Archiv des Schlagwortes ‘Daniel Wetzel’

FAZ, Welt, Focus & Co.: Zweifel säen

Freitag, den 5. Januar 2018

Vielleicht lag es an unserem Beitrag über den Bayerischen Rundfunk. Der BR hatte sich mit Lobbyisten gemein gemacht und die Energiewende zum „Desaster“ erklärt. Jedenfalls erreichten uns einige Zuschriften zum Thema, etwa die von Sebastian M. aus Bad Neustadt, der schrieb: „Noch besser als der BR beherrschen Die Welt und Focus die hohe Kunst des Zweifelsäens.“

Als Beleg führt er Patrick Moore an, der vor 40 Jahren angeblich zu den Greenpeace-Gründern gehört haben soll und sich kürzlich in Berlin mit einigen Bundestagsabgeordneten traf. Die Welt berichtete Mitte Dezember von diesem Treffen, auf dem …

… würde. Man beachte die feinsinnige Formulierung „wenn sie stimmt“!

Sie stimmt aber nicht, die Sicht des Patrick Moore! Das hat anscheinend auch die „Bundesvereinigung Liberaler Mittelstand“ gemerkt, auf deren Einladung der heute 70-jährige Lobbyist (unter anderem für die AKW-Branche) sprach. In ihrem eigenen Bericht schreiben die Liberalen lediglich, Moore habe „auf die Klimaentwicklung der Erde und die natürlichen Veränderungsprozesse [verwiesen], die zum Teil völlig unabhängig vom Einfluss des Menschen stattfänden“. Genau, zum Teil sind sie völlig unabhängig – der allergrößte Teil der gegenwärtigen Klimaveränderungen jedoch geht zweifellos auf menschliche Aktivitäten zurück. Dennoch räumt Die Welt Moores wissenschaftlich widerlegten Meinungsäußerungen breiten Raum ein.

Der Focus adelt das Ganze sogar zu einem „Streit“:

Nein, liebe Kollegen: Moore widerspricht nicht der „Klimathese“ von Greenpeace, sondern dem wissenschaftlichen Sachstand, wie er von praktisch allen Fachleuten geteilt wird. Den Moore aber einfach nicht wahrhaben will.

Moore arbeitet unter anderem für das US-amerikanische Heartland Institute, einen zentralen Akteur der organisierten Klimawandelleugnerszene, und ist als Wirtschaftsberater für einschlägige Branchen tätig. Was die Kollegen vom Focus leider unter den Tisch fallen ließen. Stattdessen orakeln sie am Schluss:

Ein fundamentaler Streit? Was da passierte, war vor allem völlig belanglos, weshalb auch keine ernstzunehmende Zeitung und kein Nachrichtenportal über die Veranstaltung des Liberalen Mittelstands berichtet hat. Die Mittelstandsvereinigung selbst schreibt: „Im Beisein von 40 Gästen, bestehend aus Mitgliedern des Verbandes und Parlamentariern, bestätigten die Redner in ihren Impulsstatements die Bedeutung der internationalen Klimaschutzziele.“ Aber auch das erwähnen Focus und Welt natürlich nicht.


 

Ebenfalls mit Verweis auf unseren Beitrag über den Bayerischen Rundfunk wurde uns von Michael Sch. aus Weilheim und Claudia L. aus Dresden der folgende Text aus der FAZ zur Überprüfung eingereicht:

Ja, genau das ist der BR-Stil: Eine wüste Überschrift, die Ansichten von Lobbysten transportiert – ohne Anführungszeichen, ohne Gegenrecherche. FAZ-Redakteur Andreas Mihm referiert schlicht den Inhalt eines Gutachtens des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln – eines Instituts, dem LobbyControl zuschreibt, dass es „PR-Aktivitäten für die wirtschaftspolitischen Positionen der Arbeitgeber“ betreibe. In dem Gutachten wurden jedenfalls die Kosten zur Vermeidung von Kohlendioxid untersucht. Die FAZ schreibt, demnach koste es „415 Euro, um durch EEG-geförderten Solarstrom die Emission einer Tonne CO2 zu verhindern. Bei Windanlagen an Land sind es 106 Euro je Tonne vermiedenen CO2, während im Emissionshandel lediglich sieben Euro gezahlt werden.“

Kein Wort in der FAZ davon, dass der Emissionshandel nicht funktioniert, weil ihn Lobbyisten der Großindustrie kaputt gemacht haben. Von ursprünglich 28 Euro im Jahr 2008 ist der Preis auf derzeit um die fünf Euro gefallen, es sind viel zu viele Zertifikate im System. Kein Wort verliert die FAZ darüber, dass die technologische Lernkurve der Erneuerbaren beispiellos ist und die Kostenkurve steil nach unten zeigt. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (und mit ihm die FAZ) macht lediglich eine Momentaufnahme auf der Basis zweifelhafter Kostenindikatoren. Eigentlich kein Wunder, weil es ja nicht die deutsche Wirtschaft war, die die Energiewende voranbrachte – sondern die Bürgerenergie!

Es kommt in der FAZ auch niemand zu Wort, der das IW-Gutachten methodisch hinterfragt, dies hätte schließlich an der wilden Schlagzeile gekratzt!


 

Bleibt eine dritte Einsendung, die etwas schwieriger zu bewerten ist. Denn in der Berliner Zeitung und in einigen anderen Blättern war es ein DPA-Interview, in dem Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) Unsinn verbreitet – und das kann man schließlich den Zeitungen schlecht vorwerfen. Woidke sagt zum Ausbau der erneuerbaren Energien:

Tatsächlich stimmt genau das Gegenteil! Die Energiewende ist die größte Umverteilung von Geld (und Produktionsmitteln) von oben nach unten. Waren es vor zehn Jahren noch die Aktionäre der vier großen Stromkonzerne, die sich die Milliardengewinne aus der Elektrizitätserzeugung in die Taschen steckten, so sind es jetzt viele Bürger dieses Landes. Sagt Woidke ja selbst – Zitat: Es „haben rund acht Millionen Deutsche in irgendeiner Form in erneuerbare Energien investiert“.

Acht Millionen, ein Zehntel aller Bundesbürger! Sie – plus ihre Familien – profitieren finanziell direkt vom Aufbau einer regenerativen Energiezukunft! Kein schlechter Schnitt. Falls Sie selbst noch nicht zu den Profiteuren gehören: Die Beteiligung an Bürgerenergie-Projekten gibt es zum Beispiel HIER ab 200 Euro.

Umverteilung von oben nach unten – das ist doch eigentlich gute sozialdemokratische Politik: Der Aufbau einer klimaschonenden und dezentralen Energieversorgung enteignet die Kapitalisten, demokratisiert die Gesellschaft, stuft Partikularinteressen hinter Interessen des Gemeinwohls zurück. Obendrein schafft es breite Beschäftigung und gesellschaftlichen Reichtum. Sozialer gehts doch eigentlich nicht!? Angesichts der peinlichen, kleinkarierten Antworten, die der SPD-Ministerpräsident im Interview gibt, möchte man fast unterschlagen, dass die Energiewende über das Erneuerbare-Energien-Gesetz maßgeblich von Sozialdemokraten wie Hermann Scheer oder Michael Müller auf den Weg gebracht wurde.

Und deren Erbverwalter sind jetzt Leute wie Woidke. Ogottogott…

Herzlichen Dank für die Hinweise an Sebastian M. aus Bad Neustadt,
Michael Sch. aus Weilheim, Claudia L. aus Dresden
und Mike K. aus Potsdam


Sommer-Rückblick: Welt am Sonntag, AfD, BBC – und der großartige Postillon

Sonntag, den 27. August 2017

Auch wenn das Klima, äh, Wetter gar nicht danach war – es waren Sommerferien in den vergangenen Wochen. Doch nun sind wir zurück am Schreibtisch und räumen das Postfach auf. Denn die Klima-Lügner und -Leugner, die Fakten-Verdreher und -Weglasser waren natürlich auch im Sommerloch aktiv. Doch zum Glück sind nicht alle Journalisten- und Blogger-Kolleginnen und -Kollegen im Urlaub gewesen.

1. Die meisten Leserhinweise bekamen wir zu einem Artikel in der Welt am Sonntag (WamS) vom 25. Juli.

Auf drei vollen Seiten hat Welt-Redakteur Daniel Wetzel da im Das-muss-man-doch-endlich-mal-sagen!-Gestus versucht, mit der Energiewende abzurechnen. Ergänzt wurde das Stück durch einen Beitrag des notorischen Klimawandel-Leugnisten Fritz Vahrenholt über Windräder als Vogeltötungsmaschinen.

Das Bemerkenswerteste an Wetzels Artikel war, dass er im Gewande der indirekten Rede einem der ältesten Mythen der Leugnisten-Szene Raum einräumte: Dass die Menge des menschengemachten Kohlendioxids doch viel zu klein sei, um wirklich das Klima zu beeinflussen. Wir brauchen hierzu kein einziges Wort zu verlieren, weil der Ozeanologe und Klimaforscher Stefan Rahmstorf auf seinem Blog „KlimaLounge“ alles Nötige gesagt hat. (Einige Aussagen Wetzels zur Energiewende kontert Wolf von Fabeck auf der Website des Solarenergie-Fördervereins. Nachtrag vom 7.9.: Auf unserer Partnerseite klimaretter.info ist heute ein weiterer Text zum WamS-Artikel erschienen.)

2. In der ARD-Talksendung Anne Will hat sich die Bundestags-Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen AfD, Alice Weidel, am 20. August als oberste Anwältin aller Verbrennungsmotorautofahrer präsentiert und eine „Dieselgarantie“ bis 2050 gefordert. Auf Nachfragen konnte sie zwar nicht genau sagen, was diese „Garantie“ genau sein soll – aber mit einem Beispiel für vermeintlichen staatlichen Regulierungsirrsinn brachte sie dann SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in Verlegenheit: Warum denn in Büros viel mehr Stickoxid in der Luft erlaubt sei als draußen auf der Straße, fragte sie mit anklagender Stimme.

Doch die zugrundeliegende Behauptung war erstens falsch und zweitens irreführend, wie Kristin Becker ausführlich im Faktenfinder von tagesschau.de erklärt. (Welt-Redakteur Daniel Wetzel hingegen griff den vermeintlichen Skandal ziemlich wohlwollend auf, und komischerweise ließ er auch in diesem Text Fritz Vahrenholt als Experten zu Wort kommen.) Das Umweltbundesamt hatte übrigens bereits knapp drei Wochen vorher eine detaillierte wissenschaftlich-gesundheitspolitische Begründung für die unterschiedlichen Grenzwerte auf seiner Website veröffentlicht. Doch die hatten weder Oppermann noch Anne Will noch ihr Redaktionsteam vor der Sendung gelesen …

3. Ein kurzer Blick ins Ausland, nach Großbritannien. Am 10. August hatte das viel gehörte Morgenprogramm Today von BBC 4 ausgerechnet den bekannten Klima-Leugnisten Lord Nigel Lawson als Interviewpartner eingeladen, um über den neuen Film von Al Gore zu sprechen. Lawson ist ein ehemaliger Energie- und Finanzminister der Konservativen und Mitgründer der Global Warming Policy Foundation (GWPF) in London, einem rechten, klimawissenschaftsfeindlichen Think-Tank (der seit einigen Jahren auch von – huch, schon wieder dieser Name – Fritz Vahrenholt unterstützt wird).

In dem Interview verbreitete Lawson – natürlich – zahlreiche Unwahrheiten, denen (wie es in Live-Interviews so oft vorkommt, siehe zum Beispiel Anne Will) vom Moderator nicht widersprochen wurde. Etliche Klimawissenschaftler protestierten gegen den Auftrittt, das Portal Carbon Brief veröffentlichte noch am selben Tag einen für Lawson verheerenden Faktencheck. Auch die BBC, die schon mehrfach durch ähnliche Fehlleistungen auffiel, berichtete schließlich über die Kritik. Und die GWPF zog drei Tage später zumindest eine Lawson-Lüge öffentlich zurück.

4. So, zum Schluss noch etwas Heiteres. Die Satire-Website Der Postillon enthüllt, wie die Betreiber von Kohlekraftwerken ihre Dreck- und Klimagas-Schleudern sauber bekommen: Mit einem Software-Update, das ihnen die Kollegen aus der Autoindustrie freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

„Seitdem sind wir fast so sauber wie ein Windkraftwerk“, zitiert der Postillon einen Kohlekraftwerks-Betriebsleiter namens Hartmut Bansen. „Allein unser Ausstoß an schädlichen Stickstoffoxiden ist von 19.300 Tonnen im Jahr auf 0,8 Milligramm pro Kilometer gesunken. Und weil sich unser Kraftwerk praktisch nie fortbewegt, geht die tatsächliche Verschmutzung gegen Null.“

Großartig!


Die Welt: Falsche Blackout-Panikmache

Mittwoch, den 11. Januar 2012

Ui, was waren das für Schlagzeilen letzte Woche:

titelte die Welt. Und praktisch alle anderen Medien zogen nach, von Spiegel Online, Süddeutsche, FAZ bis hin zu unserem Mutter-Portal klimaretter.info.

Die deutsche Elektrizitätsversorgung, so klang es, habe an zwei Tagen Anfang Dezember kurz vor dem Zusammenbruch gestanden. Der Unterton war klar: Soweit haben uns diese Öko-Spinner mit ihrer Energiewende und ihrem Atomausstieg also schon gebracht, dass Deutschland sich vom Ausland helfen lassen muss! Das Ganze wirkt wie eine Neuauflage der „Stromlücken“-Kampagne. Doch recherchiert man die Geschichte nach, ergibt sich ein wenig spektakuläres Bild:

Stromtrassen von Nord nach Süd sind knapp, der Ausbau hinkt dem Ökostrom-Wachstum hinterher. Am 8. und 9. Dezember wehte in Norddeutschland Sturmtief „Ekkehard“, Windkraftanlagen speisten rund 20.000 Megawatt ins Netz ein. Die beiden Tage waren Werktage, weshalb in den industriellen Zentren in Süddeutschland der Energieverbrauch hoch war. Soweit, so richtig in allen Medienberichten. Weil es in Deutschland nach dem Atomausstieg und wegen des Widerstandes von Umweltschützern zu wenige Kohle- und Atomkraftwerke gebe, so dann aber die weitere Argumentation Suggestion, habe „ein altes Öl-Kraftwerk bei Graz wieder ans Netz gebracht werden“ müssen, um den Netzkollaps zu verhindern. Die Energiewende sei wahlweise Quatsch, Heuchelei oder gar eine Gefahr für Deutschland, werden sich nicht wenige Leser gedacht haben.

Doch bei all der Aufregung fielen wichtige Details unter den Tisch:

1. Die drei Reservekraftwerke, die diesen Winter in Deutschland für kritische Netzsituationen bereitgehalten werden, die sich nach der Schnellabschaltung von acht Atomreaktoren infolge der Fukushima-Katastrophe einstellen könnten – diese drei Reservekraftwerke in Mannheim, Mainz/Wiesbaden und Ensdorf hätten bereitgestanden an jenem am 8. und 9. Dezember! Sie waren in Bereitschaft, wurden aber nicht hochgefahren. Weil der zuständige Netzbetreiber Tennet entschied, lieber drei in Österreich gebuchte Reserveanlagen zu nutzen. Unbedingt nötig gewesen wäre das nicht. Der Grund war, so erklärt es eine Firmensprecherin auf Anfrage, dass die österreichischen Kraftwerke besser ans TenneT-Netz angebunden sind als die drei deutschen Reserveblöcke, die an den Netzen der Konkurrenz von RWE und EnBW hängen.

2. Es war überhaupt nicht überraschend, dass bei einer hohen Beanspruchung des deutschen Stromnetzes österreichische Kraftwerke einspringen – im Gegenteil: Dies ist als Normalfall vorgesehen. Dass rund 1.000 Megawatt im Nachbarland als „Kaltreserve“ für diesen Winter gebucht worden sind, hatte die Bundesnetzagentur schon vor Monaten bekanntgegeben. Und bereits im Frühjahr warnte Agenturchef Matthias Kurth vor einer „Blackout-Panik“.

3. Ein wesentlicher Grund für den Netzengpass waren – so paradox es klingt - Stromexporte! Das große Windenergieaufkommen ließ nämlich am 8. und 9. Dezember die Preise purzeln, weshalb etwa italienische Kunden billigen Windstrom in Deutschland einkauften. Neben dem Strom für Süddeutschland sollte also durch die knappen Nord-Süd-Trassen auch noch Energie für Südeuropa fließen. „Für solch eine Doppelbelastung sind Deutschlands Leitungen nicht ausgelegt“, so ein Tennet-Experte . Die Stromexporte habe man aber nicht stoppen wollen, weil dann Vertragsstrafen in Millionenhöhe fällig geworden wären. Offenbar also war es schlicht billiger, kurzzeitig Strom in Österreich hinzuzukaufen, um die Lieferungen nach Italien und die Versorgung in Deutschland zu gewährleisten. Der Stromeinkauf im Ausland war also direkte Folge eines Stromverkaufs ins Ausland – wurde also eher vom Markt verursacht also von Energiewende und Atomausstieg. Im Ernstfall, so steht es in § 13 des Energiewirtschaftsgesetzes, dürfen Netzbetreiber Stromexporte natürlich kappen, um einen Zusammenbruch des Netzes zu verhindern.

Von einem Kollaps war die deutsche Stromversorgung am 8. und 9. Dezember jedenfalls noch ein ganzes Stück entfernt. Die zuständigen Leute blieben denn auch ziemlich entspannt. Die Netzsituation sei derzeit schon kritischer als früher, aber beherrschbar, erklärte Tennet. Und die Bundesnetzagentur ergänzte: Die Sache sei „eine ganz normale Inanspruchnahme“ des Netzes gewesen.

Danke an Andreas L. für den Hinweis

P.S. vom 13. 01.: Heute hat die Deutsche Umwelthilfe eigene Recherchen zum Thema veröffentlicht – demnach seien an den fraglichen Dezembertagen mehrere betriebsbereite Eon-Kraftwerke nicht angefahren worden, der Strom aus Österreich war offenbar günstiger. Fazit der DUH: „Nicht Knappheit bestimmte den Kraftwerkseinsatz, sondern Betriebswirtschaft“