Archiv des Schlagwortes ‘CCS’

Wer ist Deutschlands übelster Lobbyist 2011?

Freitag, den 11. November 2011

Seit einigen Jahren gibt es auf EU-Ebene den „Worst Lobby Award“, einen Negativpreis für irreführende und manipulierende Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Nun holt eine der Trägerorganisation, der Kölner Verein Lobbycontrol, die Idee nach Deutschland: Ab  sofort kann jedermann und jedefrau an der Abstimmung über die „Lobbykratie-Me­daille“ teilnehmen.

„Wir wollen nicht hinnehmen“, schreibt die Organisation in ihrem Aufruf, „dass die Politik immer stärker durch irreführende Methoden, problematische Verflechtungen und das Übergewicht finanzstarker Lobbyis­ten verzerrt wird. Die Kandidaten stehen bei­spielhaft für verschiedene Formen undemokratischer Lobbyarbeit. Dabei geht es nicht nur um den größten Aufreger, sondern auch um Themen, die sonst nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten.“

Fünf Kandidaten stehen zur Wahl, von Deutscher Bank über die PR-Agentur Shandwick bis zu RWE und der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe (BGR).

Eine Bundesbehörde ist gemeinsam mit einem Energiekonzern nominiert? Wie das? Die BGR, erklärt Lobbycontrol in der Begründung, „gehört zu den wichtigsten Beratungseinrichtungen der Bundesregierung, wenn es um Fragen der Nutzung natürlicher Ressourcen geht. In ihren Aufgabenbereich fällt auch die Risikobewertung der umstrittenen CCS-Technologie …  Nachdem die EU-Kommission Anfang 2008 eine Richtlinie für die Förderung von CCS-Projekten auf den Weg gebracht hatte, erteilte der Essener Konzern RWE gemeinsam mit Eon, Vattenfall und anderen einer Anwaltskanzlei den Auftrag, einen Gesetzentwurf für die Umsetzung der EU-Richtlinie auszuarbeiten. In dem Kanzleientwurf vom September 2008 wird der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe eine zentrale Rolle bei der Planung und Zulassung von Kohlendioxidspeichern zugewiesen, mit der Begründung, sie biete hierfür ‚die besten fachlichen Voraussetzungen‘. Dieselbe Funktion erhielt die Bundesanstalt in dem offiziellen Gesetzentwurf, der am 1. April 2009 vom Bundeskabinett verabschiedet wurde.“

Und jetzt kommt’s: RWE hat der BGR, der man selbst eine zentrale Rolle bei der Risikobewertung zuwies, zwei Mitarbeiter finanziert, die dann an neuen Richtlinien für die CCS-Technologie mitarbeiteten. Ist das nicht wirklich eine medaillienwürdige Idee?

Noch bis zum 1. Dezember können Sie Ihre Stimme abgeben – klicken Sie hier!


IZ Klima: Kohlepropaganda schon in der Schule

Donnerstag, den 3. Dezember 2009

izklima_zeitbildcoverKennen Sie das IZ Klima? Dieses „Informationszentrum“ mit Sitz in Berlin hat vor ein paar Wochen gemeinsam mit dem Münchner Bildungsverlag Zeitbild eine Broschüre „Klimaschutz und CCS“ für den Schulunterricht veröffentlicht. Auf der verlagseigenen Internet-Plattform „Lehrerwink“ gibt es das Material zum kostenlosen Download.

CCS ist die Abkürzung für die umstrittene Technologie zur Abtrennung und unterirdischen Ablagerung von Kohlendioxid. Doch Wörter wie „umstritten“ oder „Kritik“ finden sich in der 36-seitigen Broschüre nicht ein einziges Mal. Stattdessen wird – in einer professionell gemachten Infografik – erklärt, woher die Welt derzeit ihre Energie bezieht (erneuerbare Quellen und Energiesparen kommt dabei nur ganz am Rande vor). Ebenso anschaulich werden der Kohlenstoffkreislauf der Erde und das CCS-Prinzip erläutert, welche verschiedenen Varianten eventuell möglich sind und so weiter.

Glatt gelogen ist nichts in der Broschüre. Aber äußerst geschickt wird suggeriert, eine Energieversorgung sei hierzulande ohne CCS nicht möglich – „denn noch basieren in Deutschland über 80 Prozent des Primärenergieverbrauchs auf fossilen Energieträgern“, wie es auf Seite 9 der Broschüre heißt. Um den Anteil fossiler Energieträger wie Kohle besonders hoch erscheinen zu lassen, wird hier die Primärenergiestatistik bemüht und so auch alles Heizöl und sämtlicher Sprit einbezogen – an der Stromversorgung (und nur dafür könnte CCS, wenn überhaupt, je brauchbar sein) ist der Kohleanteil mit 42 Prozent gerade halb so groß.

Systematisch spielt die Broschüre Kosten und Risiken von CCS herunter. Dass die Technologie die ohnehin ineffizienten Kohle-Großkraftwerke noch ineffizienter macht, wird nur ganz beiläufig erwähnt. Und dass die Nachrüstung bestehender Kraftwerke mit „CO2-Waschanlagen“ in der Praxis aus Kostengründen vermutlich niemals stattfinden wird, verstecken die Autoren in diesem feinziselierten Satz:

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Zu den bislang ungeklärten Risiken der CO2-Verpressung gibt es in der Broschüre nur ein paar Absätze unter der großen Überschriftizklima_zeitbild3

Und völlig ignoriert wird in diesem „Unterrichtsmaterial“, dass der Platz im Boden sehr begrenzt ist und die geologischen Formationen, die eventuell für eine Verpressung von CO2 aus Kohlekraftwerken geeignet sind, nur wenige Jahre oder Jahrzehnte ausreichen würden und im Übrigen für andere Optionen einer wirklich zukunftsfähigen Energieversorgung gebraucht werden, für die Gewinnung von Erdwärme etwa oder als Kavernen für Wasserstoff und Methan, die als Speichermedien für Windstrom in Frage kommen.

Komisch, dass von alledem in einer Broschüre des IZ Klima nicht die Rede ist. Naja, vielleicht ist die Erklärung dafür auch ganz einfach. Klitzeklein auf dem Deckblatt ist erkennbar, wofür die Abkürzung steht:
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Dass dieses „Informationszentrum“ von so klimafreundlichen Unternehmen wie Eon, RWE, EnBW oder Vattenfall getragen wird, müssen  interessierte Lehrer oder Schüler anderswo recherchieren. (Übrigens findet sich auch auf dem staatlichen Bildungsserver Berlin-Brandenburg, wo das Material inzwischen angeboten wird, kein Hinweis dazu.)

Am Ende der Broschüre steht der „methodische und didaktische Hinweis“:

izklima_zeitbild5In der kohlelobby-gesponserten Unterrichtsbroschüre werden die Schüler schwerlich Contra-Argumente finden.

Danke an Mike K. aus Berlin für den Hinweis


Braunkohleverband: Über das Wunschdenken

Freitag, den 23. Oktober 2009

Im Zuge der großen Imagekampagne des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (Debriv) erscheinen derzeit wieder Woche für Woche sogenannte Expertenbeiträge in Spiegel, ZEIT und vielen anderen Medien. Seriös wirkende Wissenschaftler in Schlips und Kragen lächeln den Betrachter freundlich an. Das Niveau der Beiträge allerdings – vor allem das der senfgelb hervorgehobenen Kernaussagen – sinkt stetig. So erklärte kürzlich Professor Reinhard Leithner, Experte für Kraftwerksbau an der TU Braunschweig:
Leithner
In der folgenden Woche polterte Professor Herrman-Josef Wagner vom Institut für Energietechnik der Ruhr-Universität Bochum:
Wagner
Und anschließend verkündete Professor Joachim Weimann, Wirtschaftswissenschaftler und „Umweltexperte“ an der Universität Magdeburg:
Weimann
Schwarzweiß-Denken, Wunschdenken, Ideologien? Klingt irgendwie alles ähnlich – und nicht gerade sachlich. Die Braunkohlelobby hält offenbar die Strategie für besonders vielversprechend, ihre Kritiker als unrealistische Öko-Spinner hinzustellen. Und aus Professorenmund erscheinen solche Attacken nach dem Kalkül der Werber besonders glaubwürdig.

Aber schauen wir uns doch den aktuellen Beitrag einmal näher an. Autor ist diese Woche Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Er lässt sich mit diesen Worten zitieren:
Blum
Das klingt erstmal nach mehr Seriosität als in den Vorwochen, offenbar geht es ums Thema CO2-Abtrennung und -Endlagerung (CCS). Im Kleingedruckten philosophiert Blum allerdings erstmal darüber, wie die ostdeutschen Länder ihren wirtschaftlichen Rückstand am besten aufholen könnten. Er erklärt, dass die Region in den „boomenden Bereichen Windenergie, Solartechnik und Biomasse“ aussichtsreich aufgestellt sei, um dann überraschenderweise den Begriff Nachhaltigkeit umzudeuten: Der darf seiner Meinung nach nicht auf „die sogenannten erneuerbaren Energien“ eingeschränkt werden.

Zur Sache kommt er erst im letzten Absatz. Nehme man die Klimaproblematik ernst, müsse „zwingend“ auch CCS „entwickelt und eingeführt“ werden. Er schließt mit den Sätzen: „Nicht die Beseitigung des industriellen Kerns Braunkohleindustrie wäre ein Beitrag zur Wirtschaftsstruktur in den neuen Ländern, sondern deren Pflege. Wissenschaft und Unternehmen müssen der Bevölkerung die Gewissheit vermitteln, dass die sichere CO2-Lagerung möglich ist.“

Was Professor Blum nicht sagt ist, dass es diese Gewissheit gar nicht gibt. Erst kürzlich stellte das Umweltbundesamt in einem Hintergrundpapier zusammenfassend fest, es sei „derzeit unklar, ob CCS eine Option zur großtechnischen CO2-Emissionsminderung und damit eine bedeutende Maßnahme des Klimaschutzes werden kann“. Außerdem heißt es dort: „Der Einsatz fossiler Brennstoffe würde auch mit dem Einsatz der CCS-Technik nicht nachhaltig.“ Und: „Die möglichen Schäden sind vielfältig und noch nicht ausreichend erforscht.“ Ganz offensichtlich handelt es sich beim Optimismus des Wirtschaftswissenschaftlers Blum in der technischen Frage der CO2-Endlagerung um „Wunschdenken“.

Apropos Wunschdenken: In Deutschland hat der Ausbau der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren die Prognosen immer wieder übertroffen.

Danke an Marie R. für den Hinweis


Dong Energy in der FAZ: Getarnte Propaganda

Dienstag, den 7. Juli 2009

Heute hat der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) eine 28-seitige „Sonderveröffentlichung“ zum Thema „Klimaschutz & CCS“ beigelegen. Die als Informationsblatt getarnte PR-Broschüre enthält eine Mischung von redaktionellen Artikeln und „Gastbeiträgen“ verschiedener Firmen. Zum Beispiel darf sich die Daimler AG über den „Weg zum emissionsfreien Fahren“ auslassen. An anderer Stelle – unter der unauffälligen Überschrift „Regional und saisonal einkaufen“ – wird netterweise beschrieben, wie unser Lügendetektor Grünfärbereien von Unternehmen entlarvt.

Nun denn, schreiten wir also wieder zur Tat: Ein großer Teil der Beilage behandelt das Thema CCS – also die umstrittenen Technologien zur Abscheidung und unterirdischen Endlagerung von Kohlendioxid, die (irgendwann einmal) Kohlekraftwerke klimaverträglicher machen sollen. Da gibt es, merkwürdig, gleich zwei Interviews mit Charles Nielsen von Dong Energy und außerdem noch einen längeren Gastbeitrag dieses dänischen Unternehmens. Dessen Charmeoffensive in Deutschland hat einen Grund: Dong möchte in Lubmin bei Greifswald ein 1500-Megawatt-Kohlekraftwerk bauen, das jährlich sieben Millionen Tonnen CO2 ausstoßen wird – und dagegen regt sich Widerstand. Ein weiterer Klimakiller ist in Emden geplant.

Dong verkündet in seinem „Gastbeitrag“: „Heute basiert die konzerneigene Energieerzeugung auf 15% erneuerbarer und 85% konventioneller Energie. Dieses Verhältnis will der Konzern auf den Kopf stellen.“ Erst beim Lesen der nächsten Sätze stellt sich heraus, dass das Unternehmen dabei neben Windenergie auch CCS-Kohlekraftwerke im Sinn hat, also keineswegs 85 Prozent erneuerbare Energien plant – obwohl dies gerade im windigen Dänemark durchaus möglich wäre.

Der Artikel mündet in unverhohlener Werbung für das geplante Kraftwerk Lubmin: Die Region könne „eine Menge Vorteile daraus ziehen“. Es entstünden „zirka 140 zukunftsorientierte langfristig sichere Arbeitsplätze.“ Dumm nur, dass am gleichen Tag der WWF eine Studie zum Kohlekraftwerk Lubmin veröffentlicht hat, die vor den ökonomischen Risiken des Projekts warnt: Weil für den CO2-Ausstoß des Kohlekraftwerkes im Rahmen des Emissionshandels zukünftig voraussichtlich jährliche Kosten von 140 bis 280 Millionen Euro anfallen, drohe das Kraftwerk zu einer Investitionsruine zu werden. Die Kohleabhängigkeit des Unternehmens werde sich mit dem Kraftwerk von 57 auf 65 Prozent erhöhen. Achso: Die Erzeugung derselben Menge Strom aus erneuerbaren Energien brächte sicherlich viel mehr Jobs.

Illustriert ist der Dong-Gastbeitrag mit einer Computersimulation, die das geplante Kraftwerk in Lubmin „mit Fullsize-CCS-Anlage“ zeigt. Hm. Leider steht in den Sternen, ob es solch eine Anlage zur CO2-Abscheidung in Lubmin jemals geben wird. Und das nicht nur, weil das CCS-Gesetz der Großen Koalition gescheitert ist, sondern weil darüber hinaus völlig unklar ist, ob CCS jemals wirtschaftlich machbar sein wird. In einem aktuellen Hintergrundpapier stellt das Umweltbundesamt fest, es sei „derzeit unklar, ob CCS eine Option zur großtechnischen CO2-Emissionsminderung und damit eine bedeutende Maßnahme des Klimaschutzes werden kann“.

Auch in den scheinbar neutralen Redaktionsbeiträgen der FAZ-Beilage aus dem „Reflex Verlag“ – die vor sachlichen Fehlern nur so strotzen – taucht Dong übrigens immer wieder auf. So ist unter der Zeile „Lösung CCS-Technologie“ zu lesen: „Auch wenn die Entwicklung noch in vollem Gang ist, gibt es bereits CCS-Kraftwerke wie das dänische Kohlekraftwerk Esbjerg, die eine Prozesskette mit CO2-Abtrennung realisiert haben.“ Eine Seite später erfährt man dann allerdings in einem anderen Text, dass es sich dabei nur um eine Pilotanlage handelt, in der „stündlich eine Tonne CO2“ abgeschieden wird. Wer aber wissen will, wie viel das ist, muss schon im Internet recherchieren: Da erklärt Dong-Mitarbeiter Charles Nielson: „Obwohl die Anlage in Esbjerg die größte in Betrieb befindliche Pilotanlage ist, werden nur 0,5 Prozent der Rauchgase im Kraftwerk aufgefangen.“

Schließlich thematisiert der Artikel, scheinbar kritisch, auch die zu erwartenden Probleme bei der unterirdischen Ablagerung von Kohlendioxid. Er endet mit den Sätzen: „Umweltbundesamt und das Fraunhofer-Institut sind der Meinung, dass es eine totale Dichtigkeit nicht geben kann. Eine mögliche Leckagerate von weniger als 0,1 Prozent sei aber grundsätzlich als unbedenklich einzustufen.“ Das sollte machbar sein?

Leider wurde eine Null vergessen. Das Umweltbundesamt fordert in Wahrheit, dass jährlich maximal 0,01 Prozent, also ein Zehntausendstel des gespeicherten Kohlendioxids austreten dürfen – und stellt fest: „Selbst niedrige Leckageraten können den Nutzen für den Klimaschutz in Frage stellen.“


Steinkohleverband: Tricksen ist nachhaltig

Dienstag, den 9. Juni 2009

Mit diesen Worten hat der Gesamtverband Steinkohle (GVSt) die neueste Ausgabe seiner Info-, äh, Faltblatt-Reihe „Fakten – Analysen – Argumente“ überschrieben:

Donnerwetter!! Das ist ja ’ne dolle Nachricht!

So werden die Kohlelobbyisten auch gedacht haben, weshalb sie den gesamten Text gleich noch als bezahlte PR-Meldung von der Nachrichtenagentur dpa verschicken ließen. Kohlestrom, stand da weiter, habe „nachhaltig und langfristig geringere soziale Kosten“ als „viele erneuerbare Energien“. Zu diesem Ergebnis sei ein breites, EU-gefördertes und von 66 Universitäten, Instituten und Organisationen getragenes Forschungsprojekt namens NEEDS gekommen.

Das hat uns natürlich neugierig gemacht. Also suchten wir auf der Internetseite des Forschungsverbundes nach den Details zur Meldung. Details fanden wir tatsächlich zuhauf – NEEDS scheint ein wahres Mammutprojekt gewesen zu sein, mehr als vier Jahre wurde geforscht, mehr als zwei Dutzend, oft Hunderte Seiten dicke Berichte gibt es auf der Website – aber keine einzige Studie, die die spektakuläre Aussage der Kohlelobby unterfüttert.

Also, Anruf beim Verband in Essen. Der Sprecher bestätigt denn auch gleich: „Nein, Sie haben nichts übersehen.“ Es gebe keine Studie, die der Meldung zugrunde liegt. Man habe die Ergebnisse selbst „ausgewertet“, die auf dem Schlussworkshop von NEEDS in Brüssel vorgestellt wurden, vor allem einen Vortrag von Professors Rainer Friedrich von der Universität Stuttgart.

Ein weiterer Anruf, diesmal in Stuttgart, lässt dann die Propagandablase des GVSt platzen. Ja, ja, heißt es beim dortigen Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, es hätten schon einige verwunderte Journalisten nachgefragt. Aber dass Kohle „nachhaltig“ sei, das „hat nie jemand gesagt“.

In der Tat handelte der Vortrag, den Professor Friedrich in Brüssel hielt, von den Kosten verschiedener Energieträger, da wurden Investitions- und Betriebs- und andere Ausgaben für Wind-, Atom-, Solar-, Kohle- und anderen Kraftwerken verglichen, und es wurden auch die sogenannten externen Kosten betrachtet – also Umwelt- oder andere Schäden, die bei der Stromerzeugung angerichtet werden, für die aber außer der Natur bisher niemand zahlt. Mit nebenstehenden Worten fasst der Steinkohleverband den ganzen Vortrag zusammen.

Und diese Formulierung deutet dann schon auf den wesentlichen Haken an der ganzen Sache: Die Kohlekraftwerke, die angeblich so supergut abschneiden, die gibt’s noch gar nicht – denn die Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid (CCS) ist noch längst nicht einsatzreif. Alle heutigen Kohlekraftwerke (und auch die gegenwärtig neu in Bau befindlichen) gehen bekanntlich ohne CCS ans Netz. Deshalb schneiden real existierende Kohlekraftwerke alles andere als „überdurchschnittlich gut“ ab.

Aus dem zwanzigminütigen Vortrag von Professor Friedrich hat sich der Steinkohleverband eine Grafik herausgepickt und auf seinem Faltblatt nachgedruckt (links). Beim Blick in das Originalmanuskript aber wird schnell klar, dass es das (für die Kohle) vorteilhafteste Häppchen aus der gesamten Arbeit ist. In einer anderen Grafik über externe Kosten beispielsweise schneidet die Kohle von allen Energieträgern am schlechtesten ab:

Und blickt man nicht auf das Jahr 2025, sondern auf 2050, dann sieht die Kohle miserabel aus. Selbst mit der hochgepriesenen CCS-Technologie liegt Kohlestrom auf dieser Grafik nur noch im Mittelfeld – und Braun- bzw. Steinkohlekraftwerke ohne CO2-Abscheidung landen ganz am linken Rand, also an vorletzter und letzter Stelle:

„Die Umweltschäden bei Kohlekraftwerken sind hoch“, sagte uns Professor Friedrich noch, und zwar „höher als bei allen anderen untersuchten Energieträgern.“ Außerdem werden Kohlekraftwerke selbst mit CCS noch größere Mengen an gesundheitsschädlichen Stoffen wie Feinstaub ausstoßen.

Aber wieso schneiden sie dann bei den „sozialen Kosten“, wie der Kohleverband schreibt, „überdurchschnittlich“ ab? Weil unter diesen wissenschaftlichen Begriff auch Betriebs- und Investitionskosten fallen – und da sind Kohlekraftwerke nunmal erheblich billiger als beispielsweise Solarzellen. Wenn die Kohlelobby das nachhaltig nennt, so Rainer Friedrich, dann „ist das natürlich problematisch“. Tatsächlich findet sich nirgends in Friedrichs Vortrag und auch nicht (wie der Gesamtverband Steinkohle in seiner Mitteilung suggeriert) im Namen des NEEDS-Projekts das Wort „nachhaltig“ (englisch: sustainable) – der Lobbyverband hat sich also offenbar einfach einen eigenen Nachhaltigkeitsbegriff kreiert. Das sollen dann wohl die Anführungszeichen in der Überschrift bedeuten – und nicht, wie man denken soll, äh, könnte, ein Zitat aus dem Forschungsprojekt kennzeichnen.

Letzter Anruf beim Gesamtverband Steinkohle: Ist denn der verbreitete Text oder die Überschrift mit Herrn Friedrich abgesprochen? Der Sprecher schweigt, atmet tief, sagt dann „Nein“. Aber für den Nachdruck von Friedrichs Grafik, betont er, dafür habe man selbstverständlich die Genehmigung eingeholt.

Danke an Hanjörg P. aus Leipzig für den Hinweis


Debriv: Wenn Lobbyisten Lobbyisten zitieren…

Donnerstag, den 14. Mai 2009

Inzwischen ist die Imagekampagne des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (Debriv) fast schon mitleidserregend. Man lasse darin

zu Wort kommen, hatte die Kohlelobby eigentlich mal versprochen. Längst aber treten in der Werbung weder Unabhängige noch Experten auf – wahrscheinlich findet sich niemand mehr für diese platte Propaganda der Klimakiller-Branche. Jedenfalls ließ der Debriv diese Woche einen Lobbyistenkollegen auftreten, Maksymilian Klank, den Präsidenten des polnischen Steinkohleverbandes. Der ist, zumindest was den Kohlendioxid-Ausstoß von Kohlekraftwerken angeht, bemerkenswert ehrlich.

Schade, dass dieser Satz nicht zum Blickfang seines gesamten Beitrags wurde. Dafür wählten die Debriv-Werber lieber:

Dass der Chef des Steinkohleverbands und – laut offiziellem Lebenslauf - Vorstandsmitglied eines großen Bergbauzulieferers neue Kraftwerke will, ist nicht so wirklich überraschend. Aber offenbar folgt der Debriv einer alten PR-Strategie: Man zeige einen seriös wirkenden Herren in Anzug und Krawatte (ebenso geeignet sind Menschen in weißen Arztkitteln) und lasse ihn irgendetwas sagen. Das kann noch so verkehrt sein – wenn man es nur oft genug wiederholt, setzt es sich schon irgendwann fest in den Köpfen der Leute. Denn in Wahrheit haben die neuen Kohleblöcke, die hierzulande von den Konzernen derzeit gebaut oder geplant werden, zwar einen etwas niedrigeren CO2-Ausstoß als ihre Vorgänger aus den sechziger und siebziger Jahren – aber eben doch immer noch exorbitant hohe Werte.

Mit einer Grafik versucht die Annonce dann für diese Neuanlagen zu werben. Doch dies geht eher daneben: Schaut man sich das Bildchen auch nur etwas genauer an, zeigt  es bestechend, warum die ebenfalls von Herrn Klank (und dem Debriv) gepriesene CCS-Technologie der CO2-Abscheidung ein technologischer Rückschritt ist. Denn für diese (noch weit vom kommerziellen Einsatz entfernte) Technologie zeigt die Grafik rechts zwei kurze Balken, die einen niedrigen Treibhausgas-Ausstoß illustrieren sollen. Die Punkte im oberen Bereich der Grafik zeigen aber auch, was die teure und energieaufwändige CO2-Abscheidung für den Wirkungsgrad dieser „Wunderkraftwerke“ bedeutet: Sie werden ein Drittel schlechter sein als heutige Anlagen.

Würde man in diesem Bildchen mit einer roten Linie den Wert für die derzeit wirklich modernsten (fossilen) Kraftwerke eintragen, dann sähe die Grafik etwa so aus:

Blockheizkraftwerke (BHKW) auf Erdgasbasis nämlich, die flexibel und sauber zugleich Strom und Heizwärme erzeugen, stoßen (wenn man wie das Öko-Institut in einer Studie optimistische Annahmen wählt) pro erzeugter Kilowattstunde Elektrizität lediglich 49 Gramm Kohlendioxid aus – die Hälfte dessen, was die Kohlebranche für ihre vielleicht irgendwann einmal einsetzbaren CCS-Kraftwerke verspricht. Und raten Sie mal, wo in der Grafik man den Punkt setzen müsste für den Wirkungsgrad dieser Erdgas-BHKW? Richtig. Der wäre so weit oben (bei etwa 90 Prozent), dass er gar nicht auf das Bild passt.


Saubere Kohle: Dies ist die Realität

Dienstag, den 24. März 2009

Vor ein paar Wochen haben wir in die USA geschaut und darauf, wie die dortige Kohleindustrie und der Kraftwerksbauer General Electric in Internet- und TV-Werbespots gut Wetter zu machen versuchen für „Clean Coal“.

Nun versuchen vier große US-Umweltverbände mit denselben Mitteln zurückzuschlagen, denn gute Argumente sind wichtig, aber nicht allesUnter dem Motto „This is reality“ haben sie eine Website ins Netz gestellt und ebenfalls witzige Werbefilmchen produziert. Den vorerst letzten produzierten die Oscar-Preisträger Ethan and Joel Coen („No Country for Old Men“, „The Big Lebowski“ u.a.). „Wir sind begeistert“, so die Coen-Brüder in der Los Angeles Times, „Teil dieses wichtigen Projekts zu sein und eine andere Seite der Geschichte von der ’sauberen Kohle‘ zu zeigen.“

Hier ist der Spot:

„Es ist so sauber“, freut sich der Familienvater am Anfang des Spots. Darauf der gelackte Verkäufer: „Ist gewöhnliches ’sauber‘ für Ihre Familie sauber genug?“ Und überreicht das neue „Clean Coal Clean“, den neuen „Saubere Kohle-Reiniger“. Die Stimme aus dem Off erklärt: „Die Bezeichnung ‚Saubere Kohle‘ macht sich die wunderbare Stärke des Wortes ’sauber‘ zunutze – um es als sauberstes ’sauber‘ überhaupt erscheinen zu lassen.“ Und dann nochmal der Verkäufer: „Clean Coal wird unterstützt von der Kohleindustrie, der vertrauenswürdigsten Stelle in Sachen Kohle.“ – „In Wahrheit gibt es so etwas wie ’saubere Kohle‘ nicht“, schließt der Abspann.


RWE: Die Wahrheit unterm Algenteppich

Dienstag, den 17. Februar 2009

Die Imagekampagne von Europas größtem Kohlendioxid-Verursacher läuft und läuft und läuft. Nun schmückt sich RWE mit einer launigen Anzeige voller Algen.

In der großformatigen Annonce geht es um ein klitzekleines Forschungsprojekt, das im November 2008 im RWE-Braunkohlekraftwerk Niederaußem nahe Köln startete – aber von „Forschungsprojekt“ oder „Pilotanlage“ oder „mögliche Zukunftsoption“ steht da nichts. Nur: „Im Innovationszentrum Kohle arbeiten Millionen Algen für ein besseres Klima.“ Und das kann alles bedeuten. In Wahrheit hängen dort auf etwa 600 Quadratmetern in einer Art Gewächshaus durchsichtige Plasteschläuche, in denen Salzwasseralgen schwimmen, die mit Kohlendioxid aus den Abgasen des Kraftwerks „gefüttert“ werden. Bescheidene 700.000 Euro lässt sich der Milliardenkonzern dieses Gemeinschaftsprojekt mit der Jacobs Universität Bremen und dem Forschungszentrum Jülich kosten. Auch eine bunte Werbebroschüre hat RWE dazu aufgelegt.

Das Einfangen von Kohlendioxid durch Algen ist gerade sehr angesagt unter den Energieriesen – auch BP, Eon und Shell haben ähnliche Projekte gestartet. Die Algenbiomasse soll in einem zweiten Schritt zu Treibstoffen verarbeitet werden. Nur ist das bisher dermaßen teuer, dass es sich laut Shell erst ab einem Rohöl-Preis von etwa 800 Dollar rechnet – dem Zwanzigfachen des gegenwärtigen Niveaus. Zudem wird der Klimanutzen des Alternativkraftstoffes durch die energieintensive Entwässerung und Trocknung der Algen geschmälert. „co2-frei“, wie die Konzerne gern behaupten, wird der Algensprit sowieso nicht: Denn in ihm wäre ja Kohlendioxid gebunden, das vorher im Kraftwerk aus fossiler Kohle freigesetzt wurde. Dank der Algen würde das Klimagas eben nur ein bisschen später frei.

Vor allem aber fehlt die wohl wichtigste Information zum Niederaußem-Projekt in der RWE-Anzeige: Wie groß das Ding überhaupt ist. In der Werbebroschüre findet sie sich, allerdings ziemlich klein auf Seite 6, rechts unten:

Zum Vergleich: Nach Angaben des WWF verursacht das Kohlekraftwerk Niederaußem jährlich mehr als 27 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Die 12 Tonnen, die von den großspurig beworbenen Algen innerhalb eines ganzen Jahres aufgefangen werden, stößt RWE in Niederaußem also in weniger als 20 Sekunden aus.


General Electric: Dreckiger Sex

Freitag, den 6. Februar 2009

Heute wollen wir nochmal nach Amerika schauen. Nein, (noch) nicht auf das, was der neue Präsident Barack Obama in Sachen Klimapolitik verspricht. Sondern erneut auf ein besonders „schönes“ Stück Grünfärberei.

Unter dem Label „Clean Coal“ wird auch in den USA sehr intensiv und sehr professionell versucht, gut Wetter zu machen für neue Kohlekraftwerke. Mit von der Partie ist General Electric, einer der größten Kraftwerksbauer weltweit. Inzwischen liefert GE zwar auch Windkraftanlagen – aber natürlich will der Mega-Konzern nicht auf das lukrative Geschäft mit Kohlekraftwerken verzichten. Und weil Sex immer funktioniert, werden sich die Werber von GE gedacht haben, verkaufen wir nun die dreckige Kohle mit straffen Brüsten und Waschbrettbäuchen und legen noch einen flotten Folk-Song drunter. Kein Witz! Sehen Sie selbst:

(falls der YouTube-Link nicht funktioniert, klicken Sie hier)

Von „emissionsreduzierender Technologie“ ist am Ende des Spots die Rede – was (wie bei der „Clean Coal“-Propaganda üblich) vollkommen offen lässt, ob damit ein paar neue Filterchen gegen Feinstaub gemeint sind oder das (bisher leere) Versprechen, irgendwann einmal mittels CCS-Technologie einen Teil des freiwerdenden Kohlendioxids im Kraftwerk abzufangen.

Deutschland importiert seine Steinkohle übrigens u.a. aus Russland, Südafrika, Kolumbien, China und Indonesien. Über die Arbeitsbedingungen in den dortigen Minen könnte man auch mal einen hübschen Spot drehen. General Electric aber ließ seine sexy Supermodels laut einem Bericht des Magazins Slate nicht unter Tage, sondern in nachgebauten Kulissen ablichten…


Vattenfall: Erster Wortbruch in Moorburg

Montag, den 26. Januar 2009

Hoch schlugen die Wellen, als Vattenfall vor gut zwei Jahren die Pläne für ein neues Steinkohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg bekanntmachte. Es gab heftige Proteste, fast wäre die schwarz-grüne Koalition in der Hansestadt an dem Klimakiller-Projekt gescheitert. Groß waren deshalb die Versprechen des Energiekonzerns: Mit Inbetriebnahme der neuen Anlage werde man ein altes Heizkraftwerk im nahen Wedel abschalten. Auf der Vattenfall-Homepage heißt es dazu, die Errichtung der neuen Anlage in Moorburg

Ausriss: soll bis zum Jahr 2012 abgeschlossen werden. Sie wird das dann 50 Jahre alte Kraftwerk in Wedel ersetzen.

Außerdem versprach Vattenfall, das neue Kraftwerk baldmöglichst mit einer Anlage zur Abscheidung von Kohlendioxid nachzurüsten.

Nun sind die Genehmigungen für Moorburg erteilt. Die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren. Der rechte Zeitpunkt also, alte Versprecher, äh, Versprechen abzuräumen. Das Hamburger Abendblatt meldete am Wochenende, Vattenfall habe „mit Verweis auf die unsichere Situation in der Energiepolitik“ mittlerweile seine Pläne geändert: Wedel soll nun doch nicht mit Inbetriebnahme von Moorburg stillgelegt werden. Dabei hatte es in den öffentlichen Diskussionen immer geheißen, die neue Anlage sei doch ganz toll fürs Klima, weil dann das alte Kraftwerk abgeschaltet werde. Bild brachte dieses (schon immer falsche) Argumente mit einer Schlagzeile auf den Punkt: „Sind die Grünen Umweltsünder?“, fragte sie angesichts des Widerstands der GAL gegen die Vattenfall-Pläne. Dass die alte Anlage siebenmal kleiner ist als der neue Kraftwerksriese und deshalb der Kohlendioxid-Ausstoß in Moorburg ein Vielfaches von dem in Wedel betragen wird, war dem Boulevardblatt wohl schon zu komplex.

Bei Regierung, Opposition und Umweltverbänden ist nun jedenfalls die Empörung groß. Von „Wortbruch“ und „gezielter Täuschung“ ist die Rede. Das Abendblatt zitiert eine Vattenfall-Sprecherin mit der kühlen Bemerkung, „die Versorgungssicherheit der Fernwärmekunden“ habe nun mal „Priorität“, deshalb brauche man für eine Übergangszeit beide Anlagen. Von zwei Jahren Aufschub für die Stilllegung von Wedel ist nun die Rede. Mal sehen, wie es weitergeht. Und wann der Konzern den Ausstieg aus dem zweiten, lauen Versprechen einleitet: dem Bau der CCS-Anlage in Moorburg.