Kanzleramt: Ökostrom aus Uralt-Kraftwerk

Herrje, wie oft muss man das denn noch sagen? Dass Ökostrom nicht gleich Ökostrom ist. Dass, wer durch seinen Strombezug wirklich etwas bewirken will für Klima und Umwelt, auf die genaue Herkunft achten muss. Dass – wie die Fachleute es nennen – der „zusätzliche Umweltnutzen“ davon abhängt, ob Ökostrom aus neuen Erzeugungsanlagen kommt – denn wenn man sich grünen Strom aus Altkraftwerken andrehen lässt, dann findet ja nur eine Neuverteilung des Stromkuchens statt: Der Betreiber zum Beispiel eines alten Wasserkraftwerks verkauft nun die Elektrizität, die er sowieso seit langem produziert hat, nicht mehr im Rahmen seines normalen Strommixes an alle Kunden, sondern an ausgewählte Abnehmer, die so blöd sind, für diesen Altstrom einen Aufpreis zu zahlen; die anderen Abnehmer erhalten im Gegenzug mehr dreckigen Strom, zum Beispiel aus Kohleblöcken, für die Umwelt ändert sich unterm Strich nichts.

Aber Moment, der Reihe nach. Wie Sie sich vielleicht erinnern, schrieben wir hier vor zwei Monaten über Angela Merkels neuen Ökostrom. Auf den war die Kanzlerin so stolz, dass sie den Umstieg eigens in ihrem wöchentlichen Podcast verkündete. Wir hingegen waren vor allem neugierig – darauf, woher der Strom denn komme.

Von der Firma Vattenfall, lautete die knappe Auskunft des Bundespresseamtes. Auch die für den Strombezug zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bafi) mochte keine Details verraten, weshalb wir förmliche Auskunft gemäß Informationsfreiheitsgesetz (IFG) verlangten.

Und, siehe da, plötzlich gab es doch Details (zwar nicht so viele, wie wir gern gehabt hätten, aber egal). Und, siehe da, unser Verdacht hat sich bestätigt. Die Bafi in Bonn schreibt uns nämlich:

Und das Kraftwerk Porjus, so Wikipedia, ist nicht nur ein altes Kraftwerk, sondern sogar „eines der ältesten“ in ganz Schweden. „Das Kraftwerk wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut“, schreibt auch Vattenfall auf seiner Website. Zwar wurden die Turbinen von vor hundert Jahren zwischenzeitlich ersetzt, aber das heutige Kraftwerk Porjus mit seiner Erzeugungskapazität von 465 Megawatt arbeitet auch schon seit 1975.

„Herrje“ ist das einzige Wort, das uns dazu einfällt. Jeder halbwegs kompetente Mensch weiß, dass ein Wasserkraftwerk nach fast 40 Jahren keine Neuanlage mehr ist. Hochwertige Ökostromanbieter garantieren zum Beispiel, dass mindestens ein Drittel oder gar hundert Prozent der gelieferten Energie aus Anlagen stammt, die nicht älter als sechs Jahre sind.

Als Service für die Damen und Herren im Bundeskanzleramt und in der Bundesanstalt für Immoblienaufgaben hier nochmal ein Auszug aus einem Ratgeber zur „Beschaffung von Ökostrom“, den das Umweltbundesamt speziell für Behörden herausgegeben hat:

Die Broschüre stammt übrigens aus dem Jahr 2006. Entweder hat man sie im Kanzleramt bis heute nicht gelesen. Oder es geht beim Ökostrom der Kanzlerin nicht um einen „konkreten Nutzen“ für die Umwelt, sondern für das Image.