Equinor: Sich mit Erdgas dumm stellen

Der sehr geschätzte Mathelehrer Herr Feldmann pflegte stets zu sagen: „Es gibt keine dummen Fragen! Es gibt nur dumme Antworten.“ Schauen wir uns also mal die folgende Frage an:

Was hat Erdgas mit Sonne und Wind zu tun? Es ist das Back-up von beiden.

Die Annonce ist kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, ebenso in der Süddeutschen Zeitung. Absender ist der norwegische Konzern Equinor.

Der Name sagt Ihnen nichts? Kein Wunder, er ist auch noch ziemlich neu. Bis 2018 hieß der Konzern Statoil, er ist das größte Unternehmen Norwegens und ein weltweit aktiver Öl- und Gasförderer. Zwar baut Equinor seit einigen Jahren auch große Windparks und will sich als grüner Energieerzeuger profilieren. Und tatsächlich ist Equinor unter den Ölmultis jener mit den (mit Abstand) größten Investitionen in Erneuerbare.

Doch trotz Namensänderung und neuem Image fließt auch bei den Norwegern immer noch nur ein Bruchteil der Unternehmensinvestitionen in erneuerbare Energien: In diesem Jahr sind es laut den Finanzanalysten von Motley Fool rund eine halbe Milliarde US-Dollar – bei einem Gesamtbudget von 8,5 Milliarden. Vor einem Jahr erst hat Statoil/Equinor an einem weiteren gigantischen Ölfeld in der Nordsee die Förderung aufgenommen. Von „Doppelmoral beim Klima“ sprach angesichts dessen die Welt, und tagesschau.de titelte: „Grünes Image, alte Energie“.

Kein Wunder also, dass Equinor noch möglichst lange möglichst viel Erdgas verkaufen will. Dafür muss man in heutigen Zeiten natürlich einen grünen Dreh finden. Im Kleingedruckten unter der Schlagzeile heißt es denn auch:

Die Welt der Energie verändert sich und wir gehen mit. Als breit aufgestelltes Energieunternehmen mit Erfahrungen mit Erdgas und erneuerbaren Energien sind wir seit über 40 Jahren Deutschlands Partner, um gemeinsam die Energiezukunft zu gestalten. Wenn Sonne und Wind mal nicht da sein sollten, springt Erdgas als Vertretung ein -- denn Erdgaskraftwerke können schnell und flexibel hochgefahren werden und sichern so zuverlässig die Energieversorgung Deutschlands. Mehr Information auf equinor.de

Es ist also das alte Brückentechnologie-Argument: „Wir brauchen Erdgas noch, solange Wind und Sonne nicht die volle Versorgung übernehmen können.“ Sozusagen als „Back-up von beiden“.

Vor einem Jahrzehnt war die Atomkraft noch die Brückentechnologie, die wir unbedingt brauchten, wenn Sonne und Wind mal nicht einspeisen. Damals wurden die Laufzeitverlängerungen der deutschen Atomkraftwerke mit diesem Argument grüngefärbt (zum Beispiel von Angela Merkel in diesem wunderbaren Videoclip von 2009). Zehn Jahre später es nun das Erdgas.

Klar, Gaskraftwerke produzieren weniger Treibhausgase als Kohleblöcke, pro Kilowattstunde erzeugtem Strom stoßen sie nur rund ein Drittel der CO2-Mengen aus, die ein Braunkohlekraftwerk verursacht. Doch einerseits sind das immer noch rund 400 Gramm pro Kilowattstunde. Andererseits gilt das nur, wenn man die Emissionen am Kraftwerks-Schornstein betrachtet: Bevor der angeblich so klimaschonende Brennstoff Erdgas im Kraftwerk ankommt, gelangen erhebliche Mengen in die Atmosphäre – etwa bei der Förderung an undichten Bohrlöchern oder aus den Lecks von Pipelines.

Der Hauptbestandteil von Erdgas ist Methan, und das ist ein hochwirksames Treibhausgas. Je nachdem, welche Zeiträume man betrachtet, schädigt eine Tonne Methan das Klima so stark wie 28 bis 84 Tonnen Kohlendioxid (IPCC 2013, AR5, WG1, Ch.8, Table 8.7). Besonders viel wird bei der umstrittenen Erdgas-Fördertechnik Fracking freigesetzt, es gilt inzwischen als eine der Hauptursachen für den rasant steigenden Methan-Gehalt in der Atmosphäre. Bezieht man die Klimaschäden aus der sogenannten Vorkette ins Gesamtbild ein, dann ist der Öko-Vorteil von Erdgas viel kleiner – so eine Studie der Energy Watch Group, die vor gut einem Jahr veröffentlicht wurde. Erdgaskraftwerke könnten unterm Strich sogar klimaschädlicher sein als Kohleblöcke – je nach Herkunft des Brennstoffs. Auch als flüssiges LNG importiertes Erdgas bringe, erklärte das Bundesumweltministerium vergangenes Jahr gegenüber der Deutschen Welle, „im Vergleich zur Kohle in der Regel keine Treibhausgasminderung mit sich“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, der muss in den kommenden Jahren nicht nur den Verbrauch von Kohle und Erdöl drastisch senken, sondern auch den Verbrauch von Erdgas. Bis Mitte des Jahrhunderts müsse es einen kompletten Abschied von fossilen Brennstoffen geben, betont etwa Niklas Höhne vom NewClimate Institute in Köln. „Insofern kann Erdgas nur eine sehr kleine Rolle beigemessen werden auf dem Weg hin zu einer klimafreundlichen Welt.“

Dennoch setzt nicht nur Equinor auf Erdgas, auch das Europaparlament will den Energieträger weiter fördern. Mehrere deutsche Umweltverbände warnen, dies wären fatale Fehlinvestitionen – der Einsatz von Erdgas müsse „auf ein Minimum reduziert werden und schnellstmöglich zum Erliegen kommen“, schrieben sie Anfang Oktober in einem Brandbrief. Wenn man jetzt noch viele Milliarden in Erdgas-Infrastruktur oder -Kraftwerke investiere, dann „droht ein fossiler Lock-in auf Jahrzehnte“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, hört auf, sein Geld in „Brückentechnologien“ zu investieren. Sonne und Wind statt angebliches Back-up: Man darf annehmen, dass auch die Equinor-Spitze all dies weiß. Vielleicht hat der geschätzte Mathelehrer recht mit der Behauptung, dass es keine dummen Fragen gibt. Aber es gibt Fragen, die sich dumm stellen.

Danke an Tim P. und an Tina T. aus Rüsselsheim für den Hinweis


 

Leonie: Falsch eingeparkt

Heute erreichte den Klima-Lügendetektor eine ungewöhnliche Anfrage:

Leonie von „ParkenAmFlughafen“ möchte auf dem Klima-Lügendetektor gern eine Anzeige mit dem Ankertext „Parken Flughafen Düsseldorf“ veröffentlichen. Das überrascht gleich in mehrerlei Hinsicht:

Erstens scheint es so, dass es immer noch Zeitgenossen gibt, die mit dem Auto zum Flughafen fahren – und ihre Vierräder dann für die Dauer der Reise dort kostenpflichtig stehen lassen. Das flasht uns vom Klima-Lügendetektor total: Dem Vernehmen nach sind doch auch Flugreisende auf Schnäppchen aus. Warum also für 64 € am Ring parken, wenn der Trip nach Malaga nur doppelt so teuer ist?

Egal ob in Frankfurt am Main, Köln, Wien, Hamburg oder demnächst in Berlin: Flughäfen sind gut mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichbar. Warum also sollte jemand so deppert sein, mit dem Auto zum Flughafen zu fahren?

Zweitens gibt es derzeit doch sicherlich genügend freie Parkplätze an den Flughäfen? Wegen Corona ist der Luftverkehr sehr stark eingeschränkt. Man kann das gut an den Flugbewegungen sehen. Das erste Bild stammt aus dem Vor-Corona-Leben:

Das zweite zeigt die zivilen Flugbewegungen danach:

Warum in aller Welt will Leonie ausgerechnet jetzt für den Parkraum einer längst überkommenen Mobilität werben?

Drittens hat der Klima-Lügendetektor noch nie eine Anzeige veröffentlicht, die als „Anzeige“ im presserechtlichen Sinn gekennzeichnet werden muss: Wir veröffentlichen lediglich die Lügen, die hinter den Anzeigen stecken, die unsere Leserinnen und Leser uns zur Prüfung einreichen.

An dieser Stelle wird es problematisch. Ist Leonie eine unserer Leserinnen? Möchte sie, dass wir uns ernsthaft mit „ParkenAmFlughafen“ befassen? Sollten wir vom Klima-Lügendetektor an einem Linktausch interessiert sein?

Immerhin: Der Klima-Lügendetektor könnte in dieser „Gegenanzeige“ einiges klarstellen:

  1. Fliegen ist die klimaschädlichste Methode, mit der Menschen je ihren Standort wechselten: Die globale Luftfahrt trägt mindestens 3,5 Prozent zur Klimaerwärmung bei.
  2. Fliegen ist die klimaschädlichste Fortbewegungsart, die es je gab. Deshalb gibt es heute Worte wie „Flugscham“, Ausgleichsagenturen wie „Atmosfair“ und eine Debatte, wie die Luftfahrtbranche klimafreundlicher werden könnte.
  3. Mit dem eigenen Auto zur klimaschädlichsten aller Fortbewegungsarten fahren zu wollen, ist das Dümmste, was die Dümmsten zuwege bringen.

Nein, liebe Leonie, „ParkenAmFlughafen“ wird der Klima-Lügendetektor nicht bewerben. Wir sind für das Gegenteil!

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2020 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER

 


 

Plant-for-the-Planet: Mit Holzfällern zusammenarbeiten

Heute geht es um die Lösung des Klimaproblems:

„Wenn wir gemeinsam 1.000 Milliarden Bäume pflanzen, kühlen wir unsere Erde um bis zu 1 °C ab“, heißt es in der Zeitschrift „Panorama“, und dann: #Beleafit. Unter diesem Hashtag wirbt die Organisation „Plant-for-the-Planet“ für das Pflanzen von Bäumen. Denn Wälder „binden das Treibhausgas, das sonst noch mehr die Erde aufheizen würde“.

In der Tat ist das ein wichtiger Ansatz für den weltweiten Klimaschutz. Pflanzen für den Planeten – die Crew des Klima-Lügendetektors verfolgt die Arbeit der Kinder- und Jugendinitiative „Plant-for-the-Planet“ seit vielen Jahren – und mit viel Sympathie.

Umso unerfreulicher ist es, dass wir hier eine Lüge der Kampagne enttarnen müssen:

Nein, solange die Emissionen jedes Jahr weiter wachsen, gibt es kaum eine Chance, die Erde wieder nennenswert abzukühlen, auch nicht mit 1.000 Milliarden neuen Bäumen. Zudem kann das Pflanzen neuer Bäume nur ein Teil der Antwort auf die Klimafrage sein: Kohlendioxid der Luft entziehen können schließlich nur Bäume, die nicht gefällt werden.

Immer noch werden weltweit mehr Bäume gerodet, als neue hinzukommen, was zur weiteren Klimaerhitzung beiträgt. 2019 gingen allein in den Tropen 11,9 Millionen Hektar Baumbestand verloren, was nach Berechnung von Global Forest Watch 1,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxidemissionen zusätzlich entspricht – mehr als doppelt so viel, wie Deutschland ausstößt.

Es ist also nicht damit getan, Bäume zu pflanzen, wenn man die Erde abkühlen will – man muss auch dafür sorgen, dass die Bäume stehen bleiben und wachsen können. Insofern überrascht der Zusatz in der Antwort auf die Klimafrage:

Gruner + Jahr ist jener Konzern, der fürs Fällen von Bäumen steht. In diesem Verlag wird mit  Zeitschriften wie STERN, BEEF, ESSEN & TRINKEN, SCHÖNER WOHNEN, CHEFKOCH, BARBARA, 11FREUNDE jede Menge Geld verdient. Gruner + Jahr erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro – mit bedrucktem Papier, dessen Fasern ursprünglich aus Holz gewonnen wurden.

Und von solch einem Konzern lässt sich Plant-for-the-Planet unterstützen?

„Wir arbeiten mit Gruner + Jahr zusammen, um sie in die richtige Richtung zu bewegen“, erklärt Frithjof Finkbeiner, einer der Köpfe hinter dem Projekt, gegenüber dem Klima-Lügendetektor. Um 1.000 Milliarden Bäume zu pflanzen, seien 2.000 Milliarden Euro notwendig, „doppelt so viel, wie derzeit an Entwicklungshilfe geleistet wird“. Deshalb müssten alle mitmachen, auch Konzerne wie Gruner + Jahr.

„Die Antwort auf die Klimafrage steht auf Milliarden Blättern“, heißt es in der Anzeige von Plant-for-the-Planet. Gruner + Jahr bedruckt jedes Jahr Milliarden Blätter. Für uns ein klarer Fall von Greenwashing!

Vielen Dank an Jonathan R. aus Cottbus für den Hinweis!


 

Update: Vattenfall will Moorburg wirklich dichtmachen

Vor einem Monat berichtete der Klima-Lügendetektor, dass der schwedische Staatskonzern Vattenfall offensichtlich plant, sein – in energietechnischen Zeithorizonten – gerade erst neu gebautes Steinkohlekraftwerk Moorburg in Hamburg vom Netz zu nehmen:

Damals deuteten alle Signale darauf hin, dass Vattenfall das unwirtschaftliche Kraftwerk verschrotten wird. Auf die Refinanzierung verzichten, den Betrieb also einstellen, Moorburg als Fehlinvestition in die Firmen-Buchhaltung einpreisen wird. Und damit wirklichen Klimaschutz betreibt.

Vier Wochen später erreicht uns nun folgende Nachricht:

Zugegeben: Die Schlagzeile hat uns vom Klima-Lügendetektor mächtig erschreckt! Gerade noch hatte die Redaktion Vattenfall unterstellt, der Konzern lüge mit seiner Klimaschutzwerbung: Einerseits über den Klimawandel als größte Bedrohung unserer Zeit reden – andererseits das Kraftwerk Moorburg einfach weiterlaufen lassen. Und plötzlich macht uns Vattenfall mit seiner Tat selbst zum Lügner!

Entschuldigen müssen wir uns! Vattenfall im Gegenteil loben!! Hinfahren müssen wir, Blumen überreichen, mindestens!!! Den Konzern lobpreisen, endlich geht es bei einer Entscheidung einmal nicht um Eigennutz, nicht um Profit – sondern ums Gemeinwohl!!!! Sollten wir Vattenfall nicht für einen Umweltpreis vorschlagen, wegen vorbildlicher Klimapolitik?!!!!!

Moment, schnell noch das Kleingedruckte lesen:

Vattenfall hat sich an einer Auktion der Bundesnetzagentur zur Stilllegung von Kraftwerkskapazitäten beteiligt? Die wollen also Geld von uns Steuerzahlern dafür, dass sie ein Kraftwerk gebaut haben, das keiner braucht?

Aber hast du uns nicht erklärt, Vattenfall, dass du Verantwortung übernimmst?

vattenb

Nee, also ehrlich, Vattenfall, wir wären so gern einmal stolz auf dich! Tatsächlich ist deine PR-Aktion schon wieder bloß eine Posse!

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RWE: Peinlich dick auftragen

Diesmal muss sich der Klima-Lügendetektor wieder einmal mit RWE beschäftigen – und mit einer Frage, die uns der Konzern selbst stellt:

Natürlich interessiert uns vom Klima-Lügendetektor die Antwort, die RWE in einem Imagefilm auf die selbst gestellte Frage gibt. Und die ist echt beeindruckend!

„Wir sind dem Pariser Klimaschutz-Abkommen verpflichtet“, heißt es da bei Minute 0:55, RWE werde 2040 klimaneutral, „zehn Jahre früher, als es die EU-Klimaschutzziele vorsehen“.

Weiter heißt es im Film:

„Doch Nachhaltigkeit bedeutet für uns viel mehr“, flötet die RWE-Sprecherin bei Minute 1:38. Jetzt kommen die „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ der UNO ins Spiel, die Sustainable Development Goals. Denn RWE wird nicht nur „100 % nachhaltig“, sondern auch „frei von Ungerechtigkeit“, „frei von Intoleranz und Diskriminierung“, „frei von altem Denken“ und so weiter.

Tatsache ist, dass sich RWE gerade an der Börse frisches Geld besorgt hat, um seine Erneuerbaren-Erzeugungskapazitäten auszubauen: rund 2 Milliarden Euro. Tatsache ist allerdings auch, dass am vergangenen Wochenende wieder 3.000 Menschen dagegen protestieren mussten, dass RWE ihnen die Heimat wegbaggern will. Der Konzern wird das Dorf Lützerath noch in diesem Jahr abreißen, um im Tagebau Garzweiler an neue Braunkohle ranzukommen.

Vor allem aber verrät der jüngste Geschäftsbericht zum 1. Halbjahr 2020, was vom Imagefilm der RWE zu halten ist: Der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung lag demnach bei gerade einmal 24 Prozent, die Kohleverstromung schlug dagegen mit 26 Prozent zu Buche.

Was bei so viel Selbstimage offenbar den Leuten bei RWE selbst peinlich ist. Sustainable Development Goals, Klimaneutralität, 100 % Nachhaltigkeit: In der Grafik stellen sie die Erneuerbaren (hellblau) deshalb besser dar als die Kohle (grau):

PS: Nach harscher Kritik wurde die Grafik mittlerweile korrigiert.

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Peter Altmaier (CDU): Schlechte Politik empfehlen

Die „Empfehlung des Hauses“ gilt allgemein als das Überzeugendste, was ein Koch/​​eine Weinhändlerin/​eine Kinobetreiberin/​ein Buchhändler etc. glaubt, aus seinem aktuellen Repertoire seiner Kundschaft offerieren zu können. Insofern müssen wir uns um Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ernsthaft Sorgen machen. Denn die Empfehlung seines Hauses lautet so:

Das Bundeswirtschaftsministerium empfiehlt uns „Energieeffizienz“?

Wer nun erwartet, Peter Altmaier und seinem Team beim energetischen Sanieren des Bundeswirtschaftsministeriums zusehen zu können, der wird enttäuscht. Zu sehen gibt es lediglich eine Webseite:

Man kann auf dieser Webseite erfahren, dass es Zuschüsse für eine Energieberatung für Wohngebäude gibt, man kann erfahren, dass es „eine verbesserte Förderung für energieeffizientes Bauen und Sanieren“ gibt oder dass Investitionszuschüsse für energieeffiziente und klimafreundliche Heizungen beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) beantragt werden können. Auf dieser Website kann man auch erfahren, dass es Förderprogramme für Unternehmen, für Kommunen gibt. Und wir erfahren:

Es steht also nicht zum Besten mit dem Klimaschutz im Gebäudesektor, die energetische Sanierungsrate ist in den vergangenen Jahren kein bisschen gestiegen.

Aber sagt, liebe Leute vom Bundeswirtschaftsministerium: Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang zur Website? Schließlich gibt es die ja schon eine ganze Weile, vor vier Jahren sah die Seite so aus:

Hier deshalb unsere Empfehlung an das Haus von Peter Altmaier: Macht endlich bessere Politik! Hört auf mit dem Sprücheklopfen, aktiver Klimaschutz beginnt nicht zu Hause, aktiver Klimaschutz beginnt im Gesetzgebungsverfahren!

Immerhin hat Minister Peter Altmaier eingeräumt, „in den letzten Jahren auch Fehler gemacht“ zu haben. Und immerhin sind seit Januar 20 Prozent der Aufwendungen für Einzelmaßnahmen der energetischen Gebäudesanierung tatsächlich von der Steuer absetzbar.

Jetzt aber müsste das sogenannte Kohleausstiegsgesetz tatsächlich zu einem Gesetz umformuliert werden, das dem Klimaschutz hilft. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sorgt das aktuelle Gesetz dafür, dass bis 2040 etwa 134 Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid zusätzlich in die Atmosphäre gelangen. Eine insgesamt frühere Abkehr von dem fossilen Energierohstoff könnte die Emissionen dagegen um 1,8 Milliarden Tonnen Treibhausgase reduzieren.

Die erneuerbaren Energien brauchen gesetzliche Regelungen, damit ihr Ausbau nicht weiter gebremst wird. Beispielsweise kamen im ersten Halbjahr bundesweit nur 186 neue Windräder ans Netz, die zweitschlechteste Halbjahresbilanz. Auch die schlechteste hat Bundeswirtschaftsminister Altmaier zu verantworten, die war 2019. Gesetzliche Regelungen bräuchten auch jene Solaranlagen, die vor 20 Jahren ans Netz gegangen sind: Ohne solche müssten sie jetzt vom Netz genommen werden.

Natürlich könnte sich der Bundeswirtschaftsminister auch für mehr Tempo bei der Verkehrswende im Kabinett starkmachen, beispielsweise indem er ein Tempolimit in Deutschland forciert. Peter Altmaier könnte sich dem klimafreundlichen Umbau der Chemie-, Stahl- und Grundstoffindustrie widmen oder sich als aktuell zuständiger Minister in der EU um mehr Klimaschutz bemühen.

Das jedenfalls wäre – um bei der „Empfehlung des Hauses“ zu landen – viel eher nach unserem Geschmack.


 

Vattenfall: Sein Kraftwerk Moorburg dichtmachen

Das ist eine echte Sensation! Der schwedische Staatskonzern Vattenfall plant offensichtlich, sein Steinkohlekraftwerk Moorburg in Hamburg vom Netz zu nehmen. Betroffen sind 170 fest angestellte Mitarbeiter sowie „ca. 200 dauerhafte Fremdfirmenmitarbeiter, welche zum Teil im Schichtdienst“ für Vattenfall arbeiten, wie der Konzern mitteilt. Die beiden 800 Megawatt leistungsstarken Steinkohlemeiler sind erst seit 2015 am Netz, der umstrittene Neubau ersetzte das vorherige Gaskraftwerk Moorburg.

Aber, Moment, Moorburg, war da nicht schonmal was? Irgendwas mit Klima? Als das Kohlekraftwerk geplant wurde, hatte Vattenfall große Versprechen gemacht: Damals war Hamburg gerade schwarz-grün regiert, und der Konzern verkündete vollmundig, man werde die neue Anlage mit der damals hochgejubelten CCS-Technologie ausrüsten – also das Kohlendioxid aus der Kohleverbrennung abscheiden und unterirdisch verpressen. Haben wir damals schon nicht geglaubt, wurde dann auch nichts draus

Deshalb sorgte das nagelneue Kraftwerk dummerweise für gewaltige Treibhausgas-Emissionen. Im vergangenen Jahr war Moorburg für 6,2 Millionen Tonnen Kohlendioxid verantwortlich – etwa so viel, wie das afrikanische Land Ruanda in einem ganzen Jahr erzeugt. In Ruanda leben mehr als zwölf Millionen Menschen.

6.247.000.000 Kilogramm des klimaschädlichen Gases – Moorburg ist die größte Treibhausgasquelle im deutschen Norden zwischen Flensburg und Göttingen, zwischen Emlichheim und Usedom. Damit soll jetzt Schluss sein, wie der Reporter des Klima-Lügendetektors mutmaßt, der sich seit Jahren mit dem Kraftwerk befasst. Gestützt wird seine Behauptung durch Erklärungen, die Vattenfall gerade selbst in diversen Medien abgibt:

Vattenfall war einmal der weltgrößte nichtdeutsche Braunkohleförderer. In Polen, in der Lausitz und in Mitteldeutschland verbrannte der schwedische Staatskonzern den klimaschädlichsten aller Energieträger. Jetzt erklärt Vattenfall auf seiner Firmen-Website:

„Windenergie, günstiger produziert als fossile Energie“, heißt es da. Moorburg ist wirtschaftlich für Vattenfall ohnehin eine Katastrophe: In den Nullerjahren geplant, sollte die Anlage Hamburgs Westen mit Fernwärme versorgen. Aber Klagen und Proteste von Bürgerinitiativen verhinderten die dafür nötigen Pipelines durch die Elbe. Mit dem Verkauf der Wärme wurde es also nichts, Vattenfall hat mit dem Kraftwerk Milliarden verloren.

Aber zurück zum Klimaschutz! Im Film erklärt Vattenfall:

Moorburg ist Vattenfalls größtes Fossilkraftwerk.

Deshalb liegt nahe, Moorburg schnellstmöglich abschalten.

Das ist jetzt schon fast ein bisschen viel des Klimaschutzes aus dem Hause Vattenfall.

Was aber, wenn sich der Reporter des Klima-Lügendetektors irrt? Was zum Beispiel, wenn Vattenfall sein Kraftwerk Moorburg für den Klimaschutz gar nicht abschaltet, sondern einfach verkauft? Der scheidende Vorstandschef Magnus Hall erklärte doch gerade: „Eine Option wäre natürlich, das Kraftwerk zu verkaufen.“

Was also wäre, wenn die größte CO2-Schleuder im Norden einfach weiterläuft?

Dann wäre Vattenfalls Werbung glatt gelogen!


 

EnBW: Die Risse im Atomkraftwerk zuquatschen

Die Energie Baden-Württemberg AG ist ein börsennotierter Stromkonzern mit Sitz in Karlsruhe, nach RWE und Eon ist die EnBW – so die geläufige Abkürzung – der drittgrößte in Deutschland. Gerade hat die EnBW eine höchst interessante Pressemeldung herausgegeben. Darin heißt es: Es stehe

und

Gut zu wissen! Aber wer hat denn das in Frage gestellt?

Zur Beantwortung müssen wir ein bisschen ausholen. „GKN“ ist EnBW-deutsch, richtig deutsch heißt das „GKN“ Atomkraftwerk Neckarwestheim. Die II steht für den 1.400 Megawatt leistungsstarken Block 2, der noch bis 2022 Atomstrom produzieren soll. Und EnBW erklärt nun via Pressemeldung, dies auch „weiter sicher“ tun zu wollen:

Es geht also um Rohre, um Schwächungen, eine „ohnehin geringe Anzahl“ und „7 Befunde“: ein Rückgang um satte 93 Prozent!!

Ähhh, stopp, stopp! Worum genau geht es EnBW?

Es geht um die Dampferzeuger im Atomkraftwerk: Druckwasserreaktoren wie der „GKN II“ werden mit zwei voneinander getrennten Kreisläufen betrieben, die im Reaktor erzeugte Wärme wird aus dem Primärkreislauf über den Dampferzeuger an den Sekundärkreislauf übertragen, der dann als Dampf die Turbine antreibt und Strom erzeugt. Im Block II des Atomkraftwerks Neckarwestheim arbeiten vier solcher Dampferzeuger mit jeweils 4118 Heizrohren, sieben dieser Rohre wiesen bei den jetzigen Überprüfungen einen Riss auf.

Aber dann können diese Rohre doch die Energie aus dem Primärkreislauf gar nicht übertragen?

Das ist richtig, zumindest können sie nicht wie vorgesehen die Energie aus dem Reaktorkern korrekt ableiten.

Ist das denn nicht gefährlich?

Es ist sicherheitsrelevant, weshalb die Atomaufsichtsbehörde in Baden-Württemberg auch urteilt:

Und das geht schon seit Jahren so?

Ja, auch das stimmt. Die Atomaufsicht, das baden-württembergische Umweltministerium, schreibt:

Man muss also feststellen, dass die EnBW die Risse nicht in den Griff bekommt?

Gute Güte, nein! So kann man das nicht formulieren. Richtig lautet die Formulierung nämlich so:

Vielen Dank an Stefan M. aus Ludwigsburg für den Hinweis!


 

Uniper: Nicht lesen können

Also das ist jetzt echt mal ein Ding!

Gerade erst ist das neu gebaute Kohlekraftwerk Datteln 4 ans Netz gegangen, dieser Skandalbau, der jahrelang ohne gültige Baugenehmigung vorangetrieben wurde. Schon denkt der Betreiber Uniper über das Abschalten des brutto 1.100 Megawatt leistungsstarken Steinkohleblocks nach:

Seit Anfang Juli gibt es in Deutschland ein Kohleausstiegsgesetz. Um den Verpflichtungen aus dem Paris-Vertrag nachzukommen, will die Bundesrepublik bis spätestens 2038 aus der Technologie der Kohleverstromung aussteigen. (Wir verzweigen hier mal nicht darauf, dass dies viel zu spät ist: Großbritannien will spätestens 2024 sein letztes Kohlekraftwerk vom Netz nehmen, Frankreich, Portugal und die Slowakei 2023. Spanien nahm gerade die Hälfte seiner Kohlekraftwerke vom Netz, 2025 soll dort Schluss sein. Schweden, Österreich und Belgien sind bereits kohlefrei, Dänemark, die Niederlande und Finnland wollen aus der Kohleverstromung spätestens 2030 aussteigen.)

Uniper geht es bei seinen Ausstiegsplänen aber gar nicht um den Klimaschutz. Der Konzern will für seine veraltete Geschäftspraxis Geld von uns Steuerzahlern. Vorstandschef Andreas Schierenbeck:

Das ist natürlich dreist, denn nach Empfehlung der Kohlekommission, also jenes Gremiums, das einen „gesellschaftlichen Konsens“ zur Zukunft der Kohle in Deutschland schaffen sollte, hätte Datteln 4 nie ans Netz gehen dürfen.

Es ist aber vor allem dumm: Im „Gesetz zur Reduzierung und zur Beendigung der Kohleverstromung“ heißt es im Paragrafen 56:

„Die Bundesregierung überprüft im Rahmen der umfassenden Überprüfung zum 15. August 2026, zum 15. August 2029 und zum 15. August 2032 nach § 54 auch, ob die Reduzierung und Beendigung der Kohleverstromung nach dem Jahr 2030 jeweils drei Jahre vorgezogen und damit das Abschlussdatum 31. Dezember 2035 erreicht werden kann.“

Im Gesetz ist also explizit festgelegt, dass das Ende von Datteln 4 deutlich vor 2038 kommen kann. Experten sind sich sicher, dass das Aus auch deutlich früher kommt: Im Ausstiegsgesetz ist ein Abschaltpfad für Kraftwerkskapazitäten vorgeschrieben, nach dem spätestens 2034 kein Platz mehr für die Steinkohleverstromung ist:

Was aber sagt Uniper-Manager Andreas Schierenbeck?

PS Nr. 1: Projektnutzer von Datteln 4 ist übrigens die Deutsche Bahn, die so gern erklärt, wie grün ihr Strom ist: Mehr als 40 Prozent des in Datteln produzierten Kohlestroms fließt in ihren Adern.

PS Nr. 2: Datteln 4 ist übrigens ein Eon-Projekt, was der grün gewaschene Konzern heute nicht mehr so gern hören möchte.

Herzlichen Dank an Malte K. aus Göttingen für diesen Hinweis!


 

Tagesschau: Das Lied von Eon singen

Jan Hofer ist seit Oktober 2004 Chefsprecher bei der Tagesschau, dem Flaggschiff des Nachrichtenjournalismus im Ersten Deutschen Fernsehen. In der Sendung am Samstag sagte Jan Hofer: „Viel Wind und Sonnenschein haben dem Ökostrom in Deutschland einen neuen Rekord beschert.“ Und dann nannte der Nachrichtensprecher die Quelle seiner Angaben:

Nach Berechnungen von „E.on“? Wieso denn „E.on“? Eon ist doch keine Forschungsstelle, keine Universität, keine Bundesbehörde wie die Netzagentur, niemand, der unabhängig seriöse Zahlen vermittelt! Eon ist ein Energiekonzern, der eigene Interessen verfolgt.

In diesem Fall sind diese Interessen auch sehr offensichtlich: Für die Zuschauer sollen die Begriffe „Ökostrom in Deutschland“, „neuer Rekord“ und „Eon“ in Zusammenhang gebracht werden, damit Eon für den neuen Rekord beim Ökostrom in Deutschland steht und so mehr Ökostromkunden und vor allem noch mehr gutes Image generieren kann. Und das hat Jan Hofer in Eons Sinne ja auch ganz prima gemacht.

Tatsächlich aber hat Eon jahrelang den Ausbau der erneuerbaren Energien massiv bekämpft. Der Anteil von Ökostrom im eigenen Portfolio war stets viel geringer als der aus Kohlekraftwerken, etwa bei der früheren Eon-Tochter Theag. Eon ist der Konzern, der das Kohlekraftwerk Datteln finanzierte und bauen ließ, das gerade erst ans Netz ging und bis weit in die 2030er Jahre laufen wird. Seit Jahren versucht sich Eon ein grünes Image zurechtzulügen – jetzt hat das sogar in der Tagesschau geklappt.

Die Berechnungen von Eon erfolgten übrigens unter anderem

wie es in der Eon-Pressemitteilung heißt. Die Bundesnetzagentur ist regierungsamtlich, die Redaktion der Tagesschau hätte mal zum Telefonhörer greifen sollen, um dort nachzufragen. Sicherlich: Auch andere Medien berichteten über Eon und den neuen Ökostromrekord. Bei der Deutschen Presseagentur ging der erste Satz aber so: