Monatsarchiv für Mai 2012

Luftfahrtlobby: Tolle Passagierprognosen

Mittwoch, den 30. Mai 2012

Klaus-Peter Siegloch war einmal ein bekanntes Fernsehgesicht, jahrelang moderierte er zum Beispiel die ZDF-Nachrichten heute. Seit seiner Pensionierung versucht Siegloch, der deutschen Flugbranche ein Gesicht zu geben. Seine neueste Aktion ist eine – ja, nennen wir es ruhig so – Kampagne gegen die vor anderthalb Jahren eingeführte Steuer auf Flugtickets. Auf der Internetseite des Bundesverbandes der Deutschen Luftfahrtwirtschaft (BDL) heißt es:

Zum Start wurden ein paar Angestellte der Branche mit Transparent und Buttons vor Fotografen gestellt. In den kommenden Wochen sollen rund eine Million Faltblätter verteilt werden, die „über die schädlichen Folgen der Steuer informieren“. Unter www.bdl.aero darf außerdem über die Steuer „abgestimmt“ werden.

Zur Erinnerung: Ab 1. Januar 2011 musste Fluggesellschaften für jeden Passagier eine Steuer an den Bund zahlen, je nach Länge des Fluges zwischen acht und 45 Euro, seit Einbeziehung des Luftverkehrs in den EU-Emissionshandel sind es zwischen 7,50 und 42,18 Euro. „Die Steuer verteuert jeden Flug“, klagt nun Siegloch. „Das bekommen auch die Passagiere zu spüren“, heißt es weiter (obwohl, was er verschweigt, die Steuer nicht notwendigerweise auf die Ticketpreise umgelegt werden muss). Und natürlich wählt der erfahrene Journalist dann ein extremes Beispiel, um einen möglichst hohen Betrag zu errechnen: „Eine vierköpfige Familie muss zum Beispiel für einen Flug in die USA 168,72 Euro Luftverkehrsteuer zahlen. Für die Urlaubskasse ist das keine Kleinigkeit.“

Weiter heißt es in der Kampagne:

Hoppla, die Steuer bedeute fünf Millionen Passagiere weniger? Woher kommt denn diese Zahl?

Nach Angaben der Bundesregierung stiegen 2011 in Deutschland 199.685.497 Menschen in ein oder aus einem Flugzeug – exakt 9.390.181 mehr als im Vorjahr. Das ist ein größeres Wachstum als von 2009 auf 2010: Damals nahm die Zahl der Passagiere „nur“ um 8.419.961 zu. Trotzdem heißt es in dem BDL-Flugblatt: „Fakt ist: Im Jahr 2011 fehlten in Deutschland 5 Millionen Flugpassagiere“.

Wie kommen die Lobbyisten auf diese kernige Aussage? Ganz einfach, sie berufen sich auf eine Untersuchung des Instituts Intraplan, die sie offenbar selbst in Auftrag gegeben haben. Das Institut hat Erfahrung in solchen Hochrechnungen: Von Intraplan stammen beispielsweise Passagier-Prognosen für die Flughäfen München (Verdoppelung bis 2020) und Frankfurt/Main (75 Prozent plus bis 2020), auf deren Grundlage dann neue Startbahnen gebaut wurden. Diesmal lieferten die Experten eine Berechnung ab, deren Logik in ihrer Schlichtheit geradezu bestechend ist:

Es sei quasi ein Naturgesetz, dass der Flugverkehr stärker wächst als die Gesamtwirtschaft. In Deutschland sei das aber 2011 nicht der Fall gewesen. Im Klartext: Es flogen zwar mehr Leute als im Vorjahr, aber es hätten noch viel mehr sein müssen – ergo sei der Staat für fünf Millionen Minderpassagiere verantwortlich.

Zwar kommt das Bundesfinanzministerium, wie die Süddeutsche Zeitung vor ein paar Tagen berichtete, in einem Positionspapier zu ganz anderen Ergebnissen. Aber wir greifen die bestechende BDL-Logik gern auf. Erstens bedeutet sie: Die Bundesregierung hat offenbar ein Lenkungsinstrument entwickelt, das fünf Millionen Menschen auf klimafreundlichere Verkehrsmittel umgeleitet hat – wir gratulieren! Zweitens funktioniert es leider nicht so gut, dass es den klimaschädlichen Wahnsinn am Himmel vom weiteren Wachsen abhält. Es flogen ja trotz Steuer fast zehn Millionen mehr Passagiere als 2010, die Flugbranche hätte sogar gern 15 Millionen mehr gehabt. Die Luftverkehrssteuer muss also drittens deutlich erhöht werden, um noch besser in Richtung klimafreundliche Mobilität zu steuern. Gelegenheit zur Korrektur hat die Bundesregierung, will sie doch bis 30. Juni einen Evaluationsbericht zur Steuer vorlegen.

Doch nochmal zurück zu Intraplan. Wenn das Institut stets so seriös wie in diesem Fall mit Fluggastzahlen und -prognosen umgeht, dann sollte sich der Flughafen München die Pläne einer dritten Startbahn besser nochmal überlegen. Das jedenfalls ist Fakt!

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache

Mittwoch, den 23. Mai 2012

DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die Darstellung ist kenntnisreich und ausgewogen. „Über die Umweltfreundlichkeit von Elektroautos wird heftig gestritten“, heißt es beispielsweise. Umweltfreundlich seien E-Mobile nur, wenn sie regenerativ erzeugten Strom nutzen. Drittens – und das ist womöglich die größte Stärke von DB mobil – wird die Zeitschrift tatsächlich gelesen. „Eine Fahrt im Fernzug dauert im Durchschnitt mindestens 2,5 Stunden. Das ist genug Zeit“, heißt es in den Mediadaten. Die Marktforschung attestiert DB mobil, mit jeder Ausgabe 13,13 Millionen Menschen zu erreichen – statistisch gesehen jeden sechsten Deutschen.

Was liegt also näher, als dem umweltaffinen Publikum via  DB mobil die Vorzüge des eigenen Produktes näherzubringen? In der Mai-Ausgabe geht es - gleich hinter der Titelgeschichte zur Elektromobilität – in einem sogenannten Advertorial – um die „Faszination Stahl“. Advertorials sind  Mitteldinge zwischen Anzeige und redaktionellem Text, in diesem Falle bezahlt und gemacht vom Stahl-Informations-Zentrum, dem Lobby-Verband der deutschen Stahlwirtschaft.

Auf der Titelseite ist eine 114 Meter hohe Stahlskulptur abgebildet, die gerade auf dem Olympiagelände im Londoner Osten entsteht. Außerdem wird über die olympische Basketball-Halle berichtet: eine 12.000 Zuschauer fassende Stahlkonstruktion, die nach den Spielen wieder abgebaut werden kann, um sie beispielsweise bei den nächsten Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro wiederzuverwenden. Außerdem geht es um die 1.224 Kilometer lange Gaspipeline von Russland nach Deutschland durch die Ostsee, um Auto-Industrie und Modewirtschaft (Strickmaschinen-Nadeln sind filigrane Wunder aus Stahl, der Werkstoff ist also nicht nur für Protz und Gigantismus gut.) Und, und, und.

Und es geht um eine „Wachstumsampel auf Grün“. Unter dieser Überschrift wird Rudolf Martin Siegers interviewt, der Deutschland- Chef von Siemens. Eine Frage lautet:

Alles im grünen Bereich also mit der „Faszination Stahl“? Nunja, schön wär’s. Leider trägt der folgende Artikel die gar nicht filigrane Überschrift: „Preistreiber Energie“. In der Unterzeile wird behauptet: „Steigende Stromkosten gefährden den Standort Deutschland.“

Im zugehörigen Text wird dann von einem Stahlwerk in Krefeld berichtet, dass zum Jahresende dichtmachen müsse, weil es im europäischen Wettbewerb nicht mithalten könne – „insbesondere bedingt durch die hohen Energiekosten am Standort Deutschland“. Weiter heißt es:

Oh Gott! Das kann doch niemand wollen (nicht einmal der Klima-Lügendetektor): Dass wir ohne Stahl leben müssen.

EEG-Umlage, Emissionshandel und Energiesteuer – ei, ei, ei, die arme Stahlwirtschaft! Tatsächlich ist die EEG-Umlage wegen des rasanten Ausbaus der Erneuerbaren in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aber hat nicht die Stahlbranche (wie auch andere Industriezweige) längst Wege gefunden, um die EEG-Umlage zu umgehen?  Zum Beispiel einfach ein Kraftwerk mieten und damit den Status „Eigenstromerzeuger“ bekommen und damit eine Befreiung von der schlimmen Umlage. Diese Regelung im Gesetz nennt sich „Eigenstrom-Privileg“, und ist nicht nur in der Stahlwirtschaft bereits sehr beliebt. Schätzungen zufolge vermeidet die deutsche Industrie durch dieses Schlupfloch Kosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro.

Daneben haben es die Wirtschaftslobbyisten geschafft, dass auch „energieintensive“ Unternehmen (vulgo: Großverbraucher) im Gesetz bevorteilt werden. Sie zahlen nur eine minimale Umlage von 0,05 Cent pro Kilowattstunden - alle anderen (und damit auch die allermeisten Leser von DB mobil) zahlen derzeit knapp 3,6 Cent, also rund das Siebzigfache! Nach Angaben des Bundesverbands Erneuerbare Energien kommen mittlerweile fast 600 Unternehmen in Deutschland in den Genuss dieses Privilegs. Das Solidarprinzip bei der Finanzierung der Energiewende ist also längst ausgehebelt. Nicht mehr alle beteiligen sich, sondern einige mehr. Die Mehrkosten für die „normalen“ Stromverbraucher beziffert der grüne Lobbyverband auf 300 bis 500 Millionen Euro pro Jahr.

So ähnlich ist das Bild beim Emissionshandel: In ihrem Advertorial übertreibt die Stahlindustrie die Belastung. Einer Studie der britischen Umweltorganisation Sandbag nämlich verdient sie am Emissionshandel sogar! Unter den Hauptprofiteuren sind laut der Untersuchung die Stahlkonzerne ThyssenKrupp und Salzgitter AG – allein ThyssenKrupp besitzt demnach überschüssige CO2-Zertifikate im Wert von rund 250 Millionen Euro, die Deutschlands größter Stahlkonzern auf dem Markt verkaufen kann. Auch andere Studien waren zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Laut Berechnungen des Ökoinstituts von Ende 2010 bringen diverse Sonderregelungen im Emissionshandel der Industrie rund 39 Milliarden Euro Extra-Erlöse.

Und was ist mit der „Energiesteuer“? Damit meinen die Stahl-PR-Macher wohl die „Ökosteuer“. Aber das sagen sie nicht, weil die von den meisten DB mobil -Lesern vermutlich ganz okay gefunden wird. Die „Ökosteuer“ ist seit Einführung 1999 in mehreren Stufen angehoben worden – auf jetzt 2,05 Cent pro Kilowattstunde – aber auch hier hat die (damals rot-grüne) Bundesregierung auf Druck der Industrie eine ganze Reihe von Ausnahmetatbeständen zugestanden, etwa für energieintensive Branchen wie die Stahlwirtschaft. Bei der Steuernovelle 2006 wurden diese Privilegien stark ausgeweitet, laut einer Studie des Beratungsunternehmen Arepo Consult stiegen die steuerlichen Entlastungen stromintensiver Branchen von vier auf mehr als fünf Milliarden Euro – und seien inzwischen die „größten im Subventionsbericht der Bundesregierung erfassten Subventionen“.

Fassen wir zusammen: Fast keine EEG-Umlage! Privilegien beim Emissionshandel! Und während die braven Leser von DB mobil ihre Energiesteuern zahlen, haben die Konzerne weitreichende Befreiuungen erkämpft. Die Behauptungen der deutschen Stahlwirtschaft sind also pure Panikmache.

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Vattenfall: Einfach schlecht vorbereitet

Freitag, den 11. Mai 2012

Es gibt Werbekampagnen, die so schlecht sind, dass man sich fragt, wie sie jemals zustande kommen konnten. Ist die Agentur zu blöd? Wollen die Chefs, die die Kampagne abnehmen, ihre Firma bewußt schädigen? Ist das Produkt so miserabel, dass es einfach nicht besser beworben werden kann? Oder handelt es sich gar um Satire?

Ein solches Beispiel liefert die aktuelle Kampagne des Stromkonzern Vattenfall:

Vattenfall hat jede Menge Geld aus seinem PR-Topf in die Sportförderung gesteckt, um am vorhersehbaren Sommerhype um die Olympischen Spiele partizipieren zu können. Wenn zwischen 27. Juli und  12. August Sportler in London um Medaillen kämpfen, will Vattenfall irgendwie dabeisein.

In der Anzeige heißt es:

Langfristiger Einsatz? Vattenfall will damit vermutlich auf sein Festhalten an einer Steinzeittechnologie anspielen: In der Lausitz fressen sich seit hundert Jahren gigantische Schaufelradbagger in den Mutterboden, um Braunkohle zu Strom verbrennen zu können. „In langfristigem Einsatz steckt Energie“, texteten die Werber: Tatsächlich will Vattenfall gleich drei neue Tagebaue in der Lausitz aufschließen, um auch langfristig nach 2030 noch mit dieser Uralt-Technologie Profit aus der Schädigung der Erdatmosphäre zu schlagen. Denn Braunkohle ist bekanntlich der klimaschädlichste aller Brennstoffe, und daran angesichts der heraufziehenden Klimakatastrophe festzuhalten, ist schon dumm. Aber muss man damit auch noch werben?

Wer sich trotz der Annonce auf die Internetseite zur Kampagne verirrt, staunt nicht schlecht: Kein Wort von neuen Tagebauen, statt dessen heißt es dort: „Vattenfall investiert jedes Jahr große Summen in die Entwicklung von neuen und bereits vorhandenen Ressourcen.“ Dann sind da sechs verschiedene Energiequellen genannt: Wind, Wasser, Biomasse, Kernenergie, Kohle und Gas. In einer zugehörigen Karte lässt sich sogar jedes einzelne Kraftwerk bestaunen, das Vattenfall in Deutschland unterhält. Zum Beispiel ein Pumpspeicherkraftwerk Geesthacht bei Dresden: Wir erfahren, dass es mit Wasserkraft 10.ooo Megawattstunden Strom jedes Jahr produziere und so 2.000 Haushalte versorge.

Liebe Werbeagentur, liebes zuständiges Vattenfall-Management, ihnen sind da ein paar kleine Fehler unterlaufen:

Erstens produzieren Pumpspeicherwerke gar keinen Strom, sie speichern ihn lediglich – zum Beispiel dreckigen Braunkohlestrom.

Zweitens liegt Geesthacht nicht nahe Dresden, sondern unweit von Hamburg.

Drittens versorgt das Kraftwerk, das auf Ihrer Karte im richtigen Geesthacht verzeichnet ist (das AKW Krümmel), weder zwei Millionen Haushalte, wie Sie da schreiben, noch 2.000 Haushalte (Pumpspeicher) jedes Jahr mit Strom.

Es wurde viertens auch nicht wegen der Reaktorkatastrophe in Fukushima stillgelegt, wie dort suggeriert wird, sondern stand schon seit Juni 2007 fast ununterbrochen still, weil Vattenfall offenbar unfähig war, das Akw zuverlässig zu betreiben.

„Er hat sich sein Leben lang vorbereitet. Doch die Reise hat erst begonnen“, schreiben Sie über den Sportler, den Sie in ihrer Kampagne abbilden. Vielleicht sollte sich Vattenfall auch etwas länger vorbereiten. Nicht nur für vernünftige Werbekampagnen, sondern für die Reise zu einem wirklich zukunftsfähigen Energiemix.

Notwendige Anmerkung im Juli 2012: Vattenfall hat seinen Fehler in den Karten mittlerweile berichtigt und seinem Pumpspeicherwerk nahe Dresden die korrekten Daten, Bezeichnungen und Fotos angediehen. Ein Dankeschön für die Recherchearbeit der klima-lügendetektor-Redaktion wird vermutlich noch folgen. Wir unterrichten Sie über die Entwicklung. 

Danke an Steffi R. aus Berlin für den Hinweis!

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Berliner Wirtschaft: Milliarden für 4.500

Sonntag, den 6. Mai 2012

Es gibt in der deutschen Presselandschaft einige ausgesprochene Exoten. Berliner Wirtschaft heißt ein solcher – das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin, so der Untertitel. „Mit einer monatlichen Auflage von 52.000 Exemplaren“, heißt es in den Mediadaten, “ erreicht die Berliner Wirtschaft flächendeckend Unternehmen mit hoher Gewinnumlage ohne jeglichen Streuverlust.“ Zu gut deutsch: Jede Firma, die in Berlin (Zwangs-)Mitglied der IHK ist, hat Monat für Monat das Blatt ungefragt in seinem Briefkasten. Weiter heißt es: „Die Leser der Berliner Wirtschaft repräsentieren ein hohes Investitionspotenzial und stellen eine wichtige Zielgruppe für die Business-to-Business-Kommunikation dar. Sie sind über alle Kompetenzbereiche hinweg an den Entscheidungsprozessen beteiligt.“ Aha.

Also dann mal reingeschaut: Im  70 Seiten dicken Mai-Heft porträtiert die Redaktion unter der Überschrift „Essen per Mausclick“ die Firma „Lieferheld“ – ein Bringedienst für Manager und Angestellte, die es nicht schaffen, Mittags zum Essen zu gehen. Weiter wird über eine „erfolgreiche Dialogreise“ Berliner Unternehmer nach Indien berichtet, es geht um die Wahlen zu den IHK-Gremien oder in der Rubrik „Märkte und Trends“ um das International Design Festival Berlin. Das „Interview des Monats“ trägt die Überschrift

Befragt wird Kurt Blumenröder, einer der Chefs der Firma IAV, einem „Engineering-Unternehmen im Bereich der Automobil- und Zulieferindustrie“, das weltweit mit 4.500 Mitarbeitern Entwicklungsprojekte für Autohersteller anbietet. “ Wir haben einen ganzheitlichen Blick auf das Automobil“, sagt Blumenröder. Das sei wichtig, weil eine einzelne Komponente „für das Gelingen eines kompletten Autos natürlich nicht isoliert betrachtet werden darf“.

Um jetzt zum Auto der Zukunft zu kommen, erklärt Blumenröder:

Für dieses Megathema müssten seine 4.500 Mitarbeiter an vielen Stellen arbeiten, „nicht nur an den Antriebsaggregaten. Wir brauchen auch neue Materialien, um Autos leichter bauen zu können.“  Berlin sei ja gerade zu einer der vier deutschen Modellregionen für Elektromobilität  erkoren worden. „Gottseidank“, wie  Blumenröder sagt: „Es gibt keinen anderen Ort in Deutschland, an dem die Elektromobilität so gut entwickelt und in Szene gesetzt werden kann, wie in Berlin. Elektromobilität ist eine Technologie für Metropolen und nicht für ländliche Räume.“

Natürlich hat der Visionär auch ein paar konkrete Ideen. Zitieren wir ihn noch einmal: „Wir haben mal angeregt, eine E-Taxi-Flotte am Hauptbahnhof aufzubauen, die ihre Fahrzeuge am Taxistand mit Induktionsstrom auftankt. Ein solcher berührungsloser Ladevorgang ist ideal für Taxis. Oder glauben Sie, dass jeder Taxifahrer beim Aufrücken in der Schlange jedes Mal den Stecker in die nächste Ladesäule umsteckt? Beim berührungslosen Laden wird das Taxi auch mit Strom für die Standheizung oder die Standklimatisierung versorgt. Der Fahrgast steigt in ein angenehm klimatisiertes Taxi ein.“ Dass die Autos dann wohl dreckigen Braunkohlestrom tanken würden – jedenfalls wenn sie das Angebot des Berliner Grundversorgers Vattenfall nutzen –, daran verschwendet Blumenröder kein Wort. Aber leider fehlt ja ohnehin das Geld für solch brilliante Idee.

Nun hat die Deutsche Umwelthilfe just in dieser Woche eine Bilanz der „Nationalen Plattform Elektromobilität“ vorgelegt, die exakt vor zwei Jahren startete. Demnach sei die Pkw-Strategie der Bundesregierung Merkel „im Ansatz falsch und für eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik im Mobilitätssektor sogar kontraproduktiv“. Und erfolglos obendrein: Bis zum Jahresende 2011 seien gerade einmal 4.500 Elektro-Pkw zugelassen gewesen. Autohersteller würden mit Steuergeldern Milliardensummen Förderung einstreichen für praxisfernes Technikspielzeug oder auch E-Fahrräder, die es längst gibt, so der Vorwurf.

In einer anderen Metropole (die es nicht nötig hat, sich selbst den „Weltstadt“-Anstrich aufzukleistern) sind übrigens just diese Woche Taxi-Ideen nicht nur angedacht, sondern umgesetzt worden: New York hat 18.000 neue, sparsame Taxis eingeführt. Allerdings hat man sich am Hudson River einen Dreck um die „Jahrhundertchance Elektromobilität“ geschert. Und auf heute schon verfügbare  Hybridfahrzeuge gesetzt.

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER