Archiv des Schlagwortes ‘Atomkraft’

A. Laschet (CDU): Braunkohle gegen Atomstrom

Sonntag, den 17. Dezember 2017

Stromlieferungen aus Nordrhein-Westfalen sollen die Abschaltung des belgischen Pannen-Reaktors Tihange 2 beschleunigen. Das zumindest will Armin Laschet (CDU) erreichen. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat nach eigenen Angaben darüber Verhandlungen mit der Regierung in Brüssel aufgenommen. „Ich bin bereits mit Belgien im Gespräch und will dies fortsetzen“, sagte Laschet dem Kölner Stadt-Anzeiger (Samstagausgabe). Das Atomkraftwerk Tihange unweit von Aachen sei eine Gefahr für das gesamte Rheinland. „Wir wollen neue Leitungen legen, um den Belgiern so viel Strom aus NRW zu liefern, dass Tihange überflüssig wird“, erklärte Laschet.

Ach, deswegen hält Nordrhein-Westfalen an der Verstromung seiner Braunkohle fest!? Um in Belgien den Atomausstieg voranzutreiben?

Was sagt Armin Laschet?

„Die

Echt jetzt? Ist das so?

Den Klima-Lügendetektor erreichte heute – WELT-EXKLUSIV!! – eine Antwort des belgischen Königshauses, in der unter anderem der klimawandelbedingte Anstieg der Meeresspiegel erwähnt wird (Belgien verfügt über 65 Kilometer Meeresküste, NRW hingegen über 0 Meter).

Weiter heißt es in der royalen Antwort:

Schließlich müsse Deutschland in seinen Bemühungen für den Klimaschutz auf der internationalen Bühne bestärkt und die ausgerufene Energiewende zum Erfolg, zum weltweiten Vorbild werden. Tatsächlich nämlich ist die Bundesrepublik immer noch der größte Treibhausgasproduzent in Europa, der sechstgrößte weltweit.

Schuld daran sei hauptsächlich die Braunkohle, der klimaschädlichste aller Energieträger, argumentieren die Belgier: Deutschland ist mit AbstandAbstandAbstand das Land, das am meisten Braunkohle weltweit fördert, verbrennt und damit die Atmosphäre vergiftet.

Das Fazit des Antwortschreibens aus Brüssel:

Spaß beiseite! Der Klima-Lügendetektor wird hier jetzt nicht die Gefahren eines Braunkohlekraftwerkes gegen die Risiken eines Atomkraftwerkes aufrechnen – oder umgekehrt. Aber ein paar Fakten müssen wir schon festhalten, lieber Herr Laschet:

Fakt ist, dass Atomkraftwerke im Betrieb kein klimaschädliches Kohlendioxid ausstoßen. Über seine gesamte Wertschöpfungskette verursacht Atomstrom rund 32 Gramm CO2-Äquivalent je Kilowattstunde, bei Braunkohlestrom hingegen sind es mindestens 970 Gramm Kohlendioxid pro kWh, wenn Förderung und Transport einbezogen werden – also rund 30-mal mehr!!

Fakt ist, dass die deutschen Fossilkonzerne heute schon viel zu viel Braunkohlestrom produzieren. Zum Ärger der Nachbarländer wird dieser Strom oft exportiert und im Ausland für einen Spottpreis verscherbelt. 2016 hat Deutschland rund 50 Milliarden Kilowattstunden mehr Strom produziert als verbraucht. Zum Vergleich: Belgien benötigt insgesamt pro Jahr etwa 82 Milliarden Kilowattstunden.

Fakt ist – und das sagte Armin Laschet natürlich nicht dem Kölner Stadt-Anzeiger –, dass den Braunkohlestrom-Export häufig die deutschen Stromkunden mitfinanzieren. Also Sie! Bläst viel Wind, werden nicht etwa die Braunkohlemeiler heruntergefahren, sondern die Windräder – im Stromnetz ist halt nur Platz für exakt jene Menge Strom, die zum jeweiligen Zeitpunkt gerade nachgefragt wird. Die Windmüller erhalten aber für den Strom, den sie nicht loswerden, eine Entschädigung von den Stromkunden – nicht von den Braunkohleverstromern.

Fakt ist, dass die Belgier schon seit 2016 kohlefrei sind und auch einen Ausstieg aus dem riskanten Atomstrom (bis 2025) beschlossen haben, während Armin Laschet und seine CDU gleiches beim gefährlichen Braunkohlestrom standhaft verweigern.

Und Fakt ist schließlich auch, dass deutsche Atomkraftwerke im Prinzip nicht sicherer sind als belgische: Just an diesem Wochenende protestierten österreichische Politiker wegen des AKW Gundremmingen in Bayern:

Vielen Dank an Bärbel H. aus Oberhausen für den Hinweis


Die Bahn: Mit Kohlestrom das Klima schützen

Mittwoch, den 25. Oktober 2017

Juchhu!

„Die Deutsche Bahn setzt sich ein neues ehrgeiziges Klimaschutzziel.“

Das hat die Deutsche Bahn in dieser Woche erklärt. Nämlich dieses neue ehrgeizige Klimaziel hier:

„Wir werden bis 2030 den spezifischen CO2-Ausstoß weltweit um mindestens 50 Prozent reduzieren. Das ist ein großer Schritt auf dem Weg zum komplett klimaneutralen Konzern, der wir 2050 sein werden“, sagte der neue Bahnchef Richard Lutz im Vorfeld der Bonner UN-Klimaschutzkonferenz.

So ganz ist dem Klima-Lügendetektor nicht klar, was „neu“ oder „ehrgeizig“ am jetzt gemeldeten Klimaschutzziel der Deutschen Bahn ist. Schlagzeilen wie „Neues Klimaschutzziel“ kommen bei der Bahn häufiger vor, die Süddeutsche Zeitung berichtete schon 2012, dass die Bahn bis 2050 komplett CO2-frei werden will, woraus sich zwangsläufig Zwischenschritte wie der jetzt angekündigte ergeben müssen.

Aber darum soll es diesmal gar nicht gehen. Interessanter finden wir nämlich das hier:

Es geht um ein Kohlekraftwerk, dass Eon seit elf Jahren baut und gegen das Klimaschützer seit elf Jahren kämpfen, weil im 21. Jahrhundert wegen des Klimaschutzes einfach keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden dürfen. So hatte zum Beispiel der Umweltverband BUND geklagt – und Recht bekommen.

Nun aber, fast gleichzeitig mit der Bekanntgabe des neuen ehrgeizigen Klimaziels der Deutschen Bahn, produziert die „Industrieruine“ wohl doch noch Strom:

Mittlerweile ist aus diesem Teil des Eon-Konzerns der neue Kohlekonzern Uniper geworden. Mit 1.100 Megawatt Leistung wäre Datteln IV eines der größten Kohlekraftwerke in Deutschland – und das genaue Gegenteil von Kohleausstieg. Denn solche Großprojekte müssen oft 40 Jahre laufen, bis sie sich amortisiert haben. Im Fall von Datteln IV wäre das bis ins Jahr 2058.

Heißt es nicht immer, Kohlestrom lasse sich nicht mehr verkaufen?

Aber sicher doch! Zum Beispiel an die Deutsche Bahn. In Datteln IV nämlich entsteht „die weltweit leistungsstärkste Bahnstromumrichteranlage, die nach Fertigstellung und Inbetriebnahme“ Kohlestrom so umwandelt, dass er ins 16,7-Hertz-Stromnetz der Deutschen Bahn einspeist werden kann, wie es auf den Seiten von Uniper heißt.

Wir können bis zu 413 Megawatt Bahnstrom liefern“, erklärt uns eine Sprecherin des Konzerns – zu Hauptverkehrszeiten betrage die von der Bahn benötigte Spitzenleistung 1.600 Megawatt.

Wie jetzt: Die Deutsche Bahn lässt sich ein Viertel ihres Stromes aus einem Kohlekraftwerk liefern, das gerade erst ans Netz geht und bis 2050 something laufen wird? Das können die doch nicht machen! Die Deutsche Bahn hat sich doch gerade ein neues ehrgeiziges Klimaziel gegeben!!!

Schriftlich teilt eine Bahnsprecherin mit: „Die Kohle wird auch mit dem neuen Klimaschutzziel 2030 weiter Anteile im Bahnstrommix behalten. Hintergrund sind auch langfristige vertragliche Verpflichtungen und die stabil und zuverlässig abgesicherte Bahnstromversorgung.“

Langfristige Lieferverträge also, die es leider nicht ermöglichen, noch ehrgeizigere Klimaziele auszurufen?

Das haben wir aber ganz anders in Erinnerung! Vor zwei Jahren nämlich berichteten Fachmedien wie das Handelsblatt:

Donnerwetter! Einfach mal ein Kohlekraftwerk abschalten – die Deutsche Bahn hätte vor zwei Jahren einen echt ehrgeizigen neuen Schritt beim Klimaschutz wagen können. Vermutlich hat sie dem aber damals bessere Lieferbedingungen für den Kohlestrom vorgezogen!

PS: Im Jahr 2015 bezog die Deutsche Bahn ihren Strom zu 39,5 Prozent aus Atomkraftwerken und zu 15 Prozent aus Kohlekraft. Damit schlug der Bahnstrom mit 429 Gramm Kohlendioxid je Kilowattstunde zu Buche – lediglich 47 Gramm weniger als im allgemeinen Stromnetz der Bundesrepublik.

Die Deutsche Bahn ist Mitbesitzerin des Atomkraftwerks Neckarwestheim, sie bezieht jährlich 1,7 Milliarden Kilowattstunden aus dem Reaktor Neckarwestheim 2, etwa ein Sechstel der dortigen Erzeugung oder mehr als zehn Prozent des gesamten Bahnstrombedarfs. Gemäß Atomausstiegsplan wird Neckarwestheim 2 spätestens am 31. Dezember 2022 vom Netz genommen, die Bahn braucht dann andere Bezugsquellen.

Vielen Dank an Christian V., Matthias B. und Nina B. für ihre Hinweise!


Deutschlandfunk: Journalismus ohne Recherche

Dienstag, den 13. Juni 2017

Oha!
Es gibt eine Sensation zu vermelden!!
EXKLUSIV!!!
Laut Deutschlandfunk:

Echt jetzt??

Wie passt diese Meldung zu diesen Fakten: Südkorea, Asiens viertgrößte Volkswirtschaft, hat gerade eine Energiewende beschlossen, bei der die Atomkraft zurückgefahren wird. Die Schweiz stimmte jüngst per Volksentscheid für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Das Wiederanfahren des AKW Brokdorf, letztes seiner Art in Schleswig-Holstein, wurde im März dieses Jahres wegen technischer Mängel untersagt.

Die EU-Kommission legte vergangene Woche einen Bericht vor, dem zufolge die Mitgliedsstaaten zwischen 660 und 770 Milliarden Euro in die Atomenergie investieren müssten, um wenigstens das Niveau von heute zu halten – was aber wegen des Alters vieler Reaktoren zunächst erst einmal definitiv sinken wird.

Westinghouse, einer der weltgrößten Hersteller von Atomreaktoren, musste Ende März Insolvenz anmelden. Oder der 1.600-Megawatt-Neubau im finnischen Olkiluoto – ursprüngliche Planung: drei Milliarden Euro teuer, Inbetriebnahme 2009. Die Kosten haben sich inzwischen verdoppelt, aber der Reaktor wird und wird einfach nicht fertig, auch zehn Jahre nach der geplanten Inbetriebnahme nicht.

Also, verehrte Kollegen vom Deutschlandfunk: Wo bitte ist der „weltweite Vormarsch der Atomkraft“?

Dies war die Überschrift der Meldung, die es bis in die Hauptnachrichten brachte:

„Immer mehr?“ Vorsicht! Journalisten, die einen Satz mit „Immer mehr“ beginnen, wissen meist nichts Genaues. Deshalb wird auf Journalistenschulen vor dieser Wischiwaschi-Formulierung gewarnt.

Worauf basiert denn nun diese trompetenhafte Vormarsch-Meldung des Deutschlandfunks? Hören wir weiter zu:

Ah, die Quelle ist der Direktor der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA)! Also der Chef jener Einrichtung, deren Ziel – siehe Artikel 2 des IAEA-Statuts – ausdrücklich die Förderung der Atomenergie ist. Wirklich eine unbestechliche Quelle für eine Nachricht …

Wir haben kurz mal im Archiv geblättert. Unter der Überschrift „Kernenergie auf dem Vormarsch“ vermeldete die Atomlobby 1997: „Die Stromproduktion aus Kernenergie wird bis zum Jahr 2010 voraussichtlich um rund 13 Prozent steigen“. Tatsächlich lag der Leistungszuwachs bis 2010 unter drei Prozent.

2008 schwadronierte das Deutsche Atomforum von der „Renaissance der Atomkraft“. Damals waren weltweit 439 Reaktoren am Netz. 2012 vermeldete das Wall Street Journal „Atomkraft hat weltweit eine Zukunft“. Jetzt gab es weltweit nur noch 437 Reaktoren, von denen aber allein in Japan nach der Atomkatastrophe von Fukushima 48 vom Netz genommen wurden. Und seitdem auch blieben.

Beim Deutschlandfunk aber heißt es:

Ui, ui, ui. Der Satz ist im Indikativ formuliert, nicht im Konjunktiv, wie bei der Wiedergabe eines Zitats üblich. Und die Kollegen sind damit der IAEA-Propaganda auf den Leim gegangen: Im englischen Original der Pressemitteilung heißt es, 449 Reaktoren seien „in operation“. Das übersetzte der Deutschlandfunk mit „produzierten Strom“. Blöderweise aber zählt die IAEA auch AKWs unter „in operation“, die derzeit abgeschaltet sind – wie beispielsweise jene in Japan.

Und schließlich vermeldet der Deutschlandfunk zwar, wie viele Reaktoren in den letzten zwei Jahren neu ans Netz gingen. Von jenen, die im gleichen Zeitraum für immer vom Netz genommen und verschrottet wurden, erfahren wir aber nichts: etwa vom schwedischen AKW Oskarshamn 2, von Fort Calhoun in den USA oder vom japanischen AKW Fukui. Von den Reaktoren in Ikata oder dem deutschen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld. Dem Reaktor Takahama 2. Und so weiter …

Zum Stand der weltweiten Atomkraft empfehlen wir eine unabhängige Quelle, nämlich den World Nuclear Energy Status Report (WNESR), der seit Jahrzehnten vom renommierten Branchenbeobachter Mycle Schneider herausgegeben wird. Hier werden als „operating reactors“ nur jene gezählt, die tatsächlich laufen. Und was sagt der WNESR zum aktuellen Stand der weltweiten Atomwirtschaft? Schauen wir in den 2017er Report: Auch dort ist von 20 neu angefahrenen Reaktoren in den Jahren 2015 und 2016 die Rede (darunter das US-AKW Watts Bar 2, das mit 43 Jahren die längste je verzeichnete Bauzeit aufweise). Wegen diverser Stilllegungen, lesen wir hier, sei die Zahl der weltweit laufenden Reaktoren aber nur um zehn gestiegen – und liege damit immer  noch „weit unter dem historischen Maximum von 438 im Jahr 2002″:

So sieht der „weltweite Vormarsch“ der Atomkraft aus …

Leider lieferte uns also der Deutschlandfunk diesmal Journalismus ohne Recherche.


Brigitte Zypries: Auf zu vier Prozent!

Sonntag, den 5. Februar 2017

Das kann Brigitte Zypries gar nicht gewollt haben! Oder vielleicht doch? Gerade eine Woche im Amt, feiert die neue Bundeswirtschaftsministerin die Energiewende schon als „unsere Erfolgsgeschichte“:

20 Seiten Erfolgsbilanz über 25 Jahre Klimaschutz in Deutschland (unter anderem als Beilage in der Süddeutschen Zeitung und der taz)!

Na, dann gucken wir doch mal, was die bisherige Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, zuständig für die Bereiche IT, Luft- und Raumfahrt, weiß, was wir nicht wissen:

Wow!

25 Jahre bundesdeutsche Klimaschutz-Politik, der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft und der „kontinuierliche Ausbau der erneuerbaren Energien“ haben eine Treibhausgas-Reduktion von 27 Prozent gebracht! Das ist ja sogar mehr als 1 Prozentpunkt jedes Jahr!!!

Brigitte Zypries weiter:

Um unser Klimaziel zu schaffen, müssen wir jetzt lediglich noch 4 Prozentpunkte Treibhausgas pro Jahr einsparen. Also nur noch 4 Prozentpunkte jedes Jahr. Sozusagen JÄHRLICH 4 Prozentpunkte. Viermal mehr als zuletzt. (Eigentlich sogar 5 Prozentpunkte, denn wir wollen ja in den kommenden Jahren auch noch die treibhausgasarmen AKWs stillegen, in diesem Jahr den Block Gundremmingen B und 2019 das Atomkraftwerk Philippsburg.)

Denn obwohl die Energiewende ja so eine Erfolgsgeschichte ist – die Treibhausgasemissionen sind seit 2014 nur noch gestiegen!

4 Prozentpunkte Treibhausgas-Reduktion jährlich: Würden wir 2017 wirklich um 4 Prozentpunkte reduzieren, kämen wir auf minus 31 Prozent gegenüber 1990.

Minus 4 Prozentpunkte im Jahr 2018 würden Deutschland auf ein Reduktionsniveau von 35 Prozent bringen. Gelängen 2019 auch noch einmal 4 Prozentpunkte Reduktion, wäre das deutsche Klimaziel gerissen: Bis 2020 wären dann nur 39 Prozent der deutschen Emissionen eingespart. Obwohl doch 40 Prozent versprochen waren.

Die deutsche Energiewende wäre dann eben keine Erfolgsgeschichte, sondern die jahrelange Fortschreibung politischen Versagens. Sigmar Gabriel (SPD) hat sich dessen genauso schuldig gemacht wie Philipp Rösler, Rainer Brüderle, Karl-Theodor zu Guttenberg oder Michael Glos. Rein statistisch gesehen haben diese Herren jährlich 1 Prozentpunkt Treibhausgase eingespart.

Brigitte Zypries müsste ihre Anstrengungen vervierfachen, sollte

werden genauso wie das deutsche Klimaziel.

Nun: Geben wir ihr die Gelegenheit!

Herzlichen Dank für den Hinweis
an Wilfried C. aus Ulm und Konstanze B. aus Hof!


Atomlobby: Ein vergiftetes Angebot

Montag, den 7. Dezember 2015

Die World Nuclear Association, so etwas wie die Weltlobby für die Atomkraft, fordert von den Klimadiplomaten in Paris ein „ambitioniertes Klimaabkommen“. Agneta Rising ist als Generaldirektorin sozusagen die oberste Lobbyistin der Weltlobby für die Atomkraft. Sie erklärt: 

002Interessant! Um die Ziele eines ehrgeizigen Klimavertrages zu erreichen, müsse die Politik „Investitionen besonders in die Kernenergie“ fördern. Agneta Rising: Wir brauchen 1.000 Gigawatt neuer Kernkraftkapazitäten bis zum Jahr 2050, um den Klimawandel zu bekämpfen.“

Um eine Vorstellung zu bekommen: 1.000 neue Gigawatt entsprechen mindestens 1.000 neuen Atomkraftwerken. Das sind mehr als doppelt so viele, wie derzeit am Netz sind.  Nach Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA liefern derzeit 438 Reaktoren in 31 Ländern mit einer installierten elektrischen Gesamtnettoleistung von rund 379 Gigawatt Strom. Und weil viele Reaktoren älter als 40 Jahre sind, werden in den kommenden Jahren etliche AKWs abgeschaltet.

Dankenswerteweise hat uns die World Nuclear Association auch eine Website mitgeliefert, die die klimafreundlichen Details zur Forderung „1.000 Gigawatt Atomkraft zusätzlich bis 2050″ liefert:

001Huups. Bei Minute 1:15 hat sich doch glatt eine kleine Lüge eingeschlichen! Dort heißt es: „Atomkraft sorgt nur für 16 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde mit einer kleinen Menge Müll, der mit größter Obacht behandelt wird.“

Nein, liebe Atomlobby! Der Müll wird eben gar nicht behandelt. Es gibt nach nunmehr 60-jähriger Nutzung der Atomkraft weltweit nicht ein einziges Endlager für den Hunderttausende Jahre strahlenden Müll. Es gibt in manchen Staaten noch nicht einmal eine Idee, wie dieses Problem in den Griff zu bekommen ist.

Stattdessen gibt es verseuchte Gebiete, die trotz viel Aufwand und jeder Menge Energie nicht in den Griff zu bekommen sind. Und: Es lohnt sich wirtschaftlich gar nicht, wie der Bau des AKW Olkiluoto in Finnland zeigt. Ursprünglich sollte der 1.600-Megawatt-Koloss drei Milliarden Euro teuer werden und 2009 ans Netz gehen. Inzwischen ist 2018 als Startdatum geplant – und mehr als das Doppelte an Kosten.

Die Investitionskosten wird das Kraftwerk niemals einspielen.

Vielen Dank an Verena K. für den Hinweis.


RWE: In der Lügenfalle

Freitag, den 15. Mai 2015

Spielen Sie Schach?

Da kann es folgende Situation geben: Sie spielen Zug um Zug, haben das Gefühl, dass alles super läuft. Der Gegner wird bald geschlagen sein, Sie werden Ihren König sicher durchs Spiel bringen. Und da passiert es: Sie haben sich in eine Situation hineinmanövriert, in der Sie nichts mehr richtig machen können. Egal, welchen Zug Sie als nächstes auch tun, es wird ein falscher sein. Sie sind überführt, noch bevor Sie Ihre Figur setzen.

So geht es auch Peter Terium und RWE.

Und folgendermaßen läuft die Partie: Unter dem Druck der Kritiker behauptete das Unternehmen jahrelang, dass es genügend Geld für den Rückbau der Atomkraftwerke zur Seite gelegt hat. Das Geld sei sicher, hieß es. Wieder und wieder und wieder. Zehn Milliarden Euro an Atomrückstellungen stünden bereit und warteten nur darauf, bei Bedarf für den AKW-Rückbau und die Lagerung der strahlenden Altlasten ihren Einsatz zu finden. Schachfigur gesetzt.

Angriff an der Nuklearflanke fürs Erste abgewehrt.

Die Partie geht aber weiter. Scheinbar überraschend gibt es einen Angriff an der Kohleflanke. Die Klimaabgabe, die sich das Bundeswirtschaftsministerium unter dem verhaltenen Jubel der Umweltverbände ausgedacht hat, droht das fossile Kraftwerksgeschäft zu schmälern.

Was nun?

Um die RWE-Figuren zu retten, tat Konzernchef Peter Terium in einem Interview mit dem Sender n-tv in dieser Woche den nächsten Schachzug: Er behauptete, dass die Klimaabgabe 80 bis 90 Prozent der Braunkohle in einem Ausmaß treffen würde, „wo RWE es nicht mehr stemmen würde“. Das Geld aus dem Braunkohlegeschäft aber brauche man auch dafür – holte Terium die ganz große Keule raus –, um die Versprechungen zu den Atomrückstellungen einzuhalten.

Und jetzt sitzt er in der Falle.

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Denn:

Gilt sein Argument, hat er gerade – als erster führender Vertreter der großen Energiekonzerne und in aller Öffentlichkeit – zugegeben, dass RWE die Öffentlichkeit bei der Sicherheit der Atomrückstellungen all die Jahre über belogen hat. Mit seiner Aussage würde er bestätigen, wovor Umweltverbände und Anti-Atom-Gruppen immer gewarnt haben: Die Energieriesen haben mit der Nuklearenergie das Geschäft gemacht, auf der teuren Entsorgung der Altlasten aber bleiben die Steuerzahler sitzen. Eine Bankrotterklärung und Blamage auf ganzer Linie.

Sollte das Ganze aber „so nicht gemeint gewesen“ sein, kann Terium die Partie ebenso wenig für sich retten. Denn dann würde sich sein Rückstellungs-Argument als ein überaus dreister Erpressungsversuch erweisen, um die drohende Klimaabgabe abzuwenden. (Experten sind sich einig, dass die Abgabe den zum Erreichen des deutschen Klimaziels wichtigen Strukturwandel auf sehr sanfte Weise einläutet.)

So oder so, an dieser Stelle der Partie kann der RWE-Chef nichts mehr richtig machen. Er trägt eine peinliche Niederlage davon.

Vielen Dank an Jürgen D. für den Hinweis


Neues dem Fundus (I): Das „Klumpenrisiko Deutschland“

Sonntag, den 8. März 2015

In dieser Woche stellt RWE seine neuen Geschäftszahlen für das Wirtschaftsjahr 2014 vor. Und so viel steht schon fest: Gut werden die Zahlen deshalb nicht ausfallen, weil  RWE als einziger Großkonzern an seinem alten Geschäftsmodell festhält – der Braunkohleverstromung. Wir haben uns gefragt, wieso das Managment so sehr auf dem „Gesternkurs“  besteht. Und sind auf folgende Antwort aus dem Jahr 2011 gestoßen:

Der Atomkonzern RWE ist bekanntlich der, der vorweg geht. Auch rein werbetechnisch:

Insofern liegt es nahe, dass die Essener nun, nach der beschlossenen Energiewende, vorweg gehen, rein kommunikationstechnisch. In der Chemnitzer Freien Presse, vor 20 Jahren noch die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung, mittlerweile leider zu einem Provinzblatt heruntergewirtschaftet, offeriert uns RWE ein verblüffendes Angebot:

Gerne, RWE! Los geht es:

Stimmt es, liebe RWE, dass Sie nicht mehr bereit sind, wie jeder vernünftige deutsche Steuerzahler seiner Steuerpflicht nachzukommen und das Gemeinwohl zu finanzieren? Spielplätze, Bibliotheken, Universitäten, Nahverkehr? Unsere erste Kernfrage: Stimmt es, dass Sie gegen die Brennelementesteuer Klage eingereicht haben?

Zweite Kernfrage, die wir an Sie haben:  Sie wollen von den Steuerzahlern Geld dafür, dass Sie ihre Atomkraftwerke abschalten? Einen Ausgleich dafür, dass „Vermögenswerte“ – also Atomkraftwerke – jetzt bis Ende des Jahrzehnts schrittweise vom Netz gehen sollen?  Und das, obwohl Sie doch selbst im rot-grünen Atomkonsens dafür gestimmt hatten, dass die AKWs bis 2021 abgeschaltet werden?

Drittens: Trifft es weiterhin zu, dass RWE ein „Riesenproblem“ beim Netzausbau hat, wie Ihr Chef Jürgen Großmann dem Stern vor einem halben Jahr* erklärte? Und falls ja: Steht der Verkauf des Netzes, den Sie nun offenbar planen, damit in irgendeinem Zusammenhang?

Viertes: Stimmt es, dass Ihnen die Stromkunden in Deutschland sch…egal sind, solange nur die Rendite stimmt? Das hatte doch gerade Ihr Vorstandschef der Süddeutschen Zeitung so gesagt: Das „Klumpenrisiko Deutschland“ müsse verringert werden, es ziehe Sie ins Ausland.

Fünftens schließlich: Sie halten sich diesmal auch ganz ehrlich und versprochen und endgültig und jetzt wirklich an den Ausstieg aus der Atomenergie, weil die in Deutschland einfach keiner mehr haben will? Sie schießen nicht schon wieder quer, wie beim Dauerfeuer nach dem Atomkonsens des Jahres 2000?

Natürlich haben wir noch jede Menge anderer Fragen an Sie. Aber Sie wollten ja unsere „Kernfragen“.

Und hier nun die Antwort von RWE:

Danke an Ines B. für den Hinweis

* Der Text erschien zuerst am 22. Juni 2011 auf diesen Seiten

PS: Drei Jahre können viel Zeit sein. Wer erinnert sich schließlich schon an sein Geschwätz von vor drei Jahren? Wir haben glücklicherweise ein Archiv, in dem wir ab und zu stöbern: Der Klima-Lügendetektor wird Sie ab sofort auf einige der bemerkenswertesten Fundstellen in diesem hinweisen. Um Ihre und unsere Sinne zu schärfen.


Maxatomstrom: Maximale Atom-Propaganda

Donnerstag, den 11. Dezember 2014

Wenn das Thema nicht so ernst wäre, könnte man schallend lachen. Und zugegeben, wir hielten die Website auf den ersten Blick für eine Persiflage. Doch offenbar ist es ein reales Angebot, was ein paar Augsburger sich da ausgedacht haben: Sie bieten einen reinen Atomstromtarif an und preisen das als „pragmatische Klimapolitik ohne ideologische Scheuklappen“. Jedenfalls kommt die Website überaus freundlich daher:

maxatom1

Aber das ist schon die erste optische Täuschung. Die sympathische Frau, die auf diesem riesigen Foto so einnehmend lächelt, ist gar nicht die Person, von der das danebenstehende Zitat stammt („Die Welt muss sich unabhängig von fossilen Energien machen, und ein sicherer Weg dazu ist ganz klar die Atomenergie“). Dessen Urheber Barry Brook sieht in Wirklichkeit so aus:

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Finden die Atommaxen ihn nicht vorzeigbar genug? Und sowieso fällt auf, dass sich unter den Kronzeugen der Firma („Umweltschützer und Wissenschaftler“) keine einzige Frau findet, sondern es allesamt Männer sind, und meist nicht mehr die jüngsten. Hm.

Aber schauen wir uns die Argumente an. Dort finden sich so viele Unwahrheiten, Auslassungen und Verdrehungen, dass wir hier nur einige erwähnen können:

1. An erster Stelle in der Liste der vorgeblichen „Umweltschützer und Wissenschaftler“ tritt Patrick Moore auf. Er wird als „Umweltaktivist“ und Greenpeace-“Gründungsmitglied“ vorgestellt. Diese Tätigkeiten aber sind Jahrzehnte her, seit Ende der 1980er ist er stattdessen vor allem aktiv als Pro-Atom-Lautsprecher, PR-Berater, Leugner des menschengemachten Klimawandels (was unter anderem Putins Propagandasender Russia Today begeisterte). Das wirkt dann schon gar nicht mehr so sympathisch wie die lächelnde Cover-Frau auf der Firmen-Website, oder?

2. Der Wissenschafts-Veteran James Lovelock wird an gleicher Stelle mit den Worten zitiert:

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Kicher – „geringer Beitrag“. Zur Erinnerung: Erneuerbare Energien liefern in Deutschland mittlerweile über ein Viertel des Stroms, in manchen Bundesländern sogar mehr als die Hälfte. Aber für dieses deplatzierte Zitat ist eher nicht Lovelock verantwortlich, sondern die Werber von Maxatomstrom. Lovelocks Aussage stammt aus dem Jahr 2004, wurde längst von der Realität überholt.

Und das mit dem „sofort verfügbar“ ist angesichts von Reaktor-Dauerbaustellen wie dem finnischen AKW Olkiluoto echte Realsatire: 2009 sollte dort eigentlich schon Strom fließen, inzwischen wird von einem Betriebsstart „nicht vor 2018″ ausgegangen. Das ist keine Ausnahme: Von weltweit 69 AKW-Baustellen liegen laut dem Atomexperten Mycle Schneider 49 hinter ihrem Zeitplan.

3. Der Physik-Nobelpreisträger Burton Richter, noch so ein alter Mann, behauptet, dass

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Gacker – „kostengünstig“. Auch hier brauchen wir eigentlich nur ein Wort zu sagen: Olkiluoto. Statt einst mit drei Milliarden Euro wird dort nun mit acht Milliarden Euro Baukosten gerechnet. Okay, sagen wir doch noch ein zweites: Hinkley Point. An diesem südenglischen Standort will die britische Regierung – im wahrsten Sinne des Wortes – um jeden Preis zwei neue Reaktoren bauen lassen. 34 Milliarden Pfund sollen die kosten, umgerechnet 43 Milliarden Euro.

Man muss sich über dieses Projekt fast freuen, denn es macht auch jedem Zweifler klar, wie teuer Atomkraft in Wahrheit ist. Die Betreiber haben von der britischen Regierung über 35 Jahre einen festen Abnahmepreis von 109 Euro für jede produzierte Megawattstunde zugesichert bekommen, plus Inflationsausgleich. Die Laufzeit ist fast doppelt so lang wie die der Einspeisetarife für erneuerbare Energien in Deutschland. Der Mengenpreis liegt weit über jenen, die hierzulande an Windkraft- oder Solaranlagenbetreiber fließen. Im Übrigen gewähren die deutschen EEG-Tarife auch keinen Inflationsausgleich. Atomkraft ist also nicht „kostengünstig“, sondern atemberaubend teuer. Selbst das wirtschaftsfreundliche Manager-Magazin titelte deshalb:

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So geht das weiter und weiter, von dieser Güte sind die vermeintlichen Pro-Atom-Argumente der Firma. Wie gesagt, wenn das Thema nicht so ernst wäre, müsste man schallend lachen über diese Website und das Stromangebot.

Natürlich ist nicht alles falsch, was da steht – aber genau so funktioniert ja gute Propaganda und Grünfärberei, sie braucht Ansatzpunkte in der Realität. Natürlich ist es zum Beispiel ein Skandal, dass hierzulande die Braunkohle boomt. Aber dagegen gäbe es ein einfaches Mittel, nämlich eine gründliche Reform des EU-Emissionshandels, die dreckige Kohlekraft mit zusätzlichen Kosten belegen würde. Schwupps, wären die relativ klimafreundlichen Erdgaskraftwerke wieder konkurrenzfähig.

Wir wollen hier nur noch drei Punkte von der Website aufgreifen:

4. Gleich auf der Startseite beruft sich Maxatomstrom auf den IPCC:

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Das ist schon von der Formulierung her Quatsch, der IPCC „empfiehlt“ keine Lösungen. Er legt großen Wert darauf, als Wissenschaftsgremium verschiedene Optionen für Klimaschutz lediglich aufzuzeigen – und es liegt dann an Politik und Gesellschaft, sich für die eine oder andere zu entscheiden. Tatsächlich nennt der aktuelle IPCC-Report die Atomkraft als eine Energieoption mit vergleichsweise niedrigem CO2-Ausstoß. Aber was ist die vollständige Aussage des IPCC? Schlagen wir nach in der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ von Band 3 des Fünften Sachstandsberichts (in diesem PDF auf Seite 20 f.): Dort wird – wissenschaftlich nüchtern – auf „eine Vielzahl an Hindernissen und Risiken“ hingewiesen. Dazu gehören (zum Vergrößern auf den Ausriss klicken):

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Zu deutsch: „Betriebsrisiken und damit zusammenhängende Bedenken, Risiken des Uranabbaus, finanzielle und regulatorische Risiken, ungelöste Abfallfragen, Sorgen bezüglich der Verbreitung von Atomwaffen, ablehnende öffentliche Meinung“. Wow, echt eine überzeugende „Empfehlung“!

5. Unter den „10 guten Gründen für Atomstrom“ auf der Firmenwebsite lautet gleich der erste:

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Das ist natürlich nicht verkehrt, das wäre dann ja tölpelhaft gelogen. Doch man muss die Grafik, die unter diesem Text steht, stark vergrößern, um eine wesentliche Information mitzubekommen.

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Können Sie das Kleingedruckte ganz unten am Rand lesen? Bei dieser Berechnung sind der Aufwand für Rückbau der Atomruinen und Endlagerung des Atommülls nicht berücksichtigt – beides nun wahrlich nicht unbeträchtliche Posten bei der Beurteilung der Atomenergie.

6. Schließlich wird da behauptet, Atomstrom sei eine „Brückentechnologie“.

maxatom10

Auch das, sorry, ist hanebüchener Unsinn. Als „starken Partner“ brauchen die schwankenden Energiequellen Wind und Sonne genau keine unflexiblen „Grundlastkraftwerke“, sondern schnell und stark regelbare, effiziente Ergänzungskraftwerke auf der Basis von Bio- oder Erdgas. „Grundlastfähige Kraftwerke“ wie die AKWs sind in Wahrheit keine Brücke, sondern ein Betonblock auf dem Weg zu einem Energiesystem, das auf erneuerbaren Energien basiert. Diese unflexiblen Klötze sind es nämlich, wegen denen immer öfter zu viel Strom im deutschen Netz ist und die Preise an der Börse in den negativen Bereich kippen – die Abnehmer des Stroms also sogar noch Geld dazubekommen. Detailliert nachzulesen ist dies in einer Studie des Beratungsunternehmens Energy Brainpool für den Thinktank Agora Energiewende.

Fazit: Wir haben kein einziges stichhaltiges Argument auf der Website gefunden, warum man Maxatomstrom-Kunde werden sollte. Ach so, nicht einmal der Preis wäre einer: Obwohl die Atomkraftwerke hierzulande mit die niedrigsten Stromgestehungkosten haben, ist Maxatomstrom laut taz oft sogar teurer als Ökostrom-Anbieter. Bei dieser Firma hat man den Eindruck, als möchte hier jemand gutes Geld verdienen, indem er Atomfans vergleichsweise teuer Strom verkauft.

Und darüber könnte man nun tatsächlich schallend lachen.

Danke für die Hinweise an Jan P. und E. W.


Ifo-Institut: Die Sinn-Wende ins Nichts

Sonntag, den 9. Februar 2014

Wäre es politisch nicht so widersinnig, könnte man annehmen, Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, hat jetzt bei seinem energiepolitischen Bruder im Geiste, Oskar Lafontaine, abgeschrieben: Während der Ex-Chef der Linken die wechselnden Kräfte von Wind und Sonne benutzt, um das Leben seines rheinischen Braunkohlestroms bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zu verlängern, setzt der marktgläubige Sinn noch eins drauf:

Deutschland befinde sich „auf dem großen Irrweg“, kanzelt Sinn in einem Interview mit dem Manager-Magazin die erneuerbare Energiewende ab und preist die abgehalfterte Atomkraft.

Die wesentlichen Thesen des Interviews hatte Sinn bereits Tage zuvor auf einem Symposium der Handelskammer für München und Oberbayern verkündet. Dieser Text wurde alsbald auf einschlägigen neoliberal eingestellten Portalen wie „Politically Incorrect“ verbreitet. Sinn soll auch an einem Buch mit dem Titel Energiewende ins Nichts arbeiten, das demnächst erscheinen soll.

Neu ist das alles nicht. Die Süddeutsche Zeitung hatte schon im Sommer 2010 getitelt:

In den dreieinhalb Jahren seitdem hat aber auch Sinn ein bisschen dazugelernt. Die platte Rhetorik von 2010 – Atomstrom sei eine „grüne“ Technologie, weil kein CO2 entstehe – bekommt man nicht mehr serviert. Dafür wird nun tiefer in die energiepolitische Kiste gegriffen.

Wer sich auskennt, bemerkt die Parallele zwischen Lafontaine und Sinn sofort. Beide wollen im Kern schöne neue Grundlastkraftwerke bauen, die für Sinn den „höherwertigen“ Strom erzeugen. Denn Wind- und Sonnenstrom sind nach seiner Lesart „minderwertig“, weil sie „zufällig“ kämen. Genauso gut könnte man selbstverständlich Atomstrom als „minderwertig“ betrachten, weil der zwischen den Spitzenzeiten nicht abgeregelt werden kann und nachts überhaupt nicht gebraucht wird.

Sinns andere Pro-Atom-“Argumente“, die ihm sein Thinktank aufgeschrieben hat, sind längst widerlegt. So geißelt er mit der Behauptung, weltweit seien 64 neue Atomkraftwerke im Bau und knapp 500 in der Planung, den deutschen Verzicht auf die „Zukunfts“-Technologie.

Tatsächlich aber ist der Anteil von Atomstrom am gesamten Aufkommen seit Jahren rückläufig und seit 2010 auch die absolute Menge an Atomstrom, wie der im Juli 2013 vorgestellte World Nuclear Industry Status Report 2013 nüchtern feststellt: „Der Anteil der Kernkraft an der weltweiten Stromerzeugung sank stetig von einem historischen Höchststand von 17 Prozent im Jahr 1993 auf etwa zehn Prozent im Jahr 2012.“

Weltweit sind 190 Atomkraftwerke und damit rund 45 Prozent älter als 30 Jahre. Sie müssen in absehbarer Zeit abgeschaltet werden. Mit dem Ersatz kommt die Atomindustrie nicht hinterher, denn die Neubaupläne beschränken sich meist auf die Angabe „im Bau“. Aber real passiert relativ wenig, wie der Report klarstellt: “Im Jahr 2012 wurden nur drei Reaktoren in Betrieb genommen, aber sechs geschlossen, und in der ersten Hälfte des Jahres 2013 ging nur einer ans Netz, während vier Stilllegungsbeschlüsse gefasst wurden – alle in den USA.“

In einem Punkt kann Sinn im Manager-Magazin allerdings seinen Glauben an die Marktökonomie nicht verhehlen:

Lassen wir den markt entscheiden. Wir sind doch nicht in einer Zentralplanungswelt, wo Politiker über Technik entscheiden, das muss der Markt machen. Wir müssen nur darauf achten, dass die externen Schäden in der Kostenrechnung der Unternehmen richtig abgebildet werden, was für Atomkraftwerke heißt, dass sie eine Haftpflichtversicherung brauchen

Leider, Herr Sinn, hat man die Atomkraft nicht den reinen Marktkräften überlassen. Dann hätte sich, wie man aus der Frühgeschichte des AKW-Baus inzwischen weiß, niemals ein Unternehmen auf diese nicht versicherbare Energiequelle eingelassen. Von 1950 bis 2008 summierte sich in der Bundesrepublik die staatliche Förderung der Atomkraft auf fast 165 Milliarden Euro, wie eine Greenpeace-Statistik zeigt:

Tabelle: Staatliche Förderung der Atomkraft in Deutschland

Bei einer ausreichenden Haftpflicht wäre Atomstrom sofort unwirtschaftlich. Dann würde die Kilowattstunde aus dem AKW um 1,79 Euro (!) kosten – und wäre damit deutlich teurer als Strom aus anderen Energiequellen.

Eine besondere zahlentechnische Kostbarkeit von Sinn im Manager-Magazin, an der sich zweifellos einige Experten müde gerechnet haben, ist diese:

Um vier Siebtel des Wind- und Sonnenstroms des Jahres 2011 für sich genommen zu verstetigen, wären mindestens 400 Pumpspeicherkraftwerke durchschnittlicher Größe erforderlich, wir haben aber nur 35 in Deutschland. Diese würden fast 100 Milliarden Euro kosten.

100 Milliarden würden natürlich nicht die 35 bestehenden Pumpspeicherwerke kosten, sondern die 365, die nach Sinnscher Lesart noch nötig wären. Das aber ist eine Milchmädchenrechnung. Denn es ist klar, dass es in Deutschland schlicht an den natürlichen Voraussetzungen fehlt, um hunderte neue Pumpspeicherwerke zu bauen. Die Kosten sind also rein fiktiv. Sinn ficht das nicht an – Hauptsache, eine beeindruckende Zahl kommt heraus. Und vor allem sei es, schlussfolgert er messerscharf, billiger, ein paar AKW zu bauen als die ganzen Pumpspeicherwerke (und Windkraftanlagen). So einfach ist das!

Vor nicht einmal zwei Jahren war Sinns Welt übrigens noch deutlich zukunftsfroher gestrickt. Auf die leicht tendenziöse Frage, auf welche Technologien man sich angesichts des CO2-Problems, der Versorgungssicherheit und der Energiekosten konzentrieren solle, antwortete er in einem Interview mit der Zeitschrift Energiewirtschaftliche Tagesfragen:

Auf den Atomstrom, und man sollte die Kernfusion vorantreiben. Da sehe ich die größten Gewinnmöglichkeiten. Zwar ist der Weg lang und steinig, aber am Ende winkt die endgültige Überwindung des Energieproblems.

Mit Atomstrom und demnächst mit der Kernfusion, glaubt Sinn, lässt sich das Energieproblem „endgültig“ überwinden.

Und die Erde ist eine Scheibe!

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Naturfreund: Die Probleme mit dem Winter

Montag, den 27. Januar 2014

Die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes hatten schon in ihrer Halbzeitbilanz ein vernichtendes Urteil gefällt: Dieser Winter sei bislang „viel zu warm“. Aber nun ist er ja doch noch gekommen, der Winter! Ganz so, wie es sich ein Naturfreund vorstellt:

naturfreundDie Naturfreunde sind ein Umwelt- und Touristikverein, dessen Wurzeln im sozialdemokratischen Teil Wiens Ende des 19. Jahrhunderts zu finden sind. Den Lehrer Georg Schmiedl trieb damals die Idee um, dass Arbeiter auch mal raus müssten. Aufs Land. In die Natur. „Raus ins Grüne“ war anno 1890 fast unmöglich: Die Fahrt mit dem Kutschwagen bis an die Stadtgrenze kostete einen Batzen Geld und dauerte so lange, dass das Grün nur mit Übernachtung zu erreichen war. Schmiedls Idee: Häuser in der Natur bauen, damit die Proletarier an einem Tag in die Berge, die Auen reisen, dort bleiben und am nächsten Tag wieder zurückfahren konnten. Ohne viel dafür zu bezahlen. Mitglieder der Naturfreunde arbeiteten beim Aufbau der Naturfreunde-Häuser mit – und wohnten dann dort als Vereinsmitglieder sehr billig.

Ein brilliante Idee, die sich schnell verbreitete: Bevor die Naturfreunde im Einflussbereich von Deutschlands Nazis verboten wurden, zählten sie 1933 rund 200.000 Mitglieder. Heutzutage gibt der Dachverband Naturfreunde Internationale (NFI) die Mitgliederzahl mit 500.000 in 48 Ländern an, darunter fast 100.000 in Deutschland. Ein großer Verein also, und große Vereine haben Mitgliederzeitschriften. In der Schweiz beispielsweise den „Naturfreund“, ein ziemlich professionelles Magazin. In der Winterausgabe 2013/14 wird unter der Überschrift „Winter, Weite, eisige Kälte“ beispielsweise über eine Zugfahrt von Moskau nach Peking berichtet. Es geht um die „Vorzüge von Neuschnee: Theoretisch und praktisch“. Und ganz am Schluss um „Strom im Winter“:

naturfreund2 „Strom im Winter“ ist aber kein Text zum Thema, sondern eine Anzeige des Schweizer Energiekonzerns Alpiq. „Wenn die Nächte länger werden und die Temperaturen sinken, dann steigt der Stromverbrauch“, liest der Naturfreund im Anzeigentext. „Weil das Wasser spärlicher fließt und das Sonnenlicht abnimmt, geht auch die Stromproduktion zurück.“

Und weiter:

winterEcht jetzt? Ihr von Alpiq müsst eure ganze Kraftwerksstruktur ändern, nur weil ein paar Flocken Schnee …?

In der Anzeige heißt es: „Es zeigt sich: Die Stromversorgung ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch des Könnens.“

Damit winter2Donnerwetter! Im Schweizer Winter sind die Kohle- und Atomkraftwerke umweltverträglich! Kein Treibhausgas, kein Atommüll, kein Quecksilber, keine Strahlengefahr. Einfach weil es schneit und von den Bergen weht?

Immer wieder hatten Aktivisten gegen Alpiqs Geschäftspolitik demonstriert. Unter dem Slogan „Weder Atomkraft noch fossile Brennstoffe – 100 % erneuerbare Energien“ störte Greenpeace 2012 etwa die Generalversammlung des Konzerns. Zwei Drittel des von Alpiq produzierten Stroms stammten aus AKWs und fossilen Kraftwerken, so der Greenpeace-Vorwurf. „Alpiq muss endlich ihre Geschäfte mit dreckigen Energieträgern aufgeben und die Schweiz ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen versorgen“, forderte Greenpeace-Sprecher Florian Kasser.

Um noch einmal die Meteorologen zu zitieren: Der Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre setzt sich immer schneller fort. „Jedes Jahr wird es schwieriger, das Problem in den Griff zu bekommen“, erklärte Michel Jarraud, Generalsekretär der Welt-Meteorologie-Organisation, im November. Gletscherschmelze und weniger Schneetage sind nur eine Folge, aber jene, die die Schweiz wohl am stärksten treffen wird. Und natürlich jeden Naturfreund.

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