Archiv des Schlagwortes ‘Energieeffizienz’

Polarstern: Stromsparn is a Schmarrn??

Dienstag, den 9. Juni 2015

Der Ökostromanbieter Polarstern hat neulich eine Mitteilung an die Presse verschickt, Titel:

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Und weiter hieß es da: Es gebe „kaum Sparpotenzial beim Stromverbrauch“.

Häh?

Eigentlich will die junge Münchner Firma Polarstern ja zu den Guten gehören. Die Umweltschutzorganisation Robin Wood empfiehlt sie als einen von sechs bundesweiten Ökostromanbietern. Auf seiner Website schreibt das Unternehmen über sich: „Die Polarstern GmbH wurde im Sommer 2011 gegründet, um mit Energie die Welt zu verändern. Der unabhängige Ökoenergieversorger will die Menschen für einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit Energie begeistern.“

Ahja. Und wie tut man das am besten? Indem man ihnen zuruft: „Stromsparn is a Schmarrn“?

Ausführlich wird in der Pressemitteilung ein Herr namens Günther Ohland zitiert, seines Zeichens Geschäftsführer einer „Smart Home Initiative Deutschland“. Und er darf da allen Ernstes erklären: „Beim Strom lässt sich heute kaum mehr etwas sparen, weil der Geräte-Energieverbrauch ohnehin schon sehr niedrig ist.“ Zur Erklärung sagt Ohland dann: „Man bekommt heute fast ausschließlich Geräte mit Energieeffizienzklasse A oder besser.“

Leider ist die Aussage ziemlicher Quatsch. Sie stimmt allenfalls für Waschmaschinen, Kühlgeräte oder Geschirrspüler – da sind inzwischen keine Geräte im Handel mehr erlaubt, die schlechter als A oder A+ firmieren. Aber warum ist das so? Weil die Effizienzklassen schon seit Jahren nicht an den technischen Fortschritt angepasst werden. Statt „A“ immer nur an die sparsamsten Geräte zu vergeben, werden munter neue Klassen erfunden: „A+“, „A++“ und sogar „A+++“. Mittlerweile sind – etwa bei Kühlschränken – die Geräte in der A-Klasse in Wirklichkeit fiese Stromfresser. In anderen Produktkategorien hingegen, etwa Wäschetrocknern oder Staubsaugern, gibt es noch reihenweise Geräte der Klassen B, C oder  schlechter auf dem Markt. Sowas müsste ein Ökostromanbieter, der seinen Anspruch ernst nimmt, den Kunden eigentlich mitteilen! Der von Polarstern zitierte Herr Ohland hingegen versteigt sich zu der Behauptung, Energiesparen könne „auf Kosten der Lebensqualität“ gehen. Klar, und wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, gehen in Deutschland die Lichter aus 

Polarstern hätte sich lieber bei wirklichen Experten fürs Thema umhören sollen. Dann hätte das Unternehmen in seine Pressemitteilung beispielsweise schreiben können, dass Haushaltsgroßgeräte für rund die Hälfte des Stromverbrauchs in Privathaushalten verantwortlich sind. Und bei Kühl- und Gefriergeräten der Verbrauchsunterschied zwischen Klasse A und der besten Klasse A+++ satte 60 Prozent ausmacht. Aber sowas steht nicht in der Polarstern-Mitteilung, sondern beispielsweise in einer Broschüre der halbstaatlichen Deutschen Energieagentur (dena).

Das Umweltbundesamt hat ausgerechnet, wie viel Strom die privaten Haushalte bis zum Jahr 2030 sparen können – nicht durch ein Zurück in die Steinzeit, sondern durch einen klugen Einsatz effizienter Geräte:

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Zwischen 2015 und 2030, so diese Szenarienberechnungen (Seite 149), könnte der Stromverbrauch demnach um 14,2 Terawattstunden sinken. Für Herrn Ohland: Das sind 14.200.000.000 Kilowattstunden – so viel, wie heute ungefähr 3,5 Millionen durchschnittliche Drei-Personen-Haushalte verbrauchen. Und das kann man vernachlässigen?

Selbst die großen Atom- und Kohlekonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW sind da inzwischen klüger und bieten Tipps zum Stromsparen an. Energieberatung sehen sie als einen Markt der Zukunft. Nur Polarstern meint, in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken zu müssen,  Stromsparen bringe nicht viel.

Warum veröffentlicht das Unternehmen überhaupt die schrägen Äußerungen von Günther Ohland? Auf der Website der Smart Home Initiative wird er als „Autor mehrerer Bücher“ angepriesen – die jedoch alle bei Books on Demand erschienen sind. Ein etablierter Verlag hat sich anscheinend nicht für die Werke gefunden. Ohland ist auch nicht Mitarbeiter irgendeiner renommierten Forschungsinstitution, sondern schlicht Inhaber eines PR- und Pressebüros. Der Sinn der gesamten Mitteilung erschließt sich auch bei mehrfachem Lesen nicht – irgendwie geht es da vor allem ums Sparen von Heizenergie (was ja auch wichtig ist) und um intelligente Heizungs- und Klimasteuerung (tolle Sache) und um „Smart Home“ (wer’s mag) ganz allgemein.

Immerhin, am Ende war die ganze Sache den Leuten von Polarstern offenbar selbst peinlich. Auf der Firmenwebsite trägt die Pressemitteilung nun jedenfalls eine andere Überschrift: „Smart Home: Sparpotenzial beim Stromverbrauch und Heizen“, steht da jetzt etwas kryptisch. Die einstige Überschrift ist nur noch ganz klein zu lesen. Aber der ganze andere Schmarrn steht da trotzdem immer noch …

P.S. vom 12. Juni 2015: Nach Erscheinen dieses Textes hat sich Florian Henle, einer der Gründer von Polarstern, bei der Redaktion gemeldet. Der Beitrag sei „sehr befremdend“, schreibt er, der Inhalt der Pressemeldung darin „krass verdreht“. Polarstern und dem Experten Günther Ohland sei es „nicht um Stromsparen allgemein“ gegangen, sondern „ausschließlich um das Stromsparpotenzial von Smart Home“. Und dies sei halt „begrenzt“; besser geeignet sei Smart Home im Moment zur Steigerung des Wohnkomforts oder zur Senkung von Heizkosten. Dies betonte auch Günther Ohland in einem separaten Schreiben an die Redaktion. Im Übrigen, so Florian Henle, fänden sich auf der Polarstern-Website viele andere Texte zum Thema Stromsparen – beispielsweise hier oder hier oder auch hier.

Diese Klarstellungen veröffentlichen wir hiermit gern.

Zur konkreten Kritik an den Falschaussagen zu den Effizienzklassen von Haushaltsgeräten äußerten sich beide nicht.


Bundesregierung: Sabotage an der Energiewende

Dienstag, den 17. Juli 2012

Man kennt das ja von kleinen Kindern: Wenn Sie irgendetwas nicht wollen, zum Beispiel nicht zum Zahnarzt gehen, dann lassen sie sich viele kleine Dinge einfallen, um das Unangenehme zu verzögern – und hoffentlich ganz zu verhindern. „Mama, ich hab Durst!“, „Papa, ich muss nochmal aufs Klo!“, „Menno, ich find‘ meinen Fahrradhelm nicht, ehrlich!“ Und so weiter. Irgendwann (wenn die Kinder wirklich clever sind) kommt dann der Satz: „Papa, wir brauchen nicht mehr los – es ist schon so spät, jetzt schaffen wir den Zahnarzttermin sowieso nicht mehr!“

So ähnlich versucht es Schwarz-Gelb offenbar mit der Energiewende. Im vergangenen Jahr unter öffentlichem Druck und dem Schock des Mehrfach-SuperGAU von Fukushima beschlossen, haben in Union und FDP längst wieder die Bremser den Steuerknüppel in der Hand. Weil sie für ein Kippen des Grundsatzbeschlusses nicht mächtig genug (und weil sie wirklich clever) sind, lassen sie sich viele kleine Dinge einfallen. Und irgendwann sagt dann jemand:

Der Satz stammt aus einem Interview, das Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) am Wochenende der Bild am Sonntag gab. Weil er auch noch an anderen Punkten feststellte, dass aus energiepolitischen Ankündigungen der schwarz-gelben Bundesregierung wohl nichts wird, schlug das Zeitungsgespräch Wellen (bis – kein Witz! – nach Aserbaidschan).

Leider muss man zugestehen, dass Altmaiers Aussage vermutlich korrekt ist. Man muss aber genauso nochmal an die Vorgeschichte erinnern. An die vielen kleinen Entscheidungen der kleinen Kinder Energiewendebremser von Union und FDP: Wer hat das deutsche Energieeffizienzgesetz jahrelang weichgekocht, sodass am Ende ein weitgehend wirkungsloses Paket herauskam? Genau, Schwarz-Gelb (wobei die Blockade schon während der Großen Koalition durch das damals unionsgeführte Wirtschaftsministerium begann). Wer hat die EU-Effizienzrichtlinie in Brüssel torpediert und ausgehöhlt? Jawohl, die deutsche Bundesregierung unter Angela Merkel. Immer und immer wieder hat Schwarz-Gelb dafür gesorgt, dass es keine oder weniger Anreize fürs Energiesparen gibt. Und sogar in dem Moment, in dem der eine Minister sagt, das werde leiderleiderleider nichts mit dem Effizienzziel, schlägt ein anderer einen weiteren Nagel in dessen Sarg.

Just heute nämlich meldet die Nachrichtenagentur dpa:

Wieso Sargnagel? Nach Informationen des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) war bei der Neuregelung der Stromsteuer ursprünglich ein echter Hebel zum Stromsparen vorgesehen – der aber nach Intervention des FDP-geführten Wirtschaftsministeriums gestrichen wurde. Hintergrund: Zum Jahresende läuft eine Regelung für die Industrie im Stromsteuergesetz aus, der sogenannte „Spitzenausgleich“. Als Rot-Grün vor mehr als zehn Jahren die Ökosteuer einführte, hatten Unternehmen mit besonders hohem Energieverbrauch durch harte Lobbyarbeit erreicht, dass sie nur eine ermäßigte Steuer zahlen müssen. Momentan kommen rund 20.000 Betriebe in den Genuss dieser indirekten Subvention, der Staat erlässt ihnen pro Jahr rund zwei Milliarden Euro. Künftig sollte es die Ermäßigung – nach dem Willen des Finanzministeriums – nur noch für solche Unternehmen geben, die konkrete Bemühungen zum Energiesparen nachweisen können. Irgendwie nicht allzuviel verlangt, oder?

Das Bundeswirtschaftsministerium von Philipp Rösler (FDP) sah das anders. Und setzte durch, so das FÖS, dass eine „allgemeine Effizienzvereinbarung“ zwischen Regierung und Industrie zur Einsparung von 1,3 Prozent des Stromverbrauchs pro Jahr vollkommen genüge – eine Sparquote, die von der Wirtschaft in den vergangenen Jahren teilweise ohnehin erreicht wurde. Jedenfalls ist dies wieder einer der vielen kleinen Sabotageakte gegen die offiziellen Klima- und Energieziele der Bundesrepublik Deutschland. Die aber kaum jemand bemerkt, weil sie sich im Kleingedruckten irgendwelcher Gesetze verbergen und die ganze Materie schier unüberschaubar ist.

Rösler, Rösler? Hat der nicht just heute ein Interview zur Energiewende gegeben? Genau:

Unnötig zu erwähnen, dass der Herr Minister und FDP-Vorsitzende seine Zweifel mit großem Bedauern und unter ausdrücklicher Betonung der prinzipiellen Zustimmung zur Energiewende geäußert hat…


taz: Blackout bei Energiesparlampen

Freitag, den 23. April 2010

Unter Politik- und Wirtschaftsjournalisten gibt es ein Schimpfwort: „Feuilleton“. Jedenfalls rümpfen die tendenziell herablassenden Schreiber aus den „harten“ Ressorts gern die Nase, wenn sich Kultur-Kollegen in flanierend-lockerem Ton zu ernsten Themen äußern. Angesichts des Textes, der diese Woche im Feuilleton der alternativen tageszeitung erschien, kann man die Arroganz fast verstehen. taz_gluehlampe1Unter der Überschrift „Da geht uns ein Licht aus“ schrieb die Feuilletonistin Brigitte Werneburg über einen Aufruf von rund 90 Künstlern, Designern und Galeristen in der neuen Ausgabe der Kunstzeitschrift Monopol. Die Petition richtet sich gegen das Verbot von Glühbirnen, das seit vergangenem September in der EU schrittweise eingeführt wird. „Auf die Vielfalt des künstlichen Lichts“ und auf Halogenlampen können die rund 90 Unterzeichner nach eigenen Angaben „unmöglich verzichten“, so der Aufruf, „traditionelle Glühbirnen“ seien „essenzieller Teil unserer Beleuchtungskultur“. Das klingt reichlich alarmistisch – aber natürlich wäre auch wenig dagegen einzuwenden, wenn als Ausnahme vom Verbot in der einen oder anderen Galerie auch künftig noch eine alte Lampen leuchten sollte. Dabei haben die Künstler in ihrem Furor offenbar übersehen, dass zumindest die gewohnten Halogenlampen weiter erlaubt sind.

Die taz-Journalistin Brigitte Werneburg aber hat sich vom Gezeter der Petition anstecken lassen. Und führt in ihrem Artikel einige der beliebtesten Gruselmärchen an, die an Kneipentischen und in Internet-Blogs kursieren. Die Sparlampen würden aufgrund „gefühlter“ Kälte mehr Heizenergie benötigen und wegen aufgrund ihres Quecksilbergehalts die Umwelt schädigen.

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Laut der Studie werde das 1,4-Fache der eingesparten Energie wieder rückinvestiert. Schon dabei hätte jeder Journalist und jede Journalistin stutzig werden müssen: Wieso soll eine Heizung fast anderthalb mal so viel Energie zum Heizen brauchen wie eine Glühlampe? Doch es geht noch weiter:

taz_gluehlampe3Donnerwetter! Sind wir etwa alle von den Lobbyisten der Energiesparlampenindustrie oder totalitären EU-Bürokraten betrogen worden? Ist das Glühlampenverbot in Wahrheit eine heimliche Maßnahme zur Energieverschwendung? Komisch nur, dass die von Brigitte Werneburg zitierte Behörde auf ihrer Website schreibt:

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Zu deutsch: „Durch das Ausmustern traditioneller Glühlampen werden wir alle weniger Energie und dadurch weniger Elektrizität brauchen.“ Des Rätsels Lösung: Die im taz-Text zitierte Studie existiert überhaupt nicht. Zwar haben sich tatsächlich mehrere Untersuchungen der Defra mit dem sogenannten Heat-Rebound-Effekt befasst, also der Frage, wieviel Heizenergie kompensiert werden muss, wenn energiesparende Geräte weniger Abwärme erzeugen. Die Untersuchung, auf die sich die taz indirekt bezieht, ist beim britischen Market Transformation Programme (MTP) unter dem Titel BNXS29 zu finden. Doch die genannten Aussagen über einen 1,4-fachen Verbrauch an Heizenergie oder „gefühlte“ Temperaturen durch veränderte Lichtfarben finden sich darin nicht.

Ursprung der Zeitungsente ist ein Artikel im Magazin Professional Lighting Design wo die Studie erwähnt und im weiteren über den psychologischen Faktor kalten Lichts spekuliert wurde. Hierzulande griff die Zeitschrift Öko-Test dies im Oktober 2008 auf und schrieb die Aussage direkt der Defra-Studie zu. Die Firma Megaman, einer der führenden Hersteller von Energiesparlampen, ging der Sache daraufhin nach. „Das MTP wurde darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Veröffentlichung BNXS29 in deutschen Medien zu kaltem Licht und seinen psychologischen Effekten zitiert wurde“, erklärte einer der Studienautoren, Arani Mylvaganam, gegenüber Megaman. „Aber diese Information kommt nicht vom MTP und BNX29 wurde bedauerlicherweise falsch zitiert.“

Und was ist mit dem zweiten Punkt im taz-Text, dem Quecksilber? Dieses hochgiftige Schwermetall ist tatsächlich in Energiesparlampen enthalten – pro Stück etwa 3 bis 4 Milligramm. Allerdings wird es nur frei, wenn die Lampe kaputtgeht oder nicht fachgerecht entsorgt wird. Und selbst dann noch ersparen die modernen Lampen der Umwelt Quecksilber. Grund für dieses Paradoxon ist die Tatsache, dass Kohlekraftwerke erhebliche Mengen Quecksilber durch den Schlot freisetzen – und durch den eingesparten Strom werden diese vermieden.

Das hätte Brigitte Werneburg übrigens auch auf der Website der von ihr zitierten Defra nachlesen können.


Edeka: Etikettenschwindel mit Energieeffizienz

Montag, den 1. Februar 2010

„ÖKO“, prangte groß in einem Prospekt, den die Edeka-Tochter Marktkauf kürzlich in Hamburg verteilen ließ. „Sparsam im Verbrauch“ und „A – Energieeffizienz“. Toll, werden sich etliche Kunden gedacht haben, der Preis des Gefrierschranks stimmt auch, da greif ich zu.

edekakaufland_beko1Aber, halt! Insider wissen, dass die Energieeffizienzklasse „A“ bei Kühlgeräten nur Mittelmaß ist. Die von A bis G reichende Skala hatte ihren Sinn, als sie Mitte der neunziger Jahre EU-weit eingeführt wurde. Seitdem aber ist die Technik viel weiter, nur wenige Geräte fallen überhaupt noch in die Klasse B. Schlechtere gibt es praktisch nicht mehr auf dem Markt, 2003 wurden deshalb zusätzlich die Klassen A+ und A++ eingeführt. Der Verbrauch des beworbenen Gefrierschranks Beko FS 210 liegt mit 247 Kilowattstunden denn auch satte 50 Prozent über dem aktueller A++-Geräte. Das angebliche ÖKO“-Produkt ist also in Wahrheit ein Stromfresser und verursacht unnötige CO2-Emissionen.

Als „grünen Etikettenschwindel und irreführend“ bezeichnet deshalb Immo Terborg von der Verbraucherzentrale Hamburg die Werbung. Er hat Edeka/Marktkauf wegen des Prospekts abgemahnt, die Firma gab daraufhin eine Unterlassungserklärung ab. Eine grundsätzliche Lösung der verwirrenden Kennzeichnungspraxis aber ist das nicht. Dabei wäre sie ganz einfach: Die EU könnte die Label-Regeln so ändern, dass sich der jeweils pro Effizienzklasse erlaubte Verbrauch automatisch dem Fortschritt anpasst. Schlechte Geräte würden dann mit der Zeit in der Skala nach unten rutschen. Umwelt- und Verbraucherschützer fordern solche „dynamischen Labels“ seit langem, können sich jedoch nicht durchsetzen. Auf der anderen Seite nämlich macht die Industrie Druck. Für sie sind die veralteten Klassen sehr bequem, denn mit ihr lassen sich selbst Stromverschwender noch mit dem positiv klingenden A-Siegel vermarkten. Eine gründliche Reform wurde Ende 2009 vereitelt, stattdessen wird es künftig noch komplizierter: Wer einen wirklich sparsamen Kühlschrank kaufen will, muss bald nach einem A mit drei Plus-Zeichen Ausschau halten.

Verständlich für Kunden ist dies nicht, und der Umwelt schadet die Unklarheit. Nur Hersteller und Händler ineffizienter Produkte können sich freuen – und natürlich die Energieversorger, die weiterhin schön viel Strom verkaufen können.


McDonald’s: (Energie-)Effiziente Werbemaßnahme

Donnerstag, den 23. April 2009

Heute eröffnet McDonald’s in Achim bei Bremen sein erstes energieeffizientes Restaurant. Laut Pressetext soll es als „weltweit einzigartiges Testlabor für alle anderen McDonald’s-Restaurants“ dienen. Um 12 Uhr werden die TV-Moderatoren Wigald Boning und Barbara Eligmann die installierten Öko-Technologien in Form einer Clever-Show präsentieren. Auf dem Dach der „EE-Tec“-Filiale prangen eine Fotovoltaikanlage zur Stromerzeugung, Solarkollektoren zur Warmwassergewinnung sowie ein Windrad mit dem gelben „M“, darüber hinaus kommen eine Geothermie-Wärmepumpe sowie diverse Energiespar-Technologien zum Einsatz. „Was sich im Praxistest bewährt, kann in weiteren McDonald’s Restaurants eingesetzt werden“, kündigt die Fastfood-Kette an.

Bravo, liebe McDonalds-Betreiber, ein beachtliches Projekt – aber so einfach kommt Ihr uns nicht davon. Wir hätten da noch ein paar Fragen:

1. Schön, dass Ihr in Achim eine Fotovoltaik-Anlage, Solarkollektoren und eine Wärmepumpe einem „Praxistest“ unterzieht – aber das haben doch schon Millionen vor euch getan! Bundesweit wollt Ihr in diesem Jahr 40 neue Filialen eröffnen. Warum wendet Ihr diese längst bewährten Technologien nicht gleich auch in den 39 anderen an?

2. Toll, dass Ihr in Achim einen „neu entwickelten Induktionsgrill“ testet, der „das Fleisch energieeffizient grillt“ – zu dumm nur, dass das Grillgut alles andere als energieeffizient erzeugt wurde. Laut Foodwatch trägt die Landwirtschaft zum Klimawandel genauso viel bei wie der Verkehr, und von allen Lebensmitteln hat ausgerechnet eure größte Spezialität mit Abstand die schlechteste Klimabilanz: das Fleisch von Methan rülpsenden Rindern! Warum habt Ihr eigentlich Euren einzigen vegetarischen Burger 2005 wieder aus dem Programm genommen? (Die Antwort wird vermutlich sein, dass er sich so schlecht verkauft hat. Aber mal ehrlich: Im Gegensatz zu vielen anderen Veggie-Burgern hat Euer „Gemüse-Mac“ wirklich fade geschmeckt – und der Name war auch nicht gerade appetitanregend.)

3. Danke, dass Ihr vorab so schöne Pressefotos verschickt habt – im Bild unten sticht da etwas ins Auge. Wenn es euch Ernst ist mit dem „weltweiten Vorbildcharakter“, warum ermuntert Ihr Eure Gäste nicht, energieeffizient zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu kommen? Musste es in Achim denn ausgerechnet wieder ein McDrive sein?


Sony: Stromsparen ist halt relativ

Freitag, den 11. Juli 2008

Der Elektronikkonzern Sony berichtete im Februar auf seiner Internetseite von einem mit dem WWF ausgerichteten „Climate-Savers-Gipfel“ in Japan. Sony und andere führende Unternehmen hätten dort die „Tokyo Declaration“ unterzeichnet, die unter anderem „die Förderung eines kohlenstoffarmen Lebensstils bei Konsumenten und unseren Kunden“ zum Ziel habe. Das klingt gut.

Kurz darauf brachte Sony eine Innovation auf den Markt, die den verschwenderischen Lebensstil auf ein neues Niveau hebt: Alle Fernsehgeräte der Serien Bravia W4000, E4000 und W4500 sind jetzt mit einem „Picture Frame Mode“ ausgestattet, der auf dem Monitor ein Standbild erscheinen lässt – „eines der sechs vorinstallierten Bilder von Pop Art bis Van Gogh oder das persönliche Lieblingsbild“, wie es in der Presseerklärung zur Markteinführung hieß. Die Idee ist tatsächlich, dass der Fernseher auch dann läuft, wenn man gar nicht fernsieht. Schließlich wirke ein dunkler Bildschirm ja „nicht sonderlich attraktiv.“

Im Rahmen der „Climate-Savers-Initiative“ hatte Sony eine „transparente und konsequente Kommunikation über seine Umweltschutz-Erfolge“ versprochen – und getreu diesem Motto verkauft der Konzern seinen Bilderrahmen-Modus nun als ökologischen Fortschritt: „Die Bravia der W4000-Serie verbrauchen im Picture Frame Mode bis zu zehn Prozent weniger Strom als im Fernsehbetrieb“, heißt es in der Presseerklärung, „und helfen somit, Energie zu sparen.“

Laut den Datenblättern verbrauchen allerdings zum Beispiel die W4000-Geräte im Normalbetrieb je nach Größe zwischen 120 und 225 Watt. Im Bilderrahmen-Modus liegt der Verbrauch demnach immer noch bei rund 100 beziehungsweise 200 Watt – das ist 1000-mal mehr als im Stand-By-Modus. Genauso gut könnte man mehrere herkömmliche Glühbirnen vor sich hin brennen lassen. Wie war das mit „Energie sparen“?

Die Idee des „digitalen Bilderrahmens“ ist übrigens nicht neu – kleine Modelle, die man sich zum Beispiel auf den Nachttisch stellt, sind schon länger zu haben. Das Magazin Focus hat ausgerechnet, dass diese Geräte pro Jahr bis zu hundert Kilowattstunden Strom verbrauchen und Energiekosten von etwa 15 Euro verursachen. Dabei brauchen sie durchschnittlich „nur“ zehn Watt – einen Bruchteil der Bravia-Fernseher. Wer sich auf jeden Fall über die Produkte freuen dürfte, hat Focus aus ausgerechnet: Den Energieversorger brächten die kleinen Bilderrahmen, wenn sich nur jeder vierte Deutsche einen solchen anschaffte, einen zusätzlichen Jahresumsatz von 300 Millionen Euro.

Danke an Tanja M. für den Hinweis