Archiv des Schlagwortes ‘Stefan Rahmstorf’

Weißes Haus: Beim Klimawandel „no results“

Samstag, den 21. Januar 2017

Tata!

Kaum im Amt, kann der neue US-Präsident Donald Trump schon den ersten Erfolg verbuchen. Ab sofort nämlich gibt es den Klimawandel nicht mehr!

Wer sich noch am Donnerstag auf den Seiten des Weißen Hauses über das Problem der Erderwärmung kundig machen wollte, den erschlug das Material förmlich, das die Obama-Administration zum Thema bereithielt.

Hier ein Auszug:

Wer 24 Stunden nach der Amtseinführung Trumps auf den Seiten des Weißen Hauses ins Suchfeld „climate change“ eingibt, der erhält folgende Auswahl:

Ist das nicht phantastisch? Noch keine 24 Stunden im Amt und schon existiert das Problem nicht mehr?

Mr. Trump, du Teufelskerl!

PS: Es gibt natürlich immer noch ein paar Störenfriede, wie den Potsdamer Professor Stefan Rahmstorf, der es wagt, sich über den neuen US-Präsidenten zu stellen – mit Fakten, Daten, Kurven, ja sogar mit Wissenschaft!!!

 


Focus: Fakten, Fakten, Fakten??

Freitag, den 15. Januar 2010

Die Erderwärmung hat für Journalisten einen großen Nachteil: Während Themen wie Arbeitslosigkeit oder politische Stimmung durch ihr Auf und Ab laufend Nachrichtenstoff liefern, geht es beim Klima im Großen und Ganzen in die gleiche Richtung, seit der Mensch seine Finger im Spiel hat. Schlagzeilen und Auflage aber macht man bekanntlich eher mit Neuigkeiten.

Und so hat der Focus (Werbeslogan: „Fakten, Fakten, Fakten“) diese Woche – passenderweise ist das Wetter grad ziemlich kalt – eine drohende „Kalt-Zeit“ auf den Titel gehievt. In waschechtem Klimaskeptiker-Jargon steht da:

Das macht neugierig und reizt vermutlich wirklich viele Kunden zum Kauf. Aber das Fragezeichen am Ende der knalligen Schlagzeile sollte einen schon stutzig machen.

Über mehrere Seiten breitet das Münchner Nachrichtenmagazin aus, dass es in den vergangenen Monaten eine ungewöhnlich lange Phase ohne Sonnenflecken gab und angeblich einen Stillstand bei der Erderwärmung. Da werden Experten  zitiert, die schon immer der Ansicht waren, die Sonne und nicht der Mensch sei der bestimmende Faktor für das Erdklima: Horst Malberg etwa, Ex-Direktor des Instituts für Meteorologie der FU Berlin, der inzwischen nicht mehr unter deren Namen publizieren darf, Horst-Joachim Lüdecke vom klimaleugnerischen  Europäischen Institut für Klima und Energie e.V. – EIKE (offizielles Motto: „Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit!“) oder Khabibullo Abdusamatow, Astronom am Observatorium von St. Petersburg.

Doch der gesamte Text wirkt, als glaube Focus-Autor Michael Odenwald den drei Experten selbst nicht. Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss auf den derzeitigen Klimawandel deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen. Der Focus lässt dann auch mehrere Experten zu Wort kommen, die diese von der großen Mehrheit der Sonnen- und Klimaforscher geteilte Sicht erklären: „Die fleckenlosen Perioden sind zu kurz, um signifikant auf das Erdklima zu wirken“, sagt etwa Wolfgang Schmidt vom Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik in Freiburg. „Die Strahlungswirkung der Treibhausgase ist inzwischen um ein Mehrfaches stärker“, resümiert Manfred Schüssler vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau. Eine Grafik am Rande des Artikels zeigt denn auch, wie in den letzten Jahrzehnten die Erdtemperatur kräftig steigt – bei gleichzeitig sinkender Sonnenhelligkeit.

Kurz gesagt: Die Sache mit der Sonne ist eigentlich ein alter Hut, und das weiß auch der Focus-Autor. Doch in der Top Ten der beliebtesten Klimaskeptiker-Argumente der BBC rangiert diese „Theorie“ auf Rang 6.

Und auch die Behauptung, der Klimawandel stagniere, entkräftet der Focus schließlich selbst. Zwar fragt die Redaktion im Inhaltsverzeichnis noch: „Legt die Erderwärmung nur eine Pause ein, oder droht gar eine globale Abkühlung?“ Im Artikel aber wird dann mit Stefan Rahmstorf ein Klimaforscher zitiert, der eine dritte – und wahrscheinlich zutreffende – These vertritt: Dass nämlich von einer Pause keine Rede sein kann, weil der geringere Temperaturanstieg der letzten paar Jahre im Bereich natürlicher Schwankungen liege. 2009 war nach den vorläufigen Daten das fünftwärmste Jahr seit Beginn der Messungen, 2010 könnte nach einer Prognose des britischen Hadley Centers sogar noch heißer werden als das bisherige Rekordjahr 1998.

Ganz am Ende des Artikels – aber eben erst dort – kommt dann der endgültige  Storykiller: Die Sonne habe sich kurz vor Weihnachten (also Wochen vor Redaktionsschluss des Heftes) „eindrucksvoll“ zurückgemeldet, es kam zu einer „mächtigen Eruption“. Zum Jahresende tauchten dann auch wieder Sonnenflecken auf – die inzwischen kräftig gewachsen sind. Auf dem Cover steht trotzdem noch etwas von „fehlender Sonnenaktivität“.

Die sensationsheischende Frage des „Nachrichtenmagazins“, ob die Klimakatastrophe ausfalle, lässt sich also kurz und bündig beantworten: Leider nein!

P.S.: Die NASA hat gerade die Temperaturdaten für 2009 analysiert – es war das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, auf der Südhalbkugel gar das wärmste überhaupt.


Steinkohleverband: Manipulative Energie

Donnerstag, den 18. Dezember 2008

Der Gesamtverband Steinkohle (GVSt), in dem die deutschen Grubenunternehmen zusammengeschlossen sind, gibt jedes Jahr eine dicke Hochglanzbroschüre heraus. „Kompetenz in Sachen Kohle“ steht in großen Lettern auf dem Titelblatt des Jahresberichtes 2008. Ein paar Zeilen des 88-seitigen Papiers widmen sich der Klimawissenschaft, und hier zeigt der GVSt vor allem Kompetenz im Tricksen.

Schon der erste Satz, dass „wieder Ruhe eingekehrt“ sei „in der klimawissenschaftlichen Diskussion“, ist eine schräge Behauptung – nach wie vor werden in Nature, Science und anderen Fachzeitschriften praktisch ununterbrochen neue Forschungsergebnisse präsentiert und diskutiert. Erst vor ein paar Tagen veröffentlichten Wissenschaftler wieder neue, alarmierende Befunde über den Rückgang des Eises in der Arktis. Von Beruhigung kann da keine Rede sein. Die globale Mitteltemperatur von „Mitte 2008″ habe sich gegenüber „Anfang 2007 … sogar um 0,5 Grad abgekühlt“, schreibt der GVSt – und suggeriert, das sei etwas Ungewöhnliches. Doch aus solchen Schwankungen „zeichnet sich“ überhaupt nichts „ab“, schon gar nicht „immer deutlicher“. In Wahrheit ist der langfristige Erwärmungstrend ungebrochen.

Im folgenden Satz kommt es dann ganz dicke. Die Behauptung, dass „treibhausbedingte Klimaänderungen … eher am unteren Ende“ der vom Weltklimarat IPCC genannten Prognosen „stattgefunden“ hätten „bzw. stattfinden werden“, versucht die Steinkohlelobby mit einer Tabelle zu belegen.

Damit alles überzeugender wirkt, gibt es auch noch eine Grafik dazu.

Was denn davon zu halten sei, haben wir Stefan Rahmstorf gefragt, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einer der deutschen IPCC-Mitautoren. Die Szenarien der Wissenschaftler, sagt Rahmstorf, seien von der Kohlelobby „völlig falsch dargestellt“ worden, außerdem vergleiche man „Äpfel mit Birnen“. In der Tat: Ein Vergleich zurückliegender Messdaten mit Prognosen, die für die Zukunft abgegeben wurden, sagt herzlich wenig aus. Denn die IPCC-Prognosen beziehen sich ja gerade auf künftige Jahrzehnte, die anders sein werden als die zurückliegenden. In denen nämlich der erwartete (bzw. befürchtete) steigende Konzentration von Treibhausgasen zu einem weiteren Ansteigen der Temperaturen führen wird. Dass in der Vergangenheit (bei logischerweise weniger Treibhausgasen in der Atmosphäre) auch der Temperaturanstieg so niedrig war, dass er sich eher am unteren Ende der künftigen Prognosen bewegt, das ist so banal, dass wir uns schon fragen, wie die Steinkohlefritzenexperten überhaupt glauben konnten, daraus einen überzeugenden Beweis für die falsche Arbeit von Klimaforschern stricken zu können.

Stefan Rahmstorf weist auf seinem eigenen Klimablog noch auf weitere Fehler hin: Die Vorhersage aus dem 2001er IPCC-Bericht habe der GVSt schlicht falsch widergegeben (0,58 Grad pro Dekade statt der korrekten 0,53) – die Differenz klingt klein, macht aber über die Jahrzehnte das gelbe Feld in der Grafik deutlich größer. Zudem seien bei den Messwerten für die Vergangenheit Daten aus der Troposphäre gezeigt worden, die aber lägen stets niedriger als an der Erdoberfläche – durch diesen Trick liegen die blaue und die rote Linie besonders weit unten. „Der Steinkohleverband hatte zwei Möglichkeiten“ für seine Tricksereien, resümiert Rahmstorf, „die IPCC-Szenarien nach oben ‚pushen‘ oder die Messdaten nach unten. Beide hat er genutzt.“

Danke an Gerd R. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Wenn wir aus den vergangenen zwölf Monaten und den fast hundert bisher beleuchteten Fällen einen auswählen müssten als „Klima-Lügner 2008″ – dieser wäre unter den Favoriten. Denn die Grafik des Steinkohleverbandes ist keine der üblichen, der kleinen oder großen Politiker-, Lobbyisten- oder Werbe-Flunkereien. Für die oben beschriebene Grafik muss man sich nicht nur intensiv mit Klimatologie beschäftigen bzw. selbst Wissenschaftler sein, sondern auch eine ganze Menge manipulativen Ehrgeiz aufbringen.


Berliner Morgenpost & Die Welt: Hurrikan „Ulli“ wieder aufgetaucht

Dienstag, den 9. September 2008

Die Devise ist so alt wie der Journalismus: Wenn Du Aufsehen erregen willst, dann vertritt eine schräge These! Schreib das Gegenteil vom Konsens! Leg Dir das Image eines Querdenkers zu!

Wenn also alle Welt nach New Orleans schaut und auf den heranziehenden Hurrikan „Gustav“, dann macht sich nichts besser als ein Text mit der Überschrift „Die Mär von immer mehr Hurrikans“. Ulli Kulke, Wissenschaftsredakteur beim Axel-Springer-Verlag, hat einen solchen vergangene Woche in der Welt veröffentlicht, leicht abgewandelt („Gibt es wirklich mehr Stürme?“) vor ein paar Tagen auch in der Berliner Morgenpost. Die zweifellos spannende Frage wird darin mit Verweis auf trübe Quellen und wenig aussagekräftige Statistiken in gewünscht aufsehenerregender Weise beantwortet. Ähnliches war uns übrigens schon bei einem anderen Text des Kollegen aufgefallen.

Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat auf seinem Blog den neuen Text von Ulli Kulke en detail auseinandergenommen. Besser könnten wir es auch nicht, weshalb wir einfach Rahmstorfs Beitrag zur Lektüre empfehlen. Sein Fazit: „Bei einem derartigen Artikel hat der normale Zeitungsleser praktisch keine Chance, sich eine fundierte eigene Meinung zu bilden.“