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Equinor: Sich mit Erdgas dumm stellen

Montag, den 19. Oktober 2020

Der sehr geschätzte Mathelehrer Herr Feldmann pflegte stets zu sagen: „Es gibt keine dummen Fragen! Es gibt nur dumme Antworten.“ Schauen wir uns also mal die folgende Frage an:

Was hat Erdgas mit Sonne und Wind zu tun? Es ist das Back-up von beiden.

Die Annonce ist kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, ebenso in der Süddeutschen Zeitung. Absender ist der norwegische Konzern Equinor.

Der Name sagt Ihnen nichts? Kein Wunder, er ist auch noch ziemlich neu. Bis 2018 hieß der Konzern Statoil, er ist das größte Unternehmen Norwegens und ein weltweit aktiver Öl- und Gasförderer. Zwar baut Equinor seit einigen Jahren auch große Windparks und will sich als grüner Energieerzeuger profilieren. Und tatsächlich ist Equinor unter den Ölmultis jener mit den (mit Abstand) größten Investitionen in Erneuerbare.

Doch trotz Namensänderung und neuem Image fließt auch bei den Norwegern immer noch nur ein Bruchteil der Unternehmensinvestitionen in erneuerbare Energien: In diesem Jahr sind es laut den Finanzanalysten von Motley Fool rund eine halbe Milliarde US-Dollar – bei einem Gesamtbudget von 8,5 Milliarden. Vor einem Jahr erst hat Statoil/Equinor an einem weiteren gigantischen Ölfeld in der Nordsee die Förderung aufgenommen. Von „Doppelmoral beim Klima“ sprach angesichts dessen die Welt, und tagesschau.de titelte: „Grünes Image, alte Energie“.

Kein Wunder also, dass Equinor noch möglichst lange möglichst viel Erdgas verkaufen will. Dafür muss man in heutigen Zeiten natürlich einen grünen Dreh finden. Im Kleingedruckten unter der Schlagzeile heißt es denn auch:

Die Welt der Energie verändert sich und wir gehen mit. Als breit aufgestelltes Energieunternehmen mit Erfahrungen mit Erdgas und erneuerbaren Energien sind wir seit über 40 Jahren Deutschlands Partner, um gemeinsam die Energiezukunft zu gestalten. Wenn Sonne und Wind mal nicht da sein sollten, springt Erdgas als Vertretung ein -- denn Erdgaskraftwerke können schnell und flexibel hochgefahren werden und sichern so zuverlässig die Energieversorgung Deutschlands. Mehr Information auf equinor.de

Es ist also das alte Brückentechnologie-Argument: „Wir brauchen Erdgas noch, solange Wind und Sonne nicht die volle Versorgung übernehmen können.“ Sozusagen als „Back-up von beiden“.

Vor einem Jahrzehnt war die Atomkraft noch die Brückentechnologie, die wir unbedingt brauchten, wenn Sonne und Wind mal nicht einspeisen. Damals wurden die Laufzeitverlängerungen der deutschen Atomkraftwerke mit diesem Argument grüngefärbt (zum Beispiel von Angela Merkel in diesem wunderbaren Videoclip von 2009). Zehn Jahre später es nun das Erdgas.

Klar, Gaskraftwerke produzieren weniger Treibhausgase als Kohleblöcke, pro Kilowattstunde erzeugtem Strom stoßen sie nur rund ein Drittel der CO2-Mengen aus, die ein Braunkohlekraftwerk verursacht. Doch einerseits sind das immer noch rund 400 Gramm pro Kilowattstunde. Andererseits gilt das nur, wenn man die Emissionen am Kraftwerks-Schornstein betrachtet: Bevor der angeblich so klimaschonende Brennstoff Erdgas im Kraftwerk ankommt, gelangen erhebliche Mengen in die Atmosphäre – etwa bei der Förderung an undichten Bohrlöchern oder aus den Lecks von Pipelines.

Der Hauptbestandteil von Erdgas ist Methan, und das ist ein hochwirksames Treibhausgas. Je nachdem, welche Zeiträume man betrachtet, schädigt eine Tonne Methan das Klima so stark wie 28 bis 84 Tonnen Kohlendioxid (IPCC 2013, AR5, WG1, Ch.8, Table 8.7). Besonders viel wird bei der umstrittenen Erdgas-Fördertechnik Fracking freigesetzt, es gilt inzwischen als eine der Hauptursachen für den rasant steigenden Methan-Gehalt in der Atmosphäre. Bezieht man die Klimaschäden aus der sogenannten Vorkette ins Gesamtbild ein, dann ist der Öko-Vorteil von Erdgas viel kleiner – so eine Studie der Energy Watch Group, die vor gut einem Jahr veröffentlicht wurde. Erdgaskraftwerke könnten unterm Strich sogar klimaschädlicher sein als Kohleblöcke – je nach Herkunft des Brennstoffs. Auch als flüssiges LNG importiertes Erdgas bringe, erklärte das Bundesumweltministerium vergangenes Jahr gegenüber der Deutschen Welle, „im Vergleich zur Kohle in der Regel keine Treibhausgasminderung mit sich“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, der muss in den kommenden Jahren nicht nur den Verbrauch von Kohle und Erdöl drastisch senken, sondern auch den Verbrauch von Erdgas. Bis Mitte des Jahrhunderts müsse es einen kompletten Abschied von fossilen Brennstoffen geben, betont etwa Niklas Höhne vom NewClimate Institute in Köln. „Insofern kann Erdgas nur eine sehr kleine Rolle beigemessen werden auf dem Weg hin zu einer klimafreundlichen Welt.“

Dennoch setzt nicht nur Equinor auf Erdgas, auch das Europaparlament will den Energieträger weiter fördern. Mehrere deutsche Umweltverbände warnen, dies wären fatale Fehlinvestitionen – der Einsatz von Erdgas müsse „auf ein Minimum reduziert werden und schnellstmöglich zum Erliegen kommen“, schrieben sie Anfang Oktober in einem Brandbrief. Wenn man jetzt noch viele Milliarden in Erdgas-Infrastruktur oder -Kraftwerke investiere, dann „droht ein fossiler Lock-in auf Jahrzehnte“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, hört auf, sein Geld in „Brückentechnologien“ zu investieren. Sonne und Wind statt angebliches Back-up: Man darf annehmen, dass auch die Equinor-Spitze all dies weiß. Vielleicht hat der geschätzte Mathelehrer recht mit der Behauptung, dass es keine dummen Fragen gibt. Aber es gibt Fragen, die sich dumm stellen.

Danke an Tim P. und an Tina T. aus Rüsselsheim für den Hinweis


Dr. Angela Merkel: Die Vergangenheit vergessen

Mittwoch, den 11. September 2019

„Wir haben unsere Klimaziele 2010 eingehalten.“

Im Bundestag stand heute die Debatte zum Bundeshaushalt 2020 an. Und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagt bei Minute 26:36 dieser Übertragung der Debatte den folgenden folgenschweren Satz:

„Wir haben unsere Klimaziele 2010 eingehalten.“

Echt jetzt?

Wir haben mal kurz in der Vergangenheit geblättert und folgende Aussage von Frau Bundesumweltministerin Dr. Angela Merkel (CDU) aus dem Jahr 1997 gefunden:

Minus 25 Prozent bis 2005?

Noch im Jahr 2010 lag die deutsche Klimaschuld bei 942.542.000 Tonnen – gerade einmal 24,7 Prozent unter dem Niveau von 1990. Ziel also NICHT erreicht!

Aber es galt 2010 ja ohnehin schon ein neues Klimaziel: minus 40 Prozent bis 2020. Im „Aktionsprogramm Klimaschutz 2020″ heißt es:

Im Wahlkampf 2017 erklärte Kanzlerin Angela Merkel: „Wir werden Wege finden, wie wir bis 2020 unser 40-Prozent-Ziel einhalten. Das verspreche ich Ihnen.“

Leeeeider wird das ja nun nix mit dem Erreichen des Klimaziels 2020, wie die Kanzlerin auf ihrer Sommerpressekonferenz eingestehen musste. Aber Angela Merkel verspricht uns in der aktuellen Bundestagsdebatte, dass das Klimaziel für 2030 diesmal

echt jetzt,
wirklich,
ganz bestimmt,
unbedingt wahr,
nunmehr aber fest ganz doll versprochen

von der Bundesregierung eingehalten werden wird!

Diesmal wirklich.

PS: Seit Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2019 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


BMW: Mit Atemnot werben

Sonntag, den 4. November 2018

In der griechischen Tragödie ist die Nymphe Hybris gern gesehene Protagonistin für das Scheitern. Denn Hybris war seinerzeit nicht nur überheblich, sie ignorierte auch den Zustand der Welt.

Daran erinnern uns die Bayerischen Motoren-Werke BMW mit der folgenden Anzeige aus der Süddeutschen Zeitung:

Beworben wird die 8er-Reihe von BMW, deren neue Modelle im März 2019 bei den Händlern stehen sollen. Der Grundpreis der Geschosse liegt bei 150.000 Euro, die 530 PS der Autos katapultieren einen Menschen in 3,9 Sekunden von null auf 100 Stundenkilometer. Außerdem verwüsten diese Autos die Umwelt mit Strickoxiden, Feinstaub, Reifenabrieb und einem viertel Kilogramm Treibhausgas pro gefahrenem Kilometer.

Der Grenzwert liegt aktuell bei 130 Gramm je Kilometer – ab 2020 gelten dann 95 Gramm als zulässig, lediglich ein Drittel dessen, was die neuen BMWs rausblasen.

Aber es ist ja nicht so, dass BMW das nicht selbst wüsste. Wie heißt es doch gleich in der Anzeige?

Es ist atemraubend, wie offen BMW seine Schuld bekennt!

Oder ist es Hybris?

Jedenfalls ersuchen wir hiermit die Staatsanwaltschaft München, ein Ermittlungsverfahren gegen BMW wegen vorsätzlicher Körperverletzung (oder auch: vorsätzlichem Mord) einzuleiten. Denn BMW hat im Dieselskandal nicht nur bewusst getäuscht, getrickst und verschleiert!

Sie kündigen jetzt auch noch an, dies künftig weiterhin tun zu wollen.

Vielen Dank für den Hinweis von Ullrich S. und Bernhard P. aus Berlin!