Verdi: Sich mit dem Kapital gemein machen

Sie kennen das Lied „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“?

Vertont hat es 1914 der Hamburger Gewerkschafter Michael Englert, es war auch viele Jahre lang eine Hymne der Gewerkschaften, mit dem herrlichen Schlusschor „Mit uns zieht die neue Zeit, mit uns zieht die neue Zeit!“

Das war zu Zeiten, als sich die Gewerkschaften für das Gemeinwohl eingesetzt und sich mit den Industriebossen angelegt haben. Heute ist das leider nicht mehr so. Heute machen die Gewerkschaften, was die Industriebosse ihnen sagen.

Zum Beispiel die Bosse von RWE. Die haben nämlich zu einer Demo aufgerufen:

Die RWE-Bosse haben den Demoaufruf sogar richtig mit Unterschrift gezeichnet:

Am 24. Oktober sollen die Kohlekumpel für die Zukunft der Braunkohle in Bergheim demonstrieren. Rot am RWE-Demoaufruf angemerkt ist von der Redaktion, dass RWE auch gleich die Argumente für die Braunkohle mitliefert. Die übrigens großer Quatsch sind, hier eine Kostprobe:

„Unsere flexiblen konventionellen Kraftwerke“ – RWE meint damit solch alte Blöcke wie das Kohlekraftwerk Weisweiler, seit 1955 in Betrieb und in etwa so flexibel wie eine Eisenbahnschiene.

Aber dass ein Konzern sein längst abgeschriebenes und damit billiges Kraftwerk auf Kosten der Allgemeinheit weiter laufen lässt, nun, das ist zwar schändlich, aber im Kapitalismus verständlich.

Aber zum Glück gibt es eben die Gewerkschaften. Als ein Korrektiv, das die Privatinteressen anprangert und das Gemeinwohl artikuliert.

Ähhhh…

Stopp!

Es gibt leider keine Gewerkschaft, die sich – wie ver.di-Chef Frank Bsirske es nennt -„dem entfesselten Kapitalismus“ entgegenstellt. Statt dessen veröffentlicht ver.di das hier:

Am 24. Oktober kommt die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ nach Bergheim, jene Kommission, die sich Gedanken darüber macht, wie die Kohlekumpel gut und zufrieden in Zukunft leben können.

Jene Kommission übrigens, in der gleich drei Gewerkschafter vertreten sind, um die Interessen der Arbeiter zu vertreten. Aber was macht ver.di?

Liebe Gewerkschafter: ES REICHT!

Seit Jahrzehnten wollt ihr uns erklären, dass es kein Problem beim Klimaschutz gibt, dass die Jobs der Kohlekumpel sicher sind und zukunftsfähig (mehr dazu HIER oder HIER oder HIER oder HIER). Damit seit ihr es, die die Kohlekumpel betrügen und im Regen stehen lassen.

Hört auf, euch mit dem Kapital gemein zu machen, liebe Gewerkschafter, findet endlich zurück zu dem, wofür ihr gesellschaftlich gebraucht werdet! Für den Forschritt, damit die neue Zeit auch wieder mit Euch zieht!

Vielen Dank an Peter S. aus Dortmund für den Hinweis


 

Kohlelobby: Den Bürger mimen

Eine merkwürdige Unterschriftenaktion geistert derzeit durchs Netz:

Normalerweise gibt es bei Unterschriften-Aktionen immer eine klare Botschaft, also zum Beispiel „Abschaffung der Kita-Gebühren in NRW!“ oder „Kükentöten stoppen – diesmal wirklich!“ oder „Hände weg vom Landschaftsschutzgebiet Ebersberger Forst“.

In diesem Falle aber ist der Slogan der Petition reichlich verschwurbelt:

Gerichtet ist die Petition an den Deutschen Medienrat, an die Aufsichtsräte aller öffentlich-rechtlichen Medienanstalten und allgemein an die Bundesregierung. Wer sich auf der dazugehörigen Kampagnenseite die Argumente für die Petition durchliest, wird über „Vernunft und Naturgesetze“, über „Arbeit und Heimat“, über „Ein Paradox aus Abhängigkeiten“ oder über „Landschaft“ aufgeklärt:

Komische Argumentation: „Braunkohle ist der einzige Energieträger, zu dessen Beginn bereits ein genauer Plan für die Folgelandschaft vorliegt.“ Erstens ist Braunkohle in Deutschland der einzige Energieträger, bei dessen Gewinnung im Tagebau Landschaft vernichtet wird. Zweitens schreibt das Bundesberggesetz in seinem Paragrafen 4 vor, dass die beanspruchte Fläche rekultiviert werden muss – sonst gibt es gar keine Genehmigung.

„Es entstehen neue Landschaften, vom Biotop bis zum Seenland, mit neuen Potenzialen für Menschen und Wirtschaft“, heißt es. Wer die dünnen Baumsetzlinge, die leblosen Seen, die Kosten und Probleme der Rekultivierung kennt, der wird das bestimmt nicht als positives Argument für eine Petition benutzen.

Worum also geht es den Petenten?

Um das Abbaggern des Hambacher Forstes. „Die Politik soll sich zu Recht und Gesetz bekennen“, heißt es in der Petition. 95 Prozent des Waldes seien bereits abgeholzt. „Der Rest ist seit sechs Jahren in bislang beispielloser Art zu einem rechtsfreien Raum für Ökoterroristen verkommen.“

Ähh … Stopp mal kurz!

Aktuelle Rechtslage ist doch, dass die Reste des Hambacher Forsts nicht gerodet werden dürfen. Es muss nämlich erst geprüft werden, ob das Biotop unter das Schutzregime für „potenzielle FFH-Gebiete“ fällt.

Aber dann ist das Aufrufen zum Roden des Waldes doch ein klarer Aufruf zum Begehen einer Straftat! Wer also macht so etwas?

Im Impressum ist zu erfahren, wer diese „engagierten Bürger“ sind: die Mitglieder des Vereins „Unser Revier – Unsere Zukunft – An Rur und Erft“, den Lobbycontrol als „Braunkohlelobby“ bezeichnet. Mit dabei ist auch der Verein „Pro Lausitzer Braunkohle“, der nach Spiegel-Recherchen von der Braunkohleindustrie finanziert wird.

Im Fachjargon wird so etwas „Astroturfing“ genannt: Die Industrie mimt den engagierten Bürger, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen und private Profitinteressen zu verschleiern.

Danke an Eva S. aus Freiburg, an Matthias B. aus Berlin und an Rico G.


 

Andrea Nahles: Die SPD blutgrätschen

Eieiei. Und Auweia!

Andrea Nahles hat sich schon wieder blamiert. Die SPD-Chefin erklärte in einem Interview mit dem Spiegel:

Blutgrätsche?

Eine „Blutgrätsche“ ist die Steigerung einer normalen Grätsche – jenem finalen Versuch im Fußball, einen Tor-Erfolg des Gegners zu verhindern. Das Wort „Blut“ symbolisiert, dass der Verteidiger bei diesem Versuch billigend eine Verletzung seines Gegners in Kauf nimmt. Was nicht selten eine Gelbe, manchmal auch die Rote Karte zur Folge hat.

Nahles wirft die „Blutgrätsche“ den Bündnisgrünen vor, die „mit einer rücksichtslosen Klimaschutzpolitik ganze Regionen in Deutschland alleinlassen“ würden.

Wie gesagt, es geht um die Braunkohle:

Einfach abknipsen?

Wir haben schnell mal nachgeschlagen. Um nach einer oberflächlichen Schnellrecherche folgende Fundstellen zu „einfach abknipsen“ zu präsentieren.

1. Am 27. September 1991 hat die SPD im Bundestag eine Reduktion der deutschen Klimagase um minus 30 Prozent bis zum Jahr 2005 gefordert. Was nur mit einem Kohleausstieg machbar gewesen wäre, wie die Zahlen belegen: Noch nicht einmal 2016 waren die minus 30 Prozent erreicht. Der damalige SPD-Fraktionsvize Michael Müller sagte vor fast 27 Jahren in der Bundestagsdebatte zum Klimaschutz:

2. Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) versprach 1993, dass Horno das letzte Dorf sein soll, das der Braunkohle weichen muss – und der Ausstieg aus der Braunkohle jetzt (also 1993) tatsächlich eingeleitet wird.

3. Es war der sozialdemokratische Umweltminister Sigmar Gabriel, der im Jahr 2007 das derzeit gültige Klimaziel formulierte: minus 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990.

4. Später wurde Sigmar Gabriel SPD-Parteichef und Bundeswirtschaftsminister: 2015 erdachte er als solcher einen „nationalen Klimabeitrag“ – im „Eckpunkte-Papier Strommarkt“ war quasi ein Kohlekraft-Deckel vorgesehen, der die uneffektivsten Altkraftwerke unwirtschaftlich machen und zum Abschalten zwingen würde.

5. Zuletzt war es Bundesumweltministerin Barbara Hendricks – auch SPD – die den „Klimaschutz-Aktionsplan“ auf den Weg brachte. Auch der sah das Abschalten von alten Kohlekraftwerken vor, Stromkonzerne sollen nach diesem Plan bis 2020 mindestens 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich einsparen

Fünf – um im Fußballsprachbild zu bleiben – Angriffsbemühungen führender SPD-Politiker für mehr Klimaschutz also. Aus denen nichts geworden ist. Weil ihnen in der SPD die Unterstützung fehlt? Weil sie von Leuten wie der SPD-Parteichefin Andrea Nahles einfach mal so blutgegrätscht werden!

Der Bündnisgrüne Oliver Krischer formuliert es so:

Vielen Dank für den Hinweis an Sebastian M. aus Bad Neustadt
und an Maritta T. aus Bremerhaven


 

Radio Eins: Den Klimawandel leugnen

Erstmals seit über 60 Jahren ist die Fahrrinnentiefe der Elbe bei Magdeburg unter 50 Zentimeter gefallen. Das ist ein neuer Niedrigwasser-Rekord. Die Schwarze Elster, ein Fluss in Sachsen und Brandenburg, ist ausgetrocknet. In Spanien und Portugal könnte am kommenden Wochenende sogar der aktuelle Hitzerekord gebrochen werden – das Thermometer soll die 50-Grad-Marke knacken!

Nicht die einzigen Indizien, die folgende Frage aufdrängen:

In diesem Fall beantwortet diese Frage eine Redakteurin des RBB auf Radio 1:

Antwort:

„Es ist zuerst einmal Sommer. Und den sollten alle genießen“.

Echt jetzt? Die Kollegen der ARD sagen doch, dass es eben nicht Sommer ist, sondern Klimawandel – exakt der durcheinandergeratene Jetstream.

Antwort Ulrike Bieritz:

„Wie eigentlich wollen Experten, die nicht einmal das Wetter fürs kommende Wochenende exakt vorhersagen können, ganz genau wissen, wie das Klima in hundert Jahren aussieht?“

Nun ist es richtig, dass dies ein Kommentar ist und dass jeder Mensch ein Recht auf seine eigene Meinung hat, auch wenn sie noch so naiv ist. Aber niemand besitzt ein Recht auf seine eigenen Fakten. Besonders dann nicht, wenn sie durch ein von der Allgemeinheit gebührenfinanziertes Medium transportiert werden.

Frau Bieritz: Recherche ist das Schwarzbrot eines Journalisten. Falls sie nicht wissen, wie sie an die Fakten kommen, empfiehlt Ihnen der Klima-Lügendetektor folgenden Text von Jeffrey D. Sachs, dem Direktor des Earth Institute an der Columbia University in New York:

Vielen Dank an Susanne S. aus Berlin für den Hinweis!


 

RWE: Der schlimmste Lügner in zehn Jahren

Dochdoch, der Kohlekonzern RWE hat den Klima-Lügendetektor all die Jahre ganz schön beschäftigt. An die 50 Texte finden sich im Archiv, die sich mit den Grünfärbereien des zweitgrößten Energieriesen Deutschlands befassen.

Mal war es ProKlima Strom, der – da, da, da – tatsächlich einen „einen nachhaltigen Beitrag zur Schonung des Klimas“ leisten sollte:

Mal waren es Algen, mit denen RWE nun die Energiezukunft bestreiten wollte …

… ein anderes Mal Bürgerenergie, die uns RWE verkaufen wollte:

Und wer erinnert sich nicht noch an den ulkigen Riesen, der Windräder in die Landschaft warf und so tat, als würde RWE jetzt tatsächlich ein grüner Konzern?

Insofern scheint es nur folgerichtig, das Sie, unsere Leserinnen und Leser, RWE zum schlimmsten Lügner aus den vergangenen zehn Jahren gewählt haben: Mit 31 Prozent wurde folgende Anzeige aus dem Jahr 2008 zum Gewinner unserer Umfrage nach der dreistesten Lüge aus zehn Jahren an die Spitze gewählt:

 

Ihre Highlights aus 10 Jahren


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Herzlichen Dank an alle, die sich beteiligt haben! Unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben wir fünf Exemplare des (nicht mehr lieferbaren) Buches „Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen“ von Toralf Staud verlost, der gemeinsam mit Nick Reimer dieses Blog vor zehn Jahren ins Leben rief. Die Gewinner werden in den nächsten Tagen per Mail von uns informiert!

Beiben Sie uns gewogen! Schicken Sie uns Ihre Verdachtsmomente und abonnieren Sie uns!  Damit wir 2023 zum nächsten Mal fragen können: Wer trieb es in den letzten fünf Jahren am dreistesten?


 

RWE: Den Bock zum Forstmann machen

Nach zehn Jahren journalistischer Detektivarbeit sucht der Klima-Lügendetektor derzeit die „dreisteste Lüge“ aus diesen zehn Jahren. Aktuell steht RWE mit seiner Warnung vor dem Stromanbieterwechsel auf Platz 1. Zur Prüfung eingereicht hatte uns diese Anzeige im Oktober 2008 Udo H. aus Düren.

Udo H. ist genauso ein Quell unserer Arbeit wie RWE. Diesmal nämlich hat uns Udo H. folgende Anzeige aus den Dürener Nachrichten zugeschickt:

RWE fördert den Lebensraum?

An dieser Stelle wäre jetzt angebracht ein kräftiges

Aber RWE meint das wirklich ernst!

Im Kleingedruckten heißt es:

Ach, das sind keine Wegbaggerer, sondern Forstleute bei RWE?!

Hier die Fakten:

Ursprünglich war der „Hambacher Forst“ 12.000 Hektar groß, ein Kleinod für Forstleute und Naturliebhaber mit 142 geschützten Arten. Der heilige Arnold von Arnoldsweiler soll einer Legende nach den Forst im 8. Jahrhundert umritten und damit eine Wette gegen Kaiser Karl dem Großen gewonnen haben, weshalb ihm der Kaiser den Wald überlies, Arnold von Arnoldsweiler den Wald aber nicht selbst behielt, sondern den umliegenden Gemeinden schenkte, in denen bis dato große Armut herrschte.

Aber wen interessiert schon so eine Geschichte? 1978 begannen die „Forstleute“ von RWE, den Wald zu roden, um den klimaschädlichsten aller Energielieferanten abzubaggern, die Braunkohle. Trotz erklärtem Klimaschutz soll im Herbst der ökologisch wertvollste Teil des Waldes dran glauben, die Bezirksregierung Arnsberg hat das von RWE beantragte Kettensägenmasaker bereits genehmigt.

Dagegen gibt es seit Jahren massiven Widerstand: Baumbesetzer bieten seit 2012 den „Forstleuten“ von RWE die Stirn, für den Herbst werden massive Auseinandersetzungen befürchtet. Zwischen denen, die den Forst erhalten wollen und denen, die sich bezeichnen als

Wir wissen nicht, wie der Konflikt ausgehen wird. Stand heute immerhin können wir feststellen, dass die Werbeabteilung von RWE den Bock zum Gärtner gemacht hat.

Danke an Udo H. aus Düren für den Hinweis

Über die dreisteste Lüge aus den vergangenen Zehn Jahren können Sie noch hier abstimmen!

 

 

 


 

Zehn Jahre Lügen (6): Hier sind die dreistesten

Überraschung!

Wir wollten von Ihnen wissen: Welche der dreisten Lügen, die uns die Fossilkonzerne, die Autohersteller, die Lebensmittel- oder „Politikberatungs“-Industrie in den vergangenen zehn Jahren auftischten, ist die dreisteste von allen? (Seit dem Januar 2008 bearbeitet der Klima-Lügendetektor Anfragen seiner Leserschaft, aber auch Verdachtsfälle, die den Macherinnen und Machern dieses Blogs zwischen die Finger kommen). Über unser Finale sind wir selbst ein bisschen überrascht.

Von unseren Leserinnen und Lesern wurden eben nicht zur Wahl gestellt:

Sie haben anders entschieden und damit ein spannendes Finale kreiert!

 

Zur finalen Abstimmung stehen nunmehr als dreisteste Grünfärber die Sieger der vergangenen fünf RundenRWE, die Linkspartei, ein Presseerzeugnis namens Bild-Zeitung, der Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte und eben jene AfD. Unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlosen wir am Ende fünf Exemplare des (nicht mehr lieferbaren) Buches „Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen“ von Toralf Staud, der gemeinsam mit Nick Reimer dieses Blog vor zehn Jahren ins Leben rief.

Zur Abstimmung steht allerdings auch die Zukunft dieses Blogs: Ohne Ihre Hinweise, ohne Ihre finanzielle Unterstützung können wir die Grünfärber auch künftig nicht entlarven. Deshalb bitten wir Sie, uns zu abonnieren!  Vertrauen Sie mit Ihrem Geld unserer kleinen Redaktion einen Arbeitsauftrag an. Leider ist der Bach, der unser Pflänzchen erhält, zuletzt bedrohlich ausgetrocknet.

Wäre doch schade, wenn wir 2023 nicht fragen könnten: Wer trieb es in den letzten fünf Jahren am dreistesten?

Ihre Highlights aus 10 Jahren


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Altana: Den Klimaschutz (geschickt) verpacken

Die Altana AG ist ein Chemiekonzern mit Sitz im ziemlich beschaulichen Wesel, gelegen am unteren Niederrhein in Nordrhein-Westfalen. Der Konzern hat nach eigenen Angaben weltweit mehr als 6.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und macht gut zwei Milliarden Euro Jahresumsatz. Die Altana AG stellt unter anderem Farben, Lacke und Pigmente her.

Offenbar ist die Firma der Meinung, man kenne sie zu wenig. Jedenfalls erschien im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung diese viertelseitige Annonce:

Wow! „Lackentwickler“ UND „Klimaschützer“!!

Das Motiv ist Teil einer drei Jahre alten Imagekampagne, in der Altana sich und seine Angestellten zum Beispiel als „Optimierer“ UND „Querdenker“ präsentierte. Oder auch als „Forscher“ UND „Verpackungskünstler“. Als „Global Player“ UND „Familienunternehmer“.

Jetzt also ist der Lackentwickler Altana „Klimaschützer“. Die Argumentation dafür, warum die Firma sich den hübschen Titel anheftet, lautet:

Kurzgefasst: Wir stellen Dinge her, die unseren Kunden beim Energie- und Ressourcensparen helfen.

Dumm nur, dass es den Rebound-Effekt gibt: Weil Endkunden (also Leute wie Sie und wir) diese tollen „immer kleineren und leistungsfähigeren Geräte“ in vielen Fällen schlicht immer mehr und immer öfter nutzen, wird der Einspareffekt von Energie und Material durch die Praxis häufig wieder aufgefressen – was dem Klima wenig oder gar nichts nützt.

Dumm auch, das Altana aktenkundig geworden ist beim Kampf gegen die Energiewende, also im Kampf gegen den praktizierten Klimaschutz bei der Stromversorgung. Vor viereinhalb Jahren nämlich gehörte der Milliarden-Konzern zu den Unterzeichnern eines „Memorandums des Chemie-Mittelstandes“. Unter dem Logo des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) wurde da in apokalyptischen Tönen gegen die Erneuerbare-Energien-Umlage (EEG-Umlage) agitiert:

Besonders schräg an diesem „Memorandum“ ist, dass die Chemieindustrie als energieintensive Branche von der EEG-Umlage weitgehend befreit ist. Das Papier vom September 2013 gipfelte in der Forderung:

Dumm auch, dass unter dem Druck dieser und anderer Lobbyaktivitäten die Große Koalition in der vergangenen Legislaturperiode die EEG-Förderung so zurückgestutzt hat, dass der Ausbau der Photovoltaik drastisch eingebrochen ist und zum Beispiel das regierungsamtliche Ziel von jährlich 2.500 Megawatt Neuanlagen schon seit Jahren nicht einmal mehr annähernd erreicht wird. Was letztlich dazu beitrug, dass die deutschen Klimaziele so krass verfehlt werden.

Deshalb: Auf uns wirkt Altana weniger wie ein echter Klimaschützer, sondern eher wie ein geschickter (Selbst-)Verpackungskünstler.

PS: Es sind ausschließlich unsere Leserinnen und Leser, die seit Oktober 2011 die Arbeit des Klima-Lügendetektors ermöglichen. Wenn Sie wollen, dass unser Team weiter dranbleibt an Halbwahrheiten und Lügen rund um den Klimawandel in Politik, Wirtschaft und Medien, dann unterstützen Sie unsere Arbeit bitte HIER.


 

Bild: Nicht rechnen können

Huch, was ist denn nun passiert?

Die Deutschen wollen zurück zum Atomstrom?

Titelt zumindest die Bild.

Es geht um eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Verbraucherportals Verivox. Ergebnis: „Obwohl den meisten Stromkunden (90 Prozent) ein guter Kundenservice wichtig oder sehr wichtig ist, würde jeder Zweite (51 Prozent) hier Abstriche in Kauf nehmen, wenn dadurch der Preis sinkt.“

Und dann schreibt die Bild:

Donnerwetter: Jeder Fünfte würde an der Atomkraft festhalten, wenn dadurch der Strompreis sinkt!

Im Umkehrschluss heißt das: Vier von fünf Deutschen wollen nicht an der Atomkraft festhalten, egal wie hoch der Preis ist. Das sind 80 Prozent!

Korrekt hätte die Bild also so titeln müssen:

Vielen Dank an Anke P. für den Hinweis!


 

10 Jahre Lügendetektor (5): Wir danken

Wir sind noch diesen einen Schritt vom Finale entfernt: Gesucht wird die dreisteste Lüge, die in den vergangenen zehn Jahren auf diesem Blog notiert wurde. Bislang standen zur Auswahl Kampagnen von

  • VW, RWE, der Deutschen Bahn, dem Informationszentrum Klima und der AutoBild aus den Jahren 2008/09
  • die Linkspartei, TetraPak, die schwarz-gelbe Regierung, Eon und der Fokus aus den Jahren 2010/11
  • das Kanzleramt, die Bild-Zeitung, Vattenfall, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Rewe aus den Jahren 2012/13
  • sowie EnBW, Schnee, der Gewerkschafter Frank Bsirske, die Bundesregierung und die Stahlwirtschaft in den Jahren 2014/15

Fehlt zum bunten Strauß der Dreistigkeiten also noch die Auswahl aus den Jahren 2016 und 2017, die sie unten startklar finden! Bitte beachten Sie, dass ein großes „Augenzwinkern“ bei dieser „Hitparade der dreistesten Lügen“ dabei ist: Im Kampf um die richtige, also die ökologischste, sozial gerechteste, kostengünstigste Energiewende ist natürlich jede Lüge eine Lüge zu viel!

beichte2

Fehlt vor der letzten Staffel unserer Jubiläumsparade eigentlich nur noch unser Dank an Sie, die Leserinnen und Leser! Als uns im Sommer 2011 mit dem Greenpeace-Magazin der publizistische Partner abhanden gekommen war, stand dieser Detektor vor dem Aus. Damit wollten sich einige Leser damals nicht abfinden, es entstand eine Art Abo-Kampagne, die seitdem unsere Arbeit finanziert.

Ohne Ihre Unterstützung gebe es keine zehnjährige Jubiläumsrückschau. Ohne Ihre Hinweise blieben viele Lügen der Energiewendegegner unentdeckt. Ohne Ihren finanziellen Beitrag kämen die Grünfärber ungeschoren davon.

Deshalb bitten wir Sie, uns zu abonnieren!  Vertrauen Sie unserer kleinen Redaktion mit Ihrem Geld einen Arbeitsauftrag an. Leider ist der Bach, der unser Pflänzchen erhält, zuletzt wieder etwas ausgetrocknet. Und stimmen Sie mit ab, welches Stück unserer Rückschau die dreisteste unter den dreisten Lügen enthält.

Unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlosen wir am Ende fünf Exemplare des (nicht mehr lieferbaren) Buches „Grün, grün, grün ist alles was wir kaufen“ von Toralf Staud, der gemeinsam mit Nick Reimer dieses Blog vor zehn Jahren ins Leben rief: Der erste Beitrag erschien am 2. Januar 2008 unter der Überschrift „Die deutschen AKW-Betreiber: Beste Grünfärber Europas

Heute die Jahre 2016/17:

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