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Berliner Zeitung: Durch die lila Brille sehen

Donnerstag, den 9. Juni 2016

Berlin kann sich glücklich schätzen, jährlich Gastgeber eines der größten Umwelt-Festivals Europas zu sein. Organisator ist die Grüne Liga, auch in diesem Jahr strömten wieder 140.000 Menschen mit dem Fahrrad zum Brandenburger Tor. Und natürlich gibt es Medienpartner zu solchen Festivitäten – diesmal die Berliner Zeitung, die zum Umweltfestival eine kleine Sonderzeitung – im Verlagssprech „Anzeigen-Sonderveröffentlichung“ – gedruckt hat.

In dieser geht es zum Beispiel um Schüler, die lernen sollen, „sich selbst zu hinterfragen“. Im Interview stellt die Berliner Zeitung auf Seite 3 folgende Frage:

„Deren Umweltwissen [das der Schüler, die Red.] hat oft keinen besonders guten Ruf. Glauben Berliner Schüler wirklich, Kühe seien lila?“

Auf Seite 9 der Beilage findet sich dann folgende Anzeige:

umweltfestival

Och nö! Nicht schon wieder die Mär von der klimafreundlichen Kartonverpackung! Der Klima-Lügendetektor hat sich schon mehrfach mit diesen Verpackungen befasst, zum Beispiel ging es dabei um den Kartonverpacker Tetra Pak. Damals hieß es:

„Tetra Pak macht seine Produkte grüner als sie sind“, hatte … vor Jahresfrist Rechtsanwalt Remo Klinger erklärt und Tetra Pak im Auftrag der DUH verklagt. Damals hatte das Unternehmen in seiner Werbung noch von einem „vollständigen Recycling“ gesprochen, was sich nicht als besonders zukunftsweisend herausstellte – die DUH bekam nämlich Recht, Tetra Pak änderte den Anzeigentext.“

OK: Diesmal ist der Anzeigenkunde nicht Tetra Pak, sondern die Lobby der Kartonverpackungen. Diese behauptet:

umweltfestival1

Nun gibt es Werbung, die schummelt – und im Getränkeverpackungsbusiness ist das augenscheinlich häufig der Fall. In diesem Fall aber ist die Anzeige auf einer Zeitungsseite veröffentlicht, die die Überschrift „Eine Verpackung, die nachwächst“ trägt.

Die Journalistin, die auf Seite 3 noch fragte: „Glauben Berliner Schüler wirklich, Kühe seien lila?“, schreibt nun:

getr

Es folgt ein Loblied auf das Recycling der Getränkekartons, das technisch nicht viel aufwendiger sei „als das Recycling von alten Zeitungen“. Und dann kommt auch noch die „nachhaltige Forstwirtschaft“ ins Spiel, die eben dafür sorgt, dass – O-Ton der Anzeige – fürs Klima bislang „eine Mio. Tonnen CO2“ eingespart wurde:

fsc

Aber stimmt das denn? Nun: Die Kollegin der Berliner Zeitung hatte offenbar eine lila Brille auf. Denn nicht einmal die kartonbasierte Getränkewirtschaft behauptet, so grün zu sein, wie es die Berliner Zeitung behauptet:

geträn

Folgen Sie uns bitte kurz auf dem oben vorgegebenen Rechenweg: Von 100 Gramm Getränkekarton-Material werden maximal 80 Prozent „aus dem nachwachsenden und klimaneutralen Rohstoff Holz hergestellt“ – also höchstens 80 Gramm.

Von diesen 80 Gramm sind maximal 70 Prozent aus Holz mit dem FSC-Siegel für klimaverträgliche Holzwirtschaft – macht maximal 56 Gramm.

Von diesen 56 Gramm werden nach der ungeprüften Eigendarstellung der Getränkekarton-Wirtschaft nur 70 Prozent tatsächlich recyclet, also 39 Gramm. Das bedeutet: Bestenfalls zu 39 Prozent sind die Kartons nach der Eigendarstellung rundum klimafreundlich.

Und natürlich muss diese Eigendarstellung bezweifelt werden: Die Kartons tragen in der Regel das FSC-Mix-Siegel, bei dem nur 70 Prozent des Holzes ein FSC-Zertifikat haben müssen. Von den 100 Gramm in unserer Rechnung blieben damit am Ende nur noch 27 Gramm übrig, die nachhaltig hergestellt und entsorgt werden.

Und vor allem: Die für den Prozess eingesetzte Energie ist nicht recyclebar. Die Kollegin der Berliner Zeitung zählt auf:

  • „beim Herstellen von Aluminium [zur Aluminiumfolienbeschichtung der Kartons, die Red.] benötigt man viel Energie …“
  • „Füllgut wird in ultrakurzer Zeit hoch erhitzt, sofort wieder heruntergekühlt …“
  • „Damit sich die zur Keimabtötung notwendige Temperatur gleichmäßig im Produkt verteilen kann, ist eine lange Erhitzungszeit notwendig …“

Gut ist, dass es in Berlin eines der größten Umweltfestivals Europas gibt. Schön, dass Medien wie die Berliner Zeitung solche Veranstaltungen so wichtig nehmen, dass sie extra eine eigene Festivalzeitung verlegen. Blöd ist allerdings, wenn die MacherInnen ein Umweltwissen vermitteln, das der Hauptstadtzeitung keinen besonders guten Ruf einbringt.

Oder glauben Berliner Schüler wirklich, das Umweltkartons „lila“ sind?

Danke an Jonathan R. aus Berlin für den Hinweis


Vattenfall: Gar nicht schön problemlos

Dienstag, den 9. April 2013

Neues von der aktuellen Vattenfall-Kampagne in Berlin, derzeit ist die halbe Stadt zugepflastert mit diesem Plakatmotiv:

vattenfall

Hintergrund der Werbeoffensive ist ganz offensichtlich, dass Vattenfall um die Konzession zum Betrieb des städtischen Stromnetzes bangt. Im kommenden Jahr wird neu entschieden, und ein Berliner Bündnis hat das Volksbegehren „Neue Energie für Berlin“ gestartet, um ein kommunales Stadtwerk in Berlin aufzubauen und das städtische Verteilnetz selbst zu betreiben. Da bleibt Vattenfall natürlich nicht still, wie wir bereits vor fünf Wochen berichteten. Auch das neue Motiv zeigt ein Kind (in der Werbung immer eine sichere Bank), garniert mit Gute-Laune-Worten wie „schön“ und „problemlos“.

Dummerweise hat der schwedische Staatskonzern da einige der eigenen Baustellen vergessen – nicht immer nämlich fließt bei Vattenfall alles problemlos. 2007 zum Beispiel kam es zuerst im Atomkraftwerk Brunsbüttel zum Zwischenfall und kurz danach im Vattenfall-Reaktor Krümmel – bis heute sind die Zusammenhänge nicht endgültig geklärt. Dafür aber die Folgen: Stromausfall in Hamburg, 770 Ampeln blieben dunkel,  Fern- und Nahverkehrszüge waren betroffen, genauso wie automatische Türen, „sensible Geräte“ oder Computer, die abstürzten. Das Hamburger Abendblatt zitierte damals einen Vattenfall-Sprecher: „Über das Europäische Verbundnetz können solche Ereignisse ausgeglichen werden. Das ist zum Glück kein großes Problem.“ Aber das hat die Menschen, die in Zügen oder Läden feststeckten, natürlich erst recht verunsichert: Was, bitte schön, ist für Vattenfall dann ein großes Problem?

Inzwischen gibts ja den Atomausstieg, und Vattenfall hat ein Verfahren zum Rückbau seines Reaktors in Brunsbüttel eingeleitet. Eigenartigerweise bedeutet das aber immer noch nicht, dass die abgeschaltete Atomanlage problemfrei auf ihren Rückbau wartet: Den jüngsten Störfall gab es Anfang des Jahres.

Okay, wir können uns bereits den Anruf der Vattenfall-Pressestelle ausmalen – das seien doch Fälle, die weit zurück oder weit weg liegen. Aber was war das neulich, also im Februar, in Berlin-Charlottenburg? Rund 1.500 Haushalte waren da drei Stunden lang ohne Strom… 

Hoppla.

Aber natürlich verlässt sich Vattenfall beim Ringen ums Netz nicht allein auf Kinder und seine prall gefüllte Werbekasse. Unter der Überschrift „Wie in Berlin um das Stromnetz gekämpft wird“ berichtet die Berliner Morgenpost:

Um Einfluss zu nehmen, hatte Vattenfall sogar den früheren Stadtentwicklungssenator und SPD-Landeschef Peter Strieder als Lobbyisten verpflichtet.

Laut Morgenpost strebt Vattenfall mit dem Senat eine Art Deal an, um sich die Konzession noch vor dem geplanten Volksbegehren zu sichern. Bislang habe aber keiner der Versuche Erfolg gehabt, weshalb man nun einen Mann mit besten Verbindungen einschaltet – eben den nach einem Skandal zurückgetretenen Peter Strieder (SPD), der heute sein Geld beim PR-Riesen Ketchum Pleon verdient. Schade, dass man den Herrn nicht auf Vattenfall-Plakaten zu sehen bekommt.

Vielen Dank an Claudia L. aus Berlin für den Hinweis!

P.S.: Just gestern hat das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie eine Kurzstudie veröffentlicht, die die Tricks Strategien der Stromkonzerne im Kampf um die Netze beleuchtet – eine sehr lesenswerte Lektüre!


Vattenfall: Vier schlechte Gründe

Dienstag, den 5. März 2013

Die Zeitungen in Berlin sind heute mit einer Anzeigenkampagne von Vattenfall beglückt worden. Zum Beispiel die Berliner Zeitung, wo halbseitig Sicherheit vermittelt werden soll:

vattenfall

lm erläuternden Text steht: „Denn das Stromnetz unseres Netzbetreibers gehört zu den fortschrittlichsten und sichersten der Welt. Jahr für Jahr werden rund 240 Millionen Euro für den Ausbau und Unterhalt ausgegeben. Würde das auch noch den Berliner Haushalt belasten, kämen viele andere Vorhaben zu kurz.“

Es geht um das Stromnetz in Berlin und den sogenannten Konzessionsvertrag: Ende 2014 läuft die vertragliche Genehmigung aus, die Berlin dem Vattenfall-Konzern einräumte, sein Stromnetz zu benutzen. Das war offenbar ein ganz lukrativer Vertrag: Vattenfall möchte gern verlängern, um seinen Strom auch weiterhin über das Berliner Stromnetz zu verkaufen. Schon allein deshalb, weil der Stromnetzbetrieb nach Abzug aller Kosten Vattenfall in den letzten Jahren jährlich höhere zweistellige Millionen-Beträge in die Kassen spülte.

Dagegen regt sich aber massiver Widerstand. Im vergangenen Jahr war ein Volksbegehren zur „Rekommunalisierung der Energienetze“ in der ersten Stufe erfolgreich. Nun haben sich die Initiatoren auf den Weg zur zweiten Stufe – dem Volksentscheid – gemacht: Wenn bis zum 10. Juni mindestens 200.000 Berliner unterschreiben, dann könnte am Tag der Bundestagswahl im September auch über den Gesetzentwurf des „Berliner Energietischs“ abgestimmt werden. Das Ziel: Vattenfall aus dem Verkehr zu kegeln und das Berliner Stromnetz kommunal zu betreiben. „50 Millionen Euro Gewinn pro Jahr“ will Stefan Taschner, Sprecher des Berliner Energietischs, lieber in die kommunalen Kassen spülen als in die Taschen der Vattenfall-Aktionäre. Nicht nur das:  „Wer wie Vattenfall weiter auf Braunkohletagebaue setzt, der beweist, dass er nicht in der Lage ist, eine Stadt wie Berlin zukunftsfähig mit Strom zu versorgen“.

Also muss sich Vattenfall etwas einfallen lassen. Tenor der heute gestarteten Kampagne: 1. Alles funktioniert fortschrittlich wunderbar! 2. Wir – Vattenfall – investieren jede Menge Geld!! 3. Lasst uns – Vattenfall – mal machen, wir machen das schon!!! Für euch.

Wie es heutzutage bei einer modernen Kampagne üblich ist, gibt es natürlich auch hier die obligate Internet-Seite mit den „Argumenten“. Es gibt einen Bereich „Energiewende“: „Vattenfalls Experten sorgen für eine lückenlose Stromversorgung, seit Berlin ein Stromnetz hat“. Es gibt einen Bereich „Meldungen“: „Vattenfall unterstreicht den eigenen Beitrag zur Energiewende“. Und es gibt einen Bereich „Gute Gründe“:

vatten

Die Gründe 1 und 4 sind schnell abgearbeitet. Grund 1: „Vattenfall hat über den jahrzehntelangen, sicheren und zuverlässigen Betrieb der Stromnetze in der Stadt wertvolle Kompetenzen aufgebaut.“ Falsch: Vattenfall ist erst seit dem Jahr 2002 Besitzer des Berliner Stromnetzes, „jahrzehntelang“ kann also gar nicht sein.

Bei Grund 4 heißt es: „Zwei Drittel der jährlich rund 250 Millionen Euro, die Vattenfall für die Instandhaltung und Modernisierung des Stromnetzes ausgibt, fließen an vorwiegend mittelständische Auftragnehmer in der Region.“ Das ist nett von Vattenfall, aber eine Binse. Vermutlich würde ein kommunaler Netzbetreiber vier Fünftel der Aufträge an „mittelständische Auftragnehmer in der Region“ vergeben oder mehr – jedenfalls so viel wie möglich.

Spannender als 1 und 4 sind deshalb Vattenfalls andere beiden „Guten Gründe“. Numero 2: die Klimaschutzvereinbarung. Vattenfall wollte damit ursprünglich bis 2020 seinen Treibhausgas-Ausstoß in der Hauptstadt halbieren und dafür ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen und ab 2014 in Berlin-Lichterfelde ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Betrieb nehmen. In jedem Fall aber die Braunkohleverstromung in Berlin bis 2016 durch Gas- und Biomassenutzung ersetzen. Doch daraus wird nun nichts: Vattenfall wird die neuen Kraftwerke in Lichterfelde, Marzahn und Lichtenberg vermutlich erst 2020 oder später in Betrieb nehmen.

Bleibt der letzte „Gute Grund“: „Vattenfall kann Netze und niemand bestreitet das. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Wirtschaft oder Politik an der Kompetenz von Vattenfall zweifelt.“

Stimmt. Vattenfall kann vor allem Netze schmieden und niemand bestreitet das. Vattenfall bezahlt reihenweise Politiker, damit die entweder die Klappe halten oder zu Gunsten des Konzerns aussagen. Allein der Aufsichtsrat der Vattenfall-Tochter „Mining“ verdeutlicht das: Bezahlt werden hier der Europapolitiker Rolf Linkohr (SPD), der ehemalige Brandenburger Wirtschaftsminister Burkhard Dreher (SPD), der ehemalige Landtagsabgeordnete Ulrich Freese (SPD), der bestens verdrahtete Ex-Bundestagsabgeordnete  Reinhard Schultz (SPD) oder die umweltpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion in Brandenburg Martina Gregor-Ness (SPD).

Vattenfall „kann Netze“: Zum Jahresanfang färbte sich der Fluss Spree braunrot. „Verockerung“ nennt sich das Problem, das auf die Tagebaue in der Lausitz zurückgeht. Die von Vattenfall bezahlte umweltpolitische Sprecherin Gregor-Ness appellierte an die Medien, „nicht so viele dramatische Bilder zu produzieren.“

Das Problem hat Stefan Taschner vom Berliner Energietisch nicht. Seit dem 11. Februar sammelt er mit seinen Aktiven Unterschriften. „14.000 haben wir nach dem ersten Monat“, sagt Taschner dem Klima-Lügendetektor. Nicht einmal ein Zehntel vom Soll, 200.000 müssen es bis zum 10. Juni werden. Trotzdem ist Taschner euphorisch: „Der Berliner Wassertisch hatte seinerzeit 13.000 Unterschriften im ersten Monat eingesammelt.“ Zur Erinnerung: Das Volksbegehren gegen RWE und Co. zum Thema „Wasser in Berlin“ war zum Schluss erfolgreich.

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Vattenfall: Sie tun’s schon wieder

Donnerstag, den 20. September 2012

Dieser Klima-Lügendetektor beginnt mit einem Zitat. Mit einem etwas längerem.

Vorhang auf (Zitat-Anfang):

„Von allen Energiekonzernen lügt Vattenfall am dreistesten. Regelmäßige Leser des Klima-Lügendetektors erinnern sich gewiss an die „Klima-Unterschrift“: In großformatigen Anzeigen und im Internet rief Vattenfall dazu auf, mit unserer Unterschrift die Politik zu mehr Klimaschutz zu bewegen. Zur gleichen Zeit beantragte der Konzern drei neue Braunkohletagebaue in der Lausitz.

Erinnert sei auch an das Kraftwerk Hamburg-Moorburg, welches Vattenfall mit einer CCS-Technologie versprach, also mit integrierter Abscheidung des Kohlendioxids aus den Rauchgasen. Das war natürlich genauso gelogen, wie der Slogan „Für Deine Zukunft spannen wir die Windenergie ein“, mit der Vattenfall im Frühjahr 2008 warb: Damals produzierte der Konzern gut 1 Prozent seines Stromes mit Windkraftwerken, heute sind es immer noch gut 1 Prozent.“

Vorhang zu (Zitat-Ende)

Vattenfall-Lügen auf dem Klima-Lügendetektor zu präsentieren, ist nicht sonderlich innovativ. Kenner dieser Seite haben vielleicht erkannt: Der Detektor zitiert sich hier selbst.  Und doch kommen wir gar nicht umhin, uns immer wieder mit dem Deutschlandableger des schwedischen Staatskonzerns zu befassen. Tatsächlich haben etliche PR-Agenturen gelernt, die halbwahren Werbe-Botschaften ihrer fossilen Kunden nicht mehr so offenkundig, die menschliche Intelligenz beleidigend zu verkaufen. Was die Arbeit für die Lügendetektoren übrigens deutlich schwieriger gemacht hat. Aber dann kommen eben Vattenfall-Werbe-Strategen daher und die Arbeit der Detektoren ist wieder so simpel, dass sich die Autoren fragen, ob im fünften Jahr des Bestehens so etwas dem Stammpublikum eigentlich noch zuzumuten ist.

Konkret: Vattenfall lügt. Schon wieder!

Vattenfall hatte im vergangenen Jahr versprochen:

In der dazugehörigen Anzeige hieß es: „Die Hauptstadt hat ambitionierte Klimaschutzziele. Vattenfall trägt wesentlich zu deren Erreichen bei. In der Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin verpflichtet sich Vattenfall, seine CO2-Emissionen in Berlin bis zum Jahr 2020 zu halbieren.“

Vattenfall wollte dafür ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen, in dem ab 2019 jährlich rund 500.000 Tonnen Holz verfeuert werden sollten. In Berlin-Lichterfelde sollte ab 2014 ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Betrieb gehen und 70.000 Haushalte versorgen.

Doch nun heißt es in der taz:

Es wird nämlich nichts mit dem von Vattenfall versprochenen Gas- und Biomasse-Kraftwerken. Zumindest nicht vor 2020. Das Motto von Vattenfall: ‚Was scheren mich meine Zusagen von Gestern, wenn ich heute meinen Profit maximieren kann.‘

Michael Schäfer, klimapolitischer Sprecher der Grünen, wirft Wowereit in der taz vor, Vattenfall aus der Verantwortung für das wichtigste Klimaschutzprojekt der Legislatur zu entlassen. Durch einen verspäteten Braunkohleausstieg könnten bis zu 4 Millionen Tonnen zusätzliches CO2 ausgestoßen werden, was 20 Prozent des Berliner Jahresausstoßes entspräche.

Vattenfall wollte gegenüber der taz nichts zu einem späteren Ausstieg sagen. „Aber wir werden die Klimaschutzvereinbarung und die Halbierung der CO2-Emission bis 2020 erreichen“, beteuerte ein Sprecher Steifen Ernstes. Wie Vattenfall das gelingen will – dazu konnte der Sprecher nichts aussagen.

Jede Wette: Zu diesem Thema werden Sie hier wieder lesen – MÜSSEN.

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Berliner Wirtschaft: Milliarden für 4.500

Sonntag, den 6. Mai 2012

Es gibt in der deutschen Presselandschaft einige ausgesprochene Exoten. Berliner Wirtschaft heißt ein solcher – das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin, so der Untertitel. „Mit einer monatlichen Auflage von 52.000 Exemplaren“, heißt es in den Mediadaten, “ erreicht die Berliner Wirtschaft flächendeckend Unternehmen mit hoher Gewinnumlage ohne jeglichen Streuverlust.“ Zu gut deutsch: Jede Firma, die in Berlin (Zwangs-)Mitglied der IHK ist, hat Monat für Monat das Blatt ungefragt in seinem Briefkasten. Weiter heißt es: „Die Leser der Berliner Wirtschaft repräsentieren ein hohes Investitionspotenzial und stellen eine wichtige Zielgruppe für die Business-to-Business-Kommunikation dar. Sie sind über alle Kompetenzbereiche hinweg an den Entscheidungsprozessen beteiligt.“ Aha.

Also dann mal reingeschaut: Im  70 Seiten dicken Mai-Heft porträtiert die Redaktion unter der Überschrift „Essen per Mausclick“ die Firma „Lieferheld“ – ein Bringedienst für Manager und Angestellte, die es nicht schaffen, Mittags zum Essen zu gehen. Weiter wird über eine „erfolgreiche Dialogreise“ Berliner Unternehmer nach Indien berichtet, es geht um die Wahlen zu den IHK-Gremien oder in der Rubrik „Märkte und Trends“ um das International Design Festival Berlin. Das „Interview des Monats“ trägt die Überschrift

Befragt wird Kurt Blumenröder, einer der Chefs der Firma IAV, einem „Engineering-Unternehmen im Bereich der Automobil- und Zulieferindustrie“, das weltweit mit 4.500 Mitarbeitern Entwicklungsprojekte für Autohersteller anbietet. “ Wir haben einen ganzheitlichen Blick auf das Automobil“, sagt Blumenröder. Das sei wichtig, weil eine einzelne Komponente „für das Gelingen eines kompletten Autos natürlich nicht isoliert betrachtet werden darf“.

Um jetzt zum Auto der Zukunft zu kommen, erklärt Blumenröder:

Für dieses Megathema müssten seine 4.500 Mitarbeiter an vielen Stellen arbeiten, „nicht nur an den Antriebsaggregaten. Wir brauchen auch neue Materialien, um Autos leichter bauen zu können.“  Berlin sei ja gerade zu einer der vier deutschen Modellregionen für Elektromobilität  erkoren worden. „Gottseidank“, wie  Blumenröder sagt: „Es gibt keinen anderen Ort in Deutschland, an dem die Elektromobilität so gut entwickelt und in Szene gesetzt werden kann, wie in Berlin. Elektromobilität ist eine Technologie für Metropolen und nicht für ländliche Räume.“

Natürlich hat der Visionär auch ein paar konkrete Ideen. Zitieren wir ihn noch einmal: „Wir haben mal angeregt, eine E-Taxi-Flotte am Hauptbahnhof aufzubauen, die ihre Fahrzeuge am Taxistand mit Induktionsstrom auftankt. Ein solcher berührungsloser Ladevorgang ist ideal für Taxis. Oder glauben Sie, dass jeder Taxifahrer beim Aufrücken in der Schlange jedes Mal den Stecker in die nächste Ladesäule umsteckt? Beim berührungslosen Laden wird das Taxi auch mit Strom für die Standheizung oder die Standklimatisierung versorgt. Der Fahrgast steigt in ein angenehm klimatisiertes Taxi ein.“ Dass die Autos dann wohl dreckigen Braunkohlestrom tanken würden – jedenfalls wenn sie das Angebot des Berliner Grundversorgers Vattenfall nutzen –, daran verschwendet Blumenröder kein Wort. Aber leider fehlt ja ohnehin das Geld für solch brilliante Idee.

Nun hat die Deutsche Umwelthilfe just in dieser Woche eine Bilanz der „Nationalen Plattform Elektromobilität“ vorgelegt, die exakt vor zwei Jahren startete. Demnach sei die Pkw-Strategie der Bundesregierung Merkel „im Ansatz falsch und für eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik im Mobilitätssektor sogar kontraproduktiv“. Und erfolglos obendrein: Bis zum Jahresende 2011 seien gerade einmal 4.500 Elektro-Pkw zugelassen gewesen. Autohersteller würden mit Steuergeldern Milliardensummen Förderung einstreichen für praxisfernes Technikspielzeug oder auch E-Fahrräder, die es längst gibt, so der Vorwurf.

In einer anderen Metropole (die es nicht nötig hat, sich selbst den „Weltstadt“-Anstrich aufzukleistern) sind übrigens just diese Woche Taxi-Ideen nicht nur angedacht, sondern umgesetzt worden: New York hat 18.000 neue, sparsame Taxis eingeführt. Allerdings hat man sich am Hudson River einen Dreck um die „Jahrhundertchance Elektromobilität“ geschert. Und auf heute schon verfügbare  Hybridfahrzeuge gesetzt.

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Vattenfall halbiert – seine Glaubwürdigkeit

Samstag, den 30. April 2011

Von allen Energiekonzernen lügt Vattenfall am dreistesten. Regelmäßige Leser unseres Detektors erinnern sich gewiss an die „Klima-Unterschrift“: In großformatigen Anzeigen und im Internet rief Vattenfall dazu auf, mit unserer Unterschrift die Politik zu mehr Klimaschutz zu bewegen. Zur gleichen Zeit beantragte der Konzern drei neue Braunkohletagebaue in der Lausitz.

Erinnert sei auch an das Kraftwerk Moorburg, dass Vattenfall mit einer CCS-Technologie versprach,  also mit integrierter Abscheidung des Kohlendioxids aus den Rauchgasen. Das war natürlich genau so gelogen, wie der Slogan „Für Deine Zukunft spannen wir die Windenergie ein“, mit der Vattenfall im Frühjahr 2008 warb: Damals produzierte der Konzern gut 1 Prozent seines Stromes mit Windkraftwerken, heute sind es immer noch gut 1 Prozent.

Vattenfall-Lügen auf dem Lügendetektor zu präsentieren ist also eigentlich nicht sonderlich innovativ. Und doch kommen wir gar nicht umhin, uns immer wieder mit dem Deutschlandableger des schwedischen Staatskonzerns zu befassen. Im neuen Vorwärts, der Parteizeitung der SPD, wirbt Vattenfall mit einem neuen Versprechen:

Und weiter heißt es in der Anzeige: „Die Hauptstadt hat ambitionierte Klimaschutzziele. Vattenfall trägt wesentlich zu deren Erreichen bei. In der Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin verpflichtet sich Vattenfall, seine CO2-Emissionen in Berlin bis zum Jahr 2020 zu halbieren.“

Richtig ist, dass Vattenfall in der Hauptstadt ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen will. Ab 2019 sollen jährlich rund 500.000 Tonnen Holz verfeuert werden, und weil die Wälder Berlins so viel Holz nicht hergeben, wird auch Holz aus Brandenburg, Polen, Liberia verfeuert.

Sie lesen richtig: Liberia. Erste Lieferverträge mit dem afrikanischen Land solle es bereits geben, schließlich geht es

Gleich hinter der Grenze Brandenburgs zu Sachsen wird jetzt übrigends Vattenfalls Kraftwerk Boxberg mit Braunkohle aus dem neuen Tagebau Reichwalde beliefert. Der war 1999 eigentlich still gelegt worden, aber Vattenfall hat ihn nun reaktiviert: Jährlich sollen hier bis in das Jahr 2045 zehn Millionen Tonnen Kohle aus der Erde geholt werden.

In Brandenburg sollen zudem mindestens drei weitere Tagebaue neu zu den ohnehin bestehenden folgen. Dabei ist das Bundesland bereits heute ein schlimmerer Klimasünder als die USA: 1995 war jeder Einwohner statistisch gesehen für 23 Tonnen Treibhausgas verantwortlich, 2006 produzierte der Brandenburger schon 26 Tonnen und 2015 werden es dank Vattenfall knapp 30 sein. Amerikaner sind pro Kopf „nur“ für 20 Tonnen im Jahr verantwortlich.

Berliner sind statsitisch gesehen übrigends für 5 Tonnen Treibhasgas im Jahr verantwortlich. Da ist es natürlich heroisch, wenn Vattenfall seinen Kohlendioxid-Ausstoß in der Hauptstadt bis zum Jahr 2020 halbiert: Der Dreckstrom kommt ja aus dem Umland, aus Brandenburg.

PS: Nach Greenpeace-Recherchen sind die deutschen Vattenfall-Kohlekraftwerke für rund 70 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr verantwortlich– doppelt so viel wie Bangladesch. Dazu kommen Neubauprojekte, die  18,5 Millionen Tonnen zusätzlich verursachen – soviel wie sieben Sahel-Staaten vom Senegal bis zum Sudan.

Danke an Samuel L. aus Berlin für den Hinweis


Berliner Senat: Grün angestrahlt

Dienstag, den 17. November 2009

Im Roten Rathaus der Hauptstadt tagt heute die „3. Berliner Wirtschaftskonferenz“. Das Motto lautet „Green Economy“, und passend dazu hat eine Event-Agentur das Gebäude am Vorabend grün angeleuchtet.

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Auf der Konferenz gibt es Imagefilmchen und Podiumsdiskussionen und eine Rede des Regierenden Bürgermeisters, Klaus Wowereit (SPD). Viele Worte werden da verloren über Energieeffizienz und Klimaschutz, über begrenzte Ressourcen und nachhaltiges Wirtschaften, über intelligente Mobilität und Wachstumsmärkte der Zukunft. Und vieles davon ist ja auch gar nicht verkehrt. In einem Gastbeitrag im Tagesspiegel hat Wowereit zeitgleich Berlin zur Hauptstadt der grünen Technologien ausgerufen. Darin heißt es:

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Schade nur, dass Wowereit-Senat selbst offenbar NICHT der Nachhaltigkeit verpflichtet ist. Natürlich, auch die Berliner Politik ist besser geworden in den vergangenen Jahren, auch in der Hauptstadt hat man endlich die Notwendigkeit von Klimaschutz begriffen (wie ja auch die heutige Konferenz zeigt). Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei) beispielsweise hat ein durchaus ambitioniertes Klimaschutzgesetz geschrieben – doch seit Monaten kommt es nicht voran, dem Vernehmen nach steht Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) auf der Bremse. Und Wowereit lässt es geschehen.

Die Stadtautobahn A100 soll – gegen heftige Proteste – quer durch Treptow und Friedrichshain verlängert werden. Dabei wissen Verkehrsplaner längst, dass neue Straßen vor allem mehr Verkehr anziehen. Auch bei der Nutzung erneuerbarer Energien hinkt Berlin hinterher: Ihr Anteil am Gesamtenergieverbrauch liegt in Berlin niedriger als in allen anderen Bundesländern, ergab 2007 eine Studie der FU Berlin. Bei einem Ländervergleich der Agentur für Erneuerbare Energien im vergangenen Jahr kam die Hauptstadt auf den vorletzten Platz.

Bei der Klimapolitik also wirkt Wowereit so wie gestern das Rote Rathaus: bloß grün angestrahlt.