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F. Petry (AfD): Wissenschaftlich disqualifiziert

Donnerstag, den 6. Oktober 2016

Auf Youtube gibt es einen Kanal namens „Jung & Naiv“, der Untertitel lautet „Politik für Desinteressierte“. Gemacht wird sie von dem 30-jährigen Tilo Jung, 2014 bekam er für das Format den renommierten Grimme Online Award. Regelmäßig interviewt Jung Politikerinnen und Politiker; und Teil des Konzepts ist, dass es da auch gehörig menschelt. Kürzlich saß Tilo Jung mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry beisammen und fragte zum Beispiel, warum sie Chemie studiert habe und nicht Kirchenmusik. Antwort: „Orgelspielen geht als Hobby. Chemie als Hobby, das geht nicht.“

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Das 72-minütige Interview handelt aber natürlich auch von Politik. So erzählt die Chefin der Rechtspopulisten, dass sie früher CDU gewählt habe. Und Gerhard Schröder (SPD). Aber auch mal FDP. Einmal sei sie gar nicht zur Wahl gegangen. Wem sie aber niemals ihre Stimme gegeben habe, seien die Grünen: „Als Chemiker geht man mit den Fragen von Umweltschutz sehr viel differenzierter um als die Grünen. Überspitzt gesagt habe ich den Eindruck, dass sich die Grünen eine menschenfreie Umwelt wünschen, die es in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland nicht geben kann.“ Industrieland, Wirtschaftskraft und so.

Ab Minute 19:30 wird es besonders interessant. „Ich bin als Wissenschaftler der Meinung, man sollte nicht schwarz oder weiß denken. Das ist eine Kritik, die ich an den Grünen habe“, hebt Petry an. Und dann fügt sie an – gefragt war nach Natur- und Klimaschutz: „Die aktuell vorherrschende These ist, dass der menschgemachte Klimawandel existiert, dass es den Klimawandel gibt, da bin ich dabei, weil es den zu allen Zeiten gegeben hat. Allein: Ich halte die Hypothese, dass der Mensch dafür verantwortlich ist, nicht für bewiesen. Selbst wenn man Bücher von den sogenannten Klimaschützern liest …, dann sind sie bei einer Frage eben auch nicht entschieden, nämlich der Frage, ob zuerst die Erwärmung da war oder erst der CO₂-Anstieg. Das ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei.“

Ei, ei, ei.

So viele halbseidene Behauptungen in einer Antwort. Klar, es hat zu allen Zeiten Klimawandel gegeben, und diese historischen Klimawandel hatten natürliche Ursachen. Aber als Wissenschaftlerin (mit einer Promotionsnote summa cum laude) sollte Frau Petry logisch zu denken gelernt haben. Als Nachhilfe eine kleine Analogie: Wenn es früher Waldbrände gab, die natürlich ausgebrochen sind – kann man daraus ableiten, dass ein heutiger Waldbrand auch natürlich verursacht wurde?

Oder die Sache mit dem Kohlendioxid und der Erwärmungswirkung, die von Leugnern des Klimawandels immer wieder aufgebracht wird: In der Tat gab es bei historischen Klimawandeln das Phänomen, dass durch eine Erderwärmung in der Natur vermehrt CO₂ freigesetzt wurde. Damals waren die Emissionen also in der Tat Folge des Klimawandels. Aber auch damals verstärkte das dann frei gewordene Kohlendioxid die Erwärmung weiter. Diese Treibhauswirkung von CO₂ in der Atmosphäre ist seit vielen Jahrzehnten und durch haufenweise Experimente belegt. Ebenso viele Belege gibt es dafür, dass menschengemachtes Kohlendioxid ursächlich für den aktuellen Klimawandel ist. Die Fachwissenschaft ist sich praktisch einig darüber.

Das weiß natürlich auch Interviewer Tilo Jung, weshalb er nachhakt: „Du bist doch ’ne Wissenschaftlerin! [Jung duzt Petry] 97 Prozent der Wissenschaftler sagen doch: Der Klimawandel ist besonders durch den Menschen verschärft!?“

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Petry antwortet: „Ja, das stimmt, das ist eine große Mehrheit, die das sagt. Wenn man aber weiß, wie Grundlagenforschung funktioniert, wie sich Förderprogramme finanzieren und wie es in der Wissenschaft leider keine politische Unabhängigkeit gibt, wenn wir wissen, dass der sogenannte Klimarat IPCC eine politische Einrichtung ist, die zugibt, dass all seine Prognosen auf Hypothesen basieren …, dann bleiben da verdammt viele Fragen offen.“

Auch diese Antwort ist ein Sammelsurium von Behauptungen der Leugnerszene, die sooooo einen Bart haben.

Klar, der Weltklimarat ist eine von Politikern (bei den Vereinten Nationen) gegründete Einrichtung – aber die Wissenschaftler, die im IPCC (ehrenamtlich übrigens) die vieltausendseitigen, akribischen Berichte verfassen, arbeiten nicht politisch. Natürlich, die Klimaforschung arbeitet mit Hypothesen. Aber in der Wissenschaft ist eine Hypothese, anders als im allgemeinen Sprachgebrauch, nicht irgendeine fixe Idee oder ein Hirngespinst, sondern eine Phänomenerklärung, die durch Prüfung und Beobachtung bestätigt wird. Auch das weiß die Chemikerin Frauke Petry garantiert – aber sie ist eben auch Populistin und weiß, wie Worte in politischen Reden wirken.

Fakt ist, dass der weltweit gemessene Temperaturanstieg nicht mit natürlichen Schwankungen des Klimasystems erklärbar ist. Der von Petry erwähnte IPCC urteilte 2014 in seinem letzten Sachstandsbericht (Abschnitt D3):

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Die Formulierung „äußerst wahrscheinlich“ bedeutet beim IPCC irgendetwas zwischen 95- und 100-prozentiger Sicherheit. In der Forschung ist das eine extrem starke Aussage. Aber okay, dem Weltklimarat will Frauke Petry ja nicht trauen.

Wie wäre es mit Wissenschaftskollegen jenseits des IPCC? Auf der Website der kalifornischen Regierung wird eine Liste weltweiter Forschungsvereinigungen geführt, die den Konsens teilen, dass der Mensch Hauptursache des gegenwärtigen Klimawandels ist. Die Liste hat momentan 197 Einträge – von A wie „Academia Chilena de Ciencias“ aus Chile über G wie „German Academy of Natural Scientists Leopoldina“ aus Deutschland und R wie „Russian Academy of Sciences“ in Russland bis Z wie „Zimbabwe Academy of Sciences“ aus Simbabwe. Sind das auch alles „politische Einrichtungen“?

Wie wäre es mit Fachkollegen, Frau Petry? Es war der schwedische Chemiker Svante Arrhenius, der nach jahrelangen Berechnungen schon 1896 vorhersagte, dass große zusätzliche Kohlendioxid-Emissionen (zusätzlich zu den natürlichen) die Temperaturen auf der Erde ansteigen lassen werden. Oder vielleicht sollte Frauke Petry einfach nur mal beim Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz anrufen. Dort gibt es einen ganzen Fachbereich „Klimageochemie“, der sich mit den Wirkungen von Chemikalien im Klimasystem der Erde befasst. Vor ein paar Monaten erst ist eine große internationale Studie erschienen, an der die Mainzer Kollegen mitgewirkt haben und die im Detail den Beitrag des Menschen zum Klimawandel darstellt.

Die Grimme-Preis-Jury lobte in ihrer Laudatio den Journalisten Tilo Jung dafür, dass er seinen Interviewpartnern „teils entlarvende Antworten“ entlocke. In der Tat hat sich Frauke Petry mit ihren Aussagen zum Klimawandel entlarvt: Einer Wissenschaftlerin, die ernsthaft an Erkenntnis interessiert ist, sind sie unwürdig. So betrachtet, hätte ein Orgelmusik-Studium wohl besser zu ihr gepasst.

Für eine Politikerin aber ergeben die Aussagen durchaus Sinn: Wenn man Chefin einer Partei ist, die sich als Tabubrecherin und Gegenpol zu einer Mehrheit inszeniert, dann ist es sehr passend, sich auch gegen die übergroße Mehrheit der Wissenschaft zu stellen. Und wenn man staatliche Interventionen in die Wirtschaft ablehnt, deren Notwendigkeit aber nahezu zwingend aus den Erkenntnissen der Klimaforschung folgt – tja, dann ist es halt eine bewährte Strategie, Zweifel an der Forschung zu säen. Auch wenn man es als Wissenschaftlerin besser wissen könnte.

Vielen Dank an Bernd R. aus Merseburg für den Hinweis!