Moderne Märchen (1): Die Renaissance der Atomkraft

Walter Hohlefelder, der Präsident des Deutschen Atomforums, des Lobbyverbandes der deutschen AKW-Branche, hat „die Politiker vor ‚Isolierung‘ in der umstrittenen Frage der Kernenergie-Nutzung gewarnt“. So meldet es heute die Nachrichtenagentur dpa. Weltweit sei, so Hohlefelder bei der Wintertagung seines Verbandes, „nach allen Plänen mit einem erheblichen Ausbau der Atomenergie zu rechnen“.

Natürlich wünschen sich Herr Hohlefelder und die deutschen AKW-Betreiber einen „erheblichen Ausbau“ (für seine Klima-Werbekampagne wurden sie übrigens mit dem Worst Lobby Award 2007 geehrt). Und das Atomforum ist auch nicht der einzige, der von einer „Renaissance der Atomkraft“ spricht, Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy und zahlreiche Medien tun es auch.

Doch ein Blick auf die nüchternen Zahlen des „World Nuclear Industry Status Report“ belegt: Die Renaissance (franz.: „Wiedergeburt“) leidet unter einer beängstigend niedrigen, wenn nicht gar rückläufigen Geburtenrate. Zwischen 1987 und 2007 sind ganze 16 neue Reaktoren ans Netz gegangen. Ihre Gesamtzahl stieg damit auf heute 439 – trotzdem liegt 2008 schon um fünf Kraftwerke unter dem „Rekordjahr“ 2002.

Gern verweisen Atomkraft-Befürworter darauf, dass sich 32 weitere Reaktorblöcke im Bau befänden. Stimmt – aber gut ein Drittel davon sind unendliche Geschichten wie Atucha-2 in Argentinien (Baubeginn 1981) oder Busheer im Iran (Baubeginn 1975). In den USA, wo Präsident Ronald Reagan 1981 schon einmal eine Renaissance der Atomkraft ankündigte, ist seit 1973 kein Atomkraftwerk mehr fertiggebaut worden.

„Es gibt keinen Boom“, stellte kürzlich Lutz Mez, Geschäftsführer der Forschungsstelle Umweltpolitik an der FU Berlin, in einem ZEIT-Interview fest. Er verweist darauf, dass bei einer angenommenen Betriebszeit von 40 Jahren bis 2015 insgesamt 90 Reaktoren und bis 2025 sogar deren 192 vom Netz gehen werden. Selbst wenn die 32 Dauerbaustellen bis dahin wider Erwarten alle fertiggestellt sein sollten, so Mez, müssten „immer noch zusätzlich 250 Reaktorblöcke… gebaut und in Betrieb genommen werden“.

Und das europäische Vorzeigeprojekt Olkiluoto-3 in Finnland? Es wird frühestens 2011 und nicht, wie geplant, 2009 seinen Betrieb aufnehmen – sechs Mal wurde der Starttermin bereits verschoben, bislang sind Mehrkosten von bislang 1,5 Milliarden Euro aufgelaufen. An der ausbleibenden Renaissance ändern auch Ankündigungen wie jüngst der britischen Regierung nichts, den AKW-Kraftwerkspark zu erneuern.

„Warum bauen Unternehmen denn überhaupt Kernkraftwerke?“, lautete eine Frage in dem bereits zitierten ZEIT-Interview. Lutz Mez: „Weil ein Atomkraftwerk für den Betreiber sehr profitabel sein kann. Margen von 25 Prozent sind da keine Seltenheit. Bei den Erneuerbaren Energien liegt die Rendite gerade mal bei zehn Prozent.“