Deutsche Post: Besser Psst!

„Der Journalist“ heißt die Fachzeitschrift für Journalistinnen und Journalisten: Wer Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband DJV ist, bekommt sie einmal im Monat kostenlos. Alle anderen zahlen 12 Euro pro Ausgabe. Immerhin 39.966 Exemplare werden laut IVW-Analyse monatlich verkauft. Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, kurz IVW, ermittelt, wie oft ein Medium tatsächlich über die Ladentheke geht.

„83 Prozent der Journalist-Bezieher sind hauptberuflich als Redakteur, Volontär, Ressortleiter, Bildjournalist, Chefredakteur oder für Spezialbereiche (Umbruchredakteur, Agenturredakteur, Online-Redakteur) tätig“, heißt es in den Mediadaten des Fachblatts. Man kriegt sie also alle – die Medienschaffenden, die Meinungsmacher, die Menschen der Nachrichten und der Magazine. Garantiert jedenfalls alle, die gewerkschaftlich im DJV organisiert sind.

In der aktuellen Ausgabe finden also die Journalistinnen und Journalisten des Landes folgende Anzeige (39.966 gedruckte Mal):

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„DEUTSCHE PSST“, haben sich die Werber ausgedacht. Und die DEUTSCHE POST hat dafür 8.740,00 Euro ausgegeben – netto, wie der Blick in die Anzeigenpreisliste zeigt.

Aber klar, wenn die Deutsche Post sie damit alle kriegt, die MedienMagazinMeinungsMacher, dann ist das möglicherweise gut investiertes Geld. Oder vielleicht doch nicht? Im Kleingedruckten heißt es:

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Na also: „Wow!“, „Hey!“ und „Toll!“ Endlich wird einmal ein Bereich unseres Lebens emissionsfrei. Zwar nur im Testversuch mit den „StreetScooters“, aber neben „CO2-frei“ obendrein auch noch „leise“ – also PSST!

Bekanntermaßen ist Elektromobilität fürs Klima nur so gut wie der „getankte“ Strom. Der Klima-Lügendetektor hatte sich im Mai mit genau dieser Frage befasst: Welchen Strom tankt die Deutsche Post für ihr Modellvorhaben? Ergebnis: sogenannten RECS-Strom.

RECS ist die Abkürzung für das Renewable Energy Certificate System, das in Deutschland unter anderem von den Kohlekonzernen Eon, RWE und Vattenfall mitbegründet wurde. Kritiker bezeichnen die Organisation als Greenwashing-Zentrale: Für jede in Skandinavien oder den Alpenländern gewonnene Kilowattstunde Strom bekommt der dortige Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat, das er für etwa 0,05 Cent pro Kilowattsunde weiterverkaufen kann. Das bedeutet andersherum, dass jeder, der zum Strompreis zusätzlich noch 0,05 Cent pro Kilowattsunde draufzahlt, die gleiche Strommenge aus Atom- oder Kohlekraftwerken als Ökostrom anpreisen darf.

„So wird aus konventionellem Strom Ökostrom“, beschreibt Thorsten Kasper, Energieexperte beim Verbraucher­zentrale Bundes­verband (VZBV), den Mechanismus. „Der Nutzen für die Umwelt ist gleich Null. In Skandinavien wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, dass mit den dazugehörigen Zertifikaten die gesamte bundesdeutsche Produktion von Atom- und Kohlestrom für Haushaltskunden zu Ökostrom umetikettiert werden könnte. Dieses System schafft aber keinen Anreiz für den Bau neuer umweltfreundlicher Anlagen. Unterm Strich wird weiterhin so viel konventioneller Strom produziert wie bisher.“

„CO2-frei für Sie unterwegs“, behauptet die DEUTSCHE POST. Nun ist das Handwerkszeug der Journalisten die Recherche. Wir glauben deshalb, dass der versuchte Betrug auffliegen wird. Und raten den Werbern besser zum „PSST!“

Vielen Dank an Marco E. aus München für den Hinweis!