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Deutsche Post: Ein Trick namens RECS

Donnerstag, den 23. Mai 2013

Die Zeiten, in denen die Deutsche Post noch die Deusche Post war, sind längst vorbei. Heute heißt die Deutsche Post DHL und ist nicht mehr einfach nur der Arbeitgeber für die Postboten, sondern – Eigenwerbung – „der weltweit führende Post- und Logistikkonzern“.

Auch die Zeiten des klimafreundlichen Briefes sind längst vorbei: Statt mit dem Dienstfahrrad kommt Christel heute mit dem Dienstauto, statt der Sortierwaggons der Deutschen Bahn sind heute Lkw und energiehungrige Sortierautomaten im Einsatz. Aber natürlich hat sich das Problem der Erderwärmung auch bis zum weltweit führenden Post- und Logistikkonzern Deutsche Post DHL herumgesprochen. Deshalb schreibt der Vorstandsvorsitzende Frank Appel in seinem Blog:

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Es geht um das Förderprojekt „CO2-freie Zustellung“: Gefördert vom Bundesumweltministerium, hat die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen mit weiteren Partnern ein Elektrofahrzeug entwickelt, das die Post klimafreundlich machen soll – den StreetScooter. Die Post hat nun 79 solcher Elektroautos bestellt, um „bis Jahresende“ am Unternehmenssitz Bonn und in dessen Umgebung die Brief- und Paketzustellung erstmals elektromobil auszuprobieren. In der Pressemitteilung der Post heißt es: „Anschließend sieht das Pilotprojekt vor, bis 2016 die Zahl auf 141 Elektrofahrzeuge zu erhöhen, die dann pro Jahr über 500 Tonnen CO2 einsparen werden.“

Toll! Jetzt geht es also endlich los mit dem Klimaschutz im Verkehrssektor? Scheinbar, zumindest wenn man der AutoBild und Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) Glauben schenken will:

Früher Kutsche, heute Bus: ADAC-Postbus ab November 2013 – Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) sagte, er erhoffe sich von dem Projekt "einen Startschuss für eine breite Innovationswelle in der Logistik insgesamt". Es sei auch ein Signal an die Automobilindustrie. "Auch im Verkehr brauchen wir die Energiewende." Es sei Ziel der Bundesregierung, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen zu bringen. Dieses Ziel gilt aber als ambitioniert. Bisher gibt es nur ein paar Tausend E-Autos auf den Straßen. Die Elektroautos sind vergleichsweise teuer, dies liegt vor allem an der teuren Batterie. – CO2-freier DHL-Transporter StreetScooter: Los geht's im Sommer 2013. Bis 2016 soll die Testflotte 150 Elektroautos umfassen.

„Ich freue mich, dass Bonn hier eine Vorreiterrolle einnimmt“, sagt Jürgen Nimptsch, Oberbürgermeister der Stadt Bonn. Und der Oberbürgermeister zeichnet im Werbefilm der Deutschen Post (am Ende der Pressemeldung) schon mal die globale Dimension auf: „Wenn man das alles mal zusammenrechnet – CO2-freie Zustellung aller Briefe und Pakete durch die Deutsche Post, deutschlandweit oder möglicherweise sogar weltweit –, das wäre ein ganz erklecklicher Beitrag zum Klimawandel.“

Ups, da ist offenbar ein Fehler passiert! Meinte der Herr Oberbürgermeister vielleicht einen ganz erklecklichen Beitrag GEGEN den Klimawandel?

Beitrag ZUM Klimawandel oder GEGEN den Klimawandel – entscheidend für die Antwort ist natürlich die Frage: Woher kommt eigentlich der Strom, den die Post-Flotte tankt? Bekanntlich ist der Nutzen fürs Klima davon abhängig, ob der getankte Strom auch tatsächlich in Grünstromkraftwerken – möglichst neu gebauten – produziert wird. „Wir beziehen unseren Ökostrom von den Stadtwerken Bonn“, erklärt eine Post-Sprecherin. Allerdings gebe es für die 79 Elektrofahrzeuge noch keine konkrete Zahlen – „wie viel Strom die Fahrzeuge benötigen, ist zum Teil auch Inhalt des Pilotprojektes“, so die Sprecherin.

Nicht sehr aufschlussreich, aber vielleicht können die Stadtwerke Bonn – immerhin eines der grünsten kommunalen Elektrizitätsunternehmen in Deutschland – über den Liefervertrag mehr Auskunft geben. Veronika John, Sprecherin der Stadtwerke, bedauert: „Wir geben über Kundenverträge keine Auskunft.“ Das verwirrt jetzt ein bisschen. Schließlich ist in der Unternehmensphilosophie der Spruch von Walter Fisch „Tue Gutes und rede darüber!“ so etwas wie eine Binsenweisheit. Natürlich kennt auch Veronika John den Spruch, weshalb sie dann doch wenigstens ein bisschen mehr sagt: „Die Post bezieht auch schon für ihre Konzernzentrale Strom von uns.“ Einen ähnlichen Vertrag habe auch das UN-Klimasekretariat, das bekanntlich ebenfalls in Bonn sitzt. Und dann sagt die Stadtwerke-Sprecherin: „Es handelt sich um sogenannte RECS-Zertifikate.“

RECS ist die Abkürzung für das Renewable Energy Certificate System, das in Deutschland unter anderem von den Kohlekonzernen Eon, RWE und Vattenfall mitbegründet wurde. Kritiker bezeichnen die Organisation als Greenwashing-Zentrale: Für jede in Skandinavien oder den Alpenländern gewonnene Kilowattstunde Strom bekommt der dortige Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat, das er weiterverkaufen kann. Zahlen die Stadtwerke Bonn dafür etwa 0,05 Cent pro Kilowattsunde, dürfen sie die gleiche Strommenge aus Atom- oder Kohlekraftwerken der Deutschen Post DHL als Ökostrom verkaufen.

„So wird aus konventionellem Strom Ökostrom“, beschreibt Thorsten Kasper, Energieexperte beim Verbraucher­zentrale Bundes­verband (VZBV), den Mechanismus: „Der Nutzen für die Umwelt ist gleich Null. In Skandinavien wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, dass mit den dazugehörigen Zertifikaten die gesamte bundesdeutsche Produktion von Atom- und Kohlestrom für Haushaltskunden zu Ökostrom umetikettiert werden könnte. Dieses System schafft aber keinen Anreiz für den Bau neuer umweltfreundlicher Anlagen. Unterm Strich wird weiterhin so viel konventioneller Strom produziert wie bisher.“

Wie schrieb doch gleich Post-Vorstandschef Fank Appel in seinem Blog:

Mehr Klimaschutz erfordert, ausgetretene Pfade zu verlassen und neuen Ideen Raum zu geben. Einzelne Unternehmen können dazu viel beitragen – und tun es auch.

Die Deutsche Post trägt leider dazu noch nichts bei. Insofern hatte Bonns Oberbürgermeister Recht mit seiner Aussage. Als erklecklichen Beitrag GEGEN den Klimawandel darf das Post-Engagement jedenfalls nicht gewertet werden!


Deutsche Bahn: Öko-Ticket mit altem Eon-Strom

Mittwoch, den 4. November 2009

Endlich mal schöne Schlagzeilen gab es diese Woche für die Deutsche Bahn, endlich mal ging es nicht um Preiserhöhungen, Achsprobleme oder die Nachwehen irgendwelcher internen Affären. Die Süddeutsche Zeitung etwa titelte auf Seite 1:

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Auch SpiegelOnline, focus.de, Hamburger Abendblatt und viele andere Medien berichteten, dass Firmenkunden der Bahn künftig „CO2-freie Bahnreisen“ buchen können. „Wir als Deutsche Bahn wollen gemeinsam mit den Vorreitern unter unseren Großkunden ein Zeichen setzen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den Umweltschutz voranzubringen“, wurde Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg zititert. Firmen wie Deutsche Post, SAP, McDonalds oder BP hätten sich bereits für das Produkt entschieden. Das Prinzip: Für die vertraglich vereinbarten Geschäftsreisen berechnet die Bahn im Voraus den benötigten Strom, dieser werde dann „zu 100 Prozent aus regenerativen Energiequellen“ eingekauft und in das Bahnstromnetz eingespeist. Am Jahresende erhielten die Kunden eine Bescheinigung über die vermiedene CO2-Menge. Für eine Fahrt Berlin-Frankfurt/Main (regulärer Preis: 111 Euro) betrage der Aufschlag 76 Cent.

Keine schlechte Sache. Doch bekanntlich hängt der Nutzen fürs Klima davon ab, woher genau der Ökostrom kommt. Wird er nämlich aus Anlagen bezogen, die seit langem saubere Elektrizität erzeugen, dann ist das neue Angebot ein reiner Verschiebebahnhof: Die Bahn würde Ökostrom kaufen, der bisher ins normale Netz floss – dadurch würde zwar ihr Strommix (bislang vor allem Kohle und Atom) etwas grüner, aber halt der Strommix im restlichen Netz im selben Maße schlechter.

Doch anscheinend hat kein einziger der berichtenden Journalisten am Montag nach der Herkunft des Stroms gefragt. Als nämlich wir diese naheliegende Frage an die Bahn richteten, hieß es lediglich, die Energie stamme aus inländischen Wasserkraftanlagen. Erst heute, zwei Tage später, gab es eine substanziellere Antwort: Der Wasserstrom stamme von Eon.

Nun besitzt der Stromriese tatsächlich eine Menge Wasserkraftwerke, vor allem in Bayern – doch die sind teilweise seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Betrieb. Die saubere Elektrizität für die Bahn, heißt es bei Eon auf Anfrage, komme aus sechs Anlagen an der mittleren Donau, die allesamt aus den sechziger und siebziger Jahren stammen. Im Klartext: Eon verkauft den sauberen Strom, den man ohnehin erzeugt, künftig an die Bahn (vermutlich etwas teurer) – bei Privatkunden tut man das übrigens schon länger.

Der Bahn war dieses Problem offensichtlich bewusst. Dort bemüht man sich durchaus, den klimaschonenden Verkehrsträger Bahn noch grüner zu machen – im Rahmen eines „DB Eco Program“ soll der CO2-Ausstoß bis 2020 um zwanzig Prozent sinken. Weshalb es am Ende der Presseerklärung zum „Öko-Ticket“ dann noch heißt:

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Doch die Details dazu, erklärte Bahnsprecher Andreas Fuhrmann, seien noch offen. Weder habe man entschieden, in welche Neuanlagen investiert werde, noch ob das im Bereich der Bahn geschehe oder gemeinsam mit Partnern (dem Atom- und Kohlekonzern Eon etwa?). Auch sei nicht absehbar, um welche Summen es überhaupt geht. Zehn Prozent der Zusatzeinnahmen, verspricht Fuhrmann, flössen jedenfalls in diesen Neuanlagen-Fonds.

Um bei dem Beispiel zu bleiben, das die Bahn selbst wählte: Ein reguläres „Öko-Ticket“ Berlin-Frankfurt kostet 111,76 Euro – zehn Prozent des Aufschlags wären 7,6 Cent. Bedeutet: Sensationelle 0,07 Prozent des Preises würden tatsächlich in zusätzlichen Klimaschutz investiert. Ganz schön wenig Geld für ganz schön große Schlagzeilen.

Danke an Anja L., Thomas R. und viele andere für die Hinweise

P. S.: In einem umfangreichen Schreiben, das wir hier gern auszugsweise widergeben, hat die Bahn auf unseren Beitrag reagiert. Das Unternehmen betont, der fürs Öko-Ticket eingekaufte Strom werde wirklich „on top“ beschafft, also zusätzlich zur ohnehin geplanten Aufstockung von sauberer Energie am Bahnstrommix. Und weiter: „Bestehende Wasserkraftwerke sind derzeit die einzige zuverlässige Ökostrom-Quelle für die von der DB benötigten Mengen, denn EEG-geförderter Strom muss ins öffentliche Netz eingespeist werden und steht de facto nicht zur Verfügung. Die DB beschafft ihren Wasserstrom auf der Basis viertelstündlicher Bezugs-“Fahrpläne“ aus festgelegten Kraftwerken und nicht über die Strombörse. Der Lieferantenkreis ist grundsätzlich nicht begrenzt, und die DB geht auf Grund der hohen Nachfrage davon aus, dass die zusätzlich durch Umwelt-Plus generierte Nachfrage nach regenerativ erzeugtem Strom mittelfristig zusätzliche Investitionen jenseits des EEG in erneuerbare Energien auslösen wird.“

Bei dem zehnprozentigen „Neuanlagenbonus“ habe sich die Bahn „an mehreren Ökostromversorgern orientiert, bei denen der Investitionsanteil in Neuanlagen ebenfalls bei rund 10 % des Umsatzes liegt. Der Unterschied zwischen DB und einem Stromhändler liegt allerdings darin, dass die wesentlichen Kostenblöcke eines Bahnunternehmens die Infrastrukturkosten, das Personal und die Abschreibungen auf Fahrzeuge und Anlagen sind. Die DB „liefert“ eben eine Reise und nicht nur den Strom dazu. Insofern führt ein Vergleich des scheinbar mickrigen Neuanlagenbonus mit dem Preis für die gesamte Reise etwas in die Irre. Wenn der Bäcker Ökostrom von ‚naturstrom‘ bezieht, ist der Ausbau der regenerativen Energien im Strompreis enthalten. Und deswegen wird man auch vom Bäcker nicht erwarten können, dass er darüber hinaus jeden Tag 10 % des Brotpreises für Windräder oder Photovoltaikanlagen abzweigt.“

Anmerkung der Redaktion: Das „o.k. Power“-Label für empfehlenswerten Ökostrom fordert einen Neuanlagenanteil von 33 Prozent, aber natürlich gibt es auch viele Anbieter mit niedrigerer Quote.