Archiv des Schlagwortes ‘Windkraft’

Die Zeit: Nicht ganz grün

Mittwoch, den 22. September 2021

Jetzt also soll es endlich Lösungen geben! Und zwar in der Wochenzeitung Die Zeit:

„Für Menschen, die nach Lösungen suchen“ – unter diesem Slogan bietet die größte Wochenzeitung Deutschlands ein neues Ressort an: „Green“. Monatlich soll „ein eigenes Buch mit mindestens vier Seiten“ erscheinen, was komisch klingt, aber in der Zeitungssprache bedeutet, dass die „greenen“ Seiten nicht etwa den Wirtschaftsseiten oder dem Politikteil beigelegt werden, sondern eigenständig sind und damit gleichwertig wie das „Kulturbuch“ der Zeit oder die Wissenschaftsberichterstattung.

„Für Menschen, die nach Lösungen suchen“ – endlich besetzt also auch Die Zeit das Thema Nachhaltigkeit. Und wie sieht nun so eine Lösung aus, nach der die Menschen suchen?

So:

Aber das ist doch Markus Söder! Der Populist aus Bayern. Der dort Umweltminister war, heute Ministerpräsident ist und CSU-Chef. Jener Markus Söder, der um ein Haar Kanzlerkandidat der Union geworden wäre!!

Und dieser Söder darf nun mitten im Bundestagswahlkampf auf den „greenen“ Seiten der Zeit sagen:

Die Kollegen vom Ressort „Green“ wissen vermutlich, dass bereits der Erste Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC im Jahr 1990 ein dramatisches Bild von der Erderwärmung zeichnete und dass ihm in den 1990er und 2000er Jahren vier weitere IPCC-Berichte folgten, die das dramatische Bild immer genauer werden ließen. Die Kollegen fragen auch nach, weisen Söder darauf hin, dass Wörter wie „wir müssen“ eigentlich verboten sind an dieser Stelle, wo „Green“ Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen will. Aber Markus Söder antwortet:

Man könnte das jetzt als typischen Söder ablegen, Populist eben! Man könnte sich auf die anderen Seiten des neuen „Green“ in der Zeit konzentrieren. (Es geht beispielsweise um CCS, Fleisch, Altkleider oder Mülltrennung in Korea.) Allerdings sagt Markus Söder in dem Interview:

Das ist eine glatte Lüge, die nicht unwidersprochen bleiben darf.

Hier die Fakten: Anhand des Indikators „Energiepolitische Programmatik“ bewerten Wissenschaftler die Energie- und Klimaschutzkonzepte der Bundesländer – Bayern kommt hier auf Platz sieben (hinter Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Berlin, Brandenburg und Hessen). Bei den Ausbauzielen für erneuerbare Energien liegt Bayern nur auf dem fünften Platz (hinter BaWü, Schleswig-Holstein, Berlin und Thüringen). Erfolgreiche Programme zur Förderung erneuerbarer Energien gibt es in Bayern wesentlich seltener als in anderen Bundesländern, hier kommt der Freistaat nur auf Platz 11. Bei der Bruttostromerzeugung aus Erneuerbaren liegt Bayern nur auf einem Mittelrang, Platz sieben. (Die Erhebung stammt aus dem Jahr 2019, neue Daten gibt es noch nicht.)

Sicherlich: Es gibt auch Spitzenpositionen für die Bayern. Anders als Markus Söder aber der Öffentlichkeit weismachen will, stockt der Erneuerbaren-Ausbau. Im Jahr 2020 wurden in Bayern beispielsweise ganze acht neue Windräder mit einer Leistung von 32 Megawatt errichtet. Obwohl der Freistaat mit Abstand die größte Fläche aller Bundesländer hat, drehen sich hier nur 1.172 Windräder. Im kleinen Schleswig-Holstein sind es dagegen mehr als doppelt so viele: 3.673 Stück. Der bündnisgrüne Landtagsabgeordnete und Energieexperte Martin Stümpfig urteilt: „Die Klimapolitik der Söder-Regierung ist auf einem absoluten Tiefstand angekommen“.

Leider erfahren wir das alles nicht auf den Seiten „für Menschen, die nach Lösungen suchen“. Dort bleibt mitten im Wahlkampf der Eindruck zurück, Bayern sei spitze. Und das ist alles andere als „green“!

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2021 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


CDU: Jobs vernichten

Dienstag, den 7. September 2021

Vor Monatsfrist hatten wir die SPD mit ihren Wahlkampf-Lügen auf dem Klima-Lügendetektor. Das hier aber schlägt dem Fass den Boden aus:

Da steht auf einem Wahlplakat der CDU doch tatsächlich:

Klima schützen.
Jobs schaffen.

Aber liebe CDU, ihr seid doch die Partei, die gerade die ganzen Jobs in der Solarwirtschaft abgeschafft hat! Es war euer Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), der 2012 den solaren Ausbau deckelte und die EEG-Umlage so stark zusammenstreichen half, dass die deutsche Solarwirtschaft nahezu komplett in die Pleite getrieben wurde. Von den einst 150.000 Arbeitsplätzen der Branche sind noch 50.000 übrig, wie die Internationale Organisation für erneuerbare Energien (IRENA) ermittelte (Seite 10).

Und ihr seid als CDU doch die Partei, die dann auch Hand an die Windkraftwirtschaft angelegt hat! Es war 2013 euer Koalitionsbeschluss mit der FDP, jetzt auch noch die Windkraft zu deckeln, also den Ausbau zu begrenzen! Mit durchschlagendem Erfolg: 2019 wurden in Deutschland lediglich 325 neue Windräder ans Netz geschaltet, so wenige pro Jahr wie in den letzten 20 Jahren nicht mehr.

Jobs schaffen?
Klima schützen?

Ist es nicht der CDU-Spitzenkandidat, der als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen den Bau von Windrädern massiv einschränkt? Armin Laschets Baugesetz erlaubt Gemeinden in NRW, einen Mindestabstand von 1.000 Metern von Windrädern zu Wohnsiedlungen einzufordern – wobei drei Häuser bereits als Wohnsiedlung gelten, was neue Windräder im dicht besiedelten Land praktisch unmöglich macht.

Auch im vergangenen Jahr 2020 stockte der Windkraftausbau massiv. Und das wird so weitergehen: Die Zahl der neu genehmigten Windräder ging etwa im Saarland, in Bayern, Hessen, Sachsen und Baden-Württemberg seit 2015 um 75 bis 100 Prozent zurück – alles unionsgeführte Länder, sieht man einmal von BaWü ab, wo die CDU als Juniorpartner der Bündnisgrünen das zuständige Wirtschaftsministerium leitet.

Auf den Wahlkampf-Seiten der CDU heißt es:

Oder noch anders zusammengefasst: Durch eure Weigerung, die Energiewende voranzubringen, vernichtet ihr von der CDU Jobs und würgt den Klimaschutz ab.

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FDP: Einfach nicht durchdacht

Mittwoch, den 24. März 2021

Vielleicht muss man die FDP nach ihrem Wahlerfolg in Baden-Württemberg ja doch ernst nehmen? Mit Blick auf die Liberalen sagte SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz nach der Wahl: „Es sind Regierungsbildungen ohne die CDU/CSU in Deutschland möglich.“

Ob das eine Drohung war? Befassen wir uns also mit der FDP. Und hier aktuell mit Michael Theurer:

Theurer ist seit 2017 Mitglied im Deutschen Bundestag und stellvertretender FDP-Fraktionsvorsitzender. Im Autoländle Baden-Württemberg ist er seit acht Jahren Vorsitzender der FDP. Auf Facebook erklärt der Beisitzer des Präsidiums der FDP-Bundespartei zum aktuellen Autogipfel:

„Mit synthetischen Kraftstoffen ließen sich die eine Milliarde im Einsatz befindlichen Verbrenner klimaneutral machen“?

👍

???

Aber Herr Theurer, doch nur, wenn die „synthetischen Kraftstoffe“ – es geht um die Wasserstofftechnologie – zu 100 Prozent aus erneuerbarem Strom gewonnen werden! Notwendig ist sogenannter „Grüner Wasserstoff“, denn zur Wasserstoff-Herstellung ist viel Energie notwendig – und die ist nur klimaneutral, wenn sie via Wind, Sonne oder Wasserkraft CO2-frei hergestellt wird.

Analog zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl in den 1950ern eine Europäische Wasserstoffunion gründen, fordern Sie? 

Ähhh, stopp! Zuerst einmal bräuchten wir genügend Wind- und Sonnenstrom! 2020 kamen erst 47 Prozent der in Deutschland verbrauchten Elektrizität aus erneuerbaren Quellen, bisher ist schlicht kein erneuerbarer Strom übrig, um daraus Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen klimaneutral zu machen. Wir bräuchten dafür einen radikalen Ausbau von Windkraft, Photovoltaik und Co.

Wofür die FDP plädiert? Eine Auswahl von vier Minuten Recherche im Netz:

Arnsberg liegt in Nordrhein-Westfalen.

Der Zeitungsausschnitt stammt aus dem Jahr 2017.

Das ist aktuelle Beschlusslage der FDP in Theurers BaWü-Fraktion.

So argumentiert die FDP in Hessen.

Das ist die Forderung der Bundespartei. (Abstandsregeln haben den Ausbau der Windkraft zuletzt nahezu unmöglich gemacht. Zudem sind sie strittig, weil die Abstände stellenweise größer sind als zu Atomkraftwerken.)

fordert der forstpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Und hier noch die Entwicklung in NRW, wo die FDP mit der CDU regiert:

Mit synthetischen Kraftstoffen eine Milliarde Verbrenner klimaneutral machen? Michael Theurer argumentiert, den „Grünen Wasserstoff“ könne man ja aus Portugal, Nordafrika, Südamerika oder dem arabischen Raum importieren, wo er mittels Photovoltaik hergestellt werden kann. Dumm nur, dass in diesen Ländern nicht annähernd so viel Grünstrom im Netz ist wie in Deutschland. Dem Klimaschutz wäre mit solch einer Importinitiative deshalb in keinster Weise geholfen, die FDP-Idee ist einfach nicht durchdacht.

👎

!!!

Vielen Dank an Andreas W. aus Berlin für seinen Hinweis via Facebook.


CSU: Das Klima zum Schutzgut machen

Donnerstag, den 21. Februar 2019

Sakrament!

Schon wieder ein Volksbegehren in Bayern, das erfolgreich ist: „Klimaschutz in die Verfassung“ hatte vergangenes Jahr im September damit begonnen, die ersten Unterschriften zu sammeln, und schwups macht Markus Söders CSU mit ihren Freien Wählern Ernst!

Klimaschutz wird in Bayern Staatsziel und soll in der Verfassung festgeschrieben werden:

„Von jeher gehören sowohl die Bewahrung des Wohlstands als auch die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen für heutige und kommende Generationen neben dem Schutz der Bevölkerung vor äußeren Gefahren zu den wesentlichen Aufgaben des Staates“, heißt es im Gesetzesantrag. „Der Klimaschutz stellt eine der größten Herausforderungen zur Erfüllung dieser Schutzaufgaben dar.“

Deshalb folgt unter B) die Lösung:

Die Bayern bestimmen Klimaschutz zum Staatsziel, wie vorbildlich ist das denn?!

„Das Ausmaß der Herausforderung, vor der wir stehen, macht es erforderlich, die Bedeutung des Klimaschutzes bei … Abwägungsentscheidungen klar zu benennen und weiter zu stärken“, steht geschrieben. Wie das „Stärken“ genau funktioniert, lesen Sie hier:

Um Himmels willen: Alles, bloß das nicht!

In Bayern wird das „Schutzgut Boden“ seit Jahren geschändet, täglich verschwinden in Bayern mehr als zehn Hektar Freifläche unter Gewerbegebieten, Siedlungen und Straßen. Kein anderes Bundesland malträtiert sein verfassungsmäßiges Schutzgut Boden so wie Bayern.

Beim „Schutzgut Wasser“ ist das genauso: Niemand verdreckt das Grundwasser südlich des Mittellandkanals so rigoros mit Gülle wie die Bayern. Und statt etwas für das „Schutzgut Luft“ zu tun, unternimmt Söders Regierung alles, um Menschen weiterhin durch Feinstaub und Stickoxide unter die Erde zu bringen. Sogar das höchste bayerische Verwaltungsgericht hat deshalb geprüft, ob Bayerns Ministerpräsident dafür in den Knast gesperrt werden muss.

Beim „Schutzgut Klima“ ist es in Bayern bereits heute – ohne Schutzrang in der Verfassung – so, dass Windkraft praktisch verboten ist. Bayern sorgte dafür, dass die für den Klimaschutz dringend notwendige energetische Gebäudesanierung nicht in Gang kommen kann. Und als Umweltministerin Svenja Schulze von der SPD ihren Plan vorstellte, Kohlendioxid einen Preis geben zu wollen, erklärte Bayerns CSU: „Das ist mit uns nicht zu machen.“

Klimaschutz in der bayerischen Verfassung? Legt man die Realitäten bei den Schutzgütern Boden, Wasser und Luft zugrunde, wird es für den Klimaschutz danach noch schwerer.

Vielen Dank für Marco E. aus München für den Hinweis!

Nachtrag: Der Antrag von CSU und Freien Wählern wurde überraschend abgelehnt. SPD und Bündnisgrüne (die das Volksbegehren „Klimaschutz in die Verfassung“ einst mit angeschoben haben) enthielten sich im Landtag, weshalb die für eine Verfassungsänderung notwendige  Zweidrittelmehrheit nicht zustande kam.


Spiegel TV: Viel Lärm um Nichtlärm

Montag, den 15. Juni 2015

Die Spiegel-Verlagsgruppe setzt ihren „War on Windkraft“ fort: „Krank durch Infraschall. Der stumme Lärm der Windräder“ heißt ein Bericht von Spiegel TV, der sich mit niederfrequenten Geräuschen beschäftigt, die von Windkraftanlagen erzeugt werden und die Menschen krankmachen sollen. Und das, obwohl Infraschall per Definition unter der menschlichen Wahrnehmungsschwelle liegt. Die Töne sind so tief, dass wir sie nicht hören können.

Statt auf den üblichen mehr oder minder feinsinnigen Sarkasmus setzt das TV-Team des „Nachrichtenmagazins“ diesmal auf platte Schwarz-Weiß-Betroffenheitslyrik ohne Endreim. Da sind einerseits die bösen Landwirte, die – stets allein auftretend – rücksichtslos Reibach machen mit ihren Windrädern. Und da sind ihre gepeinigten Nachbarn – ordentliche deutsche Familien mit Vater, Mutter, Kindern – die sich durch die Windräder der Geldgierigen gequält sehen. Sie können nicht schlafen, müssen sich im Keller des Eigenheims verbunkern oder sogar umziehen. Selbst ihre Rindviecher sind betroffen: Sie weigern sich zu kopulieren – weswegen kaum noch süße Kälbchen geboren werden!

Alles nach der „Invasion der Windräder“. Spiegel TV präsentiert uns eine Untersuchung des Umweltbundesamtes zur Wirkungen von Infraschall. Aus dieser, publiziert genau vor einem Jahr, zitiert Spiegel TV:

spiegel-tv-Screenshot

In der Tat, das steht da so: Negative Auswirkungen sind nicht ausgeschlossen. Was die Kollegen von Spiegel TV aber nicht aus der UBA-Studie zitieren, ist folgende Passage:

schall

„Keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse“ – die Forscher des Umweltbundesamts sehen also erheblichen Forschungsbedarf, das ist die Kernbotschaft der 135-seitigen Studie. Denn bisher, auch das haben die Spiegel TV-Macher ihrem Publikum unterschlagen, werden nicht einmal die Beschwerden über vermeintlich durch Infraschall erzeugte Probleme systematisch erfasst. Und auf Seite 93 der Studie heißt es, bei den bekannten Fällen „fehlen objektive Nachweise über die Höhe der Geräuscheinwirkungen häufig vollständig“.

Aber beschweren sich die Beschwerdeführer denn wenigstens im Sinne der Windverächter von Spiegel TV? Nicht ganz. Nur in jedem dreißigsten der dokumentierten Fälle spielt Windkraft als Ursache eine Rolle – glaubt man der Studie des Umweltbundesamts. Selbst Wärmepumpen und Biogasanlagen werden häufiger subjektiv als Infraschall-Problemquelle wahrgenommen.

Zweiter-Ausschnitt-UBA-Studie

Es ist klar, dass die Wissenschaft schnell und seriös die Ängste und Anliegen der Betroffenen klären muss. Interessanterweise steht in der ein Jahr alten UBA-Studie aber auch schon, was Spiegel TV ein Jahr später mit seinem Beitrag machen wird. Auf Seite 20 heißt es: „Interessengruppen“ und Betroffene würden „meist stark verkürzt ihre Vermutungen über die Ursache der Geräuscheinwirkungen äußern“.

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Gabriel: Der falsche Strich

Montag, den 14. Juli 2014

Am Wochenende gab es in großen deutschen Tageszeitungen folgende Anzeige:

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Geschaltet hat diese Werbung das Bundeswirtschaftsministerium, das sich im Kleingedruckten rechts unten lobt: “Wir haben die Weichen dafür gestellt, die Energiewende in Zukunft planbar und bezahlbar zu gestalten. So setzen wir den Ausbau erneuerbarer Energien solide und sicher fort und bremsen den Kostenanstieg.“

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Es geht um das von Minister Gabriel geänderte Erneuerbare-Energien-Gesetz; die Energiewende hat nun also einen Plan. Oder ist es ein Korsett? Nicht nur bei der Sonnenkraft gibt es jetzt einen Deckel, sondern auch bei der Windkraft. Wenn mehr als 2.400 bis 2.600 Megawatt Windkraftleistung pro Jahr neu aufgebaut wird, sinkt die Vergütung für jedes darüber hinaus installierte Kilowatt stark ab – und damit auch der Anreiz für Investoren, neue Anlagen zu bauen.

Wie das wirkt, kann man derzeit gut bei der Solarkraft studieren. Die Investoren sind derart verunsichert, dass in diesem Jahr insgesamt so viele neue Solarkraftwerke ans Netz gingen wie durchschnittlich in sechs Wochen des Jahres 2012. Die Regierung war mit ihrem „atmenden Deckel“ davon ausgegangen, dass dank ihrer Politik jährlich zwischen 2.500 und 3.000 Megawatt Sonnenkraft neu ans Netz gehen. Der Bundesverband Solarwirtschaft hat errechnet, dass dies 2014 nicht mehr zu schaffen ist. Wird das der Windkraftbranche, die wesentlich längere Planungs- und Aufbauzeiten in Kauf nehmen muss, nun genauso gehen?

„Den Ausbau erneuerbarer Energien solide und sicher fortzusetzen“ – wie es in der Anzeige heißt – bedeutet einen Zusammenbruch für die Biogas-Branche. Für sie hat das Bundeswirtschaftsministerium einen Deckel von gerade einmal 100 Megawatt Zubau pro Jahr vorgesehen. Die Branche selbst hatte das Dreifache gefordert. Um der „Vermaisung“ der Landschaft entgegenzuwirken, werden ab sofort neue Biogasanlagen auch nur gefördert, wenn sie vorwiegend mit Abfall- und Reststoffen gefüttert werden. Das zu planen (und mit anderen Investoren abzustimmen) dürfte ziemlich schwierig werden.

Die Anzeige behauptet, durch das neue EEG werde die Energiewende

ee1Ins Gesetz geschrieben hatte das Wirtschaftsministerium eine Belastung für Eigenstromnutzer. Wer beispielsweise den Strom aus einer Solaranlage vom Dach selbst zum Kochen oder Waschen nutzen will, muss künftig 30 Prozent der EEG-Umlage zahlen, bis 2017 steigt der Anteil auf 40 Prozent. Ausgenommen sind nur Anlagen bis zehn Kilowatt Nennleistung, also die typischen Solaranlagen auf Eigenheimen. Für alle anderen – Supermärkte beispielsweise oder kleine Firmen, die sich eine Anlage zur Selbstnutzung aufs Dach setzen wollten – wird die Eigenstromnutzung wirtschaftlich nicht mehr attraktiv. Man könnte auch sagen: Unbezahlbar.

Zudem ist das neue Gesetz ein wahres Bürokratiemonster. Denn künftig will die Bundesregierung die Höhe der Vergütung über Ausschreibungen ermitteln. Im kommenden Jahr will sie hierfür eine Pilot-Ausschreibung für Freiflächen-Solaranlagen durchführen. Die soll die Erfahrungsgrundlage für die Ausschreibungen ab 2017 liefern, an der sich alle großen Anlagen beteiligen müssen. Für Investoren bedeutet das: der Planungsaufwand steigt. Das ist ineffizient.

Genau heute, einen Tag nach der Anzeige, veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium eine Studie zum Erfolg der Energiewende in Deutschland. Untersucht wurde, was bei der Energiewende mit den derzeitigen Instrumenten der Politik erreichbar ist. Wörtlich heißt es: „Gegenüber dem Kyoto-Basisjahr [1990] liegen die Emissionen 2020 um 36 Prozent und 2050 um gut 65 Prozent niedriger. Damit werden die im Energiekonzept der Bundesregierung formulierten Ziele (Absenkung bis 2020 um 40 Prozent, bis 2050 um mindestens 80 Prozent) nicht erreicht.“

Richtig wäre die Anzeige aus dem Hause Gabriel also so:

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RWE: Im Winde gedreht

Donnerstag, den 9. Januar 2014

Auf der Firmenhomepage des Energiekonzerns RWE ist gerade folgendes zu finden:

rweEs geht um eine Dokumentation über die Offshore-Windkraft. „RWE baut einen Windpark mit 48 Windrädern“, sagt eine Knabenstimme, die jetzt zur Betonung anhebt, „in die Nordsee“. Das erste Teil vom Windrad, das ins Wasser kommt, ist das Fundament, erklären Kinder, die in Warnwesten stecken. Untermalt werden ihre Ausführungen von der Musik eines Glockenspiels, was Märchenatmosphäre schafft: Wird das wohl am Ende gut ausgehen?

Es geht um den Offshore-Windpark Nordsee Ost, den RWE rund 35 Kilometer nördlich der Insel Helgoland baut. In Wassertiefen von bis zu 25 Metern sollen insgesamt 48 Windturbinen der Multimegawattklasse errichtet werden. Noch im Jahr 2014 soll das Kraftwerk auf dem Meer mit einer Gesamtleistung von 295 Megawatt ans Netz gehen.

Nach den Kindererzählungen dokumentiert der Film, wie die Fundamente – in diesem Fall sogenannte Jackets – aufgebaut werden. Eine wirklich knifflige Sache, bei der es auf extreme Präzision ankommt. Aber, erklärt Bauleiter Roman Kohler, mittlerweile seien 38 der 48 Fundamente gesetzt, „jetzt hat sich das Team eingespielt.“ Der Film zeigt gigantische Maschinen, konflikterprobte Experten und natürlich den Firmenslogan: „voRWEg gehen“.

rwe2Dumm nur, dass RWE beim Windpark Nordsee Ost enorm hinterherhinkt: Es hat Probleme mit Weltkriegsmunition, der Logistik und dem Netzanschluss gegeben. Die Bauverzögerung zum ursprünglichen Plan beträgt derzeit zwei Jahre. Dumm auch, dass RWE in dieser Woche seine Offshore-Pläne vor der britischen Küste zusammengestrichen hat: Statt 1.200 Megawatt soll der Offshore-Windpark Triton Knoll nur noch eine Leistung von 600 bis 900 Megawatt aufweisen, teilte RWE mit.

Im vergangenen November hatte RWE den Bau des Offshore-Windparks Atlantic Array circa 18 Kilometer vor der Küste von Südwales komplett gestoppt. Baubeginn sollte 2013 sein, mit bis zu 250 Turbinen auf einer Fläche von rund 500 Quadratkilometern sollte der weltgrößte Windpark entstehen, aber dann erwies sich der Baugrund als „zu schwierig“. Und trotz üppiger finanzieller Zuwendungen durch die Politik hatte RWE-Chef Peter Terium im Februar sogar generelle Zweifel am Ausbau der Offshore-Windkraft in Deutschland vorgetragen.

Nicht dass uns die Damen und Herren bei RWE falsch verstehen: Der Klima-Lügendetektor begrüßt ausdrücklich, dass Europas zweitgrößter Stromkonzern auch mal versucht, mit anderen Technologien als dem Verbrennen von Braunkohle Strom zu erzeugen. Wir wollten hier nur dokumentieren: RWE kann schnell seine Offshore-Meinung ändern, wenn sich der Wind mal dreht.

Danke an Lars T. aus Bochum für den Hinweis


Oskar Lafontaine (Die Linke): Brutaler Unverstand

Donnerstag, den 12. Dezember 2013

Karl Marx definierte den Begriff der „Klasse“ über das Eigentum an Produktionsmitteln. Die einen, die Kapitalisten, haben Produktionsmittel, die anderen, die Proletarier, haben keine. Das führt laut Marx zu einem „Klassengegensatz“. Produktionsmittel sind beispielsweise Boden, Rohstoffe, Kapital oder Maschinen, zum Beispiel Kraftwerke. Jene, die nicht über Kapital, Rohstoffe oder Kraftwerke verfügen, müssen ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten verkaufen – die dann über Einsatz und Entlohnung der Proletarier bestimmen. Marx empfiehlt deshalb die Revolution, die Umverteilung von Produktionsmitteln von oben nach unten.

Oskar Lafontaine, der – nunja, man muss es so hart sagen – ehemalige Vordenker der Linken, hat immer gern die Klassiker zitiert. Doch in seinem Gastbeitrag im heutigen FAZ-Feuilletonlavon zitiert er weder Liebknecht noch Luxemburg, weder Marx noch Engels. Sondern den Schriftsteller Botho Strauß: „Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht.“

Keine Ahnung, ob Botho Strauß Oskar Lafontaine bei seinen zahlreichen DDR-Reisen niemals das Chemiedreieck Halle–Leipzig–Bitterfeld besucht hat. Ob er Mitte der 1980er Jahre nicht doch mal durch den Schwarzwald gewandert ist. Oder irgendwann den 85 Quadratkilometer großen Braunkohle-Tagebau Hambach bei Köln gesehen hat. Wer je an solchen Orten war, der weiß, was eine wirklich brutale Zerstörung der Landschaft ist. Der weiß, dass Windräder zumindest das kleinere Übel sind. (Wobei natürlich zugestanden werden muss, dass es Windräder gibt, die übel aufgestellt wurden.)

Hier könnte dieser Text eigentlich schon enden. Aber weil Oskar Lafontaine schon immer ein begnadeter Demagoge war, wollen wir uns noch ein paar weitere Textstellen anschauen. Beispielsweise schrieb Lafontaine in der FAZ:

Öko ist nicht zwangsläufig gut für die Umwelt – Der Anteil der Stromerzeugung aus Windenergie am primären Energieverbrauch in Deutschland wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie mit 1,3 Prozent für das Jahr 2012 angegeben. Und dafür sollen wir unsere Kulturlandschaft zerstören? Selbst wenn es gelänge, diesen Anteil auf 2,6 Prozent zu verdoppeln, wäre das noch immer nicht gerechtfertigt.

Bingo, ja, genau so macht es jemand, der irreführen will, ohne zu lügen: Er konstruiert eine Zahl, in diesem Falle eine möglichst kleine. Lafontaine hätte sagen können, Windräder stünden für rund 40 Prozent der deutschen Ökostrom-Produktion. Er hätte auch sagen können, sie lieferten gut neun Prozent der gesamten deutschen Stromproduktion. Aber nein, er bemisst die Leistung der Windräder als Anteil am „primären Energieverbrauch in Deutschland“: In diesen aber sind auch der Benzinverbrauch, das warme Badewasser, sämtliche Heizenergie, das Flugzeugkerosin etc. pp. eingerechnet. So gedreht wirkt die Windkraft besonders klein. Aber: Gelogen ist Lafontaines Zahl natürlich nicht.

Weiter geht es bei Lafontaine wieder mit einem typischen, praktisch unwiderlegbaren Demagogensatz, der mit den Worten beginnt: „Es mehren sich Stimmen …“ Mehr Wischiwaschi geht kaum.

Es folgt die Aussage: „Das Fördersystem für erneuerbare Energien sorgt so dafür, dass mit jedem neuen Windrad mehr Kohle verfeuert und daher zusätzliches Kohlendioxid ausgestoßen wird.“ Das aber ist nun wirklich falsch! Das Fördersystem für erneuerbare Energien hat dafür gesorgt, dass die Börsenstrompreise radikal in den Keller gegangen sind. Weil aber der EU-Zertifikatehandel derzeit nicht funktioniert, werden klimafreundlichere Gaskraftwerke abgeschaltet – statt der klimaschädlichen Kohlekraftwerke. Es wird zusätzliches Kohlendioxid ausgestoßen – nicht wegen der emissionsfreien Windräder, sondern wegen des kaputten EU-Emissionshandels.

Zurück zu Marx. Fast 90 Prozent aller Windräder sind praktische Umverteilung der Produktionsmittel von oben nach unten. Weil nämlich die vier großen Stromkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW kaum in diese Zukunftstechnologie investiert haben, gehören heute knapp 30.000 Megawatt Windkraft-Kapazität den Bürgern – über Genossenschaften, Anteile oder Stadtwerke. Tatsächlich ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eines der marxistischsten Gesetze, das die Bundesrepublik je kannte: Es enteignet die aktieninhabenden Kapitalisten der vier Großkonzerne und schichtet die Produktionsmittel in die Hände des Volkes um. Es schafft Arbeitsplätze in Zukunftstechnologien und gesellschaftlichen Reichtum. Es demokratisiert die Gesellschaft – denn wer eine Solaranlage auf dem Dach oder einen Windradanteil im Depot hat, der interessiert sich für die Energieversorgung und will mitreden.

Oskar Lafontaine, im Abendrot seiner Karriere stehend, versteht das offenbar nicht mehr. Stattdessen plappert er die Propaganda konservativer Wirtschaftskreise und Think-Tanks nach und hetzt gegen die Umverteilung. Ein Jammer.

 Danke an Andreas L., Tabea B. und Stefan G. für ihre Hinweise


Bild: Die Energiewende hassen

Samstag, den 10. August 2013

Diffamieren, verleumden, ‚fertigmachen‘: Die Kollegen der Bild haben am Freitag wieder einmal meisterlich gezeigt, wie und mit welchem Handwerkszeug sie arbeiten.

Schlagzeile:

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In den Umfragen sagen die Deutschen immer wieder, dass sie Ökostrom gut finden. Dass die Energiewende richtig ist. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens über den Ausstieg aus der Atomenergie, und wegen der Erderwärmung kann es mit der Kohleverstromung einfach nicht so weitergehen.

Aber ist das nicht ein Irrsinn mit diesem ganzen Öko-Quatsch? Völlig gaga?

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Es geht um den Windpark Riffgat, der heute vom niedersächsischen Mininsterpräsidenten Stephan Weil (SPD) eröffnet wird: Weil auf dem Meeresgrund jede Menge Weltkriegsmunition liegt, schaffte es Netzbetreiber Tennet nicht rechtzeitig, ein Kabel zu dem 15 Kilometer vor der Nordseeinsel Borkum befindlichen Windpark zu legen. Die fertigen 30 Windkraftwerke können also keinen Strom abtransportieren und stehen folglich still. Damit die Lager und Getriebe im rauen Seeklima aber keinen Schaden nehmen, müssen sie bewegt werden – mit Strom, der von einem Dieselgenerator erzeugt wird.

Das ist natürlich ärgerlich für den Investor EWE, aber vernünftig für die Anlagen, die im kommenden Februar dann schadensfrei in Betrieb gehen sollen. Jedenfalls ist das alles andere als „Wahnsinn“: Ein spezieller Problemfall, den die Offshore-Windtechnologie mit sich bringt und der auch bei anderen Windparks – etwa im RWE-Projekt Nordsee Ost – oder während der Bauphase auftritt.

Ein spezieller Problemfall? Nicht für die Bild:

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Der Energie-“Versorger“ Vattenfall wird zitiert, der droht, seine Pumpspeicherkraftwerke abzuschalten. Grund: Auch diese Anlagen müssen … die Ökostrom-Umlage (5,3 Cent) zahlen“, so die Bild. Ein hundert Meter hoher Betonmast für ein Windrad bei Castrop-Rauxel wird genannt, der vor Jahren wieder gesprengt werden musste, weil er zu nahe an einem Haus gebaut worden war. Und das Gaskraftwerk in Hürth südlich von Köln wird aufgeführt, das der norwegische Konzern Statkraft für 350 Millionen Euro gebaut, aber nicht ans Netz genommen hatte.

Irre Fälle also, und spätestens bei der Ökostrom-Vorfahrt gegen das „topmoderne Gaskraftwerk“ wird klar, wohin der Hase läuft: Die Bild-Macher hassen Ökostrom, die Energiewende und den Klimaschutz. Weshalb sie auch regelmäßig Gegenstand unseres Lügendetektors sind: Von den 46 Einträgen der Kategorie Medien befassen sich zehn gezwungenermaßen mit der Bild.

Statkraft selbst hatte zur Eröffnung erklärt, das Gaskraftwerk stehe ab sofort bereit, „die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien mit klimafreundlicher Gaskraft zu ergänzen“. Wegen der derzeitigen Preissituation an den Strombörsen könne die Anlage derzeit aber nicht wirtschaftlich betrieben werden, hieß es: Während Gas zuletzt teurer wurde, sank der Preis für die produzierte Kilowattstunde Elektrizität. Tatsächlich ist Strom derzeit so billig wie nie.

Was einerseits an den Erneuerbaren liegt: Mittags ist der Stromverbrauch in Deutschland am größten, also genau dann, wenn die Solaranlagen am meisten liefern. Früher konnte Vattenfall seinen billigen Atomstrom in der Nacht dazu nutzen, Wasser auf den Berg zu pumpen – um es in den Mittagsstunden wieder zu (dann teuer verkaufbarem) Strom zu machen. Aber heute ist dank Sonnenkraft der Strom dann nicht mehr so teuer – es lohnt sich für Vattenfall nicht mehr. Andererseits liegt der günstige Strompreis aber an der Kohlekraft und am Emissionshandel: Nie gingen so viele neue Kraftwerke ans Netz wie in diesem Jahr. Und nie waren die Emissionszertifikate – auch weil FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler bisher jede Reform blockiert – so billig wie heute. Der Zusammenhang ist einfach, aber vielleicht doch zu schwierig für Bild: Viele Emissionszertifikate auf dem Markt = niedriger Preis = niedrige Zusatzkosten für Kohlekraftwerke = hohe Konkurrenzfähigkeit von Kohlestrom, der dadurch Gaskraftwerke noch weiter aus dem Markt drängen kann.

Man kann den Bild-Kollegen nicht vorwerfen, sie hätten irgendeinen Einzelfakt falsch berichtet – dadurch wird ihre Darstellung aber noch lange nicht richtig: Das Verschweigen von Details, das Nicht-Herstellen von Zusammenhängen, das Kreieren eines Skandal-Potenzials gewürzt mit einigen deftigen Kraftausdrücken – und schon ist sie angerichtet, die „Energiewende bizarr“:

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Eon: Die Windkraft-Hochstapler (Teil 2)

Freitag, den 19. April 2013

Wir hatten ja schon ein bisschen Mitleid mit Eon, weil der Konzern anscheinend niemanden mehr fand, der für ihn Werbung machen wollte. Jedenfalls waren die Protagonisten der aktuellen Imagekampagne – Frau Kuhn, Frau Weiß und Herr Wagner – offenbar allesamt Phantasiefiguren. Nun aber gibt es immerhin eine ehemalige Spitzensportlerin, die dem Atom- und Kohleriesen ihr Gesicht verkauft: die frühere Biathletin Magdalena Neuner.

Nachdem der Ex-Biathlon-Star bereits für die Telefonfirma Telegate posierte und sich für den Unterwäschehersteller Mey auszog, sorgt sich Neuner nun also um unser aller Stromkosten. „Wenn Strom immer grüner wird“, lassen die Eon-Werber sie fragen, „kann sich das dann noch jeder leisten?“ Die Antwort des Unternehmens lautet:

Hallo Frau Neuner, wir arbeiten daran, dass Erneuerbare Energie bezahlbar bleibt. Unsere Energie soll sauberer und immer besser werden. Ein Beispiel: Bereits seit 2001 bauen wir Hochsee-Windparks. Durch unsere Erfahrung können wir Prozesse und Verfahren beim Bau und Betrieb immer weiter verbessern. Damit senken wir die Kosten schon jetzt nachhaltig. Unser Ziel: die Baukosten halbieren.

Hm, wir haben uns ein bisschen darüber gewundert. Denn zu Jahresbeginn hatte Eon-Chef Johannes Teyssen – unter anderem in der Rheinischen Post – noch darüber geklagt, dass Ökostrom viel zu billig und viel zu viel sei und den Markt für Eons fossile Kraftwerke kaputtmache. Aber vielleicht haben wir ihn da auch missverstanden…

Wir wollen mal der Werbung glauben. Die präsentiert uns Eon als verantwortungsvolles Unternehmen, das sich um die Strompreise hier in Deutschland echt ganz doll kümmert. Womit wird diese Aussage belegt? Damit, dass Eon „bereits seit 2001 … Hochsee-Windparks“ baue, was zu einem reichen Erfahrungsschatz und damit zu Kostensenkungen führe. Okay, klingt nicht übel. Aber machen wir mal einen schnellen Realitätscheck.

Auf seiner Website bezeichnet sich das Unternehmen als „weltweit drittgrößten Offshore-Windkraftbetreiber“. So weit, so gut. Was da nicht steht: Die Onshore-Windkraft, also Windräder an Land, die derzeit in Deutschland den Löwenanteil der erneuerbaren Energien in Netz bringen, hat Eon komplett verschlafen (und, wie manche sagen würden, lange Zeit bis aufs Messer bekämpft).

Egal, bleiben wir bei den „Hochsee-Windparks“. Scrollt man ein bisschen auf der Eon-Website herunter oder blättert durch das 66-seitige Offshore-Wind-Factbook, dann wird schnell klar, dass bisher kaum eine der duften Offshore-Windanlagen von Eon in deutschen Gewässern steht. Rödsand II ist ein dänischer Windpark, Robin Rigg und Scroby Sands britische. Das einzige deutsche und bereits realisierte Projekt heißt Alpha Ventus – aber das ist ein kleines Pilotvorhaben mit gerade zwölf Windrädern, an dem Eon einen Anteil von lediglich 26 Prozent hält. Für die deutsche Stromversorgung ist also Eon-Windkraft bislang praktisch bedeutungslos. (Klar, daneben treibt der Konzern größere Offshore-Projekte wie Amrumbank West voran – aber nachdem man im Kampf gegen die Energiewende gescheitert ist, bleibt Eon auch kaum etwas anderes übrig.)

Aber zurück zum Kernargument der Annonce, dem „Hochsee-Windpark“ von 2001. Damit kann Eon nur das britische Projekt Blyth meinen. Ohne die Bedeutung des damaligen Forschungsprojekts kleinzureden, wollen wir ein paar Sachen anmerken: Unter „Hoher See“ versteht man eigentlich Gewässer, die mehr als 200 Seemeilen oder 370 Kilometer von der Küste entfernt sind – der „Windpark“ Blyth aber steht lediglich einen Kilometer vor der nordenglischen Küste (Wikipedia spricht sogar nur von 800 Metern). Und was heißt überhaupt „Windpark“? Bei Blyth handelt es sich um ganze zwei (!) Windräder. Übrigens waren an dem Projekt damals neben Eon noch Shell und zwei andere Firmen beteiligt. Und 2001 war für ein Offshore-Pilotprojekt wirklich nicht besonders früh. Der erste Meeres-Windpark der Welt, Vindeby in Dänemark, war bereits zehn Jahre zuvor fertig.

Sorry, Eon. Sorry, Frau Neuner: Für unsere Nase riecht die Annonce doch arg nach Hochstapelei.