Archiv des Schlagwortes ‘Wall Street Journal’

Deutschlandfunk: Journalismus ohne Recherche

Dienstag, den 13. Juni 2017

Oha!
Es gibt eine Sensation zu vermelden!!
EXKLUSIV!!!
Laut Deutschlandfunk:

Echt jetzt??

Wie passt diese Meldung zu diesen Fakten: Südkorea, Asiens viertgrößte Volkswirtschaft, hat gerade eine Energiewende beschlossen, bei der die Atomkraft zurückgefahren wird. Die Schweiz stimmte jüngst per Volksentscheid für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Das Wiederanfahren des AKW Brokdorf, letztes seiner Art in Schleswig-Holstein, wurde im März dieses Jahres wegen technischer Mängel untersagt.

Die EU-Kommission legte vergangene Woche einen Bericht vor, dem zufolge die Mitgliedsstaaten zwischen 660 und 770 Milliarden Euro in die Atomenergie investieren müssten, um wenigstens das Niveau von heute zu halten – was aber wegen des Alters vieler Reaktoren zunächst erst einmal definitiv sinken wird.

Westinghouse, einer der weltgrößten Hersteller von Atomreaktoren, musste Ende März Insolvenz anmelden. Oder der 1.600-Megawatt-Neubau im finnischen Olkiluoto – ursprüngliche Planung: drei Milliarden Euro teuer, Inbetriebnahme 2009. Die Kosten haben sich inzwischen verdoppelt, aber der Reaktor wird und wird einfach nicht fertig, auch zehn Jahre nach der geplanten Inbetriebnahme nicht.

Also, verehrte Kollegen vom Deutschlandfunk: Wo bitte ist der „weltweite Vormarsch der Atomkraft“?

Dies war die Überschrift der Meldung, die es bis in die Hauptnachrichten brachte:

„Immer mehr?“ Vorsicht! Journalisten, die einen Satz mit „Immer mehr“ beginnen, wissen meist nichts Genaues. Deshalb wird auf Journalistenschulen vor dieser Wischiwaschi-Formulierung gewarnt.

Worauf basiert denn nun diese trompetenhafte Vormarsch-Meldung des Deutschlandfunks? Hören wir weiter zu:

Ah, die Quelle ist der Direktor der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA)! Also der Chef jener Einrichtung, deren Ziel – siehe Artikel 2 des IAEA-Statuts – ausdrücklich die Förderung der Atomenergie ist. Wirklich eine unbestechliche Quelle für eine Nachricht …

Wir haben kurz mal im Archiv geblättert. Unter der Überschrift „Kernenergie auf dem Vormarsch“ vermeldete die Atomlobby 1997: „Die Stromproduktion aus Kernenergie wird bis zum Jahr 2010 voraussichtlich um rund 13 Prozent steigen“. Tatsächlich lag der Leistungszuwachs bis 2010 unter drei Prozent.

2008 schwadronierte das Deutsche Atomforum von der „Renaissance der Atomkraft“. Damals waren weltweit 439 Reaktoren am Netz. 2012 vermeldete das Wall Street Journal „Atomkraft hat weltweit eine Zukunft“. Jetzt gab es weltweit nur noch 437 Reaktoren, von denen aber allein in Japan nach der Atomkatastrophe von Fukushima 48 vom Netz genommen wurden. Und seitdem auch blieben.

Beim Deutschlandfunk aber heißt es:

Ui, ui, ui. Der Satz ist im Indikativ formuliert, nicht im Konjunktiv, wie bei der Wiedergabe eines Zitats üblich. Und die Kollegen sind damit der IAEA-Propaganda auf den Leim gegangen: Im englischen Original der Pressemitteilung heißt es, 449 Reaktoren seien „in operation“. Das übersetzte der Deutschlandfunk mit „produzierten Strom“. Blöderweise aber zählt die IAEA auch AKWs unter „in operation“, die derzeit abgeschaltet sind – wie beispielsweise jene in Japan.

Und schließlich vermeldet der Deutschlandfunk zwar, wie viele Reaktoren in den letzten zwei Jahren neu ans Netz gingen. Von jenen, die im gleichen Zeitraum für immer vom Netz genommen und verschrottet wurden, erfahren wir aber nichts: etwa vom schwedischen AKW Oskarshamn 2, von Fort Calhoun in den USA oder vom japanischen AKW Fukui. Von den Reaktoren in Ikata oder dem deutschen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld. Dem Reaktor Takahama 2. Und so weiter …

Zum Stand der weltweiten Atomkraft empfehlen wir eine unabhängige Quelle, nämlich den World Nuclear Energy Status Report (WNESR), der seit Jahrzehnten vom renommierten Branchenbeobachter Mycle Schneider herausgegeben wird. Hier werden als „operating reactors“ nur jene gezählt, die tatsächlich laufen. Und was sagt der WNESR zum aktuellen Stand der weltweiten Atomwirtschaft? Schauen wir in den 2017er Report: Auch dort ist von 20 neu angefahrenen Reaktoren in den Jahren 2015 und 2016 die Rede (darunter das US-AKW Watts Bar 2, das mit 43 Jahren die längste je verzeichnete Bauzeit aufweise). Wegen diverser Stilllegungen, lesen wir hier, sei die Zahl der weltweit laufenden Reaktoren aber nur um zehn gestiegen – und liege damit immer  noch „weit unter dem historischen Maximum von 438 im Jahr 2002″:

So sieht der „weltweite Vormarsch“ der Atomkraft aus …

Leider lieferte uns also der Deutschlandfunk diesmal Journalismus ohne Recherche.


WSJ: Die Zukunft der Atomkraft – war gestern

Donnerstag, den 15. März 2012

Irgendwie war diese Schlagzeile ja erwartbar. Pünktlich zum Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima titelte die deutsche Ausgabe des Wall Street Journal (WSJ):

Der zugehörige Text zitiert die World Nuclear Association, derzufolge im Moment weltweit 60 neue Atomreaktoren Bau seien, 163 weitere geplant. „Das ist kaum weniger als im Februar 2011, als 62 Reaktoren im Bau und 156 in der Planung waren“, schreiben die Autoren des Wall Street Journals. Die Zahlen würden zeigen, „dass Atomenergie durch die Kernschmelze von Fukushima allenfalls einen leichten Dämpfer erhalten hat“.

Oha, das Ungeheuer von Loch Ness ist also wieder da! Denn so zuverlässig wie sich Berichte über „Nessie“ wiederholen, tauchen Behauptungen auf, die Atomkraft stehe vor einer goldenen Zukunft. Wir haben unter anderem hier darüber geschrieben oder auch hier über eine bereits 13 Jahre (!) zurückliegende Sichtung des Ungeheuers.

Aber schauen wir uns den aktuellen WSJ-Text etwas genauer an: Selbst die Schreiber des strengkonservativen Wirtschaftsblattes müssen zugestehen, dass es in Europa um die Atomkraft nicht so toll steht . Deutschland, Italien und die Schweiz hätten angekündigt, ihre Atomprogramme „zurückzubauen oder einzustellen“. Selbst in der Nuklearnation Frankreich traue sich der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande, ein Zurückfahren des Atomanteils im Strommix um ein Drittel anzukündigen. Trübe seien die Aussichten auch in den USA: „Nach Fukushima sind die Sicherheitsauflagen stark erhöht worden, was auch die Baukosten steigen lässt.“ Aber wie ergibt sich dann eine „weltweite Zukunft“ für die Atomkraft?

Okay, Nessie lebt nicht mehr im schottischen Hochland, sondern angeblich in Asien. Obwohl: In Thailand kann die neue Heimat des Ungeheuers nicht liegen, dort ließ die Regierung infolge von Protesten nach Fukushima ihre Atompläne fallen. Auch auf den Philippinen gibt es keine Zuflucht: Die Baustelle des dortigen Atomkraftwerkes Bataan wurde nach Fukushima zu einer Touristenattraktion. In Japan sind bereits 52 der 54 Atomkraftwerke vom Netz, die zwei verbliebenen folgen im April. Und  selbst in China – oben im Text noch als Hort der Renaissance erwähnt – ist erst einmal Schluss mit der Atomkraft. Das Wall Street Journal  schreibt:

Also, wo ist denn jetzt die Zukunft? Schaut man sich auf der Website die Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) die in Bau befindlichen Reaktoren an, dann stößt zum Beispiel auf: Kursk 5 in Russland – Baustart 1985, Khmelnitski 3 und 4 in der Ukraine – Baustart 1986 bzw. 1987, den Rekord hält Watts Bar 2 in den USA – Baustart 1972, erst kürzlich wurde die Inbetriebnahme wieder einmal verschoben. Einen genauen Überblick hierzu und zu vielen anderen Details der Atombranche gibt der regelmäßig erscheinende World Nuclear Industry Status Report des Pariser Experten Mycle Schneider. Von den mehr als 60 „In-Bau“-Reaktoren, heißt es da, verharre ein Dutzend bereits seit mehr als 20 Jahren in diesem Status. In dem Report bekommt man auch ein Gefühl für Größenordnungen: 60 Reaktorbaustellen, das mag viel klingen. Aber 1987 zum Beispiel gab es weltweit 120, der Höchststand war 1979 zu verzeichnen mit 233 Akw-Blöcken „in Bau“.

Und was ist mit den Planungen? Von 163 Neuprojekten schrieb ja das Wall Street Journal unter Berufung auf die World Nuclear Association (WNA). Doch nur ein Teil der Blöcke wird je ans Netz gehen, zeigt die Erfahrung – und das steht auch in einem Gutachten des Prognos-Instituts von 2009 im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz. Die Autoren rechnen damit, dass nur

Unterm Strich werden die derzeit angekündigten oder bereits begonnenen Reaktoren die Zahl Blöcke nicht wettmachen können, die weltweit in den kommenden Jahren wegen Erreichen der Altersgrenze abgeschaltet werden müssen. In den Worten des World Nuclear Industry Status Reports: „Es wird praktisch unmöglich sein, die Zahl der aktiven Atomreaktoren über die nächsten Jahre konstant zu halten oder gar zu steigern.“

Tolle Zukunft.

P.S.: Seit letztem Herbst ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors rein leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, damit wir auch 2012 voll weiterarbeiten können. Bitte unterstützen Sie uns HIER