Mai: Dann geben die Eidgenossen ihr Votum ab über die Zukunft ihrer Energieversorgung. Mit der „Energiestrategie 2050″ soll das bisherige Energiegesetz revidiert und damit ein erstes Maßnahmenpaket beschlossen werden. „Es dient dazu, den Energieverbrauch zu senken, die Energieeffizienz zu erhöhen und erneuerbare Energien zu fördern. Zudem wird der Bau neuer Kernkraftwerke verboten“, erklärt die Schweizer Regierung.

Es geht also um die helvetische Version der Energiewende: Alle Parteien in der Schweiz sind dafür – außer der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP). Und außer den „besorgten Bürgern“. Die haben sich Sachverstand von Franz Helfenstein eingeholt, der den Aufruf gegen die Schweizer Energiewende als „Vogelliebhaber“ unterschrieben hat. Er behauptet, wie es in Energiewendekritikerkreisen sehr beliebt ist, der Ausbau der Windkraft habe dramatische Folgen für die Vogelwelt.

Na ja, gucken wir uns die Postwurfsendung mal genauer an:

Im Kopf ist der Vierwaldstättersee nahe Luzern abgebildet, einer der schönsten Seen der Schweiz, der sich als Gletscherrandsee am Ende der letzten großen Eiszeit bildete. Dass gerade dort an den Ufern Windräder aufgestellt werden – ausgesprochen unwahrscheinlich: Der See ist tief im Tal eingebettet, bei den vorherrschenden Windverhältnissen wären Windräder hier ziemlicher Unsinn.

Abgebildet auf dem Postwurf sind zweifelsfrei Kraniche, die – nun ja – vereinzelt ab und zu schon mal in der Schweiz gesichtet wurden. In Brandenburg kann man dagegen die Tiere zu Zehntausenden beobachten. Gleichzeitig ist Brandenburg das deutsche Binnenland mit den meisten Windkraftanlagen, weshalb das dortige Landesamt für Umwelt die Auswirkungen der Windkraft auf die Kraniche untersucht hat. Ergebnis:

Kraniche umfliegen also Windparks, weshalb in ganz Deutschland bislang 18 tote Kraniche in der Nähe von Windrädern gefunden wurden, was eine so geringe Menge ist, dass ein Zusammenhang „Windrad – Kranichtod“ statistisch eher nicht gezogen werden kann.

Bei dem kleinen toten Vogel, den die „besorgten Bürger“ auf ihrem Postwurf abgebildet haben, handelt es sich übrigens um eine Dachsammer, die am liebsten nahe am Boden unter Büschen brütet, weit weg von Windkraftrotoren – und auch nicht in der Schweiz, sondern hauptsächlich in Nordamerika.

Komisch! Sollte das ein „Vogelliebhaber“ nicht wissen? Und wer steckt eigentlich hinter den „besorgten Bürgern“?

Tataaa!

Der „besorgte Bürger“ Kurt Zollinger war bis vor Kurzem Präsident der SVP-Ortspartei in Stäfa am Zürichsee. Und die SVP ist – siehe oben – gegen die Energiewende in der Schweiz:

Und die tatsächlichen Schweizer Vogelschützer sind, ganz anders als die „besorgten Bürger“, für die Energiewende:

Aber um Vögel geht es den „besorgten Bürgern“ in Wahrheit gar nicht. Ihr Web-Auftritt ist unter der Adresse www.rettungwerkplatzschweiz.ch angelegt. Die wirklichen Fragen, die die „besorgten Bürger“ umtreiben, sind folgende:

Also ehrlich, ein so dilettantischer Versuch von Vogeltod-Alarmismus ist uns selten auf den Schreibtisch geflattert.

Vielen Dank für den Hinweis an Florian W. aus Zürich

PS: Die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf die Vogelwelt sind ein ernsthaftes Problem, dass seriös betrachtet werden muss. Verglichen mit den Auswirkungen der Kohleverstromung auf die Vogelwelt (und alles andere, was in der Umgebung von Förderstätten oder Kraftwerken vormals kreuchte und fleuchte) sind die Auswirkungen aber deutlich geringer.

PPS: Wie Deutschland fällt Klimaschutz auch der Schweiz schwer. Die jetzt zur Abstimmung stehende Energiewende soll das ändern: Laut jüngster Tamedia-Umfrage wollen 55 Prozent für das Gesetz stimmen, während 42 Prozent Nein sagen wollen – nur drei Prozent sind noch unentschieden.


 

RWE + Innogy: US-Wälder verfeuern

Wenn man sich im Internet bei „RWE Wissen“ über Biomasse informieren möchte, liest man Folgendes:

Einer Prognose des Verbandes der Netzbetreiber (VDN) zufolge wird der Anteil des aus Biomasse erzeugten Stroms in den nächsten fünf Jahren von derzeit rund 10 Milliarden auf mehr als 24 Milliarden Kilowattstunden steigen – ein enormes Wachstumspotenzial. Und damit gut für den Klimaschutz.

Der alte Kohle-Konzern RWE hatte ja seine Zukunft in der Innogy gesucht, wie der abgespaltene Konzernbereich sich jetzt nennt. Und dort wird Biomasse verbrannt:

Eine gute Sache, weil ja bei der Verbrennung von Biomasse nur so viel Kohlendioxid freigesetzt wird, wie die verbrannten Pflanzen während ihres Wachstums aufgenommen haben.

Zumindest theoretisch. Praktisch kommen noch jene Emissionen dazu, die der Antransport des Brennstoffs verursacht. Innogy betreibt in den USA die Firma Georgia Biomass, die eine jährliche Produktionskapazität von 750.000 Tonnen aufweist – das größte Holzpelletwerk der Welt. Nach Recherchen der US-amerikanischen Naturschutzorganisation Dogwood Alliance verkauft die Firma ihre Produkte auch nach Europa – an den Innogy-Mutterkonzern RWE.

Damit würden nicht nur in den USA alte Wälder abgeholzt werden. Der Transport nach Europa verursacht eben auch das, was durch die Biomasse eigentlich eingespart werden soll: Treibhausgase.

Erinnern Sie sich? Wir hatten uns hier zuletzt mit der Imagekampagne von Innogy befasst, enthalten ist darin auch folgendes Motiv:

Jedenfalls ist in Europa verbranntes Holz aus den USA weder nachhaltig noch normal – sondern allenfalls innogy!

Vielen Dank an Peter G. und das Denkhaus Bremen für den Hinweis


 

IG BCE: Unter Realitätsverlust leiden

Die energiepolitische Nachricht am heutigen Donnerstag stammt zweifelsfrei aus der Lausitz. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg vermeldete am Abend:

Es geht um die Zukunft der Lausitz: Vattenfall wollte hier einst neue Tagebaue aufschließen, um auch nach 2030 noch Braunkohle verstromen zu können. Dann brachte dem schwedischen Staatskonzern das Geschäft aber nur noch Verluste ein, weshalb Vattenfall den Laden an tschechische Finanzinvestoren verkauft hatte. Wobei „verkauft“ die falsche Formulierung ist: Die neuen Besitzer hatten 1,7 Milliarden Euro dafür erhalten, dass sie Vattenfall den Laden auch wirklich abnehmen.

Seitdem war spekuliert worden, was die Neuen eigentlich mit dem nun unter dem Namen LEAG firmierenden Unternehmen wollen. Offenbar nicht weiter in Braunkohle investieren. Das mediale Echo auf die heute vorgestellten Pläne ist jedenfalls eindeutig. Die Potsdamer Neuesten Nachrichten titeln:

In der Märkischen Allgemeinen Zeitung heißt es:

Selbst in der als Braunkohle-freundlich verschrienen Lausitzer Rundschau wird betont:

Gegen die Zwangsumsiedlung von Menschen muss also nicht mehr protestiert werden? Die Lausitz kommt jetzt endlich zur Ruhe?

Nicht, wenn man der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) glaubt: Deren Vorstandsmitglied Petra Reinbold-Knape bezeichnete nämlich heute prompt die vorgestellten Geschäfts-Pläne

Weiter sagt die Gewerkschafterin: Deutschland

Deshalb könnten die Beschäftigten in der Lausitz nun aufatmen:

Fassen wir zusammen: Die Brandenburger Medien berichten darüber, dass jene 3.000 Menschen aufatmen können, die von den früheren Braunkohleplänen Vattenfalls betroffen gewesen wären. Weil sich neue Tagebaue betriebswirtschaftlich nicht rentieren, ist ihre Umsiedlung vom Tisch.

Die IG BCE wiederum frohlockt, dass die 8.000 Beschäftigten der Lausitzer Braunkohle aufatmen können, weil Deutschland die Braunkohle noch für lange Zeit als Eckpfeiler einer bezahlbaren Energieversorgung braucht.

Stoppstopp! Da ist eindeutig viel zu viel Atemluft im Spiel!

Vielleicht liegt das aber daran, dass IG-BCE-Vorständin Petra Reinbold-Knape nicht nur Gewerkschafterin ist, sondern auch noch stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei der LEAG-Bergbau-Tochter: Die hat heute das Ende des Tagebau-Projektes Jänschwalde beschlossen und alle anderen auf Eis gelegt.

Die Frau betreibt ein Doppelspiel. Noch bleibt den Finanzinvestoren aus Tschechien schließlich ein Geschäftsmodell erhalten: Mutter des milliardenschweren Unternehmens LEAG ist die Lausitz Energie Verwaltungs-GmbH – eine haftungsbeschränkte Kapitalgesellschaft mit 25.000 Euro Stammkapital.

Die dichtzumachen dürfte ziemlich einfach sein. 1,7 Milliarden blieben dann in der Tasche der Investoren!

Vielen Dank an Julia G. für den Hinweis via Posteo.


 

Michael Miersch: Bild-schöne Klima-Demagogie

Michael Miersch hat einen neuen Job. Miersch, Miersch, wer war das nochmal? Genau, die eine Hälfte des Autorenduos Maxeiner & Miersch, das seit mittlerweile zwei Jahrzehnten (vermutlich ganz gut) vom Öko-Bashing lebt. Vor ein paar Jahren war Miersch mal Ressortleiter beim Focus (eine Titelstory damals: „Prima Klima: Die globale Erwärmung ist gut für uns“). Davor hat er in der Welt klima„skeptische“ Thesen verbreitet. Dasselbe tat er lange Zeit auf dem Provokanten-Blog Achse des Guten, den er dann aber – dazu eine ehrliche Gratulation! – unter Protest gegen dessen immer stärkeren Rechtsdrall verließ.

Nun also arbeitet Miersch bei der Deutschen Wildtier-Stiftung als „Leiter Naturbildung“. Und hat heute der Bild ein – nunja, bemerkenswertes – Interview gegeben:

Das Boulevardblatt bietet dem „streitbaren Buch-Autor, Doku-Filmer und Naturschützer Michael Miersch (60)“ eine große Bühne für eine ganze Reihe irreführender und falscher Aussagen. Aber wir wollen hier nur die drei krassesten Passagen genauer anschauen.

So fragt Bild-Reporter Albert Link zum Beispiel nach der Zukunft der Eisbären:

Nun, wer sich hier auf dünnes Eis begibt, ist vor allem der „Leiter Naturbildung“ Michael Miersch. Denn er widerspricht hier ganz kühn der weltweiten Autorität auf dem Gebiet des Artenschutzes, der Weltnaturschutzunion IUCN, die den Eisbären seit langem auf ihrer Roten Liste führt. Und er verbreitet eines der, gähn, ältesten Pseudo-Argumente der Klimawandel-Leugnerszene: Denn die Zahl von weltweit 5.000 Eisbären aus den 1950er Jahren war erstens schon damals umstritten und wurde zweitens im Nachhinein ausdrücklich revidiert.

Zudem hat die zwischenzeitliche Zunahme des Eisbären-Bestandes nichts damit zu tun, dass der Klimawandel übertrieben wird – sondern damit, dass parallel die Jagd auf Eisbären weitgehend verboten wurde. Vor wenigen Wochen erst kam ein Team renommierter Forscher erneut zu dem Ergebnis, dass der Schwund des arktischen Meereises zu einem drastischen Rückgang der Eisbären-Population führen werde. Klar, die Art wird nicht in vier oder acht Jahren komplett ausgestorben sein – insofern ist die Schlagzeile über dem Interview nicht verkehrt. Aber was Miersch hier erzählt, dokumentiert – bestenfalls – seine Inkompetenz.

Auf die nächste Frage antwortet Miersch ähnlich zweifelhaft:

An dieser Antwort ist mehrerlei irreführend: Erstens wird es beim Klimawandel zwar in der Tat „Gewinner und Verlierer“ geben – aber die Zahl der Verlierer dürfte überwiegen, so die übereinstimmende Einschätzung von Forschern und Naturschützern.

Zweitens mag es zwar in Warmzeiten eine größere Artenvielfalt gegeben haben als in Kaltzeiten – aber der gegenwärtige Klimawandel ist weniger wegen seines absoluten Temperaturanstiegs ein Problem für viele Arten, sondern wegen seines Tempos: Er vollzieht sich schlicht zu schnell, als dass sich Tiere und Pflanzen einfach daran anpassen könnten.

Drittens der Palmöl-Boom – klar, der ist ein Problem. Allerdings wird der Rohstoff nicht nur zu Agrosprit verarbeitet, sondern in großem Stil auch zu Lebensmitteln und Kosmetika, weshalb schon seit Jahren eine ganze Reihe von Umweltverbänden dagegen kämpft. Doch nutzen diese, anders als Miersch, das Palmöl-Problem nicht dazu, „den“ Klimaschutz zu diskreditieren.

Es folgt geschickte Anti-Windkraft-Propaganda:

Natürlich darf beim Ausbau der Erneuerbaren der Naturschutz und insbesondere der Vogelschutz nicht aus den Augen geraten. Doch kommt es bei Windkraftanlagen vor allem darauf an, die Standorte sorgfältig auszuwählen, wie beispielsweise der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) betont.

Miersch hingegen dramatisiert die Zahl der durch Windkraft getöteten Vögel. Seriöserweise sollte er seine (ungefähr wohl stimmende) Zahl von 120.000 weniger mit fiktiven Risiken der Atomkraft vergleichen, sondern mit anderen realen Gefahren: Durch Kollisionen mit Glas (etwa an Gebäuden) nämlich sterben in Deutschland nach Schätzungen des BUND jährlich 1,8 Millionen Vögel. An Hochspannungsleitungen (durch die mitnichten nur Windstrom fließt) kommen pro Jahr laut einem aktuellen Gutachten des Nabu rund 2,8 Millionen Vögel zu Tode. Im Straßenverkehr sind es, so das Bundesamt für Naturschutz, jedes Jahr bis zu zehn Millionen.

Die Schätzungen nochmal zusammengefasst: Im Vergleich mit Windrädern sind Glasflächen für Vögel wohl rund 15-mal so gefährlich, Hochspannungsleitungen rund 23-mal und der Deutschen so heißgeliebtes Auto gar bis zu 80-mal. Doch Miersch zeichnet das Bild vom Vogelkiller Windrad – was selbst sein ehemaliger, bestimmt nicht ökobewegter Arbeitgeber Focus einen „Mythos“ nennt.

So geht es weiter und weiter.

Miersch mokiert sich über eine angeblich übertriebene Angstmache von Umweltschützern und Grünen – die es hier und da sicherlich gibt. Aber als Beleg führt er ausgerechnet das Ozonloch an, über das heute angeblich niemand mehr redet. Miersch verschweigt geflissentlich, dass das Montreal-Protokoll zum Verbot ozonschädigender FCKW und damit der Grund für die sinkende Aufmerksamkeit maßgeblich auf Druck von Umweltschützern zustande kam.

Als weiterer Beleg für die vermeintliche Öko-Hysterie gilt Miersch, dass das Waldsterben „ausgeblieben“ sei und es dem deutschen Wald ja heute „besser denn je“ gehe: Letzteres ist Quatsch, wie ein schneller Blick in den letzten Waldzustandsbericht zeigt (zwar hat sich die Lage bei einigen Nadelbäumen verbessert, bei Laubbäumen hingegen haben die Schäden seit Beginn der Erhebungen 1984 stark zugenommen). Und das Ausbleiben eines noch dramatischeren Waldsterbens ist – wie das kleiner werdende Ozonloch – kein Beleg für ungerechtfertigte Panikmache, sondern ein positives Ergebnis genau dieser Kampagnen der Umweltbewegung.

Irgendwann fragt man sich, was wohl Mierschs Chef zu so viel Demagogie sagt. Schließlich will die Stiftung ja laut ihrer Selbstdarstellung „Wildtiere und ihre Lebensräume fördern und schützen“. Aber dann fällt einem ein, wer den Laden seit fünf Jahren leitet: Fritz Vahrenholt, Deutschlands wohl bekanntester Verharmloser des Klimawandels.

Die beiden verstehen sich bestimmt blendend.


 

Weißes Haus: Bei Exxon Mobil abschreiben

Bekanntlich regiert derzeit Donald Trump die Vereinigten Staaten von Amerika. Oder etwa doch nicht?

Das Weiße Haus hat gestern folgende Stellungnahme verschickt:

Unstrittig jedenfalls ist: Trump sitzt jetzt im Weißen Haus, von dort lässt er sich als US-Präsident verlauten. Und er macht das, was er seinen Landsleuten im Wahlkampf angekündigt hatte. Zum Beispiel Jobs schaffen.

Präsident Trump gratuliert Exxon Mobil in seiner Stellungnahme vom Montag zu einem „Arbeitsplätze schaffenden Investitionsprogramm“. Weiter heißt es aus dem Hause des US-Präsidenten:

Nun, das klingt ein bisschen nach Firmen-PR, wenn der Präsident der USA erklärt, Exxon Mobil investiere „strategisch in neue Raffinerie- und Chemieproduktions-Projekte in der Golfküstenregion der Vereinigten Staaten, um seine Produktions- und Exportkapazitäten zu erweitern“. Ist doch klar, schließlich sind strategische Investitionen in der Regel dazu da, um Kapazitäten zu erweitern. 

Schauen wir also bei Exxon Mobil nach, welche Details der weltgrößte Energiekonzern zu seinem Investitionsprogramm verrät:

Ups, das ist ja Wort für Wort das Gleiche!

Das Weiße Haus verzichtet lediglich auf das Wort expansion – Exxon Mobils Erweiterungs-Programm ist in der Sprache des US-Präsidenten einfach nur das Golf-Wachstums-Programm. So, als ob der Chef persönlich Hand angelegt hätte.

„Der Geist des Optimismus fegt durch das Land, und das ist erst der Anfang“, heißt es auf Trumps Facebook-Seite zu dem Investitions-Programm.

Was er damit nun wieder meint!? Vielleicht, dass Exxon Mobil sich demnächst auch die Gesetzestexte im Weißen Haus selber schreibt? Dass die Pipelines „Dakota Access“ und „Keystone XL“ von der US-Administration persönlich gebaut werden wie die Mauer nach Mexiko? Ex-Exxon-Mobil-Chef Rex Tillerson jetzt als US-Außenminister ganz offiziell Politik für die „Vereinigten Aktionäre von Exxon Mobil“ macht? Dass er, Donald John Trump, gar nicht der 45. US-Präsident ist, sondern nur eine Marionette?

Wir werden dranbleiben, versprochen!

Danke an Matthias R. aus Hamburg für den Hinweis.