SpiegelOnline: Audi auf den Leim gegangen

Die Rüstungsspirale aus mehr Komfort, mehr Gewicht und größeren Motoren dreht sich kontinuierlich und seit Jahrzehnten. Im Ergebnis steigt der Benzinverbrauch von Autos, und das Klima leidet. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eine Binsenweisheit unter Autofachleuten.

Leider hindert das SpiegelOnline-Vielschreiber Tom Grünweg nicht daran, der PR-Abteilung von Audi auf den Leim zu gehen. In einem Text auf der Auto-Seite des führenden deutschen Online-Mediums zitiert er vollkommen unkritisch den Entwicklungsvorstand Michael Dick mit der Forderung, die „Gewichtsspirale müsse zurückgedreht werden“. Ja, klar. Doch  irgendwo im Text hätte zumindest erwähnt werden müssen, dass genau bei Audi vor ein paar Jahren aus Profitgier eines der wenigen tatsächlich leichten (und konkurrenzlos sparsamen) Autos beerdigt wurde: Der Audi A2 verbrauchte so wenig wie der 3-Liter-Lupo von VW, war aber viel größer. Verluste hat dieses Pionierauto nicht gemacht - nur eben nicht die hochgesteckten Renditeziele der Audi-Chefetage erreicht. Wer so handelt und jetzt Leichtbau predigt, heuchelt. Und das müsste ein guter Journalist seinen Lesern natürlich in Erinnerung rufen.

Stattdessen lässt sich Grünweg von den PR-Leuten des Ingolstädter Konzerns ein automatisches Bremssystem als Fortschritt im Leichtbau verkaufen – und verkauft es äußerst wohlwollend an seine Leser weiter. Das Kalkül dahiner hat ein geschwätziger Kommunikationsprofi des Volkswagen-Konzerns uns mal beim dritten Bier verraten: „Wenn wir eine aufpreispflichtige Elektronik entwickeln, soll die auf jeden Fall in den wichtigen Medien lanciert werden“, sagte er. Im Moment seien Einpark- und Bremssysteme in Mode. Und wie verkauft man sowas in Zeiten zunehmenden Umweltbewusstseins? Genau. Indem man um viele Ecken denkend einen Zusammenhang konstruiert nach dem Muster: bessere Bremsen = langsamerer Aufprall beim Unfall = geringere Notwendigkeit von Knautschzonen = weniger Gewicht = weniger Verbrauch = niedrigerer CO2-Ausstoß. Ein bisschen weit hergeholt? Egal! Irgendein Journalist wird das schon schlucken.

Wenigstens mit einem einzigen Satz hätte SpiegelOnline-Kollege Grünberg erwähnen müssen, dass das Übergewichtsproblem des Beispielautos – eines 2,5-Tonnen-Straßenpanzers Audi Q7 – nicht durch ein bisschen elektronischen Schnickschnack gelöst wird, erst recht nicht durch ein Hightech-System, das langfristig die Lenksäule ersetzen könnte (ein solches hat Grünberg tatsächlich auch noch in dem Text untergebracht, in dem es eigentlich um Leichtbau hatte gehen sollen). Wie so viele Auto-Magazine hat sich SpiegelOnline hier zum verlängerten Arm einer PR-Abteilung gemacht. Peinlich für die Redaktion. Verheerend fürs Klima.