Monatsarchiv für August 2013

RWE: Ohne jeden Respekt

Freitag, den 30. August 2013

Der Braunkohletagebau Hambach ist das tiefste Loch Europas: 370 Meter haben sich die 1.500 Tagebauer in die Erde gewühlt, um hier jährlich 40 Millionen Tonnen Braunkohle an die Luft zu holen – die dann zur Stromproduktion verfeuert wird. Damit das so bleibt, soll der Tagebau erweitert werden. Der Hambacher Forst, der vom heiligen Arnold von Arnoldsweiler im 8. Jahrhundert umritten wurde, muss dafür weichen.

Es gibt Menschen, die das nicht gut finden: Im Forst gab es wunderschöne Hainbuchen und Stieleichen. Tagebaubetreiber RWE lässt außerdem die Ortschaften Morschenich und Manheim umsiedeln, was auch nicht alle Bewohner gut finden. Und dann gibt es noch die Klimaschützer: Braunkohle ist der klimaschädlichste aller Energieträger, pro Kilowattstunde Strom entstehen bis zu 1,23 Kilogramm Kohlendioxid. Zum Vergleich: Moderne Gaskraftwerke sorgen für “nur“ 430 Gramm.

Genug Gründe also, um gegen RWE zu protestieren. Dieser Tage gibt es neben dem Tagebau ein Klimacamp, das allerdings mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat: Zelte dürfen nicht aufgebaut werden, Essen darf nicht gekocht werden – Campen ohne Essen und Unterkunft also. Außerdem hat RWE tief in die Psycho-Kiste gegriffen. Mit einer Extra-Ausgabe seines Nachbarschaftsmagazins „hier“:

rwe

Zu Wort kommt Karl Heinz-Wieland (Name geändert), der beim Werkschutz von RWE arbeitet. Der sagt: „Die Zerstörungswut dieser Täter ist unglaublich. Der bösartige Erfindungsreichtum, die kriminelle Energie, das habe ich in so einem Ausmaß noch nicht erlebt.“

Zu Wort kommt Werner Stump, der hier früher einmal Landrat für die CDU war. Der erklärt: „Die Polizei hat hervorragende Arbeit geleistet. Sie ist mit allen helfenden Einsatzkräften bis an die Grenzen der Belastbarkeit gegangen. Keiner der Protestler hat einen persönlichen Schaden erlitten.“

Interviewt wird Professor Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim. Der Professor: „Es sind ganz kleine Gruppen, oft von auswärtigen Aktivisten, die die Dinge nur schwarz-weiß sehen, die keinen Respekt vor der Meinung Andersdenkender haben und die sich auf extreme Weise Gehör verschaffen. Und in unserer von Medien geprägten Welt, die auf schnelle Wahrheiten und spektakuläre Bilder setzt, bekommen sie diese Beachtung auch.“

Und dann bringt die Sonderausgabe des Nachbarschaftsmagazins folgende Darstellung:

RWE1

Das versteht RWE unter nachbarschaftlichem Respekt?

Tatsächlich gab es in der Vergangenheit Gerangel um den Hambacher Forst. Tatsächlich hatte RWE einen Umweltaktivisten, der im vergangenen Jahr einen Gleisabschnitt der Hambacher Kohlebahn besetzt hatte, verklagt – und Recht bekommen. Bei den Ermittlungen zur Räumung des Hambacher Forsts im November des vergangenen Jahres hat die Staatsanwaltschaft aber keinerlei strafrechtlich relevante Sachverhalte ausmachen können. Alle 27 Verfahren gegen Waldbesetzer wurden eingestellt, keiner hatte gegen geltendes Recht verstoßen.

„Diffamare“ kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „Gerüchte verbreiten“ oder „anschwärzen“. Das Camp läuft nun schon eine Woche. „Aktuell liegen keine rechtlichen Vorwürfe gegen Mitglieder des Camps vor“, erklärte Thomas Krämer, Sprecher des zuständigen Verwaltungsgerichts Köln gegenüber unserem Schwesterportal klimaretter.info. Tatsächlich betreibt RWE mit seinem „Nachbarschaftsmagazin“ also nichts anderes als die gezielte Verleumdung Dritter. So was ist übrigens strafbar.

 Danke an Timo S. für den Hinweis


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Mercedes: Unerfüllte Vision

Mittwoch, den 28. August 2013

Mercedes hatte im Sommer eine Riesen-Werbekampagne für die neue S-Klasse gestartet. Überschrift: „Vision erfüllt“:

merc

„Barockschloss und Raumschiff“ hatte die Süddeutsche Zeitung getitelt, bei der Welt wurde „ein fliegender Teppich“ gesichtet. Deutschlands nobelster Autobauer war zuletzt ganz schön ins Hintertreffen geraten und hatte etliche Prozent Marktanteil an Konkurrenten – den 7er BMW oder den Audi A 8 beispielsweise – verloren. Weshalb die Fachpresse der Vision von Daimler auch eine enorme Bedeutung für die Zukunft des Konzerns bescheinigte.

Der Basispreis für die Vergegenstänlichung der Vision liegt bei 104 601 Euro, die erfüllte Vision ging im Kleingedruckten so:

merce

Allerdings: Diese Werte sind erstunken und erlogen. Das Landgericht Stuttgart hat in dieser Woche eine einstweilige Verfügung erlassen, nach der die Daimler AG ab sofort nicht mehr mit diesen visionären Angaben über den Kraftstoffverbrauch, die CO2-Emissionen und die CO2-Effizienzklassen für die spritdurstige S-Klasse werben darf.

Jetzt heißt es korrigiert:

s-klasse

Das ist natürlich nicht mehr Effizienzklasse D, sondern nur noch „E“ und bei dem spritdurstigsten Modell „S 63 AMG 4Matic lang“ sogar nur noch die Effizienzklassen „F“ – die zweitschlechteste, die es überhaupt gibt.

„Mit dem Gerichtsbeschluss wird einem besonders dreisten Fall von Verbrauchertäuschung ein Riegel vorgeschoben“, sagte Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, die geklagt hatte. Nicht nur das: Daimler hat es offensichtlich nötig, Daten zu schönen, weil der ehemalige Marktführer einfach nicht mehr in der Lage ist, Autos auf der Höhe der Zeit zu bauen.

Die Vision ist einfach noch nicht erfüllt.

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Arbeitsplätze: Der Ausfall eines Boomausfalls

Mittwoch, den 21. August 2013

Die Energiewende gilt gemeinhin als ein Zukunftsprojekt, auch auf dem Arbeitsmarkt. Aber jetzt kommt raus:

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Es geht um eine Studie, die das „Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit“ (IZA) aus Bonn vorgelegt hat. Die Welt titelt:

welt

Und die taz, ursprünglich für kritischen Journalismus bekannt, zitiert Studienautor Nico Pestel, stellvertretender IZA-Programmdirektor für Umwelt und Beschäftigung:

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„Von interessierter Seite“ – na, das ist ja mal ein Ding! Welche könnte das wohl sein?

Das „Institut zur Zukunft der Arbeit“ selbst zum Beispiel: Präsident ist der ehemalige Chef der Deutschen Post, der Steuerhinterzieher Klaus Zumwinkel. Alleiniger Gesellschafter des privaten Think-Tanks ist die Deutsche Post-Stiftung. Was überaus praktisch ist: Zumwinkel ist auch Chef der Deutschen Post-Stiftung, die er übrigens selbst geschaffen hat – damals, als er noch steuerhinterziehender Chef der Deutschen Post war. Das heißt: Klaus Zumwinkel IST sozusagen die „Zukunft der Arbeit“.

Zumwinkel zur Seite steht ein anderer Klaus Z.: Als Direktor des Instituts fungiert Klaus F. Zimmermann. Der hatte das rennomierte Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) neoliberal gegen die Wand gefahren. Lobbypedia schreibt über ihn: Zimmermann habe „mit allen Mitteln und einem autokratischen Führungsstil versucht, das ehemals keynesianisch ausgerichtete DIW in ein neoliberal orientiertes Forschungsinstitut umzuwandeln.“ Deshalb ist auch nicht verwunderlich, dass Zimmermann jetzt beispielsweise mit der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ zusammenarbeitet, einer neoliberalen Lobbyorganisation, die hier auf dem Lügendetektor schon wegen ihrer Attacke gegen die Energiewende aufgefallen ist.

Aber genug der Personalien, zurück zu den Überschriften: Die beruhen auf einer 12-seitigen Arbeit (plus Quellenvermerken). Nicht, dass Autor Nico Pestel eigene Zahlen erhoben hätte. Zusammengetragen hat er lediglich Daten, die „bereits mehrfach im Auftrag des Bundesumweltministeriums (BMU) und des Umweltbundesamtes“ erhoben wurden, wie es auf Seite 4 der Studie heißt.

Pestel kommt auf Seite 6 seiner Arbeit zu dem Schluss, dass sich die Zahl der

Beschäftigten zur Herstellung und zum Betrieb von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien zwischen 2004 und 2012 von etwa 160.000 auf rund 380.000 mehr als verdoppelt (+135%).

Plus 135 Prozent in nur acht Jahren! Insgesamt, so heißt es in der Studie, umfasste der Markt für Umwelttechnologie in Deutschland im Jahr 2011 „etwa 300 Milliarden Euro, was einem Anteil am BIP von etwa 11 % entspricht“. 1,4 Millionen Menschen finden hier mittlerweile Lohn und Brot, etwa ein Drittel im Bereich der Energieeffizienz, führt die Studie aus. Bis 2025 soll „der Markt in Deutschland auf 674 Milliarden Euro wachsen, … was insbesondere dem Ausbau erneuerbarer Energien zugeschrieben wird“, heißt es auf Seite 8.

2025 sollen dann schon 2,4 Millionen Menschen in der Umweltbranche tätig sein. Um eine Vergleichsgröße zu bekommen: In der gesamten Automobilindustrie Deutschlands waren zum Anfang dieses Jahres 747.199 Menschen beschäftigt, im Maschinenbau waren es 970.000, in der gesamten Braunkohlenwirtschaft nur noch 22.424 Menschen.

Kein Job-Boom durch die Energiewende also – wie von der Lausitzer Rundschau, der Welt oder der taz behauptet?

Studienautor Nico Pestel beantwortet diese Fragen so: Erstens sei die Zuordnung einzelner Jobs zum grünen oder nicht grünen Bereich „sehr diffizil“. Es fehlen genaue Definitionen dafür, was grün und was nicht grün ist. Zweitens seien die Entwicklungen auf dem grünen Arbeitsmarkt von der Umwelt- und Energiepolitik der Zukunft abhängig – was sofort klar wird, wenn man sich den Wahlkampf um die Energiewende anschaut. Drittens schließlich, so der Autor, müssten auch negative Effekte bedacht werden, wie etwa in der Braunkohle, wo immer weniger Menschen arbeiten.

Geschenkt, Herr Pestel! Was ist denn nun aber mit dem Jobboom und der Energiewende? Die Antwort steht im letzten Satz:

Somit bleibt die Frage, ob Deutschland sein „grünes Beschäftigungswunder“ erlebt, vorerst also noch offen.

Aber bis dort hin haben die Kollegen von der Welt, der taz und der Lausitzer Rundschau offenbar die Studie nicht gelesen.

Danke an Georg E. aus München für den Hinweis


EnBW: Unbescheidene Zukunftsmusik

Mittwoch, den 14. August 2013

The German Times ist eine Monatszeitung aus Berlin, die sich der englischen Sprache bedient. Sie erscheint seit 2007, die Auflage beträgt 60.000 Exemplare. „Wir hielten die Zeit für gekommen, eine Plattform zu schaffen, um europäische Themen kontrovers zu diskutieren“, erklärte Herausgeber Theo Sommer damals gegenüber dem Independent. Jener Theo Sommer, der früher einmal Die Zeit herausgegeben hat.

Ein guter Teil der Auflage wird kostenlos an alle Abgeordneten des Europaparlaments verteilt. Außerdem erhalten alle Parlamentarier und Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten eine German Times. Eben weil die ja wissen sollen, wie die europäischen Themen diskutiert werden. In der jüngsten Ausgabe war Folgendes zu lesen:

enbWo die Energiezukunft startet, das ist natürlich enorm spannend in den Zeiten der Erderwärmung und Energiewende. Wo denn? Wo startet sie denn?

Nun, sehen Sie selbst:

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Die Windräder stehen in der Ostsee, 16 Kilometer nördlich der Halbinsel Darß. Auf einem Areal von rund sieben Quadratkilometern drehen sich 21 Windanlagen mit einer Gesamtleistung von 48 Megawatt. Diese erzeugen jährlich 185 Gigawattstunden Strom – genug für rund 50.000 Haushalte.

EnBW bedeutet übrigens Energie Baden-Württemberg. „Wirkliche Pionierleistungen finden oft fern der Heimat statt“, heißt es weiter in der Anzeige. „Wir sorgen dafür, dass Ökostrom nicht nur in aller Munde ist, sondern tatsächlich verfügbar.“

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Das stimmt. Aber nur halb. Baltic 1 heißt der Windpark, er ist wirklich Deutschlands erstes kommerzielles Offshore-Windfeld in der Ostsee. Aber er gehört nur zur Hälfte EnBW – die andere Hälfte besitzen 19 Stadtwerke.

Ans Netz ging Baltic 1 im Mai 2011. Nach dem Branchenreport „Fascination Offshore“ aus dem Jahr 2003 sollte der Park aber ursprünglich doppelt so groß sein und bereits 2005 gebaut werden. Geplant wurde am Projekt schon seit 1997, Anfang 2005 lagen auch alle Genehmigungen vor. Aber weil die Offshore-Technik Neuland ist, zögerte EnBW: Der Anteil von Atomstrom am EnBW-Konzernmix lag damals bei 51 Prozent und es schien, als könne der Ausstieg aus dem Atomausstieg doch noch gelingen.

Auch der zweite Windpark von EnBW verzögert sich. Baubeginn für Baltic 2 war im November 2011, also nach dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomausstieg – EnBW hatte versprochen, jetzt richtig ranklotzen zu wollen bei der Energiewende. 32 Kilometer nördlich von Rügen sollten noch in diesem Jahr 80 Windräder ans Netz gehen, bisher aber steht kein einziges. „Wir wollen in Kürze mit dem maritimen Baustart beginnen“, sagt Friederike Eckstein, Sprecherin der EnBW Kraftwerke AG. Dabei wollte EnBW aus diesem Park 2013 schon Strom verkaufen. Eckstein sagt: „Ab 2014 werden dann die Anlagen installiert.“

Den dritten EnBW-Windpark – mit dem schönen Namen „Hohe See“ – hat der Konzern gleich ganz abgesagt. „Aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Diskussion über die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) sowie der damit einhergehenden Unsicherheiten hinsichtlich verbindlicher Termine für die Netzanbindung von Offshore-Windparks verschiebt die EnBW ihre Investitionsentscheidung“, teilte der Konzern vor neun Monaten mit. Still ruht seitdem der See für die „Hohe See“. Zum Jahresende 2013 läuft die Baugenehmigung ab.

Das mit der Zukunft ist ja so eine Sache: Prognosen sind schwierig, weil sie in der Zukunft spielen. Aber es ist natürlich gut, dass EnBW in der German Times einen Debattenbeitrag zu den europäischen Themen leistet. Nur sollten die Baden-Württemberger im europäischen Kontext etwas bescheidener sein: Die Briten und die Dänen sind bei der Offshore-Windkraft wesentlich weiter.

PS:

Noch eine Frage, liebe EnBW: Wenn die Zukunft tatsächlich dort draußen auf dem Meer startet, wieso baut ihr dann zu Hause in Karlsruhe ein neues Kohlekraftwerk? Mit einer elektrischen Bruttonennleistung, die 19 Mal größer ist als die von Baltic 1!


Bild: Die Energiewende hassen

Samstag, den 10. August 2013

Diffamieren, verleumden, ‚fertigmachen‘: Die Kollegen der Bild haben am Freitag wieder einmal meisterlich gezeigt, wie und mit welchem Handwerkszeug sie arbeiten.

Schlagzeile:

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In den Umfragen sagen die Deutschen immer wieder, dass sie Ökostrom gut finden. Dass die Energiewende richtig ist. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens über den Ausstieg aus der Atomenergie, und wegen der Erderwärmung kann es mit der Kohleverstromung einfach nicht so weitergehen.

Aber ist das nicht ein Irrsinn mit diesem ganzen Öko-Quatsch? Völlig gaga?

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Es geht um den Windpark Riffgat, der heute vom niedersächsischen Mininsterpräsidenten Stephan Weil (SPD) eröffnet wird: Weil auf dem Meeresgrund jede Menge Weltkriegsmunition liegt, schaffte es Netzbetreiber Tennet nicht rechtzeitig, ein Kabel zu dem 15 Kilometer vor der Nordseeinsel Borkum befindlichen Windpark zu legen. Die fertigen 30 Windkraftwerke können also keinen Strom abtransportieren und stehen folglich still. Damit die Lager und Getriebe im rauen Seeklima aber keinen Schaden nehmen, müssen sie bewegt werden – mit Strom, der von einem Dieselgenerator erzeugt wird.

Das ist natürlich ärgerlich für den Investor EWE, aber vernünftig für die Anlagen, die im kommenden Februar dann schadensfrei in Betrieb gehen sollen. Jedenfalls ist das alles andere als „Wahnsinn“: Ein spezieller Problemfall, den die Offshore-Windtechnologie mit sich bringt und der auch bei anderen Windparks – etwa im RWE-Projekt Nordsee Ost – oder während der Bauphase auftritt.

Ein spezieller Problemfall? Nicht für die Bild:

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Der Energie-“Versorger“ Vattenfall wird zitiert, der droht, seine Pumpspeicherkraftwerke abzuschalten. Grund: Auch diese Anlagen müssen … die Ökostrom-Umlage (5,3 Cent) zahlen“, so die Bild. Ein hundert Meter hoher Betonmast für ein Windrad bei Castrop-Rauxel wird genannt, der vor Jahren wieder gesprengt werden musste, weil er zu nahe an einem Haus gebaut worden war. Und das Gaskraftwerk in Hürth südlich von Köln wird aufgeführt, das der norwegische Konzern Statkraft für 350 Millionen Euro gebaut, aber nicht ans Netz genommen hatte.

Irre Fälle also, und spätestens bei der Ökostrom-Vorfahrt gegen das „topmoderne Gaskraftwerk“ wird klar, wohin der Hase läuft: Die Bild-Macher hassen Ökostrom, die Energiewende und den Klimaschutz. Weshalb sie auch regelmäßig Gegenstand unseres Lügendetektors sind: Von den 46 Einträgen der Kategorie Medien befassen sich zehn gezwungenermaßen mit der Bild.

Statkraft selbst hatte zur Eröffnung erklärt, das Gaskraftwerk stehe ab sofort bereit, „die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien mit klimafreundlicher Gaskraft zu ergänzen“. Wegen der derzeitigen Preissituation an den Strombörsen könne die Anlage derzeit aber nicht wirtschaftlich betrieben werden, hieß es: Während Gas zuletzt teurer wurde, sank der Preis für die produzierte Kilowattstunde Elektrizität. Tatsächlich ist Strom derzeit so billig wie nie.

Was einerseits an den Erneuerbaren liegt: Mittags ist der Stromverbrauch in Deutschland am größten, also genau dann, wenn die Solaranlagen am meisten liefern. Früher konnte Vattenfall seinen billigen Atomstrom in der Nacht dazu nutzen, Wasser auf den Berg zu pumpen – um es in den Mittagsstunden wieder zu (dann teuer verkaufbarem) Strom zu machen. Aber heute ist dank Sonnenkraft der Strom dann nicht mehr so teuer – es lohnt sich für Vattenfall nicht mehr. Andererseits liegt der günstige Strompreis aber an der Kohlekraft und am Emissionshandel: Nie gingen so viele neue Kraftwerke ans Netz wie in diesem Jahr. Und nie waren die Emissionszertifikate – auch weil FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler bisher jede Reform blockiert – so billig wie heute. Der Zusammenhang ist einfach, aber vielleicht doch zu schwierig für Bild: Viele Emissionszertifikate auf dem Markt = niedriger Preis = niedrige Zusatzkosten für Kohlekraftwerke = hohe Konkurrenzfähigkeit von Kohlestrom, der dadurch Gaskraftwerke noch weiter aus dem Markt drängen kann.

Man kann den Bild-Kollegen nicht vorwerfen, sie hätten irgendeinen Einzelfakt falsch berichtet – dadurch wird ihre Darstellung aber noch lange nicht richtig: Das Verschweigen von Details, das Nicht-Herstellen von Zusammenhängen, das Kreieren eines Skandal-Potenzials gewürzt mit einigen deftigen Kraftausdrücken – und schon ist sie angerichtet, die „Energiewende bizarr“:

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FAZ: Klimaquatsch mit Dieter Ameling

Mittwoch, den 7. August 2013

Dinosaurier sterben zu sehen, macht schon ein bisschen traurig. Aber so ist halt das Leben: Ändert sich die Welt, müssen Arten sich anpassen – oder weichen. Man sollte bloß achtgeben, dass sie nicht noch irgendetwas zerdeppern, wenn sie verzweifelt im Todeskampf um sich schlagen …

Dieter Ameling war einmal ein wichtiger Wirtschaftslenker. Er war lange Jahre Manager bei Thyssen, Krupp und Saarstahl. Er war Präsident des Stahlwirtschaftsverbandes und Mitglied im Bundesverband der Deutschen Industrie. Man könnte noch viele Sätze über Dieter Ameling schreiben, die das Wörtchen „war“ enthalten. Aktiv werden kann er heute, so scheint es, fast nur noch beim Klimaesoterik-Verein EIKE, der Ameling auf seinen Konferenzen sprechen lässt. Nächste Woche feiert Dieter Ameling jedenfalls seinen 72. Geburtstag, und heute hat ihm die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk gemacht: Sie hat (wieder mal) einen Artikel von ihm gedruckt.

Zeitungsausriss mit Überschrift: "Freispruch für CO2 - Revision der Energiewende"

Der Inhalt lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Die Energiewende ist zu teuer und ruiniert die arme deutsche Wirtschaft, die noch stärker ins Ausland flüchten wird, wenn die grünen Chaoten weitermachen wie bisher. Das kann man natürlich so sehen, nicht umsonst steht über dem Artikel „Standpunkt“ – die FAZ-Redaktion kennzeichnet den Text also als Meinungsbeitrag. Trotzdem sollten gewisse journalistische Standards gelten. Westhalb man das zwar konservative, gleichwohl seriöse Blatt schon fragen muss: Sollten Redakteure nicht auch auf Meinungstexte einen kritischen Blick werfen? Und zumindest grobe sachliche Fehler oder Irreführungen verhindern. Okay, der Text stand auf den Wirtschaftsseiten der FAZ, aber Fakten prüfen, das sollte man auch dort können. Oder?

Als Startrampe für seine Suada hat sich Ameling nämlich ein paar Sätze gebastelt, die vorgeben, etwas über die Klimawissenschaft auszusagen. Schauen wir sie uns einzeln an:Ausriss mit Zitat: "Der renommierte Meteorologe Hans von Storch hat jüngst im "Spiegel" sehr klar bekannt, dass eine Erderwärmung seit 15 Jahren nicht mehr stattfindet."

Korrekt an dem Satz ist, dass Hans von Storch ein „renommierter Meteorologe“ ist und dem Spiegel kürzlich ein Interview gegeben hat. Doch hat er – wie sich hier nachlesen lässt – eben nicht „sehr klar bekannt, dass eine Erderwärmung seit 15 Jahren nicht mehr stattfindet“. Das wäre auch Quatsch. Diese Worte hat nur die Spiegel-Redaktion in ihrer Titelei zum Interview gewählt. Korrekt ist, dass die weltweite Durchschnittstemperatur an der Erdoberfläche in den vergangenen 15 Jahren weniger stark gestiegen ist als in den Jahrzehnten zuvor. Doch jeder Wissenschaftler – so auch von Storch – weiß, dass diese sogenannte Erdmitteltemperatur nur ein Indikator für die Erderwärmung ist. Und dass ein 15-Jahres-Zeitraum zu kurz ist, um verlässliche Aussagen über Klimatrends zu treffen – dafür nimmt man in der Regel 30 Jahre. Bei allen kürzeren Zeitspannen überlagern natürliche Klimaschwankungen den Langfristtrend. Und langfristig ist der Trend weiterhin klar, die Erde erwärmt sich. Nur eben, zugegeben, an der Erdoberfläche in den vergangenen 15 Jahren langsamer als zuvor und auch weniger stark, als es Klimamodelle vermuten ließen. Es lohnt ein genauer Blick auf die Worte, die von Storch im Interview wählte: Er sprach von „Stagnation“ der Erderwärmung oder von „Pause“ – aber eben nicht davon, wie Ameling, dass diese „nicht mehr stattfindet“.

Weiter im FAZ-Text: Ausriss mit Zitat: "Die Mittelwerte der Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zeigen sogar einen Rückgang der Temperaturen, und das, obwohl die Kohlendioxidwerte (CO2) weiterhin von Jahr zu Jahr gleichmäßig steigen."

Der Satz mag, bei wohlwollender Auslegung, stimmen – aber er geht am Thema vorbei. Man weiß nicht recht, was Ameling mit „Mittelwerten der Daten des Deutschen Wetterdienstes“ meint, vermutlich die Temperaturdaten der letzten 15 Jahre (sie sind zum Beispiel hier dargestellt, siehe Seite 12). Aber erstens gilt auch hier, dass die letzten 15 Jahre wenig aussagen über langfristige Klimatrends. Und zweitens sagen Temperaturdaten nur für Deutschland noch weniger über die Entwicklung des Weltklimas. Wir nehmen an, dass der Deutsche Wetterdienst (DWD) die Daten besser deuten kann als der Ex-Stahlmanager Ameling. Und der DWD betonte erst im Mai: „Auch in Deutschland lag die Mitteltemperatur im Jahr 2012 mit 9,1 Grad Celsius (°C) erneut deutlich über dem vieljährigen Mittel von 8,2 °C. Das Jahr 2012 war damit kein Rekordjahr, aber das 16.-wärmste seit 1881. Nach Auswertungen des DWD waren 24 der vergangenen 30 Jahre in Deutschland zu warm. In diese drei Jahrzehnte fielen zugleich 9 der 10 wärmsten Jahre der inzwischen 132-jährigen Zeitreihe des nationalen Wetterdienstes.“ Am Klimawandel bestehe jedenfalls kein Zweifel:

Was aber schließt Ameling aus seinen ersten beiden Sätzen?Ausriss mit Zitat: "Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen steigenden CO2-Gehalten der Luft und dem dadurch bedingten Temperaturanstieg existiert also nicht."

Der Satz ist streng genommen korrekt. Aber in diesem Zusammenhang trotzdem völlig irreführend. Denn niemand, jedenfalls kein Klimawissenschaftler, hat jemals behauptet, dass es einen „unmittelbaren Zusammenhang zwischen steigenden CO2-Gehalten der Luft und dem dadurch bedingten Temperaturanstieg“ gebe. Vielleicht glaubt Klein-DieterFritzchen, dass es einen linearen und direkten Zusammenhang gibt. Aber jeder Klimatologe weiß, dass das Klimasystem der Erde kompliziert ist: Dass es neben Kohlendioxid natürlich weitere Klimafaktoren gibt, etwa Methan, die Sonne oder Aerosole in der Atmosphäre, die das CO2 überlagern können. Dass Temperaturanstiege zeitlich versetzt stattfinden können. Dass die Energie im Klimasystem beständig umgewälzt wird und gigantische Wärmemengen in der Tiefsee „verschwinden“ können (dies ist eine mögliche Erklärung, warum an der Erdoberfläche der Temperaturanstieg momentan eher schwach ausfällt). Und so weiter. Dass 15 Jahre CO2-Anstieg in 15 Jahren linearem Temperaturanstieg münden, erwartet jedenfalls niemand. Außer vielleicht Dieter Ameling. Der weiter schreibt:Ausriss mit Zitat: "Von Storch vermutet, dass in den Klimamodellen der Klimaforscher ein fundamentaler Fehler steckt und die Vorhersagen korrigiert werden müssen."

Autsch, wieder eine Verfälschung des Spiegel-Interviews. Hans von Storch kritisiert darin zwar eine Reihe von Fachkollegen (wie er es übrigens oft und gern tut). Von Storch sagt auch, dass etwas mit den bisherigen Klimamodellen nicht stimmen könne (genau deshalb forscht die weltweite Wissenschaftscommunity ja weiter dran). Von Storch sagt wörtlich: „Wenn das so weitergehen sollte [mit der Stagnation des Lufttemperaturanstiegs], müssten wir uns spätestens in fünf Jahren eingestehen, dass mit den Klimamodellen etwas fundamental nicht stimmt.“ Haben Sie es gemerkt? Er sagt „in spätestens fünf Jahren“. Und selbst das würde, so von Storch, nicht bedeuten, dass es keinen Klimawandel gibt, sondern lediglich, dass er langsamer verläuft oder natürliche Klimaschwankungen stärker sind als gedacht. Auf die Interviewfrage, ob „die Theorie der globalen Erwärmung insgesamt auf dem Spiel“ stehe, antwortet von Storch: „Das glaube ich nicht. Wir haben weiterhin überzeugende Hinweise auf einen menschengemachten Treibhauseffekt.“

Da wirkt der weitere – tja, soll man dazu Argumentationsstrang sagen? – mehr als lächerlich: Ausriss mit Zitat: "Es ist höchste Zeit für einen Freispruch des CO2 mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen: Revision der CO2-Einsparziele. Klimaschutz durch CO2-Reduktion ist nicht möglich. Das Klima kann man nicht schützen. Klimawandel gibt es, solange die Erde sich dreht. Revision der Energiewende mit dem Schwerpunkt "Totaler Stopp für den Ausbau der erneuerbaren Energien". Der Ausstieg aus der Kernenergie soll dabei nicht revidiert werden. Revision der überzogenen CO2-Grenzwerte für die Automobilindustrie."

Für einen „Freispruch des CO2″ gibt es nicht den geringsten Grund, jedenfalls keinen wissenschaftlichen. Alles, was auf den folgenden gut drei Zeitungsspalten noch folgt, kann Herr Ameling ja gern glauben. Er kann auch gern eine „Revision der Energiewende“ fordern. Und weiter auf die fossilen Dinosauriertechnologien setzen, mit denen er groß geworden ist. Aber er kann seine Meinungen nicht aus dem Stand der Klimaforschung ableiten.

P.S.: Hans von Storch hat sich nun auf seinem eigenen Blog „Die Klimazwiebel“ zu Wort gemeldet und Ameling „Frechheit“ vorgeworfen.