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Alpengemeinden: Schluss mit dem Ski-Zirkus

Sonntag, den 1. November 2015

Die Allianz der Alpengemeinden hat eine Erklärung an die Klimadiplomaten vor dem Klimagipfel COP 21 in Paris verabschiedet:

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„Aufgrund ihrer natürlichen Bedingungen sind die Alpen besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Schmelzende Gletscher, Wetterextreme und schneearme Winter sind Beispiele für die negativen Folgen“, heißt es darin, und weiter:

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Die Gemeinden der Alpen fordern von den Delegierten der COP 21 „anspruchsvolle Klimaziele, die wirksame Maßnahmen in den Gemeinden möglich machen“.

Daraufhin hat nun heute die „Allianz der Klimadiplomaten“ ihrerseits eine Erklärung an die Alpengemeinden verabschiedet, die dem Klima-Lügendetektor exklusiv vorliegt:

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Und weiter heißt es:

„Wir, Klimadiplomaten und Delegierte zur 21. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention (COP 21), appellieren an die Gemeinden und Städte der Alpen, endlich verbindlich und anspruchsvoll gegen den Ski-Zirkus vorzugehen. Aufgrund ihrer natürlichen Bedingungen sind viele unserer Staaten besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Während Ihr Euch mit Schneekanonen amüsiert, gehen unsere Inseln im Pazifik unter oder verheeren Stürme und Dürren unsere Länder“.

Tatsächlich wirbt das Schweizer Ski-Gebiet Sass Fe – natürlich Mitglied in der Allianz der Alpengemeinden – jetzt für Sommerski:

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Die Webseite Schneehoehen.de bescheinigt Sass Fe auch im Sommer „beste Bedingungen“:

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Das österreichische Pendant Silvretta Montafon in Schruns – selbstverständlich ebenfalls Mitglied der Alpenallianz – rühmt sich sogar seiner „Beschneiungsanlagen“:

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In den „News“ erfuhren die Leser Mitte Oktober: „In der Silvretta Montafon werden seit über einer Woche fleißig die Depots am Hochjoch beschneit. Wenn es die Temperaturen zulassen, sind bis zu 80 Schneeerzeuger im Einsatz. Ein Schwerpunkt der Beschneiung liegt in der Optimierung der Weltcup Montafon Strecke für die Ski- und Snowboardcrosser. Für den Bau der Kicker und Steilkurven werden im Dezember riesige Mengen an Schnee benötigt.“

Solche Beispiele lassen sich haufenweise finden, kein Alpen-Ski-Gebiet arbeitet ohne „Beschnei-Anlagen“, es gibt mittlerweile in Deutschland sogar „Kunstschneehallen“ auf dem platten Land, die Skifahren das ganze Jahr über unabhängig vom Wetter anbieten.

Aber – so die Allianz der Klimadiplomaten – „das können wir uns nicht mehr leisten“. Und jetzt kommt in dem Aufruf eine Passage, die den Gemeinden der Alpen zu denken geben muss: „Für uns geht es hier nicht um Spaß und Erlebnis, sondern ums Überleben.“

Der Kunstschnee-Wahn in den Alpen frisst gigantische Mengen an Strom und Wasser. Schon vor Jahren schätzten Wissenschaftler den Wasserbedarf der beschneiten Pisten auf jährlich 95 Millionen Kubikmeter – das entspricht dem Verbrauch einer Metropole mit 1,5 Millionen Einwohnern.

Mit entsprechendem Energieverbrauch: Nach Angaben des Arbeitskreises Alpen beim Bund Naturschutz wird derzeit in den Alpen eine Fläche so groß wie der Bodensee künstlich beschneit. Der Bodensee ist 54.000 Hektar groß – ergo verbraucht nach Datenlage des Verbandes der Seilbahnen und Skilifte die ganzjährige Beschneiung der Alpen um die 13,5 Milliarden Kilowattstunden Strom. So viel Strom erzeugten übrigens die deutschen Braunkohlekraftwerke 2014 binnen eines Monats – bekanntlich die Klimakiller par excellence. 13,5 Milliarden Kilowattstunden fürs Skivergnügen – das ist fast doppelt so viel, wie ganz Sambia mit seinen 16 Millionen Einwohnern pro Jahr zur Verfügung stehen.

Und wegen des ausbleibenden Frosts ist die Beschneiungs-Tendenz steigend: Die Skiliftbetreiber versuchen uns die Taschen vollzulügen, um weitermachen zu können wie bisher. 2010 erzeugten die Gemeinden der Schweiz 2,2 Prozent mehr Treibhausgase, als ihre Klimadiplomaten im Kyoto-Protokoll 1997 vereinbart hatten, die Gemeinden aus Österreich lagen sogar um 8,2 Prozent über der Zusage ihrer Klimadiplomaten. Die deutschen Alpengemeinden stehen nur deshalb besser da, weil der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft – mit den Folgen für ihre Bevölkerung – das deutsche Klimaziel erreichbar gemacht hat.

Noch ein Zitat aus dem Aufruf der „Allianz der Klimadiplomaten“: „Statt von uns Fortschritte zu fordern, bitten wir Euch, endlich zu handeln und die energiefressenden Schneekanonen zu verbieten. Bei Euch geht’s nur um den ‚Fun‘. Bei uns ums nackte Überleben!“

PS: In diesem Fall fragt sich, wieso sich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) dafür hergibt, als Feigenblatt vor die unbequeme Wahrheit geschoben zu werden. „Der Appell ist der Abschluss einer Konferenz im Rahmen der deutschen Präsidentschaft der Alpenkonvention im bayerischen Kloster Benediktbeuern“, teilte ihr Ministerium mit.

Achtung: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Schnee: So viel ist sicher

Donnerstag, den 12. März 2015

Kennen Sie den? Kommt ein kleiner Mann um die Ecke und sagt: „Die Rente ist sicher!“

Natürlich kennen Sie den! Norbert Blüm hat damit die „Ist-sicher“-Witzreihe einst begründet. Seitdem gibt es jede Menge Männer – große, kleine, graue etc. – die sich sicher sind. Hartmut Bahnchef Mehdorn zum Beispiel, der jüngst witzelte: „Die BER-Eröffnung 2017 ist sicher.“ Oder der Greenpeace-Mitbegründer Patrick Moore, der vor dem Super-Gau von Fukushima fabulierte: „Die Atomkraft ist sicher.“

Der neueste Lacher aus dieser „Ist-sicher“-Witzreihe geht so:

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Mittlerweile hatte der deutsche Skitourismus schon zwei Winter hintereinander mit hohen Temperaturen zu kämpfen. Ein Zusammenhang mit dem Klimawandel? Nicht doch, nicht doch! Der Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte (VDS) erklärt:

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„Nur geringe Auswirkungen!“ Das wird die Umsatzeinbußen-geplagten Liftbetreiber aber trösten! Vergangenen Winter gab es in deutschen Mittelgebirgen wie dem Harz gerade einmal 40 Schneetage, dieses Jahr immerhin 60 – damit sich der Skibetrieb rentiert, brauchen sie aber das Doppelte. „Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Klimawandel mit Temperaturanstieg zu tun hat“, meinte Skilift-Verbandssprecher Hannes Rechenauer in einem Interview.

Das ist eine ganz neue Erkenntnis! Und die kann der Verband der Skiliftbetreiber sogar wissenschaftlich unterlegen. Zitiert wird eine Studie der Klimawissenschaftlerin Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften:

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Also Anruf bei Frau Fischer in Wien: „Der Schnee ist sicher?“ Empört reagiert die Wissenschaftlerin auf ihre Vereinnahmung. Erstens sei die Studie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Pressemitteilung des VDS noch nicht fertig gewesen, sie soll erst in einigen Wochen veröffentlicht werden. Der Skilift-Verband hat also eine Studie benutzt, die sich noch in der Endredaktion befand. Zweitens sagt Fischer, dass „der Klimawandel natürlich mit einem tendenziellen Temperaturanstieg einhergeht“.

„30 Jahre Schneesicherheit“ – das kann die Klimawissenschaftlerin Andrea Fischer nicht bestätigen. Sie spricht von „großen regionalen Unterschieden“ und einer zu erwartenden hohen Variabilität beim Wetter. Es könne also sehr warme, aber auch sehr kalte Winter geben – Wetterprognosen seien nie „sicher“.

Der Verband der Skiliftbetreiber macht daraus:

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Sie kennen die Strategie des „Verbandes Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte“ gegen dieses „AUS“? Schneekanonen: Eine Schneeanlage für eine Fläche von 20 Hektar hat im Schnitt einen Energiebedarf von 250.000 Kilowattstunden pro Jahr, schreibt der VDS. Genau so viel Energie verbrauche ein Flug von München nach Mallorca und zurück mit 200 Passagieren. Was wohl dem alpinen Skitouristen das gute Gefühl geben soll, dass er nicht mehr sündigt als der Ballermann-Urlauber.

Nach Angaben des Arbeitskreises Alpen beim Bund Naturschutz wird derzeit allein in den Alpen schon eine Fläche so groß wie der Bodensee künstlich beschneit. Der Bodensee hat eine Fläche von 54.000 Hektar – ergo verbraucht, nimmt man die eigenen Angaben des Verbandes der Seilbahnen und Skilifte, die ganzjährige Beschneiung der Alpen um die 13,5 Milliarden Kilowattstunden Strom. So viel Strom erzeugten übrigens die deutschen Braunkohlekraftwerke 2014 in einem einzigen Monat – bekanntlich die Klimakiller par excellence.

schnee3heißt es beim Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte. „Deutsche Pisten sind langfristig schneesicher!“ Norbert Blüm dürfte sich vor Lachen schütteln!

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Naturfreund: Die Probleme mit dem Winter

Montag, den 27. Januar 2014

Die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes hatten schon in ihrer Halbzeitbilanz ein vernichtendes Urteil gefällt: Dieser Winter sei bislang „viel zu warm“. Aber nun ist er ja doch noch gekommen, der Winter! Ganz so, wie es sich ein Naturfreund vorstellt:

naturfreundDie Naturfreunde sind ein Umwelt- und Touristikverein, dessen Wurzeln im sozialdemokratischen Teil Wiens Ende des 19. Jahrhunderts zu finden sind. Den Lehrer Georg Schmiedl trieb damals die Idee um, dass Arbeiter auch mal raus müssten. Aufs Land. In die Natur. „Raus ins Grüne“ war anno 1890 fast unmöglich: Die Fahrt mit dem Kutschwagen bis an die Stadtgrenze kostete einen Batzen Geld und dauerte so lange, dass das Grün nur mit Übernachtung zu erreichen war. Schmiedls Idee: Häuser in der Natur bauen, damit die Proletarier an einem Tag in die Berge, die Auen reisen, dort bleiben und am nächsten Tag wieder zurückfahren konnten. Ohne viel dafür zu bezahlen. Mitglieder der Naturfreunde arbeiteten beim Aufbau der Naturfreunde-Häuser mit – und wohnten dann dort als Vereinsmitglieder sehr billig.

Ein brilliante Idee, die sich schnell verbreitete: Bevor die Naturfreunde im Einflussbereich von Deutschlands Nazis verboten wurden, zählten sie 1933 rund 200.000 Mitglieder. Heutzutage gibt der Dachverband Naturfreunde Internationale (NFI) die Mitgliederzahl mit 500.000 in 48 Ländern an, darunter fast 100.000 in Deutschland. Ein großer Verein also, und große Vereine haben Mitgliederzeitschriften. In der Schweiz beispielsweise den „Naturfreund“, ein ziemlich professionelles Magazin. In der Winterausgabe 2013/14 wird unter der Überschrift „Winter, Weite, eisige Kälte“ beispielsweise über eine Zugfahrt von Moskau nach Peking berichtet. Es geht um die „Vorzüge von Neuschnee: Theoretisch und praktisch“. Und ganz am Schluss um „Strom im Winter“:

naturfreund2 „Strom im Winter“ ist aber kein Text zum Thema, sondern eine Anzeige des Schweizer Energiekonzerns Alpiq. „Wenn die Nächte länger werden und die Temperaturen sinken, dann steigt der Stromverbrauch“, liest der Naturfreund im Anzeigentext. „Weil das Wasser spärlicher fließt und das Sonnenlicht abnimmt, geht auch die Stromproduktion zurück.“

Und weiter:

winterEcht jetzt? Ihr von Alpiq müsst eure ganze Kraftwerksstruktur ändern, nur weil ein paar Flocken Schnee …?

In der Anzeige heißt es: „Es zeigt sich: Die Stromversorgung ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch des Könnens.“

Damit winter2Donnerwetter! Im Schweizer Winter sind die Kohle- und Atomkraftwerke umweltverträglich! Kein Treibhausgas, kein Atommüll, kein Quecksilber, keine Strahlengefahr. Einfach weil es schneit und von den Bergen weht?

Immer wieder hatten Aktivisten gegen Alpiqs Geschäftspolitik demonstriert. Unter dem Slogan „Weder Atomkraft noch fossile Brennstoffe – 100 % erneuerbare Energien“ störte Greenpeace 2012 etwa die Generalversammlung des Konzerns. Zwei Drittel des von Alpiq produzierten Stroms stammten aus AKWs und fossilen Kraftwerken, so der Greenpeace-Vorwurf. „Alpiq muss endlich ihre Geschäfte mit dreckigen Energieträgern aufgeben und die Schweiz ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen versorgen“, forderte Greenpeace-Sprecher Florian Kasser.

Um noch einmal die Meteorologen zu zitieren: Der Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre setzt sich immer schneller fort. „Jedes Jahr wird es schwieriger, das Problem in den Griff zu bekommen“, erklärte Michel Jarraud, Generalsekretär der Welt-Meteorologie-Organisation, im November. Gletscherschmelze und weniger Schneetage sind nur eine Folge, aber jene, die die Schweiz wohl am stärksten treffen wird. Und natürlich jeden Naturfreund.

PS: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit Sommer 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um die Recherche auch 2014 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER