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Bild: Die Energiewende hassen

Samstag, den 10. August 2013

Diffamieren, verleumden, ‚fertigmachen‘: Die Kollegen der Bild haben am Freitag wieder einmal meisterlich gezeigt, wie und mit welchem Handwerkszeug sie arbeiten.

Schlagzeile:

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In den Umfragen sagen die Deutschen immer wieder, dass sie Ökostrom gut finden. Dass die Energiewende richtig ist. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens über den Ausstieg aus der Atomenergie, und wegen der Erderwärmung kann es mit der Kohleverstromung einfach nicht so weitergehen.

Aber ist das nicht ein Irrsinn mit diesem ganzen Öko-Quatsch? Völlig gaga?

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Es geht um den Windpark Riffgat, der heute vom niedersächsischen Mininsterpräsidenten Stephan Weil (SPD) eröffnet wird: Weil auf dem Meeresgrund jede Menge Weltkriegsmunition liegt, schaffte es Netzbetreiber Tennet nicht rechtzeitig, ein Kabel zu dem 15 Kilometer vor der Nordseeinsel Borkum befindlichen Windpark zu legen. Die fertigen 30 Windkraftwerke können also keinen Strom abtransportieren und stehen folglich still. Damit die Lager und Getriebe im rauen Seeklima aber keinen Schaden nehmen, müssen sie bewegt werden – mit Strom, der von einem Dieselgenerator erzeugt wird.

Das ist natürlich ärgerlich für den Investor EWE, aber vernünftig für die Anlagen, die im kommenden Februar dann schadensfrei in Betrieb gehen sollen. Jedenfalls ist das alles andere als „Wahnsinn“: Ein spezieller Problemfall, den die Offshore-Windtechnologie mit sich bringt und der auch bei anderen Windparks – etwa im RWE-Projekt Nordsee Ost – oder während der Bauphase auftritt.

Ein spezieller Problemfall? Nicht für die Bild:

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Der Energie-“Versorger“ Vattenfall wird zitiert, der droht, seine Pumpspeicherkraftwerke abzuschalten. Grund: Auch diese Anlagen müssen … die Ökostrom-Umlage (5,3 Cent) zahlen“, so die Bild. Ein hundert Meter hoher Betonmast für ein Windrad bei Castrop-Rauxel wird genannt, der vor Jahren wieder gesprengt werden musste, weil er zu nahe an einem Haus gebaut worden war. Und das Gaskraftwerk in Hürth südlich von Köln wird aufgeführt, das der norwegische Konzern Statkraft für 350 Millionen Euro gebaut, aber nicht ans Netz genommen hatte.

Irre Fälle also, und spätestens bei der Ökostrom-Vorfahrt gegen das „topmoderne Gaskraftwerk“ wird klar, wohin der Hase läuft: Die Bild-Macher hassen Ökostrom, die Energiewende und den Klimaschutz. Weshalb sie auch regelmäßig Gegenstand unseres Lügendetektors sind: Von den 46 Einträgen der Kategorie Medien befassen sich zehn gezwungenermaßen mit der Bild.

Statkraft selbst hatte zur Eröffnung erklärt, das Gaskraftwerk stehe ab sofort bereit, „die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien mit klimafreundlicher Gaskraft zu ergänzen“. Wegen der derzeitigen Preissituation an den Strombörsen könne die Anlage derzeit aber nicht wirtschaftlich betrieben werden, hieß es: Während Gas zuletzt teurer wurde, sank der Preis für die produzierte Kilowattstunde Elektrizität. Tatsächlich ist Strom derzeit so billig wie nie.

Was einerseits an den Erneuerbaren liegt: Mittags ist der Stromverbrauch in Deutschland am größten, also genau dann, wenn die Solaranlagen am meisten liefern. Früher konnte Vattenfall seinen billigen Atomstrom in der Nacht dazu nutzen, Wasser auf den Berg zu pumpen – um es in den Mittagsstunden wieder zu (dann teuer verkaufbarem) Strom zu machen. Aber heute ist dank Sonnenkraft der Strom dann nicht mehr so teuer – es lohnt sich für Vattenfall nicht mehr. Andererseits liegt der günstige Strompreis aber an der Kohlekraft und am Emissionshandel: Nie gingen so viele neue Kraftwerke ans Netz wie in diesem Jahr. Und nie waren die Emissionszertifikate – auch weil FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler bisher jede Reform blockiert – so billig wie heute. Der Zusammenhang ist einfach, aber vielleicht doch zu schwierig für Bild: Viele Emissionszertifikate auf dem Markt = niedriger Preis = niedrige Zusatzkosten für Kohlekraftwerke = hohe Konkurrenzfähigkeit von Kohlestrom, der dadurch Gaskraftwerke noch weiter aus dem Markt drängen kann.

Man kann den Bild-Kollegen nicht vorwerfen, sie hätten irgendeinen Einzelfakt falsch berichtet – dadurch wird ihre Darstellung aber noch lange nicht richtig: Das Verschweigen von Details, das Nicht-Herstellen von Zusammenhängen, das Kreieren eines Skandal-Potenzials gewürzt mit einigen deftigen Kraftausdrücken – und schon ist sie angerichtet, die „Energiewende bizarr“:

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Tchibo: Grüner Strom mit einem Fragezeichen

Montag, den 8. November 2010

Nun also auch Tchibo: Deutschlands größter Kaffeeröster steigt ins Ökostrom-Geschäft ein. In ganzseitigen Zeitungsannoncen und im Internet wirbt die Firma für „Grünen Strom“ aus „100 Prozent Wasserkraft“. Der Preis liegt vielerorts unter den Basistarifen der örtlichen Grundversorger, die großteils Atom- und Kohlestrom liefern. Also, alles super?

Naja, wie wir schon öfter schrieben, bringen Ökotarife nur dann etwas für die Umwelt (Experten sprechen vom „zusätzlichen Umweltnutzen“), wenn der Strom nicht aus alten Erzeugungsanlagen stammt, die ohnehin seit langem an Netz sind. Konsumenten sollten deshalb darauf achten, dass ihr Anbieter zumindest einen Teil seiner Einnahmen in neue Windräder, Solarparks oder ähnliches steckt.

Der Tchibo-Ökostrom kommt nach Unternehmensangaben aus Wasserkraftwerken des norwegischen Konzerns Statkraft. Und im Unterschied zu vielen der oft zweifelhaften Billiganbieter betont die Kaffeefirma, dass sie dabei nicht nur die umstrittenen RECS-Zertifikate einkauft, sondern tatsächlich Strom aus Skandinavien bezieht. Dass ein Teil davon garantiert aus Neuanlagen stammt, lässt sich Tchibo durch den Tüv und das renommierte „o.k. power“-Label bescheinigen. Bei der Stiftung Warentest kommt das Angebot denn auch ziemlich gut weg.

Bei einem genauem Blick bleibt dennoch ein Fragezeichen. Denn anders als üblich, finden sich auf der „o.k. power“-Website zu Tchibo keine Angaben zu Namen und Standorten der Wasserkraftanlagen. Dort heißt es lediglich:

Bei Tchibo bleibt also – bislang – leider offen, woher genau der Strom kommt und was mit den Erlösen passiert. Wer als Kunde die Tchibo-Hotline anruft, wird auch nicht schlauer. Die freundliche Frauenstimme weiß bloß, dass der Lieferant ein norwegisches Wasserkraftwerk ist. Doch zum vollmundigen Versprechen der Firma, „dass kontinuierlich neue Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien errichtet werden“, kann sie nichts sagen. Sie verspricht den Rückruf eines „Kollegen aus der Fachabteilung“. Aber auch der erklärt später nur, dass man die norwegischen Wasserkraftanlagen noch ausbauen wolle. Vielleicht investiere man später aber auch in Windkraft. Genau wisse man das noch nicht, „wir haben ja erst angefangen“. Erst der Tchibo-Pressesprecher klärt das Versprechen auf: Die Neuanlagen errichte man nicht selbst – sondern die Kundengelder flössen an Statkraft, und der Konzern baue damit seine Wasserkraftwerke weiter aus. Ob Statkraft das nicht vielleicht ohnehin vorgehabt hat, egal ob Tchibo nun Ökostrom abnimmt, bleibt leider offen… 

Die vier bundesweiten, unabhängigen Öko-Anbieter, die von Umweltverbänden empfohlen werden, arbeiten jedenfalls deutlich nachvollziehbarer. Bei ihnen können Kunden genau erfahren, aus welchen Anlagen ihr Strom stammt oder auch in genau welche neuen Projekten ihr Geld fließt. Zwar ist Tchibo im Vergleich zu diesen Anbietern meist etwas günstiger – arbeitet aber eben auch weniger transparent.

Danke an C. aus Berlin für die Hinweise