Altana: Den Klimaschutz (geschickt) verpacken

Die Altana AG ist ein Chemiekonzern mit Sitz im ziemlich beschaulichen Wesel, gelegen am unteren Niederrhein in Nordrhein-Westfalen. Der Konzern hat nach eigenen Angaben weltweit mehr als 6.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und macht gut zwei Milliarden Euro Jahresumsatz. Die Altana AG stellt unter anderem Farben, Lacke und Pigmente her.

Offenbar ist die Firma der Meinung, man kenne sie zu wenig. Jedenfalls erschien im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung diese viertelseitige Annonce:

Wow! „Lackentwickler“ UND „Klimaschützer“!!

Das Motiv ist Teil einer drei Jahre alten Imagekampagne, in der Altana sich und seine Angestellten zum Beispiel als „Optimierer“ UND „Querdenker“ präsentierte. Oder auch als „Forscher“ UND „Verpackungskünstler“. Als „Global Player“ UND „Familienunternehmer“.

Jetzt also ist der Lackentwickler Altana „Klimaschützer“. Die Argumentation dafür, warum die Firma sich den hübschen Titel anheftet, lautet:

Kurzgefasst: Wir stellen Dinge her, die unseren Kunden beim Energie- und Ressourcensparen helfen.

Dumm nur, dass es den Rebound-Effekt gibt: Weil Endkunden (also Leute wie Sie und wir) diese tollen „immer kleineren und leistungsfähigeren Geräte“ in vielen Fällen schlicht immer mehr und immer öfter nutzen, wird der Einspareffekt von Energie und Material durch die Praxis häufig wieder aufgefressen – was dem Klima wenig oder gar nichts nützt.

Dumm auch, das Altana aktenkundig geworden ist beim Kampf gegen die Energiewende, also im Kampf gegen den praktizierten Klimaschutz bei der Stromversorgung. Vor viereinhalb Jahren nämlich gehörte der Milliarden-Konzern zu den Unterzeichnern eines „Memorandums des Chemie-Mittelstandes“. Unter dem Logo des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) wurde da in apokalyptischen Tönen gegen die Erneuerbare-Energien-Umlage (EEG-Umlage) agitiert:

Besonders schräg an diesem „Memorandum“ ist, dass die Chemieindustrie als energieintensive Branche von der EEG-Umlage weitgehend befreit ist. Das Papier vom September 2013 gipfelte in der Forderung:

Dumm auch, dass unter dem Druck dieser und anderer Lobbyaktivitäten die Große Koalition in der vergangenen Legislaturperiode die EEG-Förderung so zurückgestutzt hat, dass der Ausbau der Photovoltaik drastisch eingebrochen ist und zum Beispiel das regierungsamtliche Ziel von jährlich 2.500 Megawatt Neuanlagen schon seit Jahren nicht einmal mehr annähernd erreicht wird. Was letztlich dazu beitrug, dass die deutschen Klimaziele so krass verfehlt werden.

Deshalb: Auf uns wirkt Altana weniger wie ein echter Klimaschützer, sondern eher wie ein geschickter (Selbst-)Verpackungskünstler.

PS: Es sind ausschließlich unsere Leserinnen und Leser, die seit Oktober 2011 die Arbeit des Klima-Lügendetektors ermöglichen. Wenn Sie wollen, dass unser Team weiter dranbleibt an Halbwahrheiten und Lügen rund um den Klimawandel in Politik, Wirtschaft und Medien, dann unterstützen Sie unsere Arbeit bitte HIER.


 

Bild: Nicht rechnen können

Huch, was ist denn nun passiert?

Die Deutschen wollen zurück zum Atomstrom?

Titelt zumindest die Bild.

Es geht um eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Verbraucherportals Verivox. Ergebnis: „Obwohl den meisten Stromkunden (90 Prozent) ein guter Kundenservice wichtig oder sehr wichtig ist, würde jeder Zweite (51 Prozent) hier Abstriche in Kauf nehmen, wenn dadurch der Preis sinkt.“

Und dann schreibt die Bild:

Donnerwetter: Jeder Fünfte würde an der Atomkraft festhalten, wenn dadurch der Strompreis sinkt!

Im Umkehrschluss heißt das: Vier von fünf Deutschen wollen nicht an der Atomkraft festhalten, egal wie hoch der Preis ist. Das sind 80 Prozent!

Korrekt hätte die Bild also so titeln müssen:

Vielen Dank an Anke P. für den Hinweis!


 

10 Jahre Lügendetektor (5): Wir danken

Wir sind noch diesen einen Schritt vom Finale entfernt: Gesucht wird die dreisteste Lüge, die in den vergangenen zehn Jahren auf diesem Blog notiert wurde. Bislang standen zur Auswahl Kampagnen von

  • VW, RWE, der Deutschen Bahn, dem Informationszentrum Klima und der AutoBild aus den Jahren 2008/09
  • die Linkspartei, TetraPak, die schwarz-gelbe Regierung, Eon und der Fokus aus den Jahren 2010/11
  • das Kanzleramt, die Bild-Zeitung, Vattenfall, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Rewe aus den Jahren 2012/13
  • sowie EnBW, Schnee, der Gewerkschafter Frank Bsirske, die Bundesregierung und die Stahlwirtschaft in den Jahren 2014/15

Fehlt zum bunten Strauß der Dreistigkeiten also noch die Auswahl aus den Jahren 2016 und 2017, die sie unten startklar finden! Bitte beachten Sie, dass ein großes „Augenzwinkern“ bei dieser „Hitparade der dreistesten Lügen“ dabei ist: Im Kampf um die richtige, also die ökologischste, sozial gerechteste, kostengünstigste Energiewende ist natürlich jede Lüge eine Lüge zu viel!

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Fehlt vor der letzten Staffel unserer Jubiläumsparade eigentlich nur noch unser Dank an Sie, die Leserinnen und Leser! Als uns im Sommer 2011 mit dem Greenpeace-Magazin der publizistische Partner abhanden gekommen war, stand dieser Detektor vor dem Aus. Damit wollten sich einige Leser damals nicht abfinden, es entstand eine Art Abo-Kampagne, die seitdem unsere Arbeit finanziert.

Ohne Ihre Unterstützung gebe es keine zehnjährige Jubiläumsrückschau. Ohne Ihre Hinweise blieben viele Lügen der Energiewendegegner unentdeckt. Ohne Ihren finanziellen Beitrag kämen die Grünfärber ungeschoren davon.

Deshalb bitten wir Sie, uns zu abonnieren!  Vertrauen Sie unserer kleinen Redaktion mit Ihrem Geld einen Arbeitsauftrag an. Leider ist der Bach, der unser Pflänzchen erhält, zuletzt wieder etwas ausgetrocknet. Und stimmen Sie mit ab, welches Stück unserer Rückschau die dreisteste unter den dreisten Lügen enthält.

Unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlosen wir am Ende fünf Exemplare des (nicht mehr lieferbaren) Buches „Grün, grün, grün ist alles was wir kaufen“ von Toralf Staud, der gemeinsam mit Nick Reimer dieses Blog vor zehn Jahren ins Leben rief: Der erste Beitrag erschien am 2. Januar 2008 unter der Überschrift „Die deutschen AKW-Betreiber: Beste Grünfärber Europas

Heute die Jahre 2016/17:

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Gaswirtschaft: Die falsche Lösung liefern

Die Gaswirtschaft hat in der vergangenen Woche folgende Annonce geschaltet:

„Jedes Gramm zählt“, heißt es im Kleingedruckten. Gemeint sind die Treibhausgase, die jeder Deutsche produziert: im Durchschnitt sind es derzeit 11,4 Tonnen pro Jahr.

Eine Tonne sind eine Million Gramm! Man könnte also meinen, dass ein paar Gramm nun nicht so sehr ins Gewicht fallen sollten.

Aber nein! Die Erdgaswirtschaft führt uns vor Augen, wie dramatisch die Situation ist. Parallel zur Anzeige liefert sie nämlich gleich noch die Fakten mit: Würde man den Paris-Vertrag ernst nehmen, stünden den Einwohnern der Bundesrepublik pro Jahr rechnerisch insgesamt 217 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent zur Verfügung. Timm Kehler, Cheflobbyist der Erdgasbranche: „Dieses CO2-Budget haben wir leider schon Ende März aufgebraucht.“

Das sorgte kurz vor Ostern für einige Schlagzeilen. Der Deutschlandfunk vermeldete exemplarisch:

Und weil das wirklich richtig ernst gemeint ist, gucken wir nochmal ins Kleingedruckte.

Um das Problem mit dem aufgebrauchten CO2-Budget zu bannen,

So weit, so einleuchtend!

CO2-Budget aufgebraucht, zack: Lösung her für Straßen, Häuser, Energieversorgung ohne CO2!

Und wie sieht sie nun aus, die Lösung?

Äh, wie jetzt?

Gastechnologien sind doch nicht CO2-frei!

Es stimmt zwar, dass Erdgas der sauberste unter allen fossilen Energieträgern ist – aber trotzdem bleibt das hauptsächlich aus Methan bestehende Gasgemisch ein fossiler Energieträger. Wird in einem modernen und effizienten Erdgas-GuD-Kraftwerk eine Kilowattstunde Strom erzeugt, entstehen 428 Gramm Kohlendioxid. Zwar ist das nur etwa ein Drittel dessen, was bei der Verstromung von Braunkohle freigesetzt wird, weshalb Gaskraftwerke für die Übergangszeit auch Braunkohlekraftwerken vorzuziehen sind. Aber 428 Gramm sind fast das Zwanzigfache der Emissionen, die Windkraftanlagen pro Kilowattstunde erzeugten Stroms verursachen. Viel zu viel also, um wirklich zukunftsfähig zu sein.

Nicht eingegangen in diese Berechnung sind übrigens die Emissionen, die bei der Erdgas-Förderung entstehen oder aus Leckagen an Pipelines stammen. Methan nämlich ist ein Klimagas, das in seiner Wirkung 25-mal so stark wie Kohlendioxid zur Erderwärmung beiträgt. Erst vor wenigen Wochen belegte eine NASA-Studie, dass Methan aus der Erdgasförderung dafür sorgt, dass die Methan-Konzentration in der Atmosphäre seit rund zehn Jahren wieder drastisch steigt.

Für die Klimabilanz ist übrigensübrigens Erdgas nicht gleich Erdgas. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob der fossile Rohstoff aus Norwegen kommt oder beispielsweise aus Russland – bei russischem Erdgas sind die vorgelagerten Methanemissionen vier- bis fünfmal höher (siehe Tabelle 16 auf Seite 333 beziehungsweise hier Tabelle 80 auf Seite 146).

Allenfalls Bio-Erdgas kann eine Lösung zum Problem sein, also Erdgas, das aus der Vergärung von organischen Substanzen entsteht. Aber erstens ist die Umweltbilanz dieser Lösung umstritten, zweitens steht es schlecht um die Biogas-Branche und drittens meint die Erdgaswirtschaft in ihrer Anzeige gar nicht diese Lösung.

Mag ja sein, dass Erdgas-Technologien ein bisschen weniger klimaschädlich sind als all die anderen fossilen Energiegewinnungsmethoden. Für die Zukunft aber sind sie die falschen Lösungen!

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AfD: Millionen Flüchtlinge verschweigen

„Der Marsch“ war Anfang der 1990er Jahre ein vieldiskutierter Spielfilm nach einem Drehbuch von William Nicholson. In diesem Film wird behauptet, dass sich Millionen Afrikaner aufgrund des Klimawandels übers Mittelmeer auf den Weg nach Europa machen werden, weil Dürren und Hunger ihren Kontinent zunehmend unbewohnbar machen. Zwar versucht die EU-Kommission verzweifelt „Grenzschutz“ zu betreiben. Aber die Afrikaner scheuen keine Schlepperfalle und keinen Bootsuntergang, aus ihrer Not heraus versuchen sie sogar von Libyen aus mit kaum seetüchtigen Booten übers Mittelmeer zu kommen.

Das hat im Film zur Folge, dass die rassistischen Spannungen in Europa zunehmen. Neurechte Gruppen machen die Flüchtlinge für „Überfremdung“, „Kriminalität“ und „Belastung der Sozialsysteme“ verantwortlich. Der Buchhändler Zweitausendeins urteilte damals, dies sei „ein überdenkenswertes Szenario“.

Das ist natürlich purer Unsinn! Urteilt zumindest die AfD im Deutschen Bundestag:

Denn nach Aussage von Karsten Hilse, direkt gewählter Kandidat im sächsischen Wahlkreis „Bautzen I“, gibt es überhaupt kein Problem mit der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Es gibt überhaupt keinen Klimawandel. Die Erderwärmung, so Hilse, sei eine Erfindung „unserer Klimakanzlerin, unterstützt von mit viel Steuergeld gefütterten Forschungsinstitutionen, die immer genau das liefern, was die Geldgeber von ihnen verlangen“.

Deshalb sagt die AfD auch „hier und heute“ der Irrlehre vom menschengemachten Klimawandel den Kampf an.

Ups, jetzt haben wir ein Problem! Entweder hat die „Klimakanzlerin“ mit ihrer Behauptung, dass wir Klimaschutz betreiben müssen, unrecht (weil es ja gar keinen Klimawandel gibt). Oder aber die AfD liegt mit der Behauptung daneben, dass es ein Flüchtlingsproblem gibt (weil in den vergangenen Jahren ja gar keine Flüchtlinge aus Afrika und Asien nach Europa gekommen sein können).

Kein Klimaproblem?

Oder kein Flüchtlingsproblem?

Hilfe!
Kann uns da mal jemand weiterhelfen?
Vielleicht jemand, der unabhängig ist???

Ah! Sieh an: Die Weltbank!! Die hat in dieser Woche zu unserem Thema einen Bericht vorgelegt, der exakt jenen „Marsch“ von 1990 in der – schon wieder – Zukunft beschreibt: Allein in Afrika südlich der Sahara, in Lateinamerika und in Südasien werden bis 2050 insgesamt mehr als 140 Millionen Menschen von Dürren, Missernten, Sturmfluten und steigendem Meeresspiegel bedroht. Diese Menschen werden durch die Klimaerhitzung ihr Zuhause verlieren und müssen sich einen neuen Platz zum Leben suchen.

140 Millionen! Das sind 23-mal so viele Menschen, wie 2017 AfD gewählt haben!

Natürlich werden es nicht alle diese Menschen bis nach Europa schaffen (die meisten werden Binnenflüchtlinge bleiben). Aber so viel ist dank Karsten Hilse und der AfD jetzt evident: Wer keinen Klimaschutz in Europa betreibt, der sorgt dafür, dass die rassistischen Spannungen weiter zunehmen werden.

Danke an Heike H. aus Kamenz und Steffi K. via gmx.

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Mercedes-Benz: Einfach nicht vernünftig werden

Diese Annonce wurde gerade ganzseitig geschaltet, unter anderem in der Süddeutschen Zeitung:

Es geht um Mercedes-Benz, genauer um seine Luxuslimousine CLS, deren neue Modelle in diesem Monat vorgestellt werden. Die neue A-Klassen-Kompaktlimousine gibt es schon ab 30.231,95 Euro, oder – und das interessiert uns vom Klima-Lügendetektor natürlich besonders – mit

Mehr als 200 Gramm Treibhausgas je Kilometer! Wie von gestern ist das denn?

Ab 2020 – also in 19 Monaten – gilt in der EU für Neuzulassungen ein Pkw-Grenzwert von 95 Gramm Kohlendioxid je Kilometer. Weil der Verkehrssektor bislang überhaupt nicht zur Lösung des Zukunftsproblems beigetragen hat, soll dieser Grenzwert ab 2021 schrittweise immer weiter verringert werden. In Deutschland beispielsweise war der Verkehrssektor 1990 für insgesamt 164 Millionen Tonnen Treibhausgase verantwortlich, 2016 waren es schon 166 Millionen Tonnen. Und „215–209 g/km“ sind ja nur der Anfang, Modelle wie der GT 63 S 4MATIC+ bringen es auf 256 Gramm je Kilometer – bei 639 PS und dem Einkaufspreis von etwa 150.000 Euro.

Wir wissen zwar nicht, ob die gemessenen und publizierten CO2-Grenzwerte bei Mercedes diesmal wirklich echt korrekt sind (Gerade erst gab es Hausdurchsuchungen bei BMW und Volkswagen – im letzten Falle erneut wegen der vermuteten Manipulation bei CO2). Wir wissen aber, dass es angesichts dieser Genzwerte reichlich unvernünftig ist, sich heute noch einen Mercedes CLS zu kaufen. Vielleicht drohen ja auch wegen der Treibhausgase in Zukunft Fahrverbote?

Was der Autobauer Daimler dazu sagt? Das hier:

Eine Studie zeigte soeben, wie tief wir bereits im Klimawandel stecken: Die weltweite Gletscherschmelze ist demnach nicht mehr aufzuhalten. Selbst wenn die Menschheit plötzlich vernünftig werden und in einen Klimaschutz einsteigen würde, der diese Bezeichnung verdient, das Abschmelzen der Gletscher ist schon nicht mehr zu stoppen. „Alle 500 Meter Autofahrt geht ein Kilo Gletschereis verloren“, schreiben die Forscher.

Einer von ihnen, Georg Kaser vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Uni Innsbruck, sagt: „Wir haben in der Vergangenheit durch Treibhausgasemissionen bereits Entwicklungen angestoßen, die sich nicht mehr aufhalten lassen. Für die Gletscher ist es fünf nach zwölf.“

Im Falle des neuen Mercedes CLS gehen pro 500 Meter Autofahrt sogar ungefähr zwei Kilo Gletschereis verloren – so viel Treibhausgas produziert das PS-Geschoss. Heute noch solche Autos zu bauen – auch das ist mindestens fünf nach zwölf. Befragen Sie also doch besser noch einmal Ihre Vernunft, bevor Sie sich entschließen, einen neuen Mercedes CLS zu kaufen! Unvernunft ist nämlich allenfalls in der Liebe hilfreich.

Wie sagte einst der griechische Philosoph Herakleitos: „Seinen Unverstand zu (ver)bergen ist besser als ihn zur Schau zu stellen.“ Das gilt auch für die Unvernunft!

Und für den Mercedes CLS der neuen Bauart.

Danke an Fritz V. aus Berlin für den Hinweis!


 

Zehn Jahre Lügendetektor (4): Wenn physikalische Gesetze geleugnet werden

Anfang 2008 ging der Klima-Lügendetektor an den Start. Im Jahr davor erschien das Buch Wir Klimaretter – so ist die Wende noch zu schaffen von Toralf Staud und Nick Reimer. Sie standen tief im Thema, sagte Toralf Staud 2012 bei der Verleihung des Otto-Brenner-Preises. „Uns kamen immer diese Presseerklärungen auf den Tisch. Man sieht die und denkt, das ist doch gelogen“. Weil aber eine gelogene Pressemeldung an sich ja noch keine Nachricht sei, hätten die beiden Autoren angefangen, solchen „Quatsch“ auf einem Blog bloßzustellen.

„Ein Selbstläufer, wir können uns vor Einsendungen überhaupt nicht retten“, sagte Toralf Staud damals. Und wie sieht es heute aus?

Herr Staud, was hat sich in den vergangenen zehn Jahren an ihrer Arbeit auf dem Klima-Lügendetektor verändert?

Auf der einen Seite sind die Lügen subtiler geworden, die Unternehmen und Lobbyverbände haben deutlich dazugelernt. Plumpe, dreiste Fälle, die uns vor zehn Jahren fast im Wochentakt auf die Schreibtische flattern, sind deutlich seltener geworden.

Auf der anderen Seite scheint es mir, als würden es generell weniger Fälle von Grünfärberei. Der traurige Grund dafür ist vermutlich, dass Klimaschutz in der Öffentlichkeit ein geringere Rolle spielt als vor zehn Jahren (obwohl das Problem eigentlich noch viel dramatischer geworden ist) – aber weil der Öffentlichkeit das Klima nicht mehr so wichtig ist, ist es halt auch nicht mehr so verlockend, sich mit falschen Klimaschutzfedern zu schmücken.

Fossilkonzerne wie RWE, Eon oder EnBW geben sich jetzt selbst grün. Hat sich die Arbeit des Klima-Lügendetektors also erledigt?

Nein, sie hat sich nicht erledigt. Aber sie hat sich teilweise verändert, würde ich sagen. Einzelne Unternehmen wie EnBW scheinen sich tatsächlich um eine Wende zum Grünen zu bemühen (obwohl sie nicht den Mut haben, sich wirklich von Altlasten und falschen Entscheidungen der Vergangenheit zu emanzipieren).

Auf der anderen Seite ist aber im politischen Bereich neue Arbeit hinzugekommen: Dass wir heute eine Partei im Bundestag und in den meisten Landtagen zu sitzen haben, die offen und offensichtlich grundlegendste wissenschaftliche Erkenntnisse, ja physikalische Gesetze leugnet – und wir uns damit beschäftigen müssen –, das hätte ich vor zehn Jahren echt nicht erwartet.

Welche Rolle spielen die Sozialen Medien?

Sie machen unsere Arbeit leichter und schwerer zugleich. Wir merken, dass sich unsere Texte über Soziale Netzwerke weiter verbreiten als früher – aber auch die Lügen rund um den Klimawandel haben da natürlich einen riesigen Resonanzboden.

Soweit die Einsachätzungen von Toralf Staud. Und jetzt: Feiern Sie mit uns! Stimmen Sie ab, welches Stück unserer Rückschau die dreisteste unter den dreisten Lügen enthält. Unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlosen wir am Ende fünf Exemplare des (nicht mehr lieferbaren) Buches „Grün, grün, grün ist alles was wir kaufen“ von eben jenem Toralf Staud.

Heute die Jahre 2014/15:

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Jetzt amtlich: Bioplaste ist nicht kompostierbar

Diesmal wird die Lüge auf dem Rechtsweg aufgeklärt: Biologisch abbaubare Plastiktüten sind nicht „100 % kompostierbar“, wie das beispielsweise der Lebensmittelkonzern REWE auf seinen Einkaufstüten behauptete.

Auch solche Sprüche auf Plastiktüten sind nicht richtig:

- „So weit wie möglich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt.“
- „Zeig der Umwelt ein Lächeln!“
- „Ich trage Sorge zur Umwelt!“
- „Ich halte, was ich der Umwelt verspreche.“
- „Dieses Sackerl sieht bald die Radieschen von unten. So weit muss Bio gehen.“

Das Intersse unserer Leser an der Plastetüte an der Kasse ist verständlich: Was schließlich tun, wenn der Einkauf wieder mal größer ausfällt als die Einkaufstasche? Entsprechend groß ist das Interesse der Konzerne, uns das schlechte Gewissen zu nehmen.

Aber bereits vor Jahren ergab eine gründliche Untersuchung der Möchtegern-Öko-Tüten: „Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben insgesamt keinen ökologischen Vorteil. Durch den Anbau und die Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen versauern Böden und eutrophieren Gewässer stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen. Zudem entstehen höhere Feinstaubemissionen.“

Dagegen sind jene Konzerne juristisch vorgegangen, die solche „nachwachsenden Plastiktüten“ herstellen. Konkret verklagten sie die Deutsche Umwelthilfe, die seit Jahren gegen den nachwachsenen Werbebetrug kämpft. 2,7 Millionen Euro Schadenersatz forderten die Hersteller, was ganz konkret das Ende der Umwelthilfe bedeutet hätte: So viel Geld kann keine Umweltorganisation eben mal so zahlen.

Nun (nach mehr als fünf Jahren Rechtsstreit) hat der Bundesgerichtshof endgültig entschieden: Die Kritik an den Plastetüten ist berechtigt.

„Bio“-Tragetaschen – so urteilten die Richter – würden zwar die Industrienorm als „biologisch abbaubarer Werkstoff“ erfüllen, was

Recycling theoretisch möglich mache,

was andererseits

werde. Tatsächlich nämlich finde keine Kompostierung statt und deshalb sei die Bioplastik-Tragetasche „nicht biologisch abbaubar, kompostierbar und/oder recycelbar“.

Ende der Diskussion. Ein für allemal!

Und deshalb bitte ab sofort immer eine Stofftasche einpacken, mit gutem Beispiel vorangehen und die lieben Mitmenschen über ihren Irrtum und den Produktschwindel der Konzerne aufklären!

Herzlichen Dank an Sabine Sch. aus Berlin für den Hinweis!


 

Jubiläum (3): Zehn Jahre Klimalügen aufgedeckt

In unserem kleinen Rückblick auf zehn Jahre Arbeit des Klima-Lügendetektors geht es heute um ein Schlüsseljahr: 2012. Einerseits fühlte sich die Redaktion damals ausgelaugt. Es schien, als ob alle Lügen, die einem aufgetischt wurden, irgendwie schon einmal gelogen worden waren – teilweise mussten wir uns beim Widerlegen selbst zitierten.

Andererseits war mit dem Greenpeace-Magazin ein kongenialer Partner weggefallen und damit auch die Finanzierung unserer Arbeit in Frage gestellt. Zudem sah sich die Redaktion zunehmender Anfeindung ausgesetzt (hier ein Beispiel, das wir wegen seiner Systematik dokumentiert haben).

Es gab also reichlich Gründe, nach fünf Jahren Lügendetektei den Klima-Lügendetektor abzuschalten. Dann aber erklärten uns viele Leserinnen und Leser, warum unser kleiner Watchblog notwendig ist – die ersten fingen an, freiwillig Geld für unsere Arbeit einzuzahlen.

Anfangs fanden wir das rührend, später nahmen wir es als Auftrag: In der Auseinandersetzung um die richtige Klima- und Energiepolitik ist es eben wichtig, den Lügnern und Rechtfertigern unserer fossilen Lebensweise mit Argumenten zu begegnen und Scheinheiligkeit aufzudecken. Das hat uns überzeugt.

Nicht nur uns. 2012 war auch deshalb ein Schlüsseljahr für den Klima-Lügendetektor, weil ihm einer der renomiertesten Journalistenpreise des deutschsprachigen Raumes verliehen wurde, der Otto-Brenner-Preis. Mit diesem will die Otto-Brenner-Stiftung kritischen Journalismus fördern, unser Laudator Harald Schumann begründete die Preisvergabe damals mit den Worten: die Redaktion habe „eine wirksame Fackel der Aufklärung im Netz gezündet“. Besonders preiswürdig sei die Zusammenarbeit mit den Lesern, die ihren Verdacht an die Redaktion melden können. Die schlechte Nachricht sei – so der Laudator 2012 – dass das Fortbestehen des Klima-Lügendetektors nicht gesichert sei.

Leider hatte Harald Schumann damit recht: Im Herbst 2013 war die Zuwendung der Leser so weit gesunken, dass der Klima-Lügendetektor neuerlich abgeschaltet werden musste. Was dann wieder eine solche Welle von Sympathie (und freiwilligen Abos) mit sich brachte, dass wir gar nicht aufhören konnten.

Diese finanziellen Turbulenzen sind bis heute ein Graus für uns. Deshalb unsere Bitte zum Geburtstag: Wenn Ihnen an unserem Lügendetektor etwas liegt (und Sie noch nicht zu unseren freiwilligen Abonnenten gehören) – abonnieren Sie uns jetzt.

Und feiern Sie mit uns: Stimmen Sie ab, welches Stück unserer Rückschau die dreisteste unter den dreisten Lügen enthält. Unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlosen wir am Ende fünf Exemplare des (nicht mehr lieferbaren) Buches „Grün, grün, grün ist alles was wir kaufen“ von Toralf Staud .

Heute die Jahre 2012/13:

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Rainer Kraft (AfD): Im Leugnertum verheddert

Rainer Kraft ist seit der Wahl im vergangenen September Bundestagsabgeordneter der Alternative für Deutschland (AfD), er wurde auf Platz 12 der bayerischen Landesliste gewählt. Als „politische Ziele/Mission“ gibt der studierte Chemiker auf der Parteiwebsite an: „Abschaffung des EEG; für den Erhalt des dieselgetriebenen Pkw; Ablehnung der Dekarbonisierung; für preiswerten, verlässlichen und sicheren Strom in Deutschland; Abschaffung der Genderlehre“.

Na, da hat er ja einiges vor!

Gestern Abend hielt Kraft seine erste Rede im Plenum. Er sprach zu zwei Anträgen der bündnisgrünen Fraktion, die einen stärkeren Ausbau der Windenergie und die Erfüllung der deutschen Klimaziele fordern.

Der Abgeordnete Kraft versuchte dabei, richtig witzig zu sein. Ironisch dankte er den Grünen für ihre Anträge. Er mokierte sich über eine angebliche Unfähigkeit der Grünen, mit dem Taschenrechner umzugehen. Er führte die Übernahme hiesiger Unternehmen, etwa des Augsburger Roboterspezialisten Kuka durch einen chinesischen Konzern, auf vermeintlich zu strenge Klimaauflagen für deutsche Unternehmen zurück. Äh, Moment, nein – das war nicht ironisch oder spöttisch gemeint, sondern sollte ein ganz ernsthaftes Argument sein.

Er warf dann – wie es unter Rechtspopulisten, Marktradikalen und Klimawandel-Leugnern ziemlich beliebt ist – den Grünen vor, Klimaschutzmaßnahmen seien in Wahrheit doch nur ein „Werkzeug“, um „eine öko-sozialistische Planwirtschaft“ zu errichten. Wenn es ihnen ernst wäre, meinte Kraft, müssten die Grünen doch eigentlich für CO2-arme Atomkraftwerke sein. So weit, so nachvollziehbar – jedenfalls aus der Sicht eines AfD-Politikers.

An einem Punkt seiner Rede verhedderte sich Kraft dann aber im Gestrüpp des Klimawandel-Leugnertums. Er versuchte, die AfD-typische Ausländerfeindlichkeit mit Öko-Bashing zu verweben und warf den Grünen vor, sie nähmen es mit mit ihren Klimazielen „selbst gar nicht so ernst“. Und dann:

Das stenografische Protokoll der Bundestagssitzung vermerkt an dieser Stelle „Beifall bei der AfD“ sowie mehrere Zwischenrufe, unter anderem von der Parlamentarischen Geschäftsführerin der Bündnisgrünen, Britta Haßelmann: „Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!“

Wir finden, der Herr hätte an dieser Stelle lieber ein Exemplar des AfD-Grundsatzprogramms vom Himmel werfen sollen. Offenbar hat Rainer Kraft im Eifer des Gefechts die offizielle Position seiner Partei zu Kohlendioxid vergessen. Im Grundsatzprogramm heißt es nämlich (auf Seite 79):

Und ein paar Zeilen später:

Hm, also, tja… Eigentlich müssten dann doch Rainer Kraft und seine Partei ganz begeistert für eine „Massenmigration“ aus Afrika nach Europa sein, oder?

Die AfD-Position zu Kohlendioxid ist natürlich wissenschaftlich hanebüchen. Aber ein Mindestmaß an Konsistenz darf man von einer Partei und einem Bundestagsabgeordneten doch verlangen!?

Danke an Julian W. und Sven E. aus Berlin für die Hinweise