Monatsarchiv für Juli 2015

Neues aus dem Fundus (II): Das Murmeltier Formel 1

Sonntag, den 26. Juli 2015

Zum 10. Rennen der diesjährigen Formel-1-Saison: Beim langweiligsten Sportereignis der Welt steht Mercedes längst als Saisonsieger fest. Als Bleifuß-Sieger wohlgemerkt: Vor fünf Jahren fragte sich der Klima-Lügendetektor, was wohl aus der fünf Jahre alten Ankündigung geworden ist, „klimafreundlicher“ über die Rennstrecken zu brettern. Fünf Jahre nach der Fünfjahresbilanz liest sich die Bilanz erfrischend aufschlussreich. Lesen Sie mal den Text vom Juli 2010:

Eine „bahnbrechende“ Nachricht ist zu vermelden: Die Formel 1 wird grün! Dies ist kein Witz, sondern ein Zitat. Als „ground-breaking“ bezeichnet der Verband der Formel-1-Teams, FOTA, seine Bemühungen zur Minderung des eigenen Kohlendioxid-Ausstoßes. Um 12,4 Prozent will er innerhalb der nächsten drei Jahre die Emissionen senken. formel1_mclarenMartin Whitmarsh, FOTA-Vorsitzender und Chef des Vodafone-McLaren-Mercedes-Teams, erklärte wörtlich: „Ich bin entzückt, dass unser Sport eine weltweite Führerschaft in Sachen Umwelt einnimmt.“

Nun, weltweit führend sind die Formel-1-Wagen wirklich. Bei Spritverbrauch und CO2-Ausstoß nämlich. Die Fahrzeuge schlucken gern mal hundert Liter Sprit auf hundert Kilometer. Und mit CO2-Werten von anderthalb Kilogramm pro gefahrenem Kilometer liegen die Boliden etwa beim Zehnfachen eines deutschen Durchschnitts-Pkw. Da ist tatsächlich jede Menge Raum für Emissionsminderungen – um weit mehr als 12,4 Prozent.

Doch diese Zahl, so zeigt ein genauer Blick, bezieht sich gar nicht auf den Kohlendioxid-Ausstoß der Rennautos. Der Umweltreport, den sich FOTA von der britischen Beratungsfirma Trucost hat schreiben lassen, blickt auch auf indirekte Emissionen, etwa durch Flugreisen der Teams oder die Herstellung der Auto-Komponenten (unberücksichtigt bleiben hingegen viele andere Emissionsquellen, etwa die Anreise der Millionen Zuschauer zu den Rennen). Im Jahr 2009, so jedenfalls das Ergebnis, habe die Formel 1 exakt 215.588 Tonnen Kohlendioxid verursacht. Was etwa den Emissionen einer deutschen Kleinstadt entspricht.

Der größte Umweltschaden der Rennliga ist aber ein ganz anderer: Die Formel 1 vermittelt ein Autoverständnis, das Raserei und PS-Wettrüsten frönt und durch die Dekoration mit halbnackten Frauen erotisch auflädt – zig Millionen Macho-Männer eifern dem dann weltweit Tag für Tag nach. Dass dies nicht mehr recht in die Zeit passt, haben inzwischen selbst die Formel-1-Strategen verstanden. Und weil es ihnen mit dem Öko-Engagement so ernst ist, kündigen sie es ständig aufs Neue an, wie ein kleiner Blick ins Archiv zeigt:

2006

formel1_autobild2006

2007

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2008

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2009

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Ebenfalls 2009 versuchte man, sich mit der sogenannten KERS-Technologie an den Hybrid-Hype zu hängen (mit peinlichem Ausgang). Und nun, 2010, also ein „bahnbrechendes“ Klimaschutzprogramm.

Die einzig sinnvolle Konsequenz aus dem Formel-1-Wahnsinn zog im vergangenen Jahr BMW: Mit Verweis auf eine künftig ökologische Unternehmensausrichtung verkündeten die Münchner ihren Komplett-Ausstieg aus dem Rennzirkus.

Dieser Text erschien vor fünf Jahren. Trotzdem ist er noch aktuell.


Yahoo, n-tv & Co: Maxi-Quatsch zur ‚Mini-Eiszeit‘

Mittwoch, den 15. Juli 2015

Hach, wäre das nicht toll, wenn uns die Sonne den Klimaschutz abnähme? Wenn ein Sinken der Sonnenaktivität die Erderwärmung ausbremsen würde, ja, dann könnten RWE und Vattenfall weiterhin fröhlich Braunkohle verfeuern, dann könnten alle Menschen einen dieser bulligen SUV-Stadtgeländewagen fahren, und wir könnten weiterhin jeden Sommer hemmungslos riesige Fleischbatzen auf den Grill legen, die dank Sojafütterung aus abgeholzten Regenwäldern geilbillig sind.

Diese Woche ist unser Wunsch in Erfüllung gegangen. Jedenfalls den Schlagzeilen von Yahoo-News

minieiszeit_yahoo

… oder focus.de

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… oder auch n-tv nach zu urteilen.

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Blöd nur: Dass es auf der Erde „klirrend kalt wird“ und wir bald „zittern müssen“ wegen der „Mini-Eiszeit“ – das ist alles Maxi-Quatsch.

Die Berichte gehen zurück auf eine Pressemitteilung der britischen Royal Astronomical Society (RAS) vom Donnerstag vergangener Woche. „Ungleichmäßiger Herzschlag der Sonne getrieben von Doppel-Dynamo“, lautete die wenig spektakuläre Überschrift. In der Mitteilung ging es um einen Vortrag, den Valentina Zharkova, eine Mathematik-Professorin an der Northumbria-University in Newcastle, auf der RAS-Jahrestagung im walisischen Seebad Llandudno hielt.

Dort referierte sie also ihre Erkenntnisse über die künftige Sonnenaktivität. Dass diese schwankt und mit ihr dieZahl der Sonnenflecken, ist in der Wissenschaft lange bekannt. Eine Reihe von Forschern hält es für ziemlich wahrscheinlich, dass die nächsten beiden Sonnenzyklen (in der Wissenschaft als 25 und 26 nummeriert) deutlich schwächer ausfallen als das langjährige Mittel. Valentina Zharkova gehört zu ihnen. Und laut Pressemitteilung prognostiziert sie, dass „während der 2030er Jahre die Sonnenaktivität um 60 Prozent fallen wird auf einen Stand, wie er zuletzt während der ‚Mini-Eiszeit‘ beobachtet wurde, die 1645 begann“.

Huh, das klingt in der Tat frostig. Während jener „Kleinen Eiszeit“ nämlich fror beispielsweise die Themse in London wochenlang zu. Damals war die Sonnenaktivität sehr schwach, als „Maunder-Minimum“ wird diese Phase bezeichnet. Eine etwas weniger ausgeprägte Schwächephase, das „Dalton-Minimum“, folgte übrigens im frühen 19. Jahrhundert, die wiederum mit einer Temperaturabkühlung auf der Erde zusammenfiel.

Doch die reißerischen Berichte haben gleich mehrere Haken:

1. Zwar beziffert Zharkova die Sicherheit ihrer Prognose zur schwächeren Sonnenaktivität auf 97 Prozent – doch viele andere Forscher bezweifeln, dass solche Aussagen mit so großer Sicherheit seriös getroffen werden können. Die Aktivität der Sonne sei „derart komplex, dass niemand in der Lage ist, eine zuverlässige Prognose für die nächsten 15 Jahre zu treffen“, sagt beispielsweise Sami Solanki vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen. „Eine Abnahme der solaren Aktivität über die nächsten Dekaden ist nicht auszuschließen, aber die Vorhersagen dieser Entwicklung sind generell als sehr unsicher eingestuft“, sagt Reto Knutti von der ETH Zürich.

2. Die „Kleine Eiszeit“ war laut neuester Forschung kein weltweites Phänomen, sondern auf die nördliche Halbkugel begrenzt. Außerdem waren die Ursachen der Kältephasen nicht allein das Maunder- oder Dalton-Minimum – auch Vulkanausbrüche spielten eine Rolle, bei der Partikel in die Atmosphäre geschleudert werden, die die Sonneneinstrahlung verringern.

3. Vor allem aber haben die Journalistenkollegen von n-tv, focus.de und vielen anderen Medien die Pressemitteilung nicht richtig gelesen. (Falls sie die überhaupt gelesen haben.) Dort steht nämlich kein einziges Wort darüber, welche Folgen die von Valentina Zharkova prognostizierte schwächere Sonnenaktivität für das Erdklima hätte. (Was man ihr kaum vorwerfen kann, weil sie ja keine Klimatologin ist.) Kurz gesagt: 60 Prozent weniger Sonnenflecken bedeuten nicht 60 Prozent weniger Sonnenstrahlung und erst recht nicht 60 Prozent weniger Erderwärmung.

Aber was würde denn ein neues Maunder- oder Dalton-Minimum (wenn es denn käme) wirklich für den Klimawandel bedeuten?

Genau diese Frage ist in den vergangenen Jahren von zahlreichen Klimaforschern untersucht worden, hier eine Auswahl der Studien zum Thema: Rahmstorf/Feulner 2010, Jones et al. 2012, Anet et al. 2013, Meehl et al. 2013, Zhao et al. 2014, Ineson et al. 2015. Alle diese Studien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis: Die Abkühlung infolge sinkender Sonnenaktivität werde bis Ende des Jahrhunderts nicht mehr als 0,3 °C betragen – bei einer (laut IPCC) insgesamt erwarteten Erwärmung von bis zu 4,8 °C. 

Zwar könne es gut sein, heißt es etwa in dem Aufsatz von Ineson et al., der vor gerade vier Wochen in Nature Communications erschienen ist, dass eine neue „Mini-Eiszeit“ regional spürbar wird (wie eben vor Jahrhunderten beim Zufrieren der Themse) – doch weltweit betrachtet und im Vergleich zum Klimaeffekt der menschengemachten Treibhausgase falle sie kaum ins Gewicht:

minieiszeit_ineson2015

Einfach (und in einer Autofahrer-Analogie) zusammengefasst: Ein Sinken der Sonnenaktivität hülfe ungefähr so viel, wie wenn Sie mal kurz auf die Bremse tippen, während auf dem Gaspedal ein Backstein liegt.

Aber weil ein Bild mehr sagt als tausend Worte, zeigen wir hier noch eine Grafik, in der die Kollegen von der Website skepticalscience.com die Ergebnisse der Forschung visualisiert haben:

minieiszeit_skepticalscience_Grand_Solar_Min

Die schwarze Zick-Zack-Kurve zeigt die real gemessene Erdmitteltemperatur seit dem Jahr 1900. Die rote und die blaue Linie zeigen, wie es laut Klimamodellrechnungen bei einem bestimmten Niveau menschengemachter Treibhausgasemissionen mit der Erwärmung wohl weitergeht – einmal bei einer Sonnenaktivität auf bisherigem Niveau (rot) und einmal im Falle eines Großen Solarminimums (blau).

Sieht insgesamt irgendwie nicht nach „klirrend kalt“ oder einer Eiszeit aus, oder?