ExxonMobil: Mit den Algen spielen

Neuerdings wirbt ExxonMobil dafür, eine Lösung für das Klimaproblem gefunden zu haben. Ausgerechnet jener Ölmulti, der weltweit die fünftgrößte Quelle von Treibhausgasen ist. In Zeitungsanzeigen (uns wurde ein Ausriss aus der Berliner Zeitung zur Prüfung eingereicht) und in den sozialen Medien geht es um

„Die könnten in Zukunft“ – verspricht ExxonMobil im Werbespot – „Treibstoff produzieren“

dabei auch noch

Unsere Leser Frank B. aus Potsdam und Jonathan R. aus Berlin wollen wissen, was davon zu halten sei.

Nun: Beachten wir zunächst das Wörtchen „könnten“, das ExxonMobil in seiner Werbung benutzt! Algen könnten in Zukunft Treibstoffe produzieren.

Tatsächlich nämlich setzt der Konzern bereits seit Sommer 2009 auf die Algen. Damals stellte er 600 Millionen US-Dollar bereit, um beim Startup Synthetic Genomics einzusteigen. Denn das System ist wirklich interessant für den Klimaschutz:

Alge + H2O + Kohlendioxid + Sonnenlicht = noch mehr Algen + pflanzliche Öle und Sauerstoff.

Nur: Wohin mit all den Algen?

ExxonMobil schreibt: „Algen können eine facettenreiche und hochgradig wünschenswerte, nicht essbare Quelle der wichtigen erneuerbaren Moleküle sein, die zur Herstellung von Biokraftstoffen der zweiten Generation verwendet werden können.“

Da kommt gleich zweimal in einem Satz das Wörtchen „können“ vor. Und auch im nächsten Satz ist es zu finden: „Einige Algenarten können so optimiert werden, dass sie Biodiesel-Vorstoffe produzieren.“

Dummerweise ist das den Forschern aber in den vergangenen acht Jahren nicht gelungen, sodass ExxonMobil sich 2013 eigentlich entschlossen hatte, die Sache aufzugeben, dann aber doch dabei blieb.

In diesem Sommer nun gab der Konzern – Jahresgewinn zwischen 7,8 und 45 Milliarden Dollar in den letzten 15 Jahren – bekannt, dass sich die lumpigen 600 investierten Millionen Dollar vielleicht doch gelohnt haben: Jetzt könnte der technologische Durchbruch gelungen sein. „Die Herausforderung besteht nun darin, Algen zu finden und zu entwickeln, die Bio-Öle kostengünstig und in großen Mengen produzieren können“, erklärt Vijay Swarup, Vizeforschungschef von ExxonMobil. Der Weg in die Zukunft ist also noch weit.

Was das Ganze nun mit dem Klimaschutz zu tun hat? Nichts! Das erklärte zumindest im Jahr 2011 die Advertising Standards Authority ASA, die Werbeaufsichtsbehörde in Großbritanien. So wie jetzt in Deutschland hatte ExxonMobil damals auch mit seinen Algen im Vereinigten Königreich für den Klimaschutz geworben und als Lösung gefeiert, was die Werbeaufsicht als irreführend einstufte und verbot. Begründung: Das gesamte CO2, das die Algen zuvor gebunden haben, gelangt bei der Verbrennung des Treibstoffs ja wieder zurück in die Atmosphäre. Also ein Nullsummenspiel.

Nun verspricht ExxonMobil dieses Mal allerdings lediglich, dass Algen in Zukunft modernen Biosprit herstellen könnten – und dass der CO2-Ausstoß damit „reduziert“ wird, was verglichen mit Treibstoffen aus Tiefseeöl sicherlich nicht falsch ist.

Könnte, also! Wir vermuten, dass der Hintergrund für die Algenoffensive von ExxonMobil sowieso ein anderer ist: Auf der diesjährigen Jahreshauptkonferenz hatten 62 Prozent aller Aktionäre verlangt, dass die Auswirkungen der Klimaerwärmung – die sogenannte „Carbon Bubble“ – auf das ExxonMobil-Geschäftsmodell untersucht werden. Im Jahr davor waren es erst 38 Prozent, bei den Aktionären ist das Thema also mehrheitlich angekommen.

Nun kommt raus: Das Management des Ölgiganten kümmert sich. Seit Jahren. Mit Algen. Und mit Anzeigenkampagnen, die damals behauptet haben: „Das Wissen über den Klimawandel ist zu unzuverlässig, um einen Aktionsplan anzuordnen, der Volkswirtschaften in Aufruhr versetzen würde.“

Vielen Dank für den Hinweis an Frank B. aus Potsdam
und an Jonathan R. aus Berlin


 

Yello Strom: Grüne Werbung, graue Wirklichkeit

Folgende Anfrage zum Stromanbieter Yello hat den Klima-Lügendetektor kürzlich erreicht:

Spannende Frage: Was ist von Yello zu halten?

Zunächst: Die Yello Strom GmbH ist eine reine Vertriebstochter der EnBW Energie Baden-Württemberg AG. Yello Strom produziert also selbst keinen Strom, sondern handelt nur damit – die Firma verkauft also nur Strom weiter, den sie anderswo einkauft. Vor ein paar Jahren noch wäre die Antwort auf unsere Leserfrage sonnenklar gewesen: EnBW war einmal ein Atomkonzern. Kein deutscher Stromversorger sei so abhängig von Atomstrom wie dieser, schrieb damals die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Als die Tochterfirma Yello damals mit einer millionenschweren Werbekampagne (und extrem hohem Atomanteil im Strommix) auf den Markt drängte, warnten Umweltverbände: Yello strahle, Atomstrom sei gelb (so damals und auch heute noch die Firmenfarbe). Aber Yello war billig, Yello hatte Erfolg.

Dann kam Fukushima, die Atomwende von Kanzlerin Angela Merkel. EnBW musste in Neckarwestheim und Philippsburg je einen Reaktorblock abschalten. Früher und schneller als die drei anderen Stromriesen Eon, RWE und Vattenfall schwenkte EnBW auf Energiewende-Kurs ein. Doch mit Neckarwestheim 2 und Philippsburg 2 betreibt das Unternehmen auch heute noch zwei Atomkraftwerke. Dazu befeuert EnBW einige riesige Fossilkraftwerke, etwa in Karlsruhe. Statt wirklich konsequent auf Grünstrom umzusteigen, baute die EnBW noch bis 2015 den Block 9 in Mannheim – mit einer Bruttoleistung von 911 Megawatt gilt er als größtes Steinkohlekraftwerk Deutschlands. Zwar hält sich EnBW schon lange eine Ökostromtochter – NaturEnergie –, die mit der Vermarktung von Strom aus 100 Prozent Wasserkraft wirbt. Aber die komplette Neuausrichtung des gesamten Unternehmens beschloss EnBW erst vor wenigen Wochen.

Und auch Yello setzt jetzt voll auf Ökostrom? Jedenfalls bekam dies nicht nur unser Leser am Werbestand in seiner Fußgängerzone zu hören, auch auf der Firmenwebsite ist es zu lesen:

Natürlich begrüßen wir jede Anstrengung, die Elektrizitätsversorgung auf hundert Prozent Ökostrom umzustellen. Allerdings finden wir: Wenn man als Kunde einen Unterschied machen und tatsächlich „einen wertvollen Beitrag zur Energiewende“ leisten will, dann sollte man auf zweierlei achten:

1. Fließt das Geld aus meiner Stromrechnung wirklich zu hundert Prozent in Ökostrom?

2. Und sorgt mein Geld dafür, dass neue Ökostrom-Anlagen entstehen?

Und, sorry, auf beide Fragen können wir keine positive Antwort geben. Bei der EnBW fließt (siehe oben) momentan leider immer noch nicht alles Geld in erneuerbare Energien. Und Yello bietet zwar Ökostrom an, daneben aber vertreibt das Unternehmen munter auch dreckigen Kohle- und gefährlichen Atomstrom. Schaut man sich die gesetzliche Stromkennzeichnung auf der Firmenwebsite an, dann ist die Unternehmens-Gesamtbilanz (ganz rechts) nicht grün, sondern ziemlich grau: Gut ein Fünftel des Strommixes stammt immer noch aus Kohlekraftwerken und gut ein Viertel aus Atomreaktoren. Hundert Prozent Ökostrom geht jedenfalls anders!

Die zweite Frage beantwortet die Yello-Website leider nicht. Warum sie wichtig ist, haben wir schon vor ein paar Jahren erklärt, kurz gesagt: Der tatsächliche und zusätzliche Umweltnutzen von Ökostrom entscheidet sich daran, ob durch seinen Bezug der Neubau von Erzeugungsanlagen angeregt wird. Stammt der Strom hingegen lediglich als alten, längst bestehenden Anlagen, bringt das dem Klima wenig.

Schauen wir also mal nach: Yello stellt auf der Firmen-Homepage zwar ein „Ökostrom-Zertifikat“ des TÜV Nord zum Herunterladen bereit – aber woher genau der Strom kommt, geht daraus nicht hervor. Ziemlich kryptisch ist auf der Website lediglich von

die Rede. Also kontaktieren wir die Yello-Pressestelle und fragen, woher genau denn der vertriebene Ökostrom stammt und wie alt die Anlagen sind. Beim renommierten ok-power-Siegel für hochwertigen Ökostrom zum Beispiel ist für eine Zertifizierung nach dem sogenannten „Händlermodell“ Bedingung, dass mindestens ein Drittel des vertriebenen Stroms aus Anlagen eingekauft wird, die jünger als sechs Jahre sind. Die Idee dahinter: Das Stromgeld der Kunden regt den Bau von Neuanlagen an – nach spätestens sechs Jahren muss zumindest ein Teil des bezogenen Ökostroms aus sauberen Kraftwerken stammen, die wegen der Nachfrage des Kunden entstanden sind.

Wie reagiert die Yello-Pressestelle? Wir bekommen zwar freundliche Antworten, die allerdings – trotz mehrerer Nachfragen – letztlich lückenhaft bleiben. Mehr sei, heißt es zur Begründung, aus „Rücksichtnahme auf wettbewerbsrelevante Kennzahlen“ nicht möglich. Hm. Woher genau in Europa der Yello-Ökostrom kommt (billig auf dem Markt sind betagte schwedische Wasserkraftwerke), erfahren wir leider nicht. Erhalten aber irgendwann zumindest das Eingeständnis:

Ah, ja. Nach dieser Antwort der Pressestelle bleibt aber doch ein Rätsel (Achtung, jetzt wirds technisch): Wie erwähnt präsentiert Yello auf seiner Website stolz ein TÜV-Zertifikat für seinen Ökostrom. Auf diesem ist zu lesen, dass der vertriebene Strom den Kriterien des VdTÜV-Merkblatts 1304 entspreche. Dort wiederum ist (in Punkt 4) festgelegt, dass „die Förderung einer nachhaltigen Energieversorgung … eine wesentliche Zielsetzung des anbietenden Unternehmens sein“ müsse, was „beispielsweise durch die Beteiligung am Bau und Betrieb von Energieerzeugungsanlagen für Erneuerbare Energien“ nachgewiesen werden könne.

Moment, die Yello Strom GmbH erzeugt doch gar keinen Strom!? Wie kann sie sich dann an Bau und Betrieb neuer Ökostrom-Anlagen beteiligen? Auch das fragen wir die Pressestelle, und am Ende unseres Mailwechsels kommt schließlich diese Antwort:

Wenn die Unternehmensmutter Windparks baut (was sie zweifelsfrei tut und was wir ausdrücklich loben wollen), ist es also egal, was die Tochter macht?

Doch zurück zur eigentlichen Frage: Was ist von Yello-Ökostrom zu halten? Nun, wir halten nichts davon. Denn wir können leider nicht erkennen, wie durch den Bezug ein echter Anreiz für den Bau neuer Ökostrom-Anlagen ausgeht, wie also momentan durch Yello-Ökostrom die Energiewende tatsächlich vorangebracht würde. Will man mit seiner Stromrechnung garantiert und direkt zum Ausbau der Erneuerbaren beitragen, dann würden die eingangs erwähnten 50 Euro an Yello wenig nützen – sondern dann muss man wohl schon etwas mehr und vor allem an andere Anbieter zahlen.

Danke an D.P. für die Anfrage.
Der Hinweis unseres Partnerportals klimaretter.info auf hochwertige Ökostrom-Anbieter findet sich HIER


 

Alexander Gauland (AfD): Oldies gegen’s Klima

Noch ist Wahlkampf, deshalb – sehen Sie es uns bitte nach – hier schon wieder ein politisches Thema: Im ZDF lief gestern Abend die „Schlussrunde“, die wohl letzte TV-Debatte von Spitzenpolitikerinnen und -politikern vor dem Sonntag. Und, oh Wunder, zehn Minuten vor Schluss dieser Schlussrunde sprachen die Moderatorinnen ENDLICH mal das Zukunftsthema Klimawandel an (ab 1:19:40 in diesem Video):

Doch das Wort erhielt dann ausgerechnet Alexander Gauland (AfD). Einer seiner Parteigenossen, der Berliner Landeschef Georg Pazderski, war im vorhergegangenen Einspielfilm mit der Behauptung aufgetreten, es sei ja gar nicht nachweisbar, dass der gegenwärtige Klimawandel menschengemacht ist.

Weder diese These noch jene, die Gauland im Folgenden vorbrachte, waren irgendwie originell. Die beiden älteren Herren schnurrten einige der ältesten Oldies der Klimaleugnisten-Szene herunter – weshalb wir hier gar nicht viel Arbeit haben, sondern einfach auf einige der dutzendfachen Widerlegungen verlinken können:

Nein, liebe Herren, es ist belegt, dass der Mensch hauptverantwortlich für den gegenwärtigen Klimawandel. Nur mit dem Effekt seiner Treibhausgas-Emissionen lässt sich die längst zu beobachtende Erderhitzung schlüssig erklären.

Und nein, Herr Gauland, dass sich das Erdklima schon immer wandelte, sagt nichts über die Ursache der gegenwärtigen Erderhitzung. Eine kleine Analogie: Wenn Sie vor einem umgesägten Baum stehen, sagen Sie dann auch, das könne kein Mensch gewesen sein, denn schon immer seien doch bei Stürmen Bäume umgefallen?

Witzigerweise bekam es Gauland aber nicht einmal hin, die alten Schallplatten der Klima-Leugnisten korrekt aufzulegen, sondern machte aus zwei weiteren Oldies ein krudes Medley: „Deutschland ist für zwei Prozent des CO2-Ausstoßes in der Welt verantwortlich“, so Gauland, „für zwei Prozent! Und von diesen zwei Prozent sind 95 Prozent nicht menschengemacht …“ Herrje, beide Zahlen für sich genommen sind ja nicht mal ganz verkehrt: In der Tat verantwortet die Bundesrepublik direkt gut zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, und in der Tat ist der menschengemachte CO2-Ausstoß relativ gering im Vergleich zu natürlichen Emissionen, etwa Ausgasungen aus Böden und Weltmeeren. Aber zusammengerührt sind beide Zahlen wirklicher Quatsch. Herr Gauland muss wohl mal seine Plattensammlung sortieren.

Was er mit den beiden (unter Leugnisten beliebten) Zahlen suggerieren wollte, ist ebenso falsch: Auch mit relativ geringen Mengen CO2 bringt der Mensch den natürlichen Kohlenstoffkreislauf aus dem Gleichgewicht und sorgt so für den gefährlichen Temperaturanstieg auf der Erde. Und obwohl die deutschen Emissionen nur einen Bruchteil der weltweiten ausmachen, ist es natürlich sehr wichtig, was hierzulande passiert. Politisch und diplomatisch betrachtet: Wenn Deutschland seine Emissionen nicht senkt, werden andere – auch ärmere – Länder es erst recht nicht tun. Und ökonomisch betrachtet: Die milliardenschweren Investitionen in erneuerbare Energien (egal ob sie ausreichen, das deutsche Klimaziel zu erreichen, oder nicht) haben einen weltweiten Effekt. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Solarpaneele und Windräder heute so billig sind und neue Kohle- oder Atomkraftwerke preislich locker unterbieten. Nicht irgendein Öko-Träumer, sondern die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg schrieb deshalb völlig zutreffend schon vor Jahren:

Aber klar, der Welt (oder dem Weltklima) etwas Gutes zu tun ist einem National-Populisten wie Alexander Gauland vollkommen schnuppe.

Danke an Katrin R. aus Berlin für den Hinweis


 

Angela Merkel (CDU): Die Klima-Diesel-Lüge

Wenn Lügen oft genug wiederholt werden, dann werden sie irgendwann wahr – beziehungsweise für wahr gehalten. Als Klimakanzlerin Angela Merkel (CDU) sich gestern im Bundestag für die deutsche Autoindustrie in die Bresche warf und den Dieselmotor verteidigte, tat sie dies mit explizitem Verweis auf den Klimaschutz. Das hatte vor ihr zwar auch schon der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) getan, ebenso – übrigens fast wortgleich mit Merkel – der Ex-Bundesminister und Auto-Oberlobbyist Matthias Wissmann. Wörtlich sagte Merkel: „Gegen den Diesel vorzugehen, bedeutet gleichermaßen auch, gegen die CO2-Ziele vorzugehen. Das darf nicht passieren.“

Doch nun steht die Klima-Diesel-Lüge sogar schon als Schlagzeile auf der Titelseite der größten Qualitätszeitung des Landes:

Deshalb müssen wir hier zwar kurz, aber doch vehement widersprechen – auch wenn dies bereits mehrfach auch von anderen getan wurde: Zwar sind Dieselmotoren tatsächlich effizienter als Benziner und können weniger Kohlendioxid ausstoßen – aber dieser Vorteil gilt nur bei gleicher Motorleistung. In der Realität dienen die Dieselmotoren der deutschen Autohersteller dazu, dass sie immer größere, schwerere und stärkere Fahrzeuge herstellen und verkaufen. Wie das Umweltbundesamt (UBA) auf seiner Internetseite vorrechnet, sind deshalb die Diesel-Pkw auf den deutschen Straßen exakt so klimaschädlich wie jene mit Benzinmotor: Beim durchschnittlichen CO2-Ausstoß pro Kilometer liegen beide Motorenarten gleichauf. Die UBA-Experten stellen unmissverständlich klar:

Die Klimaschädlichkeit der deutschen Autoflotte, betont das UBA, ist auch Folge von falschen Anreizen – also von falscher Politik. Die Behörde verweist auf das Beispiel der Niederlande, die Deutschland in den vergangenen 15 Jahren beim Klimaschutz im Verkehrsbereich davongerauscht sind. Wir können uns dem Fazit der Behörde nur anschließen:


 

Nicola Beer (FDP): „Fake News“ zu Extremwetter

Mit dem gestrigen „Fernseh-Duell“ von Angela Merkel und Martin Schulz ist der Wahlkampf nun wirklich in seiner heißen Phase (wenn man das – Achtung, Wetter-Kalauer – bei den gegenwärtigen Außentemperaturen so sagen darf). Im Medien-Echo hat die Kanzlerin merklich besser abgeschnitten als der Herausforderer; aber in (mindestens) einem Punkt haben beide komplett versagt: Klima und Klimawandel kamen während der gesamten 97 Minuten nicht ein einziges Mal zur Sprache.

FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner hat diese Lücke (neben anderen) per Twitter kritisiert:

Da hat er recht! Und ist doch ein Heuchler. Denn an Klimapolitik haben Lindner und seine FDP selbst nichts Konstruktives zu bieten – im Gegenteil, wie der Spiegel just in dieser Woche in einem Artikel zusammenfasst: Landauf, landab umwerbe die Partei Anti-Windkraft-Initiativen, in denen sich oft Klima-Leugnisten tummeln. Da werde gegen erneuerbare Energien polemisiert und der Mangel an Stromleitungen beklagt (den die Politik von einstigen FDP-Ministern mitverursacht habe), der Rückgang der Braunkohleverstromung bejammert und der Windkraftausbau (in NRW) beschränkt. Und so weiter. „Lindner kopiert mit seiner Taktik die Methoden der rechten Populisten“ von der AfD, so das Fazit des Spiegel.

Ein Beispiel für die Anti-Klimaschutz-Polemik der FDP lieferte erst vergangene Woche Generalsekretärin Nicola Beer – ebenfalls auf Twitter:

Mit dieser Nachricht reagierte Beer auf ein kleines Kampagnen-Filmchen der Bündnisgrünen. Darin sind Fernsehbilder von Extremwetter-Ereignissen zusammengeschnitten, von Waldbränden, Überflutungen, Hagel, Wirbelstürmen usw. Und dieses “immer extremere Wetter“ wird dann auf den Klimawandel zurückgeführt.

Klar, man muss den Stil des Grünen-Clips nicht mögen – aber der Vorwurf des Angstwahlkampfes ist nur die eine Hälfte von Beers Tweet. Die andere ist die Behauptung, das „angebliche Auftreten von mehr Extremwetterereignissen“ sei „Fake News“. Hier jedoch liegt Beer erstens inhaltlich falsch. Und wirft zweitens den Grünen mit dem Begriff „Fake News“ auch noch eine bewusste Tatsachenverdrehung vor.

In der Twitter-Debatte, die sich auf Beers Botschaft hin entspinnt, legt Beer sogar nochmal nach (adressiert an die grüne Abgeordnete Renate Künast):

Ach, Frau Beer! Sie sollten sich nicht darauf verlassen, was Sie in rechten Medien lesen oder was Ihnen marktradikale Thinktanks einflüstern. Fakt ist: Es ist wissenschaftlich gut gesichert, dass Extremwetter-Ereignisse mehr werden und dass dies mit dem Klimawandel zu tun hat. Und dass sich dieser Trend bei fortschreitender Erderhitzung noch verschärfen dürfte.

Wer wirklich wissen will, was der Stand der Forschung ist, sollte in den regelmäßigen Sachstandsberichten des Weltklimarates IPCC nachblättern – sie sind die verlässlichste Quelle zum Thema. In deren fünfter Ausgabe (erschienen 2013/14) finden sich in mehreren Kapiteln der drei dicken Bände und auf zahlreichen Seiten die Erkenntnisse zur Häufigkeit (und Stärke) von Extremwettern zusammengefasst. Aber weil Politiker_innen ja wenig Zeit haben, zitieren wir hier der Einfachheit halber nur die Zusammenfassung im Synthesebericht (der dankenswerterweise auch auf Deutsch vorliegt):

Und speziell zu Starkregen heißt es:

Weiterlesen können Sie auf Seite 53 der deutschen Fassung des Syntheseberichts

Es ist also weniger der grüne Video-Clip, sondern der Tweet von FDP-Generalsekretärin Nicola Beer, der „Fake News“ zu Extremwetterereignissen verbreitet.

P.S.: Falls Sie es ganz genau wissen wollen: Der IPCC gibt am Ende jedes Absatzes seiner Zusammenfassungen präzise an, wo im mehrtausendseitigen Report sich die Detailpassagen zum Thema finden. Im obenstehenden Ausriss bedeutet die kursive Klammerbemerkung am Ende („WGI SPM B-1″) beispielsweise „Working Group 1 Summary for Policymakers B-1″ (also Abschnitt B-1 der sogenannten Zusammenfassung für Entscheidungsträger im Band 1 des Reports, der von der Working Group I verantwortet wird). Und „2.5.1″ bedeutet dann Abschnitt 5.1 in Kapitel 2 jenes Bandes 1 und so weiter.


 

Sommer-Rückblick: Welt am Sonntag, AfD, BBC – und der großartige Postillon

Auch wenn das Klima, äh, Wetter gar nicht danach war – es waren Sommerferien in den vergangenen Wochen. Doch nun sind wir zurück am Schreibtisch und räumen das Postfach auf. Denn die Klima-Lügner und -Leugner, die Fakten-Verdreher und -Weglasser waren natürlich auch im Sommerloch aktiv. Doch zum Glück sind nicht alle Journalisten- und Blogger-Kolleginnen und -Kollegen im Urlaub gewesen.

1. Die meisten Leserhinweise bekamen wir zu einem Artikel in der Welt am Sonntag (WamS) vom 25. Juli.

Auf drei vollen Seiten hat Welt-Redakteur Daniel Wetzel da im Das-muss-man-doch-endlich-mal-sagen!-Gestus versucht, mit der Energiewende abzurechnen. Ergänzt wurde das Stück durch einen Beitrag des notorischen Klimawandel-Leugnisten Fritz Vahrenholt über Windräder als Vogeltötungsmaschinen.

Das Bemerkenswerteste an Wetzels Artikel war, dass er im Gewande der indirekten Rede einem der ältesten Mythen der Leugnisten-Szene Raum einräumte: Dass die Menge des menschengemachten Kohlendioxids doch viel zu klein sei, um wirklich das Klima zu beeinflussen. Wir brauchen hierzu kein einziges Wort zu verlieren, weil der Ozeanologe und Klimaforscher Stefan Rahmstorf auf seinem Blog „KlimaLounge“ alles Nötige gesagt hat. (Einige Aussagen Wetzels zur Energiewende kontert Wolf von Fabeck auf der Website des Solarenergie-Fördervereins. Nachtrag vom 7.9.: Auf unserer Partnerseite klimaretter.info ist heute ein weiterer Text zum WamS-Artikel erschienen.)

2. In der ARD-Talksendung Anne Will hat sich die Bundestags-Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen AfD, Alice Weidel, am 20. August als oberste Anwältin aller Verbrennungsmotorautofahrer präsentiert und eine „Dieselgarantie“ bis 2050 gefordert. Auf Nachfragen konnte sie zwar nicht genau sagen, was diese „Garantie“ genau sein soll – aber mit einem Beispiel für vermeintlichen staatlichen Regulierungsirrsinn brachte sie dann SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in Verlegenheit: Warum denn in Büros viel mehr Stickoxid in der Luft erlaubt sei als draußen auf der Straße, fragte sie mit anklagender Stimme.

Doch die zugrundeliegende Behauptung war erstens falsch und zweitens irreführend, wie Kristin Becker ausführlich im Faktenfinder von tagesschau.de erklärt. (Welt-Redakteur Daniel Wetzel hingegen griff den vermeintlichen Skandal ziemlich wohlwollend auf, und komischerweise ließ er auch in diesem Text Fritz Vahrenholt als Experten zu Wort kommen.) Das Umweltbundesamt hatte übrigens bereits knapp drei Wochen vorher eine detaillierte wissenschaftlich-gesundheitspolitische Begründung für die unterschiedlichen Grenzwerte auf seiner Website veröffentlicht. Doch die hatten weder Oppermann noch Anne Will noch ihr Redaktionsteam vor der Sendung gelesen …

3. Ein kurzer Blick ins Ausland, nach Großbritannien. Am 10. August hatte das viel gehörte Morgenprogramm Today von BBC 4 ausgerechnet den bekannten Klima-Leugnisten Lord Nigel Lawson als Interviewpartner eingeladen, um über den neuen Film von Al Gore zu sprechen. Lawson ist ein ehemaliger Energie- und Finanzminister der Konservativen und Mitgründer der Global Warming Policy Foundation (GWPF) in London, einem rechten, klimawissenschaftsfeindlichen Think-Tank (der seit einigen Jahren auch von – huch, schon wieder dieser Name – Fritz Vahrenholt unterstützt wird).

In dem Interview verbreitete Lawson – natürlich – zahlreiche Unwahrheiten, denen (wie es in Live-Interviews so oft vorkommt, siehe zum Beispiel Anne Will) vom Moderator nicht widersprochen wurde. Etliche Klimawissenschaftler protestierten gegen den Auftrittt, das Portal Carbon Brief veröffentlichte noch am selben Tag einen für Lawson verheerenden Faktencheck. Auch die BBC, die schon mehrfach durch ähnliche Fehlleistungen auffiel, berichtete schließlich über die Kritik. Und die GWPF zog drei Tage später zumindest eine Lawson-Lüge öffentlich zurück.

4. So, zum Schluss noch etwas Heiteres. Die Satire-Website Der Postillon enthüllt, wie die Betreiber von Kohlekraftwerken ihre Dreck- und Klimagas-Schleudern sauber bekommen: Mit einem Software-Update, das ihnen die Kollegen aus der Autoindustrie freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

„Seitdem sind wir fast so sauber wie ein Windkraftwerk“, zitiert der Postillon einen Kohlekraftwerks-Betriebsleiter namens Hartmut Bansen. „Allein unser Ausstoß an schädlichen Stickstoffoxiden ist von 19.300 Tonnen im Jahr auf 0,8 Milligramm pro Kilometer gesunken. Und weil sich unser Kraftwerk praktisch nie fortbewegt, geht die tatsächliche Verschmutzung gegen Null.“

Großartig!


 

RWE: Katastrophentourismus im Revier

Sommerzeit ist Urlaubszeit.

In seinem neuen Nachbarschaftsmagazin hier: rät uns RWE Power zu

Dazu heißt es im Inhaltsverzeichnis:

Na, da sind wir aber gespannt!

Nicht das Nachbarschaftsmagazin hier: erklärt uns, was es für zahlreiche Attraktionen im Rheinischen Braunkohlerevier gibt, sondern Familie Hessami aus Aachen-Stolberg: Linus, Finnley, Ute und Gian.

Empfohlen werden beispielsweise der Aussichtsturm Indemann, das Filmmuseum Romboy oder Wasserski auf dem Bleibtreusee, einem ehemaligen Tagebau-Restloch. Und dann wird den geneigten Lesern des Nachbarschaftsmagazins das hier empfohlen:

Nein, das ist keine Fotomontage! Das ist Familie Hessamis voller Ernst! In der Bildunterschrift heißt es:

Vielleicht, weil die Sonnenschirme die Staublast mindern, die in der Umgebung von Tagebauen die Luft verpestet? Jährlich entstehen hier 400 Tonnen der krank machenden Feinstäube sowie zahlreiche Schwermetalle, wie etwa 530 Kilogramm des Nervengiftes Quecksilber sowie Cadmium, Blei, Arsen. RWE hat wegen „der möglichen Umweltbelastungen“ ein Bürgertelefon eingerichtet: 02461 / 54971.

Empfiehlt Familie Hessami die Sitzplätze am Tagebau-Rand etwa, weil das Kettengeräusch der Abraumbagger so ins Mark geht, dass man sich vor Schmerz sowieso hinsetzen muss? Die Urlaubs-Empfehlung vielleicht, weil der Tagebau Hambach die Erde demnächst wegfressen wird, auf der Familie Hessami jetzt noch stehen kann? Besuchen Sie das Revier, solange es noch steht?

Wir zweifeln hier jetzt nicht an, das Familie Hessami nach ihren Erfahrungen im Revier in diesem Jahr ihren Urlaub doch lieber nirgendwo anders verbringen wird. Erwähnt sei immerhin, dass Vater Gian Hessami als PR-Spezialist aktenkundig ist, der sich auf Kundenzeitschriften wie das RWE-Nachbarschaftsmagazin hier: spezialisiert hat. Sein Motto: Weg vom werblichen und hin zum journalistischen Stil.“

Was wir aber bezweifeln, ist die Redlichkeit des RWE-Magazins. Behauptet doch Matthias Hartung, Vorstandsvorsitzender der RWE Power, einige Seiten später, Braunkohleförderung und -stromerzeugung würden „einem Fahrplan folgen, der im Einklang mit den nationalen und europäischen Klimazielen liegt“.

Weiter lässt sich der RWE-Chef zitieren:

Tatsächlich sind die bundesdeutschen Emissionen seit 1990 aber um gut 27 Prozent gesunken. Um in ihrem Bild und bei den nackten Zahlen zu bleiben: Die Braunkohlewirtschaft hat also fast ein Drittel weniger für den Klimaschutz geleistet als der bundesdeutsche Durchschnitt. RWE und Co. liegen damit keineswegs „im Einklang mit den nationalen und europäischen Klimazielen“, das ist eine glatte Lüge!

Und trotzdem verkauft uns RWE seine Zahlen als vorbildhaft und das braunkohlevernarbte Revier als Urlaubsmekka! Meinen die etwa: für Katastrophentouristen?

Vielen Dank für den Hinweis an Udo H. aus Düren


 

Deutschlandfunk: Journalismus ohne Recherche

Oha!
Es gibt eine Sensation zu vermelden!!
EXKLUSIV!!!
Laut Deutschlandfunk:

Echt jetzt??

Wie passt diese Meldung zu diesen Fakten: Südkorea, Asiens viertgrößte Volkswirtschaft, hat gerade eine Energiewende beschlossen, bei der die Atomkraft zurückgefahren wird. Die Schweiz stimmte jüngst per Volksentscheid für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Das Wiederanfahren des AKW Brokdorf, letztes seiner Art in Schleswig-Holstein, wurde im März dieses Jahres wegen technischer Mängel untersagt.

Die EU-Kommission legte vergangene Woche einen Bericht vor, dem zufolge die Mitgliedsstaaten zwischen 660 und 770 Milliarden Euro in die Atomenergie investieren müssten, um wenigstens das Niveau von heute zu halten – was aber wegen des Alters vieler Reaktoren zunächst erst einmal definitiv sinken wird.

Westinghouse, einer der weltgrößten Hersteller von Atomreaktoren, musste Ende März Insolvenz anmelden. Oder der 1.600-Megawatt-Neubau im finnischen Olkiluoto – ursprüngliche Planung: drei Milliarden Euro teuer, Inbetriebnahme 2009. Die Kosten haben sich inzwischen verdoppelt, aber der Reaktor wird und wird einfach nicht fertig, auch zehn Jahre nach der geplanten Inbetriebnahme nicht.

Also, verehrte Kollegen vom Deutschlandfunk: Wo bitte ist der „weltweite Vormarsch der Atomkraft“?

Dies war die Überschrift der Meldung, die es bis in die Hauptnachrichten brachte:

„Immer mehr?“ Vorsicht! Journalisten, die einen Satz mit „Immer mehr“ beginnen, wissen meist nichts Genaues. Deshalb wird auf Journalistenschulen vor dieser Wischiwaschi-Formulierung gewarnt.

Worauf basiert denn nun diese trompetenhafte Vormarsch-Meldung des Deutschlandfunks? Hören wir weiter zu:

Ah, die Quelle ist der Direktor der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA)! Also der Chef jener Einrichtung, deren Ziel – siehe Artikel 2 des IAEA-Statuts – ausdrücklich die Förderung der Atomenergie ist. Wirklich eine unbestechliche Quelle für eine Nachricht …

Wir haben kurz mal im Archiv geblättert. Unter der Überschrift „Kernenergie auf dem Vormarsch“ vermeldete die Atomlobby 1997: „Die Stromproduktion aus Kernenergie wird bis zum Jahr 2010 voraussichtlich um rund 13 Prozent steigen“. Tatsächlich lag der Leistungszuwachs bis 2010 unter drei Prozent.

2008 schwadronierte das Deutsche Atomforum von der „Renaissance der Atomkraft“. Damals waren weltweit 439 Reaktoren am Netz. 2012 vermeldete das Wall Street Journal „Atomkraft hat weltweit eine Zukunft“. Jetzt gab es weltweit nur noch 437 Reaktoren, von denen aber allein in Japan nach der Atomkatastrophe von Fukushima 48 vom Netz genommen wurden. Und seitdem auch blieben.

Beim Deutschlandfunk aber heißt es:

Ui, ui, ui. Der Satz ist im Indikativ formuliert, nicht im Konjunktiv, wie bei der Wiedergabe eines Zitats üblich. Und die Kollegen sind damit der IAEA-Propaganda auf den Leim gegangen: Im englischen Original der Pressemitteilung heißt es, 449 Reaktoren seien „in operation“. Das übersetzte der Deutschlandfunk mit „produzierten Strom“. Blöderweise aber zählt die IAEA auch AKWs unter „in operation“, die derzeit abgeschaltet sind – wie beispielsweise jene in Japan.

Und schließlich vermeldet der Deutschlandfunk zwar, wie viele Reaktoren in den letzten zwei Jahren neu ans Netz gingen. Von jenen, die im gleichen Zeitraum für immer vom Netz genommen und verschrottet wurden, erfahren wir aber nichts: etwa vom schwedischen AKW Oskarshamn 2, von Fort Calhoun in den USA oder vom japanischen AKW Fukui. Von den Reaktoren in Ikata oder dem deutschen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld. Dem Reaktor Takahama 2. Und so weiter …

Zum Stand der weltweiten Atomkraft empfehlen wir eine unabhängige Quelle, nämlich den World Nuclear Energy Status Report (WNESR), der seit Jahrzehnten vom renommierten Branchenbeobachter Mycle Schneider herausgegeben wird. Hier werden als „operating reactors“ nur jene gezählt, die tatsächlich laufen. Und was sagt der WNESR zum aktuellen Stand der weltweiten Atomwirtschaft? Schauen wir in den 2017er Report: Auch dort ist von 20 neu angefahrenen Reaktoren in den Jahren 2015 und 2016 die Rede (darunter das US-AKW Watts Bar 2, das mit 43 Jahren die längste je verzeichnete Bauzeit aufweise). Wegen diverser Stilllegungen, lesen wir hier, sei die Zahl der weltweit laufenden Reaktoren aber nur um zehn gestiegen – und liege damit immer  noch „weit unter dem historischen Maximum von 438 im Jahr 2002″:

So sieht der „weltweite Vormarsch“ der Atomkraft aus …

Leider lieferte uns also der Deutschlandfunk diesmal Journalismus ohne Recherche.


 

Ph. Lengsfeld & CDU-Rechte: Zigarette gefällig?

Na, das war doch ein schöner PR-Erfolg für den rechten „Berliner Kreis“ in der CDU/CSU! Am nachrichtenarmen Pfingstsamstag und auf der Aufmerksamkeitswelle, die Donald Trump mit seinem Paris-Austritt ausgelöst hat, sorgte ein (nicht mal ganz neues) Positionspapier zur Klima- und Energiepolitik für gehöriges Aufsehen. Reihenweise berichteten die Medien, bei Spiegel Online war es zeitweise sogar Aufmacherthema.

Enthielte das Papier nur „klima- und energiepolitische Forderungen“, wie es die Überschrift ankündigt, würden es uns hier nicht beschäftigten. Die Debatte um politische Instrumente ist gut und richtig und ja genau die Aufgabe von Parteien. Natürlich kann man, wie der „Berliner Kreis“ in seinem Papier, für die Abschaffung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sein oder für eine Fortsetzung der Atomforschung. Manche Forderung ist auch ziemlich fortschrittlich, etwa die Idee eines globalen Preises (oder einer Steuer) auf Kohlendioxid-Emissionen. Geo-Engineering (also manipulierende Eingriffe ins Klimasystem der Erde) lehnen die Unions-Rechten wegen der unkalkulierbaren Risiken ab – eine für Konservative sehr nachvollziehbare Forderung.

Doch (leider) beginnt das Positionspapier mit einem langen Abschnitt zur „Klimaforschung“. Und da werden Behauptungen zur Klimawissenschaft aufgestellt, die – nun ja – teilweise kruder Blödsinn sind. Ein Großteil davon sind „Argumente“, wie sie schon lange in der Szene der Leugner des Klimawandels kursieren und einem prüfenden, skeptischen Blick nicht standhalten. Dass besonnene Leute wie Wolfgang Bosbach oder Hans-Peter Uhl (beide Mitglied im „Berliner Kreis“) so etwas mittragen, ist schon verwunderlich.

Aber der Hauptautor des Papier war offenbar der Abgeordnete Philipp Lengsfeld, der über die Berliner Landesliste in den Bundestag gewählt wurde. Lengsfeld ist schon öfter durchs Verbreiten Klimawandel-leugnerischer Thesen aufgefallen. Im vergangenen November zum Beispiel beehrte er den Leugner-Verein EIKE mit einem Grußwort. Wir wollen jetzt hier nicht jede der uralten Leugner-Thesen des Papiers an den Lügendetektor anschließen: Dass das Klima sich schon immer gewandelt habe, dass die Sonne eine wesentliche Ursache des gegenwärtigen Klimawandels sei, dass die Erderwärmung doch ganz viele positive Folgen habe und so weiter – all das ist schon dutzendfach anderswo widerlegt und eingeordnet worden.

Wir machen uns stattdessen nur mal schnell den Spaß und modifizieren zentrale Passagen leicht. Wie bizarr dieser Abschnitt des Papiers ist, würde nämlich ganz schnell deutlich, spräche es im selben Duktus und mit denselben logischen Fehlschlüssen beispielsweise über Krebsforschung und Gesundheitspolitik. Also los:


Ohne Ideologie: Die Öffentlichkeit hat eine objektiver geführte Debatte über die Krebs- und Gesundheitspolitik verdient. Wissenschaft darf nicht von der Politik instrumentalisiert werden. Die Freiheit der Forschung und Lehre ist zu respektieren. Krebsforschung darf nicht zu einer Glaubensfrage werden und auch nicht zu einer Arena ideologischer Auseinandersetzungen.

Mehr Einordnung: Das Zellwachstum und der Kreislauf aus Teilung und Absterben von Zellen im menschlichen Körper sind unerlässliche Bestandteile des Lebens. Der menschliche Körper hat sich immer gewandelt. … Im Leben eines Menschen gibt es Phasen sowohl mit mehr als auch mit weniger starkem Wachstum. Die genauen Treiber des Zellwachstums sind noch nicht vollständig erforscht und verstanden, aber eine solitäre Rolle des Rauchens beim Krebs scheint unwahrscheinlich. Es gibt signifikante Einflüsse auf die Gesundheit außerhalb der momentan eng geführten Krebsdiskussion, die sich sehr stark auf sogenannte Tabakgase konzentriert: UV-Strahlen der Sonne, Ernährung, Sport oder Stress sind nur einige Stichworte.

Mehr Sachlichkeit: In den letzten Jahrzehnten wurden Gesundheits- oder Krankheitsereignisse zunehmend systematisch in eine vorgegebene Geschichte (mediales Narrativ) einsortiert. Genannt sei nur die unbestrittene Zunahme des Zigarettenkonsums unter Frauen. Diese Zunahme hat praktisch keinen Einfluss auf ihr Hörvermögen, weil die Hörkraft der Ohren nicht durch Tabakkonsum beeinträchtigt wird. Somit sind die mit der Zunahme des Rauchens verbundenen Chancen (Gewichtsabnahme, Jobs für die Zigarettenwirtschaft, neue Flirtmöglichkeiten durch die vermehrte Anwesenheit rauchender Frauen vor den Türen von Restaurants oder Bürogebäuden) vermutlich sogar größer als mögliche negative gesundheitliche Effekte. Trotzdem wird das Phänomen medial momentan zur Lungenkrebs-Angstmache benutzt. Und das, obwohl das Rauchen von Frauen in den aktuellen Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes nicht gut abgebildet wird. Die Datenlage über die Reaktion von Frauenkörpern auf Tabak … ist momentan noch sehr unübersichtlich.

Keine moralische Erpressung: Viele angekündigte/erwartete dramatische Folgen des Rauchens basieren auf Modellen und Simulationen, deren Richtigkeit und Belastbarkeit keineswegs so eindeutig ist, wie oft postuliert wird. Trotzdem werden schon seit Jahren zunehmend aggressivere politische Zielsetzungen, insbesondere die Rauch- und Werbeverbote, auf politischen und wissenschaftlichen Annahmen in diesen Modellen aufgebaut. Es ist nicht schlüssig bewiesen, ob die postulierten Rauchverbote etwa für Kinder oder in Gaststätten tatsächlich die sinnvolle und universale Steuerungsmethode sind, als die sie dargestellt werden. Während die modellierten Folgen des Rauchens alles andere als bewiesen sind, sind dagegen die realen Folgen bestimmter Gesundheitspolitik für die Menschen sofort spürbar: Sei es durch Arbeitsplatzverluste in Zigarettenfabriken, den Verlust gewachsener Kneipenkultur oder die Verteuerung von Zeitschriften, weil diese wegfallende Einnahmen aus der Tabakwerbung anderswo kompensieren müssen.

Krebsforschungszentrum (DFKZ) reformieren: Das Deutsche Krebsforschungszentrum (IPCC, äh, nein, DFKZ) hat sich zu einer einflussreichen polit-medial-wissenschaftlichen Supermaschinerie entwickelt: regelmäßige mediale Events und alle paar Jahre sehr umfangreiche Berichte. Das DKFZ ist der Taktgeber der öffentlichen Krebsdebatte. Dabei ist dessen Arbeit beileibe nicht so wissenschaftlich, wie es für ein Beratungsgremium notwendig wäre: Berichte enthielten Fehler und Überhöhungen und unterliegen schon in der Entstehung politischen und medialen Einflüssen. Wissenschaft darf aber nicht zu einer Art ‚Weltrettungszirkus‘ werden. Aus Gründen der Qualitätssicherung und der Entpolitisierung sollte die Arbeit des DKFZ reformiert werden. Sinnvoll wäre es sicherlich, die Frequenz der DKFZ-Aktivitäten zu senken und ihren Charakter wieder auf den Kernauftrag einer wissenschaftlichen Politikberatung zurückzuführen. Dazu scheinen eine primär wissenschaftliche Fach- und Arbeitskonferenz alle 5 Jahre und wissenschaftliche DKFZ-Berichte alle 10 Jahre ausreichend. Die Dominanz einzelner Fachdisziplinen innerhalb des DKFZ sollte verringert werden. Wissenschaftler müssen mögliche Doppelrollen als Forscher und Aktivisten klar trennen.“


Hübsch, oder?

In allen Punkten funktioniert die Analogie von Krebs durch Rauchen und Klimawandel durch menschengemachten Treibhausgas-Ausstoß natürlich nicht – aber in vielen. Nicht zuletzt bei der Gegenpropaganda von Industrie- und Lobbygruppen, wie beispielsweise Naomi Oreskes und Erik Conway in ihrem Klassiker Merchants of Doubt (deutsche Ausgabe: Die Machiavellis der Wissenschaft) zeigten.

Das Traurigste an diesem Positionspapier ist, wie schon erwähnt, dass es so wenig originell ist. Seine „Argumente“ werden seit Jahren und Jahrzehnten von Klimawandel-Leugnern hoch- und runtergebetet, vor allem in den USA. Dort ist die Klimafrage inzwischen hoch ideologisiert (befeuert durch eine professionelle Industriekampagne, wie die New York Times just gestern in einem großen Bericht nachzeichnete). Das Abstreiten selbst grundlegender wissenschaftlicher Fakten gehört dort für Konservative inzwischen fast zur politischen Identität.

In Deutschland war das bisher anders. Hierzulande sind konservative oder liberale Gegner der Energiewende bislang nicht so tief gesunken, für ihre Kritik die Erkenntnisse der Klimaforschung zu verbiegen. (Die AfD lassen wir hier mal beiseite, weil sie weder konservativ noch liberal ist.) Aber dank Philipp Lengsfeld und dem rechten „Berliner Kreis“ scheint sich das gerade zu ändern und die Klimaleugnerei nach Art von Donald Trump und der US-Republikaner nun auch in Deutschland anzukommen


 

Die Welt: Den Redakteursjob vergessen??

Bei der Tageszeitung Die Welt arbeitet eine Reihe exzellenter Journalistinnen und Journalisten, nicht zuletzt unser Ex-taz-Kollege Deniz Yücel, der seit inzwischen mehr als hundert Tagen in einem türkischen Gefängnis sitzt, weil er einfach nur seinen Job gemacht hat.

Bei der Welt arbeiten aber offensichtlich auch … tja, was? Sicherlich verstehen sich die Kollegen, deren Arbeit (oder Nicht-Arbeit) uns am Wochenende aufgefallen ist, auch als Journalisten. Aber irgendwie tun sie einfach nicht ihren Job. Es geht um folgenden Text, der im Ressort „Meinung“ erschienen ist – und ein Versagen der Redaktion dokumentiert:

Autor ist Josef Reichholf, ein Biologe, mittlerweile 72 Jahre alt, Honorarprofessor der TU München, Autor zahlreicher Sachbücher, Ex-Präsidiumsmitglied der Umweltstiftung WWF. Die Zeitschrift Bild der Wissenschaft hat ihn mal liebevoll-kritisch einen „Tausendsassa“ genannt, dem man „nicht alles auf Anhieb glauben“ sollte. In der Tat …

Sein kurzer Welt-Text ist randvoll mit Provokationen – was an sich ja noch nicht schlecht wäre. Er enthält aber auch Falschaussagen, die den Klima-Lügendetektor heftig ausschlagen lassen. Und das ist dann schon ein Problem, sowohl für den Akademiker Reichholf als auch für die Welt und ihren Anspruch als Qualitätszeitung.

Lassen wir mal die Überschrift beiseite, in der ja häufig zugespitzt wird und die schon mal danebengehen kann. Aber die Unterzeile, nun, die besteht aus drei Sätzen – von denen alle drei falsch sind. Denn Tatsache ist: Die globale Temperatur steigt sehr wohl. Die Daten passen auch gut zu den Szenarienberechnungen der Klimaforschung. Und in der Wissenschaft wird man nicht verunglimpft, wenn man hierüber reden will – jedenfalls nicht, wenn man (den Berufsstandards seriöser Forscher folgend) seine Thesen nachvollziehbar und mit Quellen und Daten unterlegt in Fachaufsätzen vorträgt.

Aber der Reihe nach, gucken wir uns den Text im Detail an. Der erste Absatz lautet:

Hä? Die „globale Temperatur“ (Fachbegriff: „Erdmitteltemperatur“) stieg seit fünfzehn Jahren nicht mehr an? Liest Herr Reichholf keine Zeitung? Die vergangenen drei Jahre 2014, 2015 und 2016 markierten allesamt neue Rekordwerte bei der globalen Temperatur.

Zugegeben, dies allein ist kein Beleg für irgendetwas, denn das Klima ist das über mindestens 30 Jahre gemittelte Wetter. Man muss sich also (zumindest wenn man seriöser Wissenschaftler sein will) wenigstens drei Jahrzehnte anschauen und nicht anderthalb. Und in den vergangenen drei Jahrzehnten ist die Erdmitteltemperatur deutlich gestiegen, wie beispielsweise der Weltklimarat IPCC in einer eindrucksvollen Grafik in seinem letzten Sachstandsbericht 2013 zeigte. Nimmt man die Mittel der einzelnen Jahrzehnte, ergibt sich eine mustergültige Treppe:

Diese langfristige Entwicklung darf man nicht vermischen mit einem Blick auf die Werte kürzerer Zeitspannen oder gar einzelner Jahre. Im Rahmen natürlicher Schwankungen des Klimasystems schießen nämlich die Temperaturen im einen Jahr mal steil nach oben, im anderen geht es wieder nach unten – so weit, so normal und in der Klimaforschung unumstritten.

Wenn nun Herr Reichholf (wie es viele Leugner des menschengemachten Klimawandel in den vergangenen Jahren getan haben), sich eine relativ kurze Zeitspanne herauspickt (zum Beispiel anderthalb Jahrzehnte), und wenn er dann über diese Zeitspanne Ausssagen zum Klima tätigt, dann belegt das entweder Unwissen oder Lügenabsicht.

Das wäre etwa so, als würde Reichholf schreiben: „Gestern gab es in München keinen Regen“ – dabei aber nur auf die Wetterdaten des Nachmittags und Abends schauen und einen morgendlichen Wolkenbruch unter den Tisch fallen lassen. Wer etwas über „gestern“ sagen will, muss schon auf volle 24 Stunden schauen – denn es herrscht ja allgemeiner Konsens darüber, dass ein Tag 24 Stunden hat. Genauso muss, wer etwas übers Klima sagen will, mindestens 30 Jahre betrachten.

Aber selbst wenn man dies außer Acht lässt, ist Reichholfs Aussage schlicht falsch. Für „die letzten anderthalb Jahrzehnte“, also den Zeitraum von 2002 bis 2017, zeigen alle einschlägigen Datensätze einen deutlichen Anstieg (wer es überprüfen will, gehe auf dieses hübsche Online-Tool der University of York und stelle die gewünschten Zeiträume ein).

Nun kann man sich natürlich 5- oder 10- oder auch 15-Jahres-Zeiträume herauspicken, in denen es keine oder nur wenig Erwärmung gab. (Viel Spaß beim Rumprobieren im genannten Online-Tool!) Nur sind solche Kurzzeittrends erstens fürs Klima irrelevant. Erst vor wenigen Wochen hat ein deutsch-amerikanisches Forscherteam um den Potsdamer Stefan Rahmstorf in den Environmental Research Letters vorgerechnet, dass alle Kurzfristschwankungen (ob nach oben oder nach unten) vollkommen im Rahmen der natürlichen Variabilität des steigenden Langfristtrends bei der Erderwärmung liegen.

Und zweitens spricht Reichholf aber nicht von irgendwelchen anderthalb Jahrzehnten, sondern von den „letzten“, in denen „die globale Temperatur nicht mehr“ zugenommen habe. Keine Ahnung, ob der Text schon ein paar Jahre irgendwo unveröffentlicht herumlag – aber im Jahr 2017 gedruckt, ist die Aussage schlicht und ergreifend Bullshit.

Seinen zweiten Satz beginnt Reichholf mit den Worten:

Wie gesagt, eine Pause bei der Erderwärmung hat es nicht gegeben. Was es jedoch unbestritten gab, ist eine Phase von 1998 bis etwa 2013 (also rund 15 Jahre), in denen einige Datensätze zur Lufttemperatur an der Erdoberfläche eine geringere Erwärmung zeigten als in den Jahren davor und danach. (Gut sichtbar, wenn Sie im o.g. Online-Tool den Datensatz „HadCRUT4″ anklicken und den genannten Zeitraum einstellen – dann liegt der Trend bei nur noch 0,052 °C pro Dekade.) Das ist immer noch weit entfernt von einer „Pause der Erwärmung“ oder einem Null-Anstieg. Aber doch eine vorübergehende Verlangsamung der Erwärmung – und über dieses Phänomen ist unter dem Begriff „Hiatus“ (lateinisch „Kluft“, englisch „Lücke“, „Auszeit“) in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden.

Aber erstens sind – man kann es gar nicht oft genug betonen – 15 Jahre zu kurz, um etwas über das Klima zu sagen. Und seit 2014 ging es dann auch wieder rasant nach oben. (Schon wenn Sie im Online-Tool den Zeitraum nur um ein einziges Jahr verschieben, also HadCRUT4 von 1999 bis 2014 abfragen, liegt der Trend mit 0,087 °C pro Dekade gut 50 Prozent höher).

Zweitens ist die oberflächennahe Lufttemperatur nur ein Indikator für die Erderwärmung – andere wie die Temperatur der Ozeane (die viel mehr Wärme aufnehmen als die Erdatmosphäre) zeigten im gleichen Zeitraum eine ungebrochene Erwärmung.

Und drittens hat sich bei genauer Betrachtung der Datensätze und -zeiträume mit „Hiatus“ herausgestellt, dass sie Ungenauigkeiten enthielten – zum Beispiel hatte HadCRUT4 nur wenige Daten zur Arktis; rings um den Nordpol jedoch verläuft die Erwärmung besonders rasant, HadCRUT4 unterschätzt also die Erderwärmung. Berücksichtigt man nun auch die Arktis-Daten, verschwindet der „Hiatus“ weitgehend. Vor wenigen Wochen haben Schweizer Forscher in einer Übersichtsstudie im Fachmagazin Nature den Forschungsstand zu der ganzen Debatte zusammengefasst.

Skurrilerweise verweist der Reichholf-Text auf genau diesen Nature-Aufsatz, nämlich im zweiten Absatz (der Link unter dem Wort „Klimamodellen“ führt zu einer entsprechenden Meldung im Wissenschaftsteil der Welt):

Auch nach mehrmaligem Lesen dieses und des vorherigen Absatzes verstehen wir nicht ganz, was Herr Reihholf da argumentiert. Anscheinend will er suggerieren, irgendwelche Klimaforscher hätten an ihren Daten oder Modellen gedreht, um beides passend zu machen. Allerdings beschreibt der hier erwähnte Nature-Aufsatz das glatte Gegenteil: Dass Daten und Modelle halt auf den ersten Blick nicht passten (was zu einer aufgeregten Debatte um den „Hiatus“ führte), aber dieses Nicht-Passen eben bei genauer Betrachtung plausibel erklärbar ist – und es (wir schreiben es nochmal) keine signifikante Pause bei der Erderwärmung gab.

Seufz.

Wenn die ersten beiden Absätze eines Textes dermaßen falsch sind – was soll danach noch kommen? Na ja, Josef Reichholf nölt noch ein bisschen über „die Politik“. Er verteidigt den Ex-Welt-Autor Michael Miersch (der uns hier auch schon beschäftigt hat). Er teilt gegen das Umweltbundesamt aus (dass die Behörde vor Jahren mal in einer Broschüre einige umstrittene Autoren namentlich nannte, wird in einem Atemzug mit Inhaftierungen wie der von Deniz Yücel genannt). Und ganz am Ende lobt Reichholf die wissenschaftliche Tugend der Skepsis (kommt immer gut).

Doch was hat das alles mit der Redaktion der Welt zu tun? Beziehungsweise mit ihrem – wie wir eingangs schrieben - Versagen? Nun ja, der Pressekodex (in dem die von Journalisten allgemein akzeptieren Standards ihres Berufsstands formuliert sind) besagt in Ziffer 2 eindeutig: „Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen … sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben.“

Natürlich ist in Kommentaren oder Debattenbeiträgen die Meinung frei. Josef Reichholf darf selbstverständlich gern denken und glauben und meinen, was er will. Jedoch sollten die Faktenaussagen, die er dabei tätigt, korrekt sein – für einen Wissenschaftler ist eine solche Forderung eigentlich banal. Aber okay, in einem Vortrag oder auf seinem Privatblog könnte Reichholf vielleicht auch unzutreffende Sachaussagen treffen. In einem journalistischen Text aber (zumindest wenn er allgemein anerkannten Qualitätsmaßstäben entsprechen soll) geht dies nicht.

Doch verantworlich hierfür ist nicht mehr allein der Autor, sondern auch die Redaktion, in unserem Fall die ehrwürdige Welt. Wie der Deutsche Presserat (der Hüter über den Pressekodex) zu Jahresbeginn dem Wissenschaftsportal klimafakten.de bestätigte, gilt die journalistische Sorgfaltspflicht auch für Meinungsbeiträge. Die Hürde hänge hier sicherlich niedriger als in einer klassischen Meldung. Doch was für einen Nachrichtenredakteur Pflicht ist (Fakten prüfen), gelte prinzipiell auch für einen Meinungsredakteur. Auch er habe die Pflicht, so der Experte des Presserats, Beiträge etwa von Gastautoren auf Korrektheit der Sachaussagen zu überprüfen.

Uns ist schleierhaft, wie die Kollegen der Welt ihren Redakteursjob so sehr vergessen und dermaßen falsche Tatsachenbehauptungen durchgehen lassen konnten. Lag’s daran, dass der eine oder die andere noch unter einem Herrentags-Kater litt? In ausgenüchtertem Zustand, so unsere Hoffnung, erledigen die Meinungsredakteure der Welt ihre Arbeit künftig sorgfältiger.