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Sommer-Rückblick: Welt am Sonntag, AfD, BBC – und der großartige Postillon

Sonntag, den 27. August 2017

Auch wenn das Klima, äh, Wetter gar nicht danach war – es waren Sommerferien in den vergangenen Wochen. Doch nun sind wir zurück am Schreibtisch und räumen das Postfach auf. Denn die Klima-Lügner und -Leugner, die Fakten-Verdreher und -Weglasser waren natürlich auch im Sommerloch aktiv. Doch zum Glück sind nicht alle Journalisten- und Blogger-Kolleginnen und -Kollegen im Urlaub gewesen.

1. Die meisten Leserhinweise bekamen wir zu einem Artikel in der Welt am Sonntag (WamS) vom 25. Juli.

Auf drei vollen Seiten hat Welt-Redakteur Daniel Wetzel da im Das-muss-man-doch-endlich-mal-sagen!-Gestus versucht, mit der Energiewende abzurechnen. Ergänzt wurde das Stück durch einen Beitrag des notorischen Klimawandel-Leugnisten Fritz Vahrenholt über Windräder als Vogeltötungsmaschinen.

Das Bemerkenswerteste an Wetzels Artikel war, dass er im Gewande der indirekten Rede einem der ältesten Mythen der Leugnisten-Szene Raum einräumte: Dass die Menge des menschengemachten Kohlendioxids doch viel zu klein sei, um wirklich das Klima zu beeinflussen. Wir brauchen hierzu kein einziges Wort zu verlieren, weil der Ozeanologe und Klimaforscher Stefan Rahmstorf auf seinem Blog „KlimaLounge“ alles Nötige gesagt hat. (Einige Aussagen Wetzels zur Energiewende kontert Wolf von Fabeck auf der Website des Solarenergie-Fördervereins. Nachtrag vom 7.9.: Auf unserer Partnerseite klimaretter.info ist heute ein weiterer Text zum WamS-Artikel erschienen.)

2. In der ARD-Talksendung Anne Will hat sich die Bundestags-Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen AfD, Alice Weidel, am 20. August als oberste Anwältin aller Verbrennungsmotorautofahrer präsentiert und eine „Dieselgarantie“ bis 2050 gefordert. Auf Nachfragen konnte sie zwar nicht genau sagen, was diese „Garantie“ genau sein soll – aber mit einem Beispiel für vermeintlichen staatlichen Regulierungsirrsinn brachte sie dann SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in Verlegenheit: Warum denn in Büros viel mehr Stickoxid in der Luft erlaubt sei als draußen auf der Straße, fragte sie mit anklagender Stimme.

Doch die zugrundeliegende Behauptung war erstens falsch und zweitens irreführend, wie Kristin Becker ausführlich im Faktenfinder von tagesschau.de erklärt. (Welt-Redakteur Daniel Wetzel hingegen griff den vermeintlichen Skandal ziemlich wohlwollend auf, und komischerweise ließ er auch in diesem Text Fritz Vahrenholt als Experten zu Wort kommen.) Das Umweltbundesamt hatte übrigens bereits knapp drei Wochen vorher eine detaillierte wissenschaftlich-gesundheitspolitische Begründung für die unterschiedlichen Grenzwerte auf seiner Website veröffentlicht. Doch die hatten weder Oppermann noch Anne Will noch ihr Redaktionsteam vor der Sendung gelesen …

3. Ein kurzer Blick ins Ausland, nach Großbritannien. Am 10. August hatte das viel gehörte Morgenprogramm Today von BBC 4 ausgerechnet den bekannten Klima-Leugnisten Lord Nigel Lawson als Interviewpartner eingeladen, um über den neuen Film von Al Gore zu sprechen. Lawson ist ein ehemaliger Energie- und Finanzminister der Konservativen und Mitgründer der Global Warming Policy Foundation (GWPF) in London, einem rechten, klimawissenschaftsfeindlichen Think-Tank (der seit einigen Jahren auch von – huch, schon wieder dieser Name – Fritz Vahrenholt unterstützt wird).

In dem Interview verbreitete Lawson – natürlich – zahlreiche Unwahrheiten, denen (wie es in Live-Interviews so oft vorkommt, siehe zum Beispiel Anne Will) vom Moderator nicht widersprochen wurde. Etliche Klimawissenschaftler protestierten gegen den Auftrittt, das Portal Carbon Brief veröffentlichte noch am selben Tag einen für Lawson verheerenden Faktencheck. Auch die BBC, die schon mehrfach durch ähnliche Fehlleistungen auffiel, berichtete schließlich über die Kritik. Und die GWPF zog drei Tage später zumindest eine Lawson-Lüge öffentlich zurück.

4. So, zum Schluss noch etwas Heiteres. Die Satire-Website Der Postillon enthüllt, wie die Betreiber von Kohlekraftwerken ihre Dreck- und Klimagas-Schleudern sauber bekommen: Mit einem Software-Update, das ihnen die Kollegen aus der Autoindustrie freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

„Seitdem sind wir fast so sauber wie ein Windkraftwerk“, zitiert der Postillon einen Kohlekraftwerks-Betriebsleiter namens Hartmut Bansen. „Allein unser Ausstoß an schädlichen Stickstoffoxiden ist von 19.300 Tonnen im Jahr auf 0,8 Milligramm pro Kilometer gesunken. Und weil sich unser Kraftwerk praktisch nie fortbewegt, geht die tatsächliche Verschmutzung gegen Null.“

Großartig!


Die Welt: Falsche Blackout-Panikmache

Mittwoch, den 11. Januar 2012

Ui, was waren das für Schlagzeilen letzte Woche:

titelte die Welt. Und praktisch alle anderen Medien zogen nach, von Spiegel Online, Süddeutsche, FAZ bis hin zu unserem Mutter-Portal klimaretter.info.

Die deutsche Elektrizitätsversorgung, so klang es, habe an zwei Tagen Anfang Dezember kurz vor dem Zusammenbruch gestanden. Der Unterton war klar: Soweit haben uns diese Öko-Spinner mit ihrer Energiewende und ihrem Atomausstieg also schon gebracht, dass Deutschland sich vom Ausland helfen lassen muss! Das Ganze wirkt wie eine Neuauflage der „Stromlücken“-Kampagne. Doch recherchiert man die Geschichte nach, ergibt sich ein wenig spektakuläres Bild:

Stromtrassen von Nord nach Süd sind knapp, der Ausbau hinkt dem Ökostrom-Wachstum hinterher. Am 8. und 9. Dezember wehte in Norddeutschland Sturmtief „Ekkehard“, Windkraftanlagen speisten rund 20.000 Megawatt ins Netz ein. Die beiden Tage waren Werktage, weshalb in den industriellen Zentren in Süddeutschland der Energieverbrauch hoch war. Soweit, so richtig in allen Medienberichten. Weil es in Deutschland nach dem Atomausstieg und wegen des Widerstandes von Umweltschützern zu wenige Kohle- und Atomkraftwerke gebe, so dann aber die weitere Argumentation Suggestion, habe „ein altes Öl-Kraftwerk bei Graz wieder ans Netz gebracht werden“ müssen, um den Netzkollaps zu verhindern. Die Energiewende sei wahlweise Quatsch, Heuchelei oder gar eine Gefahr für Deutschland, werden sich nicht wenige Leser gedacht haben.

Doch bei all der Aufregung fielen wichtige Details unter den Tisch:

1. Die drei Reservekraftwerke, die diesen Winter in Deutschland für kritische Netzsituationen bereitgehalten werden, die sich nach der Schnellabschaltung von acht Atomreaktoren infolge der Fukushima-Katastrophe einstellen könnten – diese drei Reservekraftwerke in Mannheim, Mainz/Wiesbaden und Ensdorf hätten bereitgestanden an jenem am 8. und 9. Dezember! Sie waren in Bereitschaft, wurden aber nicht hochgefahren. Weil der zuständige Netzbetreiber Tennet entschied, lieber drei in Österreich gebuchte Reserveanlagen zu nutzen. Unbedingt nötig gewesen wäre das nicht. Der Grund war, so erklärt es eine Firmensprecherin auf Anfrage, dass die österreichischen Kraftwerke besser ans TenneT-Netz angebunden sind als die drei deutschen Reserveblöcke, die an den Netzen der Konkurrenz von RWE und EnBW hängen.

2. Es war überhaupt nicht überraschend, dass bei einer hohen Beanspruchung des deutschen Stromnetzes österreichische Kraftwerke einspringen – im Gegenteil: Dies ist als Normalfall vorgesehen. Dass rund 1.000 Megawatt im Nachbarland als „Kaltreserve“ für diesen Winter gebucht worden sind, hatte die Bundesnetzagentur schon vor Monaten bekanntgegeben. Und bereits im Frühjahr warnte Agenturchef Matthias Kurth vor einer „Blackout-Panik“.

3. Ein wesentlicher Grund für den Netzengpass waren – so paradox es klingt - Stromexporte! Das große Windenergieaufkommen ließ nämlich am 8. und 9. Dezember die Preise purzeln, weshalb etwa italienische Kunden billigen Windstrom in Deutschland einkauften. Neben dem Strom für Süddeutschland sollte also durch die knappen Nord-Süd-Trassen auch noch Energie für Südeuropa fließen. „Für solch eine Doppelbelastung sind Deutschlands Leitungen nicht ausgelegt“, so ein Tennet-Experte . Die Stromexporte habe man aber nicht stoppen wollen, weil dann Vertragsstrafen in Millionenhöhe fällig geworden wären. Offenbar also war es schlicht billiger, kurzzeitig Strom in Österreich hinzuzukaufen, um die Lieferungen nach Italien und die Versorgung in Deutschland zu gewährleisten. Der Stromeinkauf im Ausland war also direkte Folge eines Stromverkaufs ins Ausland – wurde also eher vom Markt verursacht also von Energiewende und Atomausstieg. Im Ernstfall, so steht es in § 13 des Energiewirtschaftsgesetzes, dürfen Netzbetreiber Stromexporte natürlich kappen, um einen Zusammenbruch des Netzes zu verhindern.

Von einem Kollaps war die deutsche Stromversorgung am 8. und 9. Dezember jedenfalls noch ein ganzes Stück entfernt. Die zuständigen Leute blieben denn auch ziemlich entspannt. Die Netzsituation sei derzeit schon kritischer als früher, aber beherrschbar, erklärte Tennet. Und die Bundesnetzagentur ergänzte: Die Sache sei „eine ganz normale Inanspruchnahme“ des Netzes gewesen.

Danke an Andreas L. für den Hinweis

P.S. vom 13. 01.: Heute hat die Deutsche Umwelthilfe eigene Recherchen zum Thema veröffentlicht – demnach seien an den fraglichen Dezembertagen mehrere betriebsbereite Eon-Kraftwerke nicht angefahren worden, der Strom aus Österreich war offenbar günstiger. Fazit der DUH: „Nicht Knappheit bestimmte den Kraftwerkseinsatz, sondern Betriebswirtschaft“