Archiv des Schlagwortes ‘Magazin +3’

Neues aus dem Fundus (V): Deutsche Psst!

Donnerstag, den 27. Oktober 2016

Och!
Bitte!!
Nicht schon wieder!!!

Das Magazin +3 ist ein Exot in der deutschsprachigen Presselandschaft. Es berichtet nicht, sondern stellt auf seinem Titelblatt drei Fragen. An die Leser, an Experten, an die Gesellschaft. Das Blog vollaufdiepresse.de urteilte, das Magazin würde „mit innovativen Ansätzen den Versuch eingehen, gesellschaftspolitische Debatten anzustoßen“.

Drei Fragen also an die Gesellschaft. Im Oktoberheft wird beispielsweise gefragt: „Welche Verantwotung haben Unternehmen?“

Interessant ist das Magazin natürlich auch für Antworten aus der Wirtschaft. Zum Beispiel für die Deutsche Post, die gleich eine ganze Seite buchte:

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Stimmt: Die Deutsche Post hat zusammen mit der Universität Aachen (und ganz viel vom Steuerzahler finanziertem Fördergeld) ein elektromobiles Zustell-Auto entwickelt. Und: Stimmt auch, das fährt elektrisch. Aber fährt es auch 100 Prozent klimafreundlich?

Der Klima-Lügendetektor hat die Deutsche Post bei diesem Thema schon zweimal der glatten Lüge überführt. Denn folgender Zusammenhang ist nicht automatisch gegeben:

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100 Prozent Kohlendioxid-frei sind 100 Prozent elektrisch betriebene Fahrzeuge nur, wenn sie 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren tanken. Damals hatte uns ein Leser aus München gebeten, doch einmal zu recherchieren, welchen Strom die Post eigentlich tankt. Ergebnis: sogenannten RECS-Strom.

RECS ist die Abkürzung für das Renewable Energy Certificate System, das in Deutschland unter anderem von den Kohlekonzernen Eon, RWE und Vattenfall mitbegründet wurde. Kritiker bezeichnen die Organisation als Greenwashing-Zentrale: Für jede in Skandinavien oder den Alpenländern gewonnene Kilowattstunde Strom bekommt der dortige Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat, das er für etwa 0,05 Cent pro Kilowattstunde weiterverkaufen kann. Das bedeutet andersherum, dass jeder, der zum Strompreis zusätzlich noch 0,05 Cent pro Kilowattsunde draufzahlt, die gleiche Strommenge aus Atom- oder Kohlekraftwerken als „Ökostrom“ anpreisen darf.

„So wird aus konventionellem Strom Ökostrom“, beschreibt Thorsten Kasper, Energieexperte beim Verbraucher­zentrale Bundes­verband (VZBV), den Mechanismus. „Der Nutzen für die Umwelt ist gleich Null. In Skandinavien wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, dass mit den dazugehörigen Zertifikaten die gesamte bundesdeutsche Produktion von Atom- und Kohlestrom für Haushaltskunden zu Ökostrom umetikettiert werden könnte. Dieses System schafft aber keinen Anreiz für den Bau neuer umweltfreundlicher Anlagen. Unterm Strich wird weiterhin so viel konventioneller Strom produziert wie bisher.“

Der Chef der Deuschen Post, der Vorstandsvorsitzende Frank Appel, schrieb in seinem Blog 2013: „Es gilt nun, nicht nachzulassen, denn wir haben keine Zeit mehr, den Klimaschutz auf morgen zu verschieben.“ Nun: Fragen wir doch bei der Post einmal nach, ob sie inzwischen klimafreundlicheren Strom tankt. Wir müssen die Anfrage an die Pressestelle schriftlich stellen, schließlich ist das ein Detail, das von der Fachabteilung bearbeitet werden muss.

Hier die Antwort:

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Das ist nicht ganz befriedigend! Bedeutet „mit zertifiziertem grünen Strom“, dass die Post immer noch den RECS-Trick anwendet? Für 0,05 Cent aus Braunkohlestrom pseudogrünen Schwindelstrom macht? Woher stammt der elektromobile Strom der DHL?

Wir fragen also noch einmal nach. Diesmals schreibt die Pressestelle der Post:

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„Welche Verantwortung haben Unternehmen?“, fragt das Magazin +3 in besagter Oktoberausgabe.

Liebe Post: Bitte Psssst!


PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.