Monatsarchiv für Oktober 2012

Eon: Mit Drecksstrom sofort durchstarten

Montag, den 29. Oktober 2012

Hier also ein weiteres Motiv der aktuellen Eon-Kampagne, diesmal aus der Oktober-Nummer der ADAC Motorwelt, mit einer Auflage von mehr als 13 Millionen Stück immerhin Deutschlands größter Zeitschrift:

Okay, es war ja zu erwarten, dass sich auch Eon irgendwann mit dem hippen Thema Elektromobilität schmücken will – wie zuvor schon die Konkurrenz von RWE oder Vattenfall. Deutschlands größter Energieversorger schreibt also:

Klingt gut, oder? Aber lesen Sie die drei Zeilen bitte nochmal. Fällt Ihnen etwas auf? Der Konzern verspricht dort – streng genommen – nicht „CO2-freies Fahren“, sondern nur die Möglichkeit dazu.  Wer nämlich wirklich „sofort durchstarten“ will, wer dafür bei Eon ein Elektroauto bucht und den normalen Eon-Strommix tankt, der fährt alles andere als „CO2-frei“. Unter der Rubrik „Rechtliche Veröffentlichungspflichten“ heißt es nämlich auf der Firmenwebsite lediglich: „ Im Jahr 2030 werden wir 36 Prozent unseres Stroms in Erneuerbare-Energien-Anlagen produzieren.“ Und: „Bereits ab 2015 stehen uns über 10.000 Megawatt Windkraftkapazitäten zur Verfügung.“

Ja, ja, liebe Eon-Leute, aber wie hoch ist der Öko-Anteil am Eon-Strom heute?? Die Antwort hängt ab vom Wohnort des Kunden. Würde der freundlich lächelnde Paul Wagner aus der Annonce zum Beispiel in 22769 Hamburg wohnen, dann wären es (neben dem Anteil gesetzlichem EEG-Stroms) schlappe 4,2 Prozent – pro Kilowattstunde würden dann 453 Gramm CO2 freigesetzt. Wohnte Herr Wagner in 69221 Heidelberg, läge die Quote Eon-eigenen Ökostroms bei 7,1 Prozent (CO2-Emission pro kWh dort: 438 Gramm). Neben etlichen Atommeilern betreibt nämlich Eon einen großen Kohlekraftwerkspark – und steckt am hessischen Standort Staudinger oder im nordrhein-westfälischen Datteln sogar noch weitere Milliarden in neue CO2-Schleudern. Wer bei Eon einfach und sofort losfahren will, tut das also mit ziemlichem Drecksstrom.

Man muss ein Weilchen suchen, um auf der Firmen-Website reinen „Eon-Ökostrom“ zu finden ( zum Beispiel hier, dann ganz runterscrollen und auf „Ökostrom“ klicken) . Und da steht dann:

Nun sind Wasserkraftwerke nicht schlecht, und tatsächlich kann man den dort erzeugten Strom „CO2-frei“ nennen. Den Haken an Eons Wasser-Strom aber haben wir an dieser Stelle schon mehrfach erklärt, zum Beispiel 2008 oder 2009. Kurzgesagt ist das Problem, dass die meisten Anlagen schon einige Jahrzehnte alt sind. Und wenn ein Elektroauto-Kunde diesen Wasserstrom bucht, dann wird er aus dem ohnehin mageren Öko-Anteil des Eon-Strommixes herausgelöst: „Paul Wagner“ würde auf dem Papier tatsächlich „CO2-freie“ Elektrizität für sein Elektroauto kriegen – er würde aber im Gegenzug bei den anderen Eon-Kunden fehlen, ihr Energiemix würde im selben Maße dreckiger. Unterm Strich haben Umwelt und Klima deshalb gar nichts davon, wenn ein neues Elektroauto mit Strom aus alten Wasserkraftwerken fährt.

Liebe Leute von Eon, wirklich durchdacht ist diese „Lösung für CO2-freies Fahren“ also nicht!


Eon: Spät, aber doch…

Mittwoch, den 24. Oktober 2012

Unsere Leserin Konstanze S. aus dem Wendland hat uns folgende Eon-Anzeige aus der Elbe-Jeetzel-Zeitung zugesandt. Und um Prüfung gebeten:

Das Motiv gehört zur aktuellen Eon-Kampagne, die uns hier schon mehrfach beschäftigte. Diesmal will eine „Frau Weiß“ unter dem „Betreff: Speichertechniken“ wissen, ob es “ ’nen Akku für grünen Strom“ gibt.

„So was gibt es schon heute“, antwortet Eon. Und verspricht: „Wir arbeiten an weiteren Speichertechniken.“ Tatsächlich hat Eon in der vergangenen Woche im nördlichen Brandenburg den Grundstein für eine sogenannte „Power-to-Gas„-Anlage gelegt. Ab 2013 soll dort in einem Elektrolyseprozess mittels überschüssigem Windstrom Wasser gespalten und so Wasserstoff produziert werden, pro Stunde rund 360 Kubikmeter. Eon schreibt: „Dieser kann dann im bestehenden Erdgasnetz zwischengespeichert werden und ist so immer und überall verfügbar – auch wenn der Wind mal Pause macht.“

Deshalb, nein, liebe Leserin Konstanze S., der Klima-Lügendetektor hat an dieser Anzeige eigentlich nichts zu beanstanden. Wenn, ja wenn wir das kleine Detail ausblenden, dass Eons Formulierung („So was gibt es schon heute. Und wir arbeiten an weiteren Speichertechniken“) so verstanden werden kann, als gebe es so etwas auch schon heute bei Eon gibt. Denn in Wahrheit waren andere Unternehmen bei dieser Technologie Vorreiter, und ausgerechnet nicht die großen Energieriesen, sondern beispielsweise Enertrag oder GreenpeaceEnergy.

Danke an Konstanze S. aus Dannenberg für den Hinweis

P.S.: Und nächste Woche schauen wir uns dann das nächste Motiv aus der Eon-Kampagne an …


Strompreisanstieg: Ein Drittel von dem Drittel

Mittwoch, den 17. Oktober 2012

Was für ein Durcheinander! Am Montag hatten die vier Netzbetreiber die EEG-Umlage für das Jahr 2013 bekanntgegeben. Seitdem herrscht wilder Aufruhr in der Republik:

Diese Schlagzeilen stammen aus der Welt, aus der taz und der Berliner BZ. Tatsächlich nämlich steigt die EEG-Umlage im kommenden Jahr von 3,59 auf 5,277 Cent. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heißt es:

Um in die Debatte ein wenig Licht zubringen: Der Strompreis steigt NICHT wegen der Umlage zur Förderung von Ökostrom nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz – kurz EEG-Umlage. Das Öko-Institut hat gerade eine Untersuchung der Strompreisentwicklung vorgelegt. Ergebnis: Allein die Einkaufskosten für Kohle, Uran, Erdgas und Co. – die sogenannten Brennstoff-Kosten – verteuerten den Strompreis in den letzten zehn Jahren um sieben Cent pro Kilowattstunde. Derzeit werden nur 27 Prozent unseres Stromes aus kostenlosem Wind oder kostenlosen Sonnenstrahlen gewonnen. Der Rest muss immer teurer in Russland, Kolumbien oder Australien eingekauft werden.

Andere Fremd-Kosten wie die Netzkosten kommen hinzu: Vattenfall beispielsweise hat gerade angekündigt, dass die sogenannten Netzentgelte zum Jahresende in Berlin von bisher 4,91 Cent auf 5,10 Cent je Kilowattstunde, in Hamburg von 5,17 Cent auf 5,33 Cent je Kilowattstunde steigen werden. Kosten, die mit den Erneuerbaren direkt nichts zu tun haben.

Richtig formuliert müsste es also heißen: Der Strompreis steigt NICHT NUR, sondern auch wegen der EEG-Umlage.

Aber diese Umlage zur Förderung von Ökostrom steigt wiederum NICHT NUR wegen des Ausbaus der erneuerbaren Energien: 58 Prozent der diesjährigen Steigerung haben mit Sonne, Wind und Co. gar nichts zu tun.

Da ist zunächst der sogenannte „privilegierte Letztverbrauch“– die Befreiung von der EEG-Umlagen-Zahlung. In diesem Jahr waren das 813 Betriebe, denen dieses Privileg zugestanden wurde (die Liste vom März benennt 734 von ihnen): Statt der EEG-Umlage zahlten die Unternehmen mit mehr als 10.000 Megawattstunden Stromverbrauch pro Jahr lediglich einen Symbolbetrag von 0,05 Cent je Kilowattstunde.

Dann aber kam Röslers FDP und senkte diese Grenze um das Zehnfache (nachzulesen in § 41 des EEG): auf nur noch 1.000 Megawattstunden. Das ist so viel, wie 285 deutsche Vierpersonenhaushalte durchschnittlich im Jahr verbrauchen. 2013 werden deshalb nicht 813 Firmen privilegiert, sondern 2.023. Weil die nicht mehr zahlen, müssen alle anderen Haushalte die Kosten des jeweiligen Nachbarunternehmers mittragen: Die EEG-Umlage wird derart um 20 Prozent oder 0,34 Cent je Kilowattstunde teurer.

Die zweite große Kostensteigerung geht auf das Konto des zusammengebrochenen EU-Emissionshandels. Innerhalb eines Jahres hatte sich der Preis je Tonne CO2 auf sieben Euro nahezu halbiert – und hat damit auch den Strompreis auf Talfahrt geschickt. Damit hatte vor einem Jahr niemand gerechnet – ergo diese Eruption auch nicht in die EEG-Umlage für dieses Jahr eingepreist.

Weil sich die Höhe der EEG-Umlage aber aus der Differenz des Strompreises an der Börse und den festgelegten Einspeisetarifen berechnet, sorgten die tiefen Börsenpreise dafür, dass in diesem Jahr viel mehr Umlage notwendig wird, als vor Jahresfrist gedacht. Das EEG-Umlagenkonto war bereits im September sechsstellig im Minus: 20 Prozent der EEG-Umlage im kommenden Jahr dienen nur dazu, um diesen Fehlbetrag auszugleichen – 0,34 Cent je Kilowattstunde. Und damit so etwas nicht noch einmal passiert, beschlossen die Netzbetreiber eine sogenannte Liquiditätsreserve: Die schlägt mit 18 Prozent oder 0,30 Cent je Kilowattstunde zu Buche.

Richtig formuliert müsste es also heißen: Die EEG-Umlage steigt NICHT NUR wegen dem Ausbau der Erneuerbaren, sondern auch – ein bisschen. 29 Prozent des Anstiegs – oder 0,49 Cent je Kilowattstunde – entfallen immerhin auf den rasanten Zubau neuer Sonnenkraftwerke, bis zum September waren bereits knapp 5.300 Megawatt Leistung neu installiert. Der Ausbau von Windkraft, Wasserkraft, Biomasse oder Geothermie verteuert die EEG-Umlage insgesamt nur um etwa 6 Prozent  – 0,1 Cent je Kilowattstunde.

Vom Öko-Institut in einer Grafik visualisiert, sieht das dann in etwa so aus (wobei weder Stromsteuer, Netzentgelte noch Vertriebkosten berücksichtigt sind und in den 44 Prozent „Deutsche Energiewende“ auch noch etwa 7 bis 9 Prozent Kraft-Wärme-Kopplungs-Umlage enthalten sind):

Fassen wir zusammen: Die EEG-Umlage wird zu einem Drittel AUCH wegen des Ausbaus der erneuerbaren Energien teurer, Strom wird zu einem guten Drittel AUCH wegen des Anstiegs der EEG-Umlage teurer. Genau genommen ist aber ein Drittel von einem Drittel die ganze Aufregung nicht wert.

P.S.: Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 finanzieren zu können. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


In eigener Sache: Otto-Brenner-Preis gewonnen!

Sonntag, den 14. Oktober 2012

Tusch, Jubel, Konfetti! Der Klima-Lügendetektor ist einer der Gewinner des Otto-Brenner-Preises 2012!

Benannt ist der Preis nach dem Gewerkschafter und SPD-Politiker Otto Brenner, der in den 50-er und 60-er Jahren programmatischer Kopf der IG Metall war. In der Begründung zur Preisverleihung heißt es: „In der Klima- und Energiepolitik verbreiten interessierte Unternehmen und ihre Lobbyisten sowie folgsame Politiker fortwährend eine Flut von Halbwahrheiten und gelenkter Information. Selbst politischen Kennern fällt es schwer zu erkennen, ob die jeweilige Expertise seriös ist, ob die Annahmen stimmen und die Ergebnisse den Tatsachen entsprechen. Zum Glück gibt es online den Klima-Lügendetektor. Mit den dort veröffentlichten Analysen und Kommentaren setzen die Autoren nach Auffassung der Jury ‚ebenso fachkundig wie zuverlässig Fakten und Aufklärung gegen Irreführung und Propaganda‚. Schnell und auch unterhaltsam werden alle, die Bescheid wissen wollen, hier auf den aktuellen Stand gebracht. Die Jury zeichnet ein Medienprojekt aus, ‚das vorbildlich den Nutzen von kritischem Journalismus demonstriert‚.

Wir freuen uns sehr!

Aber der Preis gebührt auch unseren Leserinnen und Lesern. Schließlich stehen am Anfang vieler Texte Ihre Tipps und Hinweise. Zuletzt wies uns zum Beispiel Katharina R. aus Berlin auf  die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hin,  Susi M. aus Dresden auf Vattenfalls Lausitz-Botschaft, Peter H. aus Köln auf den Ökostrom der Kanzlerin und ihres Kanzleramtes. Und Sie beauftragen uns nicht nur, Sie sponsern uns auch noch. Es ist jetzt mehr als ein Jahr her, dass sich die Redaktion mit einem Hilferuf an seine Leserschaft wandte: Wir können aus eigenen Quellen die aufwändige Recherchearbeit nicht mehr finanzieren; und mit dem Fukushima-Ausstieg war die Energiewende ja gerade erst eingeleitet worden, ein Kompass im Nachrichtensturm fortan wichtiger denn je.

Anderthalb Jahre später ist die Lage viel besser, aber nicht gut: Zwar ist der Otto-Brenner-Preis mit 2.000 Euro dotiert. Weil zuletzt aber immer weniger Leser uns abonnierten, reicht unser Redaktionsbudget nur noch bis Jahresende, das Preisgeld geht fast dafür drauf, das aufgelaufene Defizit zu decken. Um auch 2013 weiter Ihren Hinweisen nachgehen zu können, brauchen wir neue Unterstützung. Bitte fördern Sie unsere Arbeit HIER. Damit wir weiterhin gemeinsam ausgezeichnete Aufklärung betreiben können!


Ökostrom: Die schärfsten Kritiker kritisieren…

Donnerstag, den 11. Oktober 2012

„Viele junge Leute stellen kritische Fragen. Wir auch. Denn unsere schärfsten Kritiker sind wir selbst.“  Nett formuliert, diese Zeitungsanonnce, die am 26. Juni 1993 von der deutschen Stromwirtschaft in den Tageszeitungen platziert wurde:

19 Jahre später wird gerade wieder ganz heftig um die Energiewende, deren Sinn und vor allem ihre Kosten gestritten. Am heutigen Donnerstag stellte beispielsweise Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) seine „Reformpläne“ für das Erneuerbare-Energien-Gesetz vor. Und Hildegard Müller, ebenfalls CDU, ist ganz seiner Meinung.

Erinnern wir uns, Hildegard Müller war bis 2008 als Kanzleramtsministerin die rechte Hand von Angela Merkel (CDU). Dann wurde sie Cheflobbyistin der deutschen Stromwirtschaft. Und am heutigen Donnerstag erklärte die politischste Beauftragte der fossilen Großkraftwerke: „Die Energiewirtschaft teilt die wesentlichen Kritikpunkte am aktuellen EEG, die vom Bundesumweltminister angesprochen wurden. Es gibt bei der Förderung der Erneuerbaren Energien derzeit vermeidbare Mehrkosten und zunehmend energiewirtschaftliche Probleme.“

Das ist natürlich enorm bedauerlich! „Mehrkosten“ die zu vermeiden wären und „energiewirtschaftliche Probleme“ – wer will das schon!? Suchen wir uns doch noch einmal schnell die energiewirtschaftlichen Probleme im Kleingedruckten der Anzeige von 1993 heraus:

Natürlich, auch die deutsche Stromwirtschaft ist mittlerweile eines Besseren belehrt: Ja, Deutschland kann aus der „Kernenergie“ aussteigen, nein, das muss keine enorme Steigerung der Kohleverbrennung mit sich bringen – und doch, doch: Regenerative Energien wie Sonne, Wasser oder Wind können sogar kurzfristig mehr als 25 Prozent des deutschen Strombedarfs decken.

Statt aber nun einmal aus falschen Prognosen zu lernen und endlich ein bisschen konstruktiv an der vom Wahlvolk präferierten Energiewende mitzuarbeiten, streut die atomar-fossile Energiewirtschaft schon wieder Sand ins Energie-Wende-Getriebe: In Form von „zunehmend energiewirtschaftlichen Problemen“.

Da sei dann doch noch einmal der Blick in die Historie bemüht. Altmaiers Vor-Vor-Vor-Vorgängerin plapperte den Anzeigeninhalt der deutschen Stromwirtschaft 1994 einfach nach: „Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4 Prozent unseres Strombedarfs decken“, erklärte Bundesumweltministerin Angela Merkel damals im Interview. Mittlerweile ist die Frau Bundeskanzlerin, ihre ehedem engste Mitarbeiterin Cheflobbyistin der Stromwirtschaft und ihr treuester und erfolgreichster Mehrheitsbeschaffer in der CDU/CSU-Fraktion mittlerweile Umweltminister.

Das Motto des Anzeigentextes müsste im Herbst des Jahres 2012 also eigentlich lauten: Wer das Erneuerbare-Energien-Gesetz kritisch hinterfragt, muss noch längst kein Freund der Erneuerbaren sein.

P.S.: Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 finanzieren zu können. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Air Berlin: Das Kerosinsparwunder und die Details

Donnerstag, den 4. Oktober 2012

Toll! 3,5 Liter auf 100 Kilometer sind doch wirklich gut! Vor allem, wenn es sich nicht um einen Kleinwagen handelt, sondern ein ausgewachsenes Flugzeug. Air Berlin, die (noch) von dem früheren Bahnchef Hartmut Mehdorn gemanagte Airline, wirbt gerade in großen Anzeigen mit der Ökoeffizienz ihrer Flugzeugflotte. Schlappe 3,5 Liter pro 100 Passagierkilometer schlügen bei Air Berlin spritmäßig zu Buche, heißt es. Damit sei die Fluggesellschaft so „ökoeffizient wie kein anderer Netzwerk-Carrier in Europa“. Super, denkt sich der von seinem schlechten grünen Gewissen geplagte Leser, da könnte man ja vielleicht doch wieder etwas öfter in den Flieger steigen.

Noch stolzer als auf den Kerosinverbrauch seiner Flotte ist Air Berlin offenbar auf ÖkoGlobe, den, wie es auf der dazugehörigen Homepage heißt,  „ersten internationalen Umweltpreis für Mobilität“. Wie, Sie haben auch noch nichts von dem Preis gehört? Das liegt vielleicht daran, dass er von drei Firmen mit sagenhafter Öko-Kompetenz finanziert wird, der Versicherung DEVK, dem TÜV Rheinland und dem Finanzverlag (u.a. Euro am Sonntag). Ins Leben gerufen wurde der Preis von dem Kölner Aktionskünstler HA Schult, der vor langer Zeit einiges Aufsehen erregte, als er auf das Kölner Stadtmuseum ein Auto mit goldenen Flügeln setzte, um, wie er erklärte, auf den „Fetisch Auto“ aufmerksam zu machen. Ach ja, Wikipedia erinnert uns daran, dass Schult 2009 für eine Fortsetzung von Angela Merkels Kanzlerschaft warb.

Nun, jenseits irgendwelcher Preise bemüht sich Air Berlin offenbar wirklich um Effizienz. Das hat auch die Klima-Ausgleichsagentur Atmosfair herausgefunden, in deren Umweltranking es Air Berlin dieses Jahr immerhin auf Platz 13 (von 125 Fluggesellschaften) schaffte. Im Internet listet Air Berlin eine ganze Latte ökologischer Maßnahmen auf: höhere Reiseflughöhe, größere Genauigkeit beim Landeanflug, Leichtbausitze zur Gewichtsverringerung und ein papierarmes Cockpit (Flugkarten und Bord-Handbücher werden auf Computern angezeigt). Außerdem sei die eigene Flugzeugflotte mit fünf Jahren viel jünger als die der meisten Konkurrenten (globaler Durchschnitt: 14 Jahre).

So weit, so gut. Allerdings gibt es da schon noch ein paar Details, die Air Berlin verschweigt. Denn gute Werbung lügt nicht, wie regelmäßige Leserinnen und Leser wissen, sondern lässt einfach Dinge weg. Zur Wahrheit der„ökoeffzienten“ Fliegerei gehört nämlich auch, dass sich Verbrennungsabgase von Flugzeugen in großer Höhe weitaus schädlicher aufs Klima auswirken als etwa solche von Autos am Boden. Und zwar deshalb, weil beim Fliegen unter anderem Kondensstreifen und Zirruswolken (Eiswolken) entstehen, die in viel beflogenen Regionen oft den ganzen Himmel bedecken können und verhindern, dass Wärme von der Erdoberfläche in den Weltraum zurückgestrahlt wird. Sie vergrößern somit den Treibhauseffekt, der durch die Verbrennung des Kerosins allein entsteht. Um die wirkliche Klimawirkung abzuschätzen, muss der Spritverbrauch von Flugzeugen deshalb mit dem sogenannten RFI-Faktor multipliziert werden. Atmosfair nimmt dafür die Zahl 2,7 an, laut Umweltbundesamt ist der gesamte „Strahlungsantrieb“ (Klimaeffekt) des Luftverkehr sogar drei bis fünf mal so groß sei wie der reine CO2-Effekt.

Aber eine derart komplizierte Erläuterung passt natürlich schlecht in eine Werbeanzeige.

So bleibt die Suggestion, Flugzeuge seien nicht schlimmer fürs Klima als ein total ökoeffizientes Auto. Dass ist natürlich Quatsch, zumal mit dem Flugzeug viel weitere Strecken zurückgelegt werden als mit einem Kleinwagen: Schickte man ein Auto mit Durchschnittsverbrauch von 3,5 l/100 km auf die 6.380 Kilometer weite Reise nach New York und zurück, käme sowieso ganz schön was zusammen an Abgasen. Inklusive RFI-Faktor ermittelt der Atmosfair-Ausgleichsrechner sogar 4.260 Kilogramm CO2-Äquivalentdas „klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen“ liegt bei gerade mal 3 000 Kilogramm.