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Shell: Kreativ vertuschen

Freitag, den 28. November 2008

Im Stern gibt es in dieser Woche auf der ersten Doppelseite eine bunte Anzeige des Ölkonzerns Shell:

Der Text beginnt so:

Blickfang der Anzeige ist ein stilisiertes, menschliches Gehirn voller Bilder, welche die Vielfalt der Shell-Lösungen für das Kraftstoffproblem symbolisieren sollen. Ein großes Bild ist dem „Wasserstoff-Sprit“ gewidmet – dabei ist die Euphorie über diese Energie-Speicherform längst verflogen und niemand weiß, ob sie je wirtschaftlich wird. Weitere Bilder zeigen Sprit aus Stroh, aus Holzchips und aus Algen – allerdings befinden sich diese sogenannten Biotreibstoffe der 2. Generation alle noch im Forschungsstadium. Ganz in der Mitte ist ein Windrad abgebildet – obwohl Shell kürzlich aus dem größten Offshore-Wind-Projekt Großbritanniens überraschend ausgestiegen ist und seine Aktivitäten bei den Erneuerbaren Energien in Zukunft auf profitable Projekte konzentrieren will, nicht mehr auf visionäre. Die Sonne als Energiequelle kommt gar nicht erst vor – kein Wunder, hat doch Shell seine Solarsparte längst abgestoßen.

Aber was hat der Ölkonzern im Hinterkopf? In diesem Hirn-Areal findet sich im Anzeigenmotiv der Punkt „Kohlevergasung“.

Kohle gehört nicht zu den Kerngeschäften von Shell, doch im Gegensatz zu Öl und Gas schlummert sie noch in riesigen Mengen unter der Erde – was die Kohle zur größten Bedrohung des Weltklimas macht. Was kümmert nun Shell an der Kohlevergasung? Klar, die Technologie könnte irgendwann bei der CO2-Abscheidung in Kohlekraftwerken eine Rolle spielen, aber auch bei dieser Technologie ist völlig ungewiss, ob sie jemals wirtschaftlich machbar sein wird. Bereits heute werden dagegen mithilfe der Kohlevergasung Kunstdünger und Chemikalien hergestellt. Darüber hinaus ist sie ein Zwischenschritt bei der Kohleverflüssigung. Und sollte es in dieser Anzeige nicht um Kraftstoffe gehen?

„Alles, was nicht existiert, müssen wir eben erfinden“, schreibt Shell. Aber: Flüssigkohle für den Tank muss gar nicht mehr erfunden werden – das nationalsozialistische Deutschland und das Apartheidregime in Südafrika haben sie schon vor Jahrzehnten in großem Stil hergestellt, um Ölengpässe zu vermeiden (in Südafrika stammt noch heute ein Drittel des Sprits aus Kohle). Auf dem Weltmarkt dagegen konnte die Flüssigkohle bislang nicht mit Kraftstoffen aus Erdöl konkurrieren. Angesichts knapper Ölressourcen könnte sich das bald ändern. So wirbt in den USA eine mächtige Lobby für die Idee, das Land mithilfe der heimischen Kohle von Ölimporten unabhängig zu machen. Auch in China gibt es bereits etliche „Coal-to-liquid“-Projekte (CTL).

Der Haken an der Sache: Kohle-Sprit ist eine schrecklich dreckige Angelegenheit. Bei der Herstellung und Verbrennung eines Liters wird rund doppelt so viel CO2 frei wie bei normalem Benzin – für den Klimaschutz und die Bemühungen um eine emissionsarme Mobilität wäre die Kohleverflüssigung in großem Stil der Super-GAU. Selbst wenn es in ferner Zukunft gelingen sollte, das bei der Herstellung entstehende CO2 abzufangen und unterirdisch zu speichern, würde laut einer Untersuchung der Universität Princeton bei der Verbrennung im Automotor noch immer mehr CO2 frei als bei herkömmlichem Sprit.

Zurück zu Shell. Auf der Internetseite gibt es ein paar weiterführende Informationen zur Anzeige. Unter den Stichworten „vielfältige Energie“ und „XTL“ heißt es, aus allen kohlenstoffhaltigen Materialien lasse sich eine „saubere, geruch- und farblose Flüssigkeit“ gewinnen – „egal ob man Erdgas, Biomasse oder Kohle hineinsteckt“. Und in einer Presseerklärung vom März 2006 berichtet Shell China von einer geplanten Kooperation mit der Shenhua Ningxia Coal Ltd. zur Kohleverflüssigung. „Dieses Projekt steht im Einklang mit dem 11. Fünf-Jahres-Plan der Regierung, Coal-to-liquid-Projekte zu entwickeln und saubere Wege der Kohlenutzung zu ermöglichen.“ Sauber, aha.

Womöglich versucht Shell ja tatsächlich, kreativ zu denken – der Erfolg scheint eher bescheiden. Kreativ wirken eher die Werbeleute, die die Fantasielosigkeit des Konzerns bei der Lösung der Energieprobleme mit bunten Annoncen vertuschen wollen.


Bentley: Hochstapelei mit Biosprit

Freitag, den 7. März 2008

Die Edelmarke Bentley ist bekannt dafür, der britischen Königin ihre Dienstlimousine zu fertigen und in Vergleichstabellen zum Kohlendioxid-Ausstoß stets ganz weit vorn mitzumischen. Doch selbst bei der Luxusmarke aus dem nord-englischen Crewe macht man sich mittlerweile Sorgen um das eigene Image Weltklima. Diese Woche stellte Bentley deshalb auf dem Genfer Automobilsalon eine „Strategie zum Umweltschutz“ vor: Bis 2012, so das vollmundige Versprechen, würden alle Modelle „in der Lage sein, weniger als 120 g/km CO2 auszustoßen“. SpiegelOnline feierte sofort die neuen „Öko-Limousinen“. Bei näherer Betrachtung aber glänzt Bentley so sehr wie eine verrostete Chromleiste.

Auf der Firmen-Homepage gibt es einen eigenen Bereich zum Thema Kohlendioxid.

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Dort kann man sich ein pdf-Dokument herunterladen, in dem wortreich die magere Bentley-“Strategie“ ausgebreitet wird: Der heutige CO2-Ausstoß von bis zu 495 Gramm pro Kilometer soll vor allem durch den Einsatz von Biokraftstoffen der zweiten Generationen erreicht werden, die noch lange nicht in großen Mengen verfügbar sind – und deren Klimanutzen zweifelhaft ist.

In dem Papier schmückt sich das Unternehmen damit, dass ein typischer Bentley pro Jahr nur 11.000 Kilometer gefahren werde, weshalb die absolut ausgestoßene CO2-Menge ja nur bei jährlich 4,4 Tonnen liege. Außerdem sei es eine tolle Leistung, den Kohlendioxid-Ausstoß des Modells Continental im vergangenen Jahr um vier Prozent gesenkt zu haben (auf immer noch rund 400 Gramm pro Kilometer). Durch weitere Detail-Anstrengungen werde man bis 2012 weitere 15 Prozent Reduktion erreichen. Bis dahin solle auch die „Neuentwicklung des Antriebsstrangs“ abgeschlossen sein, der nochmal einen 40 Prozent niedrigeren Kraftstoffverbrauch ermögliche.

Doch auch damit ist Bentley noch nicht bei den versprochenen 120 Gramm (was dem von der EU geforderten Grenzwert entspräche). Deshalb rechnet man noch CO2-Einsparungen mit, die von „Biokraftstoffen der zweiten Generation“ erwartet werden. Diese sogenannten BtL-Kraftstoffe sollen nicht mehr wie heute aus den Saaten von Ölpflanzen (z.B. Raps) gewonnen werden, sondern aus der ganzen Pflanze. Durch die Verarbeitung von Abfallholz oder Stroh, so das Versprechen, werde eine höhere Ausbeute pro Hektar Anbaufläche erreicht und eine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion vermieden. Der Haken: An BtL wird zwar intensiv geforscht, in größeren Mengen und zu konkurrenzfähigen Preisen (für Bentley-Kunden vielleicht wirklich nicht so relevant) verfügbar ist der Kraftstoff aber noch lange nicht.

Außerdem deuten neueste Studien auf eine zweifelhafte Ökobilanz von BtL-Kraftstoffen. Wie hoch der CO2-Einspareffekt gegenüber konventionellem Benzin ist, hängt von der Erzeugung der Ausgangs-Biomasse und der Energieintensität der Weiterverarbeitung ab. Eine aktuelle Studie im Auftrag der Schweizer Regierung beziffert die Einsparung auf höchstens 61 Prozent. Bentley dagegen rechnet großzügig mit „bis zu 90 Prozent“.

Am besten für das Klima wäre es übrigens, betonen der Sachverständigenrat der Bundesregierung in Berlin und die Royal Society in London gleichlautend, wenn die Bio-Kraftstoffe nicht in Autos mit ihren ineffizienten Verbrennungsmotoren vergeudet würden, sondern mit ihnen in modernen Block-Heizkraftwerken Strom und Wärme produziert würde.

Zum Schluss noch ein Bonbon aus dem Bentley-Papier:

In wohlgesetzten Worten legt das Unternehmen dar, warum es ihm schlicht unmöglich ist, Autos mit weniger als den jetzigen 400 bis 500 PS zu bauen: Die eigenen Kunden seien nämlich „einflussreiche Meinungsführer“, die großen Wert legten auf „sozial verantwortliche Entscheidungen“. Und ein Bentley sei eine solche, weil damit Arbeitsplätze im nord-englischen Crewe erhalten werden. Man müsse halt die Verantwortung gegenüber dem Planeten ausbalancieren mit der gegenüber der regionalen Wirtschaft.