Gaswirtschaft: Lügen zum eigenen Vorteil

Folgende Grausamkeit trägt sich gerade in Berlin zu:

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Oh, oh: Der Reichstag geht unter.

Echt jetzt? So wie 1986 bereits der Kölner Dom?

Nicht ganz. Die Grafik ist Teil einer offenbar groß angelegten Werbekampagne. Und wer dem Eyecatcher folgt, der landet auf der Internet-Seite www.klima2020.de:

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„Die Politik verfehlt die Klimaziele 2020″, ist da zu lesen. Das Greenpeace Magazin hatte in der vergangenen Woche herausgefunden, dass diese Botschaft nicht etwa von einer Umweltorganisation kommt – nach der Recherche der Magazin-Kollegen ist ausgerechnet die Industrie Absender dieser völlig korrekten Botschaft!

Also, natürlich nicht die ganze deutsche Industrie. Das Werbemotiv stammt von der Erdgaswirtschaft. Und das interessierte uns dann doch genauer. Die Gaswirtschaft fragt: Warum ignoriert die Politik den Ernst der Lage?

Ja: Warum denn?

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Antwort: „Auf den ersten Blick sieht es gut aus: Windräder auf den Feldern, Solarzellen auf so vielen Dächern. Deutschland baut sich um, das ist offensichtlich.“

Weiter heißt es:gas3-1

„Kaum mehr als drei Prozent der verbrauchten Energie stammt heute in Deutschland tatsächlich aus Wind und Sonne.“

Die Gaswirtschaft bedient sich eines altbewährten, aber simplen Bauerntricks: Windräder und Photovoltaikanlagen produzieren Strom – und zwar im vergangenen Jahr knapp 118 Milliarden Kilowattstunden. Das sind 18,3 Prozent der hierzulande verbrauchten Elektrizität – deutlich mehr als die Atomkraftwerke (14,2 Prozent) zustandebringen, fast genauso viel, wie die Steinkohle beitrug. Kommen noch Wasserkraft und Biomasse hinzu, dann waren die Erneuerbaren 2015 sogar Stromlieferant Nummer eins (mit 29 Prozent) vor der besonders klimaschädlichen Braunkohle (24 Prozent).

Rechnet man allerdings alle anderen Formen von Energie in die Statistik hinein, also Benzin und Diesel für den Verkehr und die Landwirtschaft, Heizenergie für Wohnungen, Büros oder Fabriken etc. pp. – dann macht die Elektrizität aus Wind und Sonne natürlich weniger am Gesamtverbrauch aus: Es wird halt noch nicht sehr viel Windstrom vertankt, und solar erwärmtes Duschwasser ist auch eine Rarität.

Als Quelle für ihre Information hat die Gasindustrie die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen angegeben. Diese AG wurde 1971 in Essen von sieben Verbänden der deutschen Energiewirtschaft und drei auf dem Gebiet der energiewirtschaftlichen Forschung tätigen Instituten gegründet. Man kann also getrost behaupten, dass die Bilanzierer wirtschaftsnah sind.

Die AG hat in ihrem Halbjahresbericht 2016 festgestellt:

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Wind- und Solarkraft sind natürlich nur zwei erneuerbare Technologien. Nimmt man alle zusammen, kommen die Erneuerbaren immerhin auf 12,5 Prozent dessen, was die Erneuerbaren zum Gesamt-Energieverbrauch beitragen.

Kaum mehr als drei Prozent? Anders als www.klima2020.de behauptet, liegen die Erneuerbaren auch hier gleichauf mit der Steinkohle – hinter Erdgas und Erdöl. Wieder hilft die AG Energiebilanzen:

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„Die Politik verfehlt die Klimaziele 2020″, schreibt die Gaswirtschaft in ihrer Kampagne. Und hat deshalb einen blendenden Vorschlag: „Der Ausbau erneuerbarer Energien ist ein Teil der Lösung. Aber eben nur ein kleiner Teil.“

Der andere Teil wird in der Kampagne zwar nicht explizit erwähnt. Den liefern aber die Lobbyorganisationen der Gasbranche nach: „Gas kann grün“ heißt der Appell, den der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft am Montag veröffentlicht hat. Dort heißt es, die Dekarbonisierung Deutschlands könne nur mit Erdgas gelingen.

Was natürlich Quatsch ist: Erdgas hat zwar unter den fossilen Energieträgern die geringsten Treibhausgas-Emissionen je Energieeinheit – dennoch bleibt Erdgas ein fossiler Energieträger. Schon deshalb kann die „Entfossilisierung“ der Gesellschaft nicht mit fossilem Erdgas gelingen.

Am Mittwoch wollte sich das Bundeskabinett mit dem „Klimaschutzplan 2050″ befassen. Es geht darum, die deutschen Treibhausgase bis 2050 um bis zu 95 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Deshalb muss langfristig auch Erdgas aus dem deutschen Energiemix weichen, wogegen sich die Branche nun also mit www.klima2020.de und einer konzertierten Lobbyaktion wehrt, wie die FAZ schreibt: Die Erdgas-Branche erkenne in dem Klimaschutzplan eine Tendenz zu Technologieverboten im Heizungsmarkt, eine einseitige Präferenz der Bundesregierung für mit Ökostrom betriebene Wärmepumpen.

Igitt, eine Tendenz zu Technologieverboten im Heizungsmarkt! Dagegen muss man sich natürlich wehren!! Vor allem, wenn das Geschäft gerade derart blendend läuft für Gazprom, Wintershall, Eon und Co, dass eine zweite Ostseepipeline in den nächsten 40 Jahren weniger mehr Erdgas auf den deutschen Mark bringen soll!

Blicken wir noch einmal in das Zahlenwerk der AG Energiebilanzen. Dort bilanziert der Halbjahresbericht 2016 die Entwicklung der einzelnen Energieträger von Januar bis Juni:

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Wir danken unserem Leser Hannes A. aus Erlangen für den Hinweis.


 

Neues aus dem Fundus (V): Deutsche Psst!

Och!
Bitte!!
Nicht schon wieder!!!

Das Magazin +3 ist ein Exot in der deutschsprachigen Presselandschaft. Es berichtet nicht, sondern stellt auf seinem Titelblatt drei Fragen. An die Leser, an Experten, an die Gesellschaft. Das Blog vollaufdiepresse.de urteilte, das Magazin würde „mit innovativen Ansätzen den Versuch eingehen, gesellschaftspolitische Debatten anzustoßen“.

Drei Fragen also an die Gesellschaft. Im Oktoberheft wird beispielsweise gefragt: „Welche Verantwotung haben Unternehmen?“

Interessant ist das Magazin natürlich auch für Antworten aus der Wirtschaft. Zum Beispiel für die Deutsche Post, die gleich eine ganze Seite buchte:

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Stimmt: Die Deutsche Post hat zusammen mit der Universität Aachen (und ganz viel vom Steuerzahler finanziertem Fördergeld) ein elektromobiles Zustell-Auto entwickelt. Und: Stimmt auch, das fährt elektrisch. Aber fährt es auch 100 Prozent klimafreundlich?

Der Klima-Lügendetektor hat die Deutsche Post bei diesem Thema schon zweimal der glatten Lüge überführt. Denn folgender Zusammenhang ist nicht automatisch gegeben:

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100 Prozent Kohlendioxid-frei sind 100 Prozent elektrisch betriebene Fahrzeuge nur, wenn sie 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren tanken. Damals hatte uns ein Leser aus München gebeten, doch einmal zu recherchieren, welchen Strom die Post eigentlich tankt. Ergebnis: sogenannten RECS-Strom.

RECS ist die Abkürzung für das Renewable Energy Certificate System, das in Deutschland unter anderem von den Kohlekonzernen Eon, RWE und Vattenfall mitbegründet wurde. Kritiker bezeichnen die Organisation als Greenwashing-Zentrale: Für jede in Skandinavien oder den Alpenländern gewonnene Kilowattstunde Strom bekommt der dortige Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat, das er für etwa 0,05 Cent pro Kilowattstunde weiterverkaufen kann. Das bedeutet andersherum, dass jeder, der zum Strompreis zusätzlich noch 0,05 Cent pro Kilowattsunde draufzahlt, die gleiche Strommenge aus Atom- oder Kohlekraftwerken als „Ökostrom“ anpreisen darf.

„So wird aus konventionellem Strom Ökostrom“, beschreibt Thorsten Kasper, Energieexperte beim Verbraucher­zentrale Bundes­verband (VZBV), den Mechanismus. „Der Nutzen für die Umwelt ist gleich Null. In Skandinavien wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, dass mit den dazugehörigen Zertifikaten die gesamte bundesdeutsche Produktion von Atom- und Kohlestrom für Haushaltskunden zu Ökostrom umetikettiert werden könnte. Dieses System schafft aber keinen Anreiz für den Bau neuer umweltfreundlicher Anlagen. Unterm Strich wird weiterhin so viel konventioneller Strom produziert wie bisher.“

Der Chef der Deuschen Post, der Vorstandsvorsitzende Frank Appel, schrieb in seinem Blog 2013: „Es gilt nun, nicht nachzulassen, denn wir haben keine Zeit mehr, den Klimaschutz auf morgen zu verschieben.“ Nun: Fragen wir doch bei der Post einmal nach, ob sie inzwischen klimafreundlicheren Strom tankt. Wir müssen die Anfrage an die Pressestelle schriftlich stellen, schließlich ist das ein Detail, das von der Fachabteilung bearbeitet werden muss.

Hier die Antwort:

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Das ist nicht ganz befriedigend! Bedeutet „mit zertifiziertem grünen Strom“, dass die Post immer noch den RECS-Trick anwendet? Für 0,05 Cent aus Braunkohlestrom pseudogrünen Schwindelstrom macht? Woher stammt der elektromobile Strom der DHL?

Wir fragen also noch einmal nach. Diesmals schreibt die Pressestelle der Post:

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„Welche Verantwortung haben Unternehmen?“, fragt das Magazin +3 in besagter Oktoberausgabe.

Liebe Post: Bitte Psssst!


PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


 

In eigener Sache: Dem Astroturfing auf der Spur

Es war die Zeit, als Turnhallen in den USA gerade groß in Mode kamen: Sport machen bei Regenwetter, ohne nass zu werden, prima Sache. Es gab natürlich Kinderkrankheiten, wie zum Anfang einer jeden neuen Epoche: Der Rasen ging in den Hallen immer wieder ein, er wollte einfach nicht nachwachsen.

Aber wie bei jeder neuen Kinderkrankheit wurde bald auch hier eine neue Medizin entdeckt: 1965 hatten sich Donald Elbert, James Faria und Robert Wright den „ChemGrass“ genannten Kunstrasen patentieren lassen. Erste Erfahrungen mit dem neuen Sportbelag waren durchaus positiv. Und als dann Monsanto 1987 groß in die Vermarktung einstieg – Markenname nun „Astro Turf“ –, war der weltweite Siegeszug des Kunstrasens programmiert.

Bekanntlich hat dieser „Astro Turf“-Rasen keine Graswurzel. Deshalb musste sich der Klima-Lügendetektor in München mit dem „Astroturfing“ befassen: „Wenn Konzerne den Protest managen“ hieß die Veranstaltung, zu der Lügendetektor-Autor Nick Reimer – links im Bild neben Marc Winkelmann, dem Moderator und Chefredakteur des Magazins enorm – zum diesjährigen Klimaherbst geladen war.

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Grünfärberei, wie sie uns auf diesem Blog seit 2008 beschäftigt, ist nur eine der Strategien, mit der die alten Fossilkonzerne die Energiewende aufhalten wollen. Eine andere ist die Gründung von Tarninitiativen, im Englischen „Astroturfing“ genannt – weil eben keine Graswurzelbewegung hinter diesen vermeintlichen Bürgerinitiativen steckt.

Beispiel gefällig? Die „Bürgerinitiative Unser Revier – unsere Zukunft – An Rur und Erft“ aus dem Rheinland war bei uns auf dem Klima-Lügendetektor bereits 2015 Thema:

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Die Gruppe „versteht sich als ‚Allianz für Realismus und Sachlichkeit‘ in der Energiepolitik“, ist dort zu lesen. „Konstruktiv und kreativ“ wolle man sich „in die gesellschaftspolitische Diskussion um die Zukunft der Braunkohle und des Reviers einbringen“. Auf dem zugehörigen Foto sind sieben Herren zu sehen, die meisten schon etwas älter und im Jackett. Sie halten Schilder, auf denen zum Beispiel steht: „Kohle sichert Existenzen“. Es geht hier nämlich um eine Pro-Braunkohle-Initiative.

hier

Nun ist es den Herren natürlich unbenommen, wenn sie ihre Meinung kundtun, dass ist ja eine der Errungenschaften unseres Landes. Schwierig wird es, wenn es zu einer Verwischung von PR- und Bürgerinteresse kommt. Ulrich Müller von Lobbycontrol rät, beim Verdacht auf eine Tarnorganisation die Jahresberichte zu studieren (soweit existent), Geldflüsse zu erkunden oder zu schauen, ob verwendete Kontaktadressen oder Telefonnummern schon mal anderweitig aufgetaucht sind.

Man kann sich auch die beteiligten Personen anschauen. Und da fällt dann bei „Unser Revier – unsere Zukunft“ gleich ein RWE-Betriebsrat auf. Ein zweites Vorstandsmitglied war für Müller sogar ein alter Bekannter: Thomas Mock, Mitarbeiter eines großen Aluminiumkonzerns, und schon vor Jahren in einer Anti-Windkraft-Gruppe namens „Bundesverband Landschaftsschutz“ aktiv, der enge Verbindungen zur Industrie vorgeworfen wurden. Zur Erklärung heißt es von solchen Personen, das Engagement sei natürlich streng privat und werde aus eigener Tasche finanziert.

Im Interview mit dem Veranstalter erklärt Nick Reimer HIER, warum „Astroturfing“ der Versuch ist, die Energiewende aufzuhalten. Ja sogar umzudrehen.


 

Eon: Ein solares Gutenmorgenmärchen

Was unsere Leser vielleicht nicht wissen: Manchmal ist die Arbeit, die das Team vom Klima-Lügendetektor investiert, völlig umsonst. Es gibt einen Anfangsverdacht, wir recherchieren, kommen aber nicht zum Ziel: Entweder ist die getroffene Behauptung keine Lüge – oder sie lässt sich mit unseren journalistischen Mitteln einfach nicht nachweisen. Zwei Tage Arbeit, aber trotzdem kein Text!

Eingesandt hat diesmal Constanze W. aus München den Scan folgender Anzeige, mit der knappen Frage: „Was soll das?“

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„Speichern von Solarenergie wird immer wichtiger für die Energiewende“, behaupten die Werbetreibenden im Auftrage Eons. Zum Beispiel um die Gutenachtgeschichte mit gespeicherter Sonnenenergie vorzulesen.

Für die verkaufte Kilowattstunde Strom aus einer kleinen Dachanlage gibt es aktuell 12,7 Cent, Strom aus der Steckdose kostet 28,7 Cent im bundesweiten Durchschnitt. Logisch, dass selbst genutzter Solarstrom die Anlage schneller refinanziert.

Das Dumme ist: Die Speichertechnik ist noch eine Technologie in den Kinderschuhen, die solare Gutenachtgeschichte deshalb ein Problem.

Aber dafür gibt es ja nun Eon! Denn in der Werbung heiß es:

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Und wenn man jetzt wie anempfohlen eon-solar.de ansteuert, dann war die Arbeit des Klima-Lügendetektors wieder einmal umsonst: Deutschlands ehemals größter Atom- und Fossilkonzern bietet tatsächlich seit dem 7. April dieses Jahres eine technologische Lösung für die solare Gutenachtgeschichte. Das geht also mit Eon, der deutsche Energiekonzern will mit dem Speichersystem Aura dem US-amerikanischen Konkurrenten Tesla Paroli bieten.  Und deshalb hat der Lügendetektor bei der Prüfung der aus München eingereichten Anzeige nicht negativ ausgeschlagen.

Obwohl: Genauer betrachtet geht das ja doch nicht mit Eon!

Zwar hat der Konzern sich gerade aufgespalten und all seine „alte Energie“ in die neue Tochter Uniper ausgelagert. Aber Sonnenenergie kann Eon gar nicht speichern! Einfach, weil Eon doch praktisch keine Sonnenenergie produziert – der Anteil ist so gering, dass er im Geschäftsbericht für 2015 in den Tabellen zu Kraftwerkspark und erzeugten Strommengen (Seite 28-30) nicht einmal einzeln ausgewiesen wird. Eon und Sonnenstrom? Das ist offensichtlich wie Veganer und Schweinshaxe!

„Bei Photovoltaik ist definiert: Dies ist ein Eon-Wachstumsfeld“, hatte Eon-Manager Sven Utermöhlen unserem Schwesterportal klimaretter.info vor einem Jahr erklärt: „Dass wir in der Photovoltaik aufholen wollen, ist unstreitig.“ Und damit das Sonnenstromspeichern dann mit Eon doch klappen kann, bietet der Konzern zu seinem Speicher Aura auch gleich noch eine Solaranlage an.

Könnte der Beginn eines wirtschaftlichen Guten-Morgen-Märchens werden: Tataaa!! Eon ist aufgewacht!

Vielen Dank an Constanze W. aus München für den Hinweis


 

F. Petry (AfD): Wissenschaftlich disqualifiziert

Auf Youtube gibt es einen Kanal namens „Jung & Naiv“, der Untertitel lautet „Politik für Desinteressierte“. Gemacht wird sie von dem 30-jährigen Tilo Jung, 2014 bekam er für das Format den renommierten Grimme Online Award. Regelmäßig interviewt Jung Politikerinnen und Politiker; und Teil des Konzepts ist, dass es da auch gehörig menschelt. Kürzlich saß Tilo Jung mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry beisammen und fragte zum Beispiel, warum sie Chemie studiert habe und nicht Kirchenmusik. Antwort: „Orgelspielen geht als Hobby. Chemie als Hobby, das geht nicht.“

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Das 72-minütige Interview handelt aber natürlich auch von Politik. So erzählt die Chefin der Rechtspopulisten, dass sie früher CDU gewählt habe. Und Gerhard Schröder (SPD). Aber auch mal FDP. Einmal sei sie gar nicht zur Wahl gegangen. Wem sie aber niemals ihre Stimme gegeben habe, seien die Grünen: „Als Chemiker geht man mit den Fragen von Umweltschutz sehr viel differenzierter um als die Grünen. Überspitzt gesagt habe ich den Eindruck, dass sich die Grünen eine menschenfreie Umwelt wünschen, die es in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland nicht geben kann.“ Industrieland, Wirtschaftskraft und so.

Ab Minute 19:30 wird es besonders interessant. „Ich bin als Wissenschaftler der Meinung, man sollte nicht schwarz oder weiß denken. Das ist eine Kritik, die ich an den Grünen habe“, hebt Petry an. Und dann fügt sie an – gefragt war nach Natur- und Klimaschutz: „Die aktuell vorherrschende These ist, dass der menschgemachte Klimawandel existiert, dass es den Klimawandel gibt, da bin ich dabei, weil es den zu allen Zeiten gegeben hat. Allein: Ich halte die Hypothese, dass der Mensch dafür verantwortlich ist, nicht für bewiesen. Selbst wenn man Bücher von den sogenannten Klimaschützern liest …, dann sind sie bei einer Frage eben auch nicht entschieden, nämlich der Frage, ob zuerst die Erwärmung da war oder erst der CO₂-Anstieg. Das ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei.“

Ei, ei, ei.

So viele halbseidene Behauptungen in einer Antwort. Klar, es hat zu allen Zeiten Klimawandel gegeben, und diese historischen Klimawandel hatten natürliche Ursachen. Aber als Wissenschaftlerin (mit einer Promotionsnote summa cum laude) sollte Frau Petry logisch zu denken gelernt haben. Als Nachhilfe eine kleine Analogie: Wenn es früher Waldbrände gab, die natürlich ausgebrochen sind – kann man daraus ableiten, dass ein heutiger Waldbrand auch natürlich verursacht wurde?

Oder die Sache mit dem Kohlendioxid und der Erwärmungswirkung, die von Leugnern des Klimawandels immer wieder aufgebracht wird: In der Tat gab es bei historischen Klimawandeln das Phänomen, dass durch eine Erderwärmung in der Natur vermehrt CO₂ freigesetzt wurde. Damals waren die Emissionen also in der Tat Folge des Klimawandels. Aber auch damals verstärkte das dann frei gewordene Kohlendioxid die Erwärmung weiter. Diese Treibhauswirkung von CO₂ in der Atmosphäre ist seit vielen Jahrzehnten und durch haufenweise Experimente belegt. Ebenso viele Belege gibt es dafür, dass menschengemachtes Kohlendioxid ursächlich für den aktuellen Klimawandel ist. Die Fachwissenschaft ist sich praktisch einig darüber.

Das weiß natürlich auch Interviewer Tilo Jung, weshalb er nachhakt: „Du bist doch ’ne Wissenschaftlerin! [Jung duzt Petry] 97 Prozent der Wissenschaftler sagen doch: Der Klimawandel ist besonders durch den Menschen verschärft!?“

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Petry antwortet: „Ja, das stimmt, das ist eine große Mehrheit, die das sagt. Wenn man aber weiß, wie Grundlagenforschung funktioniert, wie sich Förderprogramme finanzieren und wie es in der Wissenschaft leider keine politische Unabhängigkeit gibt, wenn wir wissen, dass der sogenannte Klimarat IPCC eine politische Einrichtung ist, die zugibt, dass all seine Prognosen auf Hypothesen basieren …, dann bleiben da verdammt viele Fragen offen.“

Auch diese Antwort ist ein Sammelsurium von Behauptungen der Leugnerszene, die sooooo einen Bart haben.

Klar, der Weltklimarat ist eine von Politikern (bei den Vereinten Nationen) gegründete Einrichtung – aber die Wissenschaftler, die im IPCC (ehrenamtlich übrigens) die vieltausendseitigen, akribischen Berichte verfassen, arbeiten nicht politisch. Natürlich, die Klimaforschung arbeitet mit Hypothesen. Aber in der Wissenschaft ist eine Hypothese, anders als im allgemeinen Sprachgebrauch, nicht irgendeine fixe Idee oder ein Hirngespinst, sondern eine Phänomenerklärung, die durch Prüfung und Beobachtung bestätigt wird. Auch das weiß die Chemikerin Frauke Petry garantiert – aber sie ist eben auch Populistin und weiß, wie Worte in politischen Reden wirken.

Fakt ist, dass der weltweit gemessene Temperaturanstieg nicht mit natürlichen Schwankungen des Klimasystems erklärbar ist. Der von Petry erwähnte IPCC urteilte 2014 in seinem letzten Sachstandsbericht (Abschnitt D3):

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Die Formulierung „äußerst wahrscheinlich“ bedeutet beim IPCC irgendetwas zwischen 95- und 100-prozentiger Sicherheit. In der Forschung ist das eine extrem starke Aussage. Aber okay, dem Weltklimarat will Frauke Petry ja nicht trauen.

Wie wäre es mit Wissenschaftskollegen jenseits des IPCC? Auf der Website der kalifornischen Regierung wird eine Liste weltweiter Forschungsvereinigungen geführt, die den Konsens teilen, dass der Mensch Hauptursache des gegenwärtigen Klimawandels ist. Die Liste hat momentan 197 Einträge – von A wie „Academia Chilena de Ciencias“ aus Chile über G wie „German Academy of Natural Scientists Leopoldina“ aus Deutschland und R wie „Russian Academy of Sciences“ in Russland bis Z wie „Zimbabwe Academy of Sciences“ aus Simbabwe. Sind das auch alles „politische Einrichtungen“?

Wie wäre es mit Fachkollegen, Frau Petry? Es war der schwedische Chemiker Svante Arrhenius, der nach jahrelangen Berechnungen schon 1896 vorhersagte, dass große zusätzliche Kohlendioxid-Emissionen (zusätzlich zu den natürlichen) die Temperaturen auf der Erde ansteigen lassen werden. Oder vielleicht sollte Frauke Petry einfach nur mal beim Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz anrufen. Dort gibt es einen ganzen Fachbereich „Klimageochemie“, der sich mit den Wirkungen von Chemikalien im Klimasystem der Erde befasst. Vor ein paar Monaten erst ist eine große internationale Studie erschienen, an der die Mainzer Kollegen mitgewirkt haben und die im Detail den Beitrag des Menschen zum Klimawandel darstellt.

Die Grimme-Preis-Jury lobte in ihrer Laudatio den Journalisten Tilo Jung dafür, dass er seinen Interviewpartnern „teils entlarvende Antworten“ entlocke. In der Tat hat sich Frauke Petry mit ihren Aussagen zum Klimawandel entlarvt: Einer Wissenschaftlerin, die ernsthaft an Erkenntnis interessiert ist, sind sie unwürdig. So betrachtet, hätte ein Orgelmusik-Studium wohl besser zu ihr gepasst.

Für eine Politikerin aber ergeben die Aussagen durchaus Sinn: Wenn man Chefin einer Partei ist, die sich als Tabubrecherin und Gegenpol zu einer Mehrheit inszeniert, dann ist es sehr passend, sich auch gegen die übergroße Mehrheit der Wissenschaft zu stellen. Und wenn man staatliche Interventionen in die Wirtschaft ablehnt, deren Notwendigkeit aber nahezu zwingend aus den Erkenntnissen der Klimaforschung folgt – tja, dann ist es halt eine bewährte Strategie, Zweifel an der Forschung zu säen. Auch wenn man es als Wissenschaftlerin besser wissen könnte.

Vielen Dank an Bernd R. aus Merseburg für den Hinweis!


 

DB mobil: Die Kunden zum Winzer machen

Pünktlich zum 1. Oktober liegt das neue Bordmagazin DB mobil in den ICEs aus. Und das ist ganz wuuunderbar! Jetzt nämlich kommt raus:

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Endlich mal ne gute Nachricht bei all der Schwarzmalerei über die Erderwärmung!

Wir sind die Gewinner!!

Das will man doch lesen!!!

Also los:

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Das enttäuscht jetzt ein bisschen. Wir sind zwar die Gewinner, aber dann doch nur beim Wein?

In der Oktoberausgabe der DB mobil – hergestellt von Gruner + Jahr – wird ab Seite 60 der Brite Stuart Pigott interviewt. Der gilt als „einer der besten Kenner der deutschen Weinszene“, wie DB mobil schreibt. Und der geht es immer besser, dieser deutschen Weinszene.

Pigott sagt: „Heute könnte ich Ihnen eine sehr lange Liste mit deutschen Winzern aufzählen, die sensationelle Produkte verkaufen. Hätten Sie mir diese Entwicklung vor 30 Jahren prophezeit, ich hätte mit dem Kopf geschüttelt.“ Sogar beim Rotwein gibt es diese Entwicklung.

Der Interviewer will deshalb wissen:

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Deshalb kommt Stuart Pigott auch zu seinem Urteil:

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Wie jetzt: „Deutsche Winzer“???

Die Schlagzeile hieß doch: „Wir sind die Gewinner des Klimawandels“. Aber wir sind doch keine Winzer!!!

Tatsächlich steht nirgendwo im Text, dass „wir“ die Gewinner des Klimawandels sind. Die Schlagzeile ist nicht gedeckt vom Text. Im Gegenteil: Die Schlagzeile ist eine glatte Lüge!

Pigott urteilt schließlich:

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Danach nämlich sind die deutschen Winzer die Verlierer des Klimawandels. Dem Riesling ist es hierzulande dann einfach zu warm, Spitzenweine kommen dann aus Dänemark oder Schweden und Weinkenner, die dann von unkritischen Journalisten befragt werden, werden erklären: „Hätten Sie mir diese Entwicklung vor 30 Jahren prophezeit, ich hätte mit dem Kopf geschüttelt.“

Die deutschen Winzer selbst übrigens sprechen von 2016 als einem „schwierigen Jahr“ für ihr Produkt: „Es war selten so nass und kühl im Frühling wie in diesem Jahr“, klagt Markus Wöhrle, Chef des gleichnamigen Weinguts. Es ist der Klimawandel, der mit seinen zunehmenden Extremwettern den deutschen Winzern immer häufiger zusetzt.

Seien Sie also froh, dass sie KEIN Winzer, ergo KEIN „Gewinner des Klimawandels“ sind!

 

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


 

25 Jahre Klimaziel: Deutschland liegt daneben

Vor 25 Jahren beschloss der Deutsche Bundestag die Drucksache 12/1136. Damit gab sich die Bundesrepublik zum ersten Mal ein nationales Klimaziel.

Unter „I. Ziele“ heißt es in der Beschlussvorlage:

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Minus 30 Prozent bis zum Jahr 2005 gegenüber dem Basisjahr 1987! Im Beschluss ist auch detailliert aufgeführt, um welche absolute Menge die deutsche Treibhausgas-Fracht reduziert werden sollte:

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Der erste, der dieses Klimaziel zusammenstrich, war Helmut Kohl (CDU). Auf der ersten Vertragsstaatenkonferenz der UN-Klimadiplomatie erklärte der damalige Bundeskanzler am 5. April in Berlin:

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Nicht mehr 1987 war jetzt Bemessungsgrundlage, sondern 1990. Damit sparte sich die wiedervereinigte Bundesrepublik mal eben ein paar Prozent Reduktionspflicht – je nach Berechnung einige Millionen Tonnen.

Der zweite, der das deutsche Klimaziel zusammenstrich, war ausgerechnet der Bündnisgrüne Jürgen Trittin. In einer Presseerklärung vom 19. Februar 2003 heißt es:

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Was anderes konnte Umweltminister Trittin im Februar 2003 auch gar nicht erklären. Denn die Treibhausgas-Emissionen im vereinigten Deutschland lagen zwei Jahre vor dem Einlauf zum ersten deutschen Klimaziel bei 1.033 Millionen Tonnen. Die im Beschluss von 1991 avisierten 750 Millionen Tonnen Obergrenze waren nicht mehr zu schaffen.

Aber dann folgte auf Jürgen Trittin ja Sigmar Gabriel (SPD). Und der nahm die 750 Millionen Tonnen wieder ins Visier. Im Jahr 2007 heißt es nämlich aus dem Bundesumweltministerium:

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Minus 40 Prozent gegenüber 1990 – das wären exakt 749 Millionen Tonnen Treibhausgas.

Seitdem sind annähernd zehn Jahre vergangen, Sigmar Gabriel ist jetzt der Bundeswirtschaftsminister, was sich gut trifft, denn damit sitzt er an den Hebeln für den Umbau der Industriegesellschaft. Doch wer sich die Entwicklung der vergangenen sieben Jahre genauer ansieht, der wird ins Grübeln kommen. Statt zu sinken, sind die Emissionen nämlich wieder gestiegen:

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Absenkung auf 749 Millionen Tonnen: Um das 2005er Ziel, das jetzt frisch angestrichen als 2020er Ziel strahlen soll, doch noch zu schaffen, müsste die Bundesregierung ihre Anstrengungen dafür mindestens verdreifachen. Stattdessen aber deckelt sie den Ausbau der Erneuerbaren und verweigert auch sonst jegliche Klimaschutzanstrengung.

Aber vermutlich ist das alles nur ein Missverständnis. Offenbar wurden deutsche Reduktionsziele nie gemacht, um sie auch wirklich einzuhalten – sondern um sich als Ankündigungsweltmeister feiern zu lassen.

Also hoch die Tassen, Tusch und Jubel: Heute vor 25 Jahren beschloss der Deutsche Bundestag das erste deutsche Klimaziel. Schalten wir noch einmal live in die Plenardebatte vom 27. September 1991 nach Bonn (damals noch Sitz von Bundestag und Regierung):

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Zur Erinnerung: Die Regierungskoalition stellten damals CDU/CSU und FDP. Und die Opposition – inklusive Gabriels SPD – hatte damals mit Nein gestimmt, weil sie deutlich ehrgeizigere Ziele wollte.

 

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


 

RWE Innogy: Da stutzt sogar das Handelsblatt

Wir freuen uns sehr, wenn unsere Arbeit Früchte trägt. Noch mehr würden wir uns freuen, wenn sie gar überflüssig würde. Entweder weil es kein Greenwashing mehr gäbe. (Ha, ha!) Oder weil Kolleginnen und Kollegen in anderen Medien unsere Arbeit übernähmen und die kleinen und großen Lügen von vermeintlicher Klimafreundlichkeit hinterfragen.

Nun schreiben wir ja schon seit Jahren über RWE, über Märchenfilme und klimaskeptisches Geraune eines Spitzenmanagers, über Waldphantasien und Steinkohle-, äh, Pleitekraftwerke, über Schildkröten und „Stromlücken“-Angstmacherei des damaligen Konzernchefs Jürgen Großmann. (Erinnert sich noch jemand an die „Stromlücke“? Die wurde vor ein paar Jahren für den Fall des Atomausstieg prophezeit. Goldig, oder? Heute, mitten im Atomausstieg, gibts immer öfter Strom im Überfluss …) Und, und, und. Jedenfalls hat uns, wenn wir eben im Archiv richtig gezählt haben, kein Unternehmen seit unserer Gründung 2008 häufiger beschäftigt als RWE.

Inzwischen jedoch hat RWE offenbar erkannt, dass sich die Energiewende nicht mehr verhindern lässt – der Börsengang der peppigen Tochterfirma Innogy, in der unter anderem der alte Ökostrom-Ableger gleichen Namens aufgegangen ist, soll zum Befreiungsschlag werden. Für Innogy hat man sich von der Edel-Agentur Jung von Matt hat einen millionenschweren Markenauftritt auf die Beine stellen lassen. Diese schicke Kampagne aber ist selbst dem gewiss nicht industriefeindlichen Handelsblatt zu viel. Als „fast schon zynisch“ bezeichnete die Zeitung heute einen Slogan, den die RWE-Tochter am Düsseldorfer Flughafen aushängen ließ:

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Zur Erinnerung: Im Rheinland betreibt RWE noch immer reihenweise Braunkohlekraftwerke und -tagebaue – und will davon auch nach dem Neustart der grünen Tochter Innogy nicht lassen. Mehr als 80 Millionen Tonnen Kohlendioxid emittieren die RWE-Klimakiller pro Jahr, das sind sage und schreibe fast zehn Prozent des gesamten deutschen Treibhausgas-Ausstoßes!

Im Text des Handelsblatt-Kollegen Jürgen Flauger heißt es unter anderem:

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Besser hätten wir’s diesmal auch nicht aufschreiben können.

Danke an Sebastian M. aus Bad Neustadt für den Hinweis


 

Lauretana: Viel zu leicht nehmen

Regional produziert, ohne Einsatz von Dünger oder Pestiziden – Biolebensmittel sind gut für das Klima. Allerdings sind sie auch um einiges teurer, weshalb es in Bio-Supermärkten etlichen Lesestoff gibt, der beraten soll.

Zum Beispiel eve, das „Kundenmagazin für Naturkost und Naturkosmetik“. Dort gab es im Augustheft auf Seite 5 folgende Anzeige:

Lauretana

Lauretana ist ein „natürliches Mineralwasser“ – „ohne Kohlensäure“.  Mit dem stolzen Preis von 1,09 € pro Liter ist es ganz schön teuer. Aber es ist ja auch – Eigenwerbung – „das leichteste Wasser Europas“ mit nur 14 Milligramm Mineralstoffen pro Liter. Und obendrein klimaverträglich – weil es mit dem Zug nach Deutschland kommt.

Hä? Trinkwasser ist klimaverträglich, weil es mit dem Zug kommt?

Über die Herkunft des Wassers erfahren wir Folgendes:

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Abgefüllt wird das Wasser also in Graglia im Piemont, Italien. Von dort sind es 850 Kilometer Luftlinie bis in einen Berliner Bio-Supermarkt. Ein Straßentransport schlägt gar mit 1.060 Kilometern zu Buche.

Aber Lauretana kommt ja mit dem Zug nach Deutschland!

Jetzt wird es rätselhaft: Graglia verfügt nämlich über keinen Eisenbahnanschluss. Selbst wenn wir dieses kleine Detail einmal vernachlässigen: Was bittschön ist daran klimaverträglich, in den italienischen Bergen abgefülltes Trinkwasser hunderte Kilometer durch die Gegend zu fahren?

Der Bahntransport ist es jedenfalls nicht, die Deutsche Bahn will laut eigenem Beschluss aus dem Jahr 2011 ihren Grünstrom-Anteil bis 2018 auf gerade mal 28 Prozent erhöhen. Grün ist bei der Deutschen Bahn allenfalls die Bahncard: Durch einen Rechentrick wird suggeriert, dass, wer mit ihr fährt, klimafreundlich unterwegs ist. Wieso also ist Lauretana klimafreundlich?

Den Hinweis liefert vielleicht das folgende Zeichen oben in der Anzeigenecke:

focus

Nein, leider hilft das auch nicht weiter! Ein Label „Focus CO₂“ ist der Redaktion unbekannt. Und bei Google findet sich unter dem Begriff nur:

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Wir konstatieren: Lauretana hat die Behauptung „klimaverträglich“ viel zu leichtfertig benutzt. Das passt vielleicht zum leichten Wasser, nicht aber zur Klimabilanz des Unternehmens: Davon erfahren wir nämlich nichts.

Die Stiftung Warentest warnt übrigens vor Wasser wie dem von Lauretana: „In bestimmten Situationen kann sehr mineralstoffarmes Wasser gefährlich werden.“ Wer stark schwitzt, verliere nicht nur Flüssigkeit, sondern auch Mineralstoffe. Trinken sei wichtig, um den Wasserverlust auszugleichen. Stiftung Warentest: „Zugleich müssen aber auch je nach Anstrengung neben Kohlenhydraten Natrium, Kalium, Chlorid und Magnesium wieder zugeführt werden. Wer sich dann eine Apfelschorle mit einem besonders mineralstoffarmen Mineralwasser mischt, bleibt auf der Strecke.“

Genauso wie der Klimaschutz bei Lauretana!

Herzlichen Dank an Steffi R. aus Berlin für den Hinweis!

PS: Unsere Leser Christof H. weist darauf hin, dass „Europas leichtestes Wasser“ mit dem LKW aus Graglia zum 9 Kilometer entfernten LKW-Bahnhof nach Biella transportiert wird. Lauretana selbst verweist auf den „Kombinationsverkehr, bei dem LKWs auf Zügen gefahren werden“, was „eine unerreicht klimaschonende Form des Transports“ sei. Ein vollbeladener LKW von 30 Tonnen würde so auf einer Strecke von 600 Kilometern (nach Hamburg) 1 Tonne Kohlendioxid verglichen mit anderen Transportarten sparen!

Oder aber gar nicht erst entstehen, wenn man den örtlichen Sprudel kauft oder das Trinkwasser aus der Leitung nutzt.


 

Naturstrom: Falsche Vergebung versprechen

Seit Anfang 1993 spielt der Schauspieler Wolfgang Bahro bei der RTL-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten mit. In der Rolle des intriganten Rechtsanwalts Prof. Dr. Dr. Hans-Joachim „Jo“ Gerner ist er damit der zweitdienstälteste Akteur von GZSZ, wie die wochentäglich im Vorabendprogramm ausgestrahlte Serie unter Fans genannt wird.

Jetzt geht Wolfgang Bahro in die Kirche:

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Und zwar in eine katholische Kirche, denn Bahro strebt dem Beichtstuhl zu. „Pater, ich habe gesündigt!“

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Der Pater macht einen GZSZ-Witz und sagt dann: „Was kann denn schon so schlimm sein, mein Sohn?“

„Es ist noch viel schlimmer, als Sie denken“, sagt der Schauspieler. Bahro bekennt, immer noch Kohle- und Atomstrom zu beziehen. Die Aufregung in der Kirche ist entsprechend groß!

Aber natürlich weiß der Pater Rat! Er schiebt ein Buch durch den Beichtstuhl, in dem ein Tablet-Rechner liegt …

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… und sagt: „Wechsle einfach zu einem echten Ökostromanbieter, dann sind dir alle deine Umweltsünden vergeben!“

Echt jetzt? Wirklich alle?

Bekannt ist, dass Wolfgang Bahro in den Spandau Arcaden in Berlin einkauft, die mit perfektem Shopping-Vergnügen locken – nicht aber mit fair gehandelten oder regionalen Biowaren. Bekannt ist, dass Bahro Kaffeemaschinen testet – und deren Kauf frenetisch empfiehlt. Bahro verführt bereits 17-Jährige zum Autofahren. Bekannt ist auch, dass Wolfgang Bahro Star-Wars-Fan istGerüchteweise soll Bahro sogar einen Aston Martin DB7 fahren – Kohlendioxid-Ausstoß ab mindestens 350 Gramm je Kilometer. Um nur einige der offensichtlichen Umweltsünden von Bahro aufzuzählen.

Im Streifen heißt es – nicht aus Bahros Mund, sondern aus dem Mund eines Naturstrom-Sprechers:

„Naturstrom – so schnell bist du von deinen Umweltsünden befreit!“

Wir bekennen an dieser Stelle, selbst zu viel zu fliegen (und manchmal vergessen wir atmosfair), noch nicht überall Energiesparlampen in der Redaktion reingeschraubt zu haben, viel zu viel Fleisch in der Woche zu essen und immer noch nicht zu einer Ökobank gewechselt zu sein.

Aber hey: Wir sind ja Kunden von einem echten Ökostromanbieter. Warum also auf den Urlaubsflug verzichten? Naturstrom sagt doch: Hallelulja!

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PS: Klar, liebe Naturstromer – Werbung ist immer mit Zuspitzung und Augenzwinkern verbunden. Das verstehen wir. Wer sich – und seinen Kunden – aber mehr als nur das schnelle Geschäft von seinem Tun und seinem Werbespot verspricht, der sollte nicht so plump argumentieren von Ökosünden befreien!

Vielen Dank an Henriette W. aus Hamburg für den Tipp!