Monatsarchiv für März 2013

Frühling und Klimawandel: Keine Glaubensfragen

Donnerstag, den 28. März 2013

Nun ist es amtlich, der Glaube an den doch wirklich bald beginnenden Frühling ist eine „Religion“! Das Bundesverwaltungsgericht hat heute „eindeutige Parallelen zu dem Glauben an die irrationalen Heilsversprechen anderer Religionsgemeinschaften“ festgestellt und den Frühlingsglauben unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt, berichtet das Online-Portal Der Postillon:

frühling

Es zitiert einen Sprecher des Bundesverwaltungsgerichtes mit den Worten: „Obwohl sie jeden Tag eines besseren belehrt werden, behaupten Anhänger des Frühlingskults mit verträumtem Blick, dass schon bald überall Blumen blühen werden und die Menschen ohne dicke Kleidung auf die Straße gehen können. Ähnlich wie andere Buchreligionen berufen sie sich dabei auf alte Überlieferungen aus längst vergangenen Tagen.“

Um das zu Anfang dieses Textes klarzustellen: Natürlich achten auch wir die Glaubensfreiheit!

Der Postillon ist ein empfehlenswertes Satire-Magazin, das sich die US-Zeitschrift The Onion zum Vorbild genommen hat. Weitere Schlagzeilen des Postillons: „Hohe Benzinpreise hindern Millionen daran, ihre Schwiegereltern über Ostern zu besuchen“. Oder: „BER, Stuttgart 21 und Elbphilharmonie werden zu einem riesigen ‚Bad Bau‘ zusammengelegt“. Die typische Postillon-Story hat also einen sehr realen Hintergrund, im aktuellen Fall eine Frühlingssehnsucht, die wohl auch zum Osterfest nicht erfüllt werden wird. Der März 2013 war – wie der DWD bilanziert – deutschlandweit rund 3,4 Grad kälter als das langjährige Mittel der Jahre 1961 bis 1990. Aber, so die Experten vom Deutschen Wetterdienst: „Dass wir jetzt im März eine Frostperiode haben, gehört zu den Schwankungen in der Witterung“, betont der Meteorologe Andreas Friedrich. „Klimaerwärmung und Schnee im März schließen sich nicht aus.“

Doch zugegeben, bei den gegenwärtigen Temperaturen kann einem schon mal das Hirn einfrieren. Reihum haben sich Kollegen in der vergangenen Woche mit dem Wetter beschäftigt. So dichtete Bild-Cheflyriker Franz-Josef Wagner über „heimtückische Flocken“ und „Blut im Schnee“. Und der schon öfter durch klimaskeptische Artikel aufgefallene Welt-Kollege Ulli Kulke lieferte einen sehr langen Artikel mit dieser Überschrift ab:

kulke_winter2013

Er rührt darin die Frühlingssehnsucht zusammen mit den typischen Thesen von Leuten, die den Klimawandel für eine Erfindung der Wissenschaftsmafia halten: Eine Schwächephase der Sonne sorge für eine Pause der angeblichen Erderwärmung, jedenfalls sei das Treibhausgas Kohlendioxid völlig überschätzt. Zwei russische Wissenschaftler werde mit dieser Aussage zitiert („russische Wissenschaftler“ sind unter Klimaforschern inzwischen ein running gag, auch der Focus präsentierte vor drei Jahren einen solchen) – der Haken: die beiden waren zuvor durch keinerlei Klimaforschung auffällig geworden, einer arbeitet für Gazprom, und der Aufsatz, auf den sich Kulke bezieht, erschien nicht in irgendeinem angesehenen Forschungsjournal, sondern im vergangenen September im fossilen Branchenblatt Oil & Gas Eurasia. Die einzige seriöse Studie aus dem Fachmagain PNAS, die Kulke zitiert, handelt zwar tatsächlich von natürlichen Klimaschwankungen und deren Abgrenzung zum menschengemachten Erwärmungstrend, konstatiert aber unter anderem: „Der Beitrag der Sonne ist, wie wir fanden, minimal für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und liegt bei weniger als zehn Prozent für die erste Hälfte.“ Irgendwie unwahrscheinlich, dass eine Schwächephase der Sonne trotzdem einen durchschlagenden Effekt auf den Klimawandel haben soll!? Aber, wie gesagt, wir respektieren die Glaubensfreiheit.

Völlig unter den Tisch fällt bei Wagner, Kulke und Co. natürlich auch, dass wir zwar in Deutschland grad arg frieren, bei einer großräumigen Betrachtung aber (auf die es in Klimafragen bekanntlich ankommt) der März alles andere als ungewöhnlich ist. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat auf seinem Blog Klimalounge dankenswerterweise diese eindrückliche Grafik der Temperaturverteilung auf der Nordhalbkugel veröffentlicht:

rahmstorf_winter2013

Während es in Nordrussland – wozu in diesen Tagen gefühlt auch Berlin gehört – tatsächlich außergewöhnlich kalt ist, liegen die Temperaturen anderswo deutlich über dem Durchschnitt. Unterm Strich sei der März in der Nordhemisphäre sogar „ein wenig wärmer als der März letzten Jahres“. Kollegen von Rahmstorf hatten schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass Klimawandel sehr wohl zu Winterkälte in Deutschland passt: Je geringer die arktische Meereis-Bedeckung, desto wahrscheinlicher frostige Wetter in Europa.

Okay, okay, das alles hilft wenig gegen den Winterfrust. Deshalb danken wir am Schluss noch zwölf Abgeordneten von SPD und Bündnisgrünen im Landtag von Wiesbaden. Sie haben in Antrag 19/7173 die Landesregierung aufgefordert, „endlich ihre Untätigkeit aufzugeben und alles Erforderliche zu unternehmen, um für Frühling in Hessen zu sorgen“. Schauen wir mal, was Schwarz-Gelb in Hessen hinbekommt …


Flughafen München: Blaues Feigenblatt

Samstag, den 23. März 2013

Es gibt PR-Meldungen, die könnten wir uns nicht besser ausdenken. Zum Beispiel diese:

Verbesserte Umweltbilanz: Flughafen München setzt auf Zubringer-Busse mit dem Blauen Engel von MAN  Umweltbewussteres Fliegen beginnt am Boden. Dafür setzt der Flughafen München ab sofort 27 Busse mit dem Blauen Engel von MAN Truck & Bus ein. Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Ursula Heinen-Esser übergab die Blauer Engel-Urkunde an MAN und begrüßte den nun umweltfreundlicheren Fuhrpark des Flughafens München: "Was Flughafen und MAN im Personennahverkehr vorbildlich angehen, würde ich gerne überall sehen, wo Busse rollen. Beide Partner setzen auf die strengen Kriterien des unabhängigen Blauen Engel und zeigen dies mit dem Umweltzeichen auf den Fahrzeugen deutlich. Die Fahrgäste werden das anerkennen."   Die eingesetzten Busse erfüllen die anspruchsvollen Kriterien des Blauen Engel für lärmarme und schadstoffarme Omnibusse und bieten höchste Umweltverträglichkeit für den Personennahverkehr. Busse mit dem Blauen Engel erfüllen die EEV Abgasnorm (Enviromental Enhanced Vehicel) und belasten die Luft nur mit einem Bruchteil an Luftschadstoffen wie Kohlenmonoxid und Stickstoffoxid im Vergleich zu heute üblichen Fahrzeugen. Sehr lärmarm sind sie auch: Ihr Geräuschgrenzwert darf 77 dB(A) nicht überschreiten. Ebenso gelten für die Lackierung strenge Umweltregeln: Sie muss zum Beispiel frei von Blei-, Chrom- und Cadmiumverbindungen sein.

Großartig, oder? Da kauft ein Flughafen gut zwei Dutzend neue Fahrzeuge für seine Busflotte, die die Passagiere vom Terminal zum Flugzeug bringt. Und das wird dann als großer Fortschritt für die Umwelt vermarktet: Nicht nur das Umweltbundesamt gibt eine Pressemitteilung heraus, sondern auch MAN und natürlich der Flughafen selbst, der aus dem Anlass gleich noch einen Videopodcast produziert, in dem eine lächelnde junge Frau vier Minuten lang die neuen Busse anpreist.

muc_videopodcast

Der Münchner Flughafen verursacht pro Jahr die riesige Menge von 7,5 Millionen Tonnen Kohlendioxideinberechnet sind dabei die Emissionen durch den Airport-Betrieb sowie durch jene Flugzeuge, die auf dem zweitgrößten Luftdrehkreuz Deutschlands ankommen und abfliegen. Zum Vergleich: Diese Menge entspricht einem Zehntel der gesamten Treibhausgasemissionen des Freistaats Bayern (und verschlimmernd hinzu kommt eigentlich noch, dass CO2 aus Flugzeugen etwa dreimal so große Klimaschäden anrichtet wie bodennah ausgestoßenes Kohlendioxid). Fliegen ist, das sieht man hier mal wieder deutlich, die klimaschädlichste Art der Fortbewegung überhaupt.

Die Zahl 7,5 Millionen mag der Airport-Betreiber übrigens gar nicht, er betont lieber die direkten Emissionen des Flughafens, also das, was etwa beim Beheizen der Terminals oder deren Stromversorgung anfällt, was bei der Anreise der Passagiere verursacht wird oder durch startende und landende Flugzeuge in den Minuten direkt nach dem Start oder vor der Landung. Diese Emissionen betrugen im Jahr 2011 lediglich knapp 150.000 Tonnen, was doch schon viel freundlicher klingt. Doch selbst an diesem eng definierten CO2-Ausstoß des Flughafens ist der Anteil der Busse winzig. Im Umweltbericht der Flughafengesellschaft findet sich diese Grafik:

MUC_direkteemissionen_pfeil

Lediglich zwei Prozent der direkten CO2-Emissionen des Flughafens also (siehe Pfeil) gehen auf die eigenen Fahrzeuge zurück, und davon sind die Vorfeldbusse nur ein kleiner Teil. (Die Abkürzung „LTO-Zyklus“ in der Grafik steht übrigens für „Landing and Take off“, also Landung und Start – gemessen werden dabei die Emissionen von/bis zur Höhe von 3.000 Fuß bzw. 914 Metern.)

Zwei Prozent von 150.000 Tonnen sind 3.000 Tonnen – misst man diese 3.000 Tonnen an den 7,5 Millionen Tonnen Gesamtemissionen, die dem Flughafen München zugerechnet werden können, kommt man auf 0,04 Prozent. Um ein Bruchstück dieser 0,04 Prozent geht es in der wortreichen PR-Jubelmeldung. Und bei diesem – Entschuldigung – Furz hat der Flughafen München etwas verbessert, nämlich Schadstoffausstoß und Lärmemission gemindert. Der Effekt fürs Klima? Praktisch Null. Wahrscheinlich ist er sogar negativ. Denn die Passagiere am Flughafen München sehen künftig auf dem Weg zum Flugzeug noch mal den bekannten Blauen Engel; ihr schlechtes Klimagewissen – falls sie denn eines haben – wird dadurch gemildert. Da fliegt man doch gleich nochmal so gern!

Und die Staatssekretärin des Bundesumweltministeriums adelt das Ganze auch noch durch eine Laudatio …

Liebe Jury des Blauen Engels, liebe Frau Heinen-Esser, wir hätten da noch ein paar weitere Auszeichnungsideen: Verleihen Sie doch das Umweltzeichen an jedes Braunkohlekraftwerk, das in seiner Kantine Bioessen serviert! Oder an alle Holzkonzerne, die den Regenwald mit lärmarmen Kettensägen niedermähen! Das gäbe jeweils wieder eine prima Pressemitteilung mit der Überschrift „Verbesserte Umweltbilanz“.


RWE / enviaM: Wässrige Werbung

Donnerstag, den 14. März 2013

RWE ist ja für besonders originelle Werbung bekannt. Unvergessen ist zum Beispiel das niedliche Kalb Vroni, das ein viel größerer Klimakiller sein sollte als der Kohlekonzern. Der tapsige Trickfilmriese und die barbusige Meerjungfrau. Oder der Versuch, sich ein bisschen in Helmut Schmidts Aura zu sonnen. Bei solchen Vorlagen will sich wohl auch die ostdeutsche RWE-Tochter enviaM nicht lumpen lassen, sie wirbt unter anderem mit diesem Motiv:

enviaM_wasser_gr

Wenn das nicht vollmundig ist!? Auf der Firmenwebsite heißt es im Kleingedruckten darunter:

Die Energiewende in Deutschland sieht vor allem einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien vor. Bereits in den vergangenen Jahren hat die enviaM-Gruppe den Umbau der Energieversorgung im eigenen Erzeugungsbereich aktiv vorangetrieben. Seit 2000 investierte die enviaM-Gruppe rund 93 Millionen Euro in grüne Energien. Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien hat sich seitdem von 20 Millionen auf rund 145 Millionen Kilowattstunden pro Jahr erhöht. Heute gehören 14 Wasserkraftwerke, vier Windparks, ein Biomasse-Heizkraftwerk sowie sechs Biogasanlagen zum grünen Erzeugungs-Portfolio des Unternehmensverbundes.

Voll super, die Firma, oder?

Nun ja, die envia Mitteldeutsche Energie AG (kurz: „enviaM“) beliefert in den neuen Bundesländern rund 1,5 Millionen Kunden – aber produziert selbst kaum Strom. Der Unternehmensverbund verfügt nur über eine Handvoll kleinerer Kraftwerke, wie Daten der Bundesnetzagentur zeigen. Bei kraftwerke-online.de sind lediglich sechs Anlagen mit insgesamt gerade 317 Megawatt (MW) verzeichnet. Im Wesentlichen wird von enviaM also bloß Strom vertrieben. (Vermutlich vor allem dreckiger Kohlestrom von RWE, aber das ist eine andere Geschichte …)

Wir konzentrieren uns jetzt mal auf die Aussage: „Die enviaM-Gruppe setzt auf Erneuerbare Energien“ – dem Werbefoto nach zu urteilen wohl besonders auf Wasser. Wir wollten das etwas genauer wissen und fragten die Pressestelle in Chemnitz, welche Kapazitäten denn die auf der Website gepriesenen eigenen Grünstrom-Anlagen haben. Antwort: Das Biomasse-Heizkraftwerk kommt auf 10,6 MW, die sechs Biogasanlagen kommen zusammen auf 3,8 MW, und die vier Windparks ebenso wie die 14 Wasserkraftwerke auf 10,4 MW. Im Klartext, bei allen Erneuerbaren zusammen kommt enviaM also auf gerade einmal 36 Megawatt! Zum Vergleich: Das ist nur gut ein Zehntel der fossilen Kapazitäten. Und entspricht ganzen fünf Exemplaren der neuesten Generation von Groß-Windrädern (etwa der Enercon E-126) – andere Firmen bringen locker mehr als 40 Megawatt in einem einzigen (!) Windpark unter.

Wir fragten dann weiter, wie lange die Wasserkraftwerke der Firma schon in Betrieb sind. Denn alte Anlagen sind ja schön und gut, haben aber wenig mit der notwendigen Energiewende zu tun. Die Pressestelle mailte in ihrer Antwort:

enviaM_wasser_mail1

Hoppla, in der Tat stammt beispielsweise die Anlage im sächsischen Mittweida bereits aus dem Jahr 1923. Eine weitere Nachfrage ergab dann, dass durch Investitionen von enviaM in den vergangenen Jahren die Leistung aller Wasserkraftwerke um insgesamt 450 kW gesteigert wurde – wohlgemerkt insgesamt! Von den 10,4 MW Wasserkraft, so könnte man also sagen, sind lediglich gut 0,4 MW der Firma zu verdanken, die behauptet, bei Ökostrom könne ihr „keiner das Wasser reichen“ – die anderen 10 MW existieren seit vielen Jahrzehnten.

Aber noch etwas war uns aufgefallen: Die Anlagenkapazität von 10,4 MW reicht niemals für die 215.000 Haushalte, die enviaM laut Werbung „in Ostdeutschland mit Strom aus Wasserkraft“ beliefert. Selbst wenn man nicht nur den Wasserstrom der Firma gelten ließe, sondern ihren gesamten Ökostrom (die auf der Website genannten 145 Millionen kWh), dann müsste der Durchschnittsverbrauch der ostdeutschen Ökostrom-Kunden bei sensationell niedrigen 675 kWh pro Haushalt liegen – weniger als ein Viertel des Bundesschnitts. Tatsächlich verbrauchen Ostdeutsche weniger Strom als Westler, aber nicht so deutlich; irgendwas, schwante uns, kann da nicht stimmen. Und tatsächlich, weitere Nachfragen ergaben, dass die 215.000 Haushalte gar nicht mit Strom von enviaM versorgt werden. Sondern? Hier die Antwort:

enviaM_wasser_mail3

Ui, das versteht man bei RWE also unter

enviaM_wasser_kl

Wir bohrten noch ein bisschen weiter, fragten beispielsweise nach der exakten Anlage in Frankreich und deren Alter (andere Ökostrom-Anbieter geben darüber standardmäßig Auskunft), wir wollten die Zertifizierungsurkunde des vertriebenen Wasserstroms für 2012 oder zur Not auch nur für 2011 sehen (die Konkurrenz stellt solche Dokumente häufig zum Download auf ihre Website) und so weiter. Bedauerlicherweise endete an diesem Punkt die Auskunftsbereitschaft von enviaM, die letzte Mail der Pressestelle lautete:

enviaM_wasser_mail2

Ja, danke, liebe enviaM, das waren „alle notwendigen Angaben“ für eine Beurteilung Ihrer Werbung.

Danke an Charlotte S. aus Riesa für den Hinweis


Vattenfall: Vier schlechte Gründe

Dienstag, den 5. März 2013

Die Zeitungen in Berlin sind heute mit einer Anzeigenkampagne von Vattenfall beglückt worden. Zum Beispiel die Berliner Zeitung, wo halbseitig Sicherheit vermittelt werden soll:

vattenfall

lm erläuternden Text steht: „Denn das Stromnetz unseres Netzbetreibers gehört zu den fortschrittlichsten und sichersten der Welt. Jahr für Jahr werden rund 240 Millionen Euro für den Ausbau und Unterhalt ausgegeben. Würde das auch noch den Berliner Haushalt belasten, kämen viele andere Vorhaben zu kurz.“

Es geht um das Stromnetz in Berlin und den sogenannten Konzessionsvertrag: Ende 2014 läuft die vertragliche Genehmigung aus, die Berlin dem Vattenfall-Konzern einräumte, sein Stromnetz zu benutzen. Das war offenbar ein ganz lukrativer Vertrag: Vattenfall möchte gern verlängern, um seinen Strom auch weiterhin über das Berliner Stromnetz zu verkaufen. Schon allein deshalb, weil der Stromnetzbetrieb nach Abzug aller Kosten Vattenfall in den letzten Jahren jährlich höhere zweistellige Millionen-Beträge in die Kassen spülte.

Dagegen regt sich aber massiver Widerstand. Im vergangenen Jahr war ein Volksbegehren zur „Rekommunalisierung der Energienetze“ in der ersten Stufe erfolgreich. Nun haben sich die Initiatoren auf den Weg zur zweiten Stufe – dem Volksentscheid – gemacht: Wenn bis zum 10. Juni mindestens 200.000 Berliner unterschreiben, dann könnte am Tag der Bundestagswahl im September auch über den Gesetzentwurf des „Berliner Energietischs“ abgestimmt werden. Das Ziel: Vattenfall aus dem Verkehr zu kegeln und das Berliner Stromnetz kommunal zu betreiben. „50 Millionen Euro Gewinn pro Jahr“ will Stefan Taschner, Sprecher des Berliner Energietischs, lieber in die kommunalen Kassen spülen als in die Taschen der Vattenfall-Aktionäre. Nicht nur das:  „Wer wie Vattenfall weiter auf Braunkohletagebaue setzt, der beweist, dass er nicht in der Lage ist, eine Stadt wie Berlin zukunftsfähig mit Strom zu versorgen“.

Also muss sich Vattenfall etwas einfallen lassen. Tenor der heute gestarteten Kampagne: 1. Alles funktioniert fortschrittlich wunderbar! 2. Wir – Vattenfall – investieren jede Menge Geld!! 3. Lasst uns – Vattenfall – mal machen, wir machen das schon!!! Für euch.

Wie es heutzutage bei einer modernen Kampagne üblich ist, gibt es natürlich auch hier die obligate Internet-Seite mit den „Argumenten“. Es gibt einen Bereich „Energiewende“: „Vattenfalls Experten sorgen für eine lückenlose Stromversorgung, seit Berlin ein Stromnetz hat“. Es gibt einen Bereich „Meldungen“: „Vattenfall unterstreicht den eigenen Beitrag zur Energiewende“. Und es gibt einen Bereich „Gute Gründe“:

vatten

Die Gründe 1 und 4 sind schnell abgearbeitet. Grund 1: „Vattenfall hat über den jahrzehntelangen, sicheren und zuverlässigen Betrieb der Stromnetze in der Stadt wertvolle Kompetenzen aufgebaut.“ Falsch: Vattenfall ist erst seit dem Jahr 2002 Besitzer des Berliner Stromnetzes, „jahrzehntelang“ kann also gar nicht sein.

Bei Grund 4 heißt es: „Zwei Drittel der jährlich rund 250 Millionen Euro, die Vattenfall für die Instandhaltung und Modernisierung des Stromnetzes ausgibt, fließen an vorwiegend mittelständische Auftragnehmer in der Region.“ Das ist nett von Vattenfall, aber eine Binse. Vermutlich würde ein kommunaler Netzbetreiber vier Fünftel der Aufträge an „mittelständische Auftragnehmer in der Region“ vergeben oder mehr – jedenfalls so viel wie möglich.

Spannender als 1 und 4 sind deshalb Vattenfalls andere beiden „Guten Gründe“. Numero 2: die Klimaschutzvereinbarung. Vattenfall wollte damit ursprünglich bis 2020 seinen Treibhausgas-Ausstoß in der Hauptstadt halbieren und dafür ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen und ab 2014 in Berlin-Lichterfelde ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Betrieb nehmen. In jedem Fall aber die Braunkohleverstromung in Berlin bis 2016 durch Gas- und Biomassenutzung ersetzen. Doch daraus wird nun nichts: Vattenfall wird die neuen Kraftwerke in Lichterfelde, Marzahn und Lichtenberg vermutlich erst 2020 oder später in Betrieb nehmen.

Bleibt der letzte „Gute Grund“: „Vattenfall kann Netze und niemand bestreitet das. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Wirtschaft oder Politik an der Kompetenz von Vattenfall zweifelt.“

Stimmt. Vattenfall kann vor allem Netze schmieden und niemand bestreitet das. Vattenfall bezahlt reihenweise Politiker, damit die entweder die Klappe halten oder zu Gunsten des Konzerns aussagen. Allein der Aufsichtsrat der Vattenfall-Tochter „Mining“ verdeutlicht das: Bezahlt werden hier der Europapolitiker Rolf Linkohr (SPD), der ehemalige Brandenburger Wirtschaftsminister Burkhard Dreher (SPD), der ehemalige Landtagsabgeordnete Ulrich Freese (SPD), der bestens verdrahtete Ex-Bundestagsabgeordnete  Reinhard Schultz (SPD) oder die umweltpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion in Brandenburg Martina Gregor-Ness (SPD).

Vattenfall „kann Netze“: Zum Jahresanfang färbte sich der Fluss Spree braunrot. „Verockerung“ nennt sich das Problem, das auf die Tagebaue in der Lausitz zurückgeht. Die von Vattenfall bezahlte umweltpolitische Sprecherin Gregor-Ness appellierte an die Medien, „nicht so viele dramatische Bilder zu produzieren.“

Das Problem hat Stefan Taschner vom Berliner Energietisch nicht. Seit dem 11. Februar sammelt er mit seinen Aktiven Unterschriften. „14.000 haben wir nach dem ersten Monat“, sagt Taschner dem Klima-Lügendetektor. Nicht einmal ein Zehntel vom Soll, 200.000 müssen es bis zum 10. Juni werden. Trotzdem ist Taschner euphorisch: „Der Berliner Wassertisch hatte seinerzeit 13.000 Unterschriften im ersten Monat eingesammelt.“ Zur Erinnerung: Das Volksbegehren gegen RWE und Co. zum Thema „Wasser in Berlin“ war zum Schluss erfolgreich.

Seit zwei Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch  2013 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER