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Yahoo, n-tv & Co: Maxi-Quatsch zur ‚Mini-Eiszeit‘

Mittwoch, den 15. Juli 2015

Hach, wäre das nicht toll, wenn uns die Sonne den Klimaschutz abnähme? Wenn ein Sinken der Sonnenaktivität die Erderwärmung ausbremsen würde, ja, dann könnten RWE und Vattenfall weiterhin fröhlich Braunkohle verfeuern, dann könnten alle Menschen einen dieser bulligen SUV-Stadtgeländewagen fahren, und wir könnten weiterhin jeden Sommer hemmungslos riesige Fleischbatzen auf den Grill legen, die dank Sojafütterung aus abgeholzten Regenwäldern geilbillig sind.

Diese Woche ist unser Wunsch in Erfüllung gegangen. Jedenfalls den Schlagzeilen von Yahoo-News

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… oder focus.de

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… oder auch n-tv nach zu urteilen.

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Blöd nur: Dass es auf der Erde „klirrend kalt wird“ und wir bald „zittern müssen“ wegen der „Mini-Eiszeit“ – das ist alles Maxi-Quatsch.

Die Berichte gehen zurück auf eine Pressemitteilung der britischen Royal Astronomical Society (RAS) vom Donnerstag vergangener Woche. „Ungleichmäßiger Herzschlag der Sonne getrieben von Doppel-Dynamo“, lautete die wenig spektakuläre Überschrift. In der Mitteilung ging es um einen Vortrag, den Valentina Zharkova, eine Mathematik-Professorin an der Northumbria-University in Newcastle, auf der RAS-Jahrestagung im walisischen Seebad Llandudno hielt.

Dort referierte sie also ihre Erkenntnisse über die künftige Sonnenaktivität. Dass diese schwankt und mit ihr dieZahl der Sonnenflecken, ist in der Wissenschaft lange bekannt. Eine Reihe von Forschern hält es für ziemlich wahrscheinlich, dass die nächsten beiden Sonnenzyklen (in der Wissenschaft als 25 und 26 nummeriert) deutlich schwächer ausfallen als das langjährige Mittel. Valentina Zharkova gehört zu ihnen. Und laut Pressemitteilung prognostiziert sie, dass „während der 2030er Jahre die Sonnenaktivität um 60 Prozent fallen wird auf einen Stand, wie er zuletzt während der ‚Mini-Eiszeit‘ beobachtet wurde, die 1645 begann“.

Huh, das klingt in der Tat frostig. Während jener „Kleinen Eiszeit“ nämlich fror beispielsweise die Themse in London wochenlang zu. Damals war die Sonnenaktivität sehr schwach, als „Maunder-Minimum“ wird diese Phase bezeichnet. Eine etwas weniger ausgeprägte Schwächephase, das „Dalton-Minimum“, folgte übrigens im frühen 19. Jahrhundert, die wiederum mit einer Temperaturabkühlung auf der Erde zusammenfiel.

Doch die reißerischen Berichte haben gleich mehrere Haken:

1. Zwar beziffert Zharkova die Sicherheit ihrer Prognose zur schwächeren Sonnenaktivität auf 97 Prozent – doch viele andere Forscher bezweifeln, dass solche Aussagen mit so großer Sicherheit seriös getroffen werden können. Die Aktivität der Sonne sei „derart komplex, dass niemand in der Lage ist, eine zuverlässige Prognose für die nächsten 15 Jahre zu treffen“, sagt beispielsweise Sami Solanki vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen. „Eine Abnahme der solaren Aktivität über die nächsten Dekaden ist nicht auszuschließen, aber die Vorhersagen dieser Entwicklung sind generell als sehr unsicher eingestuft“, sagt Reto Knutti von der ETH Zürich.

2. Die „Kleine Eiszeit“ war laut neuester Forschung kein weltweites Phänomen, sondern auf die nördliche Halbkugel begrenzt. Außerdem waren die Ursachen der Kältephasen nicht allein das Maunder- oder Dalton-Minimum – auch Vulkanausbrüche spielten eine Rolle, bei der Partikel in die Atmosphäre geschleudert werden, die die Sonneneinstrahlung verringern.

3. Vor allem aber haben die Journalistenkollegen von n-tv, focus.de und vielen anderen Medien die Pressemitteilung nicht richtig gelesen. (Falls sie die überhaupt gelesen haben.) Dort steht nämlich kein einziges Wort darüber, welche Folgen die von Valentina Zharkova prognostizierte schwächere Sonnenaktivität für das Erdklima hätte. (Was man ihr kaum vorwerfen kann, weil sie ja keine Klimatologin ist.) Kurz gesagt: 60 Prozent weniger Sonnenflecken bedeuten nicht 60 Prozent weniger Sonnenstrahlung und erst recht nicht 60 Prozent weniger Erderwärmung.

Aber was würde denn ein neues Maunder- oder Dalton-Minimum (wenn es denn käme) wirklich für den Klimawandel bedeuten?

Genau diese Frage ist in den vergangenen Jahren von zahlreichen Klimaforschern untersucht worden, hier eine Auswahl der Studien zum Thema: Rahmstorf/Feulner 2010, Jones et al. 2012, Anet et al. 2013, Meehl et al. 2013, Zhao et al. 2014, Ineson et al. 2015. Alle diese Studien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis: Die Abkühlung infolge sinkender Sonnenaktivität werde bis Ende des Jahrhunderts nicht mehr als 0,3 °C betragen – bei einer (laut IPCC) insgesamt erwarteten Erwärmung von bis zu 4,8 °C. 

Zwar könne es gut sein, heißt es etwa in dem Aufsatz von Ineson et al., der vor gerade vier Wochen in Nature Communications erschienen ist, dass eine neue „Mini-Eiszeit“ regional spürbar wird (wie eben vor Jahrhunderten beim Zufrieren der Themse) – doch weltweit betrachtet und im Vergleich zum Klimaeffekt der menschengemachten Treibhausgase falle sie kaum ins Gewicht:

minieiszeit_ineson2015

Einfach (und in einer Autofahrer-Analogie) zusammengefasst: Ein Sinken der Sonnenaktivität hülfe ungefähr so viel, wie wenn Sie mal kurz auf die Bremse tippen, während auf dem Gaspedal ein Backstein liegt.

Aber weil ein Bild mehr sagt als tausend Worte, zeigen wir hier noch eine Grafik, in der die Kollegen von der Website skepticalscience.com die Ergebnisse der Forschung visualisiert haben:

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Die schwarze Zick-Zack-Kurve zeigt die real gemessene Erdmitteltemperatur seit dem Jahr 1900. Die rote und die blaue Linie zeigen, wie es laut Klimamodellrechnungen bei einem bestimmten Niveau menschengemachter Treibhausgasemissionen mit der Erwärmung wohl weitergeht – einmal bei einer Sonnenaktivität auf bisherigem Niveau (rot) und einmal im Falle eines Großen Solarminimums (blau).

Sieht insgesamt irgendwie nicht nach „klirrend kalt“ oder einer Eiszeit aus, oder?


Ökostromförderung: Einseitige Zahlen

Samstag, den 16. Oktober 2010

Es ist Jahr für Jahr dasselbe: Mitte Oktober legen die Betreiber der Strom-Übertragungsnetze die sogenannte EEG-Umlage fest – also den Betrag, mit dem Stromkunden im Folgejahr den Ausbau der Erneuerbaren Energien fördern. Laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten ja Wind-, Solar- oder Biogas-Anlagen von den Netzbetreibern feste Abnahmetarife für ihren Strom, die Kosten werden dann auf (die meisten) Stromkunden umgelegt. Diese Woche war es wieder soweit, und so sahen die Schlagzeilen (Financial Times Deutschland, Süddeutsche Zeitung, Hamburger Abendblatt, n-tv) aus:

Was war passiert? Die EEG-Umlage soll von aktuell 2,047 Cent pro Kilowattstunde auf 3,53 Cent im kommenden Jahr steigen. Das ist tatsächlich ein Plus von rund 70 Prozent – doch weil die Umlage nur einen kleinen Teil des Strompreises ausmacht, steigt dieser durch die höhere EEG-Umlage nur um ein paar Prozentpunkte. Naja, unter „explodieren“ oder „drastisch“ verstehen wir eigentlich etwas anderes.

Aber gut, der Strom wird 2011 teurer – für einen durchschnittlichen Haushalt mit 4.000 kWh Verbrauch um etwa fünf Euro im Monat bzw. 60 Euro im Jahr. Doch verglichen mit den allgemeinen Preiserhöhungen der vergangenen Jahre, so der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE), ist das ziemlich moderat. Zudem unterschlägt der Blick ausschließlich auf die EEG-Umlage, dass im Gegenzug Wind- und Sonnenkraft den Börsenpreis für Strom drücken. Experten nennen dies den „Merit-Order-Effekt“: An der Börse nämlich wird der Strompreis durch das teuerste Kraftwerk bestimmt, das gerade noch zur Deckung der Gesamtnachfrage benötigt wird. An windreichen Tagen oder im Sommer zur Mittagszeit, wenn Windräder oder Solaranlagen viel Strom liefern, verdrängen sie auch viele teure Kraftwerke. Eon hat dazu schon vor Jahren Gutachten erstellen lassen, und Vattenfall ärgerte sich vor ein paar Wochen öffentlich, dass Windkraft die Profite schmälert. Laut einer Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München sorgten die Erneuerbaren Energien beispielsweise 2008 für Preisdämpfungen von bis zu 5,4 Milliarden Euro. Der gemeine Stromkunde aber merkt davon wenig, weil die Konzerne niedrigere Börsenpreise nur selten an private Endverbraucher weitergeben.

„Zu einer sachlichen Debatte gehört auch, den Nutzen der Erneuerbaren Energien transparent zu machen“, fordert Jörg Mayer, Geschäftsführer der halbstaatlichen Agentur für Erneuerbare Energien. Der EEG-Umlage stünden nämlich (siehe Grafik) viel größere Vorteile gegen- über, etwa die rund 340.000 Jobs in der Ökostrom-Branche oder vermiedene Umweltschäden etwa durch das Abschalten von Kohlekraftwerken.

Ohnehin würden Stromkunden sich die Augen reiben, wenn die gesamten Kosten von Atom- und Kohlekraftwerken auf der Energierechnung auftauchten. Um rund vier Cent pro Kilowattstunde, hat Greenpeace Energy ausrechnen lassen, müssten die Tarife steigen, wenn alle offenen und verdeckten Subventionen der konventionellen Energien auf den Strompreis umgelegt würden.

Und außerdem, betont das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in einer Studie, sei die EEG-Umlage nur vorübergehend so hoch. Der starke Anstieg in diesem Jahr lasse sich „im Wesentlichen auf mehrere einmalige oder zumindest außergewöhnliche Effekte zurückführen“, etwa einen Extra-Boom bei Solaranlagen, den Schwarz-Gelb durch ein langes Hin und Her um die Kürzung der Einspeisevergütung noch angeheizt hatte. Auf etwa drei Cent pro Kilowattstunde, so das Institut, dürfte die Umlage künftig noch steigen – dann aber zwischen 2016 und 2020 wieder zu sinken beginnen.

Aber erstmal, in den kommenden Wochen, werden die Stromversorger die EEG-Umlage für saftige Preiserhöhungen nutzen – und damit nebenbei versuchen, die Verbraucher gegen die Ökostrom-Förderung aufzubringen. Vorsorglich meldete sich bereits Matthias Kurth zu Wort, der Chef der Bundesnetzagentur: Die Endkunden dürften „nicht in vollem Umfang mit der erhöhten EEG-Umlage belastet werden“, forderte er – auch Kostensenkungen, etwa durch die geringeren Börsenpreise, müssten an die Verbraucher weitergegeben werden. Malsehen, wie viele Stromversorger dieser Forderung nachkommen.