Archiv des Schlagwortes ‘GVSt’

dpa: Ein „Industrie-Experte“ wird geboren

Montag, den 20. Juni 2016

Zugegeben, es war nicht die Spitzenmeldung des Wochenendes. Doch reihenweise tauchte am Samstagmorgen diese Schlagzeile auf Nachrichten-Seiten auf, etwa bei Zeit Online

dpa_wodopia_zeitonline

… bei der Frankfurter Rundschau

dpa_wodopia_fr1

… der FAZ

dpa_wodopia_faz

…, und sogar in Österreich bei der Tiroler Tageszeitung war die Meldung zu lesen:

dpa_wodopia_tt

Oha! „Noch lange“ müssen laut eines „Industrie-Experten“ hierzulande dreckige Kohlekraftwerke laufen, müssen Jahr für Jahr Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid ausgestoßen werden, außerdem gesundheitsschädliche Stoffe wie Quecksilber, Feinstaub und so weiter. Aber na ja, wenn das ein „Industrie-Experte“ sagt!? Ein Großteil der Web-Nutzer wird vermutlich nicht mehr als diese Überschrift gelesen haben.

Wir lesen natürlich weiter. Dies war der erste Absatz der Nachricht:

dpa_wodopia_1absatz

Franz-Josef Wodopia lautet demnach der Name des „Industrie-Experten“. Er meint also, „wir“ bräuchten noch „mindestens bis 2050″ Kohlekraftwerke. Und zwar „trotz Klimabedenken“.

Ein bemerkenswerter Absatz …

Als „Bedenken“ wird hier bezeichnet, was eine dringende Notwendigkeit ist, jedenfalls wenn man den Klimawandel noch bremsen möchte: Nämlich schnell den Kohlendioxid-Ausstoß herunterzufahren. Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, dass sich auf dem Pariser Klimagipfel auch Deutschland ausdrücklich dazu verpflichtet hat, die Netto-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf Null zu senken. Mit Kohlekraftwerken ist das nicht zu machen. Aber das scheint den „Industrie-Experten“ Wodopia irgendwie nicht zu stören.

Moment. Wodopia, Wodopia – irgendwoher kennen wir diesen Namen doch! So jemanden gibts doch bei der Kohlelobby!? Und in der Tat steht dann im zweiten Absatz, wer Herr Wodopia ist:

dpa_wodopia_2absatz

Donnerwetter!

Der Herr hat außerdem jahrelang Erfahrung als Geschäftsführer des Gesamtverbandes Steinkohle, der uns schon öfter beschäftigt hat. Wodopia ist also tatsächlich ein echter Experte – allerdings eher auf dem Gebiet des Lobbyismus für die fossilen Energien als für die gesamte deutsche Industrie und ihre Stromversorgung. Noch weiter unten in der Meldung wird dies zwar tatsächlich noch mitgeteilt – aber wie viele Leserinnen und Lesern halten bis zum drittletzten Absatz durch?

Im Verlaufe der Meldung behauptet Herr Wodopia auch noch, dass „schnelle Ausstiegsszenarien“ aus der Kohle „aus technischen Gründen“ kaum umsetzbar seien, dass sie zudem teuer seien und womöglich dem Klima gar nichts brächten. All das darf Franz-Josef Wodopia natürlich gern sagen – aber warum drucken so viele Nachrichtenseiten diese Lobbyisten-Prosa?

Nun, die gesamte Meldung stammt von der Nachrichtenagentur dpa. Viele Verlage lassen deren Tickerdienst automatisch auf ihre Internet-Seiten laufen, um billig aktuelle Inhalte präsentieren zu können. Und am Wochenende füllt die Deutsche Presse-Agentur (wie auch andere Agenturen) ihr Angebot halt gern mit Meldungen auf, die – nunja – zu anderen Zeiten wegen zweifelhaften Nachrichtenwerts eher in den Papierkorb wandern würden.

So weit, so normal im Mediengeschäft. Aber einen der obersten Kohle-Lobbyisten in der Überschrift als „Industrie-Experten“ anzukündigen, das ist schlicht schlechtes Handwerk. Da hatte der samstägliche Frühdienst in der dpa-Zentrale offenbar einen Aussetzer. Genauso gut könnte die Agentur demnächst titeln:

Gesundheits-Experte: Hohe Stickoxid-Werte kein Problem
(über einer Nachricht, in der sich ein VW-Vertreter über die Abgasreinigung bei Dieselmotoren äußert)

oder

Politik-Experte: Brauchen 2017 Gabriel als Kanzler
(über einer Meldung, in der SPD-Vize Stegner zitiert wird)

Wir sind gespannt, wann wir so was zu lesen bekommen.


Steinkohleverband: Tricksen ist nachhaltig

Dienstag, den 9. Juni 2009

Mit diesen Worten hat der Gesamtverband Steinkohle (GVSt) die neueste Ausgabe seiner Info-, äh, Faltblatt-Reihe „Fakten – Analysen – Argumente“ überschrieben:

Donnerwetter!! Das ist ja ’ne dolle Nachricht!

So werden die Kohlelobbyisten auch gedacht haben, weshalb sie den gesamten Text gleich noch als bezahlte PR-Meldung von der Nachrichtenagentur dpa verschicken ließen. Kohlestrom, stand da weiter, habe „nachhaltig und langfristig geringere soziale Kosten“ als „viele erneuerbare Energien“. Zu diesem Ergebnis sei ein breites, EU-gefördertes und von 66 Universitäten, Instituten und Organisationen getragenes Forschungsprojekt namens NEEDS gekommen.

Das hat uns natürlich neugierig gemacht. Also suchten wir auf der Internetseite des Forschungsverbundes nach den Details zur Meldung. Details fanden wir tatsächlich zuhauf – NEEDS scheint ein wahres Mammutprojekt gewesen zu sein, mehr als vier Jahre wurde geforscht, mehr als zwei Dutzend, oft Hunderte Seiten dicke Berichte gibt es auf der Website – aber keine einzige Studie, die die spektakuläre Aussage der Kohlelobby unterfüttert.

Also, Anruf beim Verband in Essen. Der Sprecher bestätigt denn auch gleich: „Nein, Sie haben nichts übersehen.“ Es gebe keine Studie, die der Meldung zugrunde liegt. Man habe die Ergebnisse selbst „ausgewertet“, die auf dem Schlussworkshop von NEEDS in Brüssel vorgestellt wurden, vor allem einen Vortrag von Professors Rainer Friedrich von der Universität Stuttgart.

Ein weiterer Anruf, diesmal in Stuttgart, lässt dann die Propagandablase des GVSt platzen. Ja, ja, heißt es beim dortigen Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, es hätten schon einige verwunderte Journalisten nachgefragt. Aber dass Kohle „nachhaltig“ sei, das „hat nie jemand gesagt“.

In der Tat handelte der Vortrag, den Professor Friedrich in Brüssel hielt, von den Kosten verschiedener Energieträger, da wurden Investitions- und Betriebs- und andere Ausgaben für Wind-, Atom-, Solar-, Kohle- und anderen Kraftwerken verglichen, und es wurden auch die sogenannten externen Kosten betrachtet – also Umwelt- oder andere Schäden, die bei der Stromerzeugung angerichtet werden, für die aber außer der Natur bisher niemand zahlt. Mit nebenstehenden Worten fasst der Steinkohleverband den ganzen Vortrag zusammen.

Und diese Formulierung deutet dann schon auf den wesentlichen Haken an der ganzen Sache: Die Kohlekraftwerke, die angeblich so supergut abschneiden, die gibt’s noch gar nicht – denn die Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid (CCS) ist noch längst nicht einsatzreif. Alle heutigen Kohlekraftwerke (und auch die gegenwärtig neu in Bau befindlichen) gehen bekanntlich ohne CCS ans Netz. Deshalb schneiden real existierende Kohlekraftwerke alles andere als „überdurchschnittlich gut“ ab.

Aus dem zwanzigminütigen Vortrag von Professor Friedrich hat sich der Steinkohleverband eine Grafik herausgepickt und auf seinem Faltblatt nachgedruckt (links). Beim Blick in das Originalmanuskript aber wird schnell klar, dass es das (für die Kohle) vorteilhafteste Häppchen aus der gesamten Arbeit ist. In einer anderen Grafik über externe Kosten beispielsweise schneidet die Kohle von allen Energieträgern am schlechtesten ab:

Und blickt man nicht auf das Jahr 2025, sondern auf 2050, dann sieht die Kohle miserabel aus. Selbst mit der hochgepriesenen CCS-Technologie liegt Kohlestrom auf dieser Grafik nur noch im Mittelfeld – und Braun- bzw. Steinkohlekraftwerke ohne CO2-Abscheidung landen ganz am linken Rand, also an vorletzter und letzter Stelle:

„Die Umweltschäden bei Kohlekraftwerken sind hoch“, sagte uns Professor Friedrich noch, und zwar „höher als bei allen anderen untersuchten Energieträgern.“ Außerdem werden Kohlekraftwerke selbst mit CCS noch größere Mengen an gesundheitsschädlichen Stoffen wie Feinstaub ausstoßen.

Aber wieso schneiden sie dann bei den „sozialen Kosten“, wie der Kohleverband schreibt, „überdurchschnittlich“ ab? Weil unter diesen wissenschaftlichen Begriff auch Betriebs- und Investitionskosten fallen – und da sind Kohlekraftwerke nunmal erheblich billiger als beispielsweise Solarzellen. Wenn die Kohlelobby das nachhaltig nennt, so Rainer Friedrich, dann „ist das natürlich problematisch“. Tatsächlich findet sich nirgends in Friedrichs Vortrag und auch nicht (wie der Gesamtverband Steinkohle in seiner Mitteilung suggeriert) im Namen des NEEDS-Projekts das Wort „nachhaltig“ (englisch: sustainable) – der Lobbyverband hat sich also offenbar einfach einen eigenen Nachhaltigkeitsbegriff kreiert. Das sollen dann wohl die Anführungszeichen in der Überschrift bedeuten – und nicht, wie man denken soll, äh, könnte, ein Zitat aus dem Forschungsprojekt kennzeichnen.

Letzter Anruf beim Gesamtverband Steinkohle: Ist denn der verbreitete Text oder die Überschrift mit Herrn Friedrich abgesprochen? Der Sprecher schweigt, atmet tief, sagt dann „Nein“. Aber für den Nachdruck von Friedrichs Grafik, betont er, dafür habe man selbstverständlich die Genehmigung eingeholt.

Danke an Hanjörg P. aus Leipzig für den Hinweis


Steinkohleverband: Manipulative Energie

Donnerstag, den 18. Dezember 2008

Der Gesamtverband Steinkohle (GVSt), in dem die deutschen Grubenunternehmen zusammengeschlossen sind, gibt jedes Jahr eine dicke Hochglanzbroschüre heraus. „Kompetenz in Sachen Kohle“ steht in großen Lettern auf dem Titelblatt des Jahresberichtes 2008. Ein paar Zeilen des 88-seitigen Papiers widmen sich der Klimawissenschaft, und hier zeigt der GVSt vor allem Kompetenz im Tricksen.

Schon der erste Satz, dass „wieder Ruhe eingekehrt“ sei „in der klimawissenschaftlichen Diskussion“, ist eine schräge Behauptung – nach wie vor werden in Nature, Science und anderen Fachzeitschriften praktisch ununterbrochen neue Forschungsergebnisse präsentiert und diskutiert. Erst vor ein paar Tagen veröffentlichten Wissenschaftler wieder neue, alarmierende Befunde über den Rückgang des Eises in der Arktis. Von Beruhigung kann da keine Rede sein. Die globale Mitteltemperatur von „Mitte 2008″ habe sich gegenüber „Anfang 2007 … sogar um 0,5 Grad abgekühlt“, schreibt der GVSt – und suggeriert, das sei etwas Ungewöhnliches. Doch aus solchen Schwankungen „zeichnet sich“ überhaupt nichts „ab“, schon gar nicht „immer deutlicher“. In Wahrheit ist der langfristige Erwärmungstrend ungebrochen.

Im folgenden Satz kommt es dann ganz dicke. Die Behauptung, dass „treibhausbedingte Klimaänderungen … eher am unteren Ende“ der vom Weltklimarat IPCC genannten Prognosen „stattgefunden“ hätten „bzw. stattfinden werden“, versucht die Steinkohlelobby mit einer Tabelle zu belegen.

Damit alles überzeugender wirkt, gibt es auch noch eine Grafik dazu.

Was denn davon zu halten sei, haben wir Stefan Rahmstorf gefragt, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einer der deutschen IPCC-Mitautoren. Die Szenarien der Wissenschaftler, sagt Rahmstorf, seien von der Kohlelobby „völlig falsch dargestellt“ worden, außerdem vergleiche man „Äpfel mit Birnen“. In der Tat: Ein Vergleich zurückliegender Messdaten mit Prognosen, die für die Zukunft abgegeben wurden, sagt herzlich wenig aus. Denn die IPCC-Prognosen beziehen sich ja gerade auf künftige Jahrzehnte, die anders sein werden als die zurückliegenden. In denen nämlich der erwartete (bzw. befürchtete) steigende Konzentration von Treibhausgasen zu einem weiteren Ansteigen der Temperaturen führen wird. Dass in der Vergangenheit (bei logischerweise weniger Treibhausgasen in der Atmosphäre) auch der Temperaturanstieg so niedrig war, dass er sich eher am unteren Ende der künftigen Prognosen bewegt, das ist so banal, dass wir uns schon fragen, wie die Steinkohlefritzenexperten überhaupt glauben konnten, daraus einen überzeugenden Beweis für die falsche Arbeit von Klimaforschern stricken zu können.

Stefan Rahmstorf weist auf seinem eigenen Klimablog noch auf weitere Fehler hin: Die Vorhersage aus dem 2001er IPCC-Bericht habe der GVSt schlicht falsch widergegeben (0,58 Grad pro Dekade statt der korrekten 0,53) – die Differenz klingt klein, macht aber über die Jahrzehnte das gelbe Feld in der Grafik deutlich größer. Zudem seien bei den Messwerten für die Vergangenheit Daten aus der Troposphäre gezeigt worden, die aber lägen stets niedriger als an der Erdoberfläche – durch diesen Trick liegen die blaue und die rote Linie besonders weit unten. „Der Steinkohleverband hatte zwei Möglichkeiten“ für seine Tricksereien, resümiert Rahmstorf, „die IPCC-Szenarien nach oben ‚pushen‘ oder die Messdaten nach unten. Beide hat er genutzt.“

Danke an Gerd R. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Wenn wir aus den vergangenen zwölf Monaten und den fast hundert bisher beleuchteten Fällen einen auswählen müssten als „Klima-Lügner 2008″ – dieser wäre unter den Favoriten. Denn die Grafik des Steinkohleverbandes ist keine der üblichen, der kleinen oder großen Politiker-, Lobbyisten- oder Werbe-Flunkereien. Für die oben beschriebene Grafik muss man sich nicht nur intensiv mit Klimatologie beschäftigen bzw. selbst Wissenschaftler sein, sondern auch eine ganze Menge manipulativen Ehrgeiz aufbringen.


Steinkohleverband: Etwas vergesslich?

Dienstag, den 19. Februar 2008

Wenn jemand am Boden liegt, sollte man nicht noch nach ihm treten. Deshalb wollen wir uns gar nicht im Detail mit der Pressemitteilung auseinandersetzen, die der Gesamtverband Steinkohle (GVSt) aus Essen gestern verbreitete. Bund und Länder haben sich ja im vergangenen Jahr geeinigt, die mit vielen, vielen Milliarden subventionierte Steinkohleförderung in Deutschland zum Jahresende 2018 auslaufen zu lassen. Stellungnahmen des GVSt klingen deshalb fast immer nostalgisch.

Fast eine Woche lang brauchte nun der Verband, um auf eine Pressekonferenz der Deutschen Umwelthilfe vom vergangenen Dienstag zu reagieren, bei der ein gesetzliches Verbot von Kohlekraftwerken (wegen ihres konkurrenzlos hohen Ausstoßes an Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde Strom) gefordert worden war. Die Steinkohlelobby versucht in ihrer Replik, alle möglichen Argumente für Kohlekraftwerke in Stellung zu bringen: Arbeitsplätze, die drohende Stromlücke, Schutz vor Enteignung, die Exportförderung. Und so weiter. Und so fort.

Ein Punkt der Stellungnahme aber erregt fast schon Mitleid: Würden Kohlekraftwerke künftig verboten, schreibt der GVSt da, werde „die Energieträgerbasis der Stromerzeugung in Deutschland … langfristig … auf (importiertes) Erdgas … verengt“. Mit einer drohenden Importabhängigkeit versuchen Energiekonzerne und konservative Politiker immer wieder gern, bei der Öffentlichkeit Angst vor der Energiewende zu schüren. Doch gerade beim Steinkohleverband in Essen sollte man wirklich wissen, dass schon heute etwa zwei Drittel der hierzulande verfeuerten Steinkohle importiert wird – und es ab dem Jahr 2018 sicherlich hundert Prozent sein werden.