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Vattenfall: Grün nur in der Werbung

Mittwoch, den 5. Januar 2011

Nach RWE versucht nun auch Vattenfall, sich mittels Autostrom als fortschrittlichen Energieversorger hinzustellen. In der Neujahrsausgabe der ZEIT erschien jedenfalls diese Annonce:

„Mit grünem Strom wird Fahrspaß umweltfreundlich“, steht da in großen Lettern – und diese Schlagzeile ist (wieder einmal) präzise mehrdeutig formuliert. Erstmal spricht der Satz ja nur eine Binsenweisheit aus. Aber im Zusammenhang mit dem Foto legt er nahe, dass Vattenfall tatsächlich solchen Grünstrom für Elektroautos liefert. Doch stimmt das auch?

Misstrauisch geworden, stolpert man ebenso über das Kleingedruckte:

Ist es Ihnen aufgefallen? Auch hier wird, im zweiten Satz, genau genommen NICHT behauptet, Vattenfall liefere grünen Strom. Der schwedische Staatskonzern sagt lediglich, dass er in Berlin Ladesäulen aufstelle, an denen saubere Elektrizität „getankt werden kann“. Und dass er „die Infrastruktur für eine emissionsfreie automobile Zukunft liefert“. Nicht aber den Strom? Komisch, oder?

Ein genauer Blick auf das Berliner Pilotprojekt von Vattenfall und BMW ergibt dann auch einen weniger strahlenden Eindruck als die ZEIT-Annonce. Der „große Alltagstest“ zum Beispiel, von dem hier gesprochen wird, läuft momentan gar nicht – sondern ist schon vor vier Monaten beendet worden. Ein zweiter Durchgang soll zwar in diesem Jahr starten, aber im Moment gibt es (außer 50 chic-blauen Ladesäulen) tatsächlich nichts zu bewerben.

Und was ist nun mit grünem Autostrom? Für das Berliner E-Mini-Pilotprojekt im vergangenen Jahr lieferte Vattenfall auch Energie und ließ sich diese vom renommierten o.k.-power-Label zertifizieren. Der Strom aber stammte von ziemlich weit her, nämlich aus einem (nicht näher spezifizierten) norwegischen Wasserkraftwerk. Auch das wirkt komisch. Hat Deutschlands drittgrößter Energieversorger denn keine inländischen Erzeugungskapazitäten für grünen Strom?

Offenbar nicht. Vattenfall bietet auf seiner Website ein Gesamtverzeichnis der konzerneigenen Kraftwerke. Nach ein paar Klicks ergibt sich hier, dass das Unternehmen in Deutschland zwar sechs „Wasserkraftwerke“ betreibt – aber alle sechs sind Pumpspeicheranlagen, die gar keine Energie erzeugen, sondern lediglich zwischenspeichern. Noch trauriger ist das Bild bei der Windkraft: Einen einzigen (!) Windpark im brandenburgischen Jänschwalde verzeichnet die Liste (daneben hat Vattenfall noch einige Kleinanlagen und ein Testprojekt in der Nordsee). Bleibt die „Biomasse“ – doch unter diesem Punkt nennt Vattenfalls größtenteils Müllverbrennungsanlagen.

Den ganzen Jammer des deutschen Vattenfall-Strommixes zeigt die Statistik weiter unten auf der Seite (die Daten beziehen sich auf das Jahr 2009): Der Anteil von Wasserkraft beträgt null, der von Windenergie 0,1 Prozent – dagegen stammen mehr als 90 Prozent der hierzulande von Vattenfall erzeugten Elektrizität aus Kohlekraft, vor allem aus besonders dreckigen Braunkohle-Blöcken.

Kein Wunder also, dass der Konzern vor gut zwei Jahren von Greenpeace zum „klimaschädlichsten Stromanbieter“ Deutschlands gekürt wurde. Kein anderer Energieversorger stößt pro erzeugter Kilowattstunde (kWh) so viel Kohlendioxid aus wie Vattenfall. Die Zahl, die der Konzern hierzu auf der Website veröffentlicht, ist übrigens komplett verkehrt:

Gut 67 Gramm pro kWh werden da genannt – was sensationell wenig und mit Kohlekraftwerken nie zu erreichen wäre. Schlägt man in der angegebenen Quelle nach, in Vattenfalls CSR-Bericht 2009, so ergibt sich: Die Zahl 67,6 ist in Wahrheit der absolute CO2-Ausstoß in Millionen Tonnen. Die sogenannte „spezifische“ CO2-Emission, also den Ausstoß pro kWh,  zeigt in dieser Grafik aus dem Report (Seite 57) der hellblaue Balken:

Sie liegt also in Wahrheit bei gigantischen 1.020 Gramm pro Kilowattstunde. Zurück zur ZEIT-Annonce: „Mit grünem Strom wird Fahrspaß umweltfreundlich“, heißt es da zutreffend. Nur: Bei Vattenfall in Deutschland gibt es grünen Strom praktisch nicht.

P.S.: Die Vattenfall-Pressestelle erklärte auf Anfrage, dass sich die ZEIT-Annonce tatsächlich auf den oben erwähnten zweiten Durchgang des Berliner Mini-Projekts bezieht; derzeit laufe die Bewerbungsphase, in der sich Testfahrer melden können. Der eigene Autostrom,  betont das Unternehmen, stamme zu hundert Prozent aus neu errichteten Anlagen, dies habe der Tüv Nord bestätigt. Lieferant sei das vier Jahre alte Wasserkraftwerk Blåfalli Vik in Westnorwegen.

Anm. d. Red.: Der letzte Punkt macht die Sache mit dem Vattenfall-Autostrom noch komischer. Betreiber von Blåfalli Vik ist nämlich nicht Vattenfall, sondern ein kleiner Regionalversorger, die Sunnhordland Kraftlag (SKL). Der Konzern nutzt also für sein imageförderndes Autostromprojekt Elektrizität der Konkurrenz!


Lekker Energie: Nur 56 Prozent Ökostrom

Mittwoch, den 15. Dezember 2010

Mit dem Slogan „lekker Strom“ stürmte vor ein paar Jahren der holländische Energiekonzern Nuon auf den deutschen Markt, durchaus mit Erfolg. Bald hatte das Unternehmen hierzulande knapp 300.000 Kunden und außerdem ein freches Image. 2009 schluckte Vattenfall die ganze Firma. Auf Druck der EU-Wettbewerbsbehörde musste der schwedische Energieriese aber das deutsche Nuon-Geschäft verkaufen. Es gehört nun der Enervie-Gruppe aus NRW (Anteilseigner u.a. RWE) und tritt unter dem Firmennamen „lekker Energie“ auf.

„Ich bin lekker“ steht auf den Plakaten der aktuellen Werbekampagne. Dazu Fotos von (gutaussehenden) Kunden. Und jeweils ein Satz, der mit „Weil ich…“ beginnt. „Weil ich mitdenke“, sagt da etwa eine junge Frau. „Weil mir die Zukunft wichtig ist“, erklärt eine etwas ältere. Daneben prangt als Versprechen „100 % Ökostrom“ bzw. „100 % atomstromfrei“.

Auf der Firmenwebsite werden diese Zusagen wiederholt. Doch wer genau liest, der stolpert. Für den Tarif „lekker Strom“ beispielsweise wird nirgends erwähnt, woher genau die Energie stammt. Man kaufe dafür lediglich RECS-Zertifikate ein, räumt auf Nachfrage die Firmensprecherin ein – die aber sind unter Umwelt- und Verbraucherschützern sehr umstritten. Der Tarif „geniaale Strom“ hingegen ist mit dem renommierten „o.k. power“-Label zertifiziert, weshalb sich nachvollziehen lässt, dass dieser Strom aus drei norwegischen Wasserkraftwerken stammt.

Wirklich stutzig aber macht ein Blick auf die gesetzlich vorgeschriebene Stromkennzeichnung: Groß und signalgelb unterlegt steht da für alle Produkte „100 % Erneuerbare Energien“. Unauffällig unter der Tabelle jedoch finden sich Angaben zum Gesamt-Strommix der Firma:

Wie kann das sein? Alle Tarife enthalten 100 Prozent Ökoenergie, für die gesamte Firma beträgt die Grünstrom-Quote aber nur 56 Prozent? Die Antwort findet sich im Geschäftskundenbereich der Firmenwebsite:

Großabnehmer bekommen bei lekker Energie nicht nur Ökostrom, sondern auch dreckigen Kohle- oder riskanten Atomstrom. Der Geschäftskundentarif „dekkel Strom“ ist alles andere als „100 % atomstromfrei“, sondern enthält mit 30 % sogar mehr Kernkraft als der bundesweite Durchschnittsmix. „Industriekunden bekommen bei uns, was sie haben wollen“, erklärt Firmensprecherin Heike Klumpe. Und das sei „leider nicht immer“ Ökostrom.

Was stand nochmal auf den Plakaten? „Weil mir die Zukunft wichtig ist“. Wem die Zukunft so wichtig ist, dass er einen Energieversorger wählt, der wirklich nur Ökostrom vertreibt, für den ist lekker Energie gar nicht lecker.

Danke für den Hinweis an Christian B.


Tchibo: Grüner Strom mit einem Fragezeichen

Montag, den 8. November 2010

Nun also auch Tchibo: Deutschlands größter Kaffeeröster steigt ins Ökostrom-Geschäft ein. In ganzseitigen Zeitungsannoncen und im Internet wirbt die Firma für „Grünen Strom“ aus „100 Prozent Wasserkraft“. Der Preis liegt vielerorts unter den Basistarifen der örtlichen Grundversorger, die großteils Atom- und Kohlestrom liefern. Also, alles super?

Naja, wie wir schon öfter schrieben, bringen Ökotarife nur dann etwas für die Umwelt (Experten sprechen vom „zusätzlichen Umweltnutzen“), wenn der Strom nicht aus alten Erzeugungsanlagen stammt, die ohnehin seit langem an Netz sind. Konsumenten sollten deshalb darauf achten, dass ihr Anbieter zumindest einen Teil seiner Einnahmen in neue Windräder, Solarparks oder ähnliches steckt.

Der Tchibo-Ökostrom kommt nach Unternehmensangaben aus Wasserkraftwerken des norwegischen Konzerns Statkraft. Und im Unterschied zu vielen der oft zweifelhaften Billiganbieter betont die Kaffeefirma, dass sie dabei nicht nur die umstrittenen RECS-Zertifikate einkauft, sondern tatsächlich Strom aus Skandinavien bezieht. Dass ein Teil davon garantiert aus Neuanlagen stammt, lässt sich Tchibo durch den Tüv und das renommierte „o.k. power“-Label bescheinigen. Bei der Stiftung Warentest kommt das Angebot denn auch ziemlich gut weg.

Bei einem genauem Blick bleibt dennoch ein Fragezeichen. Denn anders als üblich, finden sich auf der „o.k. power“-Website zu Tchibo keine Angaben zu Namen und Standorten der Wasserkraftanlagen. Dort heißt es lediglich:

Bei Tchibo bleibt also – bislang – leider offen, woher genau der Strom kommt und was mit den Erlösen passiert. Wer als Kunde die Tchibo-Hotline anruft, wird auch nicht schlauer. Die freundliche Frauenstimme weiß bloß, dass der Lieferant ein norwegisches Wasserkraftwerk ist. Doch zum vollmundigen Versprechen der Firma, „dass kontinuierlich neue Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien errichtet werden“, kann sie nichts sagen. Sie verspricht den Rückruf eines „Kollegen aus der Fachabteilung“. Aber auch der erklärt später nur, dass man die norwegischen Wasserkraftanlagen noch ausbauen wolle. Vielleicht investiere man später aber auch in Windkraft. Genau wisse man das noch nicht, „wir haben ja erst angefangen“. Erst der Tchibo-Pressesprecher klärt das Versprechen auf: Die Neuanlagen errichte man nicht selbst – sondern die Kundengelder flössen an Statkraft, und der Konzern baue damit seine Wasserkraftwerke weiter aus. Ob Statkraft das nicht vielleicht ohnehin vorgehabt hat, egal ob Tchibo nun Ökostrom abnimmt, bleibt leider offen… 

Die vier bundesweiten, unabhängigen Öko-Anbieter, die von Umweltverbänden empfohlen werden, arbeiten jedenfalls deutlich nachvollziehbarer. Bei ihnen können Kunden genau erfahren, aus welchen Anlagen ihr Strom stammt oder auch in genau welche neuen Projekten ihr Geld fließt. Zwar ist Tchibo im Vergleich zu diesen Anbietern meist etwas günstiger – arbeitet aber eben auch weniger transparent.

Danke an C. aus Berlin für die Hinweise


Wie grün sind Flexstrom, Vattenfall & Co.?

Dienstag, den 12. Januar 2010

Na, auch mit guten Vorsätzen ins Neue Jahr gestartet? Etwa mit dem, endlich zu Ökostrom zu wechseln? Prima! Blöderweise gibt es inzwischen eine schier unüberschaubare Vielfalt von Anbietern.

Verbraucherportale wie Verivox haben darauf mit Vergleichsrechnern ausschließlich für Ökostrom reagiert. An erster Stelle rangieren dort weithin unbekannte Anbieter – aber nicht wegen besonders grüner Elektrizität, sondern wegen niedriger Preise. Zum „Discountpreis“ tritt etwa Stromio an:

oekostrom_stromio

Diese Information zur Herkunft ist wenig erhellend. Denn RECS-Zertifikate allein sagen nichts über die Qualität des Ökostroms. Häufig stammt er aus uralten Wasserkraftanlagen irgendwo in Europa, er wird nun lediglich aus dem üblichen Energiemix ausgegliedert und – meist mit Aufschlag – an öko-bewusste Kunden verkauft. Umweltschützer kritisieren das RECS-System seit langem, denn man kann dreckigen Kohlestrom damit grün etikettieren, und bisweilen scheint RECS vor allem den Gewinnen der Stromanbieter zu nützen. Experten bewerten die Güte von Ökostrom danach, ob es einen „zusätzlichen Umweltnutzen“ gibt – ob also der Wechsel von Kunden dazu führt, dass wirklich neue Anlagen gebaut werden.

Das aber ist schwer herauszufinden, die Suche eines guten Anbieters gleicht deshalb einer mühsamen Odyssee. Auf der Website von Envacom etwa finden sich überhaupt keine Detailinformationen zur Stromherkunft. Und ein Anruf beim Kundentelefon verläuft bizarr: Man liefere Sonnen-, Wind- und Wasserkraft und zwar aus der Schweiz, sagt eine freundliche Frauenstimme, und, „ja, das müssten Neuanlagen sein“. Auf Nachfragen schaltet sie mehrfach die Wartemusik an und macht sich kundig. Am Ende heißt es, der Strom stamme größtenteils aus österreichischer Wasserkraft und nicht aus Neuanlagen – weiteres erfahre man auf der RECS-Website, so die abwimmelnde Antwort. Dort aber gibt es nur allgemeine Informationen zur Zertifizierung und natürlich nicht zum Envacom-Strom. Billig-Konkurrent Flexstrom verspricht einen „wertvollen Beitrag zum Klimaschutz“ („garantiert zertifiziert“) – doch bezieht auch er bloß RECS-Strom aus bestehenden Wasser- und Windkraftanlagen in Skandinavien. Mit niedlichen Affenbildchen und einem Regenwaldprojekt von Costa Rica versucht man hier die Kunden zu beeindrucken.

oekostrom_flexstrom

Nachfragen zur Stromherkunft oder dazu, wieviel Geld genau in den Schutz des Regenwald fließt, wollte die Flexstrom-Hotline nicht beantworten. Auf die erbetene E-Mail kam lediglich ein Formbrief zurück: „Wenn Sie Ihre Vertragsnummer nicht angeben, kann Ihre Anfrage leider nicht bearbeitet werden und wird automatisch nach 2 Wochen geloescht.“ Aha.

Orientierung in diesem Dschungel versprechen Tarif-Gütesiegel, das wohl wichtigste heißt „o.k. power“ und wird unter anderem vom Umweltverband WWF getragen. Anbieter mit diesem Siegel müssen beispielsweise nachweisen, dass ein Drittel ihres Ökostroms aus Anlagen stammt, die nicht älter als sechs Jahre sind. Fein! Aber auch hier wundert sich der Kunde, denn an erster Stelle im Preisvergleich rangiert ausgerechnet Vattenfall.

oekostrom_vattenfall

Nach dem Atom- und Kohlegiganten folgen etliche Stadtwerke und Kleinanbieter. Ihnen allen bescheinigt das Siegel, auf die eine oder andere Art Neuanlagen zu fördern. Und paradoxerweise ist das für Firmen wie Vattenfall besonders einfach: Die Stromriesen haben die Energiewende geradezu verschlafen, bei Vattenfall kommt hierzulande bisher nur etwa ein Prozent des Stroms aus neuen Windkraftanlagen (und drei Viertel aus der besonders dreckigen Braunkohle). In seiner Heimat Skandinavien baut Vattenfall seit langem Wasser- und Windkraftanlagen, und wegen des großen Nachholbedarfs muss der Konzern in Deutschland sowieso Milliardensummen in Ökostrom investieren – da kann er das schmückende o.k.-Gütesiegel quasi nebenher mitnehmen.

Dieses Dilemma kennen viele umweltbewusste Verbraucher: Der Smart von Daimler mag ja korrekt sein – aber der Konzern ist auch ein Waffenlieferant. Siemens hat energiesparende Haushaltsgeräte – aber baut auch Atomkraftwerke. Neuerdings gibt es Biomilch bei Lidl – doch die Discounterkette ist für ihren rüden Umgang mit Beschäftigten bekannt. Bei Ökostrom rät deshalb ein Bündnis von 21 Umweltverbänden wirklich öko-bewussten Verbrauchern, nicht nur auf Preis und Herkunft zu gucken, sondern auch auf den Lieferanten – und empfiehlt die unabhängigen Anbieter Lichtblick, Greenpeace Energy, EWS und Naturstrom. Denn auch wenn an Vattenfalls „Easy Natur Privatstrom“ direkt wenig auszusetzen sein mag, könnten die Gewinne daraus doch in neue Atom- oder Kohlekraftwerke fließen.

Danke an Manfred S. und Magdalena S. für die Hinweise