EnBW: Unbescheidene Zukunftsmusik

The German Times ist eine Monatszeitung aus Berlin, die sich der englischen Sprache bedient. Sie erscheint seit 2007, die Auflage beträgt 60.000 Exemplare. „Wir hielten die Zeit für gekommen, eine Plattform zu schaffen, um europäische Themen kontrovers zu diskutieren“, erklärte Herausgeber Theo Sommer damals gegenüber dem Independent. Jener Theo Sommer, der früher einmal Die Zeit herausgegeben hat.

Ein guter Teil der Auflage wird kostenlos an alle Abgeordneten des Europaparlaments verteilt. Außerdem erhalten alle Parlamentarier und Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten eine German Times. Eben weil die ja wissen sollen, wie die europäischen Themen diskutiert werden. In der jüngsten Ausgabe war Folgendes zu lesen:

enbWo die Energiezukunft startet, das ist natürlich enorm spannend in den Zeiten der Erderwärmung und Energiewende. Wo denn? Wo startet sie denn?

Nun, sehen Sie selbst:

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Die Windräder stehen in der Ostsee, 16 Kilometer nördlich der Halbinsel Darß. Auf einem Areal von rund sieben Quadratkilometern drehen sich 21 Windanlagen mit einer Gesamtleistung von 48 Megawatt. Diese erzeugen jährlich 185 Gigawattstunden Strom – genug für rund 50.000 Haushalte.

EnBW bedeutet übrigens Energie Baden-Württemberg. „Wirkliche Pionierleistungen finden oft fern der Heimat statt“, heißt es weiter in der Anzeige. „Wir sorgen dafür, dass Ökostrom nicht nur in aller Munde ist, sondern tatsächlich verfügbar.“

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Das stimmt. Aber nur halb. Baltic 1 heißt der Windpark, er ist wirklich Deutschlands erstes kommerzielles Offshore-Windfeld in der Ostsee. Aber er gehört nur zur Hälfte EnBW – die andere Hälfte besitzen 19 Stadtwerke.

Ans Netz ging Baltic 1 im Mai 2011. Nach dem Branchenreport „Fascination Offshore“ aus dem Jahr 2003 sollte der Park aber ursprünglich doppelt so groß sein und bereits 2005 gebaut werden. Geplant wurde am Projekt schon seit 1997, Anfang 2005 lagen auch alle Genehmigungen vor. Aber weil die Offshore-Technik Neuland ist, zögerte EnBW: Der Anteil von Atomstrom am EnBW-Konzernmix lag damals bei 51 Prozent und es schien, als könne der Ausstieg aus dem Atomausstieg doch noch gelingen.

Auch der zweite Windpark von EnBW verzögert sich. Baubeginn für Baltic 2 war im November 2011, also nach dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomausstieg – EnBW hatte versprochen, jetzt richtig ranklotzen zu wollen bei der Energiewende. 32 Kilometer nördlich von Rügen sollten noch in diesem Jahr 80 Windräder ans Netz gehen, bisher aber steht kein einziges. „Wir wollen in Kürze mit dem maritimen Baustart beginnen“, sagt Friederike Eckstein, Sprecherin der EnBW Kraftwerke AG. Dabei wollte EnBW aus diesem Park 2013 schon Strom verkaufen. Eckstein sagt: „Ab 2014 werden dann die Anlagen installiert.“

Den dritten EnBW-Windpark – mit dem schönen Namen „Hohe See“ – hat der Konzern gleich ganz abgesagt. „Aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Diskussion über die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) sowie der damit einhergehenden Unsicherheiten hinsichtlich verbindlicher Termine für die Netzanbindung von Offshore-Windparks verschiebt die EnBW ihre Investitionsentscheidung“, teilte der Konzern vor neun Monaten mit. Still ruht seitdem der See für die „Hohe See“. Zum Jahresende 2013 läuft die Baugenehmigung ab.

Das mit der Zukunft ist ja so eine Sache: Prognosen sind schwierig, weil sie in der Zukunft spielen. Aber es ist natürlich gut, dass EnBW in der German Times einen Debattenbeitrag zu den europäischen Themen leistet. Nur sollten die Baden-Württemberger im europäischen Kontext etwas bescheidener sein: Die Briten und die Dänen sind bei der Offshore-Windkraft wesentlich weiter.

PS:

Noch eine Frage, liebe EnBW: Wenn die Zukunft tatsächlich dort draußen auf dem Meer startet, wieso baut ihr dann zu Hause in Karlsruhe ein neues Kohlekraftwerk? Mit einer elektrischen Bruttonennleistung, die 19 Mal größer ist als die von Baltic 1!