Monatsarchiv für November 2015

COP 21: Der Gipfel der Grünfärberei

Sonntag, den 29. November 2015

Was stellen Sie sich unter dem Spruch: „Kommen Sie und erleben Sie die Klima-Erfahrung!“ vor? Damit wirbt die Veranstaltung „Solutions“ am Rande der Pariser Klimakonferenz:

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Vielleicht kann man hier einen Tag in der sengenden Hitze und ohne Wasser ein Feeling dafür bekommen, was Dürre bedeutet? Einmal im Wasser auf einer Eisscholle stehen, die immer kleiner wird? Oder in einem Starkregen-Pavillon mal am eigenen Leib spüren, wie lebensgefährlich Sturzfluten sein können?

Weit gefehlt! Im Grand Palais im Zentrum von Paris laden europäische Wirtschaftskonzerne zu ihrem Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel und zur UN-Vertragsstaatenkonferenz COP 21 ein. Im Werbevideo zum Event heißt es schunkelnd: „We can make a change, we can make a change“ – kurze Pause – „We can make a change, we can make …

Richtig toll!!!

Fragt sich nur: Warum macht ihr denn dann keinen „Change“? Mitorganisator GDF Suez beispielsweise – neuerdings heißt der Konzern Engie – hat in Deutschland gerade ein neues Kohlekraftwerk ans Netz gebracht, dass die nächsten 35 Jahre jährlich 4,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid erzeugt. Davon erfährt man in der Pariser Innenstadt natürlich nichts!

Der Autoriese Renault – ein anderer Mitorganisator und „Changer“ – teilte frühzeitig mit:

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Auf dem Gelände der UN-Klimakonferenz kann „jede/r Delegierte“ elektromobil testfahren! Mit „null Emissionen“!!

Tolltolltoll!!

Dumm nur, dass es bei Renault außerhalb des UN-Konferenzgeländes mit den Emissionen nicht so super aussieht. Wie auch Volkswagen mussten sich die Franzosen gerade nachweisen lassen, dass zwischen offiziell gemessenem und dem realen Schadstoff riesige Unterschiede bestehen. Im Normalbetrieb überschreiten die Stickoxid-Emissionen eines Renault Espace 1.6 dCi den geltenden Grenzwert um das 13- bis 25-Fache.

Ganz auf „Change“ eingestellt ist auch Energiekonzern EDF:

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„98 Prozent des Stroms in Frankreich werden ohne CO2 hergestellt“, heißt es auf der EdF-Partnerseite. Atomkraft ist ja schließlich eine Lösung gegen den Klimawandel!

Geflissentlich verschweigt der Atomkonzern, dass die ältesten Reaktoren aus den Anfängen der 1970er Jahre stammen und in den kommenden Jahren abgeschaltet werden müssen. Neue Reaktoren will unter Marktbedingungen niemand mehr bauen - viel zu teuer, abgesehen vom Risiko, dass doch mal einer hochgeht.

„Der Klimawandel ist nicht nur eine Verantwortung, sondern auch eine Chance, unseren Alltag zu verbessern und lebenswerter zu machen“, heißt es auf den Seiten zur Veranstaltung „Solutions“. Jetzt gebe es Gelegenheit zum Wechsel. Spätestens an dieser Stelle wird der Sinn der „Change“-Veranstaltung klar: EdF, Renault, Suez und Co wollen einfach nur so weitermachen wie bisher.

EdF, Renault und Suez sponsern mit anderen großen Treibhausgasschleudern wie Air France den UN-Gipfel – und hoffen offenbar, dass niemand unter ihren Teppich guckt. 


PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Werbung: Geld stinkt doch nicht

Montag, den 23. November 2015

Hurra! Jubel!! Tusch!!!

Die Werbeagentur Muehlhausmoers hat gewonnen:

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Der Galaxy Award zählt zu den renommiertesten Auszeichnungen für „herausragende Arbeiten der Marketing-Kommunikation“. Seit 1987 wird er von der New Yorker „International Academy of Communications Arts and Sciences“ verliehen, einer Gründung der MerComm Inc. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, durch die Bewertung in zahlreichen Einzeldisziplinen hervorragendes Marketing auszuzeichnen und somit „Werbung“ zu fördern.

Gold gewonnen hat die Werbeagentur Muehlhausmoers für ihre Arbeit gegen den Hunger. Für die Deutsche Welthungerhilfe haben die in Köln und Berlin angesiedelten Werber den Welthungerindex 2015 erarbeitet:

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Eine zentrale Frage dieser Arbeit: „Führt Krieg zu Hunger? Führt Hunger zu Krieg? Der aktuelle Welthunger-Index hat sich diese Frage angeschaut.“

Die Antwort ist nicht ganz eindeutig. Auf Seite 32 heißt es jedenfalls:

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Deshalb ist der zweite Siegerpreis, den die Werbeagentur Muehlhausmoers gewonnen hat, interessant: „Galaxy-Gold gab es für die bereits mehrfach preisgekrönte Publikation ‚Vattenfall Magazine‘, dem fünfsprachigen Stakeholdermagazin des Energieversorgers Vattenfall“, schreibt Muehlhausmoers.

Das ist höchst zweifelhaft formuliert, und zwar nicht nur grammatisch: Vattenfall ist längst kein „Versorger“ mehr, sondern ein Konzern, der für seine Aktionäre das Maximum herauszusaugen sucht – etwa durch Rückforderungen an Kommunen.

Wir schweifen aber ab: Eine weitere Galaxy-Auszeichnung heimsen die Werber von Muehlhausmoers mit folgender Publikation ein:

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„News from Vattenfall“ heißt eines der neuesten Produkte der Agentur. Muehlhausmoers hatte dem größten Klimasünder in Deutschland dabei geholfen, „einen Dialog mit den Stakeholdern“ in Gang zu setzen. Und das in einer Branche, die „immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik steht“, wie die Muehlhausmoers-Werber stolz verkünden.

Donnerwetter: Das ist wirklich preiswürdig! Mit dem einen Kunden schönt Muehlhausmoers ein Problem, dass der Agentur Arbeit bei dem anderen Kunden garantiert! Ohne Fossilkonzerne wie Vattenfall wäre das Klimaproblem nicht so gravierend, ohne Klimawandel wäre der Hunger weniger tödlich.

Für Muehlhausmoers eine wahre Win-win-Situation!

Danke an Dietmar B. aus Berlin für den Tipp!


Lügendetektor: Dem Umzug zum Opfer gefallen?

Donnerstag, den 19. November 2015

Was war eigentlich die dreisteste Lüge, die jemals enttarnt wurde? „Mein Favorit ist eine Annonce des Bundesverbandes der Braunkohlewirtschaft“, sagte Toralf Staud, einer der Gründer des Klima-Lügendetektors. Im Testimonial-Stil ließ der Bundesverband Fachleute auftreten, die erklärten, warum wir auch die Braunkohle weiter brauchen:

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Abgebildet ist Professor Robert Socolow von der US-Universität Princeton. Dumm nur, dass der Professor nie mit dem Bundesverband gesprochen hat und auch nie die Auffassung vertrat, dass wir Braunkohle weiter brauchen. „Als wir den Professor darauf hinwiesen, wurde die Anzeige schnell geändert“, sagte Staud.

Das war vor drei Jahren: Damals hat die Otto-Brenner-Stiftung den Klima-Lügendetektor als bestes Medienprojekt des Jahres ausgezeichnet. „Der Kampf für die richtige Energiepolitik ist noch lange nicht zu Ende“, sagte Laudator Harald Schumann damals. Deshalb solle der Preis „eine Anregung sein an viele Leser, ein Beitrag zum Fortbestehen des Lügendetektors zu leisten“. Damals hat das sehr geholfen. Tatsächlich beteiligten sich so viele Leser, dass die Arbeit der Journalisten, die hinter dem Projekt stehen, finanziert werden konnte.

Leider ist uns seitdem kein Preis mehr verliehen worden. Und leider sind Sie umgezogen oder haben die Bank gewechselt (was wir, wenn Sie eine „grüne Bank“ gewählt haben, natürlich ausdrücklich begrüßen!). Dabei haben Sie offensichtlich vergessen, den Dauerauftrag für den Klima-Lügendetektor wieder einzurichten.

Jedenfalls fehlt uns Ihr Geld! Ohne neue Unterstützer können wir im neuen Jahr die Arbeit nicht mehr leisten! Oder haben Sie aus anderen Gründen Ihre finanzielle Unterstützung eingestellt? Dann schreiben Sie uns das!


Alpengemeinden: Schluss mit dem Ski-Zirkus

Sonntag, den 1. November 2015

Die Allianz der Alpengemeinden hat eine Erklärung an die Klimadiplomaten vor dem Klimagipfel COP 21 in Paris verabschiedet:

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„Aufgrund ihrer natürlichen Bedingungen sind die Alpen besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Schmelzende Gletscher, Wetterextreme und schneearme Winter sind Beispiele für die negativen Folgen“, heißt es darin, und weiter:

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Die Gemeinden der Alpen fordern von den Delegierten der COP 21 „anspruchsvolle Klimaziele, die wirksame Maßnahmen in den Gemeinden möglich machen“.

Daraufhin hat nun heute die „Allianz der Klimadiplomaten“ ihrerseits eine Erklärung an die Alpengemeinden verabschiedet, die dem Klima-Lügendetektor exklusiv vorliegt:

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Und weiter heißt es:

„Wir, Klimadiplomaten und Delegierte zur 21. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention (COP 21), appellieren an die Gemeinden und Städte der Alpen, endlich verbindlich und anspruchsvoll gegen den Ski-Zirkus vorzugehen. Aufgrund ihrer natürlichen Bedingungen sind viele unserer Staaten besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Während Ihr Euch mit Schneekanonen amüsiert, gehen unsere Inseln im Pazifik unter oder verheeren Stürme und Dürren unsere Länder“.

Tatsächlich wirbt das Schweizer Ski-Gebiet Sass Fe – natürlich Mitglied in der Allianz der Alpengemeinden – jetzt für Sommerski:

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Die Webseite Schneehoehen.de bescheinigt Sass Fe auch im Sommer „beste Bedingungen“:

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Das österreichische Pendant Silvretta Montafon in Schruns – selbstverständlich ebenfalls Mitglied der Alpenallianz – rühmt sich sogar seiner „Beschneiungsanlagen“:

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In den „News“ erfuhren die Leser Mitte Oktober: „In der Silvretta Montafon werden seit über einer Woche fleißig die Depots am Hochjoch beschneit. Wenn es die Temperaturen zulassen, sind bis zu 80 Schneeerzeuger im Einsatz. Ein Schwerpunkt der Beschneiung liegt in der Optimierung der Weltcup Montafon Strecke für die Ski- und Snowboardcrosser. Für den Bau der Kicker und Steilkurven werden im Dezember riesige Mengen an Schnee benötigt.“

Solche Beispiele lassen sich haufenweise finden, kein Alpen-Ski-Gebiet arbeitet ohne „Beschnei-Anlagen“, es gibt mittlerweile in Deutschland sogar „Kunstschneehallen“ auf dem platten Land, die Skifahren das ganze Jahr über unabhängig vom Wetter anbieten.

Aber – so die Allianz der Klimadiplomaten – „das können wir uns nicht mehr leisten“. Und jetzt kommt in dem Aufruf eine Passage, die den Gemeinden der Alpen zu denken geben muss: „Für uns geht es hier nicht um Spaß und Erlebnis, sondern ums Überleben.“

Der Kunstschnee-Wahn in den Alpen frisst gigantische Mengen an Strom und Wasser. Schon vor Jahren schätzten Wissenschaftler den Wasserbedarf der beschneiten Pisten auf jährlich 95 Millionen Kubikmeter – das entspricht dem Verbrauch einer Metropole mit 1,5 Millionen Einwohnern.

Mit entsprechendem Energieverbrauch: Nach Angaben des Arbeitskreises Alpen beim Bund Naturschutz wird derzeit in den Alpen eine Fläche so groß wie der Bodensee künstlich beschneit. Der Bodensee ist 54.000 Hektar groß – ergo verbraucht nach Datenlage des Verbandes der Seilbahnen und Skilifte die ganzjährige Beschneiung der Alpen um die 13,5 Milliarden Kilowattstunden Strom. So viel Strom erzeugten übrigens die deutschen Braunkohlekraftwerke 2014 binnen eines Monats – bekanntlich die Klimakiller par excellence. 13,5 Milliarden Kilowattstunden fürs Skivergnügen – das ist fast doppelt so viel, wie ganz Sambia mit seinen 16 Millionen Einwohnern pro Jahr zur Verfügung stehen.

Und wegen des ausbleibenden Frosts ist die Beschneiungs-Tendenz steigend: Die Skiliftbetreiber versuchen uns die Taschen vollzulügen, um weitermachen zu können wie bisher. 2010 erzeugten die Gemeinden der Schweiz 2,2 Prozent mehr Treibhausgase, als ihre Klimadiplomaten im Kyoto-Protokoll 1997 vereinbart hatten, die Gemeinden aus Österreich lagen sogar um 8,2 Prozent über der Zusage ihrer Klimadiplomaten. Die deutschen Alpengemeinden stehen nur deshalb besser da, weil der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft – mit den Folgen für ihre Bevölkerung – das deutsche Klimaziel erreichbar gemacht hat.

Noch ein Zitat aus dem Aufruf der „Allianz der Klimadiplomaten“: „Statt von uns Fortschritte zu fordern, bitten wir Euch, endlich zu handeln und die energiefressenden Schneekanonen zu verbieten. Bei Euch geht’s nur um den ‚Fun‘. Bei uns ums nackte Überleben!“

PS: In diesem Fall fragt sich, wieso sich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) dafür hergibt, als Feigenblatt vor die unbequeme Wahrheit geschoben zu werden. „Der Appell ist der Abschluss einer Konferenz im Rahmen der deutschen Präsidentschaft der Alpenkonvention im bayerischen Kloster Benediktbeuern“, teilte ihr Ministerium mit.

Achtung: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER