Archiv des Schlagwortes ‘Atomkraft’

Eon: Heucheln „on the rocks“

Mittwoch, den 14. April 2021

Manche Konzerne sind derart dreist, dass es einem glatt die Sprache verschlägt.

Zum Beispiel Eon. Auf Facebook flötet Europas ehemals größter Fossilkonzern:

Irgendwer in der PR-Abteilung des Essener Energie-Riesen hat sich wohl gedacht, der Kommunist Juri Gagarin eignet sich heute prima für die gute Botschaft. Vor 60 Jahren, am 12. April 1961, war nämlich der sowjetische Kosmonaut als erster Mensch ins Weltall gestartet – und aus diesem dann sogar wohlbehalten auf die Erde zurückgekehrt. „Ich sehe die Erde! Sie ist so wunderschön!“, soll er gesagt haben. Aber damals gab es ja Eon noch nicht.

Im Eon-Facebook-Post heißt es jetzt: „Wir finden, er hat recht, und wir sollten diese Schönheit bewahren. Mit „wir“ meint der Konzern auch sich selbst.

Aber sagt mal, Eon, seid ihr das nicht, die mit ihren fünf Atomkraftwerken in Deutschland jeden Tag so viel atomaren Strahlenmüll produzieren, dass die Schönheit des Planeten auch in mindestens einer Million Jahren noch verstrahlt sein wird?

Wart ihr das nicht, die es sich trauten, 2020 in Deutschland noch ein neues Kohlekraftwerk ans Netz zu schalten? Vor nicht mal einem Jahr ging Datteln in Betrieb, um betriebswirtschaftlich wenigstens 40 Jahre lang „die Schönheit“ mit Treibhausgasen vollzupumpen (oder vorher uns Verbrauchern eine fette Abfindung abzupressen).

Hattet ihr nicht 2008 die Entwicklung von Gezeitenkraftwerken versprochen, weil es doch darum geht, gegen die Klimaerhitzung vorzugehen und die „Schönheit“ (Gagarin) zu bewahren? Ach, die gibt es gar nicht, die Eon-Gezeitenkraftwerke?

Ist es nicht das Erdgasfeld Juschno-Russkoje, das ihr jahrelang in Nordsibirien ausgebeutet habt? Um Methan aus der Erde zu holen und daraus Treibhausgase zu machen?

Und überhaupt: Hattet ihr nicht über Jahrzehnte weltweit jede Menge Kohlekraftwerke am Netz?

Wenn Eon Gagarin zitiert, ist das wie „Heucheln on the rocks“: Erst jahrzehntelang die Atmosphäre mit Treibhausgasen zuballern, die politische Debatte mit bezahltem Lobbyismus verpesten, den folgenden Generationen hunderttausende Jahre lang strahlenden Atommüll aufbürden – und darüber dann den säuselnden Sermon der Täuschung und Vertuschung gießen.

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im ersten Halbjahr 2021 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


ZDF: Silikon im Hirn

Donnerstag, den 18. März 2021

Das Zweite Deutsche Fernsehen ist einer ganz großen Sache auf der Spur: Die Energiewende ist reinstes Greenwashing!

Das zumindest ist Tenor des Films „Nicht ganz grün – Nebenwirkungen der Energiewende“, der in dieser Woche auf ZDFinfo lief: 

Es ist natürlich wichtig, sich den Nebenwirkungen der Energiewende zu widmen! Allerdings enttäuscht der Film anfangs, denn es geht gar nicht um die Energiewende, sondern um Rohstoffe. Das ZDF führt uns in ein Graphitwerk nach China, in eine Kupfermine nach Chile, zu den Lithiumlagerstätten in Bolivien.

Die Arbeitsbedingungen vor Ort sind mies, überall gibt es „Umweltschäden, die zur Kehrseite der Energiewende zählen“, wie es im Film bei Minute 18:40 heißt:

„Für saubere Luft in einem Teil der Welt werden anderswo ganze Landstriche zerstört“, sagt die Sprecherin mit dramatischer Musik unterlegt. Jetzt wird der aufgeklärte Zuschauer ein bisschen unruhig, denn bei der Energiewende geht es ja ums Klima und weniger um saubere Luft. Was also ist „nicht ganz grün“ an Wind- oder Solarkraft? Was sind die „Nebenwirkungen der Energiewende“?

Es ist der Verbrauch von Rohstoffen – so die These des Films: „Batterien von Elektroautos haben die Nachfrage nach Lithium stark steigen lassen“, heißt es bei Minute 34:17:

Das ist natürlich eine korrekte Feststellung. Genauso wie die Aussage: „Batterien von Handys haben die Nachfrage nach Lithium stark steigen lassen.“ Statt „Handys“ können Sie gern auch Laptops oder Tablets in diesem Satz verwenden.

Bei Minute 37:33 scheint der Film dann endlich zur Energiewende zu kommen – auch rein optisch:

„Die Lebensdauer einer Windkraftanlage ist begrenzt“, sagt die Sprecherin. „Sie muss entsorgt oder verwertet werden.“ Auch das ist absolut zutreffend, genauso wie übrigens die Lebensdauer von Atomkraftwerken, Chemiefabriken oder Flugzeugen begrenzt ist, die auch entsorgt oder verwertet werden müssen.

„Bevor die neuen, grünen Energien ihr Potenzial voll ausschöpfen, ist noch viel Forschung nötig“, sagt eine Forscherin auf Französisch, und dann, bei Minute 38:58, erklärt sie, dass die Solarzellen „Silikon“ enthalten.

Spätestens jetzt ist klar, dass mit dem Film etwas nicht stimmt: Schließlich stammt in Deutschland mittlerweile fast die Hälfte des Stromes aus den „neuen, grünen Energien“, genutzt wird so viel Potenzial wie bei keiner anderen Ressource. Und Solarzellen enthalten Silizium, nicht Silikon – ein peinlicher Übersetzungsfehler. Der Film wurde in Frankreich produziert, aber das macht das ZDF nicht sichtbar.

Das Wort „Klimaschutz“ kommt im ganzen Film nicht ein einziges Mal vor, auch nicht ein ähnliches wie „Erderhitzung“ oder „Klimakatastrophe“. Stattdessen darf der Ingenieur Philippe Bihouix unwidersprochen sagen: „Die Energiewende ist reinstes Greenwashing. Man gibt sich einen sauberen Anstrich, aber die Verschmutzung wird nur verlagert.“

Das ist reinstes „Energiewende-Bashing“ ohne jegliche Substanz. Erstens erhebt sich die Frage, ob das ZDF keine eigenen Autoren besitzt, um sich fundiert den Nebenwirkungen der Energiewende zu widmen. Zweitens fragt man sich, warum nicht wenigstens der Filmstoff von internen Experten auf Plausibilität geprüft wurde, bevor ihn das ZDF einkaufte. Drittens stellt sich die Frage, ob wir mit unseren Gebühren solche Stimmungsmache aus dem Land des Atomstroms tatsächlich finanzieren sollten: Frankreich will die Laufzeit für seine AKW auf 50 Jahre verlängern, übrigens auch für die direkt an der deutschen Grenze stehenden.

Offensichtlich also, dass die Energiewende nach französischer Lesart unangenehme Nebenwirkungen haben muss!

Kurz nach den „Nebenwirkungen der Energiewende“ zeigte das ZDF übrigens die Dokumentation „Strahlendes Comeback – Rettet Atomkraft das Klima?“.

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Bill Gates: Den Teufel mit Beelzebub austreiben

Mittwoch, den 17. Februar 2021

Mit 137 Milliarden US-Dollar zählt William „Bill“ Henry Gates zu den reichsten Menschen der Welt. Gates, der 1975 die Firma Microsoft begründete, versteht sich aber nicht nur auf Computer, sondern auch als Visionär.

Deshalb hat er jetzt ein Buch geschrieben:

Im Vorwort lesen wir:

Aber Bill las Bücher, traf sich mit Wissenschaftlern, besuchte Video-Vorlesungen von Professor Richard Wolfson und kam gemeinsam mit seiner Frau Melinda und ihrer Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung „über Umwege“ zum Thema, wie er schreibt.

„Nach einigen Jahren war ich von drei Tatsachen überzeugt“, heißt es auf Seite 15: „1. Um eine Katastrophe zu verhindern, müssen wir auf null kommen.“ Gemeint ist damit die Treibhausgas-Produktion der Welt, die Gates bei aktuell 51 Milliarden Tonnen verortet. “2. Wir müssen die Tools, die wir schon haben – etwa Sonnen- und Windenergie –, schneller und klüger zum Einsatz bringen.“ Drittens schließlich, schreibt Bill Gates, brauchen wir „bahnbrechende Technologien“, mit denen wir „den Rest des Weges schaffen können“.

Zum Beispiel die Atomkraft. „Ich habe ein Unternehmen, das wir nur aus Gründen des Klimaschutzes auf die Beine gestellt haben und das eine Konstruktion für supersichere Kernkrafttechnologie entwickelt hat“, erklärt Gates. Es müsse darum gehen, die Menschen zu überzeugen, dass die neue Atomkraft anders sei als zuvor– kleiner skaliert, sicherer und weniger Atommüll erzeugend.

Das hat ein gewaltiges Rauschen erzeugt, schließlich hatte der Visionär schon einige richtig wegweisende Visionen. Gerauscht hat es zum Beispiel bei NTV, Handelsblatt, Zeit und den Nachrichtenagenturen epd, dpa und AFP:

Unterstellen wir einmal, es gelänge den milliardenschweren Breakthrough Energy Ventures von Bill Gates, sichere Atomkraftwerke herzustellen: Was wird mit dem Atommüll? Seit 70 Jahren wird eine Lösung gesucht, weltweit steht man noch ganz am Anfang.

In Deutschland versucht eine Fachkonferenz gerade die Kriterien für ein Endlager zu ermitteln, 1 Million Jahre muss dieses den tödlichen Strahlenabfall sicher verwahren. Um ein Gefühl für diesen Zeitraum zu bekommen: Das älteste bekannte Grab, in dem ein Mensch auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik begraben wurde, stammt aus dem Jahr 18.600 vor Christus.

Allein in Deutschland liegen bereits mehr als Zehntausend Tonnen Atommüll in unsicheren Zwischenlager-Hallen und Kavernen. Verpackt ist dieser Müll in Castoren, von denen niemand sagen kann, ob sie in den nächsten 20 Jahren nicht durchgerostet sind. Wer hierzulande eine Frittenbude betreiben möchte, muss zuerst einen Nachweis erbringen, wie er das abgebrannte Frittenfett zu entsorgen gedenkt. Die Atomkraft ist dagegen gestartet, ohne ihre Landebahn zu kennen: Das Problem des Atommülls braucht sich hinter dem des Klimawandels nicht zu verstecken.

Sicherlich, die Brütertechnik zeichnet sich durch einige Vorteile aus, sie könnte sogar helfen, etwas von dem Atommüll, den es heute gibt, abzubauen. Aber mal abgesehen davon, dass die Atomkraft exorbitant teuer geworden ist und kleinere Reaktoren noch teurer werden als große (weil die kleinen Sicherheitskonzepte benötigen wie die großen), mal abgesehen, dass es Terroristen gibt, die auch ein sicheres Atomkraftwerk zur Weltzerstörung nutzen können, und mal ganz davon abgesehen, dass Atomstrom mitnichten frei von Treibhausgasen ist – ohne Atommüll zu produzieren, lässt sich kein AKW betreiben. Das bedeutet: Wer den Klimawandel mit Atomstrom zu Leibe rücken will, der treibt den Teufel mit Beelzebub aus.

Schlagen wir noch einmal im neuen Buch von Bill Gates nach:

Wir hoffen hiermit unseren Beitrag leisten zu können und weisen darauf hin, dass die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert funktioniert. Wenn Sie, Mr. Gates, und jeder andere Leser auch, Erkenntnis gewonnen haben, unterstützen Sie bitte unsere Arbeit HIER


Equinor: Sich mit Erdgas dumm stellen

Montag, den 19. Oktober 2020

Der sehr geschätzte Mathelehrer Herr Feldmann pflegte stets zu sagen: „Es gibt keine dummen Fragen! Es gibt nur dumme Antworten.“ Schauen wir uns also mal die folgende Frage an:

Was hat Erdgas mit Sonne und Wind zu tun? Es ist das Back-up von beiden.

Die Annonce ist kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, ebenso in der Süddeutschen Zeitung. Absender ist der norwegische Konzern Equinor.

Der Name sagt Ihnen nichts? Kein Wunder, er ist auch noch ziemlich neu. Bis 2018 hieß der Konzern Statoil, er ist das größte Unternehmen Norwegens und ein weltweit aktiver Öl- und Gasförderer. Zwar baut Equinor seit einigen Jahren auch große Windparks und will sich als grüner Energieerzeuger profilieren. Und tatsächlich ist Equinor unter den Ölmultis jener mit den (mit Abstand) größten Investitionen in Erneuerbare.

Doch trotz Namensänderung und neuem Image fließt auch bei den Norwegern immer noch nur ein Bruchteil der Unternehmensinvestitionen in erneuerbare Energien: In diesem Jahr sind es laut den Finanzanalysten von Motley Fool rund eine halbe Milliarde US-Dollar – bei einem Gesamtbudget von 8,5 Milliarden. Vor einem Jahr erst hat Statoil/Equinor an einem weiteren gigantischen Ölfeld in der Nordsee die Förderung aufgenommen. Von „Doppelmoral beim Klima“ sprach angesichts dessen die Welt, und tagesschau.de titelte: „Grünes Image, alte Energie“.

Kein Wunder also, dass Equinor noch möglichst lange möglichst viel Erdgas verkaufen will. Dafür muss man in heutigen Zeiten natürlich einen grünen Dreh finden. Im Kleingedruckten unter der Schlagzeile heißt es denn auch:

Die Welt der Energie verändert sich und wir gehen mit. Als breit aufgestelltes Energieunternehmen mit Erfahrungen mit Erdgas und erneuerbaren Energien sind wir seit über 40 Jahren Deutschlands Partner, um gemeinsam die Energiezukunft zu gestalten. Wenn Sonne und Wind mal nicht da sein sollten, springt Erdgas als Vertretung ein -- denn Erdgaskraftwerke können schnell und flexibel hochgefahren werden und sichern so zuverlässig die Energieversorgung Deutschlands. Mehr Information auf equinor.de

Es ist also das alte Brückentechnologie-Argument: „Wir brauchen Erdgas noch, solange Wind und Sonne nicht die volle Versorgung übernehmen können.“ Sozusagen als „Back-up von beiden“.

Vor einem Jahrzehnt war die Atomkraft noch die Brückentechnologie, die wir unbedingt brauchten, wenn Sonne und Wind mal nicht einspeisen. Damals wurden die Laufzeitverlängerungen der deutschen Atomkraftwerke mit diesem Argument grüngefärbt (zum Beispiel von Angela Merkel in diesem wunderbaren Videoclip von 2009). Zehn Jahre später es nun das Erdgas.

Klar, Gaskraftwerke produzieren weniger Treibhausgase als Kohleblöcke, pro Kilowattstunde erzeugtem Strom stoßen sie nur rund ein Drittel der CO2-Mengen aus, die ein Braunkohlekraftwerk verursacht. Doch einerseits sind das immer noch rund 400 Gramm pro Kilowattstunde. Andererseits gilt das nur, wenn man die Emissionen am Kraftwerks-Schornstein betrachtet: Bevor der angeblich so klimaschonende Brennstoff Erdgas im Kraftwerk ankommt, gelangen erhebliche Mengen in die Atmosphäre – etwa bei der Förderung an undichten Bohrlöchern oder aus den Lecks von Pipelines.

Der Hauptbestandteil von Erdgas ist Methan, und das ist ein hochwirksames Treibhausgas. Je nachdem, welche Zeiträume man betrachtet, schädigt eine Tonne Methan das Klima so stark wie 28 bis 84 Tonnen Kohlendioxid (IPCC 2013, AR5, WG1, Ch.8, Table 8.7). Besonders viel wird bei der umstrittenen Erdgas-Fördertechnik Fracking freigesetzt, es gilt inzwischen als eine der Hauptursachen für den rasant steigenden Methan-Gehalt in der Atmosphäre. Bezieht man die Klimaschäden aus der sogenannten Vorkette ins Gesamtbild ein, dann ist der Öko-Vorteil von Erdgas viel kleiner – so eine Studie der Energy Watch Group, die vor gut einem Jahr veröffentlicht wurde. Erdgaskraftwerke könnten unterm Strich sogar klimaschädlicher sein als Kohleblöcke – je nach Herkunft des Brennstoffs. Auch als flüssiges LNG importiertes Erdgas bringe, erklärte das Bundesumweltministerium vergangenes Jahr gegenüber der Deutschen Welle, „im Vergleich zur Kohle in der Regel keine Treibhausgasminderung mit sich“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, der muss in den kommenden Jahren nicht nur den Verbrauch von Kohle und Erdöl drastisch senken, sondern auch den Verbrauch von Erdgas. Bis Mitte des Jahrhunderts müsse es einen kompletten Abschied von fossilen Brennstoffen geben, betont etwa Niklas Höhne vom NewClimate Institute in Köln. „Insofern kann Erdgas nur eine sehr kleine Rolle beigemessen werden auf dem Weg hin zu einer klimafreundlichen Welt.“

Dennoch setzt nicht nur Equinor auf Erdgas, auch das Europaparlament will den Energieträger weiter fördern. Mehrere deutsche Umweltverbände warnen, dies wären fatale Fehlinvestitionen – der Einsatz von Erdgas müsse „auf ein Minimum reduziert werden und schnellstmöglich zum Erliegen kommen“, schrieben sie Anfang Oktober in einem Brandbrief. Wenn man jetzt noch viele Milliarden in Erdgas-Infrastruktur oder -Kraftwerke investiere, dann „droht ein fossiler Lock-in auf Jahrzehnte“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, hört auf, sein Geld in „Brückentechnologien“ zu investieren. Sonne und Wind statt angebliches Back-up: Man darf annehmen, dass auch die Equinor-Spitze all dies weiß. Vielleicht hat der geschätzte Mathelehrer recht mit der Behauptung, dass es keine dummen Fragen gibt. Aber es gibt Fragen, die sich dumm stellen.

Danke an Tim P. und an Tina T. aus Rüsselsheim für den Hinweis


An die Kohlelobby: Geht doch!

Mittwoch, den 26. Juni 2019

Es ist etwas mehr als 25 Jahre her, da schaltete die Energiewirtschaft folgende Anzeige (unter anderem im Spiegel):

Damals ging es um die Frage, was passieren wird, wenn Deutschland aus der Atomkraft aussteigt, was aus Sicht der Großkraftwerker natürlich niemals passieren durfte. Die Folge wäre „eine enorme Steigerung der Kohleverbrennung, mithin der Emissionen des Treibhausgases CO2“, heißt es im Anzeigentext.

Und weiter:

„Auch langfristig nicht mehr als 4 %“.

Heute nun hat der Verband der Energielobby die neuesten Zahlen zur Stromproduktion veröffentlicht:

44 Prozent haben Sonne, Wind und Co. den deutschen Strombedarf im Halbjahr eins 2019 gedeckt! Das sind 1.100 Prozent mehr, als von der Energielobby 1993 für möglich gehalten wurde. Damit sind die Erneuerbaren jetzt wichtigste Stromquelle Deutschlands, vor Kohle, Atom, Gas und der Müllverbrennung.

Auf eine Entschuldigung für ihre damalige Irreführung verzichtete die Stromlobby übrigens.

Wir publizieren die Zahlen hier als Handreichung für die kommenden Diskussionen. Wenn Ihnen mal wieder jemand etwas über die Stromlücke erzählen will; sich dafür einsetzt, für den Klimaschutz Atomkraftwerke länger laufen zu lassen; wenn jemand erklärt, warum man nicht schon früher als 2038 aus der Braunkohle aussteigen kann; oder wenn es Leute gibt, die behaupten: „Wir können nicht gleichzeitig aus Kohle und Atom aussteigen“ – dann können Sie hier nachlesen, was die Behauptungen der Fossillobbyisten morgen noch wert sind!


A. Laschet (CDU): Braunkohle gegen Atomstrom

Sonntag, den 17. Dezember 2017

Stromlieferungen aus Nordrhein-Westfalen sollen die Abschaltung des belgischen Pannen-Reaktors Tihange 2 beschleunigen. Das zumindest will Armin Laschet (CDU) erreichen. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat nach eigenen Angaben darüber Verhandlungen mit der Regierung in Brüssel aufgenommen. „Ich bin bereits mit Belgien im Gespräch und will dies fortsetzen“, sagte Laschet dem Kölner Stadt-Anzeiger (Samstagausgabe). Das Atomkraftwerk Tihange unweit von Aachen sei eine Gefahr für das gesamte Rheinland. „Wir wollen neue Leitungen legen, um den Belgiern so viel Strom aus NRW zu liefern, dass Tihange überflüssig wird“, erklärte Laschet.

Ach, deswegen hält Nordrhein-Westfalen an der Verstromung seiner Braunkohle fest!? Um in Belgien den Atomausstieg voranzutreiben?

Was sagt Armin Laschet?

„Die

Echt jetzt? Ist das so?

Den Klima-Lügendetektor erreichte heute – WELT-EXKLUSIV!! – eine Antwort des belgischen Königshauses, in der unter anderem der klimawandelbedingte Anstieg der Meeresspiegel erwähnt wird (Belgien verfügt über 65 Kilometer Meeresküste, NRW hingegen über 0 Meter).

Weiter heißt es in der royalen Antwort:

Schließlich müsse Deutschland in seinen Bemühungen für den Klimaschutz auf der internationalen Bühne bestärkt und die ausgerufene Energiewende zum Erfolg, zum weltweiten Vorbild werden. Tatsächlich nämlich ist die Bundesrepublik immer noch der größte Treibhausgasproduzent in Europa, der sechstgrößte weltweit.

Schuld daran sei hauptsächlich die Braunkohle, der klimaschädlichste aller Energieträger, argumentieren die Belgier: Deutschland ist mit AbstandAbstandAbstand das Land, das am meisten Braunkohle weltweit fördert, verbrennt und damit die Atmosphäre vergiftet.

Das Fazit des Antwortschreibens aus Brüssel:

Spaß beiseite! Der Klima-Lügendetektor wird hier jetzt nicht die Gefahren eines Braunkohlekraftwerkes gegen die Risiken eines Atomkraftwerkes aufrechnen – oder umgekehrt. Aber ein paar Fakten müssen wir schon festhalten, lieber Herr Laschet:

Fakt ist, dass Atomkraftwerke im Betrieb kein klimaschädliches Kohlendioxid ausstoßen. Über seine gesamte Wertschöpfungskette verursacht Atomstrom rund 32 Gramm CO2-Äquivalent je Kilowattstunde, bei Braunkohlestrom hingegen sind es mindestens 970 Gramm Kohlendioxid pro kWh, wenn Förderung und Transport einbezogen werden – also rund 30-mal mehr!!

Fakt ist, dass die deutschen Fossilkonzerne heute schon viel zu viel Braunkohlestrom produzieren. Zum Ärger der Nachbarländer wird dieser Strom oft exportiert und im Ausland für einen Spottpreis verscherbelt. 2016 hat Deutschland rund 50 Milliarden Kilowattstunden mehr Strom produziert als verbraucht. Zum Vergleich: Belgien benötigt insgesamt pro Jahr etwa 82 Milliarden Kilowattstunden.

Fakt ist – und das sagte Armin Laschet natürlich nicht dem Kölner Stadt-Anzeiger –, dass den Braunkohlestrom-Export häufig die deutschen Stromkunden mitfinanzieren. Also Sie! Bläst viel Wind, werden nicht etwa die Braunkohlemeiler heruntergefahren, sondern die Windräder – im Stromnetz ist halt nur Platz für exakt jene Menge Strom, die zum jeweiligen Zeitpunkt gerade nachgefragt wird. Die Windmüller erhalten aber für den Strom, den sie nicht loswerden, eine Entschädigung von den Stromkunden – nicht von den Braunkohleverstromern.

Fakt ist, dass die Belgier schon seit 2016 kohlefrei sind und auch einen Ausstieg aus dem riskanten Atomstrom (bis 2025) beschlossen haben, während Armin Laschet und seine CDU gleiches beim gefährlichen Braunkohlestrom standhaft verweigern.

Und Fakt ist schließlich auch, dass deutsche Atomkraftwerke im Prinzip nicht sicherer sind als belgische: Just an diesem Wochenende protestierten österreichische Politiker wegen des AKW Gundremmingen in Bayern:

Vielen Dank an Bärbel H. aus Oberhausen für den Hinweis


Die Bahn: Mit Kohlestrom das Klima schützen

Mittwoch, den 25. Oktober 2017

Juchhu!

„Die Deutsche Bahn setzt sich ein neues ehrgeiziges Klimaschutzziel.“

Das hat die Deutsche Bahn in dieser Woche erklärt. Nämlich dieses neue ehrgeizige Klimaziel hier:

„Wir werden bis 2030 den spezifischen CO2-Ausstoß weltweit um mindestens 50 Prozent reduzieren. Das ist ein großer Schritt auf dem Weg zum komplett klimaneutralen Konzern, der wir 2050 sein werden“, sagte der neue Bahnchef Richard Lutz im Vorfeld der Bonner UN-Klimaschutzkonferenz.

So ganz ist dem Klima-Lügendetektor nicht klar, was „neu“ oder „ehrgeizig“ am jetzt gemeldeten Klimaschutzziel der Deutschen Bahn ist. Schlagzeilen wie „Neues Klimaschutzziel“ kommen bei der Bahn häufiger vor, die Süddeutsche Zeitung berichtete schon 2012, dass die Bahn bis 2050 komplett CO2-frei werden will, woraus sich zwangsläufig Zwischenschritte wie der jetzt angekündigte ergeben müssen.

Aber darum soll es diesmal gar nicht gehen. Interessanter finden wir nämlich das hier:

Es geht um ein Kohlekraftwerk, dass Eon seit elf Jahren baut und gegen das Klimaschützer seit elf Jahren kämpfen, weil im 21. Jahrhundert wegen des Klimaschutzes einfach keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden dürfen. So hatte zum Beispiel der Umweltverband BUND geklagt – und Recht bekommen.

Nun aber, fast gleichzeitig mit der Bekanntgabe des neuen ehrgeizigen Klimaziels der Deutschen Bahn, produziert die „Industrieruine“ wohl doch noch Strom:

Mittlerweile ist aus diesem Teil des Eon-Konzerns der neue Kohlekonzern Uniper geworden. Mit 1.100 Megawatt Leistung wäre Datteln IV eines der größten Kohlekraftwerke in Deutschland – und das genaue Gegenteil von Kohleausstieg. Denn solche Großprojekte müssen oft 40 Jahre laufen, bis sie sich amortisiert haben. Im Fall von Datteln IV wäre das bis ins Jahr 2058.

Heißt es nicht immer, Kohlestrom lasse sich nicht mehr verkaufen?

Aber sicher doch! Zum Beispiel an die Deutsche Bahn. In Datteln IV nämlich entsteht „die weltweit leistungsstärkste Bahnstromumrichteranlage, die nach Fertigstellung und Inbetriebnahme“ Kohlestrom so umwandelt, dass er ins 16,7-Hertz-Stromnetz der Deutschen Bahn einspeist werden kann, wie es auf den Seiten von Uniper heißt.

Wir können bis zu 413 Megawatt Bahnstrom liefern“, erklärt uns eine Sprecherin des Konzerns – zu Hauptverkehrszeiten betrage die von der Bahn benötigte Spitzenleistung 1.600 Megawatt.

Wie jetzt: Die Deutsche Bahn lässt sich ein Viertel ihres Stromes aus einem Kohlekraftwerk liefern, das gerade erst ans Netz geht und bis 2050 something laufen wird? Das können die doch nicht machen! Die Deutsche Bahn hat sich doch gerade ein neues ehrgeiziges Klimaziel gegeben!!!

Schriftlich teilt eine Bahnsprecherin mit: „Die Kohle wird auch mit dem neuen Klimaschutzziel 2030 weiter Anteile im Bahnstrommix behalten. Hintergrund sind auch langfristige vertragliche Verpflichtungen und die stabil und zuverlässig abgesicherte Bahnstromversorgung.“

Langfristige Lieferverträge also, die es leider nicht ermöglichen, noch ehrgeizigere Klimaziele auszurufen?

Das haben wir aber ganz anders in Erinnerung! Vor zwei Jahren nämlich berichteten Fachmedien wie das Handelsblatt:

Donnerwetter! Einfach mal ein Kohlekraftwerk abschalten – die Deutsche Bahn hätte vor zwei Jahren einen echt ehrgeizigen neuen Schritt beim Klimaschutz wagen können. Vermutlich hat sie dem aber damals bessere Lieferbedingungen für den Kohlestrom vorgezogen!

PS: Im Jahr 2015 bezog die Deutsche Bahn ihren Strom zu 39,5 Prozent aus Atomkraftwerken und zu 15 Prozent aus Kohlekraft. Damit schlug der Bahnstrom mit 429 Gramm Kohlendioxid je Kilowattstunde zu Buche – lediglich 47 Gramm weniger als im allgemeinen Stromnetz der Bundesrepublik.

Die Deutsche Bahn ist Mitbesitzerin des Atomkraftwerks Neckarwestheim, sie bezieht jährlich 1,7 Milliarden Kilowattstunden aus dem Reaktor Neckarwestheim 2, etwa ein Sechstel der dortigen Erzeugung oder mehr als zehn Prozent des gesamten Bahnstrombedarfs. Gemäß Atomausstiegsplan wird Neckarwestheim 2 spätestens am 31. Dezember 2022 vom Netz genommen, die Bahn braucht dann andere Bezugsquellen.

Vielen Dank an Christian V., Matthias B. und Nina B. für ihre Hinweise!


Deutschlandfunk: Journalismus ohne Recherche

Dienstag, den 13. Juni 2017

Oha!
Es gibt eine Sensation zu vermelden!!
EXKLUSIV!!!
Laut Deutschlandfunk:

Echt jetzt??

Wie passt diese Meldung zu diesen Fakten: Südkorea, Asiens viertgrößte Volkswirtschaft, hat gerade eine Energiewende beschlossen, bei der die Atomkraft zurückgefahren wird. Die Schweiz stimmte jüngst per Volksentscheid für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Das Wiederanfahren des AKW Brokdorf, letztes seiner Art in Schleswig-Holstein, wurde im März dieses Jahres wegen technischer Mängel untersagt.

Die EU-Kommission legte vergangene Woche einen Bericht vor, dem zufolge die Mitgliedsstaaten zwischen 660 und 770 Milliarden Euro in die Atomenergie investieren müssten, um wenigstens das Niveau von heute zu halten – was aber wegen des Alters vieler Reaktoren zunächst erst einmal definitiv sinken wird.

Westinghouse, einer der weltgrößten Hersteller von Atomreaktoren, musste Ende März Insolvenz anmelden. Oder der 1.600-Megawatt-Neubau im finnischen Olkiluoto – ursprüngliche Planung: drei Milliarden Euro teuer, Inbetriebnahme 2009. Die Kosten haben sich inzwischen verdoppelt, aber der Reaktor wird und wird einfach nicht fertig, auch zehn Jahre nach der geplanten Inbetriebnahme nicht.

Also, verehrte Kollegen vom Deutschlandfunk: Wo bitte ist der „weltweite Vormarsch der Atomkraft“?

Dies war die Überschrift der Meldung, die es bis in die Hauptnachrichten brachte:

„Immer mehr?“ Vorsicht! Journalisten, die einen Satz mit „Immer mehr“ beginnen, wissen meist nichts Genaues. Deshalb wird auf Journalistenschulen vor dieser Wischiwaschi-Formulierung gewarnt.

Worauf basiert denn nun diese trompetenhafte Vormarsch-Meldung des Deutschlandfunks? Hören wir weiter zu:

Ah, die Quelle ist der Direktor der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA)! Also der Chef jener Einrichtung, deren Ziel – siehe Artikel 2 des IAEA-Statuts – ausdrücklich die Förderung der Atomenergie ist. Wirklich eine unbestechliche Quelle für eine Nachricht …

Wir haben kurz mal im Archiv geblättert. Unter der Überschrift „Kernenergie auf dem Vormarsch“ vermeldete die Atomlobby 1997: „Die Stromproduktion aus Kernenergie wird bis zum Jahr 2010 voraussichtlich um rund 13 Prozent steigen“. Tatsächlich lag der Leistungszuwachs bis 2010 unter drei Prozent.

2008 schwadronierte das Deutsche Atomforum von der „Renaissance der Atomkraft“. Damals waren weltweit 439 Reaktoren am Netz. 2012 vermeldete das Wall Street Journal „Atomkraft hat weltweit eine Zukunft“. Jetzt gab es weltweit nur noch 437 Reaktoren, von denen aber allein in Japan nach der Atomkatastrophe von Fukushima 48 vom Netz genommen wurden. Und seitdem auch blieben.

Beim Deutschlandfunk aber heißt es:

Ui, ui, ui. Der Satz ist im Indikativ formuliert, nicht im Konjunktiv, wie bei der Wiedergabe eines Zitats üblich. Und die Kollegen sind damit der IAEA-Propaganda auf den Leim gegangen: Im englischen Original der Pressemitteilung heißt es, 449 Reaktoren seien „in operation“. Das übersetzte der Deutschlandfunk mit „produzierten Strom“. Blöderweise aber zählt die IAEA auch AKWs unter „in operation“, die derzeit abgeschaltet sind – wie beispielsweise jene in Japan.

Und schließlich vermeldet der Deutschlandfunk zwar, wie viele Reaktoren in den letzten zwei Jahren neu ans Netz gingen. Von jenen, die im gleichen Zeitraum für immer vom Netz genommen und verschrottet wurden, erfahren wir aber nichts: etwa vom schwedischen AKW Oskarshamn 2, von Fort Calhoun in den USA oder vom japanischen AKW Fukui. Von den Reaktoren in Ikata oder dem deutschen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld. Dem Reaktor Takahama 2. Und so weiter …

Zum Stand der weltweiten Atomkraft empfehlen wir eine unabhängige Quelle, nämlich den World Nuclear Energy Status Report (WNESR), der seit Jahrzehnten vom renommierten Branchenbeobachter Mycle Schneider herausgegeben wird. Hier werden als „operating reactors“ nur jene gezählt, die tatsächlich laufen. Und was sagt der WNESR zum aktuellen Stand der weltweiten Atomwirtschaft? Schauen wir in den 2017er Report: Auch dort ist von 20 neu angefahrenen Reaktoren in den Jahren 2015 und 2016 die Rede (darunter das US-AKW Watts Bar 2, das mit 43 Jahren die längste je verzeichnete Bauzeit aufweise). Wegen diverser Stilllegungen, lesen wir hier, sei die Zahl der weltweit laufenden Reaktoren aber nur um zehn gestiegen – und liege damit immer  noch „weit unter dem historischen Maximum von 438 im Jahr 2002″:

So sieht der „weltweite Vormarsch“ der Atomkraft aus …

Leider lieferte uns also der Deutschlandfunk diesmal Journalismus ohne Recherche.


Brigitte Zypries: Auf zu vier Prozent!

Sonntag, den 5. Februar 2017

Das kann Brigitte Zypries gar nicht gewollt haben! Oder vielleicht doch? Gerade eine Woche im Amt, feiert die neue Bundeswirtschaftsministerin die Energiewende schon als „unsere Erfolgsgeschichte“:

20 Seiten Erfolgsbilanz über 25 Jahre Klimaschutz in Deutschland (unter anderem als Beilage in der Süddeutschen Zeitung und der taz)!

Na, dann gucken wir doch mal, was die bisherige Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, zuständig für die Bereiche IT, Luft- und Raumfahrt, weiß, was wir nicht wissen:

Wow!

25 Jahre bundesdeutsche Klimaschutz-Politik, der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft und der „kontinuierliche Ausbau der erneuerbaren Energien“ haben eine Treibhausgas-Reduktion von 27 Prozent gebracht! Das ist ja sogar mehr als 1 Prozentpunkt jedes Jahr!!!

Brigitte Zypries weiter:

Um unser Klimaziel zu schaffen, müssen wir jetzt lediglich noch 4 Prozentpunkte Treibhausgas pro Jahr einsparen. Also nur noch 4 Prozentpunkte jedes Jahr. Sozusagen JÄHRLICH 4 Prozentpunkte. Viermal mehr als zuletzt. (Eigentlich sogar 5 Prozentpunkte, denn wir wollen ja in den kommenden Jahren auch noch die treibhausgasarmen AKWs stillegen, in diesem Jahr den Block Gundremmingen B und 2019 das Atomkraftwerk Philippsburg.)

Denn obwohl die Energiewende ja so eine Erfolgsgeschichte ist – die Treibhausgasemissionen sind seit 2014 nur noch gestiegen!

4 Prozentpunkte Treibhausgas-Reduktion jährlich: Würden wir 2017 wirklich um 4 Prozentpunkte reduzieren, kämen wir auf minus 31 Prozent gegenüber 1990.

Minus 4 Prozentpunkte im Jahr 2018 würden Deutschland auf ein Reduktionsniveau von 35 Prozent bringen. Gelängen 2019 auch noch einmal 4 Prozentpunkte Reduktion, wäre das deutsche Klimaziel gerissen: Bis 2020 wären dann nur 39 Prozent der deutschen Emissionen eingespart. Obwohl doch 40 Prozent versprochen waren.

Die deutsche Energiewende wäre dann eben keine Erfolgsgeschichte, sondern die jahrelange Fortschreibung politischen Versagens. Sigmar Gabriel (SPD) hat sich dessen genauso schuldig gemacht wie Philipp Rösler, Rainer Brüderle, Karl-Theodor zu Guttenberg oder Michael Glos. Rein statistisch gesehen haben diese Herren jährlich 1 Prozentpunkt Treibhausgase eingespart.

Brigitte Zypries müsste ihre Anstrengungen vervierfachen, sollte

werden genauso wie das deutsche Klimaziel.

Nun: Geben wir ihr die Gelegenheit!

Herzlichen Dank für den Hinweis
an Wilfried C. aus Ulm und Konstanze B. aus Hof!


Atomlobby: Ein vergiftetes Angebot

Montag, den 7. Dezember 2015

Die World Nuclear Association, so etwas wie die Weltlobby für die Atomkraft, fordert von den Klimadiplomaten in Paris ein „ambitioniertes Klimaabkommen“. Agneta Rising ist als Generaldirektorin sozusagen die oberste Lobbyistin der Weltlobby für die Atomkraft. Sie erklärt: 

002Interessant! Um die Ziele eines ehrgeizigen Klimavertrages zu erreichen, müsse die Politik „Investitionen besonders in die Kernenergie“ fördern. Agneta Rising: Wir brauchen 1.000 Gigawatt neuer Kernkraftkapazitäten bis zum Jahr 2050, um den Klimawandel zu bekämpfen.“

Um eine Vorstellung zu bekommen: 1.000 neue Gigawatt entsprechen mindestens 1.000 neuen Atomkraftwerken. Das sind mehr als doppelt so viele, wie derzeit am Netz sind.  Nach Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA liefern derzeit 438 Reaktoren in 31 Ländern mit einer installierten elektrischen Gesamtnettoleistung von rund 379 Gigawatt Strom. Und weil viele Reaktoren älter als 40 Jahre sind, werden in den kommenden Jahren etliche AKWs abgeschaltet.

Dankenswerteweise hat uns die World Nuclear Association auch eine Website mitgeliefert, die die klimafreundlichen Details zur Forderung „1.000 Gigawatt Atomkraft zusätzlich bis 2050″ liefert:

001Huups. Bei Minute 1:15 hat sich doch glatt eine kleine Lüge eingeschlichen! Dort heißt es: „Atomkraft sorgt nur für 16 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde mit einer kleinen Menge Müll, der mit größter Obacht behandelt wird.“

Nein, liebe Atomlobby! Der Müll wird eben gar nicht behandelt. Es gibt nach nunmehr 60-jähriger Nutzung der Atomkraft weltweit nicht ein einziges Endlager für den Hunderttausende Jahre strahlenden Müll. Es gibt in manchen Staaten noch nicht einmal eine Idee, wie dieses Problem in den Griff zu bekommen ist.

Stattdessen gibt es verseuchte Gebiete, die trotz viel Aufwand und jeder Menge Energie nicht in den Griff zu bekommen sind. Und: Es lohnt sich wirtschaftlich gar nicht, wie der Bau des AKW Olkiluoto in Finnland zeigt. Ursprünglich sollte der 1.600-Megawatt-Koloss drei Milliarden Euro teuer werden und 2009 ans Netz gehen. Inzwischen ist 2018 als Startdatum geplant – und mehr als das Doppelte an Kosten.

Die Investitionskosten wird das Kraftwerk niemals einspielen.

Vielen Dank an Verena K. für den Hinweis.