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Nochmal Fritz Vahrenholt: Ein unredliches Buch

Montag, den 13. Februar 2012

Wir hatten ja neulich angekündigt, dass wir uns den Inhalt von Fritz Vahrenholts Buch „Die kalte Sonne“ genauer anschauen würden. Das haben wir in den letzten Tagen dann auch brav gemacht, und, tja, könnten jetzt mehrere Wochen damit füllen, über Unkorrektheiten, Fehler oder gar Lügen im Buch zu schreiben. Sollen wir Ihnen (und uns) das wirklich antun?

Besser nicht. Einen Check der Hauptthesen von Vahrenholt und seinen Co-Autoren haben wir schon hier und hier veröffentlicht. Deshalb soll es an dieser Stelle vor allem um den Stil des Buches gehen – denn der sagt vermutlich viel mehr aus als alle Fehler zusammen.

Los gehts. Schon nach wenigen Absätzen stoßen wir auf einen Trick, der für Vahrenholts „Argumentation“ ebenso typisch ist wie für die vieler Klima“skeptiker“. Auf Seite 8 heißt es:

Hier ist es zuallererst Vahrenholt, der schwarz-weiß malt. Er konstruiert zwei Lager, um sich selbst in der Mitte positionieren zu können. In Wahrheit gibt es nicht das eine Lager der Klima“skeptiker“, diese sind eine bunte Truppe: Mancher bestreitet die Erderwärmung insgesamt, mancher hält sie für rein natürlich, mancher bestreitet die Treibhauswirkung von Kohlendioxid komplett, mancher hält sie nur für übertrieben, mancher glaubt nur, dass bei den finanziellen Auswirkungen des Klimawandels falsch gerechnet werde und so weiter. Fritz Vahrenholt fügt sich mit seinem Buch wunderbar in die klima“skeptische“ Szene ein (weshalb er auf den dortigen Blogs nun auch bejubelt wird). Auch das „andere Lager“ zeichnet Vahrenholt holzschnittartig. Praktisch kein Klimawissenschaftler behauptet, dass „allein der Mensch“ die gegenwärtige Erderwärmung verursacht, weshalb Vahrenholt ein verschämtes „maßgeblich“ in den Satz einfügen muss. In Wahrheit sagt die Klimaforschung, dass natürliche Faktoren das Erdklima lange Zeit maßgeblich bestimmten – sie aber in den letzten Jahrzehnten zunehmend von menschlichen Einflüssen überlagert werden. Warum wir darauf hinweisen? Weil dies ein immer wiederkehrendes Muster ist: Vahrenholt wirft der Klimaforschung Dinge vor, die sie gar nicht tut und baut so einen Pappkameraden auf, um ihn hernach besser umschießen zu können.

Schon wenige Zeilen weiter, wo sich die beiden Hauptautoren ihren Leserinnen und Lesern vorstellen, die nächste Unredlichkeit:

Donnerwetter, soll hier das Publikum denken, was für ein gutwilliger Mann und was für ein Saustall IPCC! 293 Fehler in einem Bericht!! Rhetorisch ist die Passage geschickt gemacht. Aber, Moment, es ist doch völlig normal, dass sich in Entwürfen von IPCC-Reports (wie von wohl allen Schriftstücken) Fehler finden, genau deshalb werden ja Gutachter zur Kritik eingeladen. Dank der Transparenz des IPCC kann man die im Review-Prozess vorgebrachten Einwände im Internet nachlesen. Schauen wir mal, welch schlimme „Fehler und Mängel“ Vahrenholt auf jener Sitzung in Washington kritisierte, wieso ihm also der IPCC plötzlich so „oberflächlich“ und „unwissenschaftlich“ vorkam. Und siehe da: Ein Gutteil seiner Anmerkungen waren rein redaktionell („Tabellenlayout muss verbessert werden“, „Tabelle schwer lesbar, bitte vergrößern“). Und den meisten seiner Anmerkungen wurde nicht nur „nicht widersprochen“, wie Vahrenholt berichtet – nein, sie wurden akzeptiert und in der Endfassung berücksichtigt. Das aber lässt Vahrenholt weg. Weil es seine Story vom verbohrten IPCC konterkariert hätte?

Gleich auf der nächsten Seite folgt der nächste rhetorische Trick. Hier wird der sogenannten „Climategate“-Skandal geschildert, also die vermeintlichen Belege für Betrügereien durch Klimaforscher in 2009 gehackten E-Mails der britischen Climate Research Unit (CRU):

Dieser Satz ist nicht gelogen, Jones legte damals tatsächlich sein Amt nieder – aber nur vorübergehend. Um, wie er sagte, jeden Anschein zu vermeiden, er könne die Untersuchung behindern. Mehrere Untersuchungen sprachen Jones und Kollegen vom Vorwurf der Datenmanipulation frei. Heute ist Phil Jones wieder CRU-Chef, aber das schreibt Vahrenholt nicht.

So geht das immer und immer wieder auf den folgenden 350 Seiten: Informationen, die nicht zur eigenen Meinung passen, werden weggelassen oder passend gemacht. Es ist unendlich ermüdend, alles nachzurecherchieren und zu schildern – kaum ein Journalist wird die Geduld dafür haben, und kaum ein Leser würde es lesen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Vahrenholt/Lüning genau darauf setzen.

Wir wollen es an dieser Stelle bei drei weiteren Beispielen belassen:

1.
Auf Buchseite 14 führen die Autoren Wissenschaftler aus aller Welt auf, mit denen sie nach eigenen Angaben „gesprochen“, sich „ausgetauscht“ oder die sie um „Hinweise“ gebeten haben. Die Liste wirkt auf Laien ganz eindrucksvoll, und irgendwie sollen die Forscher wohl als Kronzeugen dienen. Wir haben bei zweien nachgefragt. Mojib Latif vom Geomar in Kiel sagt, ja, Vahrenholt habe mit ihm gesprochen, aber er sei „erschüttert“ über das entstandene Buch. Auch Hans von Storch vom Helmholtz-Zentrum in Geesthacht bestätigt Kontakte. Doch Vahrenholts Buch nennt er „unverantwortlich“ und zerpflückt es regelrecht auf seinem Blog Klimazwiebel.

2.
Falsche Kronzeugen lassen Vahrenholt/Lüning an vielen Stellen im Buch auftreten. Seitenlang etwa schildern sie die umstrittene Theorie des Dänen Henrik Svensmark, derzufolge kosmische Strahlung den Klimawandel verursache. Hier lassen sie nicht nur weg, was gegen die Theorie spricht. Sondern berufen sich zum Beispiel auch auf den jungen, britischen Atmosphärenphysiker Benjamin Laken (z.B. Fußnote 68 auf Seite 248 und auf der Website zum Buch). Die angeführte Studie von Laken und Kollegen gibt es tatsächlich – doch in einem Offenen Brief hat Laken die Vereinnahmung durch Klima“skeptiker“ zurückgewiesen und explizit betont, seine Studie

Und in einer jüngeren Veröffentlichung Lakens heißt es explizit, er habe „keine Beweise“ gefunden für die Svensmark-Theorie.

3.
Der Kern des Buches ist die Prognose, bis zum Jahr 2035 werde sich das Klima abkühlen, unter anderem wegen natürlicher Ozeanzyklen. Für diese Zyklen wagen Vahrenholt/Lüning (grobe) Prognosen, und zwar allen Ernstes über mehrere Jahrzehnte. Sie verweisen an zentraler Stelle (auf Seite 317, Fußnote 129) auf eine Studie japanischer Forscher. Doch schaut man sich diese Veröffentlichung auch nur flüchtig an, so zeigt sich, dass sie – im Einklang mit anderen Forschern – von einer Vorhersagbarkeit für allenfalls zehn Jahre sprechen. Offenbar also ist die vermeintliche Quelle gar keine für Vahrenholts weitgehende Behauptung.

Das alles wirkt, als wüssten Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning genau, was sie in ihrem Buch tun: Ihnen unterlaufen nicht Fehler, wie es jedem Menschen (und auch dem IPCC) passieren kann – sie tricksen offensichtlich ganz bewusst. Für eine ernsthafte, gar wissenschaftliche Auseinandersetzung haben sie sich damit eigentlich disqualifiziert.

P.S.: Nach dem Vorbild von Guttenplag ist im Internet gerade eine Website gestartet, auf der Webnutzer die Fehler im Vahrenholt-Buch öffentlich zusammentragen können: http://de.kaltesonne.wikia.com/wiki/KalteSonneCheck


Bild & Vahrenholt: Die Lüge von der CO2-Lüge

Donnerstag, den 9. Februar 2012

Der Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, hat vor Jahren mal über sein Boulevardblatt Bild gesagt: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Das betrifft offenbar nicht nur Promis, sondern auch Themen, etwa die menschengemachte Erderwärmung. Als 2007 der IPCC seinen 4. Sachstandsbericht zur Klimaforschung vorlegte, drehte Bild richtig auf. „Nur noch 13 Jahre zur Rettung der Welt“, titelte das Blatt alarmistisch, schrieb von einem „Neuen UNO-Schock-Bericht!“ und phantasierte eine „Sahara Deutschland“ herbei. Die Bild am Sonntag setzte gar eine „Klima-Kommissarin“ ein und nutzte das Thema trickreich zur Abowerbung. Teilweise wehrten sich Wissenschaftler gegen die reißerische Art des Springer-Blattes, doch Umweltverbände wie BUND, Greenpeace oder der WWF starteten gemeinsam mit Bild eine umstrittene „Klimaschutzaktion“.

Nun fährt der Fahrstuhl wieder runter. Seit drei Tagen lässt Bild den RWE-Manager Fritz Vahrenholt und seine Co-Autoren die Thesen ihres Buches „Die kalte Sonne“ ausbreiten: Weniger die menschengemachten Treibhausgase bestimmten den Klimawandel der letzten Jahrzehnte, sondern Schwankungen bei Sonnenaktivität und Ozeanströmungen. Dass Vahrenholt&Co. kein „renommiertes Expertenteam“ sind, wie Bild großspurig titelt, hatten wir ja am Wochenende schon geschrieben. Im aktuellen Spiegel hat der RWE-Mann das auch selbst zugegeben: „Ich betreibe ja keine Klimaforschung“, sagte er da. Entsprechend abwegig sind viele Aussagen und Bewertungen der Autoren.

Im ersten Teil der Bild-Serie etwa übertrieb der Dortmunder Physik-Professor Werner Weber heillos die Folgen der solaren Schwankungen Mittelalter:

 

 

 

 

 

 

 

In der Tat gab es die beschriebene Abkühlung. Aber nach dem aktuellen Stand der Forschung hatte diese „Kleine Eiszeit“ weniger mitder Sonne zu tun – sondern vor allem mit heftigen Vulkanausbrüchen, die damals große Mengen an Aerosolpartikel in die Atmosphäre schleuderten, die wie ein Sonnenschirm wirkten und die Erde kühlten.

Ein paar Absätze weiter wird den IPCC-Experten vorgeworfen:

 

 

 

 

Der erste Satz ist Quatsch, der Weltklimarat berücksichtigt in seinen Modellrechnungen selbstverständlich auch natürliche Klimafaktoren – wie ein Blick in den IPCC-Report (Teil 1, Kapitel 9.4.1.2) belegt. Und im Anhang sind in Tabelle S9.1 die für die 14 Modelle verwendeten Sonnendaten sogar detailliert aufgeführt. Falsch ist auch der zweite Satz. Die Theorien von Henrik Svensmark zum Einfluss von Sonne und kosmischer Strahlen aufs Klima hat der IPCC nicht ignoriert. Vielmehr sind sie im letzten IPCC-Report (Kapitel 2.7.1) explizit erwähnt – werden da aber (zutreffenderweise) als „sehr ungesichert“ und „noch nicht ausdiskutiert“ bewertet.

Ähnlich krude geht es in Teil 2 der Bild-Serie weiter:

 

 

 

 

Diese Aussage ist nicht komplett verkehrt, in der Tat zeigen die Temperaturaufzeichnungen des letzten Jahrzehnts – wenn man nur sie betrachtet – kaum einen Anstieg. Aber eine solche Betrachtung ist klimawissenschaftlich irrelevant. Zwölf Jahre sind nämlich zu kurz, um natürliche Klimavariabilität verlässlich von einem menschengemachten Klimawandel zu unterscheiden. Klimatrends werden stets über mehrere Jahrzehnte ermittelt, und da ist klar: Die vergangene Dekade war die wärmste je registrierte (egal ob sie in sich selbst eine Temperaturzunahme zeigte oder nicht).

Im letzten und dritten Serienteil schließlich ging es gar nicht mehr um Klimawissenschaft – dafür wurde endlich klar, worauf Fritz Vahrenholt die ganze Zeit hinauswollte:

Die Forderung mag paradox klingen für einen Manager, der in seinem Unternehmen RWE just für die Windkraft zuständig ist. Sie klingt weniger paradox, wenn man weiß, dass genau dieses Unternehmen beim Ausbau der Erneuerbaren Energien weit, weit zurückhängt – und durch dezentrale Solaranlagen wie Windräder seine profitablen Kohlekraftwerke bedroht sieht.


Fritz Vahrenholt (RWE): Kalter Kaffee zur Sonne

Samstag, den 4. Februar 2012

Der kommende Montag wird die Welt erschüttern, zumindest die der Klimaforschung. Das verheißt jedenfalls eine aktuelle Verlagsankündigung:

Donnerwetter! Tausende IPCC-Wissenschaftler sind komplette Versager!! Der Klimawandel ist längst gestoppt!!! Die Ozeane und die Sonne waren schuld daran!!!! Puh, da hat die Menschheit aber nochmal Glück gehabt…

Was wird das wohl für ein Buch sein? Vielleicht die neueste Veröffentlichung des in Klimafragen weltweit führenden Goddard Institute for Space Studies der Nasa? Oder eine Neuerscheinung bei Cambridge University Press, Springer Wissenschaft oder einem anderen renommierten Wissenschaftsverlag? Nein, es ist die Ankündigung für ein Buch namens „Die kalte Sonne“, das diesen Montag bei Hoffmann und Campe erscheint. Ja, genau jener Verlag, der kürzlich mit unkonventionellen Werbemethoden für ein Christian-Wulff-Buch in die Schlagzeilen geriet. Aktuell finden sich im Programm von Hoffmann und Campe u.a. Bücher von Papst Benedikt und Helmut Schmidt. Diesen Montag erweitert das Haus nun seine Kompetenz hin zur hochkomplizierten Klimawissenschaft.

Mit dem Inhalt dürfen wir uns noch nicht detailliert befassen, denn der Verlag hat das Zitieren aus den vorab an Journalisten verschickten Druckfahnen untersagt. Nur soviel: Die Hauptthese ist, dass die Sonne demnächst in eine Phase extrem niedriger Aktivität eintrete, weshalb die Erderwärmung quasi von selbst gebremst werde. Diese These aber ist nicht revolutionär, wie Hoffmann und Campe glauben machen will, sondern ziemlich kalter Kaffee. Über die Effekte einer „kalten Sonne“ wird seit Jahren von sogenannten Klima“skeptikern“ wild spekuliert. Auch die Wissenschaft hat sich schon detailliert damit befasst. Ergebnis: Zwar wird die Sonne in den nächsten Jahrzehnten wohl tatsächlich weniger stark strahlen als in den letzten 50 Jahren, aber auf die menschengemachte Erderwärmung hat das einen allenfalls marginalen Einfluss. Durch eine „kalte Sonne“ würde der globale Temperaturanstieg bis 2100 wahrscheinlich um etwa 0,1 Grad Celsius gedämpft, höchstens um 0,3 Grad Celsius, so übereinstimmende Forschungsergebnisse. Die Erderwärmung aber wird bis 2100 laut IPCC zwischen 1,1 und 6,4 Grad Celsius betragen, also das Zehn- bis Fünfzigfache!

Dies sind die Fakten, wie sie die weltweite Forschergemeinde ermittelt hat. Und wer sind die Hoffmann-und-Campe-Autoren, die es besser wissen? Laut Verlagsankündigung

Sie heißen Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning. Ersterer ist Chemiker und Professor an der Universität Hamburg, war SPD-Umweltsenator in der Hansestadt, danach Spitzenmanager beim Ölriesen Shell, dem Windkraftpionier RePower und zuletzt dem Energiekonzern RWE. Co-Autor Lüning ist Geologe und arbeitet als Afrika-Experte für Dea, die Öl- und Gastochter von RWE.

Okay, auf der Gehaltsliste des zweitgrößten CO2-Verursachers Europas zu stehen, muss ja noch nichts heißen für die inhaltliche Güte eines Buches. Schauen wir stattdessen, was die Autoren zum Thema ihres Werkes bereits in Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Dies ist in der Wissenschaft ein wichtiger Gradmesser für das Renommee und die Qualität von Forschungsergebnissen, denn bei Magazinen wie Nature, Science oder den Proceedings of the National Academy of Science werden Aufsätze von kompetenten Fachkollegen und mit großer Strenge begutachtet („Peer Review“). Das Ergebnis ist ernüchternd: Eine Suche bei Google Scholar fördert keine Klima-Fachaufsätze der beiden Autoren zutage. Und in der Spezialdatenbank Web of Science findet sich für Fritz Vahrenholt lediglich eine Handvoll Veröffentlichungen zu Chemie- und Umweltthemen, allerdings aus den siebziger und achtziger Jahren; Sebastian Lüning kommt auf noch weniger Publikationen, ausschließlich aus dem Bereich Geologie.

Das Buch, das den Stand der Klimaforschung komplett über den Haufen werfen will, stammt also – erstens – von Nicht-Fachleuten, die – zweitens – auch in ihren eigenen Wissenschaftsgebieten derzeit nicht zu den Top-Forschern gehören. Und auf deren Urteil soll man sich verlassen, wenn es um die Ursachen der Erderwärmung und erfolgversprechende Gegenmaßnahmen geht? Hm. Wenn bei Ihrem Kind eine Herzerkrankung diagnostiziert wurde und praktisch alle befragten Kardiologen dringend zu einer Operation raten – würden Sie da auf einen Zahnarzt hören, der von ganz anderen Ursachen der Erkrankung erzählt?

P.S.: Wir werden „Die kalte Sonne“ trotzdem aufmerksam lesen und den Inhalt hier auf dem Blog sicherlich nochmal zum Thema machen.