Ifo-Institut: Die Sinn-Wende ins Nichts

Wäre es politisch nicht so widersinnig, könnte man annehmen, Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, hat jetzt bei seinem energiepolitischen Bruder im Geiste, Oskar Lafontaine, abgeschrieben: Während der Ex-Chef der Linken die wechselnden Kräfte von Wind und Sonne benutzt, um das Leben seines rheinischen Braunkohlestroms bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zu verlängern, setzt der marktgläubige Sinn noch eins drauf:

Deutschland befinde sich „auf dem großen Irrweg“, kanzelt Sinn in einem Interview mit dem Manager-Magazin die erneuerbare Energiewende ab und preist die abgehalfterte Atomkraft.

Die wesentlichen Thesen des Interviews hatte Sinn bereits Tage zuvor auf einem Symposium der Handelskammer für München und Oberbayern verkündet. Dieser Text wurde alsbald auf einschlägigen neoliberal eingestellten Portalen wie „Politically Incorrect“ verbreitet. Sinn soll auch an einem Buch mit dem Titel Energiewende ins Nichts arbeiten, das demnächst erscheinen soll.

Neu ist das alles nicht. Die Süddeutsche Zeitung hatte schon im Sommer 2010 getitelt:

In den dreieinhalb Jahren seitdem hat aber auch Sinn ein bisschen dazugelernt. Die platte Rhetorik von 2010 – Atomstrom sei eine „grüne“ Technologie, weil kein CO2 entstehe – bekommt man nicht mehr serviert. Dafür wird nun tiefer in die energiepolitische Kiste gegriffen.

Wer sich auskennt, bemerkt die Parallele zwischen Lafontaine und Sinn sofort. Beide wollen im Kern schöne neue Grundlastkraftwerke bauen, die für Sinn den „höherwertigen“ Strom erzeugen. Denn Wind- und Sonnenstrom sind nach seiner Lesart „minderwertig“, weil sie „zufällig“ kämen. Genauso gut könnte man selbstverständlich Atomstrom als „minderwertig“ betrachten, weil der zwischen den Spitzenzeiten nicht abgeregelt werden kann und nachts überhaupt nicht gebraucht wird.

Sinns andere Pro-Atom-“Argumente“, die ihm sein Thinktank aufgeschrieben hat, sind längst widerlegt. So geißelt er mit der Behauptung, weltweit seien 64 neue Atomkraftwerke im Bau und knapp 500 in der Planung, den deutschen Verzicht auf die „Zukunfts“-Technologie.

Tatsächlich aber ist der Anteil von Atomstrom am gesamten Aufkommen seit Jahren rückläufig und seit 2010 auch die absolute Menge an Atomstrom, wie der im Juli 2013 vorgestellte World Nuclear Industry Status Report 2013 nüchtern feststellt: „Der Anteil der Kernkraft an der weltweiten Stromerzeugung sank stetig von einem historischen Höchststand von 17 Prozent im Jahr 1993 auf etwa zehn Prozent im Jahr 2012.“

Weltweit sind 190 Atomkraftwerke und damit rund 45 Prozent älter als 30 Jahre. Sie müssen in absehbarer Zeit abgeschaltet werden. Mit dem Ersatz kommt die Atomindustrie nicht hinterher, denn die Neubaupläne beschränken sich meist auf die Angabe „im Bau“. Aber real passiert relativ wenig, wie der Report klarstellt: “Im Jahr 2012 wurden nur drei Reaktoren in Betrieb genommen, aber sechs geschlossen, und in der ersten Hälfte des Jahres 2013 ging nur einer ans Netz, während vier Stilllegungsbeschlüsse gefasst wurden – alle in den USA.“

In einem Punkt kann Sinn im Manager-Magazin allerdings seinen Glauben an die Marktökonomie nicht verhehlen:

Lassen wir den markt entscheiden. Wir sind doch nicht in einer Zentralplanungswelt, wo Politiker über Technik entscheiden, das muss der Markt machen. Wir müssen nur darauf achten, dass die externen Schäden in der Kostenrechnung der Unternehmen richtig abgebildet werden, was für Atomkraftwerke heißt, dass sie eine Haftpflichtversicherung brauchen

Leider, Herr Sinn, hat man die Atomkraft nicht den reinen Marktkräften überlassen. Dann hätte sich, wie man aus der Frühgeschichte des AKW-Baus inzwischen weiß, niemals ein Unternehmen auf diese nicht versicherbare Energiequelle eingelassen. Von 1950 bis 2008 summierte sich in der Bundesrepublik die staatliche Förderung der Atomkraft auf fast 165 Milliarden Euro, wie eine Greenpeace-Statistik zeigt:

Tabelle: Staatliche Förderung der Atomkraft in Deutschland

Bei einer ausreichenden Haftpflicht wäre Atomstrom sofort unwirtschaftlich. Dann würde die Kilowattstunde aus dem AKW um 1,79 Euro (!) kosten – und wäre damit deutlich teurer als Strom aus anderen Energiequellen.

Eine besondere zahlentechnische Kostbarkeit von Sinn im Manager-Magazin, an der sich zweifellos einige Experten müde gerechnet haben, ist diese:

Um vier Siebtel des Wind- und Sonnenstroms des Jahres 2011 für sich genommen zu verstetigen, wären mindestens 400 Pumpspeicherkraftwerke durchschnittlicher Größe erforderlich, wir haben aber nur 35 in Deutschland. Diese würden fast 100 Milliarden Euro kosten.

100 Milliarden würden natürlich nicht die 35 bestehenden Pumpspeicherwerke kosten, sondern die 365, die nach Sinnscher Lesart noch nötig wären. Das aber ist eine Milchmädchenrechnung. Denn es ist klar, dass es in Deutschland schlicht an den natürlichen Voraussetzungen fehlt, um hunderte neue Pumpspeicherwerke zu bauen. Die Kosten sind also rein fiktiv. Sinn ficht das nicht an – Hauptsache, eine beeindruckende Zahl kommt heraus. Und vor allem sei es, schlussfolgert er messerscharf, billiger, ein paar AKW zu bauen als die ganzen Pumpspeicherwerke (und Windkraftanlagen). So einfach ist das!

Vor nicht einmal zwei Jahren war Sinns Welt übrigens noch deutlich zukunftsfroher gestrickt. Auf die leicht tendenziöse Frage, auf welche Technologien man sich angesichts des CO2-Problems, der Versorgungssicherheit und der Energiekosten konzentrieren solle, antwortete er in einem Interview mit der Zeitschrift Energiewirtschaftliche Tagesfragen:

Auf den Atomstrom, und man sollte die Kernfusion vorantreiben. Da sehe ich die größten Gewinnmöglichkeiten. Zwar ist der Weg lang und steinig, aber am Ende winkt die endgültige Überwindung des Energieproblems.

Mit Atomstrom und demnächst mit der Kernfusion, glaubt Sinn, lässt sich das Energieproblem „endgültig“ überwinden.

Und die Erde ist eine Scheibe!

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