Vattenfall: Grün nur in der Werbung

Nach RWE versucht nun auch Vattenfall, sich mittels Autostrom als fortschrittlichen Energieversorger hinzustellen. In der Neujahrsausgabe der ZEIT erschien jedenfalls diese Annonce:

„Mit grünem Strom wird Fahrspaß umweltfreundlich“, steht da in großen Lettern – und diese Schlagzeile ist (wieder einmal) präzise mehrdeutig formuliert. Erstmal spricht der Satz ja nur eine Binsenweisheit aus. Aber im Zusammenhang mit dem Foto legt er nahe, dass Vattenfall tatsächlich solchen Grünstrom für Elektroautos liefert. Doch stimmt das auch?

Misstrauisch geworden, stolpert man ebenso über das Kleingedruckte:

Ist es Ihnen aufgefallen? Auch hier wird, im zweiten Satz, genau genommen NICHT behauptet, Vattenfall liefere grünen Strom. Der schwedische Staatskonzern sagt lediglich, dass er in Berlin Ladesäulen aufstelle, an denen saubere Elektrizität „getankt werden kann“. Und dass er „die Infrastruktur für eine emissionsfreie automobile Zukunft liefert“. Nicht aber den Strom? Komisch, oder?

Ein genauer Blick auf das Berliner Pilotprojekt von Vattenfall und BMW ergibt dann auch einen weniger strahlenden Eindruck als die ZEIT-Annonce. Der „große Alltagstest“ zum Beispiel, von dem hier gesprochen wird, läuft momentan gar nicht – sondern ist schon vor vier Monaten beendet worden. Ein zweiter Durchgang soll zwar in diesem Jahr starten, aber im Moment gibt es (außer 50 chic-blauen Ladesäulen) tatsächlich nichts zu bewerben.

Und was ist nun mit grünem Autostrom? Für das Berliner E-Mini-Pilotprojekt im vergangenen Jahr lieferte Vattenfall auch Energie und ließ sich diese vom renommierten o.k.-power-Label zertifizieren. Der Strom aber stammte von ziemlich weit her, nämlich aus einem (nicht näher spezifizierten) norwegischen Wasserkraftwerk. Auch das wirkt komisch. Hat Deutschlands drittgrößter Energieversorger denn keine inländischen Erzeugungskapazitäten für grünen Strom?

Offenbar nicht. Vattenfall bietet auf seiner Website ein Gesamtverzeichnis der konzerneigenen Kraftwerke. Nach ein paar Klicks ergibt sich hier, dass das Unternehmen in Deutschland zwar sechs „Wasserkraftwerke“ betreibt – aber alle sechs sind Pumpspeicheranlagen, die gar keine Energie erzeugen, sondern lediglich zwischenspeichern. Noch trauriger ist das Bild bei der Windkraft: Einen einzigen (!) Windpark im brandenburgischen Jänschwalde verzeichnet die Liste (daneben hat Vattenfall noch einige Kleinanlagen und ein Testprojekt in der Nordsee). Bleibt die „Biomasse“ – doch unter diesem Punkt nennt Vattenfalls größtenteils Müllverbrennungsanlagen.

Den ganzen Jammer des deutschen Vattenfall-Strommixes zeigt die Statistik weiter unten auf der Seite (die Daten beziehen sich auf das Jahr 2009): Der Anteil von Wasserkraft beträgt null, der von Windenergie 0,1 Prozent – dagegen stammen mehr als 90 Prozent der hierzulande von Vattenfall erzeugten Elektrizität aus Kohlekraft, vor allem aus besonders dreckigen Braunkohle-Blöcken.

Kein Wunder also, dass der Konzern vor gut zwei Jahren von Greenpeace zum „klimaschädlichsten Stromanbieter“ Deutschlands gekürt wurde. Kein anderer Energieversorger stößt pro erzeugter Kilowattstunde (kWh) so viel Kohlendioxid aus wie Vattenfall. Die Zahl, die der Konzern hierzu auf der Website veröffentlicht, ist übrigens komplett verkehrt:

Gut 67 Gramm pro kWh werden da genannt – was sensationell wenig und mit Kohlekraftwerken nie zu erreichen wäre. Schlägt man in der angegebenen Quelle nach, in Vattenfalls CSR-Bericht 2009, so ergibt sich: Die Zahl 67,6 ist in Wahrheit der absolute CO2-Ausstoß in Millionen Tonnen. Die sogenannte „spezifische“ CO2-Emission, also den Ausstoß pro kWh,  zeigt in dieser Grafik aus dem Report (Seite 57) der hellblaue Balken:

Sie liegt also in Wahrheit bei gigantischen 1.020 Gramm pro Kilowattstunde. Zurück zur ZEIT-Annonce: „Mit grünem Strom wird Fahrspaß umweltfreundlich“, heißt es da zutreffend. Nur: Bei Vattenfall in Deutschland gibt es grünen Strom praktisch nicht.

P.S.: Die Vattenfall-Pressestelle erklärte auf Anfrage, dass sich die ZEIT-Annonce tatsächlich auf den oben erwähnten zweiten Durchgang des Berliner Mini-Projekts bezieht; derzeit laufe die Bewerbungsphase, in der sich Testfahrer melden können. Der eigene Autostrom,  betont das Unternehmen, stamme zu hundert Prozent aus neu errichteten Anlagen, dies habe der Tüv Nord bestätigt. Lieferant sei das vier Jahre alte Wasserkraftwerk Blåfalli Vik in Westnorwegen.

Anm. d. Red.: Der letzte Punkt macht die Sache mit dem Vattenfall-Autostrom noch komischer. Betreiber von Blåfalli Vik ist nämlich nicht Vattenfall, sondern ein kleiner Regionalversorger, die Sunnhordland Kraftlag (SKL). Der Konzern nutzt also für sein imageförderndes Autostromprojekt Elektrizität der Konkurrenz!