Archiv des Schlagwortes ‘Klimaskeptiker’

Die AfD: Alternative Fakten verbreiten

Sonntag, den 29. Januar 2017

Der ehemalige US-Senator Daniel Patrick Moynihan sagte einmal: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Aber keiner hat das Recht auf eigene Fakten.“

Gut gesprochen, Herr Senator! Leider stimmt das aber nicht mehr: 14 Jahre nach seinem Tod – Daniel Patrick Moynihan wurde 2003 in New York beerdigt – wurde die Lüge ganz offiziell in den Zeugenstand der politischen Auseinandersetzung gerufen, wenn auch nicht als Lüge, sondern als „alternative facts“.

Insofern sind wir vom Klima-Lügendetektor uns nicht mehr ganz über unsere Rolle im Klaren. Sind wir jetzt die „Alternative-Klimafakten-Lieferanten“?

Zum Beispiel mit der Zuschrift von Christine S. aus Rostock: Die hat uns auf die Rede des vorpommerschen AfD-Abgeordneten Ralf Borschke aufmerksam gemacht, die Borschke am vergangenen Mittwoch im Schweriner Landtag gehalten hat. Darin sagte der Landtagsabgeordnete aus Stralsund:

Ist absolut richtig. Wenn man an der richtigen Stelle das kleine Wörtchen nicht einfügt: „In Wirklichkeit gibt es keine einzige wissenschaftliche und begutachtete Studie, die nicht den Nachweis erbracht hat, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Klimaerwärmung und Zunahme anthropogener CO2‐Emissionen gibt.“

Das es diesen signifikanten Zusammenhang gibt, können wir – O-Ton Professor Anders Levermann – „ungefähr so klar sagen, wie wir sagen können, dass wir von der Gravitation auf der Erde gehalten werden“. Formuliert hat das der Experte vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung am vergangenen Donnerstag im Deutschlandfunk. Schade eigentlich, dass Ralf Borschke keinen Deutschlandfunk hört. Und schade, dass die Gravitation auf der Erde auch für Leute wie Ralf Borschke gilt.

Oder hier, Borschke zum grünen Grönland:

Wirklich, ein gutes Beispiel! Der berüchtigte Meuchelmörder Erik der Rote (für die Faktenliebhaber: Er hatte einen roten Bart) benutzte schon vor 1.000 Jahren alternative Fakten. Grönland war nur an der Südspitze ein bisschen grün und das auch nur ganz kurz im Sommer. Erik war wegen fortgesetzer Verbrechen mit seiner Familie erst bei den Wikingern rausgeflogen, dann bei den Isländern. Ihm blieb deshalb nur die unwirtliche Insel nordwestlich, die er – um Wikinger und Isländer zu ärgern – Grönland, also „Grünland“ nannte.

Ein PR-Gag, der andere Siedler anlocken sollte. Tatsächlich war der Eispanzer auf Grönland aber damals schon ungefähr zwei Kilometer mächtig – in die Höhe.

Nochmal Ralf Borschke im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern:

Genau, genau! Postfaktisch halt. Hat dieser Weltklimarat IPCC doch einfach so berechnet, wie sich bestimmte Entwicklungen auf unser Leben im Jahr 2100 auswirken werden – ohne das durch reale Messungen zu bestätigen! Die haben noch nicht mal Satellitenmessdaten aus dem Jahr 2065! Geschweige denn aus dem Jahr 2033! Und wollen uns erklären, dass die Erderwärmung unser aller Leben verändert. Aber warum denn nur?

Na ja, auch da kennt der AfD-Abgeordneten Ralf Borschke postfaktisch alternative Fakten, also die Wahrheit und nichts als die Wahrheit:

Vielen Dank an Christine S. aus Rostock für den Hinweis!

PS: Einige Zuschriften zu diesem Post wollen wir Ihnen nicht vorenthalten!

Jochen L. aus Wuppertal schreibt uns, dass „die Aussage des Landtagsabgeordneten Ralf Borschke richtig ist. Der Zusammenhang geht in der Tat nicht über ’steigende THG-Emissionen‘, sondern über ’steigende THG-Konzentrationen‘. Eine Studie, die einen Zusammenhang via ’steigende THG-Emissionen‘ behauptet, wäre grottenfalsch – deshalb gibt es sie in der Tat nicht.“

Georg K. aus dem österreichischen Pöllau schreibt, dass die FPÖ bei der Leugnung des Klimawandels genau so drauf ist wie die AfD.

Craig M. aus Potsdam sandte uns einen Link, nach dem das grüne Stückchen, das Erik der Rote seinerzeit auf Grönland fand, größer als von uns beschrieben war.

Die Zuschriften, die mit Pöbeleien und Beschimpfungen reagieren, veröffentlichen wir aber nicht!


AfD: Läddagschwäddz für Deutschland

Donnerstag, den 25. Februar 2016

Sie selbst nennt sich ja „Alternative für Deutschland“. Zurzeit ist die Partei auch mit populistischen Attacken auf die Energiewende auf Wählerfang. Im Wahlprogramm der baden-württembergischen AfD heißt es auf Seite 47:

AFDGanz Deutschland zittere unter der „Angst vor Treibhausgasen und der Kernenergie“, die zur „einseitigen Bevorzugung der sogenannten Erneuerbaren Energien“ führen würde. Wen „die Politik“ meint, ob nur die deutsche Regierung oder die gesamte deutsche Parteienlandschaft – oder gar die 195 Staaten, die im Dezember 2015 einen Weltklimavertrag in Paris unterzeichneten – bleibt im „Alternative für Deutschland“-Programm unklar.

Stattdessen wird dort das alte Lied der „überreichlichen Subventionierungen“ für Erneuerbare angestimmt. Sämtliche Milliarden, die in den letzten Jahrzehnten an die Atom- und Kohleindustrie gingen, bleiben jedoch selbstverständlich unerwähnt. Dümmer gehts nimmer – oder wie der Schwabe sagen würde: So a Läddagschwäddz, ein saudummes Gerede halt.

AFD1Diese Aussage zum Start besagter Klimakonferenz in Paris stammt von der AfD-Frontfrau Frauke Petry.

AFD2Kann die Frau nicht lesen? Oder: Versteht sie einfach nicht, was jeder lesen kann?

Auf die Beschlüsse von Paris reagierte die Partei gar nicht – wahrscheinlich zu viel Lesestoff.

Ein Sammelbecken für Klimaskeptiker und Läddagschwäddz war die AfD schon bei ihrer Gründung.  Im Bundesparteiprogramm wird diese Haltung noch diplomatisch verpackt. Dort heißt es:

AFD3

Immerhin wird hier eingeschränkt, dass „im Rahmen internationaler Abkommen eine graduelle Reduktion von CO2-Emissionen vereinbart werden“ könne.

Allerdings lassen es die Mitglieder der Partei in öffentlichen Statements an Läddagschwäddz zum Thema Klima und Energie nicht fehlen: Der Klimawandel sei Panikmache und die Anstrengungen Deutschlands, Kohlendioxid einzusparen, ergäben wenig Sinn, meinte Stephan Boyens, Vertreter des Fachausschusses für Energiepolitik der Partei AfD, im Jahr 2013: „Das hat ungefähr so viel Wirkung, als würde eine Dreijährige Pipi in einen Baggersee machen“, schwurbelte der damalige Manager der Rheinenergie AG, die von den Kölner Stadtwerken und RWE betriebenen werden.

So ausgewählt drücken sich hochgebildete Manager und Lobbyisten aus, die – aus purem Altruismus – mithalfen, die sogenannte „Alternative für Deutschland“ aus der Taufe zu heben. Dazu gehören auch Klima“skeptiker“ wie Michael Limburg, der Vizepräsident des klimaskeptischen „Europäischen Instituts für Klima und Energie“ (EIKE) – seit Jahren Mitglied in der AfD-Arbeitsgruppe für Energiepolitik.

Die deutsche Tea Party AfD kann mit ihrem Läddagschwäddz vielleicht den einen oder andern Protestwähler in seinem Frust für sich gewinnen. Doch die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe ist, wird sich auch mit ein paar regionalen Wahlerfolgen nicht mehr kippen lassen.

Dank an Susanne G. aus Berlin für ihren Hinweis!


Braunkohlelobby Debriv: voRWEg zweifeln

Montag, den 2. Juni 2014

Vor ein paar Tagen hat der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein (Debriv) einen neuen Vorsitzenden gewählt. Chef der obersten Braunkohle-Lobby ist jetzt der 58-jährige RWE-Manager Matthias Hartung.

Matthias Hartung? Matthias Hartung? Kennen wir den nicht? Genau, der Herr hat uns vor gut fünf Jahren schon einmal beschäftigt. Aus gegebenen Anlass drucken wir hier unseren Text vom April 2009 noch einmal:

„RWE ist ein verantwortungsbewusstes Unternehmen. Sagt RWE. Deshalb kümmert sich RWE echt ganz doll um die Minderung seines Treibhausgasausstoßes. Sagt RWE. Und damit die Öffentlichkeit das glaubt, investiert Europas größter Kohlendioxid-Verursacher viele Millionen in seine Werbung.

Doch wenn sie unter sich sind, dann reden die Leute von der Kohleindustrie – so scheint es – ganz anders. Matthias Hartung ist Vorstandsmitglied der RWE Power AG und dort zuständig für ‚Braunkohlengewinnung, -stromerzeugung und -veredelung‘. Im Mai vergangenen Jahres hielt er auf dem 40. Delegiertentag des Rings Deutscher Bergingenieure in Essen einen sogenannten Festvortrag. Die Rede wurde im Juli 2008 in der Zeitschrift des Verbandes nachgedruckt. Dort kann man deshalb nachlesen, was Hartung im Kreise seiner Kohlekumpel zum Klimawandel sagte:

Der Anstieg des Ausstoßes von CO2 wird mit einer Veränderung des Weltklimas in Verbindung gebracht, von der jedenfalls eine Mehrheit der mit dem Thema befassten Wissenschaftler wohl überzeugt ist. Ich will an dieser Stelle die durchaus fundierten Zweifel an der These, dass die gemessenen Veränderungen des Klimas vorwiegend vom Menschen verursacht sind, nicht diskutieren. Das wäre ein eigener Vortrag. Es ist aber wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass es solche Zweifel gibt und vielleicht ganz andere Zusammenhänge zum Klimawandel führen. Das muss man sich vor allem dann vergegenwärtigen, wenn man abwägt, welcher Aufwand eigentlich angemessen ist, um den Klimawandel zu stoppen, wie es heißt. Es könnte ja sein, dass weltweit hunderte von Milliarden Dollar oder Euro ausgegeben werden, um Techniken und Verbrauchsgewohnheiten zu ändern, und am Ende stellt man fest: Das Klima wandelt sich weiter, weil wir die Ursache nicht richtig erkannt haben. Aber das wäre, wie gesagt, ein eigener Vortrag.

Gern hätten wir gewusst, welche ‚fundierten Zweifel‘ am menschengemachten Klimawandel Matthias Hartung denn meint. Wie seine persönliche Abwägung dessen, was in Sachen Klimaschutz ‚eigentlich angemessen ist‘, denn ausfällt. Oder wie dieser kaum verhohlene Klimaskeptizismus eines RWE-Spitzenmanagers zu den grünen Imagekampagnen der Kohlelobby und des Unternehmens passt. Die RWE-Pressestelle in Essen erklärte aber lediglich, man möge den Vortrag bitte ‚nicht zu ernst nehmen‘. Man gehe ’schon davon aus, dass der Klimawandel durch CO2 verursacht wird‘. Wolle aber doch festhalten: ‚Es hat niemand den hundertprozentigen Beweis.‘

Klar. Nun verstehen wir auch besser, warum RWE immer noch munter Kohlekraftwerke baut.“

Wir gratulieren dem Debriv zur Auswahl seines Vorsitzenden!


FAZ: Klimaquatsch mit Dieter Ameling

Mittwoch, den 7. August 2013

Dinosaurier sterben zu sehen, macht schon ein bisschen traurig. Aber so ist halt das Leben: Ändert sich die Welt, müssen Arten sich anpassen – oder weichen. Man sollte bloß achtgeben, dass sie nicht noch irgendetwas zerdeppern, wenn sie verzweifelt im Todeskampf um sich schlagen …

Dieter Ameling war einmal ein wichtiger Wirtschaftslenker. Er war lange Jahre Manager bei Thyssen, Krupp und Saarstahl. Er war Präsident des Stahlwirtschaftsverbandes und Mitglied im Bundesverband der Deutschen Industrie. Man könnte noch viele Sätze über Dieter Ameling schreiben, die das Wörtchen „war“ enthalten. Aktiv werden kann er heute, so scheint es, fast nur noch beim Klimaesoterik-Verein EIKE, der Ameling auf seinen Konferenzen sprechen lässt. Nächste Woche feiert Dieter Ameling jedenfalls seinen 72. Geburtstag, und heute hat ihm die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk gemacht: Sie hat (wieder mal) einen Artikel von ihm gedruckt.

Zeitungsausriss mit Überschrift: "Freispruch für CO2 - Revision der Energiewende"

Der Inhalt lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Die Energiewende ist zu teuer und ruiniert die arme deutsche Wirtschaft, die noch stärker ins Ausland flüchten wird, wenn die grünen Chaoten weitermachen wie bisher. Das kann man natürlich so sehen, nicht umsonst steht über dem Artikel „Standpunkt“ – die FAZ-Redaktion kennzeichnet den Text also als Meinungsbeitrag. Trotzdem sollten gewisse journalistische Standards gelten. Westhalb man das zwar konservative, gleichwohl seriöse Blatt schon fragen muss: Sollten Redakteure nicht auch auf Meinungstexte einen kritischen Blick werfen? Und zumindest grobe sachliche Fehler oder Irreführungen verhindern. Okay, der Text stand auf den Wirtschaftsseiten der FAZ, aber Fakten prüfen, das sollte man auch dort können. Oder?

Als Startrampe für seine Suada hat sich Ameling nämlich ein paar Sätze gebastelt, die vorgeben, etwas über die Klimawissenschaft auszusagen. Schauen wir sie uns einzeln an:Ausriss mit Zitat: "Der renommierte Meteorologe Hans von Storch hat jüngst im "Spiegel" sehr klar bekannt, dass eine Erderwärmung seit 15 Jahren nicht mehr stattfindet."

Korrekt an dem Satz ist, dass Hans von Storch ein „renommierter Meteorologe“ ist und dem Spiegel kürzlich ein Interview gegeben hat. Doch hat er – wie sich hier nachlesen lässt – eben nicht „sehr klar bekannt, dass eine Erderwärmung seit 15 Jahren nicht mehr stattfindet“. Das wäre auch Quatsch. Diese Worte hat nur die Spiegel-Redaktion in ihrer Titelei zum Interview gewählt. Korrekt ist, dass die weltweite Durchschnittstemperatur an der Erdoberfläche in den vergangenen 15 Jahren weniger stark gestiegen ist als in den Jahrzehnten zuvor. Doch jeder Wissenschaftler – so auch von Storch – weiß, dass diese sogenannte Erdmitteltemperatur nur ein Indikator für die Erderwärmung ist. Und dass ein 15-Jahres-Zeitraum zu kurz ist, um verlässliche Aussagen über Klimatrends zu treffen – dafür nimmt man in der Regel 30 Jahre. Bei allen kürzeren Zeitspannen überlagern natürliche Klimaschwankungen den Langfristtrend. Und langfristig ist der Trend weiterhin klar, die Erde erwärmt sich. Nur eben, zugegeben, an der Erdoberfläche in den vergangenen 15 Jahren langsamer als zuvor und auch weniger stark, als es Klimamodelle vermuten ließen. Es lohnt ein genauer Blick auf die Worte, die von Storch im Interview wählte: Er sprach von „Stagnation“ der Erderwärmung oder von „Pause“ – aber eben nicht davon, wie Ameling, dass diese „nicht mehr stattfindet“.

Weiter im FAZ-Text: Ausriss mit Zitat: "Die Mittelwerte der Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zeigen sogar einen Rückgang der Temperaturen, und das, obwohl die Kohlendioxidwerte (CO2) weiterhin von Jahr zu Jahr gleichmäßig steigen."

Der Satz mag, bei wohlwollender Auslegung, stimmen – aber er geht am Thema vorbei. Man weiß nicht recht, was Ameling mit „Mittelwerten der Daten des Deutschen Wetterdienstes“ meint, vermutlich die Temperaturdaten der letzten 15 Jahre (sie sind zum Beispiel hier dargestellt, siehe Seite 12). Aber erstens gilt auch hier, dass die letzten 15 Jahre wenig aussagen über langfristige Klimatrends. Und zweitens sagen Temperaturdaten nur für Deutschland noch weniger über die Entwicklung des Weltklimas. Wir nehmen an, dass der Deutsche Wetterdienst (DWD) die Daten besser deuten kann als der Ex-Stahlmanager Ameling. Und der DWD betonte erst im Mai: „Auch in Deutschland lag die Mitteltemperatur im Jahr 2012 mit 9,1 Grad Celsius (°C) erneut deutlich über dem vieljährigen Mittel von 8,2 °C. Das Jahr 2012 war damit kein Rekordjahr, aber das 16.-wärmste seit 1881. Nach Auswertungen des DWD waren 24 der vergangenen 30 Jahre in Deutschland zu warm. In diese drei Jahrzehnte fielen zugleich 9 der 10 wärmsten Jahre der inzwischen 132-jährigen Zeitreihe des nationalen Wetterdienstes.“ Am Klimawandel bestehe jedenfalls kein Zweifel:

Was aber schließt Ameling aus seinen ersten beiden Sätzen?Ausriss mit Zitat: "Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen steigenden CO2-Gehalten der Luft und dem dadurch bedingten Temperaturanstieg existiert also nicht."

Der Satz ist streng genommen korrekt. Aber in diesem Zusammenhang trotzdem völlig irreführend. Denn niemand, jedenfalls kein Klimawissenschaftler, hat jemals behauptet, dass es einen „unmittelbaren Zusammenhang zwischen steigenden CO2-Gehalten der Luft und dem dadurch bedingten Temperaturanstieg“ gebe. Vielleicht glaubt Klein-DieterFritzchen, dass es einen linearen und direkten Zusammenhang gibt. Aber jeder Klimatologe weiß, dass das Klimasystem der Erde kompliziert ist: Dass es neben Kohlendioxid natürlich weitere Klimafaktoren gibt, etwa Methan, die Sonne oder Aerosole in der Atmosphäre, die das CO2 überlagern können. Dass Temperaturanstiege zeitlich versetzt stattfinden können. Dass die Energie im Klimasystem beständig umgewälzt wird und gigantische Wärmemengen in der Tiefsee „verschwinden“ können (dies ist eine mögliche Erklärung, warum an der Erdoberfläche der Temperaturanstieg momentan eher schwach ausfällt). Und so weiter. Dass 15 Jahre CO2-Anstieg in 15 Jahren linearem Temperaturanstieg münden, erwartet jedenfalls niemand. Außer vielleicht Dieter Ameling. Der weiter schreibt:Ausriss mit Zitat: "Von Storch vermutet, dass in den Klimamodellen der Klimaforscher ein fundamentaler Fehler steckt und die Vorhersagen korrigiert werden müssen."

Autsch, wieder eine Verfälschung des Spiegel-Interviews. Hans von Storch kritisiert darin zwar eine Reihe von Fachkollegen (wie er es übrigens oft und gern tut). Von Storch sagt auch, dass etwas mit den bisherigen Klimamodellen nicht stimmen könne (genau deshalb forscht die weltweite Wissenschaftscommunity ja weiter dran). Von Storch sagt wörtlich: „Wenn das so weitergehen sollte [mit der Stagnation des Lufttemperaturanstiegs], müssten wir uns spätestens in fünf Jahren eingestehen, dass mit den Klimamodellen etwas fundamental nicht stimmt.“ Haben Sie es gemerkt? Er sagt „in spätestens fünf Jahren“. Und selbst das würde, so von Storch, nicht bedeuten, dass es keinen Klimawandel gibt, sondern lediglich, dass er langsamer verläuft oder natürliche Klimaschwankungen stärker sind als gedacht. Auf die Interviewfrage, ob „die Theorie der globalen Erwärmung insgesamt auf dem Spiel“ stehe, antwortet von Storch: „Das glaube ich nicht. Wir haben weiterhin überzeugende Hinweise auf einen menschengemachten Treibhauseffekt.“

Da wirkt der weitere – tja, soll man dazu Argumentationsstrang sagen? – mehr als lächerlich: Ausriss mit Zitat: "Es ist höchste Zeit für einen Freispruch des CO2 mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen: Revision der CO2-Einsparziele. Klimaschutz durch CO2-Reduktion ist nicht möglich. Das Klima kann man nicht schützen. Klimawandel gibt es, solange die Erde sich dreht. Revision der Energiewende mit dem Schwerpunkt "Totaler Stopp für den Ausbau der erneuerbaren Energien". Der Ausstieg aus der Kernenergie soll dabei nicht revidiert werden. Revision der überzogenen CO2-Grenzwerte für die Automobilindustrie."

Für einen „Freispruch des CO2″ gibt es nicht den geringsten Grund, jedenfalls keinen wissenschaftlichen. Alles, was auf den folgenden gut drei Zeitungsspalten noch folgt, kann Herr Ameling ja gern glauben. Er kann auch gern eine „Revision der Energiewende“ fordern. Und weiter auf die fossilen Dinosauriertechnologien setzen, mit denen er groß geworden ist. Aber er kann seine Meinungen nicht aus dem Stand der Klimaforschung ableiten.

P.S.: Hans von Storch hat sich nun auf seinem eigenen Blog „Die Klimazwiebel“ zu Wort gemeldet und Ameling „Frechheit“ vorgeworfen.


Fritz Vahrenholt (RWE): Kalter Kaffee zur Sonne

Samstag, den 4. Februar 2012

Der kommende Montag wird die Welt erschüttern, zumindest die der Klimaforschung. Das verheißt jedenfalls eine aktuelle Verlagsankündigung:

Donnerwetter! Tausende IPCC-Wissenschaftler sind komplette Versager!! Der Klimawandel ist längst gestoppt!!! Die Ozeane und die Sonne waren schuld daran!!!! Puh, da hat die Menschheit aber nochmal Glück gehabt…

Was wird das wohl für ein Buch sein? Vielleicht die neueste Veröffentlichung des in Klimafragen weltweit führenden Goddard Institute for Space Studies der Nasa? Oder eine Neuerscheinung bei Cambridge University Press, Springer Wissenschaft oder einem anderen renommierten Wissenschaftsverlag? Nein, es ist die Ankündigung für ein Buch namens „Die kalte Sonne“, das diesen Montag bei Hoffmann und Campe erscheint. Ja, genau jener Verlag, der kürzlich mit unkonventionellen Werbemethoden für ein Christian-Wulff-Buch in die Schlagzeilen geriet. Aktuell finden sich im Programm von Hoffmann und Campe u.a. Bücher von Papst Benedikt und Helmut Schmidt. Diesen Montag erweitert das Haus nun seine Kompetenz hin zur hochkomplizierten Klimawissenschaft.

Mit dem Inhalt dürfen wir uns noch nicht detailliert befassen, denn der Verlag hat das Zitieren aus den vorab an Journalisten verschickten Druckfahnen untersagt. Nur soviel: Die Hauptthese ist, dass die Sonne demnächst in eine Phase extrem niedriger Aktivität eintrete, weshalb die Erderwärmung quasi von selbst gebremst werde. Diese These aber ist nicht revolutionär, wie Hoffmann und Campe glauben machen will, sondern ziemlich kalter Kaffee. Über die Effekte einer „kalten Sonne“ wird seit Jahren von sogenannten Klima“skeptikern“ wild spekuliert. Auch die Wissenschaft hat sich schon detailliert damit befasst. Ergebnis: Zwar wird die Sonne in den nächsten Jahrzehnten wohl tatsächlich weniger stark strahlen als in den letzten 50 Jahren, aber auf die menschengemachte Erderwärmung hat das einen allenfalls marginalen Einfluss. Durch eine „kalte Sonne“ würde der globale Temperaturanstieg bis 2100 wahrscheinlich um etwa 0,1 Grad Celsius gedämpft, höchstens um 0,3 Grad Celsius, so übereinstimmende Forschungsergebnisse. Die Erderwärmung aber wird bis 2100 laut IPCC zwischen 1,1 und 6,4 Grad Celsius betragen, also das Zehn- bis Fünfzigfache!

Dies sind die Fakten, wie sie die weltweite Forschergemeinde ermittelt hat. Und wer sind die Hoffmann-und-Campe-Autoren, die es besser wissen? Laut Verlagsankündigung

Sie heißen Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning. Ersterer ist Chemiker und Professor an der Universität Hamburg, war SPD-Umweltsenator in der Hansestadt, danach Spitzenmanager beim Ölriesen Shell, dem Windkraftpionier RePower und zuletzt dem Energiekonzern RWE. Co-Autor Lüning ist Geologe und arbeitet als Afrika-Experte für Dea, die Öl- und Gastochter von RWE.

Okay, auf der Gehaltsliste des zweitgrößten CO2-Verursachers Europas zu stehen, muss ja noch nichts heißen für die inhaltliche Güte eines Buches. Schauen wir stattdessen, was die Autoren zum Thema ihres Werkes bereits in Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Dies ist in der Wissenschaft ein wichtiger Gradmesser für das Renommee und die Qualität von Forschungsergebnissen, denn bei Magazinen wie Nature, Science oder den Proceedings of the National Academy of Science werden Aufsätze von kompetenten Fachkollegen und mit großer Strenge begutachtet („Peer Review“). Das Ergebnis ist ernüchternd: Eine Suche bei Google Scholar fördert keine Klima-Fachaufsätze der beiden Autoren zutage. Und in der Spezialdatenbank Web of Science findet sich für Fritz Vahrenholt lediglich eine Handvoll Veröffentlichungen zu Chemie- und Umweltthemen, allerdings aus den siebziger und achtziger Jahren; Sebastian Lüning kommt auf noch weniger Publikationen, ausschließlich aus dem Bereich Geologie.

Das Buch, das den Stand der Klimaforschung komplett über den Haufen werfen will, stammt also – erstens – von Nicht-Fachleuten, die – zweitens – auch in ihren eigenen Wissenschaftsgebieten derzeit nicht zu den Top-Forschern gehören. Und auf deren Urteil soll man sich verlassen, wenn es um die Ursachen der Erderwärmung und erfolgversprechende Gegenmaßnahmen geht? Hm. Wenn bei Ihrem Kind eine Herzerkrankung diagnostiziert wurde und praktisch alle befragten Kardiologen dringend zu einer Operation raten – würden Sie da auf einen Zahnarzt hören, der von ganz anderen Ursachen der Erkrankung erzählt?

P.S.: Wir werden „Die kalte Sonne“ trotzdem aufmerksam lesen und den Inhalt hier auf dem Blog sicherlich nochmal zum Thema machen.


Markus Pieper (CDU): Toller Temperaturrückgang

Freitag, den 4. November 2011

Sie sorgen sich um die Klimawandel? Wirklich? Wie blöd sind Sie denn? Lesen Sie doch mal die tolle Nachricht, die der Münsterländische CDU-Europaparlamentarier Markus Pieper auf seiner Facebook-Seite gepostet hat:

Wie, was, Erderwärmung? Gibts vielleicht auf der ganzen Erde, aber nicht bei uns! Ungefähr dies, vermuten wir, wollte Pieper durch seine lapidare Aufreihung der letzten zwölf Temperatur- Jahresmittelwerte für Deutschland sagen.

Markus Pieper scheint ein echter Klima-Experte der CDU zu sein. So vertrat er seine Fraktion im „Nichtständigen Ausschuss Klimawandel“ des Europaparlaments. Nach eigenen Angaben setzte er sich dort unter anderem dafür ein, „unterschiedliche wissenschaftliche Befunde“ zur Erderwärmung zu berücksichtigen. (Gleichlautend meldete er sich im Plenum zu Wort, als es um Empfehlungen für die EU-Klimapolitik ging -  siehe Video, ab 10:42.) Herr Pieper meint also, „große Teile“ der Wissenschaft würden „ausgegrenzt“, vor allem jene, die sich dem Klimawandel „positiv“ nähern. Aha.

Gern hätten wir Markus Pieper gefragt, wen genau er denn da im Auge hat. Und was sein Facebook-Posting wirklich bedeuten soll. Doch auf mehrfache Anfrage teilte sein Büro leider mit: „Wir wollen dazu kein Interview geben.“ So müssen wir mutmaßen, dass der Klimaskeptikerpolitiker Pieper ein Problem mit der Logik hat. Er kann ja einerseits nicht ernsthaft irgendjemanden zu einem Thema anhören wollen, das es andererseits eigentlich gar nicht gibt. Beide Spielarten des Klimaleugnens – „Klimawandel gibts nicht“ und „Klimawandel ist ne gute Sache“ – gehen logisch schlecht zusammen.

Ganz abgesehen davon, dass beide Positionen Quatsch sind:

Erstens gibt es keine „großen Teile“ der Forschung, die sich dem Klimwandel „positiv“ nähern und deshalb „ausgegrenzt“ werden – es ist wissenschaftlicher Konsens, dass der Klimawandel existiert und er menschengemacht ist und die negativen Folgen deutlich überwiegen.

Zweitens ist eine Temperturreihe über zwölf Jahre schlicht zu kurz, um verlässlich etwas über Klimatrends auszusagen. Üblicherweise betrachtet die Klimaforschung Zeiträume von mindestens 30 Jahren. Und wenn man langfristig auf die deutschen Temperatur-Durchschnittswerte schaut (sagen wir mal, auf die Dekadenmittel von 1880 bis 2010), ergibt sich diese Zahlenreihe:

7,3/7,7/7,7/8,0/7,9/8,1/8,3/8,1/7,9/8,2/8,5/8,9/9,2

Temperaturrückgang in Deutschland??

Für Markus Pieper und alle anderen selbsternannten Klimaexperten deshalb hier eine Erläuterung des (ja auch von Pieper zitierten) Deutschen Wetterdienstes:


FAZ: Prominenter Platz für Klima“skeptiker“

Mittwoch, den 9. März 2011

Herrje, heute sind die sogenannten „Klimaskeptiker“ im deutschen Bürgertum angekommen. Dieter Ameling, einst Chef der Wirtschaftsvereinigung Stahl und inzwischen Berater des bizarren Jenaer Klima“skeptiker“-Vereins EIKE, darf im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift „Das Klima kann man nicht schützen“ zusammenfassen, was die Gemeinde so glaubt.

Schon früher als Industrielobbyist griff Ameling gern Klimaschutz-Instrumente wie den EU-Emissionshandel an. Von ihm ist zudem überliefert, dass er seinen Dienstwagen, einen 7er BMW, gern schnell fuhr, nämlich „zehn Prozent unter Höchstgeschwindigkeit“, was doch „ein guter Kompromiss“ sei. Und nun, im Ruhestand, zieht der Herr durch die Lande (unter anderem sprach er vergangenen Dezember auf einer „Skeptiker“-Tagung in Berlin) und versucht, dem Klimaschutz jegliche Grundlage zu entziehen – indem er auf eine vermeintlich wackelige wissenschaftliche Faktenbasis verweist. Nichts an Amelings Artikel ist neu oder spannend – neu ist lediglich, dass ein seriöses Blatt wie die FAZ ihm so viel Platz für so viel Quatsch einräumt.

Der Text ist eine Sammlung ebenso altbekannter wie längst widerlegter Thesen der „Klimaskeptiker“, allerdings rhetorisch durchaus geschickt aufbereitet. So schreibt Ameling beispielsweise:

Die Aussage ist ja durchaus korrekt. Nur dient sie Ameling dazu, den erdgeschichtlichen mit dem heutigen Klimawandel gleichzusetzen. Dabei vollzieht sich die gegenwärtige Erwärmung viel schneller als frühere, und vor allem ist sie nachweislich durch den Menschen verursacht. Amelings These ist zwar eingängig, aber ein Fehlschluss: Mit derselben Logik könnte man bestreiten, dass es Brandstifter gibt, nur weil es schon immer auch natürliche Waldbrände gab.

Dasselbe rhetorische Muster findet sich in diesem Satz:

Streng genommen stimmt auch er. Allerdings ist unter (seriösen) Forschern nur strittig, ob – salopp gesagt – der menschliche Einfluss groß, sehr groß oder sehr, sehr groß ist.

So geht das über insgesamt fünf FAZ-Spalten. Das perfide an Amelings Text ist, dass man für jeden Satz ein Vielfaches an Platz bräuchte, um ihn richtigzustellen. Genau dies ist der strategische Nachteil, den Klimatologen in der öffentlichen Debatte gegenüber „Skeptikern“ haben: Deren Thesen sind meist prägnant und kurz – ernsthafte Forscher hingegen formulieren kompliziert und langatmig. Aber weiter im Text:

Über all die natürlichen Klimafaktoren, die Ameling hier nennt, zerbricht sich die Wissenschaft seit Jahrzehnten den Kopf – dass sie in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle spielen, hat einen einfachen Grund: Diese Faktoren können den in den letzten Jahrzehnten beobachteten Temperaturanstieg auf der Erde einfach nicht erklären. Am beliebtesten unter Klima“skeptikern“ ist der Verweis auf die Sonne. Diese ist tatsächlich ein wichtiger Klimafaktor – aber er wird in jüngster Zeit immer mehr durch menschliche Einflüsse überlagert, etwa den anthropogenen CO2-Ausstoß oder die Vernichtung der Regenwälder. Im übrigen ist die Sonnenaktivität gerade auf einem historischen Tiefpunkt – und trotzdem war 2010 eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen.

Ein letztes Beispiel:

Mag ja sein, dass man in der Wirtschaft nur in Vier-Jahres-Rhythmen denkt – beim Klima aber geht es um längere Trends, mindestens um 30-Jahres-Zeiträume. Und langfristig betrachtet schmilzt das arktische Meereis dramatisch. Das von Ameling erwähnte Jahr 2007 war ein historischer Tiefststand – dass darauf ein paar Jahre folgten, die zwar weniger katastrophal waren, liegt in der natürlichen Variationsbreite. Doch selbst in diesen „besseren“ Jahren war der Eispanzer auf dem Nordmeer kleiner als im langjährigen Mittel.

Am Schluss seines Textes fordert Ameling,

Das ist keine schlechte Idee – weshalb sie auch schon viele Leute vor ihm hatten. George W. Bush beispielsweise ließ 2001 den Dritten Sachstandsbericht des Weltklimarats von der US-Akademie der Wissenschaften überprüfen – sie bestätigte die Befunde. Im vergangenen Jahr schaute sich der Weltverband der Akademien, das InterAcademy Council, im Auftrag der UN den IPCC genauer an – Ergebnis: Die Arbeit ist im Grundsatz in Ordnung, allerdings sollte das Management und die Kommunikation des Weltklimarats verbessert werden. Wenn Ameling nun noch einmal eine Überprüfung verlangt, ist das Motiv durchschaubar: Jede Verzögerung beim Klimaschutz bedeutet beispielsweise für die Stahlwirtschaft, dass sie länger Profite auf Kosten des Klimas machen kann.


Holger Krahmer (FDP): Unsinn zum Klimawandel

Dienstag, den 7. Dezember 2010

Holger Krahmer ist ein junger FDP-Europaabgeordneter aus Leipzig. Als eines seiner politischen Ziele nennt er „pragmatischen, ideologiefreien Umweltschutz“, und seinen Blick auf den Klimawandel findet er vermutlich auch sehr pragmatisch und ideologiefrei. In Wissenschaft und Politik grassiere eine „Klimahysterie“, glaubt Krahmer, die Berichte des Weltklimarates IPCC nennt er „politisch motivierte Übertreibungen“, und sowieso ist nach Überzeugung des gelernten Bankkaufmanns erst „wenig“ über die Ursachen von Klimaveränderungen bekannt.

All dies steht in einer Broschüre, die Krahmer kürzlich veröffentlicht hat. Darin versucht er – ganz auf Linie mit konservativ-libertären Klima“skeptikern“ in den USA –, eine marktradikale Abneigung gegen Umweltauflagen durch Zweifel an der Erderwärmung pseudowissenschaftlich zu untermauern. „Unbequeme Wahrheiten“ und „Anregungen für neue liberale Grundsätze“, verspricht er. Doch die unbequeme Wahrheit für Krahmer ist, dass seine Broschüre voller Fehler, Irreführungen und offensichtlichem Unsinn steckt.

Das beginnt schon bei einfachsten Fakten. So mokiert sich Krahmer über die milliardenschweren Solarsubventionen in Deutschland und behauptet, mit dieser Förderung werde

In Wahrheit hat die Photovoltaik, so weist es die renommierte AG Energiebilanzen aus, bereits im Jahr 2009 rund 1,1 Prozent des deutschen Stroms produziert. An anderer Stelle schreibt Krahmer:

Auch hier ist offenbar der Wunsch Vater seines Gedanken: In Wahrheit haben sich die „Skandale“, die vor etwa einem Jahr durch den Blätterwald rauschten, fast völlig in Luft aufgelöst. Die Fälschungs- und Manipulationsvorwürfe gegen britische Klimaforscher wurden von mehreren Untersuchungskommissionen widerlegt, und reihenweise haben Zeitungen wie die Sunday Times, der Sunday Telegraph oder auch die Frankfurter Rundschau Artikel zurückgezogen.

Als Co-Autoren seiner 24-seitigen Broschüre hat Krahmer zwei promovierte Wissenschaftler gewonnen – allerdings beides auch keine Klimaforscher. Einen Kommentar zum Kopenhagener Klimagipfel hat Benny Peiser beigesteuert, Kulturwissenschaftler an der Fakultät für Sport- und Trainingswissenschaften der John-Moores-Universität in Liverpool. Peiser gilt unter Klima“skeptikern“ als Held, weil er angeblich eine vielzitierte Studie über den Konsens von Klimaforschern zum Klimawandel widerlegt habe – doch inzwischen hat Peiser eingeräumt, dass er dabei selbst falsch lag.

Der zweite Gastartikel stammt von Arman Nyilas, einem Metallurgen und Werkstoffwissenschaftler. Und sein Beitrag ist ein Lehrstück dafür, wie Klima“skeptiker“-Beiträge häufig funktionieren: Er raunt über „Scharlatanerie“ und „bewusste oder unwissentliche“ Fälschungen – und versucht dann selbst eine (wohl eher bewusste als unwissentliche) Täuschung des Lesers: Beispielsweise versucht Nyilas, die üblichen Forschungserkenntnisse über den CO2-Gehalt der Atmosphäre anzuzweifeln und beruft sich dabei auf

Doch überprüft man die zugehörige Fußnote, stößt man auf einen (!) Aufsatz des klima“skeptischen“ Biologielehrers Ernst-Georg Beck, der lediglich einzelne, bodennahe CO2-Messungen ausgewertet und sich in folgenden Forschungen selbst widerlegt hat.

Sodann bemüht Nyilas eine der beliebtesten Behauptungen der Szene: Seit 1998 gebe es beim Klimawandel

Wie sooft bei den Klima“skeptikern“ und -leugnern werden hier Wetter und Klima vermischt. Bekanntlich werden aus den Wetterdaten einzelner Jahre in der Klimawissenschaft langfristige Trends ermittelt, üblicherweise betrachtet man dafür 30-Jahres-Perioden. Der Zeitraum seit 1998 ist deshalb viel zu kurz für generalisierende Aussagen, und dass auf ein tatsächlich außergewöhnlich heißes Jahr 1998 einige kühlere Jahre folgten, ist wegen der natürlichen Schwankungsbreite wenig überraschend. Der langfristige Klimatrend ist dadurch mitnichten gebrochen, die Dekade 2000 bis 2009 war in Wahrheit die wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Nyilas‘ zentrales „Argument“ ist eine Zickzack-Kurve von Temperaturdaten in Zentral-Grönland, welche Wissenschaftler anhand von Eisbohrkernen rekonstruiert haben.

Die Grafik zeigt, dass es abrupte Klimaänderungen schon immer gab und es in der Erdgeschichte auch schon wärmer war als heute – beides ist allerdings unter Klimaforschern völlig unumstritten. Und anders als Krahmer wie Nyilas offenbar glauben, ist die gezeigte Kurve völlig unbrauchbar, um den Kenntnisstand der Klimaforschung zu widerlegen. Denn erstens zeigt sie den Temperaturverlauf an einem einzigen Ort – weil das Klima sich jedoch regional ganz unterschiedlich wandelt, rekonstruieren seriöse Wissenschaftlter die Erdmitteltemperatur aus Daten, die an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Methoden gewonnen wurden. Zweitens endet die gezeigte Kurve im Jahr 1920, denn neuere Daten liefert der  Bohrkern nicht. Der menschengemachte Klimawandel, um den sich Politik und Forschung drehen, kam aber erst danach richtig in Schwung. Völlig verkehrt ist deshalb Nyilas‘ Satz:

Dies kann aus der gezeigten Grafik gar nicht abgeleitet werden – wie gesagt: weil die Kurve schon 1920 endet und außerdem nur die Temperaturen an einem Punkt Grönlands zeigt.

Aber so geht das weiter und weiter in Nyilas‘ Text. Er schimpft, der IPCC zeige in seinen Berichten keine Temperaturkurven für die Zeit vor 1880 – dies ist kompletter Blödsinn, der 2007er IPCC-Report enthält ein ganzes Kapitel mit etlichen Grafiken zur Paläoklimatologie. Und auch Nyilas Aussagen zur Kontroverse um die berühmte „Hockeyschläger-Kurve“ von Michael Mann sind falsch: Die sei „bewusst manipuliert“ und schließlich 2007 vom IPCC aus seinem Bericht „entfernt“ worden. Die Quelle für Nyilas‘ erste Behauptung ist ein Text auf einer US-Website für Hobby-Lokalreporter, die zweite Behauptung kann wiederum mit einem Klick widerlegt werden: In Wahrheit enthält der 2007er IPCC-Report nämlich eine – verbesserte und überarbeitete – Fassung des „Hockeyschlägers“.

Fehler, zweifelhafte Quellen, kompletter Unsinn – wenn dies „Anregungen für neue liberale Ansätze“ sein sollen, dann steht es noch schlimmer um die FDP, als wir ohnehin schon dachten.


Focus: Fakten, Fakten, Fakten??

Freitag, den 15. Januar 2010

Die Erderwärmung hat für Journalisten einen großen Nachteil: Während Themen wie Arbeitslosigkeit oder politische Stimmung durch ihr Auf und Ab laufend Nachrichtenstoff liefern, geht es beim Klima im Großen und Ganzen in die gleiche Richtung, seit der Mensch seine Finger im Spiel hat. Schlagzeilen und Auflage aber macht man bekanntlich eher mit Neuigkeiten.

Und so hat der Focus (Werbeslogan: „Fakten, Fakten, Fakten“) diese Woche – passenderweise ist das Wetter grad ziemlich kalt – eine drohende „Kalt-Zeit“ auf den Titel gehievt. In waschechtem Klimaskeptiker-Jargon steht da:

Das macht neugierig und reizt vermutlich wirklich viele Kunden zum Kauf. Aber das Fragezeichen am Ende der knalligen Schlagzeile sollte einen schon stutzig machen.

Über mehrere Seiten breitet das Münchner Nachrichtenmagazin aus, dass es in den vergangenen Monaten eine ungewöhnlich lange Phase ohne Sonnenflecken gab und angeblich einen Stillstand bei der Erderwärmung. Da werden Experten  zitiert, die schon immer der Ansicht waren, die Sonne und nicht der Mensch sei der bestimmende Faktor für das Erdklima: Horst Malberg etwa, Ex-Direktor des Instituts für Meteorologie der FU Berlin, der inzwischen nicht mehr unter deren Namen publizieren darf, Horst-Joachim Lüdecke vom klimaleugnerischen  Europäischen Institut für Klima und Energie e.V. – EIKE (offizielles Motto: „Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit!“) oder Khabibullo Abdusamatow, Astronom am Observatorium von St. Petersburg.

Doch der gesamte Text wirkt, als glaube Focus-Autor Michael Odenwald den drei Experten selbst nicht. Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss auf den derzeitigen Klimawandel deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen. Der Focus lässt dann auch mehrere Experten zu Wort kommen, die diese von der großen Mehrheit der Sonnen- und Klimaforscher geteilte Sicht erklären: „Die fleckenlosen Perioden sind zu kurz, um signifikant auf das Erdklima zu wirken“, sagt etwa Wolfgang Schmidt vom Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik in Freiburg. „Die Strahlungswirkung der Treibhausgase ist inzwischen um ein Mehrfaches stärker“, resümiert Manfred Schüssler vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau. Eine Grafik am Rande des Artikels zeigt denn auch, wie in den letzten Jahrzehnten die Erdtemperatur kräftig steigt – bei gleichzeitig sinkender Sonnenhelligkeit.

Kurz gesagt: Die Sache mit der Sonne ist eigentlich ein alter Hut, und das weiß auch der Focus-Autor. Doch in der Top Ten der beliebtesten Klimaskeptiker-Argumente der BBC rangiert diese „Theorie“ auf Rang 6.

Und auch die Behauptung, der Klimawandel stagniere, entkräftet der Focus schließlich selbst. Zwar fragt die Redaktion im Inhaltsverzeichnis noch: „Legt die Erderwärmung nur eine Pause ein, oder droht gar eine globale Abkühlung?“ Im Artikel aber wird dann mit Stefan Rahmstorf ein Klimaforscher zitiert, der eine dritte – und wahrscheinlich zutreffende – These vertritt: Dass nämlich von einer Pause keine Rede sein kann, weil der geringere Temperaturanstieg der letzten paar Jahre im Bereich natürlicher Schwankungen liege. 2009 war nach den vorläufigen Daten das fünftwärmste Jahr seit Beginn der Messungen, 2010 könnte nach einer Prognose des britischen Hadley Centers sogar noch heißer werden als das bisherige Rekordjahr 1998.

Ganz am Ende des Artikels – aber eben erst dort – kommt dann der endgültige  Storykiller: Die Sonne habe sich kurz vor Weihnachten (also Wochen vor Redaktionsschluss des Heftes) „eindrucksvoll“ zurückgemeldet, es kam zu einer „mächtigen Eruption“. Zum Jahresende tauchten dann auch wieder Sonnenflecken auf – die inzwischen kräftig gewachsen sind. Auf dem Cover steht trotzdem noch etwas von „fehlender Sonnenaktivität“.

Die sensationsheischende Frage des „Nachrichtenmagazins“, ob die Klimakatastrophe ausfalle, lässt sich also kurz und bündig beantworten: Leider nein!

P.S.: Die NASA hat gerade die Temperaturdaten für 2009 analysiert – es war das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, auf der Südhalbkugel gar das wärmste überhaupt.


Die Welt: Wo bleibt die Erderwärmung?

Mittwoch, den 12. März 2008

Um die sogenannten Klimaskeptiker war es in letzter Zeit ziemlich ruhig geworden – um jene Lobbyisten, Politiker, Journalisten und vereinzelten Wissenschaftler also, die in der Debatte über die globale Erwärmung stets gegen den Strich bürsten. Heute jedoch hob Die Welt sie auf ihre Seite Eins. Neben einem niedlichen Eisbären-Foto fragte sie: „Mehr Schnee, mehr Kälte – wo bleibt die Erderwärmung?“ Beides macht neugierig und tut dem Kiosk-Verkauf sicher gut.

welt-eisbaer.jpg
Im dazugehörigen „Essay“ nahm Welt-Redakteur Ulli Kulke dann eine ziemlich wirr verlaufene Klimaskeptiker-Konferenz in New York und die aktuelle Wetterlage zum Anlass für einen Rundumschlag:

1. Derzeit entstehe eine neue „Graswurzelbewegung gegen die Weltuntergangspropheten“ behauptet der Autor mit Blick auf die New Yorker Konferenz. Allerdings: Organisiert wurde die Konferenz vom Heartland Institute. Das aber ist seit langem als Klimaskeptiker-Thinktank bekannt – und wie die Tatsache, dass es von der Industrie und konservativen Spendern finanziell unterstützt wird. Sieht so eine „Graswurzelbewegung“ aus?

2. Seit neun Jahren lege die Erderwärmung „eine Pause“ ein, schreibt Kulke. Allerdings hat vermutlich kein Klimaforscher je gesagt, dass die Erdtemperatur stetig steigt. Vielmehr gibt es Variationen von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Kulke bringt – wie viele Klimaskeptiker – kurzfristige Wetterschwankungen mit langfristigen Trends durcheinander. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat diese Frage auf der Internetseite „Real Climate“ kürzlich ausführlich diskutiert.

3. Auch die jüngsten Wetterdaten sprächen für die Skeptiker, so der Autor: „Die globalen Klimadaten dieses Winters lassen vorerst eine Behauptung nicht mehr zu: dass sich die Erderwärmung immer stärker beschleunige.“ Und weiter: Der vergangene Januar sei weltweit der kälteste seit 15 Jahren gewesen, der Temperatursturz gegenüber dem Vorjahresmonat der steilste seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Hierzu sei angemerkt, dass der Vorjahres-Januar, auf den sich der Vergleich bezieht, der wärmste je gemessene war.

4. Sinnvoller als beim Klimaschutz „in falsche Hektik zu verfallen“ sei es, „unsere Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung zu intensivieren, um auf ein mögliches Wiederanspringen der Erderwärmung reagieren zu können, auf mehr Dürren hier und mehr Regen dort“. Diese Wendung überrascht nun doch. „Anstrengungen“ für etwas, was doch eigentlich vermutlich gar nicht stattfindet?

Kulke kritisiert in seinem Text übrigens ausgiebig Friedensnobelpreisträger Al Gore, weil der sich auf der New Yorker Konferenz nicht seinen Kritikern gestellt habe – und das, obwohl ihm ein Honorar von 200.000 Dollar geboten wurde. Ist es heute schon ehrenrührig, auf eine hohe Geldsumme zu verzichten, um seine Zeit für Sinnvolleres zu investieren?

PS: In der Klimalounge („Wissenslogs“ von Spektrum der Wissenschaft) hat Stefan Rahmstorf Kulkes These von der „Pause der Erderwärmung“ inzwischen gründlich unter die Lupe genommen.