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Bauernpräsident Sonnleitner: Dumm oder dreist?

Dienstag, den 26. Januar 2010

Am Sonntag ging in Berlin die 75. Grüne Woche zu Ende, die weltgrößte Schau der Ernährungsindustrie. Da waren wieder mal Potemkinsche Öko-Dörfer zu sehen, weil die Realität der Intensivlandwirtschaft die Besucher verstören würde. Um Klimaschutz ging es allenfalls am Rande, dabei ist die Landwirtschaft hierzulande für etwa 15 Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich (weltweit sogar fürs Doppelte). Weil die Massentierhaltung eine der Hauptquellen für klimaschädliches Kohlendioxid, Methan oder Lachgas ist, fordern Experten seit langem weniger Fleischkonsum.

Und was macht Gerd Sonnleitner, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes? Er holt aus zum bewährten Grünfärber-Dreischlag: Aktivität vortäuschen, Ablenken, Leugnen. Auf seiner Pressekonferenz zum Abschluss der Grünen Woche klang das dann so (und das DeutschlandRadio verbreitete es unkommentiert): Die Bauern sorgten etwa dafür, sonnleitner_1

Das einzig Richtige daran ist, dass eine schonende Behandlung der Äcker zu vermehrter Aufnahme von Kohlendioxid führt und dem Klima nützt – doch die Agrarindustrie, für die der DBV steht, geht eben nicht schonend mit den Feldern um. Im übrigen, kritisiert Reinhild Benning vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), wehrt sich der Bauernverband explizit gegen die EU-Bodenschutzrichtlinie.

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Nunja, der Bauernverband arbeitet vor allem an einem Ausbau von Massentierhaltung und Export von Fleisch- und Milchüberschüssen – mit allen ihren negativen Folgen für Umwelt und Tiere. Aber dann der Höhepunkt:

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Bei dieser Argumentation drängt sich die Frage auf, ob Sonnleitner dumm ist oder dreist. Denn selbst wenn man für eine Kuh auf der Weide das Bild des geschlossenen Kreislaufes gelten ließe, sieht die deutsche Agrar-Realität ganz anders aus. Kaum ein Tier nämlich steht auf der Weide (jedenfalls nicht bei konventionellen Bauern), und ausgeblendet wird in Sonnleitners demagogischen Vereinfachung aller Diesel, den Traktoren verbrennen, aller Treibhausgas-Ausstoß aus der energieintensiven Herstellung und Nutzung von Kunstdüngern und Pestiziden – und natürlich die Tatsache, dass mehr als 70 Prozent der eiweißhaltigen Futtermittel aus dem Ausland kommen. Für Futtersoja beispielsweise wurden und werden Regenwälder abgeholzt, mit verheerenden Folgen fürs Weltklima.

Auch hierzulande wurden (unter anderem wegen des Booms bei Energiepflanzen) in den vergangenen Jahren viele ökologisch wertvolle Wiesenflächen („Grünland“) umgepflügt und in Mais- oder Getreideäcker verwandelt. „Das verursacht erhebliche CO2-Emissionen“, erklärt BUND-Agrarexpertin Benning. Und ausgerechnet Sonnleitner habe sich dafür eingesetzt, dass das sogenannte Grünlandumbruchverbot aufgeweicht wurde.

„Der Verzicht auf Fleisch und die Reduktion tierischer Lebensmittel an unserer täglichen Kalorienzufuhr bilden das größte Potential für den Klimaschutz bei unserer Ernährung“, betont Benning. Um mehr als 40 Prozent lässt sich dadurch der Treibhausgas-Ausstoßes senken. Doch Sonnleitner biegt sich die Realität zurechtnicht zum ersten Mal übrigens: Vor mehr als einem Jahr wies ihn der Vizepräsident des Umweltbundesamt in einem persönlichen Brief darauf hin. Genützt hat es offensichtlicht nichts.

Danke an Gergely R. für den Hinweis


Migros & Climatop: Besonders wenig ist relativ

Dienstag, den 26. Mai 2009

Damals, bei Oma und Opa gab’s irgendwann im Mai frisch gestochenen Spargel. Manchmal, wenn der Frühling ein besonders warmer war, sogar schon im April. Und an Johanni, dem 24. Juni, ist Schluss mit der Ernte.

Das ist lange her. Der moderne Mensch scheint es als großen Fortschritt anzusehen, Spargel auch zur Weihnachtsgans auf den Tisch bringen zu können. Spargel wird wie viele andere Agrarprodukte ganzjährig aus fernen Ländern eingeflogen, aus Neuseeland kommen sie, aus Afrika oder Südamerika. Der Schweizer Supermarktriese Migros macht nun Werbung für ein neues Gütesiegel namens „Climatop“. Produkte sollen damit gekennzeichnet werden, die „besonders tiefe CO2-Emissionen verursachen“. Und dieses Label klebt nun plötzlich auch auf Spargel aus Peru.

Wie das geht? Ganz einfach, wie die Pressemitteilung zum „climatop“-Spargel verrät: Das Siegel erhielten Produkte, die „einen wesentlich besseren CO2-Ausstoß als vergleichbare“ Waren hätten. Und, so die Argumentation zum Spargel aus Peru: Wenn dieser per Schiff statt mit dem Flugzeug komme, dann sänken die Klima-Emissionen auf ein Zehntel. Na bravo! Mit dem uralten rhetorischen Mittel des Vergleichs wird alles klein: Der Energieverbrauch eines Durchschnittseuropäers im Vergleich zu dem eines US-Amerikaners, der Spritdurst eines S-Klasse-Mercedes im Vergleich zum Militärauto Hummer, der Schaden durch Monokulturen auf Äckern im Vergleich zur Wüste Sahara – alles ist relativ.

Natürlich ist Schiffsspargel aus Peru weniger schädlich fürs Klima als eingeflogener. Auch gegenüber Spargel, der im Winter in aufwändig beheizten Gewächshäusern gezogen würde, ist er im Vorteil. Das alles ändert aber nichts daran, dass Spargel ein Saisongemüse ist. Wer im Frühsommer mit dem Fahrrad zum örtlichen Bauern fährt, hat die allerbeste Klimabilanz. Oma und Opa haben ganz automatisch das gegessen, was da war – und wenn es da war. Oma und Opa haben wahrscheinlich noch heute eine viel bessere Klimabilanz als so mancher aufgeklärte Konsument, der mit dem Auto zum Bioladen fährt und zweimal im Jahr in Urlaub fliegt. Spargel ebenso wie Erdbeeren und andere Produkte sollte man kaufen, wenn die Natur sie uns schenkt. Übrigens ist dann, nach langer Vorfreude, der Genuss auch größer!