Luftfahrtlobby: Tolle Passagierprognosen

Klaus-Peter Siegloch war einmal ein bekanntes Fernsehgesicht, jahrelang moderierte er zum Beispiel die ZDF-Nachrichten heute. Seit seiner Pensionierung versucht Siegloch, der deutschen Flugbranche ein Gesicht zu geben. Seine neueste Aktion ist eine – ja, nennen wir es ruhig so – Kampagne gegen die vor anderthalb Jahren eingeführte Steuer auf Flugtickets. Auf der Internetseite des Bundesverbandes der Deutschen Luftfahrtwirtschaft (BDL) heißt es:

Zum Start wurden ein paar Angestellte der Branche mit Transparent und Buttons vor Fotografen gestellt. In den kommenden Wochen sollen rund eine Million Faltblätter verteilt werden, die „über die schädlichen Folgen der Steuer informieren“. Unter www.bdl.aero darf außerdem über die Steuer „abgestimmt“ werden.

Zur Erinnerung: Ab 1. Januar 2011 musste Fluggesellschaften für jeden Passagier eine Steuer an den Bund zahlen, je nach Länge des Fluges zwischen acht und 45 Euro, seit Einbeziehung des Luftverkehrs in den EU-Emissionshandel sind es zwischen 7,50 und 42,18 Euro. „Die Steuer verteuert jeden Flug“, klagt nun Siegloch. „Das bekommen auch die Passagiere zu spüren“, heißt es weiter (obwohl, was er verschweigt, die Steuer nicht notwendigerweise auf die Ticketpreise umgelegt werden muss). Und natürlich wählt der erfahrene Journalist dann ein extremes Beispiel, um einen möglichst hohen Betrag zu errechnen: „Eine vierköpfige Familie muss zum Beispiel für einen Flug in die USA 168,72 Euro Luftverkehrsteuer zahlen. Für die Urlaubskasse ist das keine Kleinigkeit.“

Weiter heißt es in der Kampagne:

Hoppla, die Steuer bedeute fünf Millionen Passagiere weniger? Woher kommt denn diese Zahl?

Nach Angaben der Bundesregierung stiegen 2011 in Deutschland 199.685.497 Menschen in ein oder aus einem Flugzeug – exakt 9.390.181 mehr als im Vorjahr. Das ist ein größeres Wachstum als von 2009 auf 2010: Damals nahm die Zahl der Passagiere „nur“ um 8.419.961 zu. Trotzdem heißt es in dem BDL-Flugblatt: „Fakt ist: Im Jahr 2011 fehlten in Deutschland 5 Millionen Flugpassagiere“.

Wie kommen die Lobbyisten auf diese kernige Aussage? Ganz einfach, sie berufen sich auf eine Untersuchung des Instituts Intraplan, die sie offenbar selbst in Auftrag gegeben haben. Das Institut hat Erfahrung in solchen Hochrechnungen: Von Intraplan stammen beispielsweise Passagier-Prognosen für die Flughäfen München (Verdoppelung bis 2020) und Frankfurt/Main (75 Prozent plus bis 2020), auf deren Grundlage dann neue Startbahnen gebaut wurden. Diesmal lieferten die Experten eine Berechnung ab, deren Logik in ihrer Schlichtheit geradezu bestechend ist:

Es sei quasi ein Naturgesetz, dass der Flugverkehr stärker wächst als die Gesamtwirtschaft. In Deutschland sei das aber 2011 nicht der Fall gewesen. Im Klartext: Es flogen zwar mehr Leute als im Vorjahr, aber es hätten noch viel mehr sein müssen – ergo sei der Staat für fünf Millionen Minderpassagiere verantwortlich.

Zwar kommt das Bundesfinanzministerium, wie die Süddeutsche Zeitung vor ein paar Tagen berichtete, in einem Positionspapier zu ganz anderen Ergebnissen. Aber wir greifen die bestechende BDL-Logik gern auf. Erstens bedeutet sie: Die Bundesregierung hat offenbar ein Lenkungsinstrument entwickelt, das fünf Millionen Menschen auf klimafreundlichere Verkehrsmittel umgeleitet hat – wir gratulieren! Zweitens funktioniert es leider nicht so gut, dass es den klimaschädlichen Wahnsinn am Himmel vom weiteren Wachsen abhält. Es flogen ja trotz Steuer fast zehn Millionen mehr Passagiere als 2010, die Flugbranche hätte sogar gern 15 Millionen mehr gehabt. Die Luftverkehrssteuer muss also drittens deutlich erhöht werden, um noch besser in Richtung klimafreundliche Mobilität zu steuern. Gelegenheit zur Korrektur hat die Bundesregierung, will sie doch bis 30. Juni einen Evaluationsbericht zur Steuer vorlegen.

Doch nochmal zurück zu Intraplan. Wenn das Institut stets so seriös wie in diesem Fall mit Fluggastzahlen und -prognosen umgeht, dann sollte sich der Flughafen München die Pläne einer dritten Startbahn besser nochmal überlegen. Das jedenfalls ist Fakt!

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER