Archiv des Schlagwortes ‘Hamburg’

Mercedes: Wir machen Hamburg nicht sauberer

Mittwoch, den 31. März 2010

mercedes_hamburgVor ein paar Wochen verteilte die Hamburger Stadtreinigung in der Hansestadt eine Broschüre, in der es ausgiebig ums Mülltrennen ging und die Sperrmüllabfuhr und so weiter. Dieses offiziöse Umfeld nutzte unter anderem Mercedes-Benz, um sein Umweltimage aufzupolieren.

„Wir machen Hamburg sauber“, so die vollmundige Behauptung in einer ganzseitigen Annonce – die sich nicht nur auf die Mercedes-Lkw der Müllabfuhr bezog, sondern auch auf E-Klasse-Limousinen. Die modernen Müllwagen, hieß es, hülfen dabei, „unsere Stadt noch schneller und effizienter sauberzuhalten“. Außerdem seien ihre Motoren „extrem verbrauchs-, geräusch- und emissionsarm“. Und dann dichteten die Mercedes-Werber:

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Na, ist es Ihnen aufgefallen? Das Wichtigste an der Aussage ist das Wörtchen „gerade“ am Beginn des zweiten Absatzes. Denn die neue E-Klasse gibt es in vielen Motorenvarianten, deren Emissionswerte alles andere als eindrucksvoll sind – der E 500 mit seinen 254 Gramm Kohlendioxid-Ausstoß pro Kilometer zum Beispiel ist eine wahre CO2-Schleuder. Und im Durchschnitt wäre es für die Hamburger Luft wie auch fürs Weltklima besser, wenn man nicht Mercedes führe, sondern zum Beispiel die direkte Konkurrenz von BMW. „Die Bayern konnten zwischen 2006 und 2008 den CO2-Ausstoß ihrer Flotte von knapp 190 auf 160 Gramm pro Kilometer senken, während die Mercedes-Flotte Ende 2008 immer noch durchschnittlich stolze 188 Gramm pro Kilomater ausblies“, erklärt Immo Terborg von der Hamburger Verbraucherzentrale. Erst seit 2009 versuche Mercedes bzw. die Konzernmutter Daimler, mit der „Blue-Efficiency-Technologie“ nachzuziehen. Die Verbraucherschützer schickten Mercedes wegen der Anzeige denn auch eine Abmahnung. Der Konzern zog daraufhin das Motiv zurück und gab eine Unterlassungserklärung ab. Bei grünfärberischer Werbung, kritisiert Terborg, „werden Verbraucher, die beim Kauf eines Neuwagens auch ans Klima denken, getäuscht“.

Der Slogan „Wir machen Hamburg sauberer“ passt offenbar eher zur Verbraucherzentrale, als zu Mercedes.


Hafengeburtstag: Schweiz greift Hamburg an!

Freitag, den 8. Mai 2009

Hamburg feiert an diesem Wochenende den 820. Hafengeburtstag – wie immer mit viel Brimborium, und Partnerland ist diesmal die Schweiz. Womöglich in Ermangelung schöner Segelschiffe, mit denen das Binnenland die Einlaufparade hätte bereichern können, schickten die Eidgenossen die Düsenjägerstaffel Patrouille Suisse in den hohen Norden. Am Nachmittag mussten die Besucher des Volksfests sowie Tausende Anwohner ungefragt eine gespenstische Flugschau über sich ergehen lassen: Sechs Kampfjets des Typs Northrop F-5 Tiger II (im Foto vor dem Matterhorn) kreisten eine Viertelstunde lang mit ohrenbetäubendem Lärm über Elbe und Innenstadt. Wer dachte, seit der Flugkatastrophe von Ramstein sei so etwas in Deutschland undenkbar, wurde eines Besseren belehrt.

Wie absurd. Die schwarz-grün regierte Hansestadt, die „grüne Hauptstadt Europas“ werden möchte, lässt ein anachronistisches, gefährliches Militär-Spektakel über ihrem Gebiet zu. „Schrecklich, da werden natürlich Erinnerungen wach“, sagte eine ältere Dame, die an einer Bushaltestelle wartete. „Ich zittere richtig“. Bis Sonntag sollen die Düsenjäger insgesamt sechsmal starten.

Eine grobe Überschlagsrechnung ergibt, dass die sechs Flugzeuge (Tank-Fassungsvermögen: 2563 Liter) bei ihren Hamburger Flugdarbietungen inklusive Hin- und Rückflug nach Bern rund 20.000 Liter Treibstoff verbrauchen und damit rund 46 Tonnen Kohlendioxid freisetzen. Wie schön, dass die Schweiz beim Hafengeburtstag unter dem Motto „Von Hei-di bis Hi-Tech“ auch ein Solar-Boot zeigt – und eine deutsch-schweizer Expertenrunde über das Thema „moderne Umwelt- und nachhaltige Verkehrspolitik“ diskutiert.


Luftfahrtstandort Hamburg: Fasziniert schweigen

Freitag, den 6. März 2009

Unter dem Motto Faszination Fliegen bietet eine „Initiative Luftfahrtstandort Hamburg“, ein Zusammenschluss von Unternehmen wie Airbus und Lufthansa sowie Behörden und Hochschulen in der Hansestadt, derzeit wieder eine Vorlesungsreihe für Kinder an.

Folgende Themen stehen in diesem Jahr auf dem Programm:

  • „Warum und wie fliegt ein Flugzeug?“
  • „Wie steuere ich ein Flugzeug?“
    und
  • „Woraus besteht ein Flugzeug?“

In der Ankündigung zur Vorlesung „Wie lebe ich in 10.000 Metern Höhe“? heißt es:

Wir finden die Idee, Kindern die Welt des Fliegens zu erklären, richtig klasse! Allerdings fehlen doch noch einige spannende Vorlesungsthemen, zum Beispiel:

Als weiterführendes Angebot würde bestimmt auch folgendes Thema die jungen Hamburgerinnen und Hamburger faszinieren:

Der Ankündigungstext könnte dann so lauten:

„Immer mehr Kinder werden zu Klimaflüchtlingen. Sie reisen mit den Eltern oder manchmal auch allein durch die weite Welt, weil immer mehr und schwerere Flut- und Dürrekatastrophen ihre Heimat zerstört haben. Allerdings reisen sie nicht mit dem Flugzeug, weil sie dafür kein Geld haben. Während andere Menschen Spaß haben und sich auf ihre nächste Flugreise freuen, müssen sie sich in einer ungewohnten Umgebung zurechtfinden, in der es ganz anders ist als zu Hause. Wir erklären, wie das alles zusammenhängt!“

P.S.: Die Luftfahrt-Initiative veranstaltet jetzt auch einen Mal- und Bastelwettbewerb Wie würde euer ‚grünes’ Flugzeug aussehen? Ein „grünes“ Flugzeug? Was soll das sein? Und warum tauchen auf der zugehörigen Internetseite Wörter wie Klimawandel und Umweltschutz nirgends auf? Auf Nachfrage lud uns ein Sprecher zum nächsten Vortrag ein und erklärte, das „Weiterentwicklungsprogramm des Luftfahrtclusters in Hamburg und der Strategie des ‚neuen Fliegens‘“ beziehe sich „auch auf die Zunahme des Flugverkehrs und die Reduzierung der Emissionen“. Die Idee der Vorlesungsreihe für Kinder sei „ein Zeichen dafür, dass der Luftfahrtstandort Hamburg die Probleme der Luftfahrtindustrie bewusst behandelt.“ Toll.


Vattenfall: Schweres Erbe für Generationen

Dienstag, den 2. September 2008

Hamburg erwartet mit Spannung die vermutlich wichtigste Entscheidung des Senats in dieser Legislaturperiode: Am 9. September wird die grüne Umweltsenatorin Anja Hajduk bekannt geben, ob das Kohlekraftwerk Moorburg weitergebaut werden darf oder nicht. Im Vorfeld versucht nun der Bauherr Vattenfall mit Großanzeigen in Hamburger Abendblatt und Bild noch einmal gut Wetter zu machen für das Großprojekt. Darin nimmt der Energiekonzern Bezug auf die Kampagne „Wachsende Stadt“, mit der Hamburg für Stadtentwicklungprojekte wie die neue „HafenCity“ wirbt.

Vattenfall schreibt: „Die Hansestadt wächst unaufhaltsam, und die Hamburger Bürger brauchen eine sichere Energieversorgung. Mit 12 Terawattstunden im Jahr deckt das neue Kohlekraftwerk Moorburg fast den kompletten Strombedarf der Stadt und liefert Fernwärme für Hunderttausende Haushalte.“

Im letzten Senats-Bericht „Monitor Wachsende Stadt“ dagegen ist zu lesen: „Da sich die Vorräte an fossilen Energieträgern erschöpfen und ihre Verbrennung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft die Hauptursache für den Klimawandel ist, ist es notwendig, die Potenziale der regenerativen Energien für eine wachsende Metropole zu nutzen.“ Eine Grafik zeigt, dass Hamburg bei den Pro-Kopf-CO2-Emissionen mit 10,8 Tonnen schon heute im vorderen Mittelfeld der Bundesländer liegt. Dazu heißt es: „Pro-Kopf-Emissionen von ca. 10 t entsprechen nicht mehr einer nachhaltigen Energienutzung.“ Hamburg lege daher ein „ambitioniertes Klimaschutzkonzept“ auf. Der Bericht stammt übrigens vom September 2007, als die CDU in Hamburg noch allein regierte.

Kurz darauf rang Vattenfall dem CDU-Senat eine umstrittene Vereinbarung ab, in der sich das Unternehmen unter anderem dazu verpflichtet, in Moorburg einige Jahre nach der für 2012 geplanten Inbetriebnahme eine CO2-Abscheidungsanlage (CCS) zu installieren. Allerdings ist dieses Versprechen angesichts der Rückschläge bei der CCS-Erforschung kaum einzuhalten. Weil Vattenfall sich von der Verpflichtung mit nur 10,5 Millionen Euro freikaufen kann, halten Kritiker den Deal für eine Mogelpackung.

Ginge das Kraftwerk wie geplant in Betrieb, würde es jährlich zehn Millionen Tonnen CO2 emittieren. Hamburgs CO2-Ausstoß würden um 70 Prozent anschwellen. Die Pro-Kopf-Emissionen stiegen auf einen Schlag um beinahe sechs Tonnen jährlich.

Der Vattenfall-Anzeigentext suggeriert, ohne Moorburg sei die Energieversorgung in Hamburg nicht „sicher“ – dabei droht in hierzulande keine Stromlücke, schon gar nicht in Hamburg, weil die zahlreichen geplanten Windparks vor den Küsten in Norddeutschland in wenigen Jahren für ein Überangebot an Strom sorgen werden. Entscheidend ist, dass Hamburg beziehungsweise Vattenfall in die richtigen Technologien investieren. Der BUND hat in einer Studie die Alternativen zu Moorburg durchgerechnet: Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien, verbesserter Energieeffizienz und erdgasbetriebenen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen würden die CO2-Emissionen um bis zu 80 Prozent geringer ausfallen als mit dem Großkraftwerk. Darüber hinaus zeigen die Berechnungen zweier Energieinstitute, dass der Betrieb von Moorburg schon bald unrentabel wird, wenn die Kohlendioxid-Emissionsrechte wie geplant voll versteigert werden. Auch die extrem teure Nachrüstung mit einer CCS-Anlage und die dadurch entstehenden Effizienzverluste würden das Kraftwerk unwirtschaftlich machen.

Unter der Vattenfall-Anzeige, die eine fröhliche Familie in der HafenCity zeigt, steht der Slogan:

Moorburg soll mindestens 40 Jahre laufen, also bis Mitte des Jahrhunderts – bis dahin müssen die Industrieländer ihre CO2-Emissionen um 80 Prozent reduziert haben. Mit neuen Kohlekraftwerken ist dieses Ziel praktisch nicht zu schaffen. Vattenfall baut in Moorburg also eher ein schweres Erbe für Generationen.


BP: Grünes Getöse in der Schule

Dienstag, den 4. März 2008

„Schon seit mehr als 35 Jahren“ engagiert sich der Öl- und Gas-Multi British Petroleum (BP) nach eigenem Bekunden an Schulen – seit 2005 auch an 19 deutschen Schulen in Bochum, Gelsenkirchen und Hamburg. Im September 2007 hat BP sein Schulprogramm um Unterrichtsmaterial zum Thema „Klima & Co“ für Schüler der 8. bis 10. Klasse erweitert, das auch online zugänglich ist. In ähnlicher Weise ist bereits der Kohle-Riese Vattenfall mit seiner „Klima-Akademie“ aktiv.

„Es geht darum, die Fakten zu kennen“, wird auf der BP-Homepage das Ziel erklärt. „Niemand kann richtige Entscheidungen über den Klimawandel treffen, wenn man nicht die richtigen Informationen hat.“

Stimmt – aber ob gerade ein Unternehmen der richtige Wissensvermittler ist, das vor allem am Verkauf von Energieträgern verdient, bei deren Verbrennung hunderte Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr entstehen? (Und das, wie Blogger aufspießen, bei seiner Klimabilanz kreativ rechnet.)

Beim Klick auf die Rubrik „Was können wir gegen CO2-Emissionen tun?“ kommen denn auch leise Zweifel auf: „Ideal wäre“, heißt es dort, „wenn wir die CO2-Emissionen auf ihrem derzeitigen Stand stabilisieren könnten.“ Das aber wäre alles andere als ideal. Die unbestrittenen Experten (und Friedensnobelpreisträger) vom UN-Klimarat IPCC haben nämlich vorgerechnet, dass der weltweite Ausstoß bis 2050 drastisch sinken muss, damit die Erderwärmung auf gerade noch beherrschbare zwei Grad Celsius begrenzt werden kann. Für die Industrieländer bedeutet das eine Minderung um etwa 80 Prozent.

Die BP-Homepage besticht durch hübsche Grafiken und bewegte Bilder – und jubelt den Schülern so zweifelhafte Lösungen des Klimaproblems unter: Erdgas und Wasserstoff beispielsweise firmieren bei BP unter „Alternative Energien“, die schon heute wichtigste Quelle von sauberem Strom – Wasserkraft – fehlt dagegen. In dem Filmchen zur Wasserstoffgewinnung aus Kohle, Erdöl oder -gas wird verschwiegen, dass die Verfahren energieaufwändig sind und die als selbstverständlich dargestellte Möglichkeit, das dabei anfallende Kohlendioxid abzutrennen und „langfristig“ unterirdisch zu lagern, gerade erst das Forschungsstadium erreicht hat. Und eine von BP und General Electric geplante Pilotanlage im schottischen Peterhead, wurde im Sommer 2007 ad acta gelegt: Weil sie BP zu teuer war und die Subventionen, die man von der britischen Regierung forderte, nicht flossen.

Geradezu grotesk wird es, wenn BP den Schülern „Möglichkeiten zur CO2-Reduktion“ vorstellt. Auch an dieser Stelle taucht natürlich wieder Wasserstoff auf (das Foto zeigt einen BMW Clean Energy und erwähnt natürlich nicht, dass es sich dabei nur um ein Testfahrzeug handelt). Dann wird die „Abholung von gelben Tonnen“ gezeigt (was möglicherweise mit Müll-Recycling zu tun hat, aber allenfalls sehr indirekt mit Klimaschutz) und schließlich – unter dem Foto eines Handschlags zweier Anzugträger, aber ansonsten absolut inhaltsleer – eine „Übereinkunft/Verpflichtung“ genannt.

Ah, ja, Händchen halten für den Klimaschutz. Das Stromsparen und die Wärmedämmung von Gebäuden, weniger Autofahren oder Flugreisen – all das kennt BP nicht als „Möglichkeiten zur CO2-Reduktion“.

Überhaupt ist am interessantesten, was BP in seinem Schulmaterial alles NICHT erwähnt: kein Wort von den Plänen, Pipelines durch Nationalparks und Naturschutzgebiete zu legen und den Kampf von Umweltschützern dagegen; kein Wort von Ölteppichen infolge rostiger Rohrleitungen oder heftiger Hurrikane noch von Explosionen in Raffinerien. Und die wissbegierige Schülerschaft erfährt auch nichts vom Einstieg des Unternehmens in die besonders energie- und CO2-intensive, schmutzige und umweltschädliche Gewinnung von Öl aus Sand in der kanadischen Provinz Alberta Ende 2007.

Jedenfalls nicht aus dem BP-Schulmaterial.

1999 ließ sich BP von seiner Werbeagentur ein neues Logo verpassen – und ein neues Motto: „Beyond Petroleum“, zu deutsch: „Über Erdöl hinaus“. Fast zehn Jahre lang mühte sich das Unternehmen in der Öffentlichkeit, als grün dazustehen – und Klimaunterricht passt sehr gut dazu. Die ZEIT hat BP vor ein paar Wochen einen doppelseitigen Artikel gewidmet und sich genau angeschaut, was hinter den Worten steckt. „Kann ein Ölkonzern ein grünes Unternehmen sein? Die Antwort lautet heute: Nein“, so die Schlussfolgerung der Autoren. Überschrift ihres Textes: „Grünes Getöse“. Selbiges verbreitet BP nun also auch in Schulen.

Danke an Anika M. und Kathrin W. für die Hinweise


Vattenfall: Große Versprechen in Moorburg

Mittwoch, den 20. Februar 2008

Am kommenden Sonntag wird in Hamburg gewählt, und da geht es auch ums Klima: CDU und FDP sind für den Bau eines großen Kohlekraftwerks durch den Energieerzeuger Vattenfall; SPD, Grüne und Linke sowie zwei Drittel der Hamburger lehnen das Projekt im Stadtteil Moorburg ab. Ab 2012 wird das Kraftwerk pro Jahr voraussichtlich 8,5 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen – die Emissionen der Hansestadt würden auf einen Schlag um 70 Prozent anschwellen.

Um das Kraftwerk genehmigt zu bekommen, handelte Vattenfall mit dem CDU-Senat im November eine umstrittene Vereinbarung aus. Darin verpflichtet sich der Konzern zu Umweltschutzmaßnahmen, unter anderem zu einer CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS). Der Energiekonzern verspricht, „spätestens zum 31.12.2013 genehmigungsfähige Anträge“ für die Zulassung einer solchen Anlage einzureichen und sie drei Jahre nach der Genehmigung in Betrieb zu nehmen. Vattenfall gibt sich damit extrem optimistisch, denn alle Experten gehen von einer Verfügbarkeit frühestens im Jahr 2020 aus. Im CDU-Wahlprogramm steht jedenfalls: „Das neue Kraftwerk soll eine CO2-Abtrennung erhalten und ist damit technologisch wegweisend.“

Das klingt alles sehr schön – aber was ist dran? Auf der Internet-Seite von Vattenfall findet sich neben dem Infotext zum Kraftwerk Moorburg ein Link zu dem „weltweit ersten Pilotprojekt für ein CO2-freies Kraftwerk“.

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Vattenfall baut derzeit in der Lausitz eine Versuchsanlage, um das sogenannte Oxyfuel-Verfahren zu erproben. Doch diese Technologie erfordert ein komplett anderes Anlagendesign als in konventionellen Kraftwerken – eine spätere Nachrüstung mit Oxyfuel ist deshalb nicht möglich. Auf Nachfragen räumt die für Moorburg zuständige Vattenfall-Sprecherin denn auch ein: Dort plane man mit dem „Post Combustion“-Verfahren, einer nachgeschalteten Rauchgaswäsche.

Aber forscht Vattenfall dann in der Lausitz nicht an der ganz falschen Technologie?

Die Sprecherin sagt, man sei finanziell auch noch an anderen Projekten beteiligt und verweist auf eines im norwegischen Mongstad. Dort wollen der norwegische Energiekonzern Statoil und das Energieministerium in einem gasbefeuerten Demonstrationskraftwerk die Post-Combustion-Technologie erproben. Doch zentrale Teile dieses Projekts wurden aufgrund der enormen Kosten gerade erst aufgeschoben. Ob und wann das in Mongstad abgeschiedene Kohlendioxid tatsächlich unterirdisch gelagert wird, steht in den Sternen.

Sicher ist: „Post Combustion“ ist die energieaufwändigste und teuerste von drei derzeit denkbaren CCS-Varianten. Die Technologie „führt zu einer signifikanten Erhöhung der Stromgestehungskosten, bringt einen erheblichen zusätzlichen Brennstoffverbrauch mit sich und reduziert substantiell den Kraftwerkswirkungsgrad“, bilanziert eine Studie des Wuppertal-Instituts. Der Netto-CO2-Austoß einer solchen Anlage reduziere sich übrigens nur um rund 67 Prozent.

So lässt denn auch die Vereinbarung mit dem CDU-Senat für Vattenfall Hintertüren offen, so groß wie Scheunentore. Die Zusage sei nur verbindlich, steht darin, wenn der Einsatz von CCS sich rechne (was bei der derzeit geplanten Technologie besonders unwahrscheinlich ist) und bis dahin die „rechtlichen und technischen Vorraussetzungen“ vorliegen (was angesichts des Forschungsstandes kaum zu erwarten ist).

Falls Vattenfall das Versprechen selbstverschuldet nicht erfüllt, muss das Unternehmen eine Strafe an Hamburg zahlen: 10,5 Millionen Euro. Allein die deutsche Vattenfall-Tochter erzielte 2007 ein Betriebsergebnis von 1,6 Milliarden Euro – vor allem mit seinen Kohlekraftwerken.


Vattenfall: CO2-freier Zweckoptimismus

Mittwoch, den 13. Februar 2008

Lars Göran Josefsson, Chef des schwedischen Stromkonzerns Vattenfall, hat am vergangenen Wochenende SpiegelOnline ein Interview gegeben. Darin bekundet er seinen festen Glauben an die CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) – kein Wunder, ist diese umstrittene Technologie doch die einzige Hoffnung, Vattenfalls Kohlekraftwerke klimaschonender zu machen. „Es wird funktionieren“, versprach er, „und nach 2015 wird die Technologie wirtschaftlich sein.“ Und das sage er „nicht nur auf Basis unserer Fortschritte, sondern auch, weil es ein gesellschaftliches Muss ist.“ Auf Norddeutsch: Wat mutt, dat mutt.

Unklar bleibt, worauf Josefssons Optimismus fußt – und wie er auf das Jahr 2015 kommt. Selbst Befürworter von CCS gehen bisher von einem Start des großtechnischen Einsatzes nicht vor 2020 aus. In den USA, wo die Bush-Regierung in der „Clean Coal“-Technologie einen Schlüssel zum Klimaschutz sieht, wurde gerade ein groß angekündigtes Forschungsprojekt auf Eis gelegt. Vattenfall selbst baut derzeit in der Lausitz die Mini-“Pilotanlage“ eines Braunkohlekraftwerks mit CCS, und schreibt dazu auf seiner eigenen Homepage:

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Wieso zeigt sich Josefsson plötzlich noch optimistischer? Vielleicht nicht wegen eigener Forschungsfortschritte, sondern wegen einer Vereinbarung, die Vattenfall im Dezember 2007 mit dem Hamburger CDU-Senat abgeschlossen hat? Ohne diese – butterweich formulierte – Erklärung hätte der Konzern ein im Stadtteil Moorburg geplantes Kohlekraftwerk kaum genehmigt bekommen. In dem Papier nämlich sprach der Konzern von anderen Daten: Bauanträge für eine CCS-Anlage werde man „spätestens zum 31.12.2013″ einreichen und „spätestens drei Jahre nach Erteilung der Genehmigung“ in Betrieb nehmen.

Und die versprochene ‚Wirtschaftlichkeit? Weil die CCS-Technologie in jedem Fall teuer ist und viel Energie verschlingen wird, kamen Experten des Wuppertal-Instituts in einer gründlichen Analyse zu dem ernüchternden Ergebnis: „Schon im Jahr 2020, dem Jahr der voraussichtlich frühesten kommerziellen Verfügbarkeit der CCS-Technologie, dürften eine Reihe von erneuerbaren Energietechnologien zu vergleichbaren oder günstigeren Konditionen Strom anbieten.“