Archiv des Schlagwortes ‘Atomkraft’

RWE: In der Lügenfalle

Freitag, den 15. Mai 2015

Spielen Sie Schach?

Da kann es folgende Situation geben: Sie spielen Zug um Zug, haben das Gefühl, dass alles super läuft. Der Gegner wird bald geschlagen sein, Sie werden Ihren König sicher durchs Spiel bringen. Und da passiert es: Sie haben sich in eine Situation hineinmanövriert, in der Sie nichts mehr richtig machen können. Egal, welchen Zug Sie als nächstes auch tun, es wird ein falscher sein. Sie sind überführt, noch bevor Sie Ihre Figur setzen.

So geht es auch Peter Terium und RWE.

Und folgendermaßen läuft die Partie: Unter dem Druck der Kritiker behauptete das Unternehmen jahrelang, dass es genügend Geld für den Rückbau der Atomkraftwerke zur Seite gelegt hat. Das Geld sei sicher, hieß es. Wieder und wieder und wieder. Zehn Milliarden Euro an Atomrückstellungen stünden bereit und warteten nur darauf, bei Bedarf für den AKW-Rückbau und die Lagerung der strahlenden Altlasten ihren Einsatz zu finden. Schachfigur gesetzt.

Angriff an der Nuklearflanke fürs Erste abgewehrt.

Die Partie geht aber weiter. Scheinbar überraschend gibt es einen Angriff an der Kohleflanke. Die Klimaabgabe, die sich das Bundeswirtschaftsministerium unter dem verhaltenen Jubel der Umweltverbände ausgedacht hat, droht das fossile Kraftwerksgeschäft zu schmälern.

Was nun?

Um die RWE-Figuren zu retten, tat Konzernchef Peter Terium in einem Interview mit dem Sender n-tv in dieser Woche den nächsten Schachzug: Er behauptete, dass die Klimaabgabe 80 bis 90 Prozent der Braunkohle in einem Ausmaß treffen würde, „wo RWE es nicht mehr stemmen würde“. Das Geld aus dem Braunkohlegeschäft aber brauche man auch dafür – holte Terium die ganz große Keule raus –, um die Versprechungen zu den Atomrückstellungen einzuhalten.

Und jetzt sitzt er in der Falle.

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Denn:

Gilt sein Argument, hat er gerade – als erster führender Vertreter der großen Energiekonzerne und in aller Öffentlichkeit – zugegeben, dass RWE die Öffentlichkeit bei der Sicherheit der Atomrückstellungen all die Jahre über belogen hat. Mit seiner Aussage würde er bestätigen, wovor Umweltverbände und Anti-Atom-Gruppen immer gewarnt haben: Die Energieriesen haben mit der Nuklearenergie das Geschäft gemacht, auf der teuren Entsorgung der Altlasten aber bleiben die Steuerzahler sitzen. Eine Bankrotterklärung und Blamage auf ganzer Linie.

Sollte das Ganze aber „so nicht gemeint gewesen“ sein, kann Terium die Partie ebenso wenig für sich retten. Denn dann würde sich sein Rückstellungs-Argument als ein überaus dreister Erpressungsversuch erweisen, um die drohende Klimaabgabe abzuwenden. (Experten sind sich einig, dass die Abgabe den zum Erreichen des deutschen Klimaziels wichtigen Strukturwandel auf sehr sanfte Weise einläutet.)

So oder so, an dieser Stelle der Partie kann der RWE-Chef nichts mehr richtig machen. Er trägt eine peinliche Niederlage davon.

Vielen Dank an Jürgen D. für den Hinweis


Neues dem Fundus (I): Das „Klumpenrisiko Deutschland“

Sonntag, den 8. März 2015

In dieser Woche stellt RWE seine neuen Geschäftszahlen für das Wirtschaftsjahr 2014 vor. Und so viel steht schon fest: Gut werden die Zahlen deshalb nicht ausfallen, weil  RWE als einziger Großkonzern an seinem alten Geschäftsmodell festhält – der Braunkohleverstromung. Wir haben uns gefragt, wieso das Managment so sehr auf dem „Gesternkurs“  besteht. Und sind auf folgende Antwort aus dem Jahr 2011 gestoßen:

Der Atomkonzern RWE ist bekanntlich der, der vorweg geht. Auch rein werbetechnisch:

Insofern liegt es nahe, dass die Essener nun, nach der beschlossenen Energiewende, vorweg gehen, rein kommunikationstechnisch. In der Chemnitzer Freien Presse, vor 20 Jahren noch die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung, mittlerweile leider zu einem Provinzblatt heruntergewirtschaftet, offeriert uns RWE ein verblüffendes Angebot:

Gerne, RWE! Los geht es:

Stimmt es, liebe RWE, dass Sie nicht mehr bereit sind, wie jeder vernünftige deutsche Steuerzahler seiner Steuerpflicht nachzukommen und das Gemeinwohl zu finanzieren? Spielplätze, Bibliotheken, Universitäten, Nahverkehr? Unsere erste Kernfrage: Stimmt es, dass Sie gegen die Brennelementesteuer Klage eingereicht haben?

Zweite Kernfrage, die wir an Sie haben:  Sie wollen von den Steuerzahlern Geld dafür, dass Sie ihre Atomkraftwerke abschalten? Einen Ausgleich dafür, dass „Vermögenswerte“ – also Atomkraftwerke – jetzt bis Ende des Jahrzehnts schrittweise vom Netz gehen sollen?  Und das, obwohl Sie doch selbst im rot-grünen Atomkonsens dafür gestimmt hatten, dass die AKWs bis 2021 abgeschaltet werden?

Drittens: Trifft es weiterhin zu, dass RWE ein „Riesenproblem“ beim Netzausbau hat, wie Ihr Chef Jürgen Großmann dem Stern vor einem halben Jahr* erklärte? Und falls ja: Steht der Verkauf des Netzes, den Sie nun offenbar planen, damit in irgendeinem Zusammenhang?

Viertes: Stimmt es, dass Ihnen die Stromkunden in Deutschland sch…egal sind, solange nur die Rendite stimmt? Das hatte doch gerade Ihr Vorstandschef der Süddeutschen Zeitung so gesagt: Das „Klumpenrisiko Deutschland“ müsse verringert werden, es ziehe Sie ins Ausland.

Fünftens schließlich: Sie halten sich diesmal auch ganz ehrlich und versprochen und endgültig und jetzt wirklich an den Ausstieg aus der Atomenergie, weil die in Deutschland einfach keiner mehr haben will? Sie schießen nicht schon wieder quer, wie beim Dauerfeuer nach dem Atomkonsens des Jahres 2000?

Natürlich haben wir noch jede Menge anderer Fragen an Sie. Aber Sie wollten ja unsere „Kernfragen“.

Und hier nun die Antwort von RWE:

Danke an Ines B. für den Hinweis

* Der Text erschien zuerst am 22. Juni 2011 auf diesen Seiten

PS: Drei Jahre können viel Zeit sein. Wer erinnert sich schließlich schon an sein Geschwätz von vor drei Jahren? Wir haben glücklicherweise ein Archiv, in dem wir ab und zu stöbern: Der Klima-Lügendetektor wird Sie ab sofort auf einige der bemerkenswertesten Fundstellen in diesem hinweisen. Um Ihre und unsere Sinne zu schärfen.


Maxatomstrom: Maximale Atom-Propaganda

Donnerstag, den 11. Dezember 2014

Wenn das Thema nicht so ernst wäre, könnte man schallend lachen. Und zugegeben, wir hielten die Website auf den ersten Blick für eine Persiflage. Doch offenbar ist es ein reales Angebot, was ein paar Augsburger sich da ausgedacht haben: Sie bieten einen reinen Atomstromtarif an und preisen das als „pragmatische Klimapolitik ohne ideologische Scheuklappen“. Jedenfalls kommt die Website überaus freundlich daher:

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Aber das ist schon die erste optische Täuschung. Die sympathische Frau, die auf diesem riesigen Foto so einnehmend lächelt, ist gar nicht die Person, von der das danebenstehende Zitat stammt („Die Welt muss sich unabhängig von fossilen Energien machen, und ein sicherer Weg dazu ist ganz klar die Atomenergie“). Dessen Urheber Barry Brook sieht in Wirklichkeit so aus:

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Finden die Atommaxen ihn nicht vorzeigbar genug? Und sowieso fällt auf, dass sich unter den Kronzeugen der Firma („Umweltschützer und Wissenschaftler“) keine einzige Frau findet, sondern es allesamt Männer sind, und meist nicht mehr die jüngsten. Hm.

Aber schauen wir uns die Argumente an. Dort finden sich so viele Unwahrheiten, Auslassungen und Verdrehungen, dass wir hier nur einige erwähnen können:

1. An erster Stelle in der Liste der vorgeblichen „Umweltschützer und Wissenschaftler“ tritt Patrick Moore auf. Er wird als „Umweltaktivist“ und Greenpeace-“Gründungsmitglied“ vorgestellt. Diese Tätigkeiten aber sind Jahrzehnte her, seit Ende der 1980er ist er stattdessen vor allem aktiv als Pro-Atom-Lautsprecher, PR-Berater, Leugner des menschengemachten Klimawandels (was unter anderem Putins Propagandasender Russia Today begeisterte). Das wirkt dann schon gar nicht mehr so sympathisch wie die lächelnde Cover-Frau auf der Firmen-Website, oder?

2. Der Wissenschafts-Veteran James Lovelock wird an gleicher Stelle mit den Worten zitiert:

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Kicher – „geringer Beitrag“. Zur Erinnerung: Erneuerbare Energien liefern in Deutschland mittlerweile über ein Viertel des Stroms, in manchen Bundesländern sogar mehr als die Hälfte. Aber für dieses deplatzierte Zitat ist eher nicht Lovelock verantwortlich, sondern die Werber von Maxatomstrom. Lovelocks Aussage stammt aus dem Jahr 2004, wurde längst von der Realität überholt.

Und das mit dem „sofort verfügbar“ ist angesichts von Reaktor-Dauerbaustellen wie dem finnischen AKW Olkiluoto echte Realsatire: 2009 sollte dort eigentlich schon Strom fließen, inzwischen wird von einem Betriebsstart „nicht vor 2018″ ausgegangen. Das ist keine Ausnahme: Von weltweit 69 AKW-Baustellen liegen laut dem Atomexperten Mycle Schneider 49 hinter ihrem Zeitplan.

3. Der Physik-Nobelpreisträger Burton Richter, noch so ein alter Mann, behauptet, dass

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Gacker – „kostengünstig“. Auch hier brauchen wir eigentlich nur ein Wort zu sagen: Olkiluoto. Statt einst mit drei Milliarden Euro wird dort nun mit acht Milliarden Euro Baukosten gerechnet. Okay, sagen wir doch noch ein zweites: Hinkley Point. An diesem südenglischen Standort will die britische Regierung – im wahrsten Sinne des Wortes – um jeden Preis zwei neue Reaktoren bauen lassen. 34 Milliarden Pfund sollen die kosten, umgerechnet 43 Milliarden Euro.

Man muss sich über dieses Projekt fast freuen, denn es macht auch jedem Zweifler klar, wie teuer Atomkraft in Wahrheit ist. Die Betreiber haben von der britischen Regierung über 35 Jahre einen festen Abnahmepreis von 109 Euro für jede produzierte Megawattstunde zugesichert bekommen, plus Inflationsausgleich. Die Laufzeit ist fast doppelt so lang wie die der Einspeisetarife für erneuerbare Energien in Deutschland. Der Mengenpreis liegt weit über jenen, die hierzulande an Windkraft- oder Solaranlagenbetreiber fließen. Im Übrigen gewähren die deutschen EEG-Tarife auch keinen Inflationsausgleich. Atomkraft ist also nicht „kostengünstig“, sondern atemberaubend teuer. Selbst das wirtschaftsfreundliche Manager-Magazin titelte deshalb:

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So geht das weiter und weiter, von dieser Güte sind die vermeintlichen Pro-Atom-Argumente der Firma. Wie gesagt, wenn das Thema nicht so ernst wäre, müsste man schallend lachen über diese Website und das Stromangebot.

Natürlich ist nicht alles falsch, was da steht – aber genau so funktioniert ja gute Propaganda und Grünfärberei, sie braucht Ansatzpunkte in der Realität. Natürlich ist es zum Beispiel ein Skandal, dass hierzulande die Braunkohle boomt. Aber dagegen gäbe es ein einfaches Mittel, nämlich eine gründliche Reform des EU-Emissionshandels, die dreckige Kohlekraft mit zusätzlichen Kosten belegen würde. Schwupps, wären die relativ klimafreundlichen Erdgaskraftwerke wieder konkurrenzfähig.

Wir wollen hier nur noch drei Punkte von der Website aufgreifen:

4. Gleich auf der Startseite beruft sich Maxatomstrom auf den IPCC:

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Das ist schon von der Formulierung her Quatsch, der IPCC „empfiehlt“ keine Lösungen. Er legt großen Wert darauf, als Wissenschaftsgremium verschiedene Optionen für Klimaschutz lediglich aufzuzeigen – und es liegt dann an Politik und Gesellschaft, sich für die eine oder andere zu entscheiden. Tatsächlich nennt der aktuelle IPCC-Report die Atomkraft als eine Energieoption mit vergleichsweise niedrigem CO2-Ausstoß. Aber was ist die vollständige Aussage des IPCC? Schlagen wir nach in der „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ von Band 3 des Fünften Sachstandsberichts (in diesem PDF auf Seite 20 f.): Dort wird – wissenschaftlich nüchtern – auf „eine Vielzahl an Hindernissen und Risiken“ hingewiesen. Dazu gehören (zum Vergrößern auf den Ausriss klicken):

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Zu deutsch: „Betriebsrisiken und damit zusammenhängende Bedenken, Risiken des Uranabbaus, finanzielle und regulatorische Risiken, ungelöste Abfallfragen, Sorgen bezüglich der Verbreitung von Atomwaffen, ablehnende öffentliche Meinung“. Wow, echt eine überzeugende „Empfehlung“!

5. Unter den „10 guten Gründen für Atomstrom“ auf der Firmenwebsite lautet gleich der erste:

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Das ist natürlich nicht verkehrt, das wäre dann ja tölpelhaft gelogen. Doch man muss die Grafik, die unter diesem Text steht, stark vergrößern, um eine wesentliche Information mitzubekommen.

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Können Sie das Kleingedruckte ganz unten am Rand lesen? Bei dieser Berechnung sind der Aufwand für Rückbau der Atomruinen und Endlagerung des Atommülls nicht berücksichtigt – beides nun wahrlich nicht unbeträchtliche Posten bei der Beurteilung der Atomenergie.

6. Schließlich wird da behauptet, Atomstrom sei eine „Brückentechnologie“.

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Auch das, sorry, ist hanebüchener Unsinn. Als „starken Partner“ brauchen die schwankenden Energiequellen Wind und Sonne genau keine unflexiblen „Grundlastkraftwerke“, sondern schnell und stark regelbare, effiziente Ergänzungskraftwerke auf der Basis von Bio- oder Erdgas. „Grundlastfähige Kraftwerke“ wie die AKWs sind in Wahrheit keine Brücke, sondern ein Betonblock auf dem Weg zu einem Energiesystem, das auf erneuerbaren Energien basiert. Diese unflexiblen Klötze sind es nämlich, wegen denen immer öfter zu viel Strom im deutschen Netz ist und die Preise an der Börse in den negativen Bereich kippen – die Abnehmer des Stroms also sogar noch Geld dazubekommen. Detailliert nachzulesen ist dies in einer Studie des Beratungsunternehmens Energy Brainpool für den Thinktank Agora Energiewende.

Fazit: Wir haben kein einziges stichhaltiges Argument auf der Website gefunden, warum man Maxatomstrom-Kunde werden sollte. Ach so, nicht einmal der Preis wäre einer: Obwohl die Atomkraftwerke hierzulande mit die niedrigsten Stromgestehungkosten haben, ist Maxatomstrom laut taz oft sogar teurer als Ökostrom-Anbieter. Bei dieser Firma hat man den Eindruck, als möchte hier jemand gutes Geld verdienen, indem er Atomfans vergleichsweise teuer Strom verkauft.

Und darüber könnte man nun tatsächlich schallend lachen.

Danke für die Hinweise an Jan P. und E. W.


Ifo-Institut: Die Sinn-Wende ins Nichts

Sonntag, den 9. Februar 2014

Wäre es politisch nicht so widersinnig, könnte man annehmen, Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, hat jetzt bei seinem energiepolitischen Bruder im Geiste, Oskar Lafontaine, abgeschrieben: Während der Ex-Chef der Linken die wechselnden Kräfte von Wind und Sonne benutzt, um das Leben seines rheinischen Braunkohlestroms bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zu verlängern, setzt der marktgläubige Sinn noch eins drauf:

Deutschland befinde sich „auf dem großen Irrweg“, kanzelt Sinn in einem Interview mit dem Manager-Magazin die erneuerbare Energiewende ab und preist die abgehalfterte Atomkraft.

Die wesentlichen Thesen des Interviews hatte Sinn bereits Tage zuvor auf einem Symposium der Handelskammer für München und Oberbayern verkündet. Dieser Text wurde alsbald auf einschlägigen neoliberal eingestellten Portalen wie „Politically Incorrect“ verbreitet. Sinn soll auch an einem Buch mit dem Titel Energiewende ins Nichts arbeiten, das demnächst erscheinen soll.

Neu ist das alles nicht. Die Süddeutsche Zeitung hatte schon im Sommer 2010 getitelt:

In den dreieinhalb Jahren seitdem hat aber auch Sinn ein bisschen dazugelernt. Die platte Rhetorik von 2010 – Atomstrom sei eine „grüne“ Technologie, weil kein CO2 entstehe – bekommt man nicht mehr serviert. Dafür wird nun tiefer in die energiepolitische Kiste gegriffen.

Wer sich auskennt, bemerkt die Parallele zwischen Lafontaine und Sinn sofort. Beide wollen im Kern schöne neue Grundlastkraftwerke bauen, die für Sinn den „höherwertigen“ Strom erzeugen. Denn Wind- und Sonnenstrom sind nach seiner Lesart „minderwertig“, weil sie „zufällig“ kämen. Genauso gut könnte man selbstverständlich Atomstrom als „minderwertig“ betrachten, weil der zwischen den Spitzenzeiten nicht abgeregelt werden kann und nachts überhaupt nicht gebraucht wird.

Sinns andere Pro-Atom-“Argumente“, die ihm sein Thinktank aufgeschrieben hat, sind längst widerlegt. So geißelt er mit der Behauptung, weltweit seien 64 neue Atomkraftwerke im Bau und knapp 500 in der Planung, den deutschen Verzicht auf die „Zukunfts“-Technologie.

Tatsächlich aber ist der Anteil von Atomstrom am gesamten Aufkommen seit Jahren rückläufig und seit 2010 auch die absolute Menge an Atomstrom, wie der im Juli 2013 vorgestellte World Nuclear Industry Status Report 2013 nüchtern feststellt: „Der Anteil der Kernkraft an der weltweiten Stromerzeugung sank stetig von einem historischen Höchststand von 17 Prozent im Jahr 1993 auf etwa zehn Prozent im Jahr 2012.“

Weltweit sind 190 Atomkraftwerke und damit rund 45 Prozent älter als 30 Jahre. Sie müssen in absehbarer Zeit abgeschaltet werden. Mit dem Ersatz kommt die Atomindustrie nicht hinterher, denn die Neubaupläne beschränken sich meist auf die Angabe „im Bau“. Aber real passiert relativ wenig, wie der Report klarstellt: “Im Jahr 2012 wurden nur drei Reaktoren in Betrieb genommen, aber sechs geschlossen, und in der ersten Hälfte des Jahres 2013 ging nur einer ans Netz, während vier Stilllegungsbeschlüsse gefasst wurden – alle in den USA.“

In einem Punkt kann Sinn im Manager-Magazin allerdings seinen Glauben an die Marktökonomie nicht verhehlen:

Lassen wir den markt entscheiden. Wir sind doch nicht in einer Zentralplanungswelt, wo Politiker über Technik entscheiden, das muss der Markt machen. Wir müssen nur darauf achten, dass die externen Schäden in der Kostenrechnung der Unternehmen richtig abgebildet werden, was für Atomkraftwerke heißt, dass sie eine Haftpflichtversicherung brauchen

Leider, Herr Sinn, hat man die Atomkraft nicht den reinen Marktkräften überlassen. Dann hätte sich, wie man aus der Frühgeschichte des AKW-Baus inzwischen weiß, niemals ein Unternehmen auf diese nicht versicherbare Energiequelle eingelassen. Von 1950 bis 2008 summierte sich in der Bundesrepublik die staatliche Förderung der Atomkraft auf fast 165 Milliarden Euro, wie eine Greenpeace-Statistik zeigt:

Tabelle: Staatliche Förderung der Atomkraft in Deutschland

Bei einer ausreichenden Haftpflicht wäre Atomstrom sofort unwirtschaftlich. Dann würde die Kilowattstunde aus dem AKW um 1,79 Euro (!) kosten – und wäre damit deutlich teurer als Strom aus anderen Energiequellen.

Eine besondere zahlentechnische Kostbarkeit von Sinn im Manager-Magazin, an der sich zweifellos einige Experten müde gerechnet haben, ist diese:

Um vier Siebtel des Wind- und Sonnenstroms des Jahres 2011 für sich genommen zu verstetigen, wären mindestens 400 Pumpspeicherkraftwerke durchschnittlicher Größe erforderlich, wir haben aber nur 35 in Deutschland. Diese würden fast 100 Milliarden Euro kosten.

100 Milliarden würden natürlich nicht die 35 bestehenden Pumpspeicherwerke kosten, sondern die 365, die nach Sinnscher Lesart noch nötig wären. Das aber ist eine Milchmädchenrechnung. Denn es ist klar, dass es in Deutschland schlicht an den natürlichen Voraussetzungen fehlt, um hunderte neue Pumpspeicherwerke zu bauen. Die Kosten sind also rein fiktiv. Sinn ficht das nicht an – Hauptsache, eine beeindruckende Zahl kommt heraus. Und vor allem sei es, schlussfolgert er messerscharf, billiger, ein paar AKW zu bauen als die ganzen Pumpspeicherwerke (und Windkraftanlagen). So einfach ist das!

Vor nicht einmal zwei Jahren war Sinns Welt übrigens noch deutlich zukunftsfroher gestrickt. Auf die leicht tendenziöse Frage, auf welche Technologien man sich angesichts des CO2-Problems, der Versorgungssicherheit und der Energiekosten konzentrieren solle, antwortete er in einem Interview mit der Zeitschrift Energiewirtschaftliche Tagesfragen:

Auf den Atomstrom, und man sollte die Kernfusion vorantreiben. Da sehe ich die größten Gewinnmöglichkeiten. Zwar ist der Weg lang und steinig, aber am Ende winkt die endgültige Überwindung des Energieproblems.

Mit Atomstrom und demnächst mit der Kernfusion, glaubt Sinn, lässt sich das Energieproblem „endgültig“ überwinden.

Und die Erde ist eine Scheibe!

PS: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit Sommer 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um die Recherche auch 2014 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Naturfreund: Die Probleme mit dem Winter

Montag, den 27. Januar 2014

Die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes hatten schon in ihrer Halbzeitbilanz ein vernichtendes Urteil gefällt: Dieser Winter sei bislang „viel zu warm“. Aber nun ist er ja doch noch gekommen, der Winter! Ganz so, wie es sich ein Naturfreund vorstellt:

naturfreundDie Naturfreunde sind ein Umwelt- und Touristikverein, dessen Wurzeln im sozialdemokratischen Teil Wiens Ende des 19. Jahrhunderts zu finden sind. Den Lehrer Georg Schmiedl trieb damals die Idee um, dass Arbeiter auch mal raus müssten. Aufs Land. In die Natur. „Raus ins Grüne“ war anno 1890 fast unmöglich: Die Fahrt mit dem Kutschwagen bis an die Stadtgrenze kostete einen Batzen Geld und dauerte so lange, dass das Grün nur mit Übernachtung zu erreichen war. Schmiedls Idee: Häuser in der Natur bauen, damit die Proletarier an einem Tag in die Berge, die Auen reisen, dort bleiben und am nächsten Tag wieder zurückfahren konnten. Ohne viel dafür zu bezahlen. Mitglieder der Naturfreunde arbeiteten beim Aufbau der Naturfreunde-Häuser mit – und wohnten dann dort als Vereinsmitglieder sehr billig.

Ein brilliante Idee, die sich schnell verbreitete: Bevor die Naturfreunde im Einflussbereich von Deutschlands Nazis verboten wurden, zählten sie 1933 rund 200.000 Mitglieder. Heutzutage gibt der Dachverband Naturfreunde Internationale (NFI) die Mitgliederzahl mit 500.000 in 48 Ländern an, darunter fast 100.000 in Deutschland. Ein großer Verein also, und große Vereine haben Mitgliederzeitschriften. In der Schweiz beispielsweise den „Naturfreund“, ein ziemlich professionelles Magazin. In der Winterausgabe 2013/14 wird unter der Überschrift „Winter, Weite, eisige Kälte“ beispielsweise über eine Zugfahrt von Moskau nach Peking berichtet. Es geht um die „Vorzüge von Neuschnee: Theoretisch und praktisch“. Und ganz am Schluss um „Strom im Winter“:

naturfreund2 „Strom im Winter“ ist aber kein Text zum Thema, sondern eine Anzeige des Schweizer Energiekonzerns Alpiq. „Wenn die Nächte länger werden und die Temperaturen sinken, dann steigt der Stromverbrauch“, liest der Naturfreund im Anzeigentext. „Weil das Wasser spärlicher fließt und das Sonnenlicht abnimmt, geht auch die Stromproduktion zurück.“

Und weiter:

winterEcht jetzt? Ihr von Alpiq müsst eure ganze Kraftwerksstruktur ändern, nur weil ein paar Flocken Schnee …?

In der Anzeige heißt es: „Es zeigt sich: Die Stromversorgung ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch des Könnens.“

Damit winter2Donnerwetter! Im Schweizer Winter sind die Kohle- und Atomkraftwerke umweltverträglich! Kein Treibhausgas, kein Atommüll, kein Quecksilber, keine Strahlengefahr. Einfach weil es schneit und von den Bergen weht?

Immer wieder hatten Aktivisten gegen Alpiqs Geschäftspolitik demonstriert. Unter dem Slogan „Weder Atomkraft noch fossile Brennstoffe – 100 % erneuerbare Energien“ störte Greenpeace 2012 etwa die Generalversammlung des Konzerns. Zwei Drittel des von Alpiq produzierten Stroms stammten aus AKWs und fossilen Kraftwerken, so der Greenpeace-Vorwurf. „Alpiq muss endlich ihre Geschäfte mit dreckigen Energieträgern aufgeben und die Schweiz ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen versorgen“, forderte Greenpeace-Sprecher Florian Kasser.

Um noch einmal die Meteorologen zu zitieren: Der Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre setzt sich immer schneller fort. „Jedes Jahr wird es schwieriger, das Problem in den Griff zu bekommen“, erklärte Michel Jarraud, Generalsekretär der Welt-Meteorologie-Organisation, im November. Gletscherschmelze und weniger Schneetage sind nur eine Folge, aber jene, die die Schweiz wohl am stärksten treffen wird. Und natürlich jeden Naturfreund.

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Taz: Dachschaden bei Tschernobyl

Montag, den 18. Februar 2013

In ihrer heutigen Ausgabe berichtet taz, die tageszeitung über einen „Dachschaden in Tschernobyl“.

 taz

Es geht um ein Kernthema der als links geltenden tageszeitung: Die Atomkatastrophe in der Ukraine hat die taz einst überhaupt erst zur taz gemacht – ähnlich wie die Grünen zu den Grünen.  Thea Rosie, die damals als „Säzzerin“ der taz arbeitete, erinnerte sich an den täglichen Strahlen-Kompass, den die taz 1986 nach dem GAU veröffentlichte. „Nach Tschernobyl hatten wir eine tägliche Rubrik auf der Seite 2, den ‚Strahlen-Kompass‘. Als Service für die Leserinnen und Leser. Das war eine umfangreiche Liste über die Becquerel-Werte in Milch, Tee, Nüssen, Wildfleisch und allen möglichen Pilzarten.“

Befragt, ob der Strahlenchronistin damals nicht angst und bange war, antwortete Thea Rosie: „Klar, weil die Atomkatastrophe, die ja nicht zu sehen, zu hören, zu riechen war, dort täglich sichtbar gemacht wurde. Dazu kommt, dass ich in dieser Zeit besonders aufmerksam sein musste. Mein Kind war gerade acht Monate alt.“ Der Strahlen-Kompass, ein Service, den viele Leser damals schätzten: Die Abo-Auflage kletterte um 75 Prozent auf 37.000 Exemplare.

Und heute? In der vergangenen Woche war das Dach der Maschinenhalle am Reaktor 4 eingestürzt, jenem Atomreaktor, der 1986 explodierte.  Sechs Tage später ist nun am Montag darüber in der taz zu lesen: Einsturz wegen der Schneemassen. „Vor Ort sind bereits Rettungskräfte und die Miliz im Einsatz. Sie räumen den Schnee, sind mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Die Strahlenbelastung ist im Normbereich“, wird der Chef des Unterausschusses des Parlaments der Ukraine zur Beseitigung der Folgen der Katastrophe von Tschernobyl zitiert.

Hallo, taz: Aufwachen!

Erstens ist nicht Schnee die Einsturz-Ursache gewesen, wie der Kraftwerksdirektor gegenüber Reuters erklärte. Im Film sagt er hier bei Minute 0:25: „Es war kein Schnee. Auf dem Dach lag kein Schnee! Die Bruchstellen lagen vielmehr an alten Bauteilen.“

Zweitens ist die Einsturzstelle nicht irgendwo, sondern hier, direkt am Sarkophag, wo es noch sehr viel mehr alte Bauteile gibt:

taz-neu

Und an der Stelle soll also die Strahlenbelastung „im Normalbereich“ sein? Hat man denn etwa die verstrahlten Klumpen, die 1986 hier das Dach der Maschinenhalle zertrümmerten, mittlerweile weggeräumt? Strahlt es in Tschernobyl denn überhaupt noch? Hat es je gestrahlt?

Dankenswerterweise veröffentlichte der Kraftwerksbetreiber Chernobyl Nuclear Power Plant aussagefähige Fotos von der Unglücksstelle:

Tschernobyl

Interessant sind die gelben Verstrebungen links am Bildrand: Die halten nämlich ein Dach. Ursprünglich war der Sarkophag für 25 Jahre ausgelegt, die alte Ummantelung ist 27 Jahre später also längst baufällig. „Beim Bau musste damals in Kauf genommen werden, dass die alten Stützenkonstruktionen nicht zuverlässig waren“, sagt Alexander Borowoi vom russischen Kurtschatow-Institut, dem früheren Zentralhirn der sowjetischen Atomindustrie. Die Konstruktion steht also wackelig auf einer Ruine. „Die Explosion und der Brand hatten das Material ja stark angegriffen“, so Borowoi. “Die Festigkeit des Fundaments konnte wegen der gewaltigen Strahlungsfelder nicht überprüft werden.“

Daher also die „alten Bauteile“, auf die sich der Kraftwerksdirektor bezieht. Zudem wurden bereits Ende der 1990er Jahre tausende Haarrisse in der alten Hülle lokalisiert – das 2006 errichtete Dach soll helfen, Regenwasser vom Inneren des Reaktors abzuhalten. Klar ist aber: Wo etwas von außen nach innen dringen kann, dringt es auch anders herum.

Von der anderen, wesentlich öfter fotografierten Seite sieht das Dach übrigens so aus:

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Die rechte gelbe Dachstrebe ist auf dem Foto davor die linke.  Ganz schön komisch, so ein nachträglich aufgestelltes Hilfsdach neben einem gerade eingestürzten Maschinenhausdach. Wo es doch darum gehen sollte, Atomstrahlung dauerhaft einzuschließen!

Huhu, taz? Muss man da nicht nochmal recherchieren?


Vattenfall: Einfach schlecht vorbereitet

Freitag, den 11. Mai 2012

Es gibt Werbekampagnen, die so schlecht sind, dass man sich fragt, wie sie jemals zustande kommen konnten. Ist die Agentur zu blöd? Wollen die Chefs, die die Kampagne abnehmen, ihre Firma bewußt schädigen? Ist das Produkt so miserabel, dass es einfach nicht besser beworben werden kann? Oder handelt es sich gar um Satire?

Ein solches Beispiel liefert die aktuelle Kampagne des Stromkonzern Vattenfall:

Vattenfall hat jede Menge Geld aus seinem PR-Topf in die Sportförderung gesteckt, um am vorhersehbaren Sommerhype um die Olympischen Spiele partizipieren zu können. Wenn zwischen 27. Juli und  12. August Sportler in London um Medaillen kämpfen, will Vattenfall irgendwie dabeisein.

In der Anzeige heißt es:

Langfristiger Einsatz? Vattenfall will damit vermutlich auf sein Festhalten an einer Steinzeittechnologie anspielen: In der Lausitz fressen sich seit hundert Jahren gigantische Schaufelradbagger in den Mutterboden, um Braunkohle zu Strom verbrennen zu können. „In langfristigem Einsatz steckt Energie“, texteten die Werber: Tatsächlich will Vattenfall gleich drei neue Tagebaue in der Lausitz aufschließen, um auch langfristig nach 2030 noch mit dieser Uralt-Technologie Profit aus der Schädigung der Erdatmosphäre zu schlagen. Denn Braunkohle ist bekanntlich der klimaschädlichste aller Brennstoffe, und daran angesichts der heraufziehenden Klimakatastrophe festzuhalten, ist schon dumm. Aber muss man damit auch noch werben?

Wer sich trotz der Annonce auf die Internetseite zur Kampagne verirrt, staunt nicht schlecht: Kein Wort von neuen Tagebauen, statt dessen heißt es dort: „Vattenfall investiert jedes Jahr große Summen in die Entwicklung von neuen und bereits vorhandenen Ressourcen.“ Dann sind da sechs verschiedene Energiequellen genannt: Wind, Wasser, Biomasse, Kernenergie, Kohle und Gas. In einer zugehörigen Karte lässt sich sogar jedes einzelne Kraftwerk bestaunen, das Vattenfall in Deutschland unterhält. Zum Beispiel ein Pumpspeicherkraftwerk Geesthacht bei Dresden: Wir erfahren, dass es mit Wasserkraft 10.ooo Megawattstunden Strom jedes Jahr produziere und so 2.000 Haushalte versorge.

Liebe Werbeagentur, liebes zuständiges Vattenfall-Management, ihnen sind da ein paar kleine Fehler unterlaufen:

Erstens produzieren Pumpspeicherwerke gar keinen Strom, sie speichern ihn lediglich – zum Beispiel dreckigen Braunkohlestrom.

Zweitens liegt Geesthacht nicht nahe Dresden, sondern unweit von Hamburg.

Drittens versorgt das Kraftwerk, das auf Ihrer Karte im richtigen Geesthacht verzeichnet ist (das AKW Krümmel), weder zwei Millionen Haushalte, wie Sie da schreiben, noch 2.000 Haushalte (Pumpspeicher) jedes Jahr mit Strom.

Es wurde viertens auch nicht wegen der Reaktorkatastrophe in Fukushima stillgelegt, wie dort suggeriert wird, sondern stand schon seit Juni 2007 fast ununterbrochen still, weil Vattenfall offenbar unfähig war, das Akw zuverlässig zu betreiben.

„Er hat sich sein Leben lang vorbereitet. Doch die Reise hat erst begonnen“, schreiben Sie über den Sportler, den Sie in ihrer Kampagne abbilden. Vielleicht sollte sich Vattenfall auch etwas länger vorbereiten. Nicht nur für vernünftige Werbekampagnen, sondern für die Reise zu einem wirklich zukunftsfähigen Energiemix.

Notwendige Anmerkung im Juli 2012: Vattenfall hat seinen Fehler in den Karten mittlerweile berichtigt und seinem Pumpspeicherwerk nahe Dresden die korrekten Daten, Bezeichnungen und Fotos angediehen. Ein Dankeschön für die Recherchearbeit der klima-lügendetektor-Redaktion wird vermutlich noch folgen. Wir unterrichten Sie über die Entwicklung. 

Danke an Steffi R. aus Berlin für den Hinweis!

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


WSJ: Die Zukunft der Atomkraft – war gestern

Donnerstag, den 15. März 2012

Irgendwie war diese Schlagzeile ja erwartbar. Pünktlich zum Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima titelte die deutsche Ausgabe des Wall Street Journal (WSJ):

Der zugehörige Text zitiert die World Nuclear Association, derzufolge im Moment weltweit 60 neue Atomreaktoren im Bau seien, 163 weitere geplant. „Das ist kaum weniger als im Februar 2011, als 62 Reaktoren im Bau und 156 in der Planung waren“, schreiben die Autoren des Wall Street Journals. Die Zahlen würden zeigen, „dass Atomenergie durch die Kernschmelze von Fukushima allenfalls einen leichten Dämpfer erhalten hat“.

Oha, das Ungeheuer von Loch Ness ist also wieder da! Denn so zuverlässig wie sich Berichte über „Nessie“ wiederholen, tauchen Behauptungen auf, die Atomkraft stehe vor einer goldenen Zukunft. Wir haben unter anderem hier darüber geschrieben oder auch hier über eine bereits 13 Jahre (!) zurückliegende Sichtung des Ungeheuers.

Aber schauen wir uns den aktuellen WSJ-Text etwas genauer an: Selbst die Schreiber des strengkonservativen Wirtschaftsblattes müssen zugestehen, dass es in Europa um die Atomkraft nicht so toll steht. Deutschland, Italien und die Schweiz hätten angekündigt, ihre Atomprogramme „zurückzubauen oder einzustellen“. Selbst in der Nuklearnation Frankreich traue sich der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande, ein Zurückfahren des Atomanteils im Strommix um ein Drittel anzukündigen. Trübe seien die Aussichten auch in den USA: „Nach Fukushima sind die Sicherheitsauflagen stark erhöht worden, was auch die Baukosten steigen lässt.“ Aber wie ergibt sich dann eine „weltweite Zukunft“ für die Atomkraft?

Okay, Nessie lebt nicht mehr im schottischen Hochland, sondern angeblich in Asien. Obwohl: In Thailand kann die neue Heimat des Ungeheuers nicht liegen, dort ließ die Regierung infolge von Protesten nach Fukushima ihre Atompläne fallen. Auch auf den Philippinen gibt es keine Zuflucht: Die Baustelle des dortigen Atomkraftwerkes Bataan wurde nach Fukushima zu einer Touristenattraktion. In Japan sind bereits 52 der 54 Atomkraftwerke vom Netz, die zwei verbliebenen folgen im April. Und  selbst in China – oben im Text noch als Hort der Renaissance erwähnt – ist erst einmal Schluss mit der Atomkraft. Das Wall Street Journal  schreibt:

Also, wo ist denn jetzt die Zukunft? Schaut man sich auf der Website die Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) die in Bau befindlichen Reaktoren an, dann stößt zum Beispiel auf: Kursk 5 in Russland – Baustart 1985, Khmelnitski 3 und 4 in der Ukraine – Baustart 1986 bzw. 1987, den Rekord hält Watts Bar 2 in den USA – Baustart 1972, erst kürzlich wurde die Inbetriebnahme wieder einmal verschoben. Einen genauen Überblick hierzu und zu vielen anderen Details der Atombranche gibt der regelmäßig erscheinende World Nuclear Industry Status Report des Pariser Experten Mycle Schneider. Von den mehr als 60 „In-Bau“-Reaktoren, heißt es da, verharre ein Dutzend bereits seit mehr als 20 Jahren in diesem Status. In dem Report bekommt man auch ein Gefühl für Größenordnungen: 60 Reaktorbaustellen, das mag viel klingen. Aber 1987 zum Beispiel gab es weltweit 120, der Höchststand war 1979 zu verzeichnen mit 233 Akw-Blöcken „in Bau“.

Und was ist mit den Planungen? Von 163 Neuprojekten schrieb ja das Wall Street Journal unter Berufung auf die World Nuclear Association (WNA). Doch nur ein Teil der Blöcke wird je ans Netz gehen, zeigt die Erfahrung – und das steht auch in einem Gutachten des Prognos-Instituts von 2009 im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz. Die Autoren rechnen damit, dass nur

Unterm Strich werden die derzeit angekündigten oder bereits begonnenen Reaktoren die Zahl Blöcke nicht wettmachen können, die weltweit in den kommenden Jahren wegen Erreichen der Altersgrenze abgeschaltet werden müssen. In den Worten des World Nuclear Industry Status Reports: „Es wird praktisch unmöglich sein, die Zahl der aktiven Atomreaktoren über die nächsten Jahre konstant zu halten oder gar zu steigern.“

Tolle Zukunft.

P.S.: Seit letztem Herbst ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors rein leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, damit wir auch 2012 voll weiterarbeiten können. Bitte unterstützen Sie uns HIER


Gesucht: Der größte Schurke

Montag, den 23. Januar 2012

Diesmal wird die deutsche Kanzlerin Angela Merkel das Weltwirtschaftsforum in Davos eröffnen:  Die Spezialistin in Sachen Euro-Rettung, Klimaschutz und Finanzmarkttransaktionssteuer wird am 25. Januar zum Thema „Die große Transformation – neue Modelle gestalten“ im Schweizer Nobel-Kurort sprechen. Die neue IWF-Chefin Christine Lagarde wird kommen, der neue EZB-Chef Mario Draghi genauso wie Weltbank-Präsident Robert Zoellick,  UN-Generalsekretär Ban Ki Moon oder US-Finanzminister Timothy Geithner. Etwa 2.600 führende Köpfe aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft diskutieren bis zum 29. Januar über Wege aus der „tiefsten Weltwirtschaftskrise seit den 30er Jahren“, wie WEF-Direktor Børge Brende erklärte. Erklärtes Ziel des Weltwirtschaftsforums  sei es, „den Zustand der Welt zu verbessern“.

Kommen werden auch die Leute vom Public Eye Award. Mit dem wohl bekanntesten internationalen Schmähpreis werden Unternehmen „ausgezeichnet“, die sich im vergangenen Jahr die „schlimmsten Verstöße gegen Umwelt- und Menschenrechte“ geleistet haben.

Auf der Liste steht beispielsweise Tepco: Der grösste japanische Energiekonzern hat wider besseren Wissens aus Kostengründen die bauliche Sicherheit seiner Atomkraftwerke stark vernachlässigt. „Der GAU von Fukushima und somit die radioaktive Verstrahlung von Mensch, Land und Meer hätte von Anfang an verhindert werden können“, heißt es in der Nominierungsbegründung. „Ausserdem informierte der Konzern nachweislich falsch oder sehr verspätet – bei Tepco herrschte eine Kultur der Begünstigungen, Verschleierungen und Fälschungen.“

Ebenfalls auf der Liste zu finden ist Vale,  der zweitgrösste Konzern Brasiliens und weltweit der zweitgrösste Minenkonzern und grösste Eisenerzhersteller. Vale baut im Amazonas-Regenwald den Belo-Monte-Damm:

Minen und Dämme auf Kosten von Mensch und Umwelt, befindet die Jury des Public Eye Award: „Der Konzern hat eine 70-jährige Geschichte, in der immer wieder Menschenrechtsverstösse, unmenschliche Arbeitsbedingungen und rücksichtslose Naturausbeutung vorkommen“. Der Staudamm habe voraussichtlich 40.000 Zwangsumsiedlungen zur Folge, „die Betroffenen haben weder Mitspracherecht noch erhalten sie Entschädigung.“

Weiterhin auf der Liste: Samsung, Freeport, Syngenta und Barclays. Natürlich darf man sich das nicht so vorstellen, dass die Umweltschützer, Entwicklungspolitiker oder Menschenrechtler in irgend einer Form wahrgenommen werden von Angela Merkel, Robert Zoellick, Timothy Geithner und Co. Deren Welt – das Weltwirtschaftsforum – ist hermetisch von Kritikern und der Außenwelt abgeschnitten.

Wenn sich aber viele Menschen an der Abstimmung zum Public Eye Award beteiligen, wird das dem Schmähpreis Legitimität und Kraft verleihen. Und die Welt zumindest ein bisschen aufmerksamer machen. Abstimmen kann man noch bis 27. Januar.

PS am Nachmittag des 27. Januar: Das Ergebnis lesen Sie Hier!


Eon: Die Zukunft ist schon fast zehn Jahre alt

Mittwoch, den 28. Dezember 2011

Anna Kuhn ist wieder da. Beziehungsweise ein weiteres Motiv der Eon-Kampagne, in der sich der Atom-, äh, Energiekonzern mit dem Gesicht einer jungen Frau als zukunftsfähiger Stromversorger zu präsentieren sucht. Die Annonce, die zu Weihnachten beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung oder im Berliner Tagesspiegel erschien, setzt den künstlichen Dialog aus dem ersten Motiv fort. Wie die von Eon versprochene „Zukunft der Energie“ denn „konkret“ aussehe, lautet diesmal die Frage. Antwort: „Hallo Frau Kuhn, zum Beispiel so: Wir bauen den Windpark ‚Amrumbank West‘ in der Nordsee.“

Amrumbank West? Amrumbank West? Klingt irgendwie bekannt …

Genau, das ist einer jener Windparks vor der deutschen Nordseeküste, über die seit mehr als zehn Jahren geredet wird. Bereits im Jahr 2000 wurde der Antrag für das Projekt gestellt, Eon hat es 2002 vom niedersächsischen Windkraftpionier Ingo Rennert übernommen. Seitdem, schreibt der Konzern in einem „Factsheet“ zu Amrumbank West, treibe man die Entwicklung des Windparks voran.

Nunja, besonders erfolgreich war Eon damit nicht. Bereits im Juni 2004 erteilte das zuständige Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie die Genehmigung, also vor geschlagenen siebeneinhalb Jahren. Im April 2005 wurde ein Messpfahl errichtet, unter anderem für Winddaten. Und dann passierte – erstmal nichts. Eon sagt, der Grund dafür lag in technischen Schwierigkeiten – und in der Tat hatte nahezu die gesamte Windkraftbranche unterschätzt, welche Herausforderung der Schritt vom Land aufs Meer ist. Doch gerade Eon ist in Fachkreisen seit Jahren nachgesagt worden, diverse Offshore-Projekte aufzukaufen und dann zu bremsen. Ziel sei, so der Verdacht, die profitablen Atom- und Kohlekraftwerke vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Tatsächlich hat der Konzern früher gern gegen die Windkraft polemisiert. Und vor zwei Jahren gab Eon selbst  zu, Windparks aus Renditegründen lieber im Ausland zu bauen.

Jedenfalls glänzte Eon bei der Offshore-Windkraft und beim Projekt Amrumbank West bisher vor allem durch Ankündigungen:

2004avisierter Baubeginn für Amrumbank West: 2008

2006Eon kündigt an, bei der Offshore-Windkraft „die führende Rolle“ zu übernehmen bis 2011 in deutschen Gewässern Anlagen mit 500 MW Leistung zu errichten

2008der zuständige Eon-Manager wird mit den Worten zitiert: „Endlich geht es los“

2010Eon terminiert die „endgültigen Inbetriebnahme“ von Amrumbank West „bis spätestens 2014″

2011„ab 2015″, so die aktuelle Ankündigung, soll der Windpark Strom ins Netz einspeisen

Doch nicht einmal darauf will sich Eon in der Zeitungsannonce festlegen. Dort heißt es:

Wow, „in wenigen Jahren“! Der Konzern wirbt also mit einem Projekt, das er bereits seit einem Jahrzehnt in Arbeit hat und dessen Fertigstellung nicht genau feststeht. Hatte die Frau Kuhn in der Annonce nicht nach etwas „Konkretem“ gefragt??

P.S.: Sie fragen sich, was aus Eons Ankündigung von 2006 geworden ist? Bis heute ist bloß der Windpark „Alpha Ventus“ am Netz – und dessen 60 MW muss sich der Konzern auch noch mit Vattenfall und EWE teilen. Aus einst versprochenen 500 MW wurden also lediglich 20 MW. Für die „Energie der Zukunft“ wünschen wir Eon mehr Erfolg.