Wikipedia: Nicht ganz richtig informieren

Sie wissen nicht, was „Vereinigtes Schleenhain“ ist? Früher hätten Sie bei Bedarf vermutlich zu einem Lexikon gegriffen. Aber dank Wikipedia sind diese Zeiten natürlich längst vorbei. Sie gehen also online und werden schnell fündig. „Vereinigtes Schleenhain“ ist ein Tagebau des Unternehmens MIBRAG in der Leipziger Tieflandsbucht, in dem Braunkohle für das Kraftwerk Lippendorf abgebaggert wird.

Ist das nicht klasse? Fünf Klicks und Sie wissen Bescheid!

Oder vielleicht doch nicht? Im Wikipedia-Eintrag zu „Vereinigtes Schleenhain“ findet sich folgende Passage:

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Scheußliche Formulierung: „Für Devastierung vorgesehene Orte“. Devastierung bedeutet „plattmachen“, „zerstören“, „abbaggern“. Die Orte Pödelwitz und Obertitz sollen also der Kohle zum Opfer fallen?

„Dafür gibt es rechtlich keine Grundlage“, sagt Gerd Lippold, der energiepolitische Sprecher der Bündnisgrünen im Sächsischen Landtag. Gesetzesgrundlage ist einerseits der Braunkohlenplan zum Betrieb des Tagebaus und andererseits das sogenannte Heuersdorf-Gesetz, dass 2004 vom Landtag verabschiedet worden ist.

Das sehen nicht nur die Grünen auf den Oppositionsbänken so, sondern auch die Schwarz-Roten an der Regierung. „Der Tagebau ‚Vereinigtes Schleenhain‘ kann nicht auf im Braunkohleplan nicht ausgewiesene Gebiete ausgedehnt werden“, heißt es etwas umständlich in der Antwort der Sächsischen Staatsregierung auf eine Anfrage der Bündnisgrünen.

Schauen wir also in den gültigen Braunkohlenplan. Die – O-Ton Wikipedia – „für Devastierung vorgesehenen Orte“ sind dort nicht als Abbaugebiet ausgewiesen. Logisch – denn im Gesetzgebungsverfahren waren Pödelwitz, Obertitz und Co als „Schutzgut“ klassifiziert worden: Die Gemeinde Heuersdorf sollte sichtbar das allerletzte abgebaggerte Dorf in Sachsen bleiben; die anderen, angrenzenden Dörfer sollten einen Schutzstatus erhalten. Deshalb 2004 das „Heuersdorf-Gesetz“.

Also ein Fehler der Wikipedia. Vielleicht aus Nachlässigkeit. Oder mit Absicht?

Es wäre nicht das erste Mal. „Inside Wikipedia – Angriff der PR-Industrie“ war 2014 ein Beitrag des ARD-Magazins Monitor überschrieben, der die perfiden Strategien von Lobbyisten und PR-Agenturen zeigt, um Einträge in ihrem Interesse zu verändern und zu beeinflussen. Eine gezielte Desinformation der Wikipedia-Nutzer sei nicht nur eine Gefahr für das Online-Lexikon, sondern eine Gefahr für die demokratische Gesellschaft, so Monitor.

Fest steht in unserem Fall, dass es sich bei dem „Schleenhain“-Eintrag nicht einfach nur um einen Lapsus handelt. Als Quelle der „für Devastierung vorgesehenen Orte“ ist die Leipziger Volkszeitung genannt. Im Text steht allerdings nur, dass der Tagebau-Betreiber MIBRAG die Orte gerne abbaggern möchte – es aber nicht kann, weil dem Konzern dafür die Genehmigungen fehlen.

Die Orte sind also juristisch schlichtweg „für Devastierung nicht vorgesehen“!

Obwohl: Wenn das im Online-Lexikon Wikipedia anders steht und die Leute es lesen und glauben, dann gibt es vielleicht ja doch noch eine Chance für die MIBRAG!?

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.