Archiv des Schlagwortes ‘Lichtblick’

Deutsches Atomforum: Flexibel tricksen

Donnerstag, den 23. September 2010

Gerade hat die Bundesregierung die heißesten Träume der Atomlobby verwirklicht, für die längst abgeschriebenen und deshalb hochprofitablen Reaktoren von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW soll es satte Verlängerungen der Laufzeiten geben. Wohl um diesen Erfolg zu feiern, hat das Deutsche Atomforum – etwa im Spiegel - ein weiteres Motiv seiner berühmt-berüchtigten „Klimaschützer-Kampagne“ geschaltet.

Ein paar Windräder sind dort neben einem Reaktor zu sehen, dazu der Spruch: „Kernkraftwerk Unterweser und Windenergie: CO2-Ausstoß = Null“. Diese offenkundige Lüge übergehen wir heute mal (sie wurde bereits hier widerlegt), sondern schauen ins Kleingedruckten der Annonce:

Dies ist ein ziemlich neues Argument der Atomlobby, vor wenigen Jahren noch versuchte sie die Erneuerbaren als Gutmenschen-Spinnerei abzutun. Und weiter:

Komisch, dass Umweltverbände, Wissenschaftler und die Branche der Erneuerbaren Energien das glatte Gegenteil sagen. Erst diese Woche wieder betonte der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung: „Kernkraftwerke können aufgrund ihrer technischen Eigenschaften nur bedingt zum Lastfolgebetrieb eingesetzt werden, können also die schwankende Einspeisung aus erneuerbaren Energien nicht flexibel genug ergänzen.“

Was stimmt denn nun?

Wie so oft bei gekonnter Grünfärberei: Es stimmt beides! Denn in der Tat können Atomkraftwerke ihre Stromproduktion dem Bedarf anpassen, wie es das Atomforum behauptet, die Eignung für diesen sogenannten „Lastfolgebetrieb“ wurde bei der Konstruktion berücksichtigt. Die spannende Frage ist aber, wie stark und wie schnell lassen sich Kernreaktoren hoch- und runterregeln?

Hierzu hat das Institut für Energiewirtschaft (IER) der Universität Stuttgart im Oktober 2009 im Auftrag von Eon eine ausführliche Studie vorgelegt. Detailliert wird darin die Regelbarkeit von Druckwasser- und Siedewasserreaktoren erörtert – mit dem Ergebnis, die Kritik an mangelnder Regelbarkeit sei „aus technisch-betrieblicher Sicht nicht haltbar“. Doch schaut man genau hin, dann bestätigt die Studie (siehe dort Seite 24) sogar, dass Gaskraftwerke schneller und dynamischer regelbar sind als Atomkraftwerke und deshalb besser geeignet sind als Stütze für die stark schwankende Windkraft. Die Reaktoren von Eon & Co. könnten laut Gutachten zwar um 40 bis 80 Prozent gedrosselt werden – wenn dies aber nicht genügt und sie wegen eines reichlichen Angebots von Ökostrom ganz abgeschaltet werden müssen, dann brauchen Atomkraftwerke mehrere Tage, um wieder angeworfen zu werden.

Genau solche Situationen, das hat im Auftrag des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) das Fraunhofer-Instituts IWES in Kassel simuliert, werden bei starkem Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht mehr die Ausnahme sein, sondern die Regel. Schon im Jahr 2020 müssten die deutschen Atomkraftwerke 629-mal vom Netz genommen werden, errechnete die Universität Flensburg in einer Studie im Auftrag des Ökostrom-Anbieters Lichtblick (siehe dort Seite 17).

Die Eon-Auftragsstudie hingegen verneint derartige Probleme. Ihr kategorisches Fazit steht jedoch in gewissem Widerspruch zum Gutachtentext; die dortige Schilderung nämlich (ab Seite 33), wie bei hoher Windkrafteinspeisung doch noch Reaktoren am Netz gehalten werden könnten, klingt reichlich kompliziert und wirkt eher wie ein Beleg für die erwartbaren Schwierigkeiten. Und offenbar funktioniert das Eon-Szenario auch nur dann, wenn Pumpspeicherwerke überschüssigen Strom aus inflexiblen Kohle- und Kernkraftwerke puffern – doch diese Pumpspeicherwerke werden dafür nicht zur Verfügung stehen, in allen offiziellen Energieszenarien sind sie nämlich bereits als Puffer für Windkraftanlagen fest verplant!

Noch weitere Unstimmigkeiten fallen am Eon-Gutachten auf; der wichtigste Punkt ist, wie so oft, eine Rahmenannahme. Die Autoren schreiben (auf Seite 12):

Dies aber sind falsche Zahlen! Die Bundesregierung geht für 2020 schon von 38,6 Prozent Ökostrom-Anteil aus (die Branchenlobby BEE hält gar 47 Prozent für möglich), als Ziel für 2030 nennt die Regierung in ihrem neuen Energiekonzept 50 Prozent. Das Eon-Gutachten geht also von zu niedrigen Ökostrom-Anteilen an, dadurch sind auch die Einspeise-Schwankungen im Netz kleiner – und damit der Regelbedarf der Kernkraftwerke, mithin das Problem, das die Studie eigentlich untersuchen sollte.

Vielleicht sollte man doch eher auf den Sachverständigenrat für Umweltfragen hören – also auf Leute, deren Arbeiten nicht von Eon bezahlt wurden?

P.S.: Kommende Woche schauen wir uns einmal an, welche Behauptungen die Atomlobby vor gut zehn Jahren in ihren Anzeigen aufstellte – und was daraus wurde.


Puma: Ein bisschen Ökostrom

Mittwoch, den 7. Oktober 2009

„Gerecht, ehrlich, positiv, kreativ“ – das ist die Vision des Sportmode-Konzerns Puma, oder auf Englisch:

puma_vision

Ökostrom passt da prima. Und deshalb bezieht das Weltunternehmen aus dem bayerischen Herzogenaurach nun saubere Energie von Lichtblick. Zweifellos ist das eine gute Sache, denn der Treibhausgas-Ausstoß der Firma wird dadurch – heißt es in einer Pressemitteilung – um „jährlich mehrere Tausend Tonnen CO2″ gemindert. Man habe sich bewusst für Lichtblick entschieden, erklärt auf Anfrage eine Puma-Sprecherin, weil dieser ein reiner Ökostrom-Lieferant sei und die Glaubwürdigkeit deshalb besonders hoch.

Grün sind die Turnschuhe, Trikots oder Fußbälle von Puma deshalb aber noch lange nicht. Denn den korrekten Lichtblick-Strom gibt es nur für die Puma-Hauptverwaltung in Herzogenaurach, die Versandzentrale und drei deutsche Puma-Läden. Für die Fabriken aber, in denen der Konzern weltweit seine Produkte fertigen lässt, ändert sich durch den Schritt erst mal nichts. puma_sustainreportZwar kümmert sich Puma durchaus um Arbeits- und Umweltbedingungen in den Produktionsländern (und berichtet auf 122 Hochglanzseiten in seinem Nachhaltigkeitsbericht davon). Zwar habe, betont die Firmensprecherin, ein Lieferant in Indien eine eigene Windkraftanlage, ein anderer in Südafrika arbeite „klimaneutral“. Doch ein Großteil der Fabriken steht in China, und, ja, die produzieren wie dort üblich mit dreckigem Kohlestrom.

Deshalb bleibt ein Beigeschmack: In den Puma-Stores ist die Leuchtreklame künftig ökologisch korrekter als die eigentlichen Produkte.


Lichtblick: Den Mund zu voll genommen

Mittwoch, den 11. Juni 2008

Lichtblick ist hierzulande der größte Ökostrom-Anbieter, seinen mittlerweile mehr als 400.000 Kunden verspricht das Hamburger Unternehmen: „Seit 2003 wird unser Strom vollständig aus regenerativen Energiequellen wie Wasser, Biomasse, Sonnenenergie oder Windkraft erzeugt.“ Vollständig? In der heutigen Financial Times Deutschland ist zu lesen, dass dies nicht stimmt. Seit Dezember 2006 habe Lichtblick mehrmals Strom an der Leipziger Strombörse gekauft, der etwa aus Kohle- und Atomkraftwerken stammt. Die Gesamtmenge im Jahr 2007 soll rund 20 Gigawattstunden betragen haben, etwa zwei Prozent der insgesamt von Lichtblick-Kunden bezogenen Strommenge.

Lichtblick reagierte umgehend mit einer Stellungnahme - aber die lässt Fragen offen. Man könne gar nicht anders, heißt es, als den Strom, der „zur Kompensation von kurzfristig auftretenden Abweichungen zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Verbrauch der Kunden erforderlich“ ist, auf dem „grauen Markt“ einzukaufen – also ohne Grünstrom-Garantie. Und: „Alternativen gibt es nicht.“

Aber auch das ist verkehrt: Die Öko-Konkurrenten EWS Schönau und Greenpeace Energy schaffen – begünstigt durch ihre niedrigeren Kundenzahlen – offenbar sehr wohl, was dem Marktführer nicht gelingt. Sie kaufen auch den sogenannten Ausgleichstrom klimaschonend ein. Das ist zwar teurer. Aber ehrlicher.

P.S.:  Am 14. Juni hat GP Energy in einer detaillierten Stellungnahme zu den Feinheiten des Strommarktes auf die Vermischung von Regel- und Ausgleichstrom in der jüngsten Debatte (die auch uns in der ersten Textfassung unterlaufen war) hingewiesen: Auf ersteren können Ökostrom-Anbieter demnach Einfluss nehmen, auf zweiteren nicht.

Danke an Johannes B. für den Hinweis