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Taz: Dachschaden bei Tschernobyl

Montag, den 18. Februar 2013

In ihrer heutigen Ausgabe berichtet taz, die tageszeitung über einen „Dachschaden in Tschernobyl“.

 taz

Es geht um ein Kernthema der als links geltenden tageszeitung: Die Atomkatastrophe in der Ukraine hat die taz einst überhaupt erst zur taz gemacht – ähnlich wie die Grünen zu den Grünen.  Thea Rosie, die damals als „Säzzerin“ der taz arbeitete, erinnerte sich an den täglichen Strahlen-Kompass, den die taz 1986 nach dem GAU veröffentlichte. „Nach Tschernobyl hatten wir eine tägliche Rubrik auf der Seite 2, den ‚Strahlen-Kompass‘. Als Service für die Leserinnen und Leser. Das war eine umfangreiche Liste über die Becquerel-Werte in Milch, Tee, Nüssen, Wildfleisch und allen möglichen Pilzarten.“

Befragt, ob der Strahlenchronistin damals nicht angst und bange war, antwortete Thea Rosie: „Klar, weil die Atomkatastrophe, die ja nicht zu sehen, zu hören, zu riechen war, dort täglich sichtbar gemacht wurde. Dazu kommt, dass ich in dieser Zeit besonders aufmerksam sein musste. Mein Kind war gerade acht Monate alt.“ Der Strahlen-Kompass, ein Service, den viele Leser damals schätzten: Die Abo-Auflage kletterte um 75 Prozent auf 37.000 Exemplare.

Und heute? In der vergangenen Woche war das Dach der Maschinenhalle am Reaktor 4 eingestürzt, jenem Atomreaktor, der 1986 explodierte.  Sechs Tage später ist nun am Montag darüber in der taz zu lesen: Einsturz wegen der Schneemassen. „Vor Ort sind bereits Rettungskräfte und die Miliz im Einsatz. Sie räumen den Schnee, sind mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Die Strahlenbelastung ist im Normbereich“, wird der Chef des Unterausschusses des Parlaments der Ukraine zur Beseitigung der Folgen der Katastrophe von Tschernobyl zitiert.

Hallo, taz: Aufwachen!

Erstens ist nicht Schnee die Einsturz-Ursache gewesen, wie der Kraftwerksdirektor gegenüber Reuters erklärte. Im Film sagt er hier bei Minute 0:25: „Es war kein Schnee. Auf dem Dach lag kein Schnee! Die Bruchstellen lagen vielmehr an alten Bauteilen.“

Zweitens ist die Einsturzstelle nicht irgendwo, sondern hier, direkt am Sarkophag, wo es noch sehr viel mehr alte Bauteile gibt:

taz-neu

Und an der Stelle soll also die Strahlenbelastung „im Normalbereich“ sein? Hat man denn etwa die verstrahlten Klumpen, die 1986 hier das Dach der Maschinenhalle zertrümmerten, mittlerweile weggeräumt? Strahlt es in Tschernobyl denn überhaupt noch? Hat es je gestrahlt?

Dankenswerterweise veröffentlichte der Kraftwerksbetreiber Chernobyl Nuclear Power Plant aussagefähige Fotos von der Unglücksstelle:

Tschernobyl

Interessant sind die gelben Verstrebungen links am Bildrand: Die halten nämlich ein Dach. Ursprünglich war der Sarkophag für 25 Jahre ausgelegt, die alte Ummantelung ist 27 Jahre später also längst baufällig. „Beim Bau musste damals in Kauf genommen werden, dass die alten Stützenkonstruktionen nicht zuverlässig waren“, sagt Alexander Borowoi vom russischen Kurtschatow-Institut, dem früheren Zentralhirn der sowjetischen Atomindustrie. Die Konstruktion steht also wackelig auf einer Ruine. „Die Explosion und der Brand hatten das Material ja stark angegriffen“, so Borowoi. “Die Festigkeit des Fundaments konnte wegen der gewaltigen Strahlungsfelder nicht überprüft werden.“

Daher also die „alten Bauteile“, auf die sich der Kraftwerksdirektor bezieht. Zudem wurden bereits Ende der 1990er Jahre tausende Haarrisse in der alten Hülle lokalisiert – das 2006 errichtete Dach soll helfen, Regenwasser vom Inneren des Reaktors abzuhalten. Klar ist aber: Wo etwas von außen nach innen dringen kann, dringt es auch anders herum.

Von der anderen, wesentlich öfter fotografierten Seite sieht das Dach übrigens so aus:

 RS3248_reaktor

Die rechte gelbe Dachstrebe ist auf dem Foto davor die linke.  Ganz schön komisch, so ein nachträglich aufgestelltes Hilfsdach neben einem gerade eingestürzten Maschinenhausdach. Wo es doch darum gehen sollte, Atomstrahlung dauerhaft einzuschließen!

Huhu, taz? Muss man da nicht nochmal recherchieren?


taz: Blackout bei Energiesparlampen

Freitag, den 23. April 2010

Unter Politik- und Wirtschaftsjournalisten gibt es ein Schimpfwort: „Feuilleton“. Jedenfalls rümpfen die tendenziell herablassenden Schreiber aus den „harten“ Ressorts gern die Nase, wenn sich Kultur-Kollegen in flanierend-lockerem Ton zu ernsten Themen äußern. Angesichts des Textes, der diese Woche im Feuilleton der alternativen tageszeitung erschien, kann man die Arroganz fast verstehen. taz_gluehlampe1Unter der Überschrift „Da geht uns ein Licht aus“ schrieb die Feuilletonistin Brigitte Werneburg über einen Aufruf von rund 90 Künstlern, Designern und Galeristen in der neuen Ausgabe der Kunstzeitschrift Monopol. Die Petition richtet sich gegen das Verbot von Glühbirnen, das seit vergangenem September in der EU schrittweise eingeführt wird. „Auf die Vielfalt des künstlichen Lichts“ und auf Halogenlampen können die rund 90 Unterzeichner nach eigenen Angaben „unmöglich verzichten“, so der Aufruf, „traditionelle Glühbirnen“ seien „essenzieller Teil unserer Beleuchtungskultur“. Das klingt reichlich alarmistisch – aber natürlich wäre auch wenig dagegen einzuwenden, wenn als Ausnahme vom Verbot in der einen oder anderen Galerie auch künftig noch eine alte Lampen leuchten sollte. Dabei haben die Künstler in ihrem Furor offenbar übersehen, dass zumindest die gewohnten Halogenlampen weiter erlaubt sind.

Die taz-Journalistin Brigitte Werneburg aber hat sich vom Gezeter der Petition anstecken lassen. Und führt in ihrem Artikel einige der beliebtesten Gruselmärchen an, die an Kneipentischen und in Internet-Blogs kursieren. Die Sparlampen würden aufgrund „gefühlter“ Kälte mehr Heizenergie benötigen und wegen aufgrund ihres Quecksilbergehalts die Umwelt schädigen.

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Laut der Studie werde das 1,4-Fache der eingesparten Energie wieder rückinvestiert. Schon dabei hätte jeder Journalist und jede Journalistin stutzig werden müssen: Wieso soll eine Heizung fast anderthalb mal so viel Energie zum Heizen brauchen wie eine Glühlampe? Doch es geht noch weiter:

taz_gluehlampe3Donnerwetter! Sind wir etwa alle von den Lobbyisten der Energiesparlampenindustrie oder totalitären EU-Bürokraten betrogen worden? Ist das Glühlampenverbot in Wahrheit eine heimliche Maßnahme zur Energieverschwendung? Komisch nur, dass die von Brigitte Werneburg zitierte Behörde auf ihrer Website schreibt:

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Zu deutsch: „Durch das Ausmustern traditioneller Glühlampen werden wir alle weniger Energie und dadurch weniger Elektrizität brauchen.“ Des Rätsels Lösung: Die im taz-Text zitierte Studie existiert überhaupt nicht. Zwar haben sich tatsächlich mehrere Untersuchungen der Defra mit dem sogenannten Heat-Rebound-Effekt befasst, also der Frage, wieviel Heizenergie kompensiert werden muss, wenn energiesparende Geräte weniger Abwärme erzeugen. Die Untersuchung, auf die sich die taz indirekt bezieht, ist beim britischen Market Transformation Programme (MTP) unter dem Titel BNXS29 zu finden. Doch die genannten Aussagen über einen 1,4-fachen Verbrauch an Heizenergie oder „gefühlte“ Temperaturen durch veränderte Lichtfarben finden sich darin nicht.

Ursprung der Zeitungsente ist ein Artikel im Magazin Professional Lighting Design wo die Studie erwähnt und im weiteren über den psychologischen Faktor kalten Lichts spekuliert wurde. Hierzulande griff die Zeitschrift Öko-Test dies im Oktober 2008 auf und schrieb die Aussage direkt der Defra-Studie zu. Die Firma Megaman, einer der führenden Hersteller von Energiesparlampen, ging der Sache daraufhin nach. „Das MTP wurde darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Veröffentlichung BNXS29 in deutschen Medien zu kaltem Licht und seinen psychologischen Effekten zitiert wurde“, erklärte einer der Studienautoren, Arani Mylvaganam, gegenüber Megaman. „Aber diese Information kommt nicht vom MTP und BNX29 wurde bedauerlicherweise falsch zitiert.“

Und was ist mit dem zweiten Punkt im taz-Text, dem Quecksilber? Dieses hochgiftige Schwermetall ist tatsächlich in Energiesparlampen enthalten – pro Stück etwa 3 bis 4 Milligramm. Allerdings wird es nur frei, wenn die Lampe kaputtgeht oder nicht fachgerecht entsorgt wird. Und selbst dann noch ersparen die modernen Lampen der Umwelt Quecksilber. Grund für dieses Paradoxon ist die Tatsache, dass Kohlekraftwerke erhebliche Mengen Quecksilber durch den Schlot freisetzen – und durch den eingesparten Strom werden diese vermieden.

Das hätte Brigitte Werneburg übrigens auch auf der Website der von ihr zitierten Defra nachlesen können.


Vattenfall: Alibi-Unterschriften fürs Klima

Donnerstag, den 2. Oktober 2008

Der Energieversorger Vattenfall („Wasserfall“) hat ein Problem: In Schweden, dem Heimatland des Unternehmens, pflegt es das Image eines vorbildlichen Klimaschützers, doch im Ausland – in Deutschland und Polen – betreibt und baut der gleiche Konzern in großem Stil Kohlekraftwerke. Darüber sind nicht nur viele Schweden empört. Nun hat Vattenfall unter dem Motto „Verbraucher gegen den Klimawandel“ eine aufwändige internationale Kampagne gestartet, um sein angeschlagenes Image zu verbessern.

In großformatigen Anzeigen in der taz und anderen Zeitungen sowie im Internet ruft Vattenfall dazu auf, eine „Klimaunterschrift“ zu leisten (für jede Unterschrift lässt der Konzern seltsamerweise eine Plastikfigur anfertigen). Die „Erklärung“ ist ebenso wohlklingend wie nichtssagend. Viel ist von der „Macht der Konsumenten“ die Rede, die durch „Transparenz und Vergleichsmöglichkeit“ freigesetzt werde. Wer auf „Was heißt das?“ klickt, erfährt:

Im Sinne von „Transparenz und Vergleichsmöglichkeit“ erlauben wir uns zu ergänzen: Bei der Erzeugung von Vattenfall-Strom entstehen in Deutschland laut obligatorischer Stromkennzeichung 655 bis 677 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde. Bei einem Ökostromanbieter wie Greenpeace energy sind es dagegen 0 Gramm. Für einen 4-Personen-Haushalt mit einem durchschnittlichen Jahresverbrauch (4430 Kilowattstunden) ergibt sich daraus folgende Möglichkeit zur CO2-Einsparung:

Wechsel von Vattenfall zu einem Ökostromanbieter: 2950 kg CO2/Jahr

Dieser Schritt brächte also dreimal so viel für den Klimaschutz wie alle Vattenfall-Tipps zusammengenommen.