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Michael Miersch: Bild-schöne Klima-Demagogie

Mittwoch, den 15. März 2017

Michael Miersch hat einen neuen Job. Miersch, Miersch, wer war das nochmal? Genau, die eine Hälfte des Autorenduos Maxeiner & Miersch, das seit mittlerweile zwei Jahrzehnten (vermutlich ganz gut) vom Öko-Bashing lebt. Vor ein paar Jahren war Miersch mal Ressortleiter beim Focus (eine Titelstory damals: „Prima Klima: Die globale Erwärmung ist gut für uns“). Davor hat er in der Welt klima„skeptische“ Thesen verbreitet. Dasselbe tat er lange Zeit auf dem Provokanten-Blog Achse des Guten, den er dann aber – dazu eine ehrliche Gratulation! – unter Protest gegen dessen immer stärkeren Rechtsdrall verließ.

Nun also arbeitet Miersch bei der Deutschen Wildtier-Stiftung als „Leiter Naturbildung“. Und hat heute der Bild ein – nunja, bemerkenswertes – Interview gegeben:

Das Boulevardblatt bietet dem „streitbaren Buch-Autor, Doku-Filmer und Naturschützer Michael Miersch (60)“ eine große Bühne für eine ganze Reihe irreführender und falscher Aussagen. Aber wir wollen hier nur die drei krassesten Passagen genauer anschauen.

So fragt Bild-Reporter Albert Link zum Beispiel nach der Zukunft der Eisbären:

Nun, wer sich hier auf dünnes Eis begibt, ist vor allem der „Leiter Naturbildung“ Michael Miersch. Denn er widerspricht hier ganz kühn der weltweiten Autorität auf dem Gebiet des Artenschutzes, der Weltnaturschutzunion IUCN, die den Eisbären seit langem auf ihrer Roten Liste führt. Und er verbreitet eines der, gähn, ältesten Pseudo-Argumente der Klimawandel-Leugnerszene: Denn die Zahl von weltweit 5.000 Eisbären aus den 1950er Jahren war erstens schon damals umstritten und wurde zweitens im Nachhinein ausdrücklich revidiert.

Zudem hat die zwischenzeitliche Zunahme des Eisbären-Bestandes nichts damit zu tun, dass der Klimawandel übertrieben wird – sondern damit, dass parallel die Jagd auf Eisbären weitgehend verboten wurde. Vor wenigen Wochen erst kam ein Team renommierter Forscher erneut zu dem Ergebnis, dass der Schwund des arktischen Meereises zu einem drastischen Rückgang der Eisbären-Population führen werde. Klar, die Art wird nicht in vier oder acht Jahren komplett ausgestorben sein – insofern ist die Schlagzeile über dem Interview nicht verkehrt. Aber was Miersch hier erzählt, dokumentiert – bestenfalls – seine Inkompetenz.

Auf die nächste Frage antwortet Miersch ähnlich zweifelhaft:

An dieser Antwort ist mehrerlei irreführend: Erstens wird es beim Klimawandel zwar in der Tat „Gewinner und Verlierer“ geben – aber die Zahl der Verlierer dürfte überwiegen, so die übereinstimmende Einschätzung von Forschern und Naturschützern.

Zweitens mag es zwar in Warmzeiten eine größere Artenvielfalt gegeben haben als in Kaltzeiten – aber der gegenwärtige Klimawandel ist weniger wegen seines absoluten Temperaturanstiegs ein Problem für viele Arten, sondern wegen seines Tempos: Er vollzieht sich schlicht zu schnell, als dass sich Tiere und Pflanzen einfach daran anpassen könnten.

Drittens der Palmöl-Boom – klar, der ist ein Problem. Allerdings wird der Rohstoff nicht nur zu Agrosprit verarbeitet, sondern in großem Stil auch zu Lebensmitteln und Kosmetika, weshalb schon seit Jahren eine ganze Reihe von Umweltverbänden dagegen kämpft. Doch nutzen diese, anders als Miersch, das Palmöl-Problem nicht dazu, „den“ Klimaschutz zu diskreditieren.

Es folgt geschickte Anti-Windkraft-Propaganda:

Natürlich darf beim Ausbau der Erneuerbaren der Naturschutz und insbesondere der Vogelschutz nicht aus den Augen geraten. Doch kommt es bei Windkraftanlagen vor allem darauf an, die Standorte sorgfältig auszuwählen, wie beispielsweise der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) betont.

Miersch hingegen dramatisiert die Zahl der durch Windkraft getöteten Vögel. Seriöserweise sollte er seine (ungefähr wohl stimmende) Zahl von 120.000 weniger mit fiktiven Risiken der Atomkraft vergleichen, sondern mit anderen realen Gefahren: Durch Kollisionen mit Glas (etwa an Gebäuden) nämlich sterben in Deutschland nach Schätzungen des BUND jährlich 1,8 Millionen Vögel. An Hochspannungsleitungen (durch die mitnichten nur Windstrom fließt) kommen pro Jahr laut einem aktuellen Gutachten des Nabu rund 2,8 Millionen Vögel zu Tode. Im Straßenverkehr sind es, so das Bundesamt für Naturschutz, jedes Jahr bis zu zehn Millionen.

Die Schätzungen nochmal zusammengefasst: Im Vergleich mit Windrädern sind Glasflächen für Vögel wohl rund 15-mal so gefährlich, Hochspannungsleitungen rund 23-mal und der Deutschen so heißgeliebtes Auto gar bis zu 80-mal. Doch Miersch zeichnet das Bild vom Vogelkiller Windrad – was selbst sein ehemaliger, bestimmt nicht ökobewegter Arbeitgeber Focus einen „Mythos“ nennt.

So geht es weiter und weiter.

Miersch mokiert sich über eine angeblich übertriebene Angstmache von Umweltschützern und Grünen – die es hier und da sicherlich gibt. Aber als Beleg führt er ausgerechnet das Ozonloch an, über das heute angeblich niemand mehr redet. Miersch verschweigt geflissentlich, dass das Montreal-Protokoll zum Verbot ozonschädigender FCKW und damit der Grund für die sinkende Aufmerksamkeit maßgeblich auf Druck von Umweltschützern zustande kam.

Als weiterer Beleg für die vermeintliche Öko-Hysterie gilt Miersch, dass das Waldsterben „ausgeblieben“ sei und es dem deutschen Wald ja heute „besser denn je“ gehe: Letzteres ist Quatsch, wie ein schneller Blick in den letzten Waldzustandsbericht zeigt (zwar hat sich die Lage bei einigen Nadelbäumen verbessert, bei Laubbäumen hingegen haben die Schäden seit Beginn der Erhebungen 1984 stark zugenommen). Und das Ausbleiben eines noch dramatischeren Waldsterbens ist – wie das kleiner werdende Ozonloch – kein Beleg für ungerechtfertigte Panikmache, sondern ein positives Ergebnis genau dieser Kampagnen der Umweltbewegung.

Irgendwann fragt man sich, was wohl Mierschs Chef zu so viel Demagogie sagt. Schließlich will die Stiftung ja laut ihrer Selbstdarstellung „Wildtiere und ihre Lebensräume fördern und schützen“. Aber dann fällt einem ein, wer den Laden seit fünf Jahren leitet: Fritz Vahrenholt, Deutschlands wohl bekanntester Verharmloser des Klimawandels.

Die beiden verstehen sich bestimmt blendend.


Focus: Können die kein Englisch?

Montag, den 29. November 2010

Eigentlich war ja klar, dass der Focus diese Woche mit einem solchen Titel erscheint: Ein Eisbär ist darauf zu sehen mit (schlecht aufretuschierter) Sonnenbrille – und unter der Schlagzeile „Prima Klima!“ die Behauptung: „Die globale Erwärmung ist gut für uns“. Wieso man sich das hatte denken können? Nun, der neue Chefredakteur Wolfram Weimer hat Ende September als Ressortleiter „Forschung & Technik“ ausgerechnet Michael Miersch berufen, jenen Journalisten, der gemeinsam mit seinem Kollegen Dirk Maxeiner schon seit vielen Jahren davon lebt, provokante Thesen zum Beispiel über (vermeintliche) „Öko-Irrtümer“ in flotten Worten aufzuschreiben.

In der Woche, in der in Cancún der nächste UN-Klimagipfel beginnt, kann man bei der konservativen Focus-Leserschaft (und sicherlich weit darüber hinaus) mit einer klimaskeptischen Cover-Story bestimmt Auflage machen. Wie schon vor knapp einem Jahr verbirgt sich dahinter aber ein halbgewalkter Text, der die vollmundige Titelankündigung nicht deckt. Die globale Erwärmung sei „gut für uns“ steht dort pauschal. Bereits auf Seite 4 im Inhaltsverzeichnis wird diese Allgemeinbehauptung relativiert:

Und auf Seite 78 im Vorspann des zugehörigen Artikels heißt es:

Schaut man sich den folgenden Text näher an, so verkauft er (bei Weglassen wichtiger, anderer Fakten) lediglich eine Binsenweisheit in sensationsheischenden Worten. Denn selbstverständlich gibt es weltweit AUCH Gegenden, die von der Erderwärmung profitieren – die Klimaforschung hat daraus nie einen Hehl gemacht. Deshalb hätte der Focus bzw. Artikelautor Christian Pantle auch keine „neuen Studien“ zitieren müssen. Wir jedenfalls brauchten gerade dreieinhalb Minuten, um im letzten IPCC-Sachstandsbericht von 2007 zwei Stellen zu finden (es gibt unzählige weitere!), in denen der Weltklimarat begrenzte Vorteile der Erderwärmung benennt. Dies ist ein Auszug aus Teil 2 des IPCC-Reports, Kapitel 9.4.4 zu Afrika:

Und hier aus Kapitel 12.4.7.1 zu Europa:

Hier steht Schwarz auf Weiß (und unter Verweis auf bis zu acht Jahre alte Studien), dass etwa in Teilen Afrikas und Europas die Landwirtschaft auch profitiert und beispielsweise Weizen- oder Zuckerrübenerträge wachsen. Verstehen Redakteure, Ressortleiter und Chefredakteure beim Focus etwa kein Englisch? Oder welche (noch schlimmeren) Annahmen können erklären, dass sich zu Beginn des „Prima Klima!“-Textes dieser Absatz findet:

Donnerwetter! Den IPCC-Bericht von 2007 (siehe oben) haben wohl „Provokateure“ geschrieben? Oder wie? Oder was?

Nein, der zitierte Focus-Absatz ist natürlich Blödsinn – nur braucht ihn das Magazin, um über elf Seiten eine Pseudosensationsgeschichte stricken zu können. Der Hauptgrund, warum Klimaforscher, Politiker und (seriöse) Medien nicht so sehr auf die Vorzüge des Klimawandels schauen, ist nämlich ganz einfach: Bei einer vernünftigen Gesamtbetrachtung fallen die Nachteile der Erderwärmung schlicht stärker ins Gewicht als ihre Vorteile. So mag es ja sein, dass der Klimawandel die Weizenerträge in Europa oder Asien steigen lässt – nur sinken sie gleichzeitig in Afrika viel stärker, just dort, wo schon heute die Hungersnöte am größten sind (was im Focus-Text denn auch beiläufig zugegeben wird). Bezeichnend für das Niveau des Gesamtartikels ist der Umstand, dass als Fachmann für künftige Verschiebungen der menschlichen Siedlungsgebiete nicht etwa ein Klimatologe oder Geograph zitiert wird, sondern ein Physik-Professor, dessen Spezialgebiet Nanotechnologie ist und der keinerlei Fachveröffentlichungen zum Klima vorweisen kann.

Dieser Focus-Artikel liegt also schon in seiner Grundthese gründlich daneben – weshalb wir keine Lust haben, im Text noch nach Detailquatsch zu suchen. Aber wenn Sie mögen, liebe Leserinnen und Leser, schicken Sie uns Ihre Fundstücke! Wir veröffentlichen sie gern. (Tipp: Garantiert fündig werden Sie auf den Seiten 81, 84, 86 und 89.)

Danke an Franz K. für den Hinweis