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ExxonMobil: Mit den Algen spielen

Mittwoch, den 18. Oktober 2017

Neuerdings wirbt ExxonMobil dafür, eine Lösung für das Klimaproblem gefunden zu haben. Ausgerechnet jener Ölmulti, der weltweit die fünftgrößte Quelle von Treibhausgasen ist. In Zeitungsanzeigen (uns wurde ein Ausriss aus der Berliner Zeitung zur Prüfung eingereicht) und in den sozialen Medien geht es um

„Die könnten in Zukunft“ – verspricht ExxonMobil im Werbespot – „Treibstoff produzieren“

dabei auch noch

Unsere Leser Frank B. aus Potsdam und Jonathan R. aus Berlin wollen wissen, was davon zu halten sei.

Nun: Beachten wir zunächst das Wörtchen „könnten“, das ExxonMobil in seiner Werbung benutzt! Algen könnten in Zukunft Treibstoffe produzieren.

Tatsächlich nämlich setzt der Konzern bereits seit Sommer 2009 auf die Algen. Damals stellte er 600 Millionen US-Dollar bereit, um beim Startup Synthetic Genomics einzusteigen. Denn das System ist wirklich interessant für den Klimaschutz:

Alge + H2O + Kohlendioxid + Sonnenlicht = noch mehr Algen + pflanzliche Öle und Sauerstoff.

Nur: Wohin mit all den Algen?

ExxonMobil schreibt: „Algen können eine facettenreiche und hochgradig wünschenswerte, nicht essbare Quelle der wichtigen erneuerbaren Moleküle sein, die zur Herstellung von Biokraftstoffen der zweiten Generation verwendet werden können.“

Da kommt gleich zweimal in einem Satz das Wörtchen „können“ vor. Und auch im nächsten Satz ist es zu finden: „Einige Algenarten können so optimiert werden, dass sie Biodiesel-Vorstoffe produzieren.“

Dummerweise ist das den Forschern aber in den vergangenen acht Jahren nicht gelungen, sodass ExxonMobil sich 2013 eigentlich entschlossen hatte, die Sache aufzugeben, dann aber doch dabei blieb.

In diesem Sommer nun gab der Konzern – Jahresgewinn zwischen 7,8 und 45 Milliarden Dollar in den letzten 15 Jahren – bekannt, dass sich die lumpigen 600 investierten Millionen Dollar vielleicht doch gelohnt haben: Jetzt könnte der technologische Durchbruch gelungen sein. „Die Herausforderung besteht nun darin, Algen zu finden und zu entwickeln, die Bio-Öle kostengünstig und in großen Mengen produzieren können“, erklärt Vijay Swarup, Vizeforschungschef von ExxonMobil. Der Weg in die Zukunft ist also noch weit.

Was das Ganze nun mit dem Klimaschutz zu tun hat? Nichts! Das erklärte zumindest im Jahr 2011 die Advertising Standards Authority ASA, die Werbeaufsichtsbehörde in Großbritanien. So wie jetzt in Deutschland hatte ExxonMobil damals auch mit seinen Algen im Vereinigten Königreich für den Klimaschutz geworben und als Lösung gefeiert, was die Werbeaufsicht als irreführend einstufte und verbot. Begründung: Das gesamte CO2, das die Algen zuvor gebunden haben, gelangt bei der Verbrennung des Treibstoffs ja wieder zurück in die Atmosphäre. Also ein Nullsummenspiel.

Nun verspricht ExxonMobil dieses Mal allerdings lediglich, dass Algen in Zukunft modernen Biosprit herstellen könnten – und dass der CO2-Ausstoß damit „reduziert“ wird, was verglichen mit Treibstoffen aus Tiefseeöl sicherlich nicht falsch ist.

Könnte, also! Wir vermuten, dass der Hintergrund für die Algenoffensive von ExxonMobil sowieso ein anderer ist: Auf der diesjährigen Jahreshauptkonferenz hatten 62 Prozent aller Aktionäre verlangt, dass die Auswirkungen der Klimaerwärmung – die sogenannte „Carbon Bubble“ – auf das ExxonMobil-Geschäftsmodell untersucht werden. Im Jahr davor waren es erst 38 Prozent, bei den Aktionären ist das Thema also mehrheitlich angekommen.

Nun kommt raus: Das Management des Ölgiganten kümmert sich. Seit Jahren. Mit Algen. Und mit Anzeigenkampagnen, die damals behauptet haben: „Das Wissen über den Klimawandel ist zu unzuverlässig, um einen Aktionsplan anzuordnen, der Volkswirtschaften in Aufruhr versetzen würde.“

Vielen Dank für den Hinweis an Frank B. aus Potsdam
und an Jonathan R. aus Berlin


RWE: Die Wahrheit unterm Algenteppich

Dienstag, den 17. Februar 2009

Die Imagekampagne von Europas größtem Kohlendioxid-Verursacher läuft und läuft und läuft. Nun schmückt sich RWE mit einer launigen Anzeige voller Algen.

In der großformatigen Annonce geht es um ein klitzekleines Forschungsprojekt, das im November 2008 im RWE-Braunkohlekraftwerk Niederaußem nahe Köln startete – aber von „Forschungsprojekt“ oder „Pilotanlage“ oder „mögliche Zukunftsoption“ steht da nichts. Nur: „Im Innovationszentrum Kohle arbeiten Millionen Algen für ein besseres Klima.“ Und das kann alles bedeuten. In Wahrheit hängen dort auf etwa 600 Quadratmetern in einer Art Gewächshaus durchsichtige Plasteschläuche, in denen Salzwasseralgen schwimmen, die mit Kohlendioxid aus den Abgasen des Kraftwerks „gefüttert“ werden. Bescheidene 700.000 Euro lässt sich der Milliardenkonzern dieses Gemeinschaftsprojekt mit der Jacobs Universität Bremen und dem Forschungszentrum Jülich kosten. Auch eine bunte Werbebroschüre hat RWE dazu aufgelegt.

Das Einfangen von Kohlendioxid durch Algen ist gerade sehr angesagt unter den Energieriesen – auch BP, Eon und Shell haben ähnliche Projekte gestartet. Die Algenbiomasse soll in einem zweiten Schritt zu Treibstoffen verarbeitet werden. Nur ist das bisher dermaßen teuer, dass es sich laut Shell erst ab einem Rohöl-Preis von etwa 800 Dollar rechnet – dem Zwanzigfachen des gegenwärtigen Niveaus. Zudem wird der Klimanutzen des Alternativkraftstoffes durch die energieintensive Entwässerung und Trocknung der Algen geschmälert. „co2-frei“, wie die Konzerne gern behaupten, wird der Algensprit sowieso nicht: Denn in ihm wäre ja Kohlendioxid gebunden, das vorher im Kraftwerk aus fossiler Kohle freigesetzt wurde. Dank der Algen würde das Klimagas eben nur ein bisschen später frei.

Vor allem aber fehlt die wohl wichtigste Information zum Niederaußem-Projekt in der RWE-Anzeige: Wie groß das Ding überhaupt ist. In der Werbebroschüre findet sie sich, allerdings ziemlich klein auf Seite 6, rechts unten:

Zum Vergleich: Nach Angaben des WWF verursacht das Kohlekraftwerk Niederaußem jährlich mehr als 27 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Die 12 Tonnen, die von den großspurig beworbenen Algen innerhalb eines ganzen Jahres aufgefangen werden, stößt RWE in Niederaußem also in weniger als 20 Sekunden aus.