Shell: Falsche Lösung Erdgas

Die aktuelle Werbekampagne des Ölriesen Shell ist typisch für grünfärberische Imagewerbung: Der Slogan ist weitgehend inhaltsleer („Let’s go“), und auch die Motive haben praktisch nichts mit Energie zu tun – sondern sind vor allem gefühlig: zwei Kinder im Bademantel auf einem Ufersteg, Tüftler und ein futuristisches Auto, ein Paar vor beeindruckend beleuchteter Großstadt-Skyline. Oder dieses Motiv hier, nahezu perfekt fürs fußballbesessene Deutschland:

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Im Anzeigentext geht es um das Bevölkerungswachstum und das Jahr 2050. Bis dahin, heißt es, werde das Erdenvolk auf neun Milliarden Menschen angewachsen sein – von derzeit 7.296.082.800 Menschen, zumindest waren es beim Produzieren dieses Textes so viele. Neun Milliarden Menschen – wow, superviele Kunden! Nein, das schreibt Shell natürlich nicht. Sondern verweist in demonstrativ fürsorglichem Ton darauf, dass diese Bevölkerungszahl „erhebliche Herausforderungen für die Umwelt mit sich“ bringe.

Der dazugehörige Kampagnen-Auftritt im Internet wird konkreter: „Der globale Energieverbrauch wird bis 2050 voraussichtlich um 80 % steigen.“ Aber natürlich will Shell mit seiner Annonce keine Angst machen, sondern sich als Lösung präsentieren:

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Erdgas soll helfen, die Lichter für die nächsten 250 Jahre am Brennen zu halten? Moooment!

Es stimmt zwar, dass Erdgas der sauberste unter allen fossilen Energieträgern ist – aber trotzdem bleibt es ein fossiler Energieträger. Wird in einem modernen und effizienten Erdgas-GuD-Kraftwerk eine Kilowattstunde Strom erzeugt, so entstehen dabei rund 428 Gramm Kohlendioxid. Zwar ist das nur etwa ein Drittel dessen, was bei der Verstromung von Braunkohle freigesetzt wird, weshalb Gaskraftwerke für die Übergangszeit auch Braunkohlekraftwerken vorzuziehen sind. Aber 428 Gramm sind fast das Zwanzigfache der Emissionen, die Windkraftanlagen pro Kilowattstunde erzeugten Stroms verursachen. Viel zu viel also, um wirklich zukunftsfähig zu sein.

Shell möchte dem Publikum die einfache Formel vermitteln: „mehr Erdgas = weniger Treibhausgase“. Doch die ist, in dieser Pauschalität, leider falsch. Am Beispiel des US-Energiemarktes haben Forscher kürzlich in den Environmental Research Letters vorgerechnet, dass ein Erdgasboom, wie er durch das umstrittene Fracking ausgelöst wurde, dem Klima wenig bringt oder sogar schaden kann. Weltweit ist das Ergebnis ähnlich, so ein internationales Team von fünf Forschungsinstituten in einer in Nature erschienenen Studie. „Leider erweist sich die Hoffnung als irrig, dass Erdgas zu einer Verringerung der Erderwärmung beitragen kann“, hat Nico Bauer vom beteiligten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) den Kollegen der Süddeutschen Zeitung erklärt.

Mehr und billigeres Erdgas hatte demnach drei Folgen: Es verdrängte zwar zehn Prozent der klimaschädlichen Kohle aus dem Energiemix – aber auch emissionsärmere Technologien wie erneuerbare Energien oder Atomkraft. Zweitens wurde mehr Energie verbraucht, weil durch das billige Erdgas die Preise sanken. Drittens stiegen durch die vermehrte Erdgasförderung auch die Leckagen aus undichten Rohren oder Bohrlöchern oder Ähnlichem. Und weil Erdgas – chemisch CH4, Methan – als Treibhausgas mehr als 30-mal so stark wirkt wie Kohlendioxid, bedeuten mehr Erdgaslecks auch viel mehr Treibhauseffekt. Selbst das beste der durchgerechneten Szenarien brachte gesamtwirtschaflich lediglich eine Senkung des CO2-Ausstoßes um magere zwei Prozent – im schlechtesten Fall stiegen die Emissionen sogar um elf Prozent!

Erdgas ist also alles andere als eine saubere Lösung – hilfreich fürs Klima ist es allenfalls, wenn sein Einsatz durch kluge politische Maßnahmen begleitet wird, etwa durch eine Kohlendioxid-Steuer. Schon gar nicht sichert Erdgas

shell5Mag ja sein, dass alles Erdgas der Welt für zweieinhalb Jahrhunderte reichen würde. Nur darf es schon in viel näherer Zukunft, nämlich in knapp hundert Jahren, keine Netto-Emissionen von Kohlendioxid mehr geben, wenn die Menschheit die Erderwärmung in halbwegs beherrschbarem Rahmen, also unter zwei Grad Celsius halten will. Für Lichter ist Kohlendioxid auch gar nicht notwendig – die Sonne schickt uns genügend Energie, um alle zu betreiben.

Auf Erdgas sind jedenfalls weniger die Menschheit angewiesen oder das Klima, sondern vor allem Shell selbst. Seine Investitionen in erneuerbare Energien hat der Konzern nämlich schon vor vielen Jahren gestoppt, seine einstige Solarsparte längst abgestoßen. Stattdessen will Shell künftig selbst in der hochempfindlichen Arktis bald Öl und Gas fördern. Die Konsequenzen solcher Bohrungen hat Greenpeace in einem Videoclip ausgemalt – auch der ist gefühlig, aber ganz anders als die Shell-Werbung.

 

 Vielen Dank an Jörg S. für den Hinweis