Archiv des Schlagwortes ‘Neues aus dem Fundus’

Neues aus dem Fundus (VII): Wie Grünwaschen entsteht

Montag, den 6. November 2017

„Ökowerbung ist angesagt, besonders in Zeiten von Klimagipfeln: Die grüne Bahncard, der Bioburger von McDonald’s, der klimaneutrale Brief der Post.“

So hatte das Mittagsmagazin von ARD und ZDF in einem Beitrag über den Klima-Lügendetektor vor zwei Jahren berichtet:

Und? Ist irgend etwas besser geworden?

Heute begann wieder ein Weltklimagipfel – COP 23 findet in Bonn statt, weil es auf den Fidschi-Inseln, eigentlich Gastgeber in diesem Jahr, keine geeigneten Konferenzräume für geschätzte 20.000 Teilnehmer gibt.

Die deutsche Regierungsdelegation reiste mit einem Sonderzug der Deutschen Bahn, dem Train to Bonn“ nach Bonn, wie schon vor zwei Jahren, als Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) mit ihrer Entourage mit dem „Train to Paris“ zur COP 21 anreiste. Diesmal sagte die Bundesumweltministerin im Zug: Die Bahn

In Bonn wohlgemerkt sitzt bis heute jenes Ministerium, das für den weltweiten Klimaschutz so wichtig ist und das Barbara Hendricks seit vier Jahren leitet: Deutschland hat sich schon 1991 als viertgrößter Klimasünder der Welt zu seiner Verantwortung bekannt und eine Vorreiterrolle beschlossen. Bis 2020 will die Bundesrepublik ihre Treibhausgas-Produktion um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Und weil es eben jemanden braucht, der zeigt, dass Klimaschutz geht OHNE wirtschaftlich in die Steinzeit zurück versetzt zu werden, ist das Erreichen des deutschen Klimaziels so wichtig.

Als Richtschnur.

Als Modell.

Als strahlendes Beispiel, dass es gelingen kann und dem man nacheifern sollte.

Hendricks übernahm die Leitung des Ministeriums im Dezember 2013. In ihrem ersten Dienstjahr stieß die Bundesrepublik 904 Millionen Tonnen Treibhausgase aus, im vergangenen Jahr waren es schon 906 Millionen, Schätzungen für dieses Jahr gehen von über 911 Millionen Tonnen aus.

Man muss also konstatieren: Diese Ministerin hat den weltweiten Klimaschutz nicht vorangebracht, sondern gestoppt. Hören wir doch nochmal zu, was sie im „Train to Bonn“ erklärte:

Mit dem klimafreundlichen Sonderzug? Und mit der dazugehörigen „Ökowerbung“ der Deutschen Bahn?

Nochmal zu den Fakten: Unter Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ist Deutschland zum Weltmeister im Kohlestrom-Export geworden. Der Strommix der Deutschen Bahn ist nur minimal klimafreundlicher als der im bundesweiten Durchschnitt – jedenfalls in der Summe des Gesamtkonzerns mitnichten „klimaneutral“. Und dank der Deutschen Bahn wird nun sogar noch ein neues Kohlekraftwerk ans deutsche Netz gebracht.

Die Klimakonferenz in Bonn, der klimaneutrale „Train to Bonn“: Wie hieß es doch gleich nochmal im Beitrag des Mittagsmagazins von ARD und ZDF vor zwei Jahren?

„Die Strategie von Greenwashing ist, besser dazustehen, als man eigentlich dasteht.“

PS: Es sind die Leser, die seit Oktober 2011 die Arbeit des Klima-Lügendetektors ermöglichen. Wenn Sie wollen, das unser Team weiter dranbleibt an den Halbwahrheiten und den Lügen einer der mächtigsten Wirtschaftszweige der Welt, dann unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


Neues aus dem Fundus (VI): Nicht mehr voRWEg

Donnerstag, den 5. Januar 2017

Kennen Sie den noch?

Den Witz hatten sich schlaue Werbeköpfe im Sommer 2013 ausgedacht.

Gut ist auch der hier aus dem Jahr 2008:

Es gibt auf dem Klima-Lügendetektor unzählige VoRWEg-Geh-Witze (dieser stammt aus dem Jahr 2009).

Wir haben dafür sogar eine eigene Rubrik eingerichtet!

Damit könnte nun Schluss sein. Einerseits gibt es diese RWE so nämlich nicht mehr. Weil der Konzern immer nur hinterherhinkte, ist er in schwere wirtschaftliche Turbulenzen geraten und hat sich aufgespalten. Der moderne Teil, also der mit Windkraft und der Energiewende, nennt sich jetzt Innogy.

Der andere Teil, also der mit den alten Kohlemöhren, heißt immer noch RWE. Dessen neuer Vorstandsboss Rolf Martin Schmitz hat nun im Interview erklärt, dass er nicht mehr „voRWEg gehen“ will. „‚VoRWEg gehen‘ verwenden wir nicht mehr“, sagte Schmitz der Welt. Wäre ja auch blöd – mit Atomkraftwerken wie Gundremmingen im Portfolio, dessen Block B Ende dieses Jahres in Rente geht.

Wir meinen: Ach, bitte nicht doch! Liebe RWE, macht weiter, „voRWEg gehen“ ist doch wirklich schick!!! Wollt ihr denn wirklich die Arbeit des Klima-Lügendetektors unnötig verkomplizieren?

Vielen Dank an Matthias B. aus Berlin für den Hinweis!


Neues aus dem Fundus (V): Deutsche Psst!

Donnerstag, den 27. Oktober 2016

Och!
Bitte!!
Nicht schon wieder!!!

Das Magazin +3 ist ein Exot in der deutschsprachigen Presselandschaft. Es berichtet nicht, sondern stellt auf seinem Titelblatt drei Fragen. An die Leser, an Experten, an die Gesellschaft. Das Blog vollaufdiepresse.de urteilte, das Magazin würde „mit innovativen Ansätzen den Versuch eingehen, gesellschaftspolitische Debatten anzustoßen“.

Drei Fragen also an die Gesellschaft. Im Oktoberheft wird beispielsweise gefragt: „Welche Verantwotung haben Unternehmen?“

Interessant ist das Magazin natürlich auch für Antworten aus der Wirtschaft. Zum Beispiel für die Deutsche Post, die gleich eine ganze Seite buchte:

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Stimmt: Die Deutsche Post hat zusammen mit der Universität Aachen (und ganz viel vom Steuerzahler finanziertem Fördergeld) ein elektromobiles Zustell-Auto entwickelt. Und: Stimmt auch, das fährt elektrisch. Aber fährt es auch 100 Prozent klimafreundlich?

Der Klima-Lügendetektor hat die Deutsche Post bei diesem Thema schon zweimal der glatten Lüge überführt. Denn folgender Zusammenhang ist nicht automatisch gegeben:

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100 Prozent Kohlendioxid-frei sind 100 Prozent elektrisch betriebene Fahrzeuge nur, wenn sie 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren tanken. Damals hatte uns ein Leser aus München gebeten, doch einmal zu recherchieren, welchen Strom die Post eigentlich tankt. Ergebnis: sogenannten RECS-Strom.

RECS ist die Abkürzung für das Renewable Energy Certificate System, das in Deutschland unter anderem von den Kohlekonzernen Eon, RWE und Vattenfall mitbegründet wurde. Kritiker bezeichnen die Organisation als Greenwashing-Zentrale: Für jede in Skandinavien oder den Alpenländern gewonnene Kilowattstunde Strom bekommt der dortige Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat, das er für etwa 0,05 Cent pro Kilowattstunde weiterverkaufen kann. Das bedeutet andersherum, dass jeder, der zum Strompreis zusätzlich noch 0,05 Cent pro Kilowattsunde draufzahlt, die gleiche Strommenge aus Atom- oder Kohlekraftwerken als „Ökostrom“ anpreisen darf.

„So wird aus konventionellem Strom Ökostrom“, beschreibt Thorsten Kasper, Energieexperte beim Verbraucher­zentrale Bundes­verband (VZBV), den Mechanismus. „Der Nutzen für die Umwelt ist gleich Null. In Skandinavien wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, dass mit den dazugehörigen Zertifikaten die gesamte bundesdeutsche Produktion von Atom- und Kohlestrom für Haushaltskunden zu Ökostrom umetikettiert werden könnte. Dieses System schafft aber keinen Anreiz für den Bau neuer umweltfreundlicher Anlagen. Unterm Strich wird weiterhin so viel konventioneller Strom produziert wie bisher.“

Der Chef der Deuschen Post, der Vorstandsvorsitzende Frank Appel, schrieb in seinem Blog 2013: „Es gilt nun, nicht nachzulassen, denn wir haben keine Zeit mehr, den Klimaschutz auf morgen zu verschieben.“ Nun: Fragen wir doch bei der Post einmal nach, ob sie inzwischen klimafreundlicheren Strom tankt. Wir müssen die Anfrage an die Pressestelle schriftlich stellen, schließlich ist das ein Detail, das von der Fachabteilung bearbeitet werden muss.

Hier die Antwort:

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Das ist nicht ganz befriedigend! Bedeutet „mit zertifiziertem grünen Strom“, dass die Post immer noch den RECS-Trick anwendet? Für 0,05 Cent aus Braunkohlestrom pseudogrünen Schwindelstrom macht? Woher stammt der elektromobile Strom der DHL?

Wir fragen also noch einmal nach. Diesmals schreibt die Pressestelle der Post:

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„Welche Verantwortung haben Unternehmen?“, fragt das Magazin +3 in besagter Oktoberausgabe.

Liebe Post: Bitte Psssst!


PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


Neues aus dem Fundus (IV): Das vorhergesagte RWE-Drama

Mittwoch, den 17. Februar 2016

„Energiekonzern spielen“ war früher (also kurz nach unserer Kindheit) sehr beliebt. Man gewann immer. Zum Beispiel, wenn man die RWE-Spielkarte gezogen hatte: 2010 brachte allein die Dividende für die Aktie 8,14 Prozent Rendite

Nun hat die RWE heute ihre Geschäftszahlen für das Jahr 2015 vorgelegt. Und: Ätschätschätsch – wer sich früher immer die RWE-Spielkarte ermogelt hatte, ist jetzt der Looser. Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern musste 2015 nämlich einen Verlust in Höhe von 200 Millionen Euro verbuchen. Dividende nun: 0,00 Euro. Rendite nun: 0,0000 Prozent …

Sie fragen sich, wie so etwas (in so extrem kurzer Zeit) passieren konnte? Ganz hinten im Hinterkopf erinnert uns das an eine Sache aus dem Jahr 2008.

Wir zitieren einmal uns selbst:

RWE-Chef Jürgen Großmann hat dolle Sachen angekündigt. So will der Essener Stromriese in den kommenden Jahren viel etwas Geld in erneuerbare Energien stecken, beispielsweise in Windkraftprojekte oder Biomasse-Kraftwerke. Energieeffizienz ist laut Großmann ebenso eine der zentralen „Herausforderungen“ – eine eigene Tochtergesellschaft für dieses Feld soll entstehen, der Universität Dortmund hat der Konzern kürzlich für eine halbe Million Euro eine Professur für Energieeffizienz gestiftet.

Fast hätten wir RWE dieses Engagement abgekauft. Denn auch mit der Dienstleistung Energiesparen kann ein Konzern ja gutes Geld verdienen. Und nun das: Für seine Kunden hat RWE einen fast 100 Seiten dicken „Energiekatalog 2009″ aufgelegt. Dass das Unternehmen sich darin selbst feiert – klar. Dass man Atomkraftpropaganda unterbringt („Kernenergie hilft, die Erneuerbaren in der Grundlast abzusichern“, heißt es etwa – was völliger Humbug ist, denn in Wahrheit taugen unflexibel laufende Reaktoren eben NICHT als Ergänzung von schwankender Wind- oder Solarenergie), o.k. – auch das war nicht anders zu erwarten. Doch dann, auf Seite 59 des Katalogs, preist RWE Nachtspeicherheizungen an – und das sogar in der Rubrik „Energie sparen“!

Auf einer ganzen Seite werden dort die falschen Argumente ausgebreitet, die Hersteller von Stromheizungen so gern bemühen: „Effizient und nahezu vollständig wandelt die Elektrospeicherheizung Strom in Wärme um“, heißt es etwa. Was streng genommen sogar stimmt – aber eben verschweigt, dass die vorherige Elektrizitätserzeugung durch Umwandlung von Wärme in Strom in den von RWE bevorzugten Kohlekraftwerken extrem ineffizient ist. „Die Elektro-Speicherheizung ist das Heizsystem der kurzen Wege“, schreibt RWE weiter, es entstehe „kein Verteilungsverlust, denn die Wärme wird dort erzeugt, wo sie verbraucht wird.“ Auch das ist Käse, denn bevor die Wärme in der Nachtspeicherheizung entsteht, ist der Strom aus den RWE-Kraftwerken oft über weite Strecken dorthin transportiert worden – mit entsprechenden Leitungsverlusten.

Aber wir brauchen hier gar nicht viele Worte zu machen. RWE weiß nämlich selbst, worauf Umwelt- und Verbraucherschützer immer wieder hinweisen – dass nämlich Elektroheizungen ineffizient, klimaschädlich und außerdem teuer sind. Auf seiner eigenen Internetseite bietet der Stromkonzern einen „Heizsystem-Vergleich“. Und dort ist zu der – im Energiekatalog so hochgelobten – Elektro-Speicherheizung dies zu lesen:

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen – erstmals in der Geschichte des Klima-Lügendetektors können wir RWE voll und ganz zustimmen! Dass der Konzern trotzdem versucht, den Leserinnen und Lesern seines „Energiekatalogs“ unwirtschaftliche und ökologisch problematische Heizungen anzudrehen, kann man wohl nur als versuchte Ankurbelung des Stromabsatzes erklären.


Neues aus dem Fundus (III): Seehofers Bremse

Sonntag, den 25. Oktober 2015

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) fordert eine Strompreisbremse. Er werde das Thema in Berlin auf die Agenda setzen, kündigte Seehofer via Süddeutsche Zeitung an. „Es kann nicht sein, dass der Strom an der Börse immer billiger wird und gleichzeitig der Staat mit seinen Maßnahmen dafür sorgt, dass der Strompreis für den Endverbraucher immer weiter steigt“, sagte der CSU-Chef. „Deshalb haben wir uns entschlossen, massiv für eine Strompreisbremse einzutreten.“

Strompreisbremse?

Da klingelt was bei uns! Lesen Sie mal:

 

»Im Handelsblatt erschien am Freitag ein Kommentar von Rainer Brüderle, der als Spitzenkandidat der FDP im Bundestagswahlkampf das liberale Zugpferd spielen soll.

Überschrift:

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Nein, es geht nicht um Jürgen W. Möllemann, den Brüderle zu dessen Lebzeiten nicht sonderlich mochte: Beim Vor-Vorgänger des aktuellen FDP-Zugpferdes war ja irgendwas mit der Reißleine, die nicht gezogen wurde, weshalb Möllemann einen ziemlich harten Aufprall mit dem Leben bezahlte.

Brüderle geht es nicht um Fallschirmflug, sondern um die Energiewende. „Der Bundesumweltminister warnt die Umweltminister der Länder zu Recht davor, dass die Kosten für die Förderung der Erneuerbaren ohne die Strompreisbremse ungebremst weiter steigen“, schreibt der einstige Wirtschaftsminister. Tausende Betriebe in Deutschland seien schon jetzt betroffen. „Die deutschen Energiepreise sind so hoch wie kaum irgendwo auf der Welt. Energieintensive Unternehmen verlagern bereits Arbeitsplätze ins Ausland.“

Weiter heißt es:

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Um Gottes Willen: Es geht ans Eingemachte! Unser Wohlstand ist bedroht, und zwar von den Wurzeln her! Und wer die Reißleine nicht zieht, endet erwiesenermaßen wie Jürgen W. Möllemann!

Keine Bange, liebe Leser, Rainer Brüderle lügt wie gedruckt. Tatsächlich nämlich sind die Strompreise in Deutschland derzeit so niedrig wie lange nicht mehr. Am Spotmarkt der Strombörse sank der Preis für eine Kilowattstunde im Mai auf durchschnittlich 3,2 Cent – den tiefsten Stand seit vier Jahren. Und auch im Termingeschäft ist Strom so günstig wie lange nicht: So war der Preis für Strom zur Lieferung im Jahr 2014 im April 2013 erstmals unter die Marke von vier Cent je Kilowattstunde gerutscht. Bereits heute kann am Terminmarkt Strom zu vier Cent bis zum Jahr 2019 gekauft werden. Zum Vergleich: Haushaltsstrom kostet im Bundesdurchschnitt 28,5 Cent je Kilowattstunde.

Damit hat Brüderle natürlich recht: Die Strompreise in Deutschland zählen zu den höchsten in Europa. Aber darunter leidet nicht die Industrie, wie der Spitzenliberale glauben machen will: Nach Paragraph 41 Abs. 3 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) müssen Unternehmen mit einem Stromverbrauch bis zu 1.000 Megawattstunden die komplette EEG-Umlage bezahlen. Firmen, deren Stromverbrauch 1.000 Megawattstunden übersteigt, zahlen lediglich zehn Prozent der EEG-Umlage. Wer zwischen 10.000 und 100.000 Megawattstunden verbraucht, muss nur noch ein Prozent der EEG-Umlage bezahlen, für jede weitere Megawattstunde über 100.000 Megawattstunden hinaus werden pauschal 0,05 Cent pro Kilowattstunde fällig.

1.000 Megawattstunden Jahresstromverbrauch – das ist übrigens so viel, wie 285 bundesdeutsche Musterpersonenhaushalte verbrauchen. Faktisch gibt es keinen Industriebetrieb, der so wenig Strom verbraucht. Das bedeutet: Faktisch genießen alle Industriebetriebe Ausnahmen. Und weil die Zahl der Erneuerbaren-Kraftwerke weiter zunimmt, zahlen Handel, Kleingewerbe und Haushalte für die Industriebetriebe mit.

Brüderle führt in seinem Beitrag sogar aus, für wie viele Anlagen die „Kleinen“  mitzahlen müssen: „Zwischen Flensburg und Konstanz stehen heute mehr als 23.000 Windindustrieanlagen. Viele sind höher als der Kölner Dom. Mehr als 1,3 Millionen Solaranlagen sind in Deutschland auf Feldern und Dächern installiert“, schreibt Brüderle. Mehr als 7.200 Biogasanlagen seien in den letzten Jahren gebaut worden.

„Nun könnte man sagen, das alles ist berechtigt, weil es uns unabhängig mache von fossilen Energieträgern und der Kernenergie“, argumentiert Brüderle. Und weil es dem Klimaschutz diene. Der Spitzenliberale weiter: „Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir feststellen, dass wir mit der bisherigen Energiepolitik keines der Ziele erreicht haben und so auch nicht erreichen werden. Wind und Sonne sind keine zuverlässigen Energielieferanten.“

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Aber gern, Herr Brüderle: Lassen Sie uns ehrlich sein! Dass Deutschland im vergangenen Jahr wieder mehr Kohle verfeuert hat, liegt an der FDP. Gern nämlich würde die EU-Kommission ihren Zertifikatehandel reparieren. Dummerweise scheiterte das auch am Veto des deutschen Wirtschaftsministers Philipp Rösler. Deshalb ist Braunkohle heute derat billig, dass klimafreundlichere Kraftwerke wie die Gaskraftwerke stillstehen.

In seinem Handelsblatt-Kommentar verspricht Brüderle: „Direkt nach der Bundestagswahl wird sich die christlich-liberale Koalition gemeinsam mit den Ländern an eine grundlegende Reform des EEG-Gesetzes machen müssen.“ Was für ihn nichts anderes bedeutet als den ganzen Öko-Schnickschnack abzuschaffen.

Voraussetzung ist natürlich, dass die Wähler für die FDP nicht „die Reißleine“ ziehen. Andererseits: Reißleine ziehen kann der FDP womöglich das Möllemann-Schicksal ersparen.«


PS: Der mittlerweile in Vergessenheit geratene ehemalige Politiker Rainer Brüderle ist seit März 2015 Vorstandsvorsitzender des Bundes der Steuerzahler in Rheinland-Pfalz. Vielleicht lässt sich für den zukünftigen Ex-Ministerpräsidenten Horst Seehofer etwas Passenderes finden?


Neues aus dem Fundus (II): Das Murmeltier Formel 1

Sonntag, den 26. Juli 2015

Zum 10. Rennen der diesjährigen Formel-1-Saison: Beim langweiligsten Sportereignis der Welt steht Mercedes längst als Saisonsieger fest. Als Bleifuß-Sieger wohlgemerkt: Vor fünf Jahren fragte sich der Klima-Lügendetektor, was wohl aus der fünf Jahre alten Ankündigung geworden ist, „klimafreundlicher“ über die Rennstrecken zu brettern. Fünf Jahre nach der Fünfjahresbilanz liest sich die Bilanz erfrischend aufschlussreich. Lesen Sie mal den Text vom Juli 2010:

Eine „bahnbrechende“ Nachricht ist zu vermelden: Die Formel 1 wird grün! Dies ist kein Witz, sondern ein Zitat. Als „ground-breaking“ bezeichnet der Verband der Formel-1-Teams, FOTA, seine Bemühungen zur Minderung des eigenen Kohlendioxid-Ausstoßes. Um 12,4 Prozent will er innerhalb der nächsten drei Jahre die Emissionen senken. formel1_mclarenMartin Whitmarsh, FOTA-Vorsitzender und Chef des Vodafone-McLaren-Mercedes-Teams, erklärte wörtlich: „Ich bin entzückt, dass unser Sport eine weltweite Führerschaft in Sachen Umwelt einnimmt.“

Nun, weltweit führend sind die Formel-1-Wagen wirklich. Bei Spritverbrauch und CO2-Ausstoß nämlich. Die Fahrzeuge schlucken gern mal hundert Liter Sprit auf hundert Kilometer. Und mit CO2-Werten von anderthalb Kilogramm pro gefahrenem Kilometer liegen die Boliden etwa beim Zehnfachen eines deutschen Durchschnitts-Pkw. Da ist tatsächlich jede Menge Raum für Emissionsminderungen – um weit mehr als 12,4 Prozent.

Doch diese Zahl, so zeigt ein genauer Blick, bezieht sich gar nicht auf den Kohlendioxid-Ausstoß der Rennautos. Der Umweltreport, den sich FOTA von der britischen Beratungsfirma Trucost hat schreiben lassen, blickt auch auf indirekte Emissionen, etwa durch Flugreisen der Teams oder die Herstellung der Auto-Komponenten (unberücksichtigt bleiben hingegen viele andere Emissionsquellen, etwa die Anreise der Millionen Zuschauer zu den Rennen). Im Jahr 2009, so jedenfalls das Ergebnis, habe die Formel 1 exakt 215.588 Tonnen Kohlendioxid verursacht. Was etwa den Emissionen einer deutschen Kleinstadt entspricht.

Der größte Umweltschaden der Rennliga ist aber ein ganz anderer: Die Formel 1 vermittelt ein Autoverständnis, das Raserei und PS-Wettrüsten frönt und durch die Dekoration mit halbnackten Frauen erotisch auflädt – zig Millionen Macho-Männer eifern dem dann weltweit Tag für Tag nach. Dass dies nicht mehr recht in die Zeit passt, haben inzwischen selbst die Formel-1-Strategen verstanden. Und weil es ihnen mit dem Öko-Engagement so ernst ist, kündigen sie es ständig aufs Neue an, wie ein kleiner Blick ins Archiv zeigt:

2006

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2007

formel1_sueddeutsche2007

2008

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2009

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Ebenfalls 2009 versuchte man, sich mit der sogenannten KERS-Technologie an den Hybrid-Hype zu hängen (mit peinlichem Ausgang). Und nun, 2010, also ein „bahnbrechendes“ Klimaschutzprogramm.

Die einzig sinnvolle Konsequenz aus dem Formel-1-Wahnsinn zog im vergangenen Jahr BMW: Mit Verweis auf eine künftig ökologische Unternehmensausrichtung verkündeten die Münchner ihren Komplett-Ausstieg aus dem Rennzirkus.

Dieser Text erschien vor fünf Jahren. Trotzdem ist er noch aktuell.


Neues dem Fundus (I): Das „Klumpenrisiko Deutschland“

Sonntag, den 8. März 2015

In dieser Woche stellt RWE seine neuen Geschäftszahlen für das Wirtschaftsjahr 2014 vor. Und so viel steht schon fest: Gut werden die Zahlen deshalb nicht ausfallen, weil  RWE als einziger Großkonzern an seinem alten Geschäftsmodell festhält – der Braunkohleverstromung. Wir haben uns gefragt, wieso das Managment so sehr auf dem „Gesternkurs“  besteht. Und sind auf folgende Antwort aus dem Jahr 2011 gestoßen:

Der Atomkonzern RWE ist bekanntlich der, der vorweg geht. Auch rein werbetechnisch:

Insofern liegt es nahe, dass die Essener nun, nach der beschlossenen Energiewende, vorweg gehen, rein kommunikationstechnisch. In der Chemnitzer Freien Presse, vor 20 Jahren noch die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung, mittlerweile leider zu einem Provinzblatt heruntergewirtschaftet, offeriert uns RWE ein verblüffendes Angebot:

Gerne, RWE! Los geht es:

Stimmt es, liebe RWE, dass Sie nicht mehr bereit sind, wie jeder vernünftige deutsche Steuerzahler seiner Steuerpflicht nachzukommen und das Gemeinwohl zu finanzieren? Spielplätze, Bibliotheken, Universitäten, Nahverkehr? Unsere erste Kernfrage: Stimmt es, dass Sie gegen die Brennelementesteuer Klage eingereicht haben?

Zweite Kernfrage, die wir an Sie haben:  Sie wollen von den Steuerzahlern Geld dafür, dass Sie ihre Atomkraftwerke abschalten? Einen Ausgleich dafür, dass „Vermögenswerte“ – also Atomkraftwerke – jetzt bis Ende des Jahrzehnts schrittweise vom Netz gehen sollen?  Und das, obwohl Sie doch selbst im rot-grünen Atomkonsens dafür gestimmt hatten, dass die AKWs bis 2021 abgeschaltet werden?

Drittens: Trifft es weiterhin zu, dass RWE ein „Riesenproblem“ beim Netzausbau hat, wie Ihr Chef Jürgen Großmann dem Stern vor einem halben Jahr* erklärte? Und falls ja: Steht der Verkauf des Netzes, den Sie nun offenbar planen, damit in irgendeinem Zusammenhang?

Viertes: Stimmt es, dass Ihnen die Stromkunden in Deutschland sch…egal sind, solange nur die Rendite stimmt? Das hatte doch gerade Ihr Vorstandschef der Süddeutschen Zeitung so gesagt: Das „Klumpenrisiko Deutschland“ müsse verringert werden, es ziehe Sie ins Ausland.

Fünftens schließlich: Sie halten sich diesmal auch ganz ehrlich und versprochen und endgültig und jetzt wirklich an den Ausstieg aus der Atomenergie, weil die in Deutschland einfach keiner mehr haben will? Sie schießen nicht schon wieder quer, wie beim Dauerfeuer nach dem Atomkonsens des Jahres 2000?

Natürlich haben wir noch jede Menge anderer Fragen an Sie. Aber Sie wollten ja unsere „Kernfragen“.

Und hier nun die Antwort von RWE:

Danke an Ines B. für den Hinweis

* Der Text erschien zuerst am 22. Juni 2011 auf diesen Seiten

PS: Drei Jahre können viel Zeit sein. Wer erinnert sich schließlich schon an sein Geschwätz von vor drei Jahren? Wir haben glücklicherweise ein Archiv, in dem wir ab und zu stöbern: Der Klima-Lügendetektor wird Sie ab sofort auf einige der bemerkenswertesten Fundstellen in diesem hinweisen. Um Ihre und unsere Sinne zu schärfen.