Archiv des Schlagwortes ‘Windkraft’

Spiegel TV: Viel Lärm um Nichtlärm

Montag, den 15. Juni 2015

Die Spiegel-Verlagsgruppe setzt ihren „War on Windkraft“ fort: „Krank durch Infraschall. Der stumme Lärm der Windräder“ heißt ein Bericht von Spiegel TV, der sich mit niederfrequenten Geräuschen beschäftigt, die von Windkraftanlagen erzeugt werden und die Menschen krankmachen sollen. Und das, obwohl Infraschall per Definition unter der menschlichen Wahrnehmungsschwelle liegt. Die Töne sind so tief, dass wir sie nicht hören können.

Statt auf den üblichen mehr oder minder feinsinnigen Sarkasmus setzt das TV-Team des „Nachrichtenmagazins“ diesmal auf platte Schwarz-Weiß-Betroffenheitslyrik ohne Endreim. Da sind einerseits die bösen Landwirte, die – stets allein auftretend – rücksichtslos Reibach machen mit ihren Windrädern. Und da sind ihre gepeinigten Nachbarn – ordentliche deutsche Familien mit Vater, Mutter, Kindern – die sich durch die Windräder der Geldgierigen gequält sehen. Sie können nicht schlafen, müssen sich im Keller des Eigenheims verbunkern oder sogar umziehen. Selbst ihre Rindviecher sind betroffen: Sie weigern sich zu kopulieren – weswegen kaum noch süße Kälbchen geboren werden!

Alles nach der „Invasion der Windräder“. Spiegel TV präsentiert uns eine Untersuchung des Umweltbundesamtes zur Wirkungen von Infraschall. Aus dieser, publiziert genau vor einem Jahr, zitiert Spiegel TV:

spiegel-tv-Screenshot

In der Tat, das steht da so: Negative Auswirkungen sind nicht ausgeschlossen. Was die Kollegen von Spiegel TV aber nicht aus der UBA-Studie zitieren, ist folgende Passage:

schall

„Keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse“ – die Forscher des Umweltbundesamts sehen also erheblichen Forschungsbedarf, das ist die Kernbotschaft der 135-seitigen Studie. Denn bisher, auch das haben die Spiegel TV-Macher ihrem Publikum unterschlagen, werden nicht einmal die Beschwerden über vermeintlich durch Infraschall erzeugte Probleme systematisch erfasst. Und auf Seite 93 der Studie heißt es, bei den bekannten Fällen „fehlen objektive Nachweise über die Höhe der Geräuscheinwirkungen häufig vollständig“.

Aber beschweren sich die Beschwerdeführer denn wenigstens im Sinne der Windverächter von Spiegel TV? Nicht ganz. Nur in jedem dreißigsten der dokumentierten Fälle spielt Windkraft als Ursache eine Rolle – glaubt man der Studie des Umweltbundesamts. Selbst Wärmepumpen und Biogasanlagen werden häufiger subjektiv als Infraschall-Problemquelle wahrgenommen.

Zweiter-Ausschnitt-UBA-Studie

Es ist klar, dass die Wissenschaft schnell und seriös die Ängste und Anliegen der Betroffenen klären muss. Interessanterweise steht in der ein Jahr alten UBA-Studie aber auch schon, was Spiegel TV ein Jahr später mit seinem Beitrag machen wird. Auf Seite 20 heißt es: „Interessengruppen“ und Betroffene würden „meist stark verkürzt ihre Vermutungen über die Ursache der Geräuscheinwirkungen äußern“.

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Gabriel: Der falsche Strich

Montag, den 14. Juli 2014

Am Wochenende gab es in großen deutschen Tageszeitungen folgende Anzeige:

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Geschaltet hat diese Werbung das Bundeswirtschaftsministerium, das sich im Kleingedruckten rechts unten lobt: “Wir haben die Weichen dafür gestellt, die Energiewende in Zukunft planbar und bezahlbar zu gestalten. So setzen wir den Ausbau erneuerbarer Energien solide und sicher fort und bremsen den Kostenanstieg.“

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Es geht um das von Minister Gabriel geänderte Erneuerbare-Energien-Gesetz; die Energiewende hat nun also einen Plan. Oder ist es ein Korsett? Nicht nur bei der Sonnenkraft gibt es jetzt einen Deckel, sondern auch bei der Windkraft. Wenn mehr als 2.400 bis 2.600 Megawatt Windkraftleistung pro Jahr neu aufgebaut wird, sinkt die Vergütung für jedes darüber hinaus installierte Kilowatt stark ab – und damit auch der Anreiz für Investoren, neue Anlagen zu bauen.

Wie das wirkt, kann man derzeit gut bei der Solarkraft studieren. Die Investoren sind derart verunsichert, dass in diesem Jahr insgesamt so viele neue Solarkraftwerke ans Netz gingen wie durchschnittlich in sechs Wochen des Jahres 2012. Die Regierung war mit ihrem „atmenden Deckel“ davon ausgegangen, dass dank ihrer Politik jährlich zwischen 2.500 und 3.000 Megawatt Sonnenkraft neu ans Netz gehen. Der Bundesverband Solarwirtschaft hat errechnet, dass dies 2014 nicht mehr zu schaffen ist. Wird das der Windkraftbranche, die wesentlich längere Planungs- und Aufbauzeiten in Kauf nehmen muss, nun genauso gehen?

„Den Ausbau erneuerbarer Energien solide und sicher fortzusetzen“ – wie es in der Anzeige heißt – bedeutet einen Zusammenbruch für die Biogas-Branche. Für sie hat das Bundeswirtschaftsministerium einen Deckel von gerade einmal 100 Megawatt Zubau pro Jahr vorgesehen. Die Branche selbst hatte das Dreifache gefordert. Um der „Vermaisung“ der Landschaft entgegenzuwirken, werden ab sofort neue Biogasanlagen auch nur gefördert, wenn sie vorwiegend mit Abfall- und Reststoffen gefüttert werden. Das zu planen (und mit anderen Investoren abzustimmen) dürfte ziemlich schwierig werden.

Die Anzeige behauptet, durch das neue EEG werde die Energiewende

ee1Ins Gesetz geschrieben hatte das Wirtschaftsministerium eine Belastung für Eigenstromnutzer. Wer beispielsweise den Strom aus einer Solaranlage vom Dach selbst zum Kochen oder Waschen nutzen will, muss künftig 30 Prozent der EEG-Umlage zahlen, bis 2017 steigt der Anteil auf 40 Prozent. Ausgenommen sind nur Anlagen bis zehn Kilowatt Nennleistung, also die typischen Solaranlagen auf Eigenheimen. Für alle anderen – Supermärkte beispielsweise oder kleine Firmen, die sich eine Anlage zur Selbstnutzung aufs Dach setzen wollten – wird die Eigenstromnutzung wirtschaftlich nicht mehr attraktiv. Man könnte auch sagen: Unbezahlbar.

Zudem ist das neue Gesetz ein wahres Bürokratiemonster. Denn künftig will die Bundesregierung die Höhe der Vergütung über Ausschreibungen ermitteln. Im kommenden Jahr will sie hierfür eine Pilot-Ausschreibung für Freiflächen-Solaranlagen durchführen. Die soll die Erfahrungsgrundlage für die Ausschreibungen ab 2017 liefern, an der sich alle großen Anlagen beteiligen müssen. Für Investoren bedeutet das: der Planungsaufwand steigt. Das ist ineffizient.

Genau heute, einen Tag nach der Anzeige, veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium eine Studie zum Erfolg der Energiewende in Deutschland. Untersucht wurde, was bei der Energiewende mit den derzeitigen Instrumenten der Politik erreichbar ist. Wörtlich heißt es: „Gegenüber dem Kyoto-Basisjahr [1990] liegen die Emissionen 2020 um 36 Prozent und 2050 um gut 65 Prozent niedriger. Damit werden die im Energiekonzept der Bundesregierung formulierten Ziele (Absenkung bis 2020 um 40 Prozent, bis 2050 um mindestens 80 Prozent) nicht erreicht.“

Richtig wäre die Anzeige aus dem Hause Gabriel also so:

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RWE: Im Winde gedreht

Donnerstag, den 9. Januar 2014

Auf der Firmenhomepage des Energiekonzerns RWE ist gerade folgendes zu finden:

rweEs geht um eine Dokumentation über die Offshore-Windkraft. „RWE baut einen Windpark mit 48 Windrädern“, sagt eine Knabenstimme, die jetzt zur Betonung anhebt, „in die Nordsee“. Das erste Teil vom Windrad, das ins Wasser kommt, ist das Fundament, erklären Kinder, die in Warnwesten stecken. Untermalt werden ihre Ausführungen von der Musik eines Glockenspiels, was Märchenatmosphäre schafft: Wird das wohl am Ende gut ausgehen?

Es geht um den Offshore-Windpark Nordsee Ost, den RWE rund 35 Kilometer nördlich der Insel Helgoland baut. In Wassertiefen von bis zu 25 Metern sollen insgesamt 48 Windturbinen der Multimegawattklasse errichtet werden. Noch im Jahr 2014 soll das Kraftwerk auf dem Meer mit einer Gesamtleistung von 295 Megawatt ans Netz gehen.

Nach den Kindererzählungen dokumentiert der Film, wie die Fundamente – in diesem Fall sogenannte Jackets – aufgebaut werden. Eine wirklich knifflige Sache, bei der es auf extreme Präzision ankommt. Aber, erklärt Bauleiter Roman Kohler, mittlerweile seien 38 der 48 Fundamente gesetzt, „jetzt hat sich das Team eingespielt.“ Der Film zeigt gigantische Maschinen, konflikterprobte Experten und natürlich den Firmenslogan: „voRWEg gehen“.

rwe2Dumm nur, dass RWE beim Windpark Nordsee Ost enorm hinterherhinkt: Es hat Probleme mit Weltkriegsmunition, der Logistik und dem Netzanschluss gegeben. Die Bauverzögerung zum ursprünglichen Plan beträgt derzeit zwei Jahre. Dumm auch, dass RWE in dieser Woche seine Offshore-Pläne vor der britischen Küste zusammengestrichen hat: Statt 1.200 Megawatt soll der Offshore-Windpark Triton Knoll nur noch eine Leistung von 600 bis 900 Megawatt aufweisen, teilte RWE mit.

Im vergangenen November hatte RWE den Bau des Offshore-Windparks Atlantic Array circa 18 Kilometer vor der Küste von Südwales komplett gestoppt. Baubeginn sollte 2013 sein, mit bis zu 250 Turbinen auf einer Fläche von rund 500 Quadratkilometern sollte der weltgrößte Windpark entstehen, aber dann erwies sich der Baugrund als „zu schwierig“. Und trotz üppiger finanzieller Zuwendungen durch die Politik hatte RWE-Chef Peter Terium im Februar sogar generelle Zweifel am Ausbau der Offshore-Windkraft in Deutschland vorgetragen.

Nicht dass uns die Damen und Herren bei RWE falsch verstehen: Der Klima-Lügendetektor begrüßt ausdrücklich, dass Europas zweitgrößter Stromkonzern auch mal versucht, mit anderen Technologien als dem Verbrennen von Braunkohle Strom zu erzeugen. Wir wollten hier nur dokumentieren: RWE kann schnell seine Offshore-Meinung ändern, wenn sich der Wind mal dreht.

Danke an Lars T. aus Bochum für den Hinweis


Oskar Lafontaine (Die Linke): Brutaler Unverstand

Donnerstag, den 12. Dezember 2013

Karl Marx definierte den Begriff der „Klasse“ über das Eigentum an Produktionsmitteln. Die einen, die Kapitalisten, haben Produktionsmittel, die anderen, die Proletarier, haben keine. Das führt laut Marx zu einem „Klassengegensatz“. Produktionsmittel sind beispielsweise Boden, Rohstoffe, Kapital oder Maschinen, zum Beispiel Kraftwerke. Jene, die nicht über Kapital, Rohstoffe oder Kraftwerke verfügen, müssen ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten verkaufen – die dann über Einsatz und Entlohnung der Proletarier bestimmen. Marx empfiehlt deshalb die Revolution, die Umverteilung von Produktionsmitteln von oben nach unten.

Oskar Lafontaine, der – nunja, man muss es so hart sagen – ehemalige Vordenker der Linken, hat immer gern die Klassiker zitiert. Doch in seinem Gastbeitrag im heutigen FAZ-Feuilletonlavon zitiert er weder Liebknecht noch Luxemburg, weder Marx noch Engels. Sondern den Schriftsteller Botho Strauß: „Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht.“

Keine Ahnung, ob Botho Strauß Oskar Lafontaine bei seinen zahlreichen DDR-Reisen niemals das Chemiedreieck Halle–Leipzig–Bitterfeld besucht hat. Ob er Mitte der 1980er Jahre nicht doch mal durch den Schwarzwald gewandert ist. Oder irgendwann den 85 Quadratkilometer großen Braunkohle-Tagebau Hambach bei Köln gesehen hat. Wer je an solchen Orten war, der weiß, was eine wirklich brutale Zerstörung der Landschaft ist. Der weiß, dass Windräder zumindest das kleinere Übel sind. (Wobei natürlich zugestanden werden muss, dass es Windräder gibt, die übel aufgestellt wurden.)

Hier könnte dieser Text eigentlich schon enden. Aber weil Oskar Lafontaine schon immer ein begnadeter Demagoge war, wollen wir uns noch ein paar weitere Textstellen anschauen. Beispielsweise schrieb Lafontaine in der FAZ:

Öko ist nicht zwangsläufig gut für die Umwelt – Der Anteil der Stromerzeugung aus Windenergie am primären Energieverbrauch in Deutschland wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie mit 1,3 Prozent für das Jahr 2012 angegeben. Und dafür sollen wir unsere Kulturlandschaft zerstören? Selbst wenn es gelänge, diesen Anteil auf 2,6 Prozent zu verdoppeln, wäre das noch immer nicht gerechtfertigt.

Bingo, ja, genau so macht es jemand, der irreführen will, ohne zu lügen: Er konstruiert eine Zahl, in diesem Falle eine möglichst kleine. Lafontaine hätte sagen können, Windräder stünden für rund 40 Prozent der deutschen Ökostrom-Produktion. Er hätte auch sagen können, sie lieferten gut neun Prozent der gesamten deutschen Stromproduktion. Aber nein, er bemisst die Leistung der Windräder als Anteil am „primären Energieverbrauch in Deutschland“: In diesen aber sind auch der Benzinverbrauch, das warme Badewasser, sämtliche Heizenergie, das Flugzeugkerosin etc. pp. eingerechnet. So gedreht wirkt die Windkraft besonders klein. Aber: Gelogen ist Lafontaines Zahl natürlich nicht.

Weiter geht es bei Lafontaine wieder mit einem typischen, praktisch unwiderlegbaren Demagogensatz, der mit den Worten beginnt: „Es mehren sich Stimmen …“ Mehr Wischiwaschi geht kaum.

Es folgt die Aussage: „Das Fördersystem für erneuerbare Energien sorgt so dafür, dass mit jedem neuen Windrad mehr Kohle verfeuert und daher zusätzliches Kohlendioxid ausgestoßen wird.“ Das aber ist nun wirklich falsch! Das Fördersystem für erneuerbare Energien hat dafür gesorgt, dass die Börsenstrompreise radikal in den Keller gegangen sind. Weil aber der EU-Zertifikatehandel derzeit nicht funktioniert, werden klimafreundlichere Gaskraftwerke abgeschaltet – statt der klimaschädlichen Kohlekraftwerke. Es wird zusätzliches Kohlendioxid ausgestoßen – nicht wegen der emissionsfreien Windräder, sondern wegen des kaputten EU-Emissionshandels.

Zurück zu Marx. Fast 90 Prozent aller Windräder sind praktische Umverteilung der Produktionsmittel von oben nach unten. Weil nämlich die vier großen Stromkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW kaum in diese Zukunftstechnologie investiert haben, gehören heute knapp 30.000 Megawatt Windkraft-Kapazität den Bürgern – über Genossenschaften, Anteile oder Stadtwerke. Tatsächlich ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eines der marxistischsten Gesetze, das die Bundesrepublik je kannte: Es enteignet die aktieninhabenden Kapitalisten der vier Großkonzerne und schichtet die Produktionsmittel in die Hände des Volkes um. Es schafft Arbeitsplätze in Zukunftstechnologien und gesellschaftlichen Reichtum. Es demokratisiert die Gesellschaft – denn wer eine Solaranlage auf dem Dach oder einen Windradanteil im Depot hat, der interessiert sich für die Energieversorgung und will mitreden.

Oskar Lafontaine, im Abendrot seiner Karriere stehend, versteht das offenbar nicht mehr. Stattdessen plappert er die Propaganda konservativer Wirtschaftskreise und Think-Tanks nach und hetzt gegen die Umverteilung. Ein Jammer.

 Danke an Andreas L., Tabea B. und Stefan G. für ihre Hinweise


Bild: Die Energiewende hassen

Samstag, den 10. August 2013

Diffamieren, verleumden, ‚fertigmachen‘: Die Kollegen der Bild haben am Freitag wieder einmal meisterlich gezeigt, wie und mit welchem Handwerkszeug sie arbeiten.

Schlagzeile:

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In den Umfragen sagen die Deutschen immer wieder, dass sie Ökostrom gut finden. Dass die Energiewende richtig ist. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens über den Ausstieg aus der Atomenergie, und wegen der Erderwärmung kann es mit der Kohleverstromung einfach nicht so weitergehen.

Aber ist das nicht ein Irrsinn mit diesem ganzen Öko-Quatsch? Völlig gaga?

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Es geht um den Windpark Riffgat, der heute vom niedersächsischen Mininsterpräsidenten Stephan Weil (SPD) eröffnet wird: Weil auf dem Meeresgrund jede Menge Weltkriegsmunition liegt, schaffte es Netzbetreiber Tennet nicht rechtzeitig, ein Kabel zu dem 15 Kilometer vor der Nordseeinsel Borkum befindlichen Windpark zu legen. Die fertigen 30 Windkraftwerke können also keinen Strom abtransportieren und stehen folglich still. Damit die Lager und Getriebe im rauen Seeklima aber keinen Schaden nehmen, müssen sie bewegt werden – mit Strom, der von einem Dieselgenerator erzeugt wird.

Das ist natürlich ärgerlich für den Investor EWE, aber vernünftig für die Anlagen, die im kommenden Februar dann schadensfrei in Betrieb gehen sollen. Jedenfalls ist das alles andere als „Wahnsinn“: Ein spezieller Problemfall, den die Offshore-Windtechnologie mit sich bringt und der auch bei anderen Windparks – etwa im RWE-Projekt Nordsee Ost – oder während der Bauphase auftritt.

Ein spezieller Problemfall? Nicht für die Bild:

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Der Energie-“Versorger“ Vattenfall wird zitiert, der droht, seine Pumpspeicherkraftwerke abzuschalten. Grund: Auch diese Anlagen müssen … die Ökostrom-Umlage (5,3 Cent) zahlen“, so die Bild. Ein hundert Meter hoher Betonmast für ein Windrad bei Castrop-Rauxel wird genannt, der vor Jahren wieder gesprengt werden musste, weil er zu nahe an einem Haus gebaut worden war. Und das Gaskraftwerk in Hürth südlich von Köln wird aufgeführt, das der norwegische Konzern Statkraft für 350 Millionen Euro gebaut, aber nicht ans Netz genommen hatte.

Irre Fälle also, und spätestens bei der Ökostrom-Vorfahrt gegen das „topmoderne Gaskraftwerk“ wird klar, wohin der Hase läuft: Die Bild-Macher hassen Ökostrom, die Energiewende und den Klimaschutz. Weshalb sie auch regelmäßig Gegenstand unseres Lügendetektors sind: Von den 46 Einträgen der Kategorie Medien befassen sich zehn gezwungenermaßen mit der Bild.

Statkraft selbst hatte zur Eröffnung erklärt, das Gaskraftwerk stehe ab sofort bereit, „die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien mit klimafreundlicher Gaskraft zu ergänzen“. Wegen der derzeitigen Preissituation an den Strombörsen könne die Anlage derzeit aber nicht wirtschaftlich betrieben werden, hieß es: Während Gas zuletzt teurer wurde, sank der Preis für die produzierte Kilowattstunde Elektrizität. Tatsächlich ist Strom derzeit so billig wie nie.

Was einerseits an den Erneuerbaren liegt: Mittags ist der Stromverbrauch in Deutschland am größten, also genau dann, wenn die Solaranlagen am meisten liefern. Früher konnte Vattenfall seinen billigen Atomstrom in der Nacht dazu nutzen, Wasser auf den Berg zu pumpen – um es in den Mittagsstunden wieder zu (dann teuer verkaufbarem) Strom zu machen. Aber heute ist dank Sonnenkraft der Strom dann nicht mehr so teuer – es lohnt sich für Vattenfall nicht mehr. Andererseits liegt der günstige Strompreis aber an der Kohlekraft und am Emissionshandel: Nie gingen so viele neue Kraftwerke ans Netz wie in diesem Jahr. Und nie waren die Emissionszertifikate – auch weil FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler bisher jede Reform blockiert – so billig wie heute. Der Zusammenhang ist einfach, aber vielleicht doch zu schwierig für Bild: Viele Emissionszertifikate auf dem Markt = niedriger Preis = niedrige Zusatzkosten für Kohlekraftwerke = hohe Konkurrenzfähigkeit von Kohlestrom, der dadurch Gaskraftwerke noch weiter aus dem Markt drängen kann.

Man kann den Bild-Kollegen nicht vorwerfen, sie hätten irgendeinen Einzelfakt falsch berichtet – dadurch wird ihre Darstellung aber noch lange nicht richtig: Das Verschweigen von Details, das Nicht-Herstellen von Zusammenhängen, das Kreieren eines Skandal-Potenzials gewürzt mit einigen deftigen Kraftausdrücken – und schon ist sie angerichtet, die „Energiewende bizarr“:

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Eon: Die Windkraft-Hochstapler (Teil 2)

Freitag, den 19. April 2013

Wir hatten ja schon ein bisschen Mitleid mit Eon, weil der Konzern anscheinend niemanden mehr fand, der für ihn Werbung machen wollte. Jedenfalls waren die Protagonisten der aktuellen Imagekampagne – Frau Kuhn, Frau Weiß und Herr Wagner – offenbar allesamt Phantasiefiguren. Nun aber gibt es immerhin eine ehemalige Spitzensportlerin, die dem Atom- und Kohleriesen ihr Gesicht verkauft: die frühere Biathletin Magdalena Neuner.

Nachdem der Ex-Biathlon-Star bereits für die Telefonfirma Telegate posierte und sich für den Unterwäschehersteller Mey auszog, sorgt sich Neuner nun also um unser aller Stromkosten. „Wenn Strom immer grüner wird“, lassen die Eon-Werber sie fragen, „kann sich das dann noch jeder leisten?“ Die Antwort des Unternehmens lautet:

Hallo Frau Neuner, wir arbeiten daran, dass Erneuerbare Energie bezahlbar bleibt. Unsere Energie soll sauberer und immer besser werden. Ein Beispiel: Bereits seit 2001 bauen wir Hochsee-Windparks. Durch unsere Erfahrung können wir Prozesse und Verfahren beim Bau und Betrieb immer weiter verbessern. Damit senken wir die Kosten schon jetzt nachhaltig. Unser Ziel: die Baukosten halbieren.

Hm, wir haben uns ein bisschen darüber gewundert. Denn zu Jahresbeginn hatte Eon-Chef Johannes Teyssen – unter anderem in der Rheinischen Post – noch darüber geklagt, dass Ökostrom viel zu billig und viel zu viel sei und den Markt für Eons fossile Kraftwerke kaputtmache. Aber vielleicht haben wir ihn da auch missverstanden…

Wir wollen mal der Werbung glauben. Die präsentiert uns Eon als verantwortungsvolles Unternehmen, das sich um die Strompreise hier in Deutschland echt ganz doll kümmert. Womit wird diese Aussage belegt? Damit, dass Eon „bereits seit 2001 … Hochsee-Windparks“ baue, was zu einem reichen Erfahrungsschatz und damit zu Kostensenkungen führe. Okay, klingt nicht übel. Aber machen wir mal einen schnellen Realitätscheck.

Auf seiner Website bezeichnet sich das Unternehmen als „weltweit drittgrößten Offshore-Windkraftbetreiber“. So weit, so gut. Was da nicht steht: Die Onshore-Windkraft, also Windräder an Land, die derzeit in Deutschland den Löwenanteil der erneuerbaren Energien in Netz bringen, hat Eon komplett verschlafen (und, wie manche sagen würden, lange Zeit bis aufs Messer bekämpft).

Egal, bleiben wir bei den „Hochsee-Windparks“. Scrollt man ein bisschen auf der Eon-Website herunter oder blättert durch das 66-seitige Offshore-Wind-Factbook, dann wird schnell klar, dass bisher kaum eine der duften Offshore-Windanlagen von Eon in deutschen Gewässern steht. Rödsand II ist ein dänischer Windpark, Robin Rigg und Scroby Sands britische. Das einzige deutsche und bereits realisierte Projekt heißt Alpha Ventus – aber das ist ein kleines Pilotvorhaben mit gerade zwölf Windrädern, an dem Eon einen Anteil von lediglich 26 Prozent hält. Für die deutsche Stromversorgung ist also Eon-Windkraft bislang praktisch bedeutungslos. (Klar, daneben treibt der Konzern größere Offshore-Projekte wie Amrumbank West voran – aber nachdem man im Kampf gegen die Energiewende gescheitert ist, bleibt Eon auch kaum etwas anderes übrig.)

Aber zurück zum Kernargument der Annonce, dem „Hochsee-Windpark“ von 2001. Damit kann Eon nur das britische Projekt Blyth meinen. Ohne die Bedeutung des damaligen Forschungsprojekts kleinzureden, wollen wir ein paar Sachen anmerken: Unter „Hoher See“ versteht man eigentlich Gewässer, die mehr als 200 Seemeilen oder 370 Kilometer von der Küste entfernt sind – der „Windpark“ Blyth aber steht lediglich einen Kilometer vor der nordenglischen Küste (Wikipedia spricht sogar nur von 800 Metern). Und was heißt überhaupt „Windpark“? Bei Blyth handelt es sich um ganze zwei (!) Windräder. Übrigens waren an dem Projekt damals neben Eon noch Shell und zwei andere Firmen beteiligt. Und 2001 war für ein Offshore-Pilotprojekt wirklich nicht besonders früh. Der erste Meeres-Windpark der Welt, Vindeby in Dänemark, war bereits zehn Jahre zuvor fertig.

Sorry, Eon. Sorry, Frau Neuner: Für unsere Nase riecht die Annonce doch arg nach Hochstapelei.


FDP: Irgendwie krank

Donnerstag, den 28. Februar 2013

Die FDP hat sich in Sachsen zum Anwalt der Windkraft-Gegner gemacht. Zum Beispiel heute: Der Schutz von Gesundheit sei wichtiger als die Energiewende, meldet die Partei:

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Nanu, was ist denn in Sachsen passiert?

Im Innenausschuss des Sächsischen Landtages stand heute eine öffentlichen Anhörung zum sogenannten Landesentwicklungsplan (LEP) an. Diese Pläne sind die wichtigsten Instrumente der Raumordnung und -planung in den Bundesländern. Für den sächsischen Landesentwicklungsplan war gerade im Januar das Bürgerbeteiligungsverfahren zu Ende gegangen und nun sollten im Landtag die Einwände der Bürger abgewogen werden.

Auch die Einwände zum künftigen Ausbau der Windkraft in Sachsen. Früher war Sachsen darin nämlich einmal ganz gut: Zubauraten von 100 Megawatt Leistung jährlich waren vor zehn Jahren noch normal. Seitdem wurden im Durchschnitt aber nicht mal mehr 50 Megawatt jährlich im Freistaat aufgestellt, 2012 waren es gerade noch 30 Megawatt – 22 neue Windräder. „Die Windenergie in Sachsen steckt noch in den Kinderschuhen“, urteilt Martin Maslaton, Chef des Landeswindverbandes. Maslaton begründete dies in der Sächsischen Zeitung unter anderem damit, dass Potenziale nur unzureichend genutzt würden: 14 Prozent der Landesfläche seien für die Windstromernte geeignet, ausgewiesen sind bisher aber nur 0,2 Prozent.

Die sächsische FDP hat als Regierungspartei mit der CDU auch ein neues Energie- und Klimaprogramm auf den Weg gebracht. Darin heißt es auf Seite 36: „Die Stromerzeugung aus Windenergie soll sich aus heutiger Sicht innerhalb von 10 Jahren von ca. 1.350 GWh (…) auf 3.500 GWh pro Jahr erhöhen. Auch unter Berücksichtigung des Repowering hat dies einen Anstieg der in den kommenden Jahren zu sichernden Fläche für die Windenergienutzung von derzeit ca. 0,2 % auf schätzungsweise 0,5 % der Landesfläche zur Folge.“ Geregelt werden soll dies vom neuen Landesentwicklungsplan.

Also dem, der heute im Landtag zur öffentlichen Anhörung stand. Unter der Überschrift „Schutz von Gesundheit und Eigentum wichtiger als ‚Energiewende‘“ erklärt Benjamin Karabinski, innenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag: „Von den Sachverständigen wurden neben den Eingriffen in die sächsische Kulturlandschaft und drohenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die Anlieger vor allem eine Reihe ungeklärter Rechtsfragen moniert.“ Die „vermeintlichen Erfordernisse der ‚Energiewende‘“ hätten sich dem Bedürfnis der Bürger nach Schutz von Gesundheit und Eigentum unterzuordnen.

Gucken wir noch einmal kurz in das regierungsamtliche Energie- und Klimaprogramm von Sachsens FDP und CDU. Dort heißt es auf Seite 57:

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Eigenartig, oder? Die FDP warnt im Energiekonzept vor den „gesundheitsgefährdenden Belastungen“ der Erderwärmung und will deshalb mehr Windenergie – um dann beim Landesentwicklungsplan mit „gesundheitlichen Beeinträchtigungen“ gegen mehr Windenergie ins Feld zu ziehen. Windenergie als Medizin, die dann aber doch wieder nur krank macht?

Martin Maslaton ist nicht nur Chef des Landesverbandes Windenergie, sondern auch Rechtsprofessor an den sächsischen Universitäten in Chemnitz und Freiberg, dem Wahlkreis von Benjamin Karabinski. Maslaton empfiehlt den sächsischen Freidemokraten einen Besuch bei ihrem Parteifreund Wolfgang Kubicki in Schleswig-Holstein. In dessen Wahlkreis Dithmarschen stehen in etwa so viele Windräder wie in ganz Sachsen. Obwohl der Landkreis gerade mal acht Prozent der Fläche von Sachsen hat.

Wollen die Sachsen etwa behaupten, Wolfgang Kubicki sei krank?

Danke an André R. aus Freiberg für den Hinweis!


Philipp Rösler: Deutschlands Zukunft gefährden

Mittwoch, den 20. Juni 2012

Das Bundeswirtschaftsministerium ist besorgt über den demografischen Wandel. Der wird nämlich dazu führen, dass in Zukunft Fachkräfte in Deutschland knapper werden. Um sich darauf vorzubereiten, hat das Bundeswirtschaftsministerium gemeinsam mit den Kollegen aus dem Arbeitsministerium eine PR-Kampagne gestartet. Unter anderem erscheint in diversen Zeitungen diese Annonce:

Hübsch, nicht? Das muss ein prickelnder Arbeitsplatz sein da oben auf dem Windrad! Wie doll dort wohl der Wind pfeift? Gibts eigentlich einen Gefahrenzuschlag? Sind die ausreichend angeseilt?

Jedenfalls gut, dass wir Fachkräfte haben: Der Ausbau der Windenergie auf dem Meer – die so genannte Offshore-Technik – hinkt nämlich deutlich den Erwartungen hinterher. Der Branchenreport „Fascination Offshore“ aus dem Jahr 2003 hatte prognostiziert, dass sich im Jahr 2010 in deutschen Hoheitsgewässern Windräder mit einer Leistung von mehr als 2.000 Megawatt drehen. Tatsächlich aber waren bis Ende 2011 erst 92 Megawatt installiert.

Zum Glück für die Energiewende ist eine andere Technologie eingesprungen – und deutlich schneller gewachsen, als einst prognostiziert: Hierzulande arbeiten heute schon so viele Solarkraftwerke, wie von der Regierung eigentlich erst für 2026 geplant waren. Im so genannten Leitszenario der Bundesregierung – quasi der regierungsamtliche Ausbauplan aus dem Jahr 2009 -  heißt es:

Tatsächlich aber wurden in Deutschland im Jahr 2010 rund 7.400 Megawatt installiert, 2011 gar 7.500 Megawatt. Zu Jahresbeginn 2012 waren damit insgesamt 24.820 Megawatt Photovoltaik am Netz – und allein in den ersten Monaten des laufenden Jahres sollen auch schon wieder 3.000 MW dazugekommen sein.

Eigentlich eine schöne Erfolgsgeschichte, meinen Sie?

Nicht für die Fachkräfte der Solarbranche. Weil der schwarz-gelben Regierung das Wachstum zu schnell geht, verlieren landauf landab gerade Solar-Arbeiter ihre Jobs. Vergangene Woche meldete die Dresdner Solarwatt AG Insolvenz an, 490 Jobs sind in Gefahr. Davor erwischte es das Aleo-Werk in Spanien (90 Fachkräfte), 330 Fachkräfte bei Solarworld, 260 Fachleute bei der Odersun. Der Dünnschichtspezialisten Inventux musste im Mai dichtmachen, 200 Fachleute bangen um ihre Jobs. Davor hatten Q-Cells aus Thalheim (2.379 Fachleute) Insolvenz anmelden müssen,  genauso  Solarhybrid aus dem Sauerland (70 Fachkräfte), Sovello aus Bitterfeld (1.250 Mitarbeiter),  Solon aus Berlin (800 Fachkräfte), Solar Millenium aus Erlangen (325 Spezialisten). Der Branchen-Primus First Solar schließt alle seine Werke in Deutschland, 2.000 Fachkräfte werden zum Jahresende entlassen. Die Begründung lautete immer wieder: Ohne Förderung ist der europäische Markt nicht überlebensfähig.

Das Kabinett Angela Merkels hat die Solarförderung seit 2009 fast halbiert. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will das Marktumfeld für die Solarfachkräfte nun weiter verschlechtern – und die Einspeisevergütung im Erneuerbaren Energien-Gesetz weiter senken. Damit ist ausrechenbar, dass weitere Firmen und Fachleute in Schwierigkeiten kommen werden. Richtigerweise müsste die Anzeige aus seinem Haus also etwa so aussehen:

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Eon: Die Windkraft-Hochstapler

Freitag, den 27. April 2012

Seit einiger Zeit läuft das nächste Motiv der Eon-Kampagne „Energie der Zukunft“ – nach der fotogenen „Anna Kuhn“ haben die Casting-Experten der Werbeagentur nun einen gemütlich wirkenden Mann als Protagonisten ausgewählt, Herrn „Stefan Rehm“. Sonst gibt es wenig Neues in der Zeitungsannonce. „Ihr gestaltet also die Zukunft der Energie. Redet Ihr nur, oder macht Ihr auch was“, legt Eon seinem Herrn Rehm in den Mund. Um darauf zu antworten: „Hallo Herr Rehm, wir bauen den Windpark ‚Amrumbank West‘. Für noch mehr grünen Strom.“ Ah, es geht also um dasselbe Eon-Windprojekt in der Nordsee, das Eon schon beim letzten Mal beworben hat.

Aber, Moment. Im Dezember in der „Anna Kuhn“-Annonce hieß es im Kleingedruckten:

Bei Herrn Rehm steht da nun:

Witzig, oder? Aber wir wollen hier gar nicht auf der Vermehrung der versorgten Menschen herumreiten, sondern auf dem Wörtchen

Die Formulierung „weitere 700.000 Menschen in Deutschland“ klingt nämlich so, als würde Eon schon heute eine größere Menge Leute hierzulande mit Windstrom versorgen. Auf der Kampagnenwebsite heißt es denn auch vollmundig „Windparks: 100 in Betrieb“. Klickt man sich dann weiter auf die Landkarte mit den Standorten, dann wird sofort klar, dass der größte Teil von Eons Windrädern im Ausland steht.

Nur 13 Windrädchen haben wir auf dieser Eon-Karte gezählt. Und dann die Pressestelle gefragt, ob das denn so stimme und wann die Anlagen errichtet wurden und wieviele Menschen Eon bisher damit versorgen kann. Die Antworten kamen – nunja, wir würden sagen – etwas zögerlich und lückenhaft. Man verwies lediglich, das aber sehr freundlich, auf ein online veröffentlichtes Eon-Papier namens „Facts&Figures“.

Darin finden sich – neben interessanten Infos wie der, dass Eon im kleinen Dänemark mehr Erneuerbare-Energien-Anlagen besitzt als im Heimatmarkt Deutschland – Tabellen mit den hiesigen Windkraftanlagen (Seite 28/29). Liest man die Liste durch, dann finden sich darauf etliche Standorte mit bloß 2, 3 oder 4 Megawatt, darunter zum Beispiel der „Windpark Breitling“. Schaut man sich dessen Details in einer Windkraft-Datenbank an, dann wird klar, dass es sich hier um eine einzige Windkraftanlage handelt. Schräg, was Europas größter Stromversorger unter „Windpark“ versteht.

Aber darauf wollten wir eigentlich gar nicht hinaus. Sondern auf Eons bisherige Windkraftkapazität in Deutschland. Sie beträgt laut dieser Liste sage und schreibe 226 Megawatt. Zum Vergleich: Das Kohlekraftwerk Scholven, das Eon in Gelsenkirchen betreibt, hat eine Kapazität von 2.200 MW – ein einziges von Eons Steinkohlekraftwerken ist zehnmal so groß wie alle Windkraftanlagen, die der Konzern bisher in Deutschland betreibt.

Aber zurück zur Eon-Annonce und dem Windpark Amrumbank West. Der wird nach Unternehmensangaben, wenn er wie geplant 2015 ans Netz geht, eine Kapazität von 288 MW haben. Nicht dass uns jemand missversteht, wir finden das Projekt ganz großartig. Aber es wird auf einen Schlag deutlich mehr Windstrom erzeugen, als Eon bisher in ganz Deutschland zustande bringt. Dies mit den Worten zu bewerben, man habe bald „noch mehr grünen Strom“ bzw. grünen Strom für „weitere“ 700.000 Menschen, finden wir dann doch ziemlich hochstaplerisch.


Eon: Die Zukunft ist schon fast zehn Jahre alt

Mittwoch, den 28. Dezember 2011

Anna Kuhn ist wieder da. Beziehungsweise ein weiteres Motiv der Eon-Kampagne, in der sich der Atom-, äh, Energiekonzern mit dem Gesicht einer jungen Frau als zukunftsfähiger Stromversorger zu präsentieren sucht. Die Annonce, die zu Weihnachten beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung oder im Berliner Tagesspiegel erschien, setzt den künstlichen Dialog aus dem ersten Motiv fort. Wie die von Eon versprochene „Zukunft der Energie“ denn „konkret“ aussehe, lautet diesmal die Frage. Antwort: „Hallo Frau Kuhn, zum Beispiel so: Wir bauen den Windpark ‚Amrumbank West‘ in der Nordsee.“

Amrumbank West? Amrumbank West? Klingt irgendwie bekannt …

Genau, das ist einer jener Windparks vor der deutschen Nordseeküste, über die seit mehr als zehn Jahren geredet wird. Bereits im Jahr 2000 wurde der Antrag für das Projekt gestellt, Eon hat es 2002 vom niedersächsischen Windkraftpionier Ingo Rennert übernommen. Seitdem, schreibt der Konzern in einem „Factsheet“ zu Amrumbank West, treibe man die Entwicklung des Windparks voran.

Nunja, besonders erfolgreich war Eon damit nicht. Bereits im Juni 2004 erteilte das zuständige Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie die Genehmigung, also vor geschlagenen siebeneinhalb Jahren. Im April 2005 wurde ein Messpfahl errichtet, unter anderem für Winddaten. Und dann passierte – erstmal nichts. Eon sagt, der Grund dafür lag in technischen Schwierigkeiten – und in der Tat hatte nahezu die gesamte Windkraftbranche unterschätzt, welche Herausforderung der Schritt vom Land aufs Meer ist. Doch gerade Eon ist in Fachkreisen seit Jahren nachgesagt worden, diverse Offshore-Projekte aufzukaufen und dann zu bremsen. Ziel sei, so der Verdacht, die profitablen Atom- und Kohlekraftwerke vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Tatsächlich hat der Konzern früher gern gegen die Windkraft polemisiert. Und vor zwei Jahren gab Eon selbst  zu, Windparks aus Renditegründen lieber im Ausland zu bauen.

Jedenfalls glänzte Eon bei der Offshore-Windkraft und beim Projekt Amrumbank West bisher vor allem durch Ankündigungen:

2004avisierter Baubeginn für Amrumbank West: 2008

2006Eon kündigt an, bei der Offshore-Windkraft „die führende Rolle“ zu übernehmen bis 2011 in deutschen Gewässern Anlagen mit 500 MW Leistung zu errichten

2008der zuständige Eon-Manager wird mit den Worten zitiert: „Endlich geht es los“

2010Eon terminiert die „endgültigen Inbetriebnahme“ von Amrumbank West „bis spätestens 2014″

2011„ab 2015″, so die aktuelle Ankündigung, soll der Windpark Strom ins Netz einspeisen

Doch nicht einmal darauf will sich Eon in der Zeitungsannonce festlegen. Dort heißt es:

Wow, „in wenigen Jahren“! Der Konzern wirbt also mit einem Projekt, das er bereits seit einem Jahrzehnt in Arbeit hat und dessen Fertigstellung nicht genau feststeht. Hatte die Frau Kuhn in der Annonce nicht nach etwas „Konkretem“ gefragt??

P.S.: Sie fragen sich, was aus Eons Ankündigung von 2006 geworden ist? Bis heute ist bloß der Windpark „Alpha Ventus“ am Netz – und dessen 60 MW muss sich der Konzern auch noch mit Vattenfall und EWE teilen. Aus einst versprochenen 500 MW wurden also lediglich 20 MW. Für die „Energie der Zukunft“ wünschen wir Eon mehr Erfolg.