Archiv des Schlagwortes ‘Biomasse’

RWE + Innogy: US-Wälder verfeuern

Freitag, den 28. April 2017

Wenn man sich im Internet bei „RWE Wissen“ über Biomasse informieren möchte, liest man Folgendes:

Einer Prognose des Verbandes der Netzbetreiber (VDN) zufolge wird der Anteil des aus Biomasse erzeugten Stroms in den nächsten fünf Jahren von derzeit rund 10 Milliarden auf mehr als 24 Milliarden Kilowattstunden steigen – ein enormes Wachstumspotenzial. Und damit gut für den Klimaschutz.

Der alte Kohle-Konzern RWE hatte ja seine Zukunft in der Innogy gesucht, wie der abgespaltene Konzernbereich sich jetzt nennt. Und dort wird Biomasse verbrannt:

Eine gute Sache, weil ja bei der Verbrennung von Biomasse nur so viel Kohlendioxid freigesetzt wird, wie die verbrannten Pflanzen während ihres Wachstums aufgenommen haben.

Zumindest theoretisch. Praktisch kommen noch jene Emissionen dazu, die der Antransport des Brennstoffs verursacht. Innogy betreibt in den USA die Firma Georgia Biomass, die eine jährliche Produktionskapazität von 750.000 Tonnen aufweist – das größte Holzpelletwerk der Welt. Nach Recherchen der US-amerikanischen Naturschutzorganisation Dogwood Alliance verkauft die Firma ihre Produkte auch nach Europa – an den Innogy-Mutterkonzern RWE.

Damit würden nicht nur in den USA alte Wälder abgeholzt werden. Der Transport nach Europa verursacht eben auch das, was durch die Biomasse eigentlich eingespart werden soll: Treibhausgase.

Erinnern Sie sich? Wir hatten uns hier zuletzt mit der Imagekampagne von Innogy befasst, enthalten ist darin auch folgendes Motiv:

Jedenfalls ist in Europa verbranntes Holz aus den USA weder nachhaltig noch normal – sondern allenfalls innogy!

Vielen Dank an Peter G. und das Denkhaus Bremen für den Hinweis


Vattenfall: Sie tun’s schon wieder

Donnerstag, den 20. September 2012

Dieser Klima-Lügendetektor beginnt mit einem Zitat. Mit einem etwas längerem.

Vorhang auf (Zitat-Anfang):

„Von allen Energiekonzernen lügt Vattenfall am dreistesten. Regelmäßige Leser des Klima-Lügendetektors erinnern sich gewiss an die „Klima-Unterschrift“: In großformatigen Anzeigen und im Internet rief Vattenfall dazu auf, mit unserer Unterschrift die Politik zu mehr Klimaschutz zu bewegen. Zur gleichen Zeit beantragte der Konzern drei neue Braunkohletagebaue in der Lausitz.

Erinnert sei auch an das Kraftwerk Hamburg-Moorburg, welches Vattenfall mit einer CCS-Technologie versprach, also mit integrierter Abscheidung des Kohlendioxids aus den Rauchgasen. Das war natürlich genauso gelogen, wie der Slogan „Für Deine Zukunft spannen wir die Windenergie ein“, mit der Vattenfall im Frühjahr 2008 warb: Damals produzierte der Konzern gut 1 Prozent seines Stromes mit Windkraftwerken, heute sind es immer noch gut 1 Prozent.“

Vorhang zu (Zitat-Ende)

Vattenfall-Lügen auf dem Klima-Lügendetektor zu präsentieren, ist nicht sonderlich innovativ. Kenner dieser Seite haben vielleicht erkannt: Der Detektor zitiert sich hier selbst.  Und doch kommen wir gar nicht umhin, uns immer wieder mit dem Deutschlandableger des schwedischen Staatskonzerns zu befassen. Tatsächlich haben etliche PR-Agenturen gelernt, die halbwahren Werbe-Botschaften ihrer fossilen Kunden nicht mehr so offenkundig, die menschliche Intelligenz beleidigend zu verkaufen. Was die Arbeit für die Lügendetektoren übrigens deutlich schwieriger gemacht hat. Aber dann kommen eben Vattenfall-Werbe-Strategen daher und die Arbeit der Detektoren ist wieder so simpel, dass sich die Autoren fragen, ob im fünften Jahr des Bestehens so etwas dem Stammpublikum eigentlich noch zuzumuten ist.

Konkret: Vattenfall lügt. Schon wieder!

Vattenfall hatte im vergangenen Jahr versprochen:

In der dazugehörigen Anzeige hieß es: „Die Hauptstadt hat ambitionierte Klimaschutzziele. Vattenfall trägt wesentlich zu deren Erreichen bei. In der Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin verpflichtet sich Vattenfall, seine CO2-Emissionen in Berlin bis zum Jahr 2020 zu halbieren.“

Vattenfall wollte dafür ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen, in dem ab 2019 jährlich rund 500.000 Tonnen Holz verfeuert werden sollten. In Berlin-Lichterfelde sollte ab 2014 ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Betrieb gehen und 70.000 Haushalte versorgen.

Doch nun heißt es in der taz:

Es wird nämlich nichts mit dem von Vattenfall versprochenen Gas- und Biomasse-Kraftwerken. Zumindest nicht vor 2020. Das Motto von Vattenfall: ‚Was scheren mich meine Zusagen von Gestern, wenn ich heute meinen Profit maximieren kann.‘

Michael Schäfer, klimapolitischer Sprecher der Grünen, wirft Wowereit in der taz vor, Vattenfall aus der Verantwortung für das wichtigste Klimaschutzprojekt der Legislatur zu entlassen. Durch einen verspäteten Braunkohleausstieg könnten bis zu 4 Millionen Tonnen zusätzliches CO2 ausgestoßen werden, was 20 Prozent des Berliner Jahresausstoßes entspräche.

Vattenfall wollte gegenüber der taz nichts zu einem späteren Ausstieg sagen. „Aber wir werden die Klimaschutzvereinbarung und die Halbierung der CO2-Emission bis 2020 erreichen“, beteuerte ein Sprecher Steifen Ernstes. Wie Vattenfall das gelingen will – dazu konnte der Sprecher nichts aussagen.

Jede Wette: Zu diesem Thema werden Sie hier wieder lesen – MÜSSEN.

Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


dena: Mit Vattenfall auf dem Holzweg

Samstag, den 22. Oktober 2011

Die Deutsche Energieagentur (dena) hat mal wieder eine spannende Studie vorgelegt. Genau, jene Institution, die vor dreieinhalb Jahren auf Basis zweifelhafter Zahlen kassandra-artig vor einer „Stromlücke“ warnte und noch mehr neue Kohlekraftwerke forderte. Auch diesmal geht es um Kohlekraftwerke, allerdings unter ganz anderem Blickwinkel:

Die Studie handelt vom neuesten Clou, mit dem Konzerne wie RWE oder Vattenfall ihre Großkraftwerke retten wollen: In Kohleblöcken, die mit CO2-Emissionen von bis zu 1.200 Gramm pro erzeugter Kilowattstunde Strom echte Klimakiller sind, wird einfach ein Teil der Kohle durch Holz ersetzt. Dieser nachwachsende Rohstoff gilt als „CO2-neutral“, durch die Beifeuerung (engl.: „Co-Firing“) sinkt deshalb der Treibhausgas-Ausstoß der Gesamtanlage.

Auf 36 Seiten beleuchtet die dena Vor- und Nachteile – nein, Moment, irgendwie geht es die ganze Zeit nur um die Vorteile: Die Beifeuerung „wird als technisch unbedenklich erachtet“ und  „birgt ein hohes Treibhausgasvermeidungspotenzial“, heißt es da. Zugleich seien die Kosten pro vermiedener Tonne Kohlendioxid „im Vergleich zu anderen Erneuerbaren Energien … niedrig“. Eine tolle Sache, könnte man meinen. Konsequenterweise meldet die dena-Studie gleich einen Förderbedarf an: Der Staat könnte künftig ja auch Großkraftwerke, wenn in ihnen Holz verfeuert wird, über das Erneuerbare-Energien-Gesetz fördern.

Die kritischen Punkte beim „Co-Firing“ werden dagegen nur am Rande oder in Frageform oder gleich gar nicht behandelt. Beispielsweise steht und fällt der vorgebliche Klimanutzen mit der Herkunft des verfeuerten Holzes. Nun ist der deutsche Holzmarkt so gut wie leergefegt, weshalb man sich – so die dena – um „die Erschließung zusätzlicher Holzpotenziale“ kümmern müsse.

Völlig verschwiegen wird hier, dass Umweltverbände wie BUND oder Nabu bei diesen neuen Plantagen „zum Teil schwerwiegende Risiken“ für Artenvielfalt und Grundwasserhaushalt sehen.

Schon heute werden deshalb große Mengen an Holzpellets oder -hackschnitzeln nach Deutschland eingeführt. Im Ausland aber lässt sich der umweltschonende Anbau noch schwerer kontrollieren, und der Energieaufwand für den Transport schmälert die Klimabilanz. Vattenfall beispielsweise importiert für seine Berliner Kraftwerke bereits Holz aus Liberia – was Umweltschützer und Menschenrechtler sehr kritisch sehen. Die dena-Studie jedoch handelt den Punkt eher lapidar ab. Es müssten, konstatiert sie,

Auf absehbare Zeit dürfte also die Beifeuerung mit ausländischem Holz keine sinnvolle Klimaschutzmaßnahme sein. Doch diese Schlussfolgerung zieht die dena nicht. Stattdessen rechnet die Studie seitenlang CO2-Vermeidungskosten und -Einsparpotenziale vor, macht aber einen großen Bogen um das Hauptargument gegen „Co-Firing“.

Klar, die Beifeuerung ist eine schön billige Sache – die Konzerne können ja ihre alten Kohleblöcke weiternutzen („Man muss nichts Neues bauen“, brachte es kürzlich ein erfreuter RWE-Manager auf den Punkt). Natürlich kann Holz in Kohleblöcken viel CO2 sparen – deren Emissionen im Normalbetrieb sind ja auch exorbitant hoch. Die Kernfrage aber ist, ob die knappe Ressource Holz in Kohlekraftwerken überhaupt optimal genutzt wird. Die Antwort lautet: Nein. Im Anhang vermerkt die Studie selbst, dass der Wirkungsgrad konventioneller Kohleblöcke nur bei rund 40 Prozent liegt. Mehr als die Hälfte der Energie verpufft dort also ungenutzt. Kleine und dezentrale Heizkraftwerke hingegen sind doppelt so effizient. Weil dort neben dem Strom auch fast die komplette Abwärme genutzt wird, kommen sie locker auf Gesamt-Wirkungsgrade von mehr als 80 Prozent. „Wir sehen das Co-Firing kritisch“, sagt daher beispielsweise der Deutsche Energieholz- und Pelletverband (DEPV). Es sei „eigentlich eine Verschwendung unseres hochwertigen Energieträgers Holz“.

Wie gesagt, diese Frage wird in der gesamten Studie nicht einmal gestreift. Komisch, oder? Oder auch nicht. Im Impressum findet sich dieser Vermerk:

Danke an Martin D. für den Hinweis


Bauernpräsident Sonnleitner: Dumm oder dreist?

Dienstag, den 26. Januar 2010

Am Sonntag ging in Berlin die 75. Grüne Woche zu Ende, die weltgrößte Schau der Ernährungsindustrie. Da waren wieder mal Potemkinsche Öko-Dörfer zu sehen, weil die Realität der Intensivlandwirtschaft die Besucher verstören würde. Um Klimaschutz ging es allenfalls am Rande, dabei ist die Landwirtschaft hierzulande für etwa 15 Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich (weltweit sogar fürs Doppelte). Weil die Massentierhaltung eine der Hauptquellen für klimaschädliches Kohlendioxid, Methan oder Lachgas ist, fordern Experten seit langem weniger Fleischkonsum.

Und was macht Gerd Sonnleitner, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes? Er holt aus zum bewährten Grünfärber-Dreischlag: Aktivität vortäuschen, Ablenken, Leugnen. Auf seiner Pressekonferenz zum Abschluss der Grünen Woche klang das dann so (und das DeutschlandRadio verbreitete es unkommentiert): Die Bauern sorgten etwa dafür, sonnleitner_1

Das einzig Richtige daran ist, dass eine schonende Behandlung der Äcker zu vermehrter Aufnahme von Kohlendioxid führt und dem Klima nützt – doch die Agrarindustrie, für die der DBV steht, geht eben nicht schonend mit den Feldern um. Im übrigen, kritisiert Reinhild Benning vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), wehrt sich der Bauernverband explizit gegen die EU-Bodenschutzrichtlinie.

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Nunja, der Bauernverband arbeitet vor allem an einem Ausbau von Massentierhaltung und Export von Fleisch- und Milchüberschüssen – mit allen ihren negativen Folgen für Umwelt und Tiere. Aber dann der Höhepunkt:

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Bei dieser Argumentation drängt sich die Frage auf, ob Sonnleitner dumm ist oder dreist. Denn selbst wenn man für eine Kuh auf der Weide das Bild des geschlossenen Kreislaufes gelten ließe, sieht die deutsche Agrar-Realität ganz anders aus. Kaum ein Tier nämlich steht auf der Weide (jedenfalls nicht bei konventionellen Bauern), und ausgeblendet wird in Sonnleitners demagogischen Vereinfachung aller Diesel, den Traktoren verbrennen, aller Treibhausgas-Ausstoß aus der energieintensiven Herstellung und Nutzung von Kunstdüngern und Pestiziden – und natürlich die Tatsache, dass mehr als 70 Prozent der eiweißhaltigen Futtermittel aus dem Ausland kommen. Für Futtersoja beispielsweise wurden und werden Regenwälder abgeholzt, mit verheerenden Folgen fürs Weltklima.

Auch hierzulande wurden (unter anderem wegen des Booms bei Energiepflanzen) in den vergangenen Jahren viele ökologisch wertvolle Wiesenflächen („Grünland“) umgepflügt und in Mais- oder Getreideäcker verwandelt. „Das verursacht erhebliche CO2-Emissionen“, erklärt BUND-Agrarexpertin Benning. Und ausgerechnet Sonnleitner habe sich dafür eingesetzt, dass das sogenannte Grünlandumbruchverbot aufgeweicht wurde.

„Der Verzicht auf Fleisch und die Reduktion tierischer Lebensmittel an unserer täglichen Kalorienzufuhr bilden das größte Potential für den Klimaschutz bei unserer Ernährung“, betont Benning. Um mehr als 40 Prozent lässt sich dadurch der Treibhausgas-Ausstoßes senken. Doch Sonnleitner biegt sich die Realität zurechtnicht zum ersten Mal übrigens: Vor mehr als einem Jahr wies ihn der Vizepräsident des Umweltbundesamt in einem persönlichen Brief darauf hin. Genützt hat es offensichtlicht nichts.

Danke an Gergely R. für den Hinweis


RWE: Die Wahrheit unterm Algenteppich

Dienstag, den 17. Februar 2009

Die Imagekampagne von Europas größtem Kohlendioxid-Verursacher läuft und läuft und läuft. Nun schmückt sich RWE mit einer launigen Anzeige voller Algen.

In der großformatigen Annonce geht es um ein klitzekleines Forschungsprojekt, das im November 2008 im RWE-Braunkohlekraftwerk Niederaußem nahe Köln startete – aber von „Forschungsprojekt“ oder „Pilotanlage“ oder „mögliche Zukunftsoption“ steht da nichts. Nur: „Im Innovationszentrum Kohle arbeiten Millionen Algen für ein besseres Klima.“ Und das kann alles bedeuten. In Wahrheit hängen dort auf etwa 600 Quadratmetern in einer Art Gewächshaus durchsichtige Plasteschläuche, in denen Salzwasseralgen schwimmen, die mit Kohlendioxid aus den Abgasen des Kraftwerks „gefüttert“ werden. Bescheidene 700.000 Euro lässt sich der Milliardenkonzern dieses Gemeinschaftsprojekt mit der Jacobs Universität Bremen und dem Forschungszentrum Jülich kosten. Auch eine bunte Werbebroschüre hat RWE dazu aufgelegt.

Das Einfangen von Kohlendioxid durch Algen ist gerade sehr angesagt unter den Energieriesen – auch BP, Eon und Shell haben ähnliche Projekte gestartet. Die Algenbiomasse soll in einem zweiten Schritt zu Treibstoffen verarbeitet werden. Nur ist das bisher dermaßen teuer, dass es sich laut Shell erst ab einem Rohöl-Preis von etwa 800 Dollar rechnet – dem Zwanzigfachen des gegenwärtigen Niveaus. Zudem wird der Klimanutzen des Alternativkraftstoffes durch die energieintensive Entwässerung und Trocknung der Algen geschmälert. „co2-frei“, wie die Konzerne gern behaupten, wird der Algensprit sowieso nicht: Denn in ihm wäre ja Kohlendioxid gebunden, das vorher im Kraftwerk aus fossiler Kohle freigesetzt wurde. Dank der Algen würde das Klimagas eben nur ein bisschen später frei.

Vor allem aber fehlt die wohl wichtigste Information zum Niederaußem-Projekt in der RWE-Anzeige: Wie groß das Ding überhaupt ist. In der Werbebroschüre findet sie sich, allerdings ziemlich klein auf Seite 6, rechts unten:

Zum Vergleich: Nach Angaben des WWF verursacht das Kohlekraftwerk Niederaußem jährlich mehr als 27 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Die 12 Tonnen, die von den großspurig beworbenen Algen innerhalb eines ganzen Jahres aufgefangen werden, stößt RWE in Niederaußem also in weniger als 20 Sekunden aus.


AVIA: Pack das Klima in den Tank!

Mittwoch, den 20. August 2008

Eigentlich sollte es sich längst herumgesprochen haben, dass der Umstieg auf Agrosprit keine Lösung des Klimaproblems ist: Immer mehr Experten warnen vor den Nebenwirkungen. Bundesregierung und EU überdenken längst ihre einst vorbehaltlose Unterstützung. Die Tankstellenkette AVIA hingegen wirbt noch immer damit – und stellt auf ihrer Internetseite zum Beispiel eine Filiale auf eine Waldlichtung mit possierlichem Eichhörnchen:

Basis der Werbung ist vor allem die Einführung eines „neuen CO2-optimierten Kraftstoffs“ namens „AVIA Super E10″ im Herbst 2007 – konventionellem Super-Benzin mit zehnprozentiger Beimischung von Agroethanol, dem Fünffachen des an anderen Tankstellen Üblichen. Dieser Sprit sei nicht nur billiger als normales Super, so das Unternehmen, er reduziere den Kohlendioxidausstoß eines Autos (bei einem Verbrauch von sieben Litern) um 15 Gramm pro hundert Kilometer.

Auf Nachfrage räumt ein AVIA-Sprecher ein, dass dieser Wert nur grob kalkuliert ist: Die Treibhausgas-Emissionen aus der aufwändigen Herstellung des beigemischten „Bioethanols“ sowie aus dem düngemittelintensiven Anbau des Vorprodukts Getreide wurden nicht berücksichtigt. Bei einer Betrachtung der Gesamtbilanz aber ist der Umweltnutzen von Agrotreibstoffen oft ernüchternd, wie erst kürzlich eine Studie der OECD feststellte. Gerade „Bioethanol“ aus Getreide, wie AVIA es verwendet, wird darin (auf Seite 91) ein „signifikant niedrigerer“ Klimaeffekt als anderen Alternativen bescheinigt.

Und wenn man einen wirklich umfassenden Blick auf Agrotreibstoffe wirft, entpuppen sie sich schnell als grünfärberisches Ablenkungsmanöver von Auto- und Ölindustrie: Statt sparsame Fahrzeuge zu entwickeln oder wirkliche Alternativen zu den derzeitigen Mobilitätsgewohnheiten, propagieren sie den einfachen Wechsel zu einem neuen Brennstoff. Dass der Durst der globalen Autoflotten das Hungerproblem verschärfen könnte und auch gar nicht genügend Süßwasser für den Spritboom zur Verfügung stehen dürfte, wischt man mit Verweis auf Agrotreibstoffe der zweiten Generation vom Tisch – doch die lassen bisher auf sich warten. Für den Klimaschutz ist es ohnehin glatte Verschwendung, Biomasse in ineffizienten Fahrzeugmotoren zu verbrennen. Erheblich mehr Treibhausgase ließen sich einsparen, wenn damit Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) betrieben würden – sie erzeugen hocheffizient zugleich Strom und Wärme und könnten klimakillende Kohlekraftwerke ersetzt. Diese Art der energetischen Verwendung von Biomasse favorisiert nicht nur der bundesdeutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen, sondern auch die UN-Energieagentur.

„Wir sehen keinen Grund, nicht weiterhin hinter dem Produkt zu stehen“, erklärt dagegen der AVIA-Sprecher. Dass Bundesumweltminister Sigmar Gabriel im April 2008 die breite Markteinführung von „Bioethanol“ stoppte, führt er auf eine Kampagne von ADAC und Automobilherstellern zurück. Dabei boten die unsicheren Daten zur Verträglichkeit des Alternativsprits für ältere Autos Gabriel nur den willkommenen Anlass zum Ziehen der Notbremse; ausdrücklich erklärte er damals, die Nutzung von Agrosprit müsse generell „im Hinblick auf die Nachhaltigkeitsanforderungen an die Nutzung von Biomasse überprüft werden“.

AVIA interessiert das offenbar nicht – aber vielleicht geht es dem Unternehmen ja auch weniger um den Klimanutzen als ums eigene Renommee: Am Umsatz der insgesamt 800 deutschen AVIA-Stationen hat „Super E10″ nur einen minimalen Anteil. „Mehrere 10.000 Tankungen“, heißt es, habe es nach dem Start des Produkts gegeben, und inzwischen sei der Verkauf auch noch „deutlich eingebrochen“. Die grüne Werbung mit Wald und Eichhörnchen läuft trotzdem weiter.

Danke an Sascha B. für den Hinweis


BP: Jatropha soll das Klima retten

Donnerstag, den 26. Juni 2008

bp_jatropha_aus1.jpgDie Purgiernuss ist ein Strauch aus der Familie der Wolfsmilchgewächse, deren Samen früher auch als Arznei verwendet wurden. Neuerdings wird die Pflanze als Heilmittel ganz anderer Art beworben, zum Beispiel vom Ölkonzern bp in großformatigen Anzeigen im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung. Jatropha Curcas, so der botanische Name, soll das Klima retten. Beziehungsweise die liebgewonnene Mobilität im eigenen Auto. Beziehungsweise die Zukunft eines Unternehmens wie British Petrol, das sich mit großem Aufwand als ökologisch profilieren möchte – was die ZEIT kürzlich als „Grünes Getöse“ bezeichnete.

„BP pflanzt Energie“ verspricht die Firma nun also in Zeitungsannoncen. Man habe, heißt es im Anzeigentext,

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Rund 160 Millionen US-Dollar, so bereits im Sommer 2007 eine Presseerklärung von BP, werde man in das Projekt investieren.

Inzwischen spricht sich herum, dass der Klimanutzen von Agrotreibstoffen häufig zweifelhaft ist und der großflächige Anbau von Energiepflanzen zu einer weltweiten Nahrungsmittelknappheit führen könnte. Genau deshalb wird die Purgiernuss so gepriesen. Doch es lohnt sich, den BP-Werbetext genau zu lesen: Jatropha „kann auch auf kargen Böden wachsen“, heißt es da zutreffend. Die Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion werde dadurch „reduziert“. Mehr aber eben auch nicht.

Längst nämlich häufen sich Berichte, dass der Jatropha-Anbau afrikanische Bauern von ihrem angestammten Land vertreibt und den Wassermangel verstärkt. „Die entzauberte Nuss“, überschrieb die Schweizer Wochenzeitung WoZ kürzlich eine ausführliche Analyse von Vor- und Nachteilen. Die magere Ausbeute pro Hektar und der hohe Energieaufwand für Kunstdünger und die Weiterverarbeitung der Samen lassen das Allheilmittel zweifelhaft erscheinen. „Man muss Jatropha als eine Pflanze für lokale Anwendungen im Kleinen sehen, für Lampenöle, Seifen und Ähnliches. Da ist sie sehr sinnvoll“, wird eine Wissenschaftlerin zitiert. „Aber im großtechnischen Maßstab kann es schnell in eine ungewollte Richtung gehen.“ Profitable Plantagen würden nämlich am Ende wohl doch wieder auf fruchtbaren Böden stehen und die Nahrungsmittelproduktion verdrängen. Ob Jatropha wirklich ein „nachhaltiger Biodiesel-Rohstoff“ ist, wie von BP behauptet, lässt sich allenfalls am Einzelfall überprüfen. Wirklich nachhaltig wäre eine Verringerung des Energieverbrauchs.

Nicht nur BP, auch Daimler fördert die Jatropha-Forschung. Für den Autokonzern sei dies „eine wichtige Werbeaktion“, zitiert die WoZ einen der beteiligten Wissenschaftler. Das IFEU-Institut aus Heidelberg kam im Auftrag von Daimler zum Ergebnis, dass die negativen Umweltauswirkungen beim großtechnischen Jatropha-Anbau erheblich sein können und eine Pilotanlage in Indien „deutlich optimiert werden kann“. Eindeutig ist die Antwort, wie künftige Jatropha-Ernten verwendet werden müssten, um einen wirklich großen Nutzen fürs Klima zu haben: Man sollte dank der Wunderpflanze am besten kohlebefeuerte Kraftwerke ersetzen oder schwefelhaltige Dieselkraftstoffe, die außerhalb Europas noch in vielen Ländern üblich sind. Beides würde nicht unbedingt in die Werbestrategien von BP oder Daimler passen.


RWE: Kleinholz in Großannoncen

Mittwoch, den 18. Juni 2008

Man glaubt gar nicht, wofür sich mit Fußball werben lässt! Die EM läuft, die halbe Republik sitzt vor Großbildschirmen, und Deutschlands größter Energieversorger RWE schaltet diese Annoncen:

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Nach dem niedlichen Kalb Vroni soll nun also ein fußballfeldgroßer Wald Sympathien wecken für Europas führenden Verursacher von Kohlendioxid. Nein, sogar 14.000 Fußballfelder voller Bäume, sorry, CO2-neutraler Energieträger preist RWE in der ganzseitigen Anzeige an. Umgerechnet 10.000 Hektar „Energieholz“ werde man „in den nächsten vier Jahren“ anbauen, heißt es im Annoncentext. „Bei dieser Form energetischer Wärme- und Stromgewinnung entsteht nicht mehr CO2, als die Pflanze vorher aufgenommen hat.“

Eine Nachfrage bei der freundlichen RWE-Pressestelle ergibt, dass derzeit erst ein paar hundert Hektar sogenannter „Mutterwald“ existieren, wo in Kooperation mit einer Baumschule Stecklinge herangezogen werden, vor allem Pappeln und Weiden. Doch die Flächen für die Plantagen werden gerade erst gesucht. Vor allem Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg habe man dafür im Blick. Aber auch ehemalige Braunkohle-Tagebaue, gibt der RWE-Sprecher zu, „böten sich an“. Zu deren Rekultivierung aber ist der Konzern ohnehin verpflichtet; dies als Klimaschutzmaßnahme zu verkaufen, wäre ziemlich dreist. „Ob die Flächen in alten Tagebauen liegen“, versichert RWE jedenfalls, „dazu gibt es noch keine Entscheidung.“

Letztlich soll das Holz gehäckselt und in modernen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen verbrannt werden, die zugleich Wärme und Strom erzeugen. Für eine erste Anlage im Landkreis Siegen-Wittgenstein legt RWE in diesen Tagen den Grundstein, sie wird eine elektrische Leistung von zehn Megawatt haben. Etwa 2012-2015 sollen zehn derartige Kraftwerke fertig sein. Insgesamt geht es also bei dem ganzen RWE-Vorhaben um klimaschonende Stromerzeugungskapazitäten von etwa 100 MW. Zweifellos ist das eine feine Sache. Bloß sind allein die zwei neuen Blöcke, die RWE derzeit am Kohlekraftwerk Neurath errichtet, mit 1.000 MW zehnmal so groß.