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Shell: Falsche Lösung Erdgas

Donnerstag, den 19. Februar 2015

Die aktuelle Werbekampagne des Ölriesen Shell ist typisch für grünfärberische Imagewerbung: Der Slogan ist weitgehend inhaltsleer („Let’s go“), und auch die Motive haben praktisch nichts mit Energie zu tun – sondern sind vor allem gefühlig: zwei Kinder im Bademantel auf einem Ufersteg, Tüftler und ein futuristisches Auto, ein Paar vor beeindruckend beleuchteter Großstadt-Skyline. Oder dieses Motiv hier, nahezu perfekt fürs fußballbesessene Deutschland:

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Im Anzeigentext geht es um das Bevölkerungswachstum und das Jahr 2050. Bis dahin, heißt es, werde das Erdenvolk auf neun Milliarden Menschen angewachsen sein – von derzeit 7.296.082.800 Menschen, zumindest waren es beim Produzieren dieses Textes so viele. Neun Milliarden Menschen – wow, superviele Kunden! Nein, das schreibt Shell natürlich nicht. Sondern verweist in demonstrativ fürsorglichem Ton darauf, dass diese Bevölkerungszahl „erhebliche Herausforderungen für die Umwelt mit sich“ bringe.

Der dazugehörige Kampagnen-Auftritt im Internet wird konkreter: „Der globale Energieverbrauch wird bis 2050 voraussichtlich um 80 % steigen.“ Aber natürlich will Shell mit seiner Annonce keine Angst machen, sondern sich als Lösung präsentieren:

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Erdgas soll helfen, die Lichter für die nächsten 250 Jahre am Brennen zu halten? Moooment!

Es stimmt zwar, dass Erdgas der sauberste unter allen fossilen Energieträgern ist – aber trotzdem bleibt es ein fossiler Energieträger. Wird in einem modernen und effizienten Erdgas-GuD-Kraftwerk eine Kilowattstunde Strom erzeugt, so entstehen dabei rund 428 Gramm Kohlendioxid. Zwar ist das nur etwa ein Drittel dessen, was bei der Verstromung von Braunkohle freigesetzt wird, weshalb Gaskraftwerke für die Übergangszeit auch Braunkohlekraftwerken vorzuziehen sind. Aber 428 Gramm sind fast das Zwanzigfache der Emissionen, die Windkraftanlagen pro Kilowattstunde erzeugten Stroms verursachen. Viel zu viel also, um wirklich zukunftsfähig zu sein.

Shell möchte dem Publikum die einfache Formel vermitteln: „mehr Erdgas = weniger Treibhausgase“. Doch die ist, in dieser Pauschalität, leider falsch. Am Beispiel des US-Energiemarktes haben Forscher kürzlich in den Environmental Research Letters vorgerechnet, dass ein Erdgasboom, wie er durch das umstrittene Fracking ausgelöst wurde, dem Klima wenig bringt oder sogar schaden kann. Weltweit ist das Ergebnis ähnlich, so ein internationales Team von fünf Forschungsinstituten in einer in Nature erschienenen Studie. „Leider erweist sich die Hoffnung als irrig, dass Erdgas zu einer Verringerung der Erderwärmung beitragen kann“, hat Nico Bauer vom beteiligten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) den Kollegen der Süddeutschen Zeitung erklärt.

Mehr und billigeres Erdgas hatte demnach drei Folgen: Es verdrängte zwar zehn Prozent der klimaschädlichen Kohle aus dem Energiemix – aber auch emissionsärmere Technologien wie erneuerbare Energien oder Atomkraft. Zweitens wurde mehr Energie verbraucht, weil durch das billige Erdgas die Preise sanken. Drittens stiegen durch die vermehrte Erdgasförderung auch die Leckagen aus undichten Rohren oder Bohrlöchern oder Ähnlichem. Und weil Erdgas – chemisch CH4, Methan – als Treibhausgas mehr als 30-mal so stark wirkt wie Kohlendioxid, bedeuten mehr Erdgaslecks auch viel mehr Treibhauseffekt. Selbst das beste der durchgerechneten Szenarien brachte gesamtwirtschaflich lediglich eine Senkung des CO2-Ausstoßes um magere zwei Prozent – im schlechtesten Fall stiegen die Emissionen sogar um elf Prozent!

Erdgas ist also alles andere als eine saubere Lösung – hilfreich fürs Klima ist es allenfalls, wenn sein Einsatz durch kluge politische Maßnahmen begleitet wird, etwa durch eine Kohlendioxid-Steuer. Schon gar nicht sichert Erdgas

shell5Mag ja sein, dass alles Erdgas der Welt für zweieinhalb Jahrhunderte reichen würde. Nur darf es schon in viel näherer Zukunft, nämlich in knapp hundert Jahren, keine Netto-Emissionen von Kohlendioxid mehr geben, wenn die Menschheit die Erderwärmung in halbwegs beherrschbarem Rahmen, also unter zwei Grad Celsius halten will. Für Lichter ist Kohlendioxid auch gar nicht notwendig – die Sonne schickt uns genügend Energie, um alle zu betreiben.

Auf Erdgas sind jedenfalls weniger die Menschheit angewiesen oder das Klima, sondern vor allem Shell selbst. Seine Investitionen in erneuerbare Energien hat der Konzern nämlich schon vor vielen Jahren gestoppt, seine einstige Solarsparte längst abgestoßen. Stattdessen will Shell künftig selbst in der hochempfindlichen Arktis bald Öl und Gas fördern. Die Konsequenzen solcher Bohrungen hat Greenpeace in einem Videoclip ausgemalt – auch der ist gefühlig, aber ganz anders als die Shell-Werbung.

 

 Vielen Dank an Jörg S. für den Hinweis


ExxonMobil: Unkonventionelle Halbwahrheiten

Sonntag, den 20. November 2011

Kennen Sie schon Michael Schietz? Der Herr dient als Gesicht der neuen Werbekampagne des weltgrößten Ölkonzerns ExxonMobil in Deutschland. Er tritt in ganzseitigen Anzeigen (etwa in der ZEIT) auf, aber auch in Fernsehspots (zum Beispiel direkt vor der Tagesschau): „Als junger Mensch mach‘ ich mir viele Gedanken über die Zukunft. Energieversorgung und Umweltfreundlichkeit spielen dabei eine wichtige Rolle“, sagt da der sympatisch aussehende Ingenieur. Sein Gesicht, in edlem schwarz-weiß aufgenommen, wechselt sich mit gar lieblichen Szenen ab: ein Ruderboot am See, Baumwipfel mit Sonne dahinter, Sonnenuntergang über Landschaft, Männer mit technischen Diagrammen, ein heimelig erleuchtetes Eigenheim und so weiter. „Erdgas ist ein unerlässlicher Anteil des Energiemixes, damit wir auch in Zukunft die Klimaziele einhalten können“, fährt Schietz fort. „In Europa gibt es ein riesiges Erdgaspotenzial, und wir haben die Technologie, diese Vorkommen sicher und verantwortungsvoll zu erschließen.“

Die Annoncen und Spots verweisen auf eine Internetseite namens „Erdgassuche in Deutschland“. Flankierend hat ExxonMobil von der PR-Agentur Fleishman-Hillard und Team Ewen aus Darmstadt noch mindestens zwei weitere „Informations“- und „Dialog“-Websites starten lassen. Ganz schön viel Aufwand für gewöhnliches Erdgas. Aber, Moment, es geht nicht um gewöhnliches, sondern um sogenanntes „unkonventionelles Erdgas“, das nur mittels der umstrittenen Fracking-Technologie gefördert werden kann.

Die konventionellen Erdgasvorkommen Westeuropas nämlich gehen in absehbarer Zeit zur Neige. Sie waren relativ einfach zu fördern; es handelte sich dabei – vereinfacht gesagt – um unterirdische Gasblasen, die man lediglich anzubohren brauchte. Unkonventionelles Erdgas hingegen ist noch im Speichergestein gebunden  (man unterscheidet Gas aus Kohleflözen, aus Schiefergesteinen oder aus Sand- und Kalksteinhorizonten). Um das Gas zu erschließen, werden Bohrungen niedergebracht, in die dann mit extrem hohem Druck ein Wasser-Chemikalien-Gemisch gepumpt wird, was das Gestein aufbrechen lässt (englisch: „fracturing“ bzw. „fracking“).

Dieser Prozess wird auf der ExxonMobil-Website in Grafiken und Filmchen erklärt, hübsch und bunt – und verharmlosend. Die Fracturing-Flüssigkeit bestehe „überwiegend aus Wasser und Sand“, heißt es da. Im Text des Filmes ist gar von 99,5 Prozent die Rede.

Die restlichen paar Prozentpünktchen aber haben es in sich. ExxonMobil verschweigt nämlich in dem Film, dass ein Gutteil der Chemikalien umwelt- und gesundheitsschädigend sind. Laut einem Dossier des US-Repräsentantenhauses sind etliche der 750 gebräuchlichsten Substanzen krebserregend oder als Wasser- bzw. Luftschadstoff eingestuft. Eine im September erschienene wissenschaftliche Untersuchung ergab, dass etwa ein Viertel der Chemikalien Krebs oder Missbildungen verursachen können. Und wegen des riesigen Wasserbedarfs des Frackings (nach Angaben des britischen Tyndall-Centers bis zu 29.000 Kubikmeter pro Bohrung) summieren sich selbst prozentual winzige Anteile absolut gesehen zu enormen Chemikalienmengen. ExxonMobil & Co. betonen, dass man sorgsam damit umgehe und nichts ins Grundwasser sickern lasse. Doch wie sorgfältig die Branche wirklich arbeitet, zeigen die regelmäßigen Ölkatastrophen. Und aus den USA gibt es auch schon zahlreiche Berichte über Pannen beim Fracking.

Das Umweltbundesamt zählt in einer 32-seitigen Stellungnahme weitere Umweltrisiken auf: So ist der Flächenverbrauch dieser Fördertechnologie wegen der vielen notwendigen Bohrungen groß, als Beiprodukt kommt dreckiges und teilweise radioaktives Wasser an die Oberfläche. Zudem seien die deutschen Umweltvorschriften noch nicht an die neue Technologie angepasst worden, die Aufsichtsbehörden oft überfordert. Nicht zuletzt ist unkonventionelles Erdgas wohl weniger klimafreundlich als konventionelles – weil die aufwändige Förderung sowie Leckagen von Methan zu Extra-Emissionen von Treibhausgasen führen. Das Umweltbundesamt empfiehlt jedenfalls

So, nun scrollen Sie bitte nochmal nach oben, zum Anfang dieses Textes. Darauf, was der nette Herr Schietz von ExxonMobil gesagt hat.

Na?

Fällt Ihnen was auf?

Genau. Er sagt, die Fördertechnologie sei „verantwortungsvoll“. Das aber kann viel bedeuten. Von „umweltfreundlich“ spricht Michael Schietz wohlweislich nicht.

Danke an Georg E. aus München für den Hinweis

P.S.: In der ersten Fassung dieses Textes hatten wir Team Ewen gemeinsam mit der PR-Agentur Fleishman-Hillard in einem Atemzug genannt. Das Darmstädter „Büro für Moderation und Konfliktmanagment“ legt aber Wert darauf, keine PR-Agentur zu sein. Dies stellen wir gern klar.