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Niedersachsen: Das Land mit dem Pferdefuß

Dienstag, den 25. November 2008

Mit einer großen PR-Kampagne versucht Niedersachsen sich ins beste Licht zu rücken, und das aktuelle Anzeigenmotiv sieht so aus:

Einen Export von „Energie-Innovationen in alle Welt“ preist die Innovatives Niedersachsen GmbH in der Annonce an. Weiter heißt es:

Und weil Niedersachsen eine besonders witzige Werbeagentur hat, steht ganz am Ende des Textes: „Schon entdeckt? Auch in dieser Anzeige ist ein Pferdeapfel versteckt.“ Der nachdenkende Leser wird also zum Mitmachen herausgefordert.

Bittschön Niedersachsen: Es muss Pferdefuß heißen, nicht Pferdeapfel! Schließlich regiert die Christlich Demokratische Union mit dem Klimapolitik-Bremser Christian Wulff das flache Land, und seit dem Mittelalter weiß der gute Christ, dass man Verführungsversuche des Teufels an seinem Pferdefuß erkennt. Und der Pferdefuß der Annonce springt noch deutlicher ins Auge als der Pferdeapfel (dieser übrigens liegt auf dem letzten „e“ in „Megawattwanderung“ ). Wahrheitsgemäß nämlich müsste der Anzeigentext lauten: „Wir importieren jene Steinzeit-Energietechnologie, die anderswo in Europa kaum noch jemand will.“

Zum Beispiel nach Dörpen, einer kleinen Stadt am nordwestlichsten Rand Niedersachsens: Der Schweizer Konzern BKW Energie AG will hier ein großes Kohlekraftwerk bauen, das trotz aufwändiger Filteranlagen tonnenweise Feinstaub ausstoßen und neben dem Weltklima auch die Dörpener Luft verschmutzen wird – während daheim in der Schweiz deutlich strengere Grenzwerte für Feinstaubimmissionen gelten.

Im nahen Emden plant der dänische Staatskonzern Dong ein 800-Megawatt-Kohlekraftwerk (ein weiteres möchte Dong im vorpommerschen Lubmin errichten) – in Dänemark dagegen gilt schon seit Jahren ein Moratorium für den Neubau konventioneller Kohlegroßkraftwerke. In Stade und Wilhelmshaven schließlich will der belgische Energiekonzern Electrabel drei Kohle-Dinosaurier hochziehen.

Werden alle diese Kraftwerke wirklich gebaut, dann sieht es schlecht aus für die klimaschonende Windenergie, die es in Niedersachsen und vor der Nordseeküste im Überfluss gibt: Dann ist das schon jetzt häufig überlastete Stromnetz übervoll mit Kohlestrom, wie kürzlich eine Untersuchung der Universität Flensburg ergab.

Ihnen kommt die ganze Anzeige vor wie ein Propagandastück der Energiekonzerne? Kein Wunder, wie ein kleiner Vermerk auf der Internetseite der Innovatives Niedersachsen GmbH belegt (der in der Annonce fehlt): Die Anzeige wurde von E.on bezahlt.


Kraftwerk Doerpen: Hocheffizient übertreiben

Montag, den 30. Juni 2008

Das Adjektiv „effizient“ stammt vom lateinischen „efficiens“ ab, und es bedeutet laut Duden einfach nur „bewirkend“. In der Umgangssprache nennt man etwas „effizient“, wenn es wirtschaftlich ist, wenn Aufwand und Nutzen also in einem vorteilhaften Verhältnis stehen. Im niedersächsischen Dörpen hat der Schweizer Energieversorger BKW den Neubau eines Kohlekraftwerkes mit 900 Megawatt Leistung beantragt – dagegen regt sich massiver Widerstand. In der örtlichen Ems-Zeitung schaltete der Investor kürzlich eine großflächige Annonce, darin versprach er:

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Umweltverträglich? Laut Internetseite der Firma BKW soll die Anlage pro Jahr mehr als 4,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. Trotzdem heißt es in der Anzeige weiter, man habe vor,
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Hocheffizient? Das klingt prima. Doch eine Nachfrage beim Investor ergibt, dass der (elektrische) Wirkungsgrad der Anlage bei lediglich 46 Prozent liegen werde – das ist heutzutage bei neuen Kohlekraftwerken schlicht Stand der Technik. Und bedeutet im Klartext, dass weniger als die Hälfte der in der zugeführten Kohle enthaltenen „Primärenergie“ in Strom umgewandelt wird, 54 Prozent verpuffen ungenutzt.

Der BKW-Sprecher räumt zudem ein, dass der Wirkungsgrad durch den Eigenstrombedarf des Kraftwerks (wofür eine Kapazität von 70 MW eingeplant sei) noch sinken könne. Man hoffe aber, dass eine nahegelegene Papierfabrik einen Teil der anfallenden Wärme abnehme – damit seien dann bis zu 55 Prozent Gesamtwirkungsgrad möglich.

Doch ist dies alles andere als sicher. Und die Bezeichnung „hocheffizient“ erscheint selbst dann noch reichlich übertrieben. Zwar ist der Begriff rechtlich nicht geschützt. Aber einen Anhaltspunkt gibt die EU-Richtlinie 2004/8/EG: Laut ihrem Artikel 12 gelten Kraft-Wärme-Erzeugungs-Anlagen als „hocheffizient“, wenn ihr Gesamtwirkungsgrad bei mehr als 70 Prozent liegt. Moderne Gaskraftwerke erreichen dies spielend (sie kommen auf bis zu 90 Prozent), das Doerpener Kohlekraftwerk aber läge weit darunter. „Hocheffizient“ ist das Projekt nicht für den Klimaschutz, sondern die Unternehmensbilanz des Investors.

Danke an Frank R. für den Hinweis